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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: unbelegt

Sollte man bei einem Unfall die Autoscheiben mit Kopfstützen einschlagen?

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Kopfstütze Auto welshandproud pixabay
Werden Kopfstützen so entworfen, dass man mit ihnen bei einem Unfall Scheiben einschlagen kann? Autohersteller und der ADAC widersprechen. (Foto von welshandproud / pixabay)

von Caroline Schmüser

Eine Facebookseite schreibt, Kopfstützen in Autos seien extra so designt, dass man mit ihnen bei einem Unfall die Fahrzeugscheiben einschlagen könne. Stimmt das? CORRECTIV hat mit VW, BMW, Mercedes-Benz und dem ADAC über die Behauptung gesprochen.

Eine Facebookseite veröffentlichte am 6. September 2018 ein Bild mit einem Hinweis, der angeblich „Leben retten“ soll. „Stellt euch vor, Ihr habt einen Unfall und Ihr versinkt langsam im Wasser oder aber das Auto beginnt zu brennen“, beschreibt die Facebookseite ein mögliches Unfallszenario. Sollten sich in einer solchen Situation die Türen eines Autos nicht öffnen lassen, könne man mit den Kopfstützen des Autos die Scheiben zerbrechen – diese seien von Automobilherstellern extra zu diesem Zwecke entworfen.

Eine Facebookseite teilt ein Bild mit einem Hinweis, der Leben retten soll. (Screenshot von Correctiv)

Die österreichischen Faktenchecker von Mimikama zweifelten bereits am 6. September an der Behauptung, man könne mit einer Kopfstütze Autoscheiben einschlagen. Der Aufwand sei in einer Unfallsituation zu groß, in Autos mit Sport- und Schalensitzen würden sich Kopfstützen erst gar nicht herausziehen lassen.

CORRECTIV hat sich beim ADAC eine Expertenmeinung eingeholt und bei drei deutschen Autoherstellern angefragt.

Autohersteller widersprechen der Behauptung

„Wir empfehlen vielmehr sogenannte Nothämmer mit integrierten Gurtmessern, um sich selbst und Mitfahrende bei Bedarf damit zusätzlich auch aus verklemmten Gurten befreien zu können“, so der Pressesprecher von VW auf Nachfrage von CORRECTIV.

Zu VW gehören zum Beispiel auch die Marken Audi, Sead, Škoda und Porsche. Der im Facebook-Post beschriebene Einsatzzweck sei zwar möglich, wenn keine geeigneteren Werkzeuge zur Verfügung stehen – eine vergleichbare Griffigkeit und Ergonomie eines Nothammers würde die Kopfstütze aber nicht bieten. Autoinsassen könnten bei der Nutzung leichter abrutschen und die Verletzungsgefahr sei dadurch größer.

Daimler dementiert auf Nachfrage die Behauptung im Facebook-Post: „Bei der Entwicklung unserer Kopfstützen berücksichtigen wir die beschriebene Funktion nicht“, schreibt eine Pressesprecherin. Daimler produziert die Autos der Marke Mercedes-Benz.

Ein Pressesprecher der Firma BMW teilte CORRECTIV auf Anfrage ebenfalls mit, dass ein Design der Kopfstützen zum Zertrümmern von Autoscheiben „nicht Gegenstand der Entwicklung bei BMW“ sei.

Fensterheber lassen sich auch nach Wasserkontakt noch betätigen

Der ADAC hatte keine Erkenntnisse zu der Frage, ob Kopfstützen so entworfen werden, dass sie als Scheibenhammer dienen. Ein Experte schätzte für CORRECTIV aber ein, ob Kopfstützen ein sinnvolles Werkzeug im Falle eines Unfalls wären.

„Nicht nachvollziehbar ist die Einschätzung, dass man die Fenster nicht auf normalem Weg öffnen kann“, zitierte eine Sprecherin des ADAC einen von ihr befragten Experten. Die Fahrzeugelektrik gebe im Wasser nicht sofort den Geist auf, die Fensterheber würden sich noch eine Weile betätigen lassen. „Ehrlich gesagt, stelle ich es mir nicht leicht vor, die Kopfstütze unter Wasser rauszufummeln“, so der Experte – man müsse beidseitig eine Entriegelungstaste drücken.

In Euro NCAP Crashtests würde außerdem geprüft, wie leicht sich die Türen nach einem Unfall öffnen lassen. „Ich kenne keine Vorfälle an aktuellen Fahrzeugen, dass die Türen verklemmen und nicht mehr zu öffnen sind.“ Euro NCAP ist eine Gesellschaft europäischer Verkehrsministerien, Automobilclubs und Versicherungsverbände mit Sitz in Brüssel. Die Organisation führt Crashtests mit neuen Automobiltypen durch.

Bei vielen Unfällen würden Insassen verbrennen oder ertrinken, da sie beim Unfall schon schwer verletzt würden. Dadurch könnten sie sich bereits auf auf normalem Wege nicht mehr aus dem Auto befreien.

ADAC empfiehlt, Seitenfenster herunterzulassen oder Dachfenster zu öffnen

In einem Testbericht vom 4. Oktober 2018 schreibt der ADAC über das richtige Verhalten bei einem Wasserunfall. Die zentrale Verhaltensregel für Fahrzeuginsassen: „Verlassen Sie nach dem Aufprall im Wasser das Fahrzeug so schnell wie möglich durch die Seitenfenster oder auch durch das Schiebedach.“ Ein YouTube-Video des ADAC veranschaulicht das empfohlene Vorgehen.

Bei dem Aufprall des Autos auf das Wasser kann das Auto kurz unter die Wasseroberfläche sinken, taucht danach jedoch wieder auf. Diese Phase kann einige Minuten dauern. Erst dann dringt Wasser durch die Karosserie ein und das Auto beginnt unterzugehen.

Der ADAC empfiehlt gemeinsam mit Experten des schweizerischen Automobilclubs TCS: Zuerst sollten sich die Insassen abschnallen. Anschließend solle versucht werden, die Seitenfenster herunterlassen oder das Schiebedach öffnen. „Auch bei Wassereintritt funktionieren elektrisch betriebene Fensterheber und/oder Schiebedach in der Regel noch für einen kurzen Zeitraum“, schreibt der ADAC.

Gelingt das Öffnen der Fenster nicht, sollten die Autoinsassen probieren, die Seitenscheiben des Autos einzuschlagen. Der ADAC merkt jedoch an: „Ein Einschlagen der Seitenscheiben ist theoretisch nur bei Einscheibensicherheitsglas möglich. In der Praxis wird ein Einschlagen aber nur sehr schwer oder gar nicht gelingen.“ Seitenscheiben aus Verbundsicherheitsglas würden sich mit normalen Mitteln nicht einschlagen lassen.

Unsere Bewertung:
Fehlende Belege. Die Autohersteller VW, BMW und Mercedes-Benz berücksichtigen diese Funktion von Kopfstützen beim Design nicht. Der ADAC empfiehlt, bei einem Wassereintritt die Fensterscheiben oder das Dachfenster auf normalem Weg zu öffnen.

Bewertung: größtenteils richtig

„Kälberserum“: Grausames Geschäft mit dem Blut ungeborener Kühe?

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Fötales Kälberserum ist ein wichtiger Bestandteil von Zellkulturen. Es wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen. (Symbolfoto: Zdeněk Chalupský / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Beitrag geteilt, in dem über das sogenannte Kälberserum aufgeklärt wird. Die meisten Angaben stimmen, doch bei der wesentlichen Frage, ob Tiere dafür leiden müssen, stehen Aussagen von Produzenten gegen die von Wissenschaftlern und Tierschützern. 

Ein Bild, das innerhalb von drei Wochen mehr als 2.700 Mal auf Facebook geteilt wurde, zeigt einen Kälberfötus, der auf einer blauen Plastikfläche liegt. In dem Text dazu geht es um sogenanntes Fötales Kälberserum (FKS) – Serum, das aus dem Blut von Kälberföten gewonnen wird, nachdem die Muttertiere geschlachtet wurden. Der Fötus werde herausgeschnitten, und lebe noch, während ihm das Blut abgenommen werde.

Mehrere Facebooknutzer reichten den Beitrag der Facebook-Seite „Schule des Lebens“ als potenzielle Falschmeldung ein. CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch, dass die Angaben in dem Text weitgehend korrekt sind. Allerdings kommt es in Deutschland nach Aussage mehrerer Quellen nicht zur Blutentnahme bei Kälberföten. Unbelegt ist auch, ob es in anderen Ländern Praxis ist, dass die Föten in den Schlachthöfen tatsächlich noch leben, während ihnen Blut abgenommen wird. 

Der Text des Facebook-Beitrags von „Schule des Lebens“ (Screenshot: CORRECTIV)
Das Foto zu dem Facebook-Beitrag zeigt einen Kälberfötus. (Screenshot: CORRECTIV)

Vorweg: Das Foto, mit dem der Facebook-Text illustriert wurde, hat mit der Entnahme von Kälberserum nichts zu tun. Es stammt aus einem TV-Beitrag von Report-Mainz aus dem Jahr 2015; unten links im Foto ist noch das Logo der Sendung Report Mainz zu erkennen. In dem Bericht ging es um einen Schlachthof in Wilhelmshaven. Dort wurden damals noch schwangere Kühe geschlachtet. Deren ungeborene Kälber erstickten nach der Schlachtung im Mutterleib. Das Foto zeigt eines von ihnen. Seit 2017 ist es in Deutschland gesetzlich verboten, Kühe im letzten Drittel der Schwangerschaft zu schlachten. 

Für ganz Europa schätzte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2015, dass bei der Schlachtung etwa drei Prozent der Milchkühe und 1,5 Prozent der Fleischrinder schwanger seien. 

Die Quelle des Fotos auf Facebook ist ein Beitrag von Report-Mainz von 2015 über einen deutschen Schlachthof. Das Bild hat jedoch nichts mit Fötalem Kälberserum zu tun. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Facebookbeitrag werden verschiedene Aussagen über Fötales Kälberserum getroffen: 

  • Es sei ein wichtiger Grundstoff für Medizin und Forschung.
  • Das Blut des ungeborenen Kalbes werde mittels einer Spritze abgenommen, die ins noch schlagende Herz ohne Betäubung gestochen werde. 
  • Das Serum könne mehr als „15,00 Euro pro Liter“ kosten. 
  • Der weltweite Jahresbedarf liege schätzungsweise bei etwa 800.000 Litern Kälberserum. Dafür müssten pro Jahr ein bis zwei Millionen ungeborene Kälber sterben.
  • Das Kälberserum sei „ein Hauptbestandteil“ von Nährlösungen, die „zur Aufzucht und Kultivierung von Zellen in der Zellkulturen benötigt werden“. Es werde in der Forschung und zur Herstellung von Medikamenten benötigt.

Ja, das Blut wird von Rinderföten gewonnen

Richtig ist: Fötales Kälberserum (Fetal Bovine Serum, abgekürzt FBS oder deutsch FKS) wird aus dem Blut von ungeborenen Kühen gewonnen und in der Zellforschung verwendet. In einem Video der European Serum Products Association, veröffentlicht im Mai 2019 auf dem Youtube-Kanal der französischen Firma Biowest, die Kälberserum produziert, heißt es unter anderem, das Serum werde für Impfstoffe für Menschen und Tiere benötigt, für Zell- und Gentherapie sowie Immuntherapie. 

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Berichte dazu. Mehrere große Firmen verkaufen das Serum, auch in Deutschland und Europa. Neben Biowest zum Beispiel auch der internationale Konzern Thermofisher, der mehrere Standorte in Deutschland hat. Auf den Internetauftritten der European Serum Product Association (ESPA) und der International Serum Industry Association wird aus Sicht der Produzenten über das Thema informiert. 

