Hintergrund

Schulen, Arbeitsplätze, Haushalte: Warum es den einen „Treiber“ der Corona-Pandemie nicht gibt

Auf Facebook wird gefragt, wo sich die Menschen denn jetzt noch mit Corona anstecken – denn Schüler, Friseure, Einzelhandel oder Kinos seien angeblich keine „Treiber der Pandemie“. Das ist irreführend. Tatsächlich ist viel darüber bekannt, wo Infektionen stattfinden. Wir erklären, was Wissenschaft und Daten dazu aussagen. 

von Alice Echtermann

Symbolfoto Schule und Corona
Über Schulschließungen wird in der Pandemie besonders heftig diskutiert (Foto einer Abiturprüfung in Hessen: Picture Alliance / DPA / Sebastian Gollnow)

In einem Facebook-Beitrag von Anfang März, der mehr als 117.000 Mal geteilt wurde, wird die Frage gestellt, wer denn nun die „Treiber“ der Pandemie seien. Schüler, Friseure, der Einzelhandel, die Gastronomie, der Vereinssport, Fitnessstudios, Kinos, Museen, Theater, Zoos, „Rummel“ oder Volksfeste seien es angeblich nicht. „Wo stecken sich denn jetzt noch Menschen an?“, wird gefragt.  

Wir haben recherchiert, was über die Orte und Situationen, in denen sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren, bekannt ist. 

Es zeigt sich: Die Frage in dem Facebook-Beitrag ist irreführend – denn sie tut unter anderem so, als sei erwiesen, dass Schülerinnen und Schüler keine Rolle bei der Verbreitung des Virus spielen. Das ist falsch. Zudem listet der Facebook-Beitrag nur Orte aus dem Freizeitbereich auf und lässt private Haushalte und Arbeitsplätze außer Acht. 


Der Facebook-Beitrag mit der Frage, wo Infektionen stattfinden (Screenshot am 23. April 2021 und Schwärzungen: CORRECTIV.Faktencheck)

RKI ordnet Ausbrüche Orten zu – private Haushalte liegen aktuell ganz vorne 

Der erste Anlaufpunkt für Daten zur Corona-Pandemie ist das Robert-Koch-Institut (RKI). Es veröffentlicht immer dienstags in seinen Lageberichten eine Auswertung der Orte, an denen Covid-19-Ausbrüche stattgefunden haben. Ein Ausbruch sind mindestens zwei laborbestätigte Corona-Fälle (Epidemiologisches Bulletin, August 2020, Seite 4). 

Im Lagebericht des RKI vom 20. April 2021 steht: „Beim Großteil der Fälle ist der Infektionsort nicht bekannt. Covid-19-bedingte Ausbrüche betreffen momentan insbesondere private Haushalte, zunehmend auch Kitas, Schulen und das berufliche Umfeld, während die Anzahl der Ausbrüche in Alters- und Pflegeheimen abgenommen hat.“ 

Auswertung des RKI zum Infektionsumfeld von gemeldeten Covid-19-Fällen, die einem Ausbruch zugeordnet werden konnten. Diese Daten stellen nur einen kleinen Teil aller Corona-Fälle dar (Quelle: RKI-Lagebericht vom 20. April 2021 / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Allerdings weist das RKI darauf hin, dass „nur ein kleiner Teil“ der gemeldeten Covid-19-Fälle einem Ausbruch zugeordnet werden könne. „Clustersituationen in anonymen Menschengruppen“, wie dem öffentlichen Nahverkehr, seien viel schwerer für das Gesundheitsamt zu erfassen als Privathaushalte, Familienfeiern und Schulklassen. 

RKI-Analyse umfasst nur einen Bruchteil aller Corona-Fälle

Auf Nachfrage von CORRECTIV.Faktencheck teilte die Pressesprecherin des RKI, Susanne Glasmacher, per E-Mail mit, der Anteil der Fälle, die einem Ausbruch zugeordnet werden können, liege lediglich bei etwa einem Sechstel. 

