Zitat über öffentliche Meinung als „Hirngespinst“ stammt nicht von Johann Wolfgang von Goethe
Seit Jahren kursiert online ein angebliches Goethe-Zitat, in dem es verschwörerisch heißt: Niemand wisse genau, wer die öffentliche Meinung macht. Der Schriftsteller stand der öffentlichen Meinung zwar skeptisch gegenüber – doch das Zitat passt laut Fachleuten nicht in den Sprachgebrauch der Zeit.
„Aus welchem Werk Goethes soll dieses Zitat stammen“, fragt ein Nutzer unter einem angeblichen Zitat des berühmten deutschen Schriftstellers, das mehr als 11.700 Mal auf Facebook geteilt wurde. Das „mächtigste Hirngespinst“ sei die öffentliche Meinung, von der sich alle „tyrannisieren“ ließen, soll Goethe geschrieben haben. Das vermeintliche Zitat nutzen einige, um Medien als manipulativ oder gar als „Waffe“ darzustellen.
Eine Online-Suche nach dem Zitat führt zwar zu etlichen Webseiten wie „Aphorismen-Archiv“ oder „Gutzitiert“, die das Zitat Goethe zuordnen. Doch wo und wann genau der Schriftsteller die Aussage getroffen haben soll, steht nirgendwo. Das liegt wohl daran, dass sie nicht von Goethe stammt: Im frei zugänglichen Goethe-Wörterbuch der Universität Trier, das fast den gesamten Wortschatz des Schriftstellers umfasst, finden sich zwar die Begriffe „Hirngespinst“ und „Meinung“, aber keine Hinweise auf das Zitat.

Angebliches Goethe-Zitat zur öffentlichen Meinung passt nicht zum damaligen Sprachgebrauch
Der Leiter der Goethe-Gesellschaft in Weimar, Hannes Höfer, schreibt, dass Goethe der öffentlichen Meinung skeptisch gegenüberstand. Das Zitat passe aber in der Formulierung nicht zum Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts, es klinge eher nach der Sprache des 20. Jahrhunderts. In der digitalen Version der Weimarer Ausgabe, die jedes Wort der literarischen und wissenschaftlichen Werke Goethes, seiner Tagebücher und seiner Briefe enthält, fand er die Formulierung nicht – die Datenbank ist über Uni- und Forschungsbibliotheken einsehbar.
Laut Yvonne Pietsch, Projektleiterin der historisch-kritischen Edition von Goethes Briefen bei der Klassik Stiftung Weimar, stammt das Zitat nicht von Goethe. Gerade die Passage „Niemand weiß genau, wer sie macht“ sei untypisch für den goetheschen Sprachgebrauch. Je allgemeingültiger ein Zitat sei, desto unwahrscheinlicher sei es, dass es sich um ein originäres Zitat Goethes handelt.
Erst prüfen, dann teilen – online verbreiten sich gefälschte Zitate rasant
Fake-Zitate bekannter Personen gibt es im Internet zuhauf – sie werden oft als Textkachel mit einem Bild des vermeintlichen Autoren oder der Autorin verbreitet. Goethe wird dabei häufiger zur Projektionsfläche, wie mehrere Faktenchecks der DPA oder ein Text von Zitatforscher Gerald Krieghofer zeigen.
Krieghofer, der inzwischen verstorben ist, sagte in einem Interview mit der Wiener Zeitung Die Presse: „Jedes zweite wirklich populäre Zitat ist entstellt oder falsch.“ Es habe immer schon falsch zugeschriebene und entstellte Zitate gegeben, doch durch Social Media und Online-Zitatsammlungen habe sich das „unglaublich beschleunigt“.
Solche Zitate werden oft ohne böse Absicht verbreitet, sondern als Lebensweisheit oder Gesellschaftskritik, doch manchmal werden sie auch für gezielte Stimmungsmache genutzt oder politisch instrumentalisiert. Hier erklären wir, wie Sie Fake-Zitaten auf die Schliche kommen.
Redigatur: Paulina Thom, Matthias Bau