Informationsvideo über Fötales Kälberserum von der European Serum Products Association, veröffentlicht 2019 auf dem Youtube-Kanal der Firma Biowest. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein häufig zitierter Wissenschaftler auf dem Gebiet ist Jan van der Valk, Biomediziner an der Tiermedizinischen Fakultät der Universität Utrecht. 2017 veröffentlichte er mit zahlreichen weiteren Autoren einen Bericht mit dem Titel „Konsensbericht: Fötales Kälberserum – Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“. Das Papier entstand bei einem internationalen Workshop über das Serum und seine Alternativen unter der Leitung von Gerhard Gstraunthaler (Universität Innsbruck) und Jan van der Valk. Ausgerichtet wurde er von der Stiftung zur Förderung der Erforschung von Methoden zur Einschränkung von Tierversuchen.

Wofür wird das Serum verwendet?

Fötales Kälberserum wurde laut dem Bericht (PDF, Seite 2) in den späten 50er-Jahren eingeführt, um Zellwachstum in Zell- und Gewebekulturen zu fördern. Es wurde anschließend zur „universalen Ergänzung für menschliche und tierische Zellkulturen in Forschung, Biotechnologie und der Herstellung pharmazeutischer Produkte“. Serum-Produzenten geben an, dass Zellen „in vitro“, also in künstlichem Umfeld, ohne den Zusatz von Serum nicht gut wachsen. Obwohl es andere Serum-Quellen gebe, zum Beispiel das Blut von anderen Tierarten oder neugeborenen Kälbern, sei Serum von ungeborenen Kälbern am weitesten verbreitet, da es unter anderem sehr wenige Antikörper enthalte, heißt es in dem Workshop-Abschlussbericht. 

Die Wissenschaftler argumentieren, dass es inzwischen Alternativen zu Kälberserum gibt, die nicht von Tieren gewonnen werden. Neben dem Bericht gibt es weitere Forschungsarbeiten zu serumfreien Zellkulturen – zum Beispiel von Daniel Brunner und weiteren Autoren (2009) oder Gerhard Gstraunthaler (2003).

Leben die Föten, wenn ihnen das Blut abgenommen wird?

Die wichtigste Frage, die durch den Facebook-Beitrag aufgeworfen wird, ist die, ob die Föten noch leben, wenn ihnen Blut abgenommen wird. 

Dazu gibt es widersprüchliche Darstellungen. Die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association verweisen auf ihren Webseiten auf einen Bericht, der im Januar 2019 im Bioprocessing Journal veröffentlicht wurde. Darin wird behauptet, es handele sich bei der Annahme, die Föten würden bei der Prozedur noch leben, um einen verbreiteten Irrtum. Allerdings sind die Autoren, Ole Bødtker Nielsen and Percy W. Hawkes, nicht unabhängig. Es handelt sich bei Nielsen um den Chef des französischen Serum-Produzenten Biowest, und bei Hawkes laut den Fußnoten des Artikels um einen langjährigen Berater dieser Firma. 

Auszug aus dem Artikel aus dem Bioprocessing Journal, Januar 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

In ihrem Artikel schreiben Nielsen und Hawkes, in der Praxis werde das Blut erst entnommen, wenn der Fötus nach der Schlachtung der Kuh im Uterus erstickt sei. Das dauere etwa 15 bis 20 Minuten. Sollte es dazu kommen, dass ein Fötus noch lebe, wenn er aus dem Uterus geschnitten wird, werde er sofort betäubt und getötet und erst danach sein Blut entnommen. 

Auch der Serum-Produzent Biowest versichert auf seiner Homepage, das Blut werde erst nach dem Tod der Tiere entnommen. Zudem würden alle Standards zum Tierschutz gemäß „OIE Animal Health Code Chapter 7.5 Slaughter of Animals“ eingehalten. In diesen Richtlinien der World Organization for Animal Health steht ebenfalls, der Fötus solle im Mutterleib bleiben, bis er stirbt. Sollten Zweifel daran bestehen, ob das Tier noch bei Bewusstsein ist, solle es getötet werden. 

Auszug aus den Richtlinien der World Organization for Animal Health, bezüglich der Schlachtung von Tieren. (Screenshot: CORRECTIV)

Tierschützer zweifeln an Versicherungen der Produzenten

„Da es keine gesetzliche Regulierung gibt, lassen sich Aussagen einzelner Serumproduzenten weder verifizieren noch auf sämtliche Produzenten verallgemeinern“, so Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, in einer E-Mail an CORRECTIV. Er ist auch einer der Experten, die an dem Workshop mit Jan van der Valk teilgenommen haben. „Leider gibt es keine rechtlich verbindlichen Vorgaben, wie viel Zeit bis zur Blutentnahme vergehen muss, ebenso wenig wie es keine Vorschriften gibt, dass die Föten getötet oder zumindest betäubt werden müssen.“ 

Jan van der Valk habe erst in diesem Jahr eine Blutentnahme beobachtet, schreibt Weber weiter. Er habe „uns bestätigt, dass die Kälberföten vor der Blutentnahme weder betäubt noch getötet wurden“. Van der Valk bestätigte CORRECTIV gegenüber, Zeuge einer solchen Prozedur in den Niederlanden gewesen zu sein. In einem Artikel im Laborjournal vom 15. Juli 2019 schreibt Gerhard Gstraunthaler von der Medizinischen Universität Innsbruck zudem, die meisten Serumlieferanten befänden sich in Ländern „mit einem sehr viel geringeren Bewusstsein und niedrigeren Standards in Hinblick auf das Tierwohl und den Tierschutz“ als in der EU. 

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Der Deutsche Tierschutzbund bezeichnet die Blutentnahme für das Serum als „grausam“ und fordert, „dass fötales Kälberserum nicht mehr verwendet wird und durch serumfreie Alternativen ersetzt wird.“ Ganz ähnlich steht es auch auf der Webseite der Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Auch die Wissenschaftler und Experten um Jan van der Valk schreiben in ihrem Workshop-Abschlussbericht, dass das Blut mit einer Spritze aus dem schlagenden Herzen entnommen werde; der Fötus sei also noch am Leben (PDF, Seite 2). Dabei zitieren sie Quellen aus den Jahren 2002 bis 2005. 

Die Grausamkeit der Prozedur ist unter Wissenschaftlern und Tierschützern also Konsens. In dem Artikel im Laborjournal von Gstraunthaler heißt es: „Die Entnahme des fetalen Kälberserums ist mit Schmerzen und Stress für die Rinderföten verbunden. Dies führt regelmäßig zu ethischen Debatten.“ Gstraunthaler entwickelte laut des Artikels mit seinen Mitarbeitern ein „Thrombozyten-Lysat, das fetales Kälberserum ersetzen kann“.

Leiden die Föten bei dem Prozess?

Über die Frage, ob die Föten Schmerzen spüren können, wird ebenfalls gestritten. In einem Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA von 2017 heißt es, das „wahrscheinlichste Szenario“ sei, dass Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft neurophysisch nicht in der Lage seien, Schmerzen zu empfinden. Im selben Bericht steht aber auch, es gebe eine – wenn auch geringere – Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere leiden könnten, weshalb Maßnahmen zur Betäubung und Tötung des Fötus getroffen werden müssten.

Auszug aus den Schlussfolgerungen der EFSA zum Schmerzempfinden von Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft eines Nutztieres. (Screenshot: CORRECTIV)

Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland und Europa zur Schlachtung von Tieren im letzten Drittel der Schwangerschaft wurden mit der Begründung eingeführt, es sei nicht völlig auszuschließen, dass die Föten Schmerzen erleiden. Die EU-Richtlinie von 2010 regelt den Schutz von Tieren, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Darin heißt es, es gebe „wissenschaftliche Belege dafür (…), dass diese im letzten Drittel des Zeitraums ihrer Entwicklung einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Schmerzen, Leiden und Ängste zu empfinden (…).“

Die Theorie, dass das Gehirn eines Fötus erst durch Sauerstoffzufuhr „eingeschaltet“ werde, sei nicht bewiesen, sagt Tilo Weber vom Deutschen Tierschutzbund. Seine Organisation fordere zumindest von Serum-Produzenten in Europa einen Nachweis, dass die Tiere tot sind, bevor ihnen Blut abgenommen wird. Es handele sich dabei derzeit um eine rechtliche Grauzone. Deshalb müsse zuerst auf EU-Ebene ein „verbindlicher Rechtsrahmen zum Schutz der Kälber“ geschaffen werden, an dem sich dann Genehmigungsbehörden orientieren könnten.

Jährliche Menge des produzierten Serums ist unklar

In dem Facebook-Beitrag werden auch einige Zahlen zur Nutzung von Fötalem Kälberserum genannt. So heißt es darin, dass angeblich jedes Jahr weltweit zwischen einer bis zwei Millionen ungeborenen Kälbern 800.000 Liter Serum entnommen werden. Das Experten-Team um Jan van der Valk geht in dem Bericht von 2017 von 800.000 Litern und zwei Millionen Föten aus (PDF, Seite 2) – allerdings beziehen die Wissenschaftler sich dabei auf ältere Quellen, wie einen Bericht von 2009. Darin wiederum ist die Rede von 500.000 Litern Serum und einer Million Tiere (Seite 2) – und als Quelle wird sich auf Studien von 1999 und 2002 bezogen. 

Eine öffentlich zugängliche Primärquelle für die Zahlen konnte CORRECTIV nicht finden, lediglich einen Bericht des Spiegel von 1993. Darin ist die Rede von einem jährlichen Bedarf von 500.000 Litern und der Nutzung von zwei Millionen Rinderföten weltweit. 

Presseanfragen von CORRECTIV an die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association nach neueren Zahlen blieben unbeantwortet. Auf der Webseite der ESPA steht, das Angebot an Serum gehe immer weiter zurück, unter anderem weil immer seltener schwangere Kühe geschlachtet würden. 

Auszug aus den FAQ der European Serum Products Association. (Screenshot: CORRECTIV)

Jan van der Valk selbst antwortete auf eine Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, genaue Daten zu bekommen sei „unmöglich“, da die Serumindustrie sehr verschwiegen sei und Schlachthöfe in mehr als 30 Ländern beteiligt seien. Für einen Liter Kälberserum benötige man schätzungsweise drei bis vier Föten. Er verweist auch auf eine Faktensammlung des Peta International Science Consortium; darin heißt es, es würden jährlich 600.000 Liter Serum produziert, wofür bis zu 1,8 Millionen Föten verwendet würden.

Bei der Angabe zum Preis von Fötalem Kälberserum, die von „Schule des Lebens“ gemacht wird, ist unklar, was mit „15.00 pro Liter“ gemeint ist. Plausibel wären 1.500 Euro. Bei dem Standard-Produkt aus den USA auf der Webseite von Thermofisher sollen 50 Milliliter zum Beispiel 67,25 Euro kosten. Das wäre ein Liter-Preis von 1.345 Euro. Spezielles Serum, zum Beispiel mit niedrigerem Risiko für Viren wie BSE (Rinderwahn), liegt bei über 200 Euro für 100 Milliliter, also 2.000 Euro pro Liter.

Woher stammt das Serum?

Herkunftsländer des Serums sind nach Angaben der Konzerne Thermofisher und Biowest die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Brasilien, Mexiko, Chile und einige Länder in Europa, wie Irland, die Niederlande, Polen, Frankreich und Dänemark. Deutschland wird nirgends als Herkunftsland für Fötales Kälberserum genannt. 

Ein Sprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Däuble teilt CORRECTIV per E-Mail mit: „Nach unserem Ministerium vorliegenden Informationen wird in Deutschland kein fetales Kälberserum gewonnen. Zum Einsatz kommt es vor allem im Bereich der Forschung.“ Dieselben Aussagen hat CORRECTIV auch vom Deutschen Tierschutzbund bekommen. 