Auf eine stichprobenartige Nachfrage hin erfuhren wir von einem Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin, dass zu jedem einzelnen Corona-Fall aus Bremen Angaben zum wahrscheinlichen Infektionsort übermittelt werden. Allerdings gebe es durchaus Probleme bei der Erfassung, da die Betroffenen ihre Angaben freiwillig machen und teils eine „geringe Auskunftsfreude“ herrsche. 

Laut RKI-Sprecherin Glasmacher werden Daten zu Einzelfällen bisher vom RKI nicht öffentlich berichtet. In den Lageberichten finden sich deshalb nur Zahlen zu Ausbrüchen. „Prinzipiell gelten die gleichen Limitationen wie bei Fällen, die Ausbrüchen zugeordnet werden. Jedoch ist es bei Einzelfällen meist noch schwerer, das wahrscheinliche Infektionsumfeld zu ermitteln.“ Im Mai sei aber eine Auswertung dieser Fälle im Epidemiologischen Bulletin geplant.  

Verteilung der Infektionsorte entspricht dem, was aus Kontaktstudien bekannt ist

Wir haben über die Frage, wo sich Menschen mit dem Coronavirus infizieren, mit der Ärztin und Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung am Telefon gesprochen. Sie hält es für möglich, dass auch in den Fällen, in denen der Infektionsort nicht bekannt ist, eine ähnliche Verteilung wie in der Ausbruch-Analyse des RKI vorliegt. Grundsätzlich entspreche die Verteilung dem, was man aus früheren Kontaktstudien wisse. 

Lange verweist im Gespräch auf eine große europäische Studie von 2008, in der mehr als 7.000 Menschen aus verschiedenen Ländern, darunter Deutschland, systematisch zu ihren Kontakten befragt wurden. Dabei zeigte sich: Die Kontakte fanden vor allem in den Bereichen statt, die auch während der Corona-Pandemie im Fokus stehen: private Haushalte, Schulen, Arbeitsplätze und Freizeitbereiche.

Verteilung aller Kontakte der Studienteilnehmenden in Prozent in verschiedenen Ländern, DE steht für Deutschland (Quelle: Kontaktstudie „Social Contacts and Mixing Patterns Relevant to the Spread of Infectious Diseases“, 2008 / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Vor allem der Freizeitbereich wurde während der Pandemie stark eingeschränkt – und dieser Bereich umfasst auch die meisten Orte, die in dem viralen Facebook-Beitrag genannt werden (Gastronomie, Vereinssport, Fitnessstudios, Kinos, Museen, Theater, Zoos, Rummel oder Volksfeste).

Der Freizeitbereich ist aber nur einer der relevanten Bereiche. Auch in den anderen Bereichen haben Menschen viele Kontakte. Und, wie Berit Lange erklärt: „Infektionen finden grundsätzlich überall dort statt, wo wir Kontakte haben.“

Aerosolforscher: Ansteckungsrisiko in Büros und Klassenräumen

Mehrere Studien kamen seit Beginn der Corona-Pandemie zu dem Schluss, dass die meisten Infektionen wahrscheinlich in Innenräumen und im Wohnumfeld stattfinden, also in privaten Haushalten, aber auch in Altenheimen oder Krankenhäusern. Das zeigten zum Beispiel drei Studien aus Südkorea, China und Großbritannien im vergangenen Jahr. In der Analyse des RKI ist zu sehen, dass es auch in Deutschland während der ersten und zweiten Welle viele Ausbrüche in Krankenhäusern und Pflegeheimen gab, diese aber zuletzt stark abgenommen haben.

Das Coronavirus wird laut RKI nicht nur über Tröpfchen übertragen, sondern auch über kleinste Partikel, sogenannte Aerosole, die über längere Zeit in der Luft schweben und sich in einem Raum verteilen können. Aerosole werden beim Atmen, Sprechen, Husten oder Niesen freigesetzt. 

