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Ein ungeborenes Baby berührt die Hand eines am offenen Bauch der Mutter operierenden Arztes – die Szene zeigt keine echtes Ereignis, sondern wurde einer US-Fernsehserie entnommen. (Symbolbild, Foto von Arseny Togulev / unsplash)

von Caroline Schmüser

Ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch, als das ungeborene Baby plötzlich nach seinem Finger greift. Ein solches Video teilte ein Nutzer auf Facebook, darüber die Worte: „Stop Abortion“ – „Stoppt Abtreibungen“. Ist das Video echt? CORRECTIV hat recherchiert.

Am 18. Dezember 2018 teilte ein Facebook-Nutzer ein Video, das angeblich eine Abtreibung zeigen soll. Die Szene spielt sich scheinbar in einem OP-Saal ab, ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch. Plötzlich greift der ungeborene Fötus mit seiner Hand den Finger des Arztes. Unterlegt ist das Video mit dramatischer Musik.

„Abtreibung bis zum 9. Monat?!?“, fragt der Nutzer, der das Video auf Facebook veröffentlichte. „Ich sage NEIN denn das ist Mord!“ Der Facebook-Nutzer kommentierte das Video außerdem mit folgendem Hashtag: #SPDNeinDanke.

Dieses Video, das ein Facebook-Nutzer am 18. Dezember auf Facebook teilte, zeigt eine Szene aus der Fernsehserie Dr. House und zeigt keine Abtreibung. (Screenshot von Correctiv)

Video zeigt Szene aus US-Fernsehserie „Dr. House“

Das Video zeigt keine echte Operation oder Abtreibung, sondern eine Szene aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Dr. House“. Die Hauptfigur der Serie, der Arzt Dr. Gregory House, löst als brillanter Diagnostiker und Spezialist für Infektionskrankheiten schwere medizinische Fälle.

Die Szene im Video stammt aus der 17. Folge der dritten Staffel, die den Titel „Erster Kontakt“ trägt. Der Plot: Eine Schwangere wird mit unerklärlichem Krankheitsbild ins Krankenhaus eingeliefert. Dr. House findet schließlich heraus, dass das ungeborene Kind unter einer stark vergrößerten Blase leidet und der Körper der Mutter die Symptome des Kindes widerspiegelt. Während der lebensrettenden Operation berührt das ungeborene Baby die Hand von Dr. House. Eine Abtreibung wird in der Szene nicht dargestellt.

Doch wieso bringt der Facebook-Nutzer das Video mit der SPD in Zusammenhang?

SPD-Jugendorganisation forderte vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

Hier ist der politische Kontext wichtig: Die Jugendorganisation der SPD – die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos – hielt vom 30. November bis 2. Dezember 2018 ihren Bundeskongress ab. Die Jusos forderten dort mehrheitlich die vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – durch die Streichung der Paragrafen 218 bis 219b aus dem Strafgesetzbuch. Denn: Schwangerschaftsabbrüche sind laut dem deutschen Strafgesetzbuch illegal und nur unter Einhaltung bestimmter Bedingungen straffrei.

Mit dieser Forderung geht die Jugendorganisation der SPD weiter als ihre Mutterpartei: Die SPD hatte zunächst nur die Streichung des sogenannten „Werbeparagrafen“ 219a gefordert, die Union hielt dagegen. Schließlich einigten sich die Koalitionsparteien im Dezember auf eine Kompromisslösung zur Lockerung des Werbeverbots, die im Februar vom Bundestag beschlossen wurde.

Die Jusos verlangen mit ihrer Forderung auch die Streichung des Paragrafen 218a. Dieser besagt unter anderem, dass ein Abbruch nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei durchgeführt werden kann.  

Verschiedene Webseiten behaupteten im Anschluss an den Bundeskongress der Jugendpartei, die Jusos hätten sich mit ihrem Vorschlag für Schwangerschaftsabbrüche bis zu einem Tag vor der Geburt ausgesprochen. Das ist falsch, wie CORRECTIV bereits am 14. Dezember in einem Faktencheck berichtete.  

Beschlossen die Jusos eine Regelung zur Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat?

„Wer das behauptet verdreht mutwillig die Tatsachen“, antwortete der Pressesprecher der Jusos im Dezember auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Jusos würden lediglich erreichen wollen, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr als Straftatbestand gelten.

