Faktencheck

Müll über Bord: KI-Video zeigt erfundene Szene, echte Verstöße sind belegt

Ein Video in Sozialen Netzwerken soll zeigen, wie ein großes Schiff Unmengen Müll ins offene Meer kippt. Die Aufnahme ist KI-generiert. Doch die illegale Entsorgung von Abfällen durch Schiffe ist ein reales Problem.

von Nadia Westerwald

Auf Facebook und Tiktok kursiert ein Video von einem Schiff, das Müll ablädt. Doch der Vergleich mit echten Bildern wie hier zeigt, dass die Konstruktion im Video untypisch ist. (Symbolbild: Imaginechina / Sipa USA / Zoonar)
Auf Facebook und Tiktok kursiert ein Video von einem Schiff, das Müll ablädt. Doch der Vergleich mit echten Bildern wie hier zeigt, dass die Konstruktion im Video untypisch ist. (Symbolbild: Imaginechina / Sipa USA / Zoonar)
Behauptung
Ein Video zeige ein Schiff, das Müll ins offene Meer kippe
Einordnung
Das Video ist KI-generiert. Die gezeigte Szene ist nicht als realer Vorfall belegt, doch illegale Müllentsorgung durch Schiffe gibt es tatsächlich.

In sozialen Netzwerken kursiert ein Video, das Meeresverschmutzung zeigen soll. Ein großes blau-rotes Schiff fährt über das offene Meer. Aus einer Öffnung am Heck stürzt offenbar Müll in großen Mengen direkt ins Wasser. Über dem Video steht: „An alle Klimakleber in Deutschland, das ist die Wirklichkeit“, dazu ein Mittelfinger-Emoji. Auf Tiktok heißt es in der Beschreibung: „Ja, ihr Klimatraumtänzer… so sieht die Realität aus.“

perma.cc/ursprung1
perma.cc/ursprung2 


Video ist auf Tiktok mit KI-Hinweis versehen

Die Suche nach dem Ursprung der Aufnahme führt zu einem Beitrag auf Tiktok. Dort ist das Video als KI-generiert markiert. Tiktok erklärt auf seiner Webseite, dass solche Markierungen entweder vom Ersteller hinzugefügt oder automatisch vergeben werden. Sie bedeutet laut der Plattform, dass Inhalte entweder vollständig durch künstliche Intelligenz erstellt oder erheblich mit ihrer Hilfe bearbeitet wurden.

Dieses Video behauptet, Schiffe würden große Mengen Müll über eine Klappe im Heck im Meer entsorgen. Auf Tiktok hat es einen KI-Hinweis. (Quelle: Tiktok; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).
Dieses Video behauptet, Schiffe würden große Mengen Müll über eine Klappe im Heck im Meer entsorgen. Auf Tiktok hat es einen KI-Hinweis. (Quelle: Tiktok; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).

Auch die Konstruktion des dargestellten Schiffs wirft Fragen auf. Seine blau-rote Farbgebung erinnert an einen Öltanker oder ein großes Frachtschiff. Ein Bildvergleich zeigt jedoch, dass Öltanker und Containerschiffe normalerweise nicht solche Öffnungen im Heck haben. Tatsächlich gibt es Frachtschiffe mit großen Heckrampen, etwa sogenannte Roll-on/Roll-off-Schiffe (RoRo), die Autos, Lastwagen und andere Fahrzeuge transportieren. So eine Rampe ist im Video, das in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, nicht zu sehen.

Auffällig ist auch die schlechte Qualität des Videos. Durch die geringe Auflösung sind entscheidende Details wie der Schiffsname nicht erkennbar. Verbreiter von KI-Videos nutzen oft verschwommene Aufnahmen als Verschleierungstaktik – dadurch sind Fehler weniger sichtbar.
Auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck, woher das Video stammt und wie die KI-Kennzeichnung zustande kam, antwortete der Verbreiter bis zur Veröffentlichung nicht.

perma.cc/ursprung2
bildarchiv-hamburg.com/containerfrachter
dreamstime.com/tanker
logos3pl.com/roro
newsroom.tiktok.com/ki-hinweise
rd.com/ki-merkmale


