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Influencer gefährden Babys mit Warnungen vor Vitamin K

In Sozialen Netzwerken bringen Ratschläge zur Gesundheit zuverlässig Klicks. Ein besonders gefährlicher Tipp: Auf die Vitamin-K-Prophylaxe für Babys verzichten. Dabei machen Ärzte deutlich, dass Vitamin K Leben rettet.

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In Deutschland bekommen Babys bei der Geburt in der Regel Vitamin-K-Tropfen (Dmitry Naumov / Picture Alliance / Zoonar)
Behauptung
Kinder bekämen nach der Geburt eine Spritze mit Vitamin K. Sie enthalte Gallensäure, die Dosierung sei um ein tausendfaches höher als nötig. In den USA enthalte die Vitamin-K-Gabe Benzylalkohol, was zu plötzlichem Kindstod führen könne. Ein Kind brauche kein zusätzliches Vitamin K, wenn die Mutter nicht drogenabhängig sei oder Antiepileptika einnehme.
Einordnung
Irreführend. Es stimmt, dass Neugeborene Vitamin K bekommen. In Deutschland geschieht das aber meist in Tropfenform und nicht per Spritze. Die Gabe enthält Gallensäure, die für die Wirkung wichtig ist. In den USA, wo die Vitamin-K-Spritze Standard ist, enthält sie zwar Benzylalkohol, aber in einer laut Experten unbedenklichen Menge. Ärztinnen und Ärzte sind sich einig: Vitamin K ist wichtig für Neugeborene, weil es Hirnblutungen verhindert.

Faktensammlung

Vitamin K trägt dazu bei, dass unser Blut gerinnt. In Deutschland bekommen Neugeborene unmittelbar nach der Geburt eine sogenannte Vitamin-K-Prophylaxe, auch Vitamin-K-Gabe genannt. Genau diese Prozedur bezeichnet aber ein Video als gefährlich. Elmicaella Mariposa, die bereits in der Vergangenheit immer wieder Falschbehauptungen zu gesundheitlichen Themen verbreitet hat, warnt in mehreren Videos vor der Vitamin-K-Gabe. 

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Mariposa behauptet, dass Kinder Vitamin K per Spritze bekämen – diese enthalte Gallensäure und habe zu viel Vitamin K. In den USA enthalte sie zudem Benzylalkohol, was zu plötzlichem Kindstod führen könne. Ein Kind brauche gar kein Vitamin K, „außer du hast an der Nadel gehangen, du warst im Methadonprogramm und du hast Antiepileptika genommen“, sagt Mariposa. Am Ende des Videos rät sie Eltern dazu, das Krankenhaus so schnell wie möglich zu verlassen oder es gar nicht erst aufzusuchen.

perma.cc
flexikon.doccheck.com
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correctiv.org

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Neugeborene bekommen in Deutschland Vitamin K – doch anders als Mariposa behauptet, passiert das in der Regel oral, sie bekommen die Gabe also als Tropfen in den Mund. Das ist in den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaft (AWMF) festgehalten. Die Tropfen verabreichen Ärzte bei den ersten drei gesetzlich empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen, die direkt nach der Geburt, zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag, und in der vierten bis fünften Lebenswoche stattfinden. Vitamin K werde Babys nur „in Ausnahmefällen gespritzt“, erklärt Kinder- und Jugendärztin Monika Neuhaus in einer Pressemeldung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Ursula Felderhoff, Direktorin der Klinik für Kinderheilkunde am Universitätsklinikum in Essen, schrieb uns per E-Mail, dass eine Injektion bei schwer kranken Babys in Frage käme. Das deckt sich mit den Leitlinien der AWMF. 

Von einer täglichen Prophylaxe mit einem Supplement rät die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin ausdrücklich ab – genau das empfiehlt aber Mariposa in ihrem Video.

register.awmf.org
kinderklinik1.uk-essen.de
dgkj.de


Warum gibt es für Babys überhaupt die Prophylaxe? „Säuglinge benötigen Vitamin K, um vor Hirnblutungen geschützt zu sein. Denn Vitamin K spielt eine zentrale Rolle im Blutgerinnungssystem. Babys können das Vitamin nur in geringen Mengen speichern und Muttermilch enthält wenig davon“, schreibt Neuhaus in der BVKJ-Pressemitteilung. „Selbst gesunde und reife Neugeborene sind physiologisch Vitamin-K-arm“, erklärt uns Feldhoff von der Uniklinik Essen. Im Mutterleib komme das Vitamin nicht gut durch die Plazenta. 

