Gerüchtekiller

Gerüchtekiller #12: Schläft man bei Vollmond schlechter?

In Erzählungen zum Vollmond heißt es, er hätte negative Auswirkungen auf den Schlaf. Für alle Menschen, denen es vor dem Vollmond graut, haben wir nachgeforscht: Schläft man erwiesenermaßen schlechter in Vollmond-Nächten?

von Laura Seime

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Der Vollmond ist ein eindrückliches Naturspektakel, um das sich viele Mythen ranken (Foto: Pixifant / Pixabay)

In unserer Rubrik „Gerüchtekiller“ gehen wir hartnäckigem Halbwissen und nicht totzukriegenden Gerüchten nach. Das hier ist Nummer 12.

Vollmondnächte haben zwar noch keinen Menschen zum Werwolf werden lassen, doch viele fragen sich, ob der Mond ihren Schlaf negativ beeinflusst. Wir haben uns angeschaut, ob das stimmt.

Forschung kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen was Einfluss des Vollmondes angeht

Offensichtlich sind Vollmondnächte heller als andere Nächte. Fehlen dem Schlafzimmer Vorhänge oder Rollläden, könnte es sein, dass diese hellen Nächte die innere Uhr des Körpers durcheinanderbringen und den Melatoninspiegel senken. Das Hormon regelt den Schlaf-Wach-Rhythmus: Bei Dunkelheit steigt die Konzentration im Blut, Licht dagegen hemmt die Bildung des Melatonins.

Melatonin spielte auch in einer Untersuchung aus dem Jahr 2013 der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel eine wichtige Rolle. Das Team um den Chronobiologe Christian Cajoche wertete Daten von 33 Testpersonen, die zuvor für eine andere Studie erhoben worden waren, erneut mit Blick auf die Mondphasen aus. Dabei stellten sie einen verminderten Melatonin-Spiegel in Vollmondnächten fest. Zudem maßen die Forschenden in Vollmondnächten in den Hirnströmen der Probandinnen und Probanden 30 Prozent weniger Deltawellen, die als Anzeichen für Tiefschlaf gelten.

Alle Teilnehmenden der Studie schliefen in einem Raum ohne Einfluss von Mondlicht und einer Temperatur von 21 Grad Celsius. Sie bekamen keine Hinweise auf die Uhrzeit oder die aktuelle Mondphase. Trotzdem schliefen die Teilnehmenden in den Nächten vor und nach einem Vollmond im Schnitt 20 Minuten weniger und brauchten fünf Minuten länger zum Einschlafen. Auch die Probanden selbst bewerteten ihren Schlaf in diesen Nächten als schlechter.

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„Dies ist der erste zuverlässige Beleg dafür, dass ein Mondrhythmus die Schlafstruktur beim Menschen modulieren kann“, schrieben die Basler Forscher damals in ihrer Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Current Biology. Im Interview mit dem Deutschlandfunk räumte Cajochen jedoch ein, dass die Versuchspersonen nicht über einen ganzen Mondzyklus hinweg beobachtet wurden. Aus der Studie lassen sich also nur begrenzt Schlüsse ziehen.

Nicht veröffentlichte Studien sehen keinen Zusammenhang zwischen Schlaf und Vollmond

Im Jahr 2014 versuchten Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München die Studie von Cajoche und seinem Team mit eigenen, umfangreicheren Daten nachzubilden. Dazu werteten sie bereits vorhandene Schlafdaten von 1.265 Probanden aus 2.097 Nächten aus. Sie fanden jedoch keine Anhaltspunkte für einen Einfluss des Vollmondes auf den Schlaf.

Stattdessen schreiben die Forschenden, dass es drei weitere Studien gebe, die ebenfalls ältere Daten mit Blick auf die Mondphasen analysierten und keine Effekte feststellen konnten. Allerdings seien diese nie als Fachaufsätze veröffentlicht worden; laut den Studien-Autoren ein Fall des sogenannten „File-Drawer-Problems“. Damit ist gemeint, dass Studien, die keine Zusammenhänge belegen oder sogar negative Ergebnisse haben, tendenziell weniger wahrscheinlich veröffentlicht werden. Dadurch entstehe eine verzerrte Wahrnehmung der Ergebnisse.

Auch die Faktencheck-Plattform Medizin Transparent untersuchte 2018 mehrere zu dem Thema veröffentlichte Analysen und kam zu dem Ergebnis, dass die bisherigen Daten keinen Zusammenhang zwischen Schlafproblemen und Mondphasen zeigten und man die Auswirkungen des Mondes nicht wirklich aus Daten ablesen konnte, weil viele Studien nur den Schlaf während einer einzigen Nacht untersuchten.

Schlafen auf dem Dorf oder in der Großstadt: Macht sich der Mond bei allen bemerkbar?

Eine Schlafstudie, bei der die Forschenden einen längeren Betrachtungszeitraum wählten, veröffentlichten Leandro Casiraghi und sein Team von der University of Washington im Jahr 2021. Sie untersuchten explizit das Schlafverhalten in Bezug auf die Mondphasen und beobachteten dafür vier verschiedene Gruppen an unterschiedlichen Orten über zwei Mondzyklen hinweg.

