Hintergrund

KI oder veraltet: Nach der Gefangennahme Maduros kursieren auch falsche Bilder

Nach dem Angriff der USA auf Venezuela verbreiten sich online gefälschte und aus dem Kontext gerissene Aufnahmen. Darunter ein KI-Bild des gefangen genommenen Machthabers Nicolás Maduro und mehrere Videos, die feiernde Menschen in Venezuela zeigen sollen.

von Paulina Thom , Matthias Bau , Sara Pichireddu

Maduro Arrival in Manhattan
Nicolás Maduro und seine Ehefrau Cilia Flores am Montag, dem 5. Januar, in New York. Sie wurden wegen mutmaßlichem „Drogen-Terrorismus“ vor Gericht gebracht, an der Gefangennahme gibt es internationale Kritik. (Foto: CNP / ABACA / Picture Alliance)

In der Nacht zum Samstag haben US-Soldaten bei einem Angriff auf Venezuela Staatschef Nicolás Maduro und seine Ehefrau gefangen genommen und außer Landes gebracht. Die US-Justiz wirft ihnen eine langjährige Verschwörung zum Drogenschmuggel vor – bei einer ersten Anhörung in New York erklärten sich beide für nicht schuldig. An dem Angriff und der Gefangennahme gibt es Kritik, etwa seitens der UNO, laut Fachleuten verstoßen sie gegen das Völkerrecht.

Nicht alle Aufnahmen, die online im Kontext des US-Angriffs geteilt werden, sind authentisch oder aktuell. Wir haben einige geprüft.

Foto von Maduro zwischen Soldaten ist KI-generiert

Nach der Gefangennahme von Maduro verbreitete Donald Trump auf seinem Sozialen Netzwerk „Truth Social“ ein Foto des venezolanischen Machthabers, das auf der USS Iwo Jima, einem Kriegsschiff, aufgenommen worden sein soll. Es zeigt Maduro in einem grauen Trainingsanzug mit Kopfhörern und einer schwarzen Brille. Einen Tag später verbreitete ein Account des Weißen Hauses ein Video von Maduro, der in einem Gebäude einen Gang entlang geht. Die Authentizität der beiden Aufnahmen haben wir nicht überprüft.

Verschiedene Medien zeigen Videobilder, die Maduro auf der Stewart Air National Guard Base in New York zeigen. Maduro ist darin einmal in einem hellblauen und einmal in einem schwarzen Kapuzenpullover zu sehen.

Neben diesen Aufnahmen kursieren auch gefälschte Bilder. So verbreiten unter anderem Rüdiger Lucassen von der AfD und Żaklin Nastic vom BSW auf X ein Bild, auf dem Maduro zwischen zwei Männern in Militärkleidung vor einem Flugzeug zu sehen ist. Darauf trägt er ein helles Hemd unter einer offenen schwarzen Jacke. Wo das Bild entstanden sein soll, schreiben sie nicht. Unten rechts im Bild ist jedoch ein Teil des Datums zu lesen: 3. Januar, also der Tag der Gefangennahme Maduros.

Dass es im Zusammenhang mit dem Angriff der USA und der Gefangennahme Maduros entstanden ist, ist nicht nur wegen der Kleidung Maduros unwahrscheinlich, denn er stieg in New York in einem hellblauen Hoodie aus einem Flugzeug aus.

Links ein Bild des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro von der Nachrichtenagentur Reuters. Rechts das KI-Bild, das der AfD-Politiker Rüdiger Lucassen teilte
Links ein Bild des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro von der Nachrichtenagentur Reuters. Rechts das KI-Bild, das der AfD-Politiker Rüdiger Lucassen teilte (Quelle: X; Reuters; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Auch das Flugzeug im Hintergrund und die Uniform der Soldaten passen nicht zu dem Material, das Medien bisher veröffentlichten. Demnach wurde Maduro von Bord der USS Iwo Jima per Helikopter nach Guantanamo Bay gebracht und anschließend in einer Boeing 757 nach New York geflogen.