Damit würde zwar zunächst die aktuell geltende Drei-Monats-Frist wegfallen – was danach bezüglich der Fristen von Schwangerschaftsabbrüchen geregelt würde, stehe hingegen auf einem anderen Blatt. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir gefordert, Beendigungen müssten im letzten Monat stattfinden.“

Kevin Kühnert, der Vorsitzende der Jusos, äußerte sich im Handelsblatt ähnlich: „Rechtsradikale jedweder Couleur tragen (…) die Lüge in die Welt, die Jusos wollten Abbrüche bis in den neunten Schwangerschaftsmonat ermöglichen. Nichts dergleichen wollen wir, nichts dergleichen haben wir beschlossen.“ Kühnert gab aber zu: es sei naiv gewesen, keinen konkreten Vorschlag zu einer Neuregelung zu unterbreiten.

Wie könnte eine Neuregelung aussehen, und wo soll sie festgeschrieben werden?

Im Beschluss zur Legalisierung der Schwangerschaftsabbrüche fordern die Jusos eine Neufassung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Darin sollten sich nach einer Streichung der Paragrafen 218 und 219 im Strafgesetzbuch auch die Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche wiederfinden. „Dort wäre auch Raum für eine neue Fristenlösung“, teilte der Pressesprecher der Jusos CORRECTIV mit. Es werde dafür Vorschläge von den Jusos geben.

Juso-Vize-Vorsitzende Katharina Andres beispielsweise sprach sich in einem Interview mit der Welt für eine Frist aus – diese solle jedoch deutlich länger sein als aktuell. „Denkbar wäre etwa die 22. Schwangerschaftswoche. Ab diesem Zeitpunkt ist der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig.“ Die 22. Schwangerschaftswoche liegt im sechsten Monat.

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Faktencheck FAQ | Unsere Standards | Unsere Bewertungsskala | Unsere Methode

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Video entstammt einer Fernsehserie und zeigt keine Abtreibung. Die SPD sprach sich nicht für Schwangerschaftsabbrüche bis zum neunten Monat aus. Ihre Jugendorganisation beschloss zwar eine Forderung zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Möglichkeit einer Abtreibung bis zum neunten Monat ist aber nicht Teil des Beschlusses.

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Diese Bild-Text-Collage wird derzeit auf Facebook verbreitet. Die Zahlen stimmen, es fehlt aber Kontext. (Screenshot CORRECTIV)

von Till Eckert

Auf Facebook kursieren Zahlen des Robert-Koch-Instituts zu Masern-Fällen in Deutschland im Jahr 2018. Sie stimmen, aber ihnen fehlt wichtiger Kontext.

In einer Bild-Text-Collage der Facebook-Seite „BeGrünMa“ steht, in Deutschland seien von 82 Millionen Menschen in Deutschland laut des Robert-Koch-Instituts 2018 genau 543 Menschen an Masern erkrankt. Todesfälle habe es keine gegeben. Dazu steht: „Pflichtimpfung? Lizenz zum Gelddrucken für Big Pharma!” Der Beitrag wurde bisher mehr als 460 Mal geteilt. 

Die Zahlen der gemeldeten Masern-Erkrankungen und Todesfälle (PDF, Seite 40) stimmen,  sie finden sich auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts. 2017 wurden dem Institut 929 Erkrankungen gemeldet.

Robert-Koch-Institut: Erkrankungen sind wegen Impfquote auf so niedrigem Stand

Der Facebook-Beitrag erweckt den Eindruck, als sei der Masern-Virus in Deutschland nicht gefährlich, weil er sehr selten vorkomme. 

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt: „Bei Masern handelt es sich um eine hochansteckende, fieberhafte Virus-Erkrankung, die zu langwierigen Verläufen und selten auch zu schweren Komplikationen führen kann.“ Es gebe außerdem ein Risiko, an Spätfolgen zu erkranken. Kinder, Jugendliche und Erwachsene könnten sich anstecken. 

Laut Robert-Koch-Institut sind Masern weltweit verbreitet. Demnach löste im Jahr 2009 ein aus Deutschland nach Bulgarien importiertes Virus „einen landesweiten Masernausbruch mit mehr als 24.000 Fällen und 24 Todesfällen in Bulgarien aus“. In Deutschland sei die Häufigkeit der Masern „durch die seit etwa 40 Jahren praktizierte Impfung und aufgrund stetig steigender Impfquoten im Vergleich zur Vorimpfära insgesamt deutlich zurückgegangen“. In Deutschland wird seit 1973 gegen Masern geimpft, seit 1980 breit angewendet (PDF, Seite 3).

