Gerüchtekiller #9: Erkältet man sich, wenn es kalt ist?
Sich warm anzuziehen, wenn es draußen kalt ist, ist selbstverständlich. Bekanntlich steigt in Herbst und Winter ja die Gefahr einer Erkältung. Aber verursacht Kälte wirklich Erkältungen?
In unserer Rubrik „Gerüchtekiller“ gehen wir hartnäckigem Halbwissen und nicht totzukriegenden Gerüchten nach. Das hier ist Nummer 9.
Wenn die Nase läuft und der Hals kratzt, ist es draußen oft kalt. Die „Kälte“ steckt sogar im Namen der Krankheit. Der Verdacht liegt also nahe, dass Kälte Erkältungen verursacht. Aber stimmt das überhaupt?
Nicht ganz. Die Kälte in Herbst und Winter verursacht keine Erkältungen, jedenfalls nicht allein. Aber die kalte Luft begünstigt mehrere Faktoren, die wiederum Erkältungen begünstigen.
Kälte allein macht noch keine Erkältung
Grundsätzlich gilt: Die Symptome einer Erkältung werden nicht durch Kälte an sich verursacht, sondern durch Kontakt mit entsprechenden Krankheitserregern wie etwa Rhino-, Corona- oder Influenzaviren.
Allerdings ist es so, dass im Winter unsere Körpertemperatur sinkt, wenn wir nicht warm genug angezogen sind. Uns ist kalt, wir frieren. Das führt unter anderem dazu, dass das vegetative Nervensystem die Durchblutung umstellt. Die weißen Blutkörperchen, die wichtig für unser Immunsystem sind, kommen dadurch nicht so schnell zu den Schleimhäuten in der Nase, wo sie eindringende Viren und Bakterien bekämpfen sollen.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 zeigte auch: Bei Kälte produziert unser Körper weniger sogenannte extrazelluläre Vesikel. Das sind Partikel, die von Körperzellen freigesetzt werden können und Botenstoffe transportieren. In der Nase freigesetzt, fungieren sie für Krankheitserreger als eine Art Attrappe und ziehen sie so aus dem Verkehr, weil sich das Virus an ihnen festsetzt. Bei Kälte werden jedoch weniger extrazelluläre Vesikel freigesetzt. Die Kälte im Herbst und Winter reduziert also die Effizienz unseres Immunsystems.
Im Winter ist nicht Kälte das Problem, sondern trockene Luft
Eine andere Folge des kalten Winterwetters: Wir heizen unsere Wohnungen. Heizungsluft ist aber sehr trocken. Und einige Viren sind bei trockener Luft besser überlebensfähig, wie es etwa in einer Literaturstudie (PDF, Download) der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) heißt.
Bei eher feuchter Luft werden einer Untersuchung von 2007 zufolge Staub und darin befindliche Erreger zudem in größere Wassertröpfchen gebunden, die schneller zu Boden sinken als kleine Tröpfchen. Das höhere Volumen der Tröpfchen bei feuchter Luft erschwert auch, dass Krankheitserreger überhaupt erst in den Atemtrakt gelangen. Auch der Verbraucherservice Bayern rät zu einer angemessenen Luftfeuchtigkeit, um Stäube schneller zu binden.
Laut der Studie von 2023 fangen unsere Schleimhäute, unter anderem in der Nase, an, auszutrocknen, wenn die Luftfeuchtigkeit zu weit abfällt. In der feuchten Schleimhaut würden sich Viren und Bakterien verfangen. Ist diese physische Barriere durchlässig, könnten Krankheitserreger leichter in den Körper eindringen. Die Literaturstudie der BAUA fand zur Austrocknung der Schleimhäute bei niedriger Luftfeuchtigkeit allerdings „keine bzw. keine gesicherten Effekte“.
Was tun bei trockener Raumluft?
Auch Bernhard Junge-Hülsing, Vorsitzender des bayerischen Berufsverbands der HNO-Ärzte, schrieb uns, dass die Luftfeuchtigkeit wichtig bei der Vermeidung von Erkältungen sei. In Innenräumen sollte sie idealerweise zwischen 50 und 70 Prozent liegen, so der Starnberger HNO-Arzt. Gewöhnlich können wir die Luftfeuchtigkeit in einem Raum einfach erhöhen, indem einmal durchgelüftet wird, aber im Winter ist die Luft draußen ebenfalls trocken, weil kalte Luft kaum Feuchtigkeit enthält.
Es gibt einen sehr einfachen Indikator dafür, ob die Raumluft zu trocken ist: Elektrostatische Aufladungen. Knistert beim Ausziehen der Pullover, ist die Luftfeuchtigkeit vermutlich zu gering und sollte erhöht werden. Und dann? Junge-Hülsing empfiehlt ein einfaches Hilfsmittel: „Befeuchtung, zum Beispiel mit Wasser befüllten Blumenuntersetzern“.
Redigatur: Matthias Bau, Gabriele Scherndl