Politik

Verkürztes Zitat verkehrt Aussage von Polizeipräsident ins Gegenteil

Wuppertals Polizeipräsident Markus Röhrl soll laut einem Video empfohlen haben, zum Schutz vor Anschlägen zu Hause zu bleiben. Das Gegenteil ist der Fall.

von Viktor Marinov

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Wuppertals Polizeipräsident Markus Röhrl bei einer Pressekonferenz nach dem Anschlag in Solingen im Jahr 2024 (Quelle: Jens Krick / Flashpic / Picture Alliance)
Behauptung
Die Polizei stelle klar: Wer im öffentlichen Raum abgestochen werde, trage selbst die Schuld daran. Das belege folgendes Zitat von Wuppertals Polizeipräsidenten Markus Röhrl: „Und insofern muss jeder auch mit sich auch das klarmachen und ausmachen, ob er beispielsweise zu Festivitäten geht, ob er zu Fußballspielen geht, ob er im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist.“
Einordnung
Der Ausschnitt lässt einen entscheidenden Teil von Markus Röhrls Aussage weg und entstellt so den Sinn des Zitats. Tatsächlich sagte der Polizeipräsident, dass Großstädte in Deutschland grundsätzlich sicher sind und er niemandem empfehlen könne, sich zu Hause einzuschließen. Von einer Mitschuld der Opfer sprach er nicht.

In Sozialen Netzwerken verbreitet sich ein verkürzter Ausschnitt aus einer Aussage von Markus Röhrl, dem Polizeipräsidenten von Wuppertal. In dem zehnsekündigen Ausschnitt sagt Röhrl: „Und insofern muss jeder, auch mit sich das klarmachen und ausmachen, ob er beispielsweise zu Festivitäten geht, ob…“ An dieser Stelle bricht das Zitat ab.

Die Beiträge liefern auch eine Interpretation des Zitats. Überschrieben sind sie mit dem Text: „Polizei stellt klar: Wer im öffentlichen Raum abgestochen wird, trägt selbst die Schuld dran!“ Auf Tiktok und Youtube sammeln Beiträge mit dieser Interpretation hunderttausende Aufrufe.

web.archive.org/behauptung-tiktok


Zitat stammt aus einer Pressekonferenz im Jahr 2024

Mit einer Stichwortsuche finden wir die vollständige Pressekonferenz, aus der das Zitat stammt. Sie fand am 24. August 2024 statt; am Tag davor hatte ein 26-jähriger Mann in Solingen beim „Festival der Vielfalt“ mit einem Messer drei Menschen getötet und acht weitere schwer verletzt. Die Terrororganisation „Islamischer Staat“ reklamierte später die Tat für sich. Mehrere Medien, unter anderem Euronews und Phoenix, übertrugen die Pressekonferenz live.

de.euronews.com/pressekonferenz
youtube.com/pressekonferenz 


Röhrl sagt, er könne niemandem empfehlen, sich zu Hause einzuschließen

Die entscheidende Passage beginnt bei Minute 34:30. Eine Journalistin fragt, ob es stimme, dass man sich laut Polizei in Solingen in der Innenstadt nun vorsichtig verhalten solle. Darauf antwortet Röhrl zunächst, dass der Anschlag eine schreckliche Tat sei, aber eine Einzeltat bleibe. 

Danach kommt folgendes Zitat: „Und insofern muss jeder auch mit sich das klarmachen und ausmachen, ob er beispielsweise zu Festivitäten geht, ob er zu Fußball spielen geht, ob er im öffentlichen Personnahverkehr unterwegs ist. Aber die Konsequenz, wenn man zu all dem Nein sagen würde, wäre ja die, dass man sich zu Hause einschließen müsste. Das können wir natürlich überhaupt keinem empfehlen. Ganz im Gegenteil. Umso belebter unsere Straßen, unsere Städte sind, umso sicherer vom Grundsatz her sind auch unsere Städte. Und unsere Städte sind vom Grundsatz her sicher.“

Daraus wird deutlich: Der verkürzte Ausschnitt verdreht die Aussage von Röhrl. Er sagte nicht, dass man zu Hause bleiben müsse oder selbst die Schuld daran trage, wenn einem etwas passiert. Im Gegenteil: Er riet ausdrücklich davon ab, sich aus Angst zu Hause einzuschließen.

youtube.com/pressekonferenz


Das irreführende Röhrl-Zitat verbreitete sich schon 2024

Bereits 2024 verbreitete sich das verkürzte Zitat von Markus Röhrl online. Dazu veröffentlichten CORRECTIV.Faktencheck und weitere Redaktionen Texte, die das Zitat klarstellen.

correctiv.org/zitat-2024
tagesschau.de/solingen-fakes 


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Caroline Lindekamp, Gabriele Scherndl