Das Flugzeug ist in Live-Aufnahme der Sender Sky News und NBC News zu sehen. Es ist weiß, hat einen dunklen Rumpf und dazwischen einen gelben Streifen. Das Flugzeug in dem anderen Bild ist dagegen weiß und viel kleiner als eine Boeing 757. Hinzu kommt: Männer der Drogenbehörde DEA eskortieren Maduro aus dem Flugzeug – auch sie sind anders gekleidet als auf dem Bild auf X.

Bei unserer Recherche stießen wir auf einen Facebook-Beitrag, der ähnliche Bilder zeigt. Darin ist ein Wasserzeichen zu sehen, das  zu einem spanischsprachigen Instagram-Account gehört, der in seiner Profilbeschreibung angibt, KI-Inhalte zu erstellen. Der Verbreiter teilte das aktuell kursierende Bild und weitere Bilder derselben Szene. Sein Wasserzeichen wurde in der Aufnahme auf X offenbar entfernt. Auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck antworteten bis zur Veröffentlichung weder der Instagram-Account, noch Lucassen und Nastic.

Venezuelas Machthaber Maduro in Handschellen mit dem Rücken zur Kamera. Neben ihm stehen zwei Männer in tarnfarbenen Uniformen.
Der Instagram-Account veröffentlichte Aufnahmen, die nach seinen Angaben KI-generiert sind und Nicolás Maduro in Handschellen zeigen (Quelle: Instagram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Video, das abgerissenes Maduro-Plakat zeigt, ist nicht aktuell 

In einem Video, das aktuell verbreitet wird, ist ein Plakat mit Maduros Portrait zu sehen. Mehrere Personen lösen es von einer Plakatwand und als das Papier zu Boden fällt, jubeln umstehende Menschen. In Deutschland teilte es der Blog „Deutschland Kurier“ mit dem Videotitel: „Venezolaner feiern die Verhaftung des kommunistischen Diktators Maduro“. Die Behauptung wird nicht nur in Deutschland tausendfach gesehen, sondern hat international Reichweite.

Eine Version des Videos wurde bereits im Juli 2024 veröffentlicht. Es kann also kein Zusammenhang zur Gefangennahme Maduros bestehen. (Quelle: X; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das Video ist zwar echt, entstand aber schon 2024. Die früheste Version, die wir finden konnten, veröffentlichte eine X-Nutzerin am 29. Juli 2024. Das beweist, dass die Bilder nicht in Zusammenhang mit der Gefangennahme Maduros stehen können. Darauf verweisen auch spanische Faktencheckorganisationen, sowie inzwischen die Community Notes auf der Plattform X.

Maduro hatte sich 2024 zum Sieger der venezolanischen Präsidentschaftswahl ernannt, im Land folgten darauf monatelange Proteste, in deren Kontext das Video wohl entstand. Das abgerissene Plakat zeigt neben dem Portrait Maduros das Logo der linksgerichteten Partei Patria Para Todos („Heimat für alle“), die Maduro bei der Wahl unterstützt hatte.

Medienberichten zufolge waren die Städte in den Tagen nach der Gefangennahme Maduros durch US-Truppen keineswegs gefüllt mit feiernden Menschen, wie es das Video nahelegen soll. Stattdessen sprechen Journalistinnen und Journalisten von Straßen, die „weitgehend menschenleer“ seien, und großer Verunsicherung im Land. Über große Feiern gibt es keine unabhängigen Berichte. Wie die venezolanische Tageszeitung El Nacional berichtet, versammelten sich am Wochenende Anhänger und Anhängerinnen Maduros in Caracas, um für seine Freilassung zu demonstrieren.