Update (30. Juli 2019): Am 30. Juli erreichte uns per Mail die Antwort der European Serum Products Association (ESPA) auf unsere Presseanfrage. Darin erklärt Generalsekretär Dirk Dobbelaere, die Anzahl von 800.000 Litern Serum pro Jahr sei der geschätzte Durchschnitt, bei dem die Serumindustrie gemeinhin übereinstimme. Die Produktionsmenge unterliege aber Schwankungen. Zudem betonte Dobbelaere, es würden nicht extra schwangere Kühe für das Serum geschlachtet; das Serum sei lediglich ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Die Föten stürben durch die Schlachtung, anschließend werde ihnen das Blut entnommen. Das sei besser, als wenn sie zu „Abfall“ würden. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Fötales Kälberserum wird von ungeborenen Kühen gewonnen und in der medizinischen Forschung genutzt. Nicht völlig geklärt ist, ob die Tiere bei der Blutentnahme immer noch leben.

Bewertung: falsch

Fake-Webseiten werben für gefährliche Abnehmpille „Ultra Keto Slim“

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Die angeblichen Wunderpillen gegen Übergewicht können gefährlich sein. (Symbolbild: stevepb/pixabay)

von Tania Röttger

Ein Video preist eine „Abnehmpille“ an, die Links führen aber zu gefälschten Nachrichtenseiten, die Werbung für die Pille machen sollen. Ein Ernährungsexperte warnt vor dem Präparat.

Seit einigen Wochen verbreiten sich Videos auf Facebook, die die angeblich bahnbrechenden Erfolge einer Tablette im Kampf gegen die Fettleibigkeit bewerben. Die Kommentare, mit denen sie geteilt werden, lauten alle ähnlich, zum Beispiel: „Ich nehme dieses Produkt seit ca. 3 Wochen und es hilft wirklich. Ich habe bisher 17 Pfund verloren.“ Dazu verlinken die Nutzer meist eine Reihe anderer Leute.

Einer der vielen Beiträge, die ein Video und dubiose Links verteilen, wohinter sich schließlich Werbung für die Abnehmpille „Ultra Keto Slim“ verbirgt. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Link im Facebook-Beitrag führt allerdings zu Webseiten, die vom Browser als unsicher eingestuft werden, und zu solchen, die aussehen wie Focus Online – wobei die Webadresse allerdings deutlich macht, dass es keine echten Nachrichtenseiten sind, zum Beispiel „www-lifedaily.com-jqnec8t8h.xyz“. 

Die Webseite sieht aus wie Focus Online, aber die URL verrät, dass es eine Fälschung ist. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf den Webseiten wird behauptet, das „Wundermittel“, das so vielen beim Abnehmen helfe, sei „Ultra Keto Slim“ und von zwei Frauen entwickelt worden, die dafür das größte Investment der amerikanischen Investment-TV-Sendung „Shark Tank“ erhalten hätten. Shark Tank ist das Vorbild der deutschen TV-Sendung „Höhle der Löwen“, in der Kandidaten versuchen, Investoren von ihren Unternehmen zu überzeugen. Weiter behaupten die Webseiten, es habe schon Berichterstattung über die Pille in Magazinen wie Time, US Weekly, New You und Shape gegeben. Unsere Recherchen ergaben: Das ist alles erfunden.

Experte: Die Pillen sind wirkungslos gegen Übergewicht und möglicherweise gefährlich

Lars Selig hat schon vom Produkt „Ultra Keto Slim“ gehört. Selig ist geprüfter Diätassistent und Leiter des Ernährungsteams an der Universität Leipzig. Solche Produkte sollen durch sogenannte Ketose beim Fettabbau helfen. Dabei sei das laut des Experten gefährlich, weil dies in den Stoffwechsel eingreife: „Die Ketose ist für uns Alarmstufe rot.“

Oft gebe es außerdem keine genaue Auflistung der Inhaltsstoffe. Ein Produkt, das er geprüft hat, wies zum Beispiel Mineralstoffe in zu hohen Dosen auf, was Herzprobleme hervorrufen könnte. Selig warnt davor, die Pillen zu nehmen. Außerdem könne es sein, dass die Produkte gefälscht sind – oder nur leere Boxen ankommen, nachdem Kunden Geld ausgegeben haben.

Falsche Namen der angeblichen Erfinderinnen

Die Frauen, die die Pille angeblich erfunden haben, sollen Schwestern sein und Emma und Sarah Martin heißen. Sie sollen Berlinerinnen sein. Die beiden angeblichen Unternehmerinnen haben aber keine durch Google auffindbaren Social-Media Accounts. 

Eine Bildersuche zeigt: Das Bild der beiden Frauen aus dem Fake-Focus-Artikel wurde in ähnlichen Artikeln auf Fake-Webseiten in Englisch verwendet, allerdings in Verbindung mit anderen Namen: Anna und Samantha Martin, statt Emma und Sarah Martin. Auch von ihnen finden sich keine passenden Social-Media-Profile. 

Eine englische Webseite, deren Webadresse nicht zum Logo passt, benutzt dasselbe Bild der Schwestern, aber andere Namen. (Screenshot: CORRECTIV)

Einem anderen Bild, einem Screenshot aus der Sendung „Shark Tank“, zufolge heißen die Frauen Kara Haught und Shelly Hyde. Sie sind tatsächlich Schwestern und in der TV-Show aufgetreten, in der dritten Episode der achten Staffel, die am 7. Oktober 2016 ausgestrahlt wurde. Allerdings wollten sie keine Investoren für Diätpillen finden, sondern für die Badeanzüge ihrer Firma „Raising Wild“.

Die richtigen Namen der abgebildeten Frauen sind Kara Haught und Shelly Hyde. Dieses Bild aus der Sendung „Shark Tank“ taucht in der Bildersuche bei Yandex auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Youtube gibt es ein Video ihres Auftritts.

Keine Medienberichte über die „Wunderpille“

Auf den Webseiten des Time Magazine, US Weekly, New You oder Shape tauchen zudem keine Berichte über das Produkt auf. 

Google-Suchen ergaben keine Treffer auf den Seiten der Medien, die angeblich schon über das Produkt berichtet haben. (Screenshots: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Die Webseiten sind gefälscht, was dort über die Abnehmpille steht, ist erfunden, das Produkt ist wirkungslos gegen Übergewicht.

Bewertung: teilweise falsch

Nein, Privatpatienten werden bei Organspenden nicht bevorzugt behandelt

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Moment warten laut Gesundheitsministerium 9.400 Patienten auf eine Organspende. (Symbolbild: pixabay)

von Tania Röttger

Ein Facebook-Beitrag verbreitet die Behauptung, Privatpatienten würden bei der Organspende bevorzugt. Die verlinkte Quelle sagt genau das Gegenteil aus.

Die Facebook-Seite „Medizin heute“ veröffentlichte das Bild am 6. Juni. Die Behauptungen: „Kassenpatienten werden zu Organspendern von Privatpatienten“, „Bald wird jeder deutsche Bürger automatisch zum Organspender, wenn er nicht schriftlich Widerspruch einlegt“ und „Privatpatienten werden auch bei Organspenden Kassenpatienten deutlich bevorzugt“.

Dazu ist eine angebliche Quelle angegeben, ein Link zum Stern. Der Artikel erschien vor mehr als 6 Jahren, am 5. September 2012.

Außerdem stehen die Behauptungen dort nicht drin, im Gegenteil: Der Stern entkräftet genau die Behauptung, Privatpatienten würden bei Organspenden bevorzugt. Mit der Quellenangabe wird anscheinend versucht, dem Bild Glaubwürdigkeit zu verleihen, in der Hoffnung, dass Facebook-Nutzer den Link aber nicht klicken sondern den Beitrag einfach teilen, was bisher mehr als 300 getan haben.

(Screenshot: CORRECTIV)

Erhalten Privatpatienten mehr Organspenden als gesetzlich Versicherte?

 

Hintergrund des Stern-Artikels: Im Jahr 2012 gab Gesundheitspolitiker der Grünen, Harald Terpe, bekannt, er habe errechnet, dass mehr privat Versicherte Organspenden erhielten als gesetzlich Versicherte. Faktenchecks wie der des Sterns, aber auch des Spiegels, widerlegten die Behauptung damals. Der Politiker habe Daten falsch interpretiert, war das Fazit.

Tatsächlich war das Verhältnis ungefähr so, wie auch die Verteilung der zwei Versicherungssysteme ist. Demnach gibt es ungefähr neun Prozent privat Versicherte, und auch von den Empfängern der Organspenden waren ungefähr neun Prozent privat versichert. Außerdem würden mehr Privatversicherte auf den Wartelisten für Organe sterben.

Sterberaten im Vergleich zwischen Privat- und Kassenpatienten. (Visualisierung auf Basis der Daten von Eurotransplant: Spiegel; Screenshot: CORRECTIV)

Auf Anfrage schickte uns Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation die aktuelle Verteilung der Zahlen zu. Daraus geht hervor, dass gesetzlich Versicherte sogar leicht überrepräsentiert sind unter den Empfängern von Organspenden.

Verteilung von privat- und gesetzlich Versicherten unter den Empfängern von Organspenden. Zahlen für die Jahre 2004 bis 2018 (Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation)

Dass Organe von Kassenpatienten an Privatpatienten gehen, ist natürlich möglich und auch wahrscheinlich, weil es deutlich mehr Kassenpatienten gibt. Das ist aber keine neue Entwicklung und hat mit den anderen Behauptungen nichts zu tun.

Aktuelle Debatte über Organspende

 

Aktuell gibt es Bestrebungen, ein anderes Organspende-System einzuführen, durch das Menschen automatisch Organspender sind, es sei denn, sie widersprechen. Dieser Vorschlag kommt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), einzelne Politiker der SPD, Linke und CSU tragen ihn mit.

Die Idee: Menschen sollen zunächst Informationen erhalten, danach werden sie als Organspender registriert, außer sie widersprechen. Wenn eine Person stirbt, werde auch das Umfeld gefragt, ob die Person der Organspende zu Lebzeiten widersprochen habe. Das letzte Wort hätte also gegebenenfalls die Familie. Das nennt sich „doppelte Widerspruchslösung“.

Die Begründung für den Gesetzentwurf von März 2019 ist, dass 9.400 Patienten auf eine Organspende warten, im Jahr 2018 aber nur 955 Organe gespendet wurden. In Deutschland hätten 36 Prozent der Bevölkerung einen Spendeausweis, obwohl einer Umfrage zufolge 84 Prozent bereit wären, zu spenden.

Ein Gegenentwurf kommt von Politikern der Grünen, und der FDP, den auch einzelne CDU und SPD-Politiker mittragen. Sie haben am 6. Mai 2019 einen Gesetzentwurf vorgestellt, mit dem die Spendebereitschaft gefördert werden soll, indem Menschen ihre Entscheidungen leichter dokumentieren lassen können.

Anmerkung, 2. Juli 2019: Wir haben eine Stelle im Text angepasst um richtig zu stellen, dass die Deutsche Stiftung Organtransplantationen Zahlen der transplantieren Patienten nach Privat- und gesetzlicher Versicherung zur Verfügung hat. Wir haben auch die Statistik dazu aktualisiert. Bei der ursprünglichen Veröffentlichung dieses Faktenchecks hatten wir von der Stiftung zunächst die Zahlen bis 2015 erhalten.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Privatpatienten bei Organspenden bevorzugt werden. Die angegebene Quelle ist veraltet und beschreibt genau das Gegenteil von dem, was sie belegen soll.