Aerosolforscher sind der Ansicht, dass das Infektionsrisiko in geschlossenen Innenräumen am größten sei. In einem Offenen Brief an die Bundesregierung schrieben mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im April 2021: „In den Wohnungen, in den Büros, in den Klassenräumen, in Wohnanlagen und in Betreuungseinrichtungen müssen Maßnahmen ergriffen werden.“ 

Auch Wissenschaftler der TU Berlin errechneten kürzlich das theoretische Ansteckungsrisiko für verschiedene Orte anhand der Aerosol-Ausbreitung. Das höchste Risiko sahen sie bei Oberschulen (bei voller Belegung und ohne Masken) und Mehrpersonenbüros (50 Prozent Belegung, keine Masken). 

Was sagt die Wissenschaft über das Infektionsrisiko bei Kindern? 

Über Schließungen von Schulen oder Kitas wird während der Pandemie besonders intensiv diskutiert, da sie stark in das Leben von Kindern, Jugendlichen und deren Familien eingreifen. Im April 2021 veröffentlichte das RKI einen ausführlichen Artikel zur Rolle von Schulen für das Infektionsgeschehen im Epidemiologischen Bulletin. Dafür wurden die Meldedaten zu Ausbrüchen in Deutschland bis zum 25. Januar 2021 analysiert und die aktuelle Studienlage ausgewertet. 

Die Autorinnen und Autoren schreiben: „Manche WissenschaftlerInnen glauben, dass Schülerinnen und Schüler kein ‘Motor’ des pandemischen Geschehens sind. Andere berichten anhand ihrer Daten, dass Schülerinnen und Schüler genauso häufig wie Erwachsene infiziert sind und daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch Schülerinnen und Schüler substanziell zum Übertragungsgeschehen in der Bevölkerung beitragen.“ 

Bereits zu Beginn der Pandemie zeigte sich, dass Kinder viel seltener schwer an Covid-19 erkranken als Erwachsene. Eine Meta-Studie von September 2020 kam zu dem Schluss, Kinder seien weniger anfällig für die Krankheit. Die Autoren wiesen aber darauf hin, dass die Daten nicht zeigten, ob Kinder weniger ansteckend sind oder SARS-CoV-2 seltener weitergeben als Erwachsene. 

Auch Kinder und Jugendliche können sich mit dem Coronavirus infizieren

Laut der Epidemiologin Berit Lange wurde aus der Erkenntnis zu Beginn der Pandemie, dass kleinere Kinder weniger empfänglich für Covid-19 sind, teils abgeleitet, sie spielten bei der Verbreitung des Virus keine große Rolle. Es handele sich hier aber um zwei verschiedene Dinge.  

Inzwischen steht fest, dass Kinder auch infiziert werden und andere Menschen anstecken können. Eine Studie der Princeton University in Indien, die ebenfalls im September 2020 veröffentlicht wurde, kam zu dem Schluss, dass Kinder und junge Erwachsene bei der Verbreitung des Virus eine größere Rolle spielten als bisher gedacht – insbesondere in privaten Haushalten. Sie seien der „Schlüssel“ zur Verbreitung des Virus in den untersuchten Populationen. 

Auch eine Studie der Berliner Charité (Preprint) äußerte aufgrund von PCR-Untersuchungen Zweifel an der These, dass Kinder weniger ansteckend seien als Erwachsene. Es gebe keine Hinweise, dass die Viruslast bei ihnen statistisch signifikant geringer sei. 

Die geringe Anfälligkeit von Kindern für eine Erkrankung an Covid-19 sei bei einem niedrigen Infektionsgeschehen von Vorteil, erklärt Berit Lange. Sei die Zahl der Corona-Fälle in der Bevölkerung aber hoch, seien auch Kinder und Jugendliche stärker betroffen. 

RKI: Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich kein „Motor“ der Pandemie

Ähnliches steht auch im aktuellen Artikel des Epidemiologischen Bulletins des RKI: „Eine grundsätzliche Beobachtung aus den Meldedaten ist, dass die Inzidenzen in den jüngeren Altersgruppen – bis etwa 15 Jahre – erst dann zu steigen begannen, als sie schon mehrere Wochen bei den jüngeren Erwachsenen erhöht waren.“ Kinder und Jugendliche seien also vermutlich „keine substanzielle treibende Kraft“ der Pandemie. Das heißt aber nicht, dass sie gar keine Rolle spielen.

