Ein vermutlich KI-generiertes Bild, eine angebliche Statistik und die Frage, ob „Multikulti“ wirklich eine Stärke sei: In einem Facebook-Beitrag vom 11. Juni wird behauptet, in Berlin würden mehr Straftaten verübt, als in ganz Polen. Schuld daran sei der hohe Anteil von Migrantinnen und Migranten. Im Jahr 2023 sollen in Berlin mehr als 536.000, in ganz Polen dagegen nur 466.000 registrierte Straftaten begangen worden sein, behauptet der Autor des Beitrags.
Die dafür herangezogenen Polizeistatistiken sind allerdings überhaupt nicht vergleichbar. Wir zeigen, welcher Kontext fehlt.
Zahlen für Berlin umfassen auch Betrugsfälle
Auf Seite vier des Kurzberichts der Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für Berlin steht in der Tat die Zahl 536.697. So viele Straftaten sind 2023 von der Polizei erfasst, bearbeitet und an die Staatsanwaltschaft übergeben worden.
In der PKS abgebildet werden alle Straftaten, die in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fallen. Es fehlen also beispielsweise Staatsschutzdelikte, Verstöße gegen Landesgesetze und Vergehen wie Steuerhinterziehung. Enthalten sind dagegen Betrugsfälle: Knapp 70.000 Fälle wurden von der Berliner Polizei erfasst, Vermögens- und Fälschungsdelikte machten mehr als 15 Prozent der Gesamtkriminalität aus.
Wieso genau diese Delikte für die Überprüfung der Behauptung relevant sind, zeigen wir im Folgenden.
berlin.de/polizeiliche-kriminalstatistik
berlin.de/pks-kurzbericht-2023
bka.de/polizeiliche-kriminalstatistik-2023
Zahlen für Polen beinhalten keine wirtschaftlichen Vergehen
Die polnischen Behörden veröffentlichen wie ihre deutschen Kollegen jährliche Übersichten der „Straftaten, die von der Polizei im Rahmen abgeschlossener Ermittlungsverfahren festgestellt wurden“. Wie das polnische Statistikamt auf Anfrage bestätigte, wurden für 2023 insgesamt 792.014 Straftaten registriert.
Diese Zahl wird dann weiter differenziert in „criminal offenses“, also Straftaten, und „economic offenses“, etwa wirtschaftliche Vergehen. In die erste Kategorie fallen Taten wie Körperverletzung, Mord, und Diebstahl, davon werden in der Statistik 466.241 genannt. Auf diese Zahl nimmt der Facebook-Beitrag offenbar Bezug.
Dazu kommen aber noch zum Beispiel Fälschungen und Betrug, die als „economic offenses“ erfasst werden. 225.979 Fälle aus dieser Kategorie erfasste die Polizei laut der Statistik. Neben Fälschungen gehören auch Korruptionsdelikte, Straftaten im Zusammenhang mit Versicherungen und mit Medien, sowie „internet crimes“ in die Kategorie. Vergleichbar ist letzteres mit dem Straftatbestand „Cybercrime“, der ebenfalls in der deutschen PKS mitgezählt wird.
Der Vergleich ist also offensichtlich irreführend: Die Statistiken zählen unterschiedliche Gruppen von Straftaten.
bdl.stat.gov.pl
bdl.stat.gov.pl (Download)
bka.de/cybercrime
Internationale Vergleiche bei Straftaten häufig fehlerhaft
Auch was genau als Straftat gilt, ist zwischen Berlin beziehungsweise Deutschland und Polen unterschiedlich. Bereits im November 2025 kursierten irreführende Vergleiche, in Deutschland gäbe es viel mehr sexuelle Übergriffe.
Bis 2025 war in Polen beispielsweise das Fehlen einer Einwilligung für eine sexuelle Handlung kein Strafgrund, es musste eine Gewaltanwendung bewiesen werden. In Deutschland wurde eine entsprechende Regelung bereits 2016 durchgesetzt. Was Opfer von sexualisierter Gewalt im Falle eines Verfahrens beweisen müssten oder nicht, beeinflusst auch das Anzeigeverhalten der Betroffenen. Bei Sexualstraftaten gehen Expertinnen und Experten grundsätzlich von hohen Dunkelziffern aus.
Gleichzeitig mit dem oben genannten Facebook-Beitrag kursieren auch andere, die Zahlen für 2024 zitieren. Auch wenn die genannten Daten abweichen, bleibt das Problem der Vergleichbarkeit: Deutsche und polnische Kriminalitätsstatistiken funktionieren nicht identisch, auf ihrer Grundlage kann man keine Aussage darüber treffen, ob Berlin oder Polen „krimineller“ sei.
archive.ph
dpa-factchecking.com
criminallawpoland.com
web.archive.org/bundestag.de
web.archive.com/report24.news
web.archive.org/freiewelt.net
Angaben zu Ausländeranteil ebenfalls fehlerhaft
In der Behauptung werden neben den Fallzahlen von Straftaten auch Ausländeranteile verglichen. Berlin hatte zum Stichtag 31.12.2023 tatsächlich einen Einwohneranteil von etwa 25 Prozent mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit.
Polens Ausländeranteil liegt aber nicht wie behauptet bei etwa zwei Prozent. Polen veröffentlicht regelmäßig eine Migrationsstatistik und bildet darin unter anderem die Zahl der Ausländer ab, die sich legal im Land aufhalten. Daraus geht hervor, dass allein diese Gruppe etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht: knapp 1,9 Millionen Ausländer bei einer Bevölkerung von etwa 37 Millionen.
Laut Statistischem Bundesamt lebten 2023 knapp 13,9 Millionen Ausländer in Deutschland. Bei einer Bevölkerung von insgesamt 84,7 Millionen Menschen entspricht das einem Anteil von etwa 16 Prozent.
ec.europa.eu
gov.pl
destatis.de/migration
destatis.de/bevölkerung
Auch Unschuldige tauchen in der Kriminalstatistik auf
Zur (deutschen) polizeilichen Kriminalstatistik gibt es immer wieder Desinformation und Missverständnisse. Obwohl die Fälle von der Polizei „abgegeben“ werden, bedeutet das nicht, dass die als tatverdächtig beschriebenen Personen tatsächlich schuldig sind. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden 2024 rund 60 Prozent der Ermittlungsverfahren eingestellt. Das heißt: In sechs von zehn Fällen kommt es gar nicht erst zu einem Prozess. Mit der PKS lässt sich kein zuverlässiges Bild der Kriminalität in einem Land zeichnen, besonders nicht, wenn man eine einzelne deutsche Stadt mit einem ganzen Land vergleicht.
Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Sara Pichireddu; Redigatur: Steffen Kutzner, Gabriele Scherndl