Bei den Probanden handelte es sich um 98 indigene Einwohner dreier argentinischer Dörfer mit gar keinem, wenig oder durchgängigem Zugang zu Elektrizität, sowie 464 Studierende in der Großstadt Seattle. Der Studienaufbau sollte den Effekt des künstlichen Lichts in Städten berücksichtigen und die These prüfen, dass Gemeinschaften ohne Zugang zu Elektrizität – und damit einer stärkeren Abhängigkeit von Mondlicht – in mondhellen Nächten eine erhöhte nächtliche Aktivität und verringerten Schlaf aufweisen würden.

Im Ergebnis konnte trotz der unterschiedlichen Lebensbedingungen bei allen Gruppen die gleiche periodische Schwankung im Schlafverhalten festgestellt werden. Konkret schliefen die Teilnehmenden in den drei bis fünf Tagen vor Vollmond 30 bis 80 Minuten später ein und 20 bis 90 Minuten weniger als gewöhnlich.

Woran könnten Schlafprobleme bei Vollmond liegen?

Schlafforscher Cajochen mutmaßt zudem, es könne einen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und einer inneren Uhr des Menschen geben. Der wechselhafte Lichteinfluss könnte wichtig sein, um die menschliche biologische Uhr auf einen Monatszyklus zu synchronisieren, sagte er der Fachzeitschrift Science. Die innere Uhr sei in der Lage, ohne Lichtreize weiterzulaufen. Dass es solche Mechanismen gibt, sei aus dem Tierreich zum Beispiel durch Mondzyklen-abhängiges Paarungsverhalten belegt.

Die Wissenschaftler aus Washington vermuten, dass eine evolutionäre Anpassung hinter der Mondfühligkeit stecken könnte. Bei hellem Vollmondlicht hätte man zum Beispiel länger auf die Jagd gehen oder an sozialen Aktivitäten teilnehmen können.

Leandro Casiraghi brachte darüber hinaus 2026 einen weiteren Einflussfaktor in einem Preprint ins Spiel. Das ist eine Studie, die noch vor der Prüfung durch andere Fachleute veröffentlicht wurde. In der Studie untersuchen die Forschenden den Zusammenhang des Schlafes mit der Gravitationskraft des Mondes. In Messungen stellten sie bei Menschen und Springaffen fest, dass sich der Schlafbeginn in Phasen maximaler Gravitationsschwankungen zu Vollmond und Neumond durchgehend verzögert.

Die Mondgravitation könnte also ein Faktor für das Schlaf-Wach-Verhalten sein. Das könne erklären, weshalb die Wirkung des Vollmondes trotz allgegenwärtigen Kunstlichts nachweisbar sei, schreiben die Forschenden. Zuvor wurde der Gravitationseffekt von Schlafforschenden wie Cajochen als nicht ausschlaggebend betrachtet, da die Wassermenge im menschlichen Körper als zu gering galt.

Doch für den vermeintlich schlechteren Schlaf haben Schlafforschende, wie die Psychiaterin Kneginja Richter an der Curamed Tagesklinik Nürnberg auch naheliegendere Erklärungen: Im Sinne der selbsterfüllenden Prophezeiung liege man gegebenenfalls bei Vollmond wach, weil man darüber nachdenkt, ob der Vollmond einen wach halten könnte.

Verhaltensänderungen können bei Schlafproblemen helfen

Wer nicht darauf warten möchte, dass die Schlafforschung zu eindeutigen Ergebnissen kommt, kann sich bereit vorher mit ein paar simplen Tricks behelfen. So empfehlen Ärzte, das Schlafzimmer abzudunkeln, einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus zu finden und immer die gleiche Anzahl an Stunden zu schlafen.

Zudem solle auf Koffein, Nikotin, Alkohol und vor dem Zubettgehen auf den Handybildschirm verzichtet werden. Wer unter chronischen Schlafstörungen leidet, kann sich allerdings ärztliche Hilfe suchen, etwa in Form einer Verhaltenstherapie, wie Psychiaterin Kneginja Richter im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck empfiehlt. Ihr wird öfter von Beschwerden rund um den Vollmond berichtet. Für eine Therapie müsse die Schlafstörung aber länger als drei Monate und an mehr als drei Nächten in der Woche bestehen.

Fazit: Bisher konnten Forschende keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Mondphase und der Schlafqualität feststellen. Teils widersprechen sich Studienergebnisse sogar.

Intensives Nachdenken darüber, ob der Vollmond einen wach hält, ist der Nachtruhe aber definitiv abträglich. Wenn der strahlende Mond also das nächste Mal einnehmend am Himmel steht, lässt sich der Anblick ruhigen Gemüts genießen. Vielleicht fallen darüber ja auch schon von ganz alleine die Augen zu.

Redigatur: Steffen Kutzner, Matthias Bau