Reedereien werden immer wieder wegen Umweltdelikten verurteilt

Dass Schiffe illegal Müll ins Meer kippen, ist gut belegt. Ein aktueller Fall ereignete sich laut der Bundespolizeiinspektion See Cuxhaven am 5. Juli 2026 in der Deutschen Bucht. Die Bundespolizei beobachtete einen Tanker, der durch abweichende Manöver auffiel. Die Polizei setzte eine Drohne ein und filmte, wie Besatzungsmitglieder mehrere Müllsäcke über Bord entleerten. Nach Angaben der Bundespolizei stritt die Besatzung zunächst ab, unerlaubt Substanzen ins Meer geleitet zu haben. Als die Beamten die Drohnenaufnahmen zeigten, erklärte der Kapitän, ein Besatzungsmitglied habe zerkleinerte Lebensmittelabfälle entsorgt. Die Bundespolizei wertete das als Verstoß gegen das Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe (MARPOL-Übereinkommen). Sie verwarnte die Besatzung und übergab den Fall zur weiteren Bearbeitung an das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie. Anders als im viralen KI-Video warf die Besatzung die Müllsäcke direkt über Bord, nicht durch eine riesige Heckklappe.

Auch in den USA gibt es Fälle, in denen Besatzungsmitglieder von Frachtschiffen Abfälle illegal ins Meer warfen. So bekannte sich die Reederei Zeaborn Ship Management 2023 wegen Umweltverstößen auf dem Frachtschiff Star Maia schuldig. Nach Angaben des US-Justizministeriums verbrannten Besatzungsmitglieder zwischen Juni und August 2022 mehrfach Müll in Fässern an Deck und warfen die Fässer anschließend ins Meer. Außerdem leitete die Besatzung ölhaltiges Bilgenwasser illegal ins Meer und dokumentierte die Vorgänge nicht ordnungsgemäß. Das Unternehmen musste im September 2023 eine Geldstrafe von 1,5 Millionen US-Dollar und eine weitere Zahlung von 500.000 US-Dollar leisten.

Die Reederei Pacific Carriers Limited wurde im Dezember 2020 ebenalls wegen Umweltstraftaten verurteilt. Besatzungsmitglieder des Massengutfrachters Pac Antares warfen unter anderem Plastik und ölverschmutzten Müll über Bord und fälschten vorgeschriebene Aufzeichnungen. Das Unternehmen musste insgesamt zwölf Millionen US-Dollar Strafe zahlen.
Die Fälle zeigen: Illegale Müllentsorgung durch Tanker und andere Frachtschiffe kommt tatsächlich vor. Die dokumentierten Vorgänge unterscheiden sich jedoch von der Szene im viralen KI-Video.

presseportal.de/müll-nordsee
justice.gov/zeaborn
offshore-energy.biz/zeaborn
justice.gov/pacific-carriers-limited


Internationale Gesetze regeln, welcher Abfall ins Meer darf

Schiffe dürfen ihren Müll nicht einfach im Meer entsorgen. Das verbietet das internationale MARPOL-Übereinkommen, das die Meeresverschmutzung durch Schiffe verhindern soll. Besonders strikt ist Anlage V, die mehr als 150 Länder unterzeichnet haben. Sie untersagt die Entsorgung von Plastikmüll auf See. Auch Hausmüll wie Glas, Metall oder Verpackungen darf nicht über Bord gehen. Für einige Abfälle gibt es Ausnahmen. Zerkleinerte Lebensmittelreste dürfen etwa unter bestimmten Bedingungen und mit genügend Abstand zur Küste ins Meer gelangen. In besonders geschützten Gebieten wie der Nord- und Ostsee gelten jedoch strengere Vorschriften. Trotz dieser Regeln kommt es immer wieder zu Verstößen. Der Europäische Rechnungshof bemängelte in einem Sonderbericht vom März 2025, dass die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten die Meeresverschmutzung durch Schiffe unzureichend überwache. Zudem seien die tatsächlichen Verschmutzungsmengen weitgehend unbekannt. Kontrollen und Strafen würden oft zu kurz greifen.

imo.org/marpol-annex-v
imo.org/geschuetzte-gebiete
eca.europa.eu/sonderbericht-meeresverschmutzung


Meeresverschmutzung ist immer wieder Thema in Falschbehauptungen

Das Video ist kein Einzelfall. Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken KI-generierte Aufnahmen, die angeblich zeigen, wie große Schiffe Müll oder Abwasser direkt ins Meer leiten.

Bereits im Juli 2025 prüfte das CORRECTIV.Faktenforum ein Video, das ein Kreuzfahrtschiff zeigen sollte, wie es Abfälle durch ein großes Rohr ins Wasser ablässt. Die Aufnahme wies mehrere Auffälligkeiten auf: unnatürliche Wasserbewegungen und plötzlich verschwindende Verfärbungen im Meer – Hinweise, dass auch dieses Video KI-generiert war. 

correctiv.org/faktencheck/kreuzfahrtschiff


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redigatur: Gabriele Scherndl, Viktor Marinov