Dennoch schwanken die Zahlen: So kommt es laut Robert-Koch-Institut immer wieder zu „zeitlich begrenzten regionalen bis bundesweiten Ausbrüchen mit zum Teil langen Infektionsketten“. Das zeigen auch die Fallzahlen zurück bis 2001, dem Jahr, in dem eine Meldepflicht für Masernfälle eingeführt wurde. So gab es 2001 in Deutschland mehr als 6.000 gemeldete Masern-Fälle, 2015 waren es 2.465 Fälle.

Fallzahlen der Masernfälle zurück bis 2001. (Quelle: Robert-Koch-Institut / Screenshot: CORRECTIV)

Im Zeitraum 2001 bis 2018 gab es außerdem insgesamt 15 Todesfälle wegen Masern in Deutschland.

Bundesgesundheitsministerium will Impfquoten erhöhen, um Erkrankungen zu verhindern

Die Impfquote in Deutschland liegt laut den aktuellsten verfügbaren Zahlen von 2014 bei 73,9 Prozent. Damit gehört Deutschland laut Robert-Koch-Institut aktuell zu den Ländern mit „ungenügenden Masernimpfquoten“. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt: „Experten gehen davon aus, dass sich die Masern nicht ausbreiten können, wenn mehr als 95 Prozent der Bürger gegen Masern geimpft sind.“ 

Die Impfquote soll deshalb laut Bundesgesundheitsministerium erhöht werden. Dafür gibt es unter anderem das Präventionsgesetz, das 2015 in Kraft trat und regelt, „dass künftig der Impfschutz bei allen Routine-Gesundheitsuntersuchungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie den Jugendarbeitsschutzuntersuchungen überprüft werden soll. Auch Betriebsärzte sollen künftig allgemeine Schutzimpfungen vornehmen können.“ 

Außerdem gibt es den Gesetzentwurf für eine Impfpflicht, der am 14. November 2019 im Bundestag beschlossen wurde. Nach diesem sollen alle Kinder bei Eintritt in die Schule oder Kindergarten eine Masernimpfung vorweisen können. Das Gesetz soll ab 1. März 2020 in Kraft treten (PDF, Seite 15).

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Zahlen stimmen, es fehlt aber wichtiger Kontext.

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Auf Facebook verbreitet ein Nutzer irreführende Behauptungen über ein Medikament gegen Hepatitis C. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Das Medikament Sovaldi gegen Hepatitis C ist teuer. Ein Facebook-Nutzer behauptet, es sei in Indien wesentlich günstiger als in Deutschland – das ist richtig. Doch die Preise, die er angibt, stimmen nicht.

Auf Facebook behauptete ein Nutzer am 20. Oktober, eine Pille, mit der sich die Infektionskrankheit Hepatitis C heilen lasse, koste in Deutschland 100.000 Euro – in Indien aber nur 800 Euro. Der Beitrag wurde mehr als 500 Mal geteilt. 

Unsere Recherche zeigt: Die Darstellung ist irreführend. Die Preise sind außerdem veraltet und somit falsch. 

Der Facebook-Beitrag vom 20. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Auf der Pille auf dem Foto sind die Buchstabe GSI zu sehen. Eine Google-Suche zeigt, dass viele Medien über dieses Medikament berichtet haben, weil es so teuer ist. Der Hersteller heißt Gilead Sciences, die Pille trägt den Namen Sovaldi und bekämpft ein Virus, das Hepatitis C verursacht und die Leber schädigt. Sie wurde 2014 in der EU zugelassen. Eine Therapie dauert 12 oder 24 Wochen, in der Regel in Kombination mit anderen Medikamenten. 

100.000 Euro war laut Medienberichten der Preis für die 24-wöchige Therapie

Die Zeit und Spiegel Online berichteten 2014 über große Empörung über die neue Pille mit dem Wirkstoff Sofosbuvir. Denn sie koste in den USA 1.000 Dollar das Stück – in Deutschland sollten es 700 Euro sein. Das sei der Preis, den die Krankenkassen dafür zahlen müssen. Bei täglicher Einnahme einer Pille kämen in 24 Wochen mit dem deutschen Preis 117.600 Euro zusammen. 

Der Facebook-Beitrag ist irreführend, weil es so wirkt, als sei die Zahl von 100.000 Euro ein Stückpreis. Aus den Medienberichten wird jedoch deutlich, dass sie sich auf den gesamten Zeitraum der Therapie bezieht. 

