Medizin und Gesundheit

Diese afghanischen Mädchen waren nicht schwanger, sondern litten an schwerer Krankheit

Derzeit verbreiten sich auf Sozialen Netzwerken Fotoaufnahmen zweier kleiner Mädchen mit dicken Bäuchen. Die Behauptung: Die Kinder seien schwanger. Das ist falsch. CORRECTIV konnte den Ursprung der Bilder rekonstruieren.

von Caroline Schmüser

Schwangere Mädchen 6
Diese beiden Mädchen sind nicht schwanger, wie von einem Facebooknutzer fälschlicherweise behauptet. (Screenshot von Correctiv)
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Falsch. Die Mädchen waren nicht schwanger. Sie litten unter Herzversagen. Aufgrund der Krankheit füllten sich ihre Bäuche mit Flüssigkeit.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 18. Januar eine Collage, darauf zu sehen sind drei Fotoaufnahmen. Zwei der Bilder zeigen jeweils ein Mädchen, beide mit dicken, geschwollen Bäuchen. Die Mädchen werden augenscheinlich von Doktoren untersucht.

Ein Facebook-Nutzer behauptet, die Mädchen auf den Fotos seien schwanger – das ist aber falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine weitere Fotografie zeigt das Titelblatt einer BILD-Ausgabe, der Titel: „Höchstes Gericht zweifelt Verbot von Kinder-Ehen an!“ Der Hintergrund: Seit Juli 2017 werden durch eine Gesetzesänderung alle im Ausland geschlossenen Ehen von unter 16-Jährigen in Deutschland automatisch annulliert – für Altfälle gibt es Übergangsvorschriften. Der Bundesgerichtshof zweifelt nun an, ob die neue Regelung mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

Indem der Facebooknutzer die Fotoaufnahmen der Mädchen mit dem Artikel der BILD-Zeitung in Zusammenhang setzt, suggeriert er, diese seien schwanger. Stimmt das? CORRECTIV konnte den Ursprung der Bilder zurückverfolgen.

Bilder wurden in einem Krankenhaus in Kabul aufgenommen

Auf den Fotos ist eine Kennzeichnung der Bilddatenbank „Getty Images“ zu erkennen. Als Fotograf wird Raphael Gaillarde genannt. Über diese Informationen konnten wir die Bilder in der Bilddatenbank finden. Aufgenommen wurden die beiden Fotos am 27. Mai 2003 in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans.

Laut Bildbeschreibung entstanden die Aufnahmen während eines Besuchs von Bernadette Brick, der Gattin des damaligen französischen Präsidenten Jacques Chirac, in Kabul. Brick besuchte dort unter anderem das „Hospital of Mother and Child“, das mittlerweile den Namen „French Medical Institute for Mothers and Children“ trägt. Auf dem Bild ist auch der französische Gefäßchirurg Dr. Éric Chaysson zu sehen.

„Dieses Kind ist eines derer, die zur besseren Behandlung ihres Falls in das Pariser Pompidou-Krankenhaus gebracht werden“, heißt es unter den Fotoaufnahmen auf Getty Images weiter. Die Rede ist vom Pariser Krankenhaus Georges Pompidou. Die Wortwahl des Fotografen lässt bereits darauf schließen, dass die Mädchen unter einer Krankheit leiden.

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Bäuche füllten sich wegen Herzversagen mit Flüssigkeit

Ins Leben gerufen wurde das Krankenhaus in Kabul von der französischen Hilfsorganisation „La Chaîne de l’Espoir“. Diese hatte bereits am 18. Januar 2019 auf die Falschmeldungen zu den Fotoaufnahmen reagiert.

„Diese kleinen afghanischen Mädchen litten an einem lebensbedrohlichen Herzversagen“, schreibt „La Chaîne de L’Espoir“ auf Twitter. Die Krankheit habe dazu geführt, dass sich in den Bäuchen der Kinder Flüssigkeit gesammelt hätte – der Grund für die riesigen Bäuche. Dank der Organisation konnten die Kinder operiert werden. Bilder der Operation lassen sich ebenfalls auf Getty Images finden.

Mit diesem Tweet machte die Hilfsorganisation „La Chaîne de L’Espoir“ auf die Falschmeldung aufmerksam. (Screenshot: CORRECTIV)

Update, 28. Februar: In einer vorherigen Version des Textes haben wir geschrieben, mit dem neuen Gesetz gegen Kinderehen würden alle im Ausland geschlossenen Kinderehen in Deutschland unwirksam. Das ist ungenau. Eine automatische Annullierung findet nur dann statt, wenn mindestens einer der Ehepartner bei Eheschließung unter 16 Jahren war. Für Altfälle gelten außerdem Ausnahmeregelungen. Wir haben den Fehler im Text korrigiert.