Gesundheit

Wundermittel Rote-Bete-Kapseln? Vorsicht vor diesen Tiktok-Videos

Ein Tiktok-Profil wirbt mit Deepfakes von Ärzten für Rote-Bete-Kapseln. Das Nahrungsergänzungsmittel soll unter anderem Bluthochdruck, Tinnitus und Erektionsstörungen heilen. Doch die Versprechen sind nicht nur haltlos, sie sind auch illegal.

von Kimberly Nicolaus , Paulina Thom

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„Eine kleine Pille“ mit dem Inhaltsstoff Rote Bete würde Erektionsstörungen und kardiologische Erkrankungen heilen, heißt es auf Tiktok. Laut Fachleuten sind diese Versprechen falsch oder irreführend. (Symbolbild: Gemma Ferrando / Westend61 / Picture Alliance)
Behauptung
Rote-Bete-Kapseln könnten den Blutdruck normalisieren, Tinnitus heilen und einen schnellen Samenerguss verhindern.
Bewertung
Falsch. Dass Rote Bete den Blutdruck normalisiere und Tinnitus heile, ist laut Experten medizinisch falsch. Es gibt keine Hinweise, dass Rote Bete einen schnellen Samenerguss verhindern kann.

Wer an einer Herzerkrankung, Tinnitus oder Erektionsstörungen leidet, dem soll laut scheinbaren Ärztinnen und Ärzten in Tiktok-Videos mit einem Wundermittel geholfen sein: Rote-Bete-Kapseln. Auf Tiktok erzielen die Videos hunderttausende Aufrufe.

Doch die Identität der Ärztinnen und Ärzte wurde gestohlen, wie wir hier berichten. Die Videos mit ihren Gesichtern und Stimmen sind sogenannte Deepfakes und die Gesundheitsversprechen darin falsch. Fachleute erklären in diesem Faktencheck, warum die Kapseln nicht das leisten können, was versprochen wird und wieso das sogar schädlich sein kann.

Screenshots der Deepfakes auf Tiktok
Auf Tiktok sieht es so aus, als würden die Ärztin Emilie Strzoda und der Arzt Michael Krüger bei Erektionsstörungen oder Herzerkrankungen Rote-Bete-Kapseln empfehlen – doch die Aufnahmen sind KI-manipuliert. (Quelle: Tiktok / @hhdrtty; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Inhaltsstoff von Roter Bete soll Bluthochdruck, Tinnitus und Erektionsstörungen beheben 

Die KI-Videos der Ärzte sollen der Behauptung Glaubwürdigkeit verleihen: Die Ursache für Bluthochdruck und Tinnitus seien verstopfte Blutgefäße. Diese führten auch zu Erektionsstörungen: Männer seien dann „schon durch wenige Berührungen erregt“, heißt es.

Als Allheilmittel sollen die Kapseln mit Roter Bete dienen. Denn das Nahrungsergänzungsmittel enthalte angeblich „konzentrierte aktive Bestandteile“ der Roten Bete, die den Körper anregen würden, Stickstoffmonoxid zu produzieren. Das löse Blockaden und stelle den Blutfluss wieder her, so das Argument.

Experte: Dass Rote-Bete-Kapseln Blutgefäße reinigen, ist „medizinisch falsch“

Wir haben mehrere Expertinnen und Experten um eine Einordnung der Gesundheitsversprechen gebeten. Carsten Tschöpe, Universitätsprofessor für Kardiologie am Deutschen Herzzentrum der Charité und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie schreibt uns: „Diese Aussagen sind medizinisch falsch“. Es gebe keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Rote-Bete-Kapseln oder vergleichbare Nahrungsergänzungsmittel Gefäße „reinigten“, Atherosklerose, also eine Arterienverkalkung, rückgängig machten oder Herzinfarkte verhinderten.

Zwar sei es richtig, so Tschöpe, dass Rote Bete im Körper zu Stickstoffmonoxid umgewandelt werden könne, doch dadurch sei nur kurzfristig eine minimale Blutdrucksenkung möglich. Das habe keinen belegten Einfluss auf Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Herzrhythmusstörungen.