Bewertung: falsch

Nein, Jens Spahn erklärt Organe nach dem Tod nicht zum Staatseigentum

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Osa3702
Foto: Universitaetsmedizin [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

von Hüdaverdi Güngör

Ein Artikel des Berliner Express behauptet, Gesundheitsminister Jens Spahn habe gesagt, „Organe sind nach dem Tod Staatseigentum“. Doch die Zitate sind frei erfunden.

Die BerlinerExpress, der sich selbst „Online-Satire-Seite“ nennt, veröffentlichte am 15. April einen Artikel mit dem Titel: „Spahn: ‘Organe sind nach dem Tod Staatseigentum’“. Mehrere Facebook-Seiten und -Nutzer greifen den Artikel auf und verbreiten ihn. Zu ihnen gehören Seiten wie „Pflegekräfte – Helden der Neuzeit“, aber auch „AFD HERNE. ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND“. Insgesamt wurde der Artikel mehr als 2000 Mal auf Facebook geteilt. Wir haben uns die Sache angesehen.

Der Artikel sorgte für Aufsehen. Screenshot: CORRECTIV

Problematische Satire

In dem Artikel wird mehrfach Gesundheitsminister Jens Spahn zitiert. Konkret geht es um Organspenden und einen möglichen Handel ins Ausland. Die Aussagen aus dem Interview lassen viele Menschen in den Kommentarspalten wütend werden; für sie wird nämlich nicht deutlich, dass es sich um Satire handelt. Eine Person schreibt zum Beispiel: „Bin ich Leibeigentum vom Staat? Noch bin ich für mich selbst verantwortlich und was meins ist bleibt meins, dafür sorge ich schon!!!“.

Der Satire-Artikel lässt viele Menschen wütend werden. Screenshot: CORRECTIV

Wir berichteten bereits darüber, warum es schwer sein kann, die Satire  des Berliner Express erkennen. Im Artikel selbst ist kein Hinweis dafür zu finden, dass es sich um Satire handelt. Erst in der Rubrik „Über uns“ wird man fündig. Dort heißt es:„Wir finden auch, dass es zu wenig Online-Satire und zu wenig überspitzte Kritik am herrschenden (politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) System gibt. Dem wollen wir mit unserem ‘Berliner Express’ entgegentreten.“

Erst in der Kategorie „Über uns“ wird deutlich, dass es sich um Satire handelt. Screenshot: CORRECTIV

Erschwerend hinzu kommt, dass einige Facebook-Seite in ihren Beiträgen ebenfalls nicht auf die Satire hinweisen. Zu den Personen zählt in diesem Fall unter anderem der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Stadler. Er schreibt zum Artikel auf Facebook :„Übernehmen Sie dann auch gleich die Bestattungskosten Herr Spahn?“. Es wird nicht deutlich, ob Stadler selbst erkannt hat, ob es sich dabei um Satire handelt.

Ralf Stadler teilte ebenfalls die Meldung. Screenshot: CORRECTIV

Gesetzesentwurf von Spahn

Anlass für die Satire war mutmaßlich ein neuer Gesetzentwurf, den der Gesundheitsminister Anfang April vorlegte. Laut Spiegel sind die wichtigsten Punkte des Gesetzes, dass künftig alle Personen ab 18 Jahren als Organspender registriert werden, sofern sie dem nicht widersprechen. Im Zweifel auch Angehörige entscheiden können, wenn sie belegen können, dass die Person, die Organe nicht spenden wollte.

Unsere Bewertung:
Jens Spahn hat sich nie so zu Organspenden geäußert. Das Zitat ist frei erfunden.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, iPhone-Besitzer sind nicht automatisch als Organspender registriert

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Der vermeintliche Beleg für die Behauptung (Screenshot CORRECTIV)

von Simon Wörz

Eine Facebook-Seite behauptet, dass sich iPhone-Besitzer automatisch zur Organspende bereit erklären, wenn sie das nicht manuell in den Einstellungen ändern. CORRECTIV hat die Behauptung geprüft.

Die öffentliche Facebook-Seite „Philipp Gölitz“ teilte am 3. April einen Beitrag mit mehreren Bildern, der darauf hinweist, dass sich Besitzer von iPhones aufgrund der Voreinstellungen des sogenannten „Notfallpass“ automatisch zur Organspende bereit erklären würden. Die Bilder zeigen Screenshots von iPhone-Benutzeroberflächen sowie eine Artikelüberschrift und einen kurzen Textabschnitt.

In dem Textteil heißt es unter dem Titel „Für Iphone-Besitzer: Dein Handy macht Dich zum Organspender und Du weißt es nicht?“ über den Notfallpass: „Von Werksseite ist da eingetragen, dass Du Organspender bist. Das musst Du selbst von Hand in ‘kein Organspender’ ändern, wenn du nicht spenden willst.“ Die Passage stammt aus einem Artikel von der Webseite Connectiv, den die Seite  „Philipp Gölitz“ ebenfalls im Beitrag verlinkt.

Der Beitrag der Seite „Philipp Gölitz“ auf Facebook (Screenshot CORRECTIV)
Der Textausschnitt in dem verlinkten Artikel der Webseite Connectiv (Screenshot CORRECTIV)

Facebook-Nutzer warnen vor voreingestellter Zustimmung zur Organspende

Die österreichische Faktencheck-Initiative Mimikama hat sich bereits mit dem Artikel von Connectiv auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass die Einverständniserklärung im Notfallpass von Apple nur in den USA funktioniere. In den Kommentaren unter Gölitz’ Facebook-Beitrag widersprechen dem jedoch einige Nutzer und behaupten das Gegenteil.

Kommentare unter dem Facebook-Beitrag der Seite „Philipp Gölitz“ (Screenshot CORRECTIV)

In den USA ist das Registrieren als Organspender per iPhone möglich

Auf Anfrage von CORRECTIV antwortete Apple: „Alle Felder des Notfallpasses, das der Organspende eingeschlossen, sind standardmäßig leer. Die Felder müssen ausgefüllt werden. Das kann man beim Einrichten des Notfallpasses machen.“ In den Vereinigten Staaten gilt der Notfallpass bei Apple-Geräten seit der Einführung des Betriebssystems iOS 10 im Jahr 2016 als offizielle Einwilligung beziehungsweise Widerspruch zur Organspende. In Deutschland und anderen Ländern dagegen erscheine das einfache Label „Organspender“. Auf seiner Support-Seite informiert Apple, wie der Notfallpass in der Health-App eingerichtet werden kann.

Auszug aus der Mail-Antwort von Apple (Screenshot CORRECTIV)

In Deutschland findet keine Registrierung von Spendern statt

Wer in Deutschland seine Organe zur Spende freigeben möchte, muss nach dem Transplantationsgesetz §3 (1) davor der Entnahme zugestimmt haben. Diese Zustimmung oder Ablehnung kann per Organspendeausweis, Patientenverfügung oder als formlose Erklärung mit Unterschrift festgehalten werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) weist auf einer Infoseite  zur Organspende allerdings ausdrücklich darauf hin, dass es „bei der Organ- und Gewebespende keine Registrierung der Spender gibt.“

Die BZgA informiert im Netz über die Rahmenbedingungen einer Organspende (Screenshot CORRECTIV)

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Ein Eintrag im Notfallpass ist keine offizielle Einwilligung

Eine Anfrage von CORRECTIV beantwortete die BZgA wie folgt: „Der Eintrag der Entscheidung in einem Smartphone (egal in welcher App) ist keine offizielle Einwilligung, da die Unterschrift fehlt. […] Durch den Eintrag in einem Smartphone wird ein Mensch demnach nicht automatisch zum Organspender. “

Die Antwort der BZgA (Screenshot CORRECTIV)

Aktueller Kontext: Am 1. April hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gemeinsam mit der SPD und der Linken einen Vorschlag für die sogenannte doppelte Widerspruchslösung präsentiert. Das Modell besagt, dass jeder Bürger und jede Bürgerin sich zur Organspende bereit erklärt, wenn dagegen kein Widerspruch eingelegt oder ein „anders lautender Wille“ geäußert wurde. Dazu sollen fraktionsübergreifende Gruppen nun Anträge erarbeiten, über die der Bundestag laut Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums debattieren und schließlich abstimmen wird.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland gilt ein App-Eintrag nicht als offizielle Einwilligung zur Organspende, „da die Unterschrift fehlt“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In den USA ist eine nationale Registrierung als Organspender mit dem iPhone möglich.

Bewertung: teilweise falsch

Falsche Details in Bericht über neue Behandlungsmethode für Brustkrebs

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In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt (Symbolbild: Marcelo Leal/Unsplash)

von Simon Wörz

Ein Artikel der Webseite „Mutter Natur“ berichtet von einer neuen Behandlungsmethode für Brustkrebs. Ohne Chemotherapie würden bösartige Tumore innerhalb von nur elf Tagen zerstört. Stimmt das? CORRECTIV hat bei Experten nachgefragt.

Die Webseite Mutter Natur veröffentlichte am 26. September 2018 einen Artikel mit dem Titel „Nachricht des Tages: Wissenschaftler zerstörten Brustkrebs-Tumore in 11 Tagen ohne Chemo!“. In dem Text wird behauptet, dass der britische Wissenschaftler Nigel Bundred eine Behandlungsmethode für „einige Arten von Brustkrebs“ entdeckt habe, die für das komplette Verschwinden der Krebszellen oder zumindest eine Verkleinerung des Tumors sorge. Eine Chemotherapie oder ein operativer Eingriff seien dafür nicht nötig.

Am 5. März 2019 teilte die Facebook-Seite „Mutter Natur“ den Link zu dem Artikel. Der Post wurde bis heute 642 Mal geteilt.

Der Artikel wurde auf Facebook hundertfach geteilt. (Screenshot CORRECTIV)

Britische Forscher haben die Methode in einer Studie untersucht

Auf Nachfrage von CORRECTIV zu der Authentizität des Artikels verweist Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft auf die sogenannte EPHOS-B-Studie: „Die Studie hat gezeigt, dass Frauen mit HER2-positiven Tumoren präoperativ unter Lapatinib und Trastuzumab eine schnellere und umfangreichere Remission haben als mit Trastuzumab alleine, so Mugele. Auf diese Studie bezieht sich offenbar auch Mutter Natur, ohne jedoch den Namen der Studie zu nennen oder darauf zu verlinken.

Die EPHOS-B-Studie wurde in Großbritannien durchgeführt und das erste Mal bei der Europäischen Brustkrebskonferenz im März 2016 in Amsterdam vorgestellt. Auf der Webseite der European Cancer Organisation (ECCO) gibt es dazu eine Pressemitteilung.

Forscher: weitere Bestätigung der Ergebnisse notwendig

Professorin Judith Bliss, leitende Forscherin des Institute of Cancer Research, London, das die Studie mit leitete, wird darin folgendermaßen zitiert. „Diese Ergebnisse zeigen, dass wir einen frühen Hinweis auf eine pathologische Reaktion innerhalb von elf Tagen, in Abwesenheit einer Chemotherapie, bei diesen Patienten auf Kombinationsbehandlung erhalten können. Die meisten bisherigen Studien haben sich erst nach mehrmonatiger Behandlung mit dem pathologischen Ansprechen beschäftigt.“

Weiter betont Bliss in der Pressemitteilung: „Diese Ergebnisse bedürfen eindeutig weiterer Bestätigung, aber ich vermute, die Begeisterung darüber, wie schnell die Tumore verschwinden, wird dazu führen, dass mehrere Studien versuchen werden, diese Ergebnisse zu bestätigen.” Britische Medien wie The Guardian und The Telegraph berichteten über die Ergebnisse der Studie.

Pressemitteilung der European Cancer Organisation (ECCO) (Screenshot CORRECTIV)

Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen

Im Artikel von Mutter Natur wird behauptet, mit der Methode würden die Nebenwirkungen einer Chemotherapie wie Haarausfall, Erbrechen und Müdigkeit vermieden „wodurch die Behandlung weniger auf den Körper wirkt“. Stimmt das?