Video soll Feiern in Caracas zeigen, stammt aber aus Santiago de Chile 

International verbreitete sich ein weiteres Video, es soll in Venezuelas Hauptstadt Caracas aufgenommen worden sein. Die Kamera schwenkt an mehreren Hochhäusern vor einer Bergkulisse vorbei. Auch eine große Straße ist zu sehen. Zu hören sind in der kurzen Aufnahme Pfiffe, Applaus und Jubelrufe. Auf Deutsch heißt es zu dem Video: „Tausende Venezolaner wachen auf und feiern die Nachricht von der Gefangennahme des kommunistischen Diktators Maduro durch US-Truppen.“ Auf Spanisch: „Caracas erwacht mit Venezolanern, die ‚Freiheit‘ rufen, applaudieren und feiern.“

Doch die Aufnahme stammt nicht aus Venezuela: Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Screenshots des Videos führt zu mehreren Hotel- und Immobilienwebseiten für Unterkünfte in Santiago de Chile, der Hauptstadt Chiles.

Über deren Adresse lässt sich der Aufnahmeort in der Nähe der Avenida Alameda Libertador Bernardo O’Higgins, einer Prachtstraße im Zentrum der Stadt, lokalisieren. Zu erkennen sind mehrere Hochhäuser (rote und grüne Markierung) sowie zwei Geschäfte auf der Straße (blaue Markierung).

Montage verschiedener Screenshots mit Markierungen
Links ein Ausschnitt aus dem kursierenden Video: Es ist nicht wie behauptet in Caracas, sondern in Santiago de Chile entstanden (Quellen: X / Google Maps; Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Auffällig ist auch: Die Geräusche im Video passen nicht zur Aufnahme. Es ist keine große Menschenmenge zu sehen, die jubelt oder anderweitig feiert. Stattdessen sind auf der Straße einige Autos sowie ein Bus zu sehen, die aber wiederum in der Tonspur nicht zu hören sind.

Laut Medienberichten haben am 3. Januar in Santiago de Chile in der Innenstadt einige hundert bis tausend Menschen die Gefangennahme Maduros gefeiert. Aufnahmen belegen dies. Auch auf der Avenida Alameda Libertador Bernardo O’Higgins hat es den Berichten nach eine solche Zusammenkunft gegeben. Ob die Tonspur des Videos von dort stammt oder später hinzugefügt wurde, ist unklar.

Video von gestürzter Chávez-Statue ist aus Juli 2024 

Der ehemalige AfD-Politiker Georg Pazderski teilte auf X ein kurzes Video von Menschen, die unter Jubel eine Statue niederreißen. „Die Venezolaner feiern ihre neugewonnene Freiheit mit dem Sturz der Statuen Maduros und des Regimes“, schreibt Pazderski dazu. Auch auf Englisch kursiert das Video mit der Behauptung. „Unglaubliche Szenen spielen sich gerade in Venezuela ab!“, heißt es.

Screenshot aus einem Video, in dem eine Statue in Venezuela niedergerissen wird
Der ehemalige AfD-Politiker Pazderski behauptet auf X, dieses Videomaterial sei aktuell. Das stimmt nicht. (Quelle: X; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Doch auch dieses Video ist aus dem Kontext gerissen: Nutzerinnen und Nutzer weisen in einer Community Note darauf hin, dass die Statue nicht Maduro, sondern den ehemaligen Staatschef Hugo Chávez zeige. Das ist unter anderem an der Militärmütze und -haltung zu erkennen – Chávez war Offizier und Unterstützer Maduros.

Eine Bilder-Rückwärtssuche zeigt außerdem, dass das Video alt ist. Es kursierte bereits Ende Juli 2024, steht also ebenfalls im Zusammenhang mit den Protesten, nachdem sich Maduro zum Wahlsieger erklärt hatte. Über die heruntergerissenen Statuen in mehreren Teilen des Landes berichtete damals unter anderem der Guardian. Das Video zeigt demnach einen Protest in der Stadt Calabozo. Pazderski antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck.

Update, 7. Januar 2026: Wir haben zu der Passage zum Maduro-Plakat einen älteren Beitrag mit dem Video gefunden und den Link ausgetauscht.

Redigatur: Steffen Kutzner, Gabriele Scherndl

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