Ähnlich lautet auf Nachfrage die Einschätzung von Angela Clausen, Expertin für Nahrungsergänzungsmittel bei der Verbraucherzentrale NRW: „Für eine generelle Empfehlung, Rote-Bete-Saft zur Blutdrucksenkung anzuwenden, reichen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht aus.“ Für die Deutsche Herzstiftung erklärte Daniel Dürschmied, Direktor der Medizinischen Klinik am Universitätsklinikum Mannheim, im Hinblick auf die Wirkung von Rote-Bete-Saft, dass bis heute Langzeituntersuchungen fehlen würden.

Stattdessen gehöre zu einer sinnvollen Bluthochdrucktherapie zum Beispiel, den eigenen Lebensstil anzupassen: Also Sport zu treiben oder auf das Rauchen zu verzichten. Auch Zuckerkrankheiten zu behandeln und die Nierenfunktion zu prüfen sei wichtig, so Tschöpe.

Rote-Bete-Kapseln haben keine erwiesene Wirkung bei Erektionsstörungen

Auch bei Erektionsstörungen habe Rote Bete nicht den auf Tiktok versprochenen Effekt, schreibt uns Axel Merseburger, Direktor der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. „Die verbreiteten Aussagen sind aus urologischer und medizinischer Sicht falsch, irreführend und potenziell gesundheitsgefährdend“, so Merseburger.

Es sei aber richtig, dass Stickstoffmonoxid eine zentrale Rolle bei der Regulation der Gefäßweite spiele und sei ein wichtiger Botenstoff für die Entstehung einer Erektion sei. Die Aussage, dass eine schnelle Ejakulation oder eine leichte sexuelle Erregbarkeit mit verstopften Blutgefäßen zusammenhänge, sei aber medizinisch falsch. Der Effekt von Rote Bete sei darüber hinaus mild, individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt und keinesfalls mit einer medikamentösen Therapie gleichzusetzen, so Merseburger.

Das bestätigt uns auch Armin Soave, er leitet am Universitätsklinikum Hamburg die Abteilung Andrologie (Männerheilkunde). Die Behauptung in den Videos, dass man durch die Einnahme von Roter Bete quasi „Sex auf Kommando“ haben könne, bezeichnet Soave als „Quatsch“. Erektionsstörungen hätten viele verschiedene körperliche und psychische Ursachen, Durchblutungsstörungen seien nur eine davon. „Wenn man aber behauptet, dass man ein Heilmittel gegen Erektionsstörungen hat, das bei jedem wirkt, ist das medizinisch einfach nicht fundiert“, sagt Soave.

Ein Screenshot der Kapseln auf Tiktok
So sieht die Verpackung der Rote-Bete-Kapseln der Marke Swiyie aus, die im Tiktok-Account mit falschen Heilsversprechen beworben werden (Quelle: Tiktok / @hhdrtty; Screenshots: CORRECTIV.Faktencheck)

Verbraucherzentrale warnt: Rote-Bete-Kapseln könnten in Abhängigkeit vom Nitratgehalt gesundheitsschädlich sein 

Weiter werden in den Deepfake-Videos Ohrgeräusche, beziehungsweise Tinnitus, pauschal auf eine Erkrankung der Blutgefäße zurückgeführt. Deshalb sollen auch hier angeblich Rote-Bete-Kapseln helfen. Kardiologe Tschöpe ordnet auch diese Behauptung als „medizinisch unseriös“ ein. Zudem sei Tinnitus ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen.

Expertin Clausen von der Verbraucherzentrale warnt zudem: Es gebe Tierstudien, die darauf hindeuteten, dass zu viel Stickstoffmonoxid – also der Stoff, der im Körper aus dem Nitrat in der Roten Bete gebildet werden kann – Tinnitus überhaupt erst verursachen könne. Auch sonst könnten Produkte, wie die Kapseln, abhängig vom Nitratgehalt gesundheitsschädlich sein. Bei Menschen, die bereits Medikamente einnehmen, könne es zudem zu Wechselwirkungen kommen, schreibt Clausen.