Zudem ist der Preis nicht mehr aktuell: Im Februar 2015 berichtete der Spitzenverband der Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) in einer Pressemitteilung, man habe sich bei den Verhandlungen mit dem Hersteller Gilead geeinigt. Die Therapie von 12 Wochen koste nun 43.562,52 Euro. Das wäre ein Stückpreis von rund 518,60 Euro pro Pille. Eine Pressemitteilung von der Firma Gilead konnten wir im Netz nicht finden. 

GKV-Spitzenverband: Aktuell vertreibt Gilead die Pille für etwa 416 Euro das Stück

Der Hersteller Gilead habe ein Patent auf den Wirkstoff, schrieb die Organisation Ärzte ohne Grenzen 2018, deshalb seien in vielen Ländern keine kostengünstigen Generika – also Medikamente ohne Markennamen, aber mit demselben Wirkstoff – erhältlich. Eine Beschwerde gegen das Patent beim Europäischen Patentamt scheiterte im September 2018. Ärzte ohne Grenzen und weitere Organisationen gingen gegen die Entscheidung in Berufung, der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. 

Um den aktuellen Preis von Sovaldi herauszufinden, hat CORRECTIV zunächst beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nachgefragt. Eine Pressesprecherin wies uns auf einen Beschluss von 2014 hin, in dem aber nur der alte Preis für eine Therapie von 24 Wochen vermerkt ist: 113.152,56 Euro (Seite 20). 2017 gab der G-BA die Kosten für die Anwendung bei Jugendlichen mit 95.100,72 Euro für 24 Wochen an (Seite 5). Das wären 566,10 Euro pro Pille.  

„Auf Basis der Bewertungsergebnisse des G-BA wurde der Erstattungsbetrag zwischen dem GKV-Spitzenverband und dem pharmazeutischen Unternehmer verhandelt“, schrieb uns die Sprecherin.

Eine Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbands antwortete uns per E-Mail, die Preisverhandlungen seien vertraulich. Sie könne aber Auskunft aus dem Verzeichnisdienst Lauer-Taxe geben. Demnach vertreibe die Gilead Sciences GmbH „derzeit eine 28-Stück-Packung Sovaldi (mit 400 mg Sofosbuvir je Filmtablette) zu einem Erstattungsbetrag in Höhe von 11.660 Euro je Packung“. Das wäre ein Preis von 416,43 Euro pro Pille – und rund 69.960 Euro für die Therapie von 24 Wochen.

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des GKV-Spitzenverband. (Screenshot: CORRECTIV)

Preis in Indien ist niedriger als in Deutschland

Die Sprecherin des GKV-Spitzenverbands schreibt außerdem: „Die Gründe für abweichende Preise in anderen Ländern wie Indien können vielfältig sein, dies kann patentrechtliche Gründe ebenso umfassen wie unterschiedliche Erstattungskonditionen in den jeweiligen Gesundheitssystemen.“

Offenbar kostet die Pille in Indien tatsächlich viel weniger als in den USA oder Europa. Laut einem indischen Medienbericht von 2015 sollte Sovaldi dort 900 Dollar (813 Euro) für eine 12-wöchige Therapie kosten. Das indischen Patentamt verweigerte Gilead Sciences zunächst das Patent, etwas später bekam das Unternehmen es laut Medienberichten dann aber doch

Der Preis von 800 Euro ist jedoch nicht aktuell. Die Suche nach Sovaldi ergibt keinen Treffer in der Datenbank der indischen National Pharmaceutical Pricing Authority, aber der Wirkstoff Sofosbuvir ist verzeichnet. Demnach kostet eine Pille 626,48 Indische Rupien (Stand April 2018). Das entspricht etwa 7,80 Euro. Somit würde eine Therapie über 24 Wochen 1.310,40 Euro kosten – nicht 800 Euro. 

Die Suchabfrage in der Datenbank der National Pharmaceutical Pricing Authority am 19. November 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Dennoch stimmt es, dass die Pille in Indien wesentlich günstiger ist als in Deutschland. Dass in der Datenbank Sofosbuvir und nicht Sovaldi verzeichnet ist, spricht dafür, dass das Medikament in Indien als Generikum erhältlich ist. Dies könnte eine Erklärung sein. 

Auf unsere Presseanfrage, was die Gründe für die Preisunterschiede sind, haben weder Gilead Sciences noch die Abteilung für Arzneimittel beim indischen Ministerium für Chemikalien und Düngemittel bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks reagiert. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der Preis bezieht sich nicht auf eine einzelne Pille sondern auf eine 24-wöchige Therapie. Zudem sind die Preisangaben für Deutschland und Indien stark veraltet.