Darstellung der Ausbrüche an Schulen im Lagebericht des RKI vom 20. April 2021. Die Daten zu Ausbrüchen umfassen nur einen kleinen Teil der Corona-Fälle (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auffällig sei, dass im vergangenen Jahr die Ausbruchszahlen an Schulen auch nach dem „Lockdown light“ weiter linear angestiegen seien, schreiben die Autorinnen und Autoren des RKI. „Dies deutet daraufhin, dass auch unter jüngeren Altersgruppen Transmissionen im Schulsetting stattfinden.“ Beim „Lockdown light“, der Anfang November 2020 beschlossen wurde, blieben Schulen und Kindergärten offen. 

Der Bericht im Epidemiologischen Bulletin kommt insgesamt zu dem Schluss, dass Schülerinnen und Schüler vermutlich kein „Motor“ der Pandemie seien, aber mit steigender Inzidenz auch an Schulen mehr Ausbrüche stattfinden. Berücksichtigt werden müsse außerdem, dass die britische Virusvariante B.1.1.7. nach bisherigen Erkenntnissen deutlich ansteckender sei, auch bei Kindern und Jugendlichen. 

Epidemiologin: Arbeitsplatz und Schule sind klassische Knotenpunkte

Laut Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung greift die Argumentation, in einem bestimmten Bereich gebe es kaum nachgewiesene Infektionen und deshalb solle dieser geöffnet bleiben, zu kurz: „Mit Blick auf das große Ganze ist es nicht so, dass ein Treiber dahinter steht, sondern in all diesen Bereichen – Haushalt, Schule, Freizeit – finden Kontakte statt.“ 

Es sei ein Missverständnis, zu glauben, nur weil keine Studie besonders viele Infektionen an einem Ort nachgewiesen habe, seien Schließungen dort nicht wirksam. „Zum einen müssen dafür auch zunächst adäquate Studien durchgeführt werden, die solche Zusammenhänge von der Studienart und der Anzahl der eingeschlossenen Menschen her nachweisen könnten.“ Zum anderen habe der Effekt einer Maßnahme nur teilweise etwas damit zu tun, wie viele Infektionen genau dort stattfinden, sagt Lange.

Wenn man Menschen zum Beispiel ins Homeoffice schicke, reduzierten sich nicht nur die Kontakte im Büro, sondern die Menschen würden zum Beispiel auch nicht mehr in der Pause zum Bäcker gehen oder mit der Bahn zur Arbeit fahren. Arbeitsplätze und Schulen seien aus der Sicht „klassische Knotenpunkte“. 

Und auch die Signalwirkung von solchen Maßnahmen ist aus Sicht der Wissenschaftlerin nicht zu unterschätzen: Ausgangssperren einzuführen, Schulen zu schließen oder Menschen ins Homeoffice zu schicken könne auch dazu führen, den Menschen den Ernst der Lage zu verdeutlichen. Es könne ihr ganzes Verhalten beeinflussen und somit einen Effekt zeigen, der über dem der eigentlichen Maßnahme liegt. 

Redigatur: Matthias Bau, Sarah Thust

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Artikel:

  • Lagebericht des RKI mit Auswertung des Infektionsumfelds von Ausbrüchen (20. April 2021): Link
  • Epidemiologisches Bulletin 38/2020, „Infektionsumfeld von erfassten Covid-19-Ausbrüchen in Deutschland“: Link
  • Studie: „Social Contacts and Mixing Patterns Relevant to the Spread of Infectious Diseases (2008): Link
  • Offener Brief der Aerosolforscher (11. April 2021): Link
  • Epidemiologisches Bulletin 13/2021, „Epidemiologie von COVID-19 im Schulsetting“: Link
  • Meta-Studie: „Susceptibility to SARS-CoV-2 Infection Among Children and Adolescents Compared With Adults“ (September 2020): Link
  • Studie der Berliner Charité: „An analysis of SARS-CoV-2 viral load by patient age“: Link