Nahrungsergänzungsmittel dürfen nicht mit Krankheitsbezug beworben werden

Abgesehen davon, dass die Gesundheitsversprechen in den Tiktok-Videos falsch sind, sind sie auch illegal. Angela Clausen erklärte uns, dass Nahrungsergänzungsmittel wie die Rote-Bete-Kapseln lediglich Lebensmittel seien und keine Medikamente. Deswegen dürften sie nach EU-Recht (Artikel 7) nicht mit Krankheitsbezug beworben werden. Andere gesundheitsbezogenen Aussagen – also etwa sowas wie „Magnesium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei“ – müssten durch die EU zugelassen werden. Für Rote Bete gibt es keine solchen zugelassenen Aussagen in der entsprechenden Verordnung (ab Seite 4).

Solche Aussagen dürfen weder von Unternehmen selbst, noch von Influencerinnen und Influencern zu Werbezwecken verbreitet werden. In mindestens einem Fall gab es zudem einen direkten Link zu einem Anbieter der Kapseln im Tiktok-Shop. In seinen eigenen Richtlinien untersagt Tiktok den Werbetreibenden, „unrichtige, irreführende oder missverständliche Behauptungen zu Produkten“ zu machen. Die Videos auf Tiktok sind klar als „Werbeinhalt“ markiert.

Im Online-Handel gelten zudem die Vorschriften des Lebensmittelrechts: Bei Nahrungsergänzungsmitteln sind die Hersteller für deren Sicherheit verantwortlich. Für die Lebensmittelüberwachung – darunter fallen auch falsche Gesundheitsversprechen in der Werbung – sind die Bundesländer zuständig. Es gibt zudem eine Zentralstelle für den Internethandel.

Verbraucherzentrale: Kaum Kontrollen bei falschen Gesundheitsversprechen im Netz

Wie kommt es dann, dass solche rechtswidrigen Gesundheitsversprechen trotzdem online kursieren und hunderttausende Aufrufe erzielen?

Die Kontrollen der Länder erfolgen laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) risikoorientiert und stichprobenartig oder nach einem Hinweis. In einem Podcast weist Angela Clausen vom Verbraucherschutz NRW aber darauf hin, dass Kontrollen – wenn überhaupt – oft erst Jahre später stattfänden. Was über das Internet verkauft werde, werde praktisch gar nicht kontrolliert, es sei denn, der Verkäufer habe zufällig ein Ladengeschäft oder eine Produktionsstätte in Deutschland – im Fall der Rote-Bete-Kapseln ist der Verkäufer in Spanien registriert.

Auf Nachfrage, warum solche Werbung trotz Kontrollen online ist, äußerte sich das BVL nicht konkret, wies aber darauf hin, dass primär die Hersteller für die Sicherheit der Produkte verantwortlich seien. Verbraucher könnten zweifelhafte Produkte aus dem Online-Handel bei den Lebensmittelüberwachungsbehörde ihres Wohnortes melden, die sie unter Umständen prüften.

Tiktok gibt an, bestimmte Konten gesperrt zu haben, doch lieferte dazu keine Belege. Auch konkrete Nachfragen dazu, wie Tiktok seine Richtlinien kontrolliert, blieben unbeantwortet. Klar ist jedoch, die Videos wurden nach unserer Anfrage gelöscht. Mehr zur Verantwortung der Plattform und ihrer Reaktion steht in unserem Hintergrund.

Redigatur: Matthias Bau, Sara Pichireddu

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Deutsche Herzstiftung, Senkt Rote Bete-Saft den Blutdruck?, 16.Mai 2025: Link (archiviert)
  • Bundesinstitut für Risikobewertung, Fragen und Antworten zu Nitrat und Nitrit in Lebensmitteln, 11. Juni 2013: Link (archiviert)
  • Lebensmittel-Informationsverordnung der EU, 25. Oktober 2011: Link (PDF, archiviert)
  • EU-Verordnung – Liste zulässiger gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel (Health Claims), 16. Mai 2012: Link (PDF, archiviert)
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