Feldhoff warnt vor den Gefahren einer versäumten Gabe: „Trotz der empfohlenen Prophylaxe können Vitamin-K-Mangelblutungen vorkommen – fast immer bei Säuglingen mit von den Eltern abgelehnter Vitamin K-Gabe oder aber bei bis dahin unbekannter Lebererkrankung oder Resorptionsstörung im Darm.“ Auch Michael Zemlin, Facharzt für Kinder und Jugendmedizin und Präsident der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, betont die Gefahren. „Ich habe selbst ein Kind erlebt, das an einer Vitamin K Mangelblutung gestorben ist, nachdem die Prophylaxe vergessen war und ein Kind, das eine schwere Hirnblutung erlitten hat, nachdem die Mutter sich auf Anraten der Hebamme gegen die Vitamin K-Prophylaxe entschieden hatte“, schrieb er uns per E-Mail.

kinderaerzte-im-netz.de


Im Video sagt Mariposa, die Vitamin-K-Gabe enthalte Gallensäure. Das stimmt. Ursula Feldhoff schrieb uns dazu per E-Mail, das in Deutschland meist verwendete Präparat für die Prophylaxe sei Konakion von der Firma Roche. „Es enthält Glycocholsäure (eine Gallensäure-Lecithin-Mischmizellenlösung), in der das lipophile Vitamin K für die Resorption wasserlöslich formuliert wird. Die Gallensäure ist strukturell ähnlich den körpereigenen Gallensäuren im Dünndarm, die die Fettresorption erst ermöglichen.“ 

Resorption bezeichnet den Prozess der Aufnahme von Stoffen durch den Körper – die Gallensäure ist ein wichtiger Bestandteil davon. Wir fragten Feldhoff auch, ob die von Mariposa behauptete Überdosierung – im Video heißt es, die Menge Vitamin K sei um ein tausendfaches höher als nötig – zutreffe. Darauf antwortete die Ärztin knapp: „Nein, das trifft nicht zu.“ Michael Zemlin schrieb uns, dass ihm bei der Gabe der in Deutschland empfohlenen Dosis „kein einziger Fall von Anzeichen der Überdosierung“ bekannt sei.


In den USA enthalte die Vitamin-K-Gabe Benzylalkohol, sagt Mariposa. Das stimmt. Das lässt sich etwa auf der Seite der CDC nachlesen, der US-Behörde für Krankheitskontrolle und Prävention. In den USA wird Vitamin K bei Neugeborenen per Spritze verabreicht. Die CDC erklärt dort aber auch, dass Benzylalkohol in vielen Medikamenten vorkomme und in der kleinen Menge nicht gefährlich sei. In einem Artikel der Associated Press erklärt der Kinderarzt Andrew Bernstein von der US-Akademie für Kinderheilkunde, dass Benzylalkohol Teil der Injektion sei, um eine bakterielle Verunreinigung zu verhindern. 

Mariposa beruft sich als Beleg für die Gefährlichkeit von Benzylalkohol auf eine US-Studie aus dem Jahr 1982. Dabei fanden Forscher heraus, dass Benzylalkohol insbesondere für Frühgeborene schädlich sein kann. Laut Kinderärztin Feldhoff führten diese Befunde zu der Empfehlung, bei Frühgeborenen benzylalkoholhaltige Lösungen zu vermeiden. Die Frühgeborenen in der Studie hätten jedoch „täglich vielfach Katheterspülungen mit benzylalkoholhaltiger Kochsalzlösung“ erhalten, die insgesamt „um ein ein Vielfaches höher als aus einer einzelnen Vitamin-K-Injektion“ waren. Kinderarzt Bernstein sagte der Associated Press: „Man müsste täglich etwa das 100-fache der in der Spritze enthaltenen Dosis verabreichen, um Nebenwirkungen hervorzurufen.“


In Sozialen Netzwerken kursieren seit Jahren angebliche Ratschläge, die die Vitamin-K-Gabe für Neugeborene als unnötig oder gar gefährlich bezeichnen. Ärztinnen und Ärzte klären dazu öffentlich auf und reagieren auf solche Videos. So etwa Florian Babor, Kinderfacharzt und Oberarzt am Universitätsklinikum Düsseldorf. In einem Instagram-Video warnt er vor selbsternannten Experten: „Hört nicht auf Menschen, die nichts mit Kindermedizin zu tun haben. […] Vitamin K rettet Leben“.

In den USA berichten Medien, dass immer mehr Eltern die Vitamin-K-Spritze ablehnen. Für Ärztinnen und Ärzte werde es zudem immer schwieriger, Eltern von der Wirksamkeit zu überzeugen. Laut einer Recherche von Propublica steigt die Zahl der Todesfälle, die direkt auf Blutungen aufgrund eines Vitamin-K-Mangels zurückgeführt werden können, an. Auch gebe es Todesfälle, die unter anderen Ursachen aufgefasst würden, laut einem CDC-Beamten und mehreren Fachärzten aber wahrscheinlich auf einen Vitamin-K-Mangel zurückzuführen seien. 

nytimes.com
propublica.org


Wir kontaktierten Mariposa mit einer Zusammenfassung unserer Recherche-Ergebnisse und fragten sie, auf welche Quellen sie ihre Behauptungen stützt. Bis zur Veröffentlichung erhielten wir keine Antwort.


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Viktor Marinov; Redigatur: Max Bernhard