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100.000 Euro versprach ein Impfgegner 2011 demjenigen, der ihm „eine wissenschaftliche Publikation“ vorlegen könne, in der die Existenz und der Durchmesser des Masern-Virus nachgewiesen werden. (Symbolfoto: Georges Gobet / AFP)

von Alice Echtermann

Vor Jahren schrieb ein Impfgegner eine hohe Belohnung aus für den, der ihm die Existenz des Masern-Virus beweise. Als ein junger Arzt dies tat, zahlte er nicht. Der Fall ging vor Gericht, der Impfgegner gewann. Doch die Gerichte entschieden nicht, dass es kein Virus gibt – im Gegenteil. 

Am 19. November veröffentlichte die Seite Watergate TV einen Artikel mit dem Titel „Masern-Virus ‘existiert nicht’: Dr. Lanka gewinnt Prozess vor dem BGH“. Darin wird behauptet, es sei vor Gericht entschieden worden, dass es das Masern-Virus nicht gibt. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. 

Es handelt sich um eine Falschmeldung, hinter der eine ältere Geschichte steckt. Die Faktenchecker von Mimikama haben sie bereits im Dezember 2018 recherchiert

Der Artikel von Watergate TV befasst sich mit einem drei Jahre alten Fall (Screenshot: CORRECTIV).

Die Geschichte, die in Gerichtsdokumenten nachzulesen ist, geht so: Ein Biologe und Impfgegner namens Stefan Lanka schrieb 2011 eine Belohnung von 100.000 Euro für denjenigen aus, der ihm mittels einer „wissenschaftlichen Publikation“ die Existenz und Größe des Masern-Virus beweisen könne. Lanka ist unter anderem der Autor eines Buches mit dem Titel „Der Masern-Betrug“.. Ein junger Arzt, David Bardens, schickte Lanka daraufhin sechs Studien zu – doch der zahlte nicht. 

Daraufhin verklagte Bardens Lanka. Im März 2015 urteilte das Landgericht Ravensburg, Lanka müsse die 100.000 Euro zahlen, inklusive Zinsen. Das Gericht hielt die Existenz des Masern-Virus für belegt. Für das Urteil wurde ein Sachverständigengutachten angefertigt, das „im Ergebnis zum Schluss kam, dass zwar nicht ein Artikel für sich genommen für die Beweisführung ausreiche, dass aber die – hinreichend durch adäquate und wissenschaftlich korrekt durchgeführte Experimente belegten – Aussagen der sechs eingereichten Publikationen in ihrer Kombination sowohl die Existenz des Masern-Virus belegten als auch seine spezifische Infektiosität sowie seinen ungefähren Durchmesser zeigten.“ 

Stefan Lanka ging jedoch gegen dieses Urteil in Berufung und gewann im Februar 2016 vor dem Oberlandesgericht Stuttgart. Bardens Klage wurde abgewiesen, er sollte als Kläger die Kosten des Rechtsstreits tragen. Der Fall sorgte auch in den Medien für Aufsehen. 

Bardens erfüllte nicht die formalen Kriterien der Ausschreibung

Der Grund für dieses Urteil ist jedoch nicht, dass das Oberlandesgericht der Ansicht wäre, es gebe das Masern-Virus nicht. Es widerspricht in diesem Punkt dem Landgericht Ravensburg nicht: „Die Beweiswürdigung des Landgerichts dahingehend, dass aufgrund des eingeholten Sachverständigengutachtens bewiesen sei, dass die vom Kläger vorgelegten Publikationen in ihrer Gesamtheit den Nachweis für die Existenz und die Erregereigenschaft des Masernvirus belegten […], ist im Ergebnis nicht zu beanstanden.“ 

Das Kriterium, das Bardens dem Gericht zufolge nicht erfüllt hatte: Er hätte nicht sechs, sondern nur eine einzige „wissenschaftliche Publikation im Sinne einer Originalarbeit“ einreichen dürfen. Außerdem hätte diese Publikation laut Lanka vom Robert-Koch-Institut sein müssen. Laut einem Artikel der Deutschen Apotheker-Zeitung sagte der Richter, die Entscheidung sei eine rein juristische, bezogen auf den Wortlaut der Ausschreibung. 

Bundesgerichtshof hielt sich aus dem Streit heraus

Das Oberlandesgericht ließ im weiteren Verlauf eine Revision nicht zu, weshalb Bardens Beschwerde beim Bundesgerichtshof einlegte. Diese wurde jedoch am 1. Dezember