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: Eine Therapie mit zielgerichteten Medikamenten wie Lapatinib oder Trastuzumab, vor allem in Kombination, haben eine Reihe von möglichen Nebenwirkungen und ‘ohne Chemo’ bedeutet nicht automatisch auch ‘ohne Nebenwirkungen’“.

Nebenwirkungen seien vor allem Schäden am Herzen, toxische Wirkung im Magen-Darm-Trakt und in der Leber, Hautausschlag, Polyneuropathie.

Die Behauptung im Text von Mutter Natur, die Behandlung wirke weniger auf den Körper, ist also pauschal nicht richtig.

Die Antwort von  Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft. (Screenshot CORRECTIV)

Behandlung nur bei HER2-positiven Brustkrebs

Die beschriebene Art der Behandlung wurde in der Studie nur für Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Auch Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft, betont, „Es geht hier nur um die Behandlung von Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs, also nicht für alle Frauen mit Brustkrebs“. Die im Artikel geäußerte Aussage, die Behandlungsmethode würde einige Arten von Brustkrebs zerstören, ist demnach nicht korrekt.

Außerdem betonte die Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: „Es gibt keine ‘One-fits-all’ – Lösung, vielmehr muss die Behandlung  individuell auf die Charakteristika der jeweiligen Patientin abgestimmt werden. Es kommt immer auf die genaue Tumorbiologie, die Vorbehandlungen und auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Patientin an.

Die Behandlung wird in Deutschland bereits in der Praxis eingesetzt

In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt, so Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen, auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Methode werde bei bereits vorbehandelten Patienten angewandt, wenn Trastuzumab +/- Pertuzumab als doppelte Antikörper-Blockade nicht mehr wirksam ist oder Kadcyla nicht ausreicht.

Die Antwort von Prof. Dr. Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. (Screenshot CORRECTIV)

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Falsch: Herceptin ist auch ohne Chemotherapie zugelassen

Im letzten Abschnitt des Artikels von Mutter Natur steht: Das Problem ist derzeit jedoch, dass die Herceptin-Lizenzierung nur für den Einsatz neben der Chemotherapie erlaubt ist und nicht zur Verwendung alleine.“ Diese Aussage ist falsch.

Eine falsche Passage aus dem Artikel von „Mutter Natur “ (Screenshot CORRECTIV)

Herceptin ist auch in Kombination mit einem Aromatasehemmer zugelassen“,  betont Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. Diese Aromata blockieren die Produktion von Östrogen. Die Europäische Kommission erteilte 2007 die Zulassung für diese Kombination.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Studie gibt es. Sie hat aber nur die Behandlung bei HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Nebenwirkungen sind möglich.

Bewertung: unbelegt

Keine Belege für Behauptungen über Glyphosat in Tampons

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Glyphosat in Tampons: eine erschreckende Vorstellung – jedoch ohne wissenschaftliche Belege. (Bild: Eme / Pixabay)

von Tania Röttger

Seit Jahren erscheinen immer wieder verstörende Artikel, die behaupten, 85 Prozent der Tampons enthielten Glyphosat. Wir haben den Ursprung der Behauptung gefunden, aber keine Belege dafür.

Der Artikel „Krebs-Epidemie: 85% der Tampons enthalten krebsverursachendes Glyphosat“ erschien im November 2018 auf der Webseite Unser Planet. Gerade wird er wieder auf Facebook geteilt, insgesamt bereits mehr als 2700 Mal.

Wer nach der Behauptung sucht, dass 85 Prozent der Tampons Glyphosat enthalten, stößt auf die Aussagen des argentinischen Forschers Damian Marino. Er gehört der Universität La Plata an. Am Rande einer Konferenz im Oktober 2015 sagte er das laut einem Medienbericht und einem Facebook-Post.

Das Problem: Eine Studie dazu findet sich nicht. Im selben Jahr (Juli 2015) kam allerdings eine Studie über Glyphosat heraus, an der Damian Marino mitgearbeitet hat.

Dabei ging es um Glyphosat und dessen Abbauprodukt AMPA in Grund- und Abwasser, nahe landwirtschaftlich genutzten Flächen. Glyphosat wird unter anderem im Baumwollanbau eingesetzt, Tampons bestehen aus Baumwolle.

Es ist möglich, dass  die Forscher im Rahmen der Studie Tampons getestet haben, allerdings stehen etwaige Ergebnisse und Methodik nicht im veröffentlichten Text. Auch in seinen anderen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zwischen 2013 und 2018, in denen es um Glyphosat und AMPA ging, kamen Baumwoll-Produkte nicht vor.

Marino belegt seine Aussage nicht

Wir haben über die Universität den Kontakt von Damian Marino erhalten und ihn gefragt, ob er seine Aussage mit einer Studie belegen kann. Er antwortete, dass er gerade viel zu tun habe. Wir schrieben ihm noch zwei Mal, bekamen aber keine Antwort. Der Forscher konnte seine Behauptungen also nicht mit einer veröffentlichten Studie belegen.

Daher ist die Aussage nicht überprüfbar, weil nicht klar ist, was die Belege dafür sind. Relevant wäre zum Beispiel, wie viele Tampons getestet wurden und wie.

Das ist anscheinend keinem Medium aufgefallen – weder der Webseite Unser Planet, noch Russia Today noch der Taz – die alle im Jahr 2015 über die Aussagen von Damian Marino berichteten, und sie als Studienergebnisse darstellten, anscheinend ohne zu prüfen, ob es dafür Belege gibt. Die Cosmopolitan schreibt gar von „mehreren Studien“, die  „in 85 Prozent aller Damen-Monatshygiene-Artikel Glyphosat nachgewiesen“ hätten – doch die Studien sind nirgends zu finden.

So bleibt der Mythos bestehen. In einem Taz-Artikel von August 2018 stand zum Beispiel wieder: „Im Jahr 2015 fand ein Forscherteam der argentinischen Universität La Plata in einem Großteil konventioneller Tampons und Binden Glyphosatrückstände.“

Untersuchungen in Deutschland?

Tampons gelten nicht als medizinische oder kosmetische Produkte, und werden deshalb nicht regelmäßig von staatlichen Instituten geprüft.

Allerdings hat das Bayerische Gesundheitsamt im Jahr 2016 „Hygieneartikel aus Baumwolle“ auf Glyphosat und AMPA getestet. Insgesamt 25 Proben, darunter Damenhygieneprodukte, Wattepads und Windeln. In drei Proben haben die Forscher Glyphosat und AMPA gefunden,wie eine Sprecherin der Behörde per Email mitteilte. Die höchsten Werte hatten demnach Bio-Wattepads, die 0,512 mg/kg Glyphosat und AMPA enthielten.

Email vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Für die Bewertung gingen die Ergebnisse an das Bundesamt für Risikobewertung. Das Amt hat sich schon oft mit Glyphosat beschäftigt. Demnach war der Gehalt von Glyphosat und auch die Aufnahme über die Haut sehr gering – nämlich „mehrere Größenordnungen unter der duldbaren täglichen Aufnahmemenge“, wie das Bundesamt für Risikobewertung auf Anfrage per Email schreibt.

Email vom Bundesamt für Risikobewertung

Das Magazin Ökotest testet immer mal wieder Tampons. Einmal hat die Redaktionauf Grund einer Leseranfrage Tampons auch nach Glyphosatrückständen untersucht, allerdings keine gefunden. Daher habe man das nicht mehr weiter getestet, wie eine Pressesprecherin des Verlags auf Anfrage schreibt.

Email von Ökotest

Das heißt: In den Fällen, in denen in Deutschland Tampons auf Glyphosat untersucht wurden, traf die Aussage, dass 85 Prozent mit Glyphosat verseucht seien, nicht zu.

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Unsere Bewertung:
Unbelegt. Seit 2015 hält sich die Behauptung, 85 Prozent der Tampons enthielten Glyphosat. Das ist jedoch mit keiner Studie belegt worden.

Bewertung: größtenteils falsch

Wie ein Szene aus „Dr. House“ von Abtreibungsgegnern genutzt wird

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Ein ungeborenes Baby berührt die Hand eines am offenen Bauch der Mutter operierenden Arztes – die Szene zeigt keine echtes Ereignis, sondern wurde einer US-Fernsehserie entnommen. (Symbolbild, Foto von Arseny Togulev / unsplash)

von Caroline Schmüser

Ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch, als das ungeborene Baby plötzlich nach seinem Finger greift. Ein solches Video teilte ein Nutzer auf Facebook, darüber die Worte: „Stop Abortion“ – „Stoppt Abtreibungen“. Ist das Video echt? CORRECTIV hat recherchiert.

Am 18. Dezember 2018 teilte ein Facebook-Nutzer ein Video, das angeblich eine Abtreibung zeigen soll. Die Szene spielt sich scheinbar in einem OP-Saal ab, ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch. Plötzlich greift der ungeborene Fötus mit seiner Hand den Finger des Arztes. Unterlegt ist das Video mit dramatischer Musik.

„Abtreibung bis zum 9. Monat?!?“, fragt der Nutzer, der das Video auf Facebook veröffentlichte. „Ich sage NEIN denn das ist Mord!“ Der Facebook-Nutzer kommentierte das Video außerdem mit folgendem Hashtag: #SPDNeinDanke.

Dieses Video, das ein Facebook-Nutzer am 18. Dezember auf Facebook teilte, zeigt eine Szene aus der Fernsehserie Dr. House und zeigt keine Abtreibung. (Screenshot von Correctiv)

Video zeigt Szene aus US-Fernsehserie „Dr. House“

Das Video zeigt keine echte Operation oder Abtreibung, sondern eine Szene aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Dr. House“. Die Hauptfigur der Serie, der Arzt Dr. Gregory House, löst als brillanter Diagnostiker und Spezialist für Infektionskrankheiten schwere medizinische Fälle.

Die Szene im Video stammt aus der 17. Folge der dritten Staffel, die den Titel „Erster Kontakt“ trägt. Der Plot: Eine Schwangere wird mit unerklärlichem Krankheitsbild ins Krankenhaus eingeliefert. Dr. House findet schließlich heraus, dass das ungeborene Kind unter einer stark vergrößerten Blase leidet und der Körper der Mutter die Symptome des Kindes widerspiegelt. Während der lebensrettenden Operation berührt das ungeborene Baby die Hand von Dr. House. Eine Abtreibung wird in der Szene nicht dargestellt.

Doch wieso bringt der Facebook-Nutzer das Video mit der SPD in Zusammenhang?

SPD-Jugendorganisation forderte vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

Hier ist der politische Kontext wichtig: Die Jugendorganisation der SPD – die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos – hielt vom 30. November bis 2. Dezember 2018 ihren Bundeskongress ab. Die Jusos forderten dort mehrheitlich die vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – durch die Streichung der Paragrafen 218 bis 219b aus dem Strafgesetzbuch. Denn: Schwangerschaftsabbrüche sind laut dem deutschen Strafgesetzbuch illegal und nur unter Einhaltung bestimmter Bedingungen straffrei.

Mit dieser Forderung geht die Jugendorganisation der SPD weiter als ihre Mutterpartei: Die SPD hatte zunächst nur die Streichung des sogenannten „Werbeparagrafen“ 219a gefordert, die Union hielt dagegen. Schließlich einigten sich die Koalitionsparteien im Dezember auf eine Kompromisslösung zur Lockerung des Werbeverbots, die im Februar vom Bundestag beschlossen wurde.

Die Jusos verlangen mit ihrer Forderung auch die Streichung des Paragrafen 218a. Dieser besagt unter anderem, dass ein Abbruch nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei durchgeführt werden kann.  

Verschiedene Webseiten behaupteten im Anschluss an den Bundeskongress der Jugendpartei, die Jusos hätten sich mit ihrem Vorschlag für Schwangerschaftsabbrüche bis zu einem Tag vor der Geburt ausgesprochen. Das ist falsch, wie CORRECTIV bereits am 14. Dezember in einem Faktencheck berichtete.  

Beschlossen die Jusos eine Regelung zur Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat?

„Wer das behauptet verdreht mutwillig die Tatsachen“, antwortete der Pressesprecher der Jusos im Dezember auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Jusos würden lediglich erreichen wollen, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr als Straftatbestand gelten.

Damit würde zwar zunächst die aktuell geltende Drei-Monats-Frist wegfallen – was danach bezüglich der Fristen von Schwangerschaftsabbrüchen geregelt würde, stehe hingegen auf einem anderen Blatt. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir gefordert, Beendigungen müssten im letzten Monat stattfinden.“

Kevin Kühnert, der Vorsitzende der Jusos, äußerte sich im Handelsblatt ähnlich: „Rechtsradikale jedweder Couleur tragen (…) die Lüge in die Welt, die Jusos wollten Abbrüche bis in den neunten Schwangerschaftsmonat ermöglichen. Nichts dergleichen wollen wir, nichts dergleichen haben wir beschlossen.“ Kühnert gab aber zu: es sei naiv gewesen, keinen konkreten Vorschlag zu einer Neuregelung zu unterbreiten.

Wie könnte eine Neuregelung aussehen, und wo soll sie festgeschrieben werden?

Im Beschluss zur Legalisierung der Schwangerschaftsabbrüche fordern die Jusos eine Neufassung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Darin sollten sich nach einer Streichung der Paragrafen 218 und 219 im Strafgesetzbuch auch die Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche wiederfinden. „Dort wäre auch Raum für eine neue Fristenlösung“, teilte der Pressesprecher der Jusos CORRECTIV mit. Es werde dafür Vorschläge von den Jusos geben.

Juso-Vize-Vorsitzende Katharina Andres beispielsweise sprach sich in einem Interview mit der Welt für eine Frist aus – diese solle jedoch deutlich länger sein als aktuell. „Denkbar wäre etwa die 22. Schwangerschaftswoche. Ab diesem Zeitpunkt ist der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig.“ Die 22. Schwangerschaftswoche liegt im sechsten Monat.

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Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Video entstammt einer Fernsehserie und zeigt keine Abtreibung. Die SPD sprach sich nicht für Schwangerschaftsabbrüche bis zum neunten Monat aus. Ihre Jugendorganisation beschloss zwar eine Forderung zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Möglichkeit einer Abtreibung bis zum neunten Monat ist aber nicht Teil des Beschlusses.

Bewertung: falsch

Diese afghanischen Mädchen waren nicht schwanger, sondern litten an schwerer Krankheit

Schwangere Mädchen 6
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Schwangere Mädchen 6
Diese beiden Mädchen sind nicht schwanger, wie von einem Facebooknutzer fälschlicherweise behauptet. (Screenshot von Correctiv)

von Caroline Schmüser

Derzeit verbreiten sich auf Sozialen Netzwerken Fotoaufnahmen zweier kleiner Mädchen mit dicken Bäuchen. Die Behauptung: Die Kinder seien schwanger. Das ist falsch. CORRECTIV konnte den Ursprung der Bilder rekonstruieren.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 18. Januar eine Collage, darauf zu sehen sind drei Fotoaufnahmen. Zwei der Bilder zeigen jeweils ein Mädchen, beide mit dicken, geschwollen Bäuchen. Die Mädchen werden augenscheinlich von Doktoren untersucht.

Ein Facebook-Nutzer behauptet, die Mädchen auf den Fotos seien schwanger – das ist aber falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine weitere Fotografie zeigt das Titelblatt einer BILD-Ausgabe, der Titel: „Höchstes Gericht zweifelt Verbot von Kinder-Ehen an!“ Der Hintergrund: Seit Juli 2017 werden durch eine Gesetzesänderung alle im Ausland geschlossenen Ehen von unter 16-Jährigen in Deutschland automatisch annulliert – für Altfälle gibt es Übergangsvorschriften. Der Bundesgerichtshof zweifelt nun an, ob die neue Regelung mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

Indem der Facebooknutzer die Fotoaufnahmen der Mädchen mit dem Artikel der BILD-Zeitung in Zusammenhang setzt, suggeriert er, diese seien schwanger. Stimmt das? CORRECTIV konnte den Ursprung der Bilder zurückverfolgen.

Bilder wurden in einem Krankenhaus in Kabul aufgenommen

Auf den Fotos ist eine Kennzeichnung der Bilddatenbank „Getty Images“ zu erkennen. Als Fotograf wird Raphael Gaillarde genannt. Über diese Informationen konnten wir die Bilder in der Bilddatenbank finden. Aufgenommen wurden die beiden Fotos am 27. Mai 2003 in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.

Laut Bildbeschreibung entstanden die Aufnahmen während eines Besuchs von Bernadette Brick, der Gattin des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac, in Kabul. Brick besuchte dort unter anderem das „Hospital of Mother and Child“, das mittlerweile den Namen „French Medical Institute for Mothers and Children“ trägt. Auf dem Bild ist auch der französische Gefäßchirurg Dr. Éric Chaysson zu sehen.

„Dieses Kind ist eines derer, die zur besseren Behandlung ihres Falls in das Pariser Pompidou-Krankenhaus gebracht werden“, heißt es unter den Fotoaufnahmen auf Getty Images weiter. Die Rede ist vom Pariser Krankenhaus Georges Pompidou. Die Wortwahl des Fotografen lässt bereits darauf schließen, dass die Mädchen unter einer Krankheit leiden.

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Bäuche füllten sich wegen Herzversagen mit Flüssigkeit

Ins Leben gerufen wurde das Krankenhaus in Kabul von der französischen Hilfsorganisation „La Chaîne de l’Espoir“. Diese hatte bereits am 18. Januar 2019 auf die Falschmeldungen zu den Fotoaufnahmen reagiert.

„Diese kleinen afghanischen Mädchen litten an einem lebensbedrohlichen Herzversagen“, schreibt „La Chaîne de L’Espoir“ auf Twitter. Die Krankheit habe dazu geführt, dass sich in den Bäuchen der Kinder Flüssigkeit gesammelt hätte – der Grund für die riesigen Bäuche. Dank der Organisation konnten die Kinder operiert werden. Bilder der Operation lassen sich ebenfalls auf Getty Images finden.

Mit diesem Tweet machte die Hilfsorganisation „La Chaîne de L’Espoir“ auf die Falschmeldung aufmerksam. (Screenshot: CORRECTIV)

Update, 28. Februar: In einer vorherigen Version des Textes haben wir geschrieben, mit dem neuen Gesetz gegen Kinderehen würden alle im Ausland geschlossenen Kinderehen in Deutschland unwirksam. Das ist ungenau. Eine automatische Annullierung findet nur dann statt, wenn mindestens einer der Ehepartner bei Eheschließung unter 16 Jahren war. Für Altfälle gelten außerdem Ausnahmeregelungen. Wir haben den Fehler im Text korrigiert.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Mädchen waren nicht schwanger. Sie litten unter Herzversagen. Aufgrund der Krankheit füllten sich ihre Bäuche mit Flüssigkeit.

Bewertung: größtenteils falsch

Adventskränze sind nicht schlimmer als Diesel – der Stickoxid-Grenzwert ist trotzdem fragwürdig

Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay
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Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay
Eine Kerze kann 280 Mikrogramm Stickoxid produzieren. Adventskränze sind trotzdem nicht giftig. Bild: pixabay

von Anna Mayr

Die Kritik am Grenzwert für Stickoxide ist berechtigt. Statt einfach nur Diesel-Autos zu verbieten, müssten wir wieder über Feinstaub sprechen. Vor Kerzen braucht man trotzdem keine Angst haben.

Dicke rote Kerzen, Tannenzweigenduft, und ein Hauch von Heimlichkeiten liegt jetzt in der Luft. So beginnt ein Weihnachtslied, das jedes Kind in der Grundschule lernt – und wenn man einem Facebookpost glaubt, der sich in den letzten Wochen verbreitet hat, dann beginnt so auch die Vergiftung aller Weihnachts-Liebhaber.

Der Post behauptet, dass die Kerzen auf einem Adventskranz mehr Stickoxid ausstoßen würden, als in der EU erlaubt wäre. Damit will man sich wohl über die Diskussion um Luftreinhaltung und Diesel-Fahrverbote lustig machen.

Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV
Der Facebookpost, der eine verwirrende Rechnung macht. Screenshot: CORRECTIV

Die Rechnung, die in dem Post aufgestellt wird, ist Quatsch. Doch die Aussage, dass man den Grenzwert für Stickoxide hinterfragen muss, ist nicht ganz falsch.

Worum es in der Debatte um Stickoxide geht

Stickoxide sind Gase. Unsere Luft besteht nicht nur aus Sauerstoff und Kohlenstoffdioxid (CO2) – es schwirren darin je nach Höhe und geographischer Lage auch andere Verbindungen herum. Das ist erstmal nichts besonderes.

Immer, wenn etwas verbrennt, entstehen Stickoxide: Zigaretten, Kerzen, Gasherde, Kamine, Dieselmotoren (also: Verbrennungsmotoren) – je heißer die Flammen, desto mehr Stickoxide entstehen durch all diese Dinge. Die Flammen in Diesel-Autos wurden zuletzt immer heißer. Denn je heißer die Flamme, desto weniger Sprit verbraucht das Auto.

Wenn wir über Stickoxide sprechen, meinen wir meistens Stickstoffdioxid (NO2). Es gibt zwar auch Stickoxid (NO) – aber sobald Stickoxid an die Luft kommt, reagiert es mit anderen Gasen und wird ziemlich direkt zu NO2, Stickstoffdioxid. Deshalb ist NO2 viel relevanter als NO.

Um herauszufinden, wie viel Stickstoffdioxid aus einem Adventskranz kommt, haben wir unter anderem Stefan Thomann gefragt. Er ist Chemiker bei der European Candle Association. Er sagt, dass es momentan verschiedene Studien gibt, bei denen Forscher messen, wie Kerzen die Stickoxidkonzentration im Raum erhöhen.

Thomann sagt allerdings, dass es verschiedene Probleme mit der Rechnung in dem Facebookpost gibt.

Problem 1: Die Einheit

Der Facebookpost will die Stickoxid-Konzentration in „ng“ angeben – also in Nanogramm. Das ist, als würde man an der Obsttheke die Preise von Äpfeln und Birnen in Milligramm vergleichen: Unsinn. Die Einheit ist viel zu klein. Denn Stickoxide misst man in Mikrogramm. Der EU-weite Grenzwert für Stickoxide liegt momentan bei 40 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft im Jahresdurchschnitt. 40 Mikrogramm sind 40.000 Nanogramm. Die Rechnung benutzt also die falsche Einheit.

Problem 2: Die Raumgröße

Wie gesagt – man misst die Konzentration von Stickoxid in der Luft in Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Ein Raum, der 20 Quadratmeter groß ist und in dem die Decken 3 Meter hoch sind, hat insgesamt 60 Kubikmeter Luft. Man bräuchte also 2400 Mikrogramm Stickoxid, um die Konzentration in dem Raum auf den EU-weiten Grenzwert zu bringen.

Wissenschaftler aus Hongkong testeten 2005 den Stickoxid-Ausstoß von fünf verschiedenen Kerzen. Die Kerze, die am meisten Stickoxid ausgestoßen hat, produzierte insgesamt 280 Mikrogramm. Wenn vier Kerzen komplett abbrennen, hat man also 1120 Mikrogramm Stickoxid, die sich im Raum verteilen. Bei 60 Kubikmetern Luft wären wir also bei etwa 18,5 Mikrogramm Stickoxid pro Kubikmeter Luft. Das liegt unter dem EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm.

Problem 3: Innenraum und Außenraum

Verschiedene Studien, die auch von der Weltgesundheitsorganisation zitiert werden, zeigen, dass Stickoxid im Innenraum schneller verfliegt – die Konzentration bleibt also nicht ewig erhöht, selbst wenn man den Gasherd anstellt und dabei nicht lüftet. Das liegt daran, dass Stickoxide an Oberflächen zerfallen. Eine Studie ergab, dass ein erhöhter Wert im Innenraum innerhalb von etwa einer Stunde wieder das vorherige Level erreicht.

Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man also nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

Macht der Grenzwert also doch Sinn?

Naja.

CORRECTIV hat hierzu viele Experten befragt und die Studien gelesen, die den Grenzwert begründen. Die Sache ist: Es sind so viele Disziplinen, die mit Stickoxiden zu tun haben, dass sich keiner vollends auskennt. Meteorologen, Ärzte, Physiker, Politiker – niemand überblickt den Streit. Denn er ist viel zu komplex.

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Der Lungenarzt Dieter Köhler etwa führt einen Krieg gegen den EU-Grenzwert. Er selbst fährt einen Diesel und sagt, dass Stickoxide nicht so schlimm sein können, denn Raucher atmen mit jeder Zigarette bis zu 600 Mikrogramm davon ein. Dass es ein Unterschied ist, ob man freiwillig raucht oder unfreiwillig an einer Autobahn wohnt, interessiert ihn in seiner Rechnung aber nicht.

Die Meteorologin Ulrike Dauert vom Umweltbundesamt weiß genau, wie man Stickoxide in der Luft misst – aber warum es den Grenzwert gibt und wie viel schlechte Luft für Menschen schädlich ist, das ist nicht ihr Fachgebiet.

Martin Lutz, der die Luftreinhaltepläne für Berlin macht, kann nicht verstehen, wieso jetzt auf einmal der Grenzwert hinterfragt wird, der seit Ewigkeiten feststeht. Er arbeitet jeden Tag dafür, dass in Berlin die 40 Mikrogramm auf keiner Straße mehr überschritten werden. Dass Stickoxide schädlich sind, findet er „arschklar“.

Der Mediziner Wolfgang Straff war Teil eines Teams, das für das Umweltbundesamt eine Studie machte, um die Gefährlichkeit von Stickoxiden zu beweisen. Er sagt: Das Gesetz ist da, jetzt muss man sich daran halten. Doch die Diesel-Fahrer würden eben nur an sich selbst denken.

Was war noch gleich mit Feinstaub?

Was alle Experten gemeinsam haben, ist Ratlosigkeit. Darüber, warum und wann die Debatte gekippt ist. Wieso auf einmal alle über Stickoxide reden, aber niemand mehr über Feinstaub und CO2. Feinstaub ist viel gefährlicher als Stickoxid. Er macht krank, das ist erwiesen – statistisch signifikant. Feinstaub ist so fein, dass er über die Lunge in die Blutbahn geraten kann. Und jedes Auto produziert Feinstaub – er entsteht, wenn die Scheibenbremsen den Wagen anhalten lassen, er entsteht bei jedem Kilometer, auf dem sich die Reifen abnutzen, er wirbelt noch vom Boden auf, wenn die Autos längst vorübergefahren sind.

Der Physiker Gerhard Scheuch hat fast zwanzig Jahre in der Umweltforschung gearbeitet. Ein halbes Jahr verbrachte er auch bei der amerikanischen Umweltschutzbehörde.

Diese Behörde schlug ursprünglich mal den Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter vor. In einer Studie aus den 90er Jahren.

Scheuch sagt: „Es gibt für manche Stoffe nicht den einen Grenzwert, ab dem sie definitiv tödlich werden.“ Stickoxid ist einer dieser Stoffe.

Politik braucht klare Aussagen, aber so ist Wissenschaft nicht

Man weiß nicht genau, bis zu welchem Wert und unter welchen Voraussetzungen das Gas unschädlich ist. Die Aufgabe der Wissenschaftler ist es aber, genau das herauszufinden – damit die Politik Entscheidungen treffen kann, um die Bevölkerung zu schützen. Politik braucht keine Zweifel und auch keine Komplexität – Politik braucht Gesetze.

„Man muss dann als Wissenschaftler abwägen. Und geht auf Nummer sicher“, sagt Scheuch im Gespräch mit CORRECTIV. Bei den Stickoxiden hatte es zum Beispiel Studien gegeben, die bei Asthmatikern schon bei einer Konzentration von 100 Mikrogramm pro Kubikmeter Veränderungen in der Lunge beobachteten. Und wieder andere Studien, in denen man nichts feststellen konnte.

In den Forschergruppen, die eine Gefahrenschwelle festlegen sollen, sei man sich einig darüber, dass die eigenen Ergebnisse statistisch nicht immer einwandfrei belegt seien. „Man zweifelt natürlich”, sagt Scheuch.

Es gibt aber keine Studien, die überprüfen, wie es Menschen geht, die lange Zeit an einer Straße bei erhöhter Stickoxidkonzentration leben. Denn man müsste den Probanden damit schaden. Sie dazu zwingen, 24 Stunden am Tag schlechte Luft zu atmen. Raucher tun das zwar freiwillig – aber ihre Lunge bekommt ab und zu eine Pause. Wer im Bett liegt und zwei Zigaretten raucht, kann das Fenster öffnen, damit es im Zimmer nicht mehr stinkt. Wer stinkende Luft vor dem Fenster hat, der hat Pech.

Deshalb kann man mögliche Schäden von Stickoxiden nur anhand von Tierversuchen, Rechnungen und Statistiken vermuten.

Wie der Grenzwert in die Welt kam

1989 – Bei der „Sechs Städte Studie“ der Harvard-Universität verglichen Forscher die Luftqualität in sechs amerikanischen Städten mit der Sterblichkeit. Damit, sagt der Physiker Gerhard Scheuch, begann der Hype um saubere Luft.

Es kam heraus: Menschen in luftverschmutzten Städten sterben früher. Die Forscher fanden einen klaren Zusammenhang zwischen Feinstaub und Lungenkrankheiten. Die Ergebnisse zu Stickoxid hingegen waren statistisch nicht relevant.

1997 – Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) gibt einen Bericht heraus, in dem der Grenzwert von 40 Mikrogramm zum ersten Mal vorgeschlagen wird. In dieser Studie steht:

„Zwar kann man etwas Vertrauen in die Meta-Analyse haben, die Symptome und Krankheiten könnten aber ebenso an anderen Prozessen festgemacht werden. Deshalb muss man die Ergebnisse mit Vorsicht interpretieren. Andere Studien haben versucht, die Stickoxid-Konzentration mit Veränderungen der Lungenfunktion zu verbinden. Diese Veränderungen waren kaum signifikant. Viele Studien konnten keine Effekte feststellen, was sich auch in Studien mit Menschen zeigt.“ (Übersetzungen und Hervorhebungen von CORRECTIV)

Erklärung: Die meisten Studien, die es zu Stickoxiden an diesem Punkt gegeben hatte, fanden mit Mäusen und Ratten statt. Mäuse waren deutlich anfälliger als Ratten. In Versuchen mit Affen stellte man keine Veränderungen fest.

„Auf der Basis einer Hintergrundkonzentration von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter, und dem Fakt, dass Gesundheitseffekte bei einer Konzentrationserhöhung von 28.2 Mikrogramm oder mehr auftreten, wird ein jährlicher Richtwert von 40 Mikrogramm vorgeschlagen.“

Erklärung: Die Zahl 28.2 nehmen die Forscher aus einer Studie, die eine Verbindung zwischen Wohnungen mit Gasherd und Atemwegserkrankungen bei Kindern fand. In Gasherd-Wohnungen war die Stickoxid-Konzentration etwa 28.2 Mikrogramm höher. Die Kinder in diesen Wohnungen bekamen häufiger Husten. Diesen Effekt fand man allerdings nur bei Kleinkindern ab zwei Jahren – für Babys galt er nicht.

„Dieser Wert wird die schlimmsten Einflüsse verhindern“, so steht es weiter in der Studie der WHO aus diesem Jahr. Genau, wie Gerhard Scheuch es gesagt hatte: Die Forscher gehen auf Nummer sicher.

Der Bericht zitiert auch einen Versuch, bei dem die Forscher Hamster beobachtet hatten: 40 Stunden in der Woche mussten die Hamster bei einer Stickstoffdioxid-Konzentration von 3760 Mikrogramm pro Kubikmeter leben. Acht Wochen lang. Sie blieben kerngesund.  

Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.
Aus dem Bericht der WHO. Screenshot: CORRECTIV.

1999 – Der Europäische Rat gibt eine Richtlinie heraus. Darin steht ein „Alarmschwellenwert“. Ab 400 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft soll die Bevölkerung gewarnt werden.

Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Beschluss. Screenshot: CORRECTIV

2002 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen das Umweltaktionsprogramm – eine Absichtserklärung, die noch keine konkreten Werte nennt.

Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem EU-Programm. Screenshot: CORRECTIV

2005 – Die WHO gibt einen neuen Bericht zur Luftqualität heraus. Darin stehen zwei wichtige Dinge. Erstens, dass Stickoxid ein guter Indikator ist. Wenn viel Stickoxid in der Luft ist, wird viel verbrannt. Deshalb gibt es dann auch mehr Feinstaub und andere Verbrennungsprodukte. Zweitens: In den Studien, die Stickoxid untersuchen, könnten auch andere Verbrennungsprodukte die Krankheiten erzeugt haben. Welcher Bestandteil des Abluft-Cocktails Menschen krank macht, das lässt sich nicht sagen. „Es gibt immer noch keine robuste Basis, um einen Richtwert für Stickstoffdioxid festzulegen“, steht in der Studie.

2008 – Europäischer Rat und EU-Parlament beschließen eine neue Richtlinie, die die alte außer Kraft setzt. Darin steht auch der neue Grenzwert: 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter. Der Grenzwert gilt allerdings nicht für Arbeitsplätze – wer in der Industrie arbeitet, darf 950 Mikrogramm pro Kubikmeter einatmen. Das hat zwei Gründe. Der eine ist, dass der 40-Mikrogramm-Grenzwert auch Asthmatiker und Kleinkinder schützen soll. Die arbeiten meistens nicht in der Industrie.

Der zweite ist, dass bei Beobachtung von Menschen, die unter deutlich höheren Stickoxid-Konzentrationen arbeiteten, keine gesundheitlichen Einschränkungen festgestellt wurden. Das stand bereits 1997 in der Studie der WHO.

Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV
Aus dem Beschluss der EU. Screenshot: CORRECTIV

2010 – Die Richtlinie wird zum Gesetz. Die europäischen Länder müssen die Grenzwerte nun einhalten. Ute Dauert, Meteorologin beim Umweltbundesamt, sagte dazu gegenüber CORRECTIV: „Bei dem Grenzwert hat die EU-Kommission eine Empfehlung der WHO von 1999 aufgegriffen, der Wissensstand von damals ist also die Grundlage. Am Ende ist es ein politischer Kompromiss, den man eingeht.“

Seitdem gibt es über 500 Messstationen in Deutschland, die die Stickoxidkonzentration in der Luft messen. Der Betrieb einer Station kostet etwa über 100.000 Euro im Jahr, sagte Martin Lutz aus dem Berliner Senat gegenüber CORRECTIV.

Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV
Aus der Mail des Experten Martin Lutz. Screenshot: CORRECTIV

Grob gerechnet sind es also etwa 50 Millionen Euro, die Deutschland ausgibt, um ein Gas zu überwachen, dessen toxische Wirkung nicht komplett bewiesen ist. Was dafür spricht: Daran, wie viele Stickoxid in der Luft ist, lässt sich auch auf andere schädliche Luftbestandteile schließen. Wer in einem Bereich lebt, in dem die Belastung hoch ist, sollte ein Recht haben, das zu wissen.

2015 – VW fliegt auf: Der Autohersteller hatte seine Dieselautos manipuliert. Sie hatten mehr Stickoxide ausgestoßen, um weniger Kraftstoff zu verbrauchen.

Für Martin Lutz, der in Berlin für die Luftreinhaltung zuständig ist, war auf einmal alles klar. „Wir hatten gedacht, dass die Werte für Stickoxid nicht runtergehen, weil die Leute sich so viele SUVs kaufen“, sagt er. „Außerdem bestellen immer mehr Leute online, es gibt also mehr Lieferverkehr.“ Aber nun hatte er den Beweis, dass es nicht allein an den Menschen lag, die in den Autos saßen – sondern auch an denen, die die Autos bauten.  

Diesel sind die Haupt-Verursacher von Stickoxiden in Städten. Sie sind aber nicht die einzigen Luftverschmutzer. Benziner pusten CO2 in die Luft. Und alle Autos produzieren Feinstaub.

Wenn es nach der WHO ginge, dann läge der Grenzwert für die feinste Feinstaub-Art (PM2.5), die gleichzeitig am gefährlichsten ist, bei 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doch diesen Wert übernahm die EU nicht. Der Grenzwert für Feinstaub in Deutschland liegt bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Doppelt so viel, wie die WHO empfohlen hatte.

Für Stickoxid, bei dem es nicht ganz klar erwiesen ist, ob und wann man davon krank wird, nahm die EU also die strenge, vorsichtige Empfehlung an.

Für Feinstaub, bei dem es ganz klar ist, dass man davon krank wird, tat die EU das nicht.

Februar 2018 – Eine Forschergruppe soll analysieren, wie viele Todesfälle es in Deutschland aufgrund von Stickoxiden gibt. Aber die Forscher machen keine Untersuchungen, sie klingeln nicht an Türen von Autobahnanwohnern und hören deren Bronchien ab. Sie rechnen. Machen eine Meta-Analyse von anderen Meta-Analysen.

Dass diese Studie nicht ganz einleuchtend ist, lässt sich etwa daran festmachen, dass nicht die Wirkung von Stickoxiden auf die Lunge analysiert wurden – sondern auf das Herz-Kreislauf-System. Dazu, so schreiben es die Forscher, gab es genug Daten. Über Lungenkrankheiten leider nicht.

Ironisch ist auch, dass die räumliche Analyse reine Hypothese blieb. Die Forscher schauten sich nicht eine Straße an und schauten dort, an welchen Krankheiten die Leute sterben. Sie rechneten zusammen, wie viele Menschen in Deutschland an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben. Dann rechneten sie zusammen, wie viele Menschen in Deutschland unter erhöhten Stickoxid-Belastungen wohnen. Dann leiteten sie daraus ab, wie viele Herz-Kreislauf-Tote wegen Stickoxid gestorben sein könnten.  

Nicht nur Statistik-Laien werden da stutzig. Auch das Ministerium für Umwelt und Klimaschutz in NRW. Ursprünglich hatte das Bundesland der Forschergruppe Daten zum Ruhrgebiet zur Verfügung gestellt – wollte dann aber nicht, dass diese veröffentlicht werden. Warum, das erklärt das Ministerium so:

„Die Ergebnisse der Studie sind unserer Auffassung nach nicht geeignet, eigenständige Aussagen zu den auf die NO2-Exposition zurückzuführenden vorzeitigen Todesfällen / Krankheitslasten in der konkreten Modellregion zu formulieren. Wichtige Faktoren wie die Altersverteilung in der Bevölkerung und die medizinische Versorgung, die einen Einfluss auf das Ergebnis haben, wurden aus unserer Sicht nicht entsprechend berücksichtigt.
Wir standen während der Durchführung der Studie in einem engen fachlichen Austausch mit dem Umweltbundesamt und haben unsere fachlichen und methodischen Bedenken frühzeitig in den Prozess eingebracht. Uns lagen vor der Veröffentlichung lediglich Entwürfe und Auszüge aus dem Gesamtbericht zu den Modellregionen vor. Hierzu hatten wir noch einige offene Fragestellungen zur Methodik, Aussagekraft und Vergleichbarkeit der Ergebnisse. Da diese Fragen nicht abschließend geklärt werden konnten und sich der Gesamtkontext der Berichterstattung nicht erschloss, haben wir im Oktober 2017 entschieden, keine Zustimmung zur Veröffentlichung der Modellregion Ruhrgebiet zu erteilen.“

Die Experten in NRW fanden die Studie also nicht aussagekräftig.

Mai 2018 – Hamburg verhängt das erste Fahrverbot für Diesel-Autos, um die Stickoxid-Grenzwerte einzuhalten.

Es ist ein Indikator

Stickoxide sind in der öffentlichen Debatte zum Indikator für gute Luft geworden. Ein Marker-Wert, von dem aus man auf andere Schadstoffe in der Luft schließen kann. Wenig Stickoxide gleich freier Atem.

Das ist in etwa so, als würde man die Leistung eines Grundschulkindes nur am Matheunterricht festmachen.

Natürlich ist Mathe wichtig – und es ist natürlich auch nicht komplett egal, wie viel Stickoxid in der Luft ist. Aber ein Kind, das in Mathe nur Einsen schreibt – also alle Grenzwerte einhält – kann in Deutsch immer noch Fünfen schreiben und sitzen bleiben.

Gute Schüler sind meistens in mehreren Fächern gut. Diesel und Benziner allerdings haben beide eine Schwachstelle: Bei Diesel ist es das Stickstoffdioxid. Bei Benzinern ist es das CO2.

Diesel-Autos haben nun das Pech, dass genau ihre Schwachstelle der Indikator-Wert für gute Leistung geworden ist. Beziehungsweise: Für gute Luft. Wenn eine Stadt ihr Gute-Luft-Zeugnis zeigen will, gucken alle nur auf die Note für Stickoxide.

Das alles ist verdammt kompliziert. Darunter leiden die Diesel-Besitzer, die nun für das Gute-Luft-Zeugnis einiger Städte ihre Autos stehen lassen müssen. Weil eine Forschergruppe vor zwanzig Jahren einen Wert vorgeschlagen hat, an den sich nun alle klammern. Weil die EU diesen Wert zum Gesetz gemacht hat. Und vielleicht auch, weil Stickoxid so schön gefährlich klingt – nach ersticken.

Anmerkung, 21.12.2018: In einer früheren Version des Artikels haben wir im dritten Absatz Stickstoff als CO2 beschrieben und damit als einen der Haupt-Luftbestandteile. Wir haben das korrigiert. 

Unsere Bewertung:
Einen Adventskranz, der die Stickoxidkonzentration nur kurz erhöht, kann man nicht mit der Situation von Menschen vergleichen, die ihr ganzes Leben neben einer großen Straße wohnen.

Bewertung: größtenteils falsch

Krankenkassen zahlen nicht für Viagra, aber manchmal für Brillen

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Wer so schlecht sehen kann, dem bezuschussen Krankenkassen die Brillengläser. (Symbolbild: David Travis / Unsplash)

von Tania Röttger

Die Facebook-Gruppe „Wir Kinder der 70er und 80er Jahre“ verbreitet ein Bild mit der Behauptung, Krankenkassen würden für Viagra bezahlen, aber nicht für Brillen. Das Bild ist offensichtlich ein Witz. Die Behauptung stimmt aber nicht. Hier die Fakten zu Brillen, Viagra und wofür Kassen zahlen.

Das Bild verbreitet die Gruppe „Wir Kinder der 70er und 80er Jahre“ auf Facebook. Es wurde mehr als 1.400 Mal geteilt.

Seit 2004 gilt eine Änderung des Sozialgesetzbuchs, die Viagra und ähnliche Mittel von den Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen ausnimmt: „Ausgeschlossen sind insbesondere Arzneimittel, die überwiegend zur Behandlung der erektilen Dysfunktion, der Anreizung sowie Steigerung der sexuellen Potenz (…) dienen.“ Der Gesetzgeber sieht sie nämlich als Mittel zur „Erhöhung der Lebensqualität“ an.

Aus dem fünften Sozialgesetzbuch

Es kann aber Krankenfälle geben, in denen Kassen Mittel verschreiben, die auch gegen Impotenz wirken. Doch speziell für Behandlungen von Impotenz oder Errektionsstörung zahlt sie eben nicht.

Bei Brillen gibt es hingegen bestimmte Fälle, in denen Krankenkassen ganz offiziell zahlen.

Kurz- und Weitsichtige erhalten ab sechs Dioptrie eine Brille auf Kosten der Krankenkasse. Allerdings nur die Gläser, nicht das Gestell. Sechs Dioptrie sind viel. Bei Personen mit Hornhautverkrümmung sinkt die Schwelle auf vier Dioptrie.  

Aus dem fünften Sozialgesetzbuch
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch – es ist genau umgekehrt: Krankenkassen zahlen nicht für Viagra, dafür aber manchmal für Brillen.

Bewertung: falsch

Aufgebrochenes Ei ohne Schale im Supermarkt ist nicht echt

BELGIUM-EUROPE-HEALTH-FOOD-EGGS
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BELGIUM-EUROPE-HEALTH-FOOD-EGGS
This photo taken on August 15, 2017 shows egg shells left over as Members of the World Brotherhood of the Huge Omelet create a 6500 egg omelet in Malmedy. - Ten thousand hen's eggs will be used for the traditional event in the town near the German border despite a scandal sweeping Europe involving eggs tainted with the insecticide fipronil. (Photo by JOHN THYS / AFP)

Auf Facebook kursiert ein Bild von einem aufgebrochenen Ei, das angeblich in einem Supermarkt verkauft wird. Es handelt sich um ein Scherz.

Seit dem 3. November kursiert ein Bild von einem aufgebrochenen Ei („Pre-cracked Egg“ auf Englisch), das die Facebook-Seite „Politik und Zeigeschehen” auf Facebook hochgeladen hat. Das Bild wurde mehr als 2000 Mal geteilt. Laut „Politik und Zeitgeschehen“ ist diese Ware echt. Die Facebook-Seite schreibt: „Dieses Produkt gibt es genau so zu kaufen. Die natürliche Eierschale wurde durch eine Schale aus Plastik ersetzt. Und die Leute kaufen es…“

Screenshot aus Facebook, 7.11.18

Correctiv hat die Echtheit des Produkts überprüft. Auf der Packung konnten wir zuerst zwei komische Sachen sehen: Das Wort „finally“ wird falsch geschrieben („fimally“) und der Hals des Kindes, in der rechten Ecke, ist unglaublich lang.

Wir suchten auch im Internet nach der Marke „Obvious Plant“, die unter dem langen Hals, steht. So konnten wir herausfinden, dass es sich nicht um eine Lebensmittelmarke handelt, sondern um ein Projekt vom Internet-Komiker Jeff Wysaski. In der Beschreibung von Obvious Plant auf der Crowdfunding-Webseite Patreon, erklärt Wysaski: Ich mache lustige Schilder, Broschüren und Produkte und lasse sie in der realen Welt, damit Menschen sie finden. Oft werden seine skurrilen Kreationen auf Reddit geteilt. Bilder von dem Ei veröffentlichte er am 2. November auf seinen Facebook-, Twitter-, Instagram– und Tumblr-Profilen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das aufgebrochene Ei ist ein Scherz vom Komiker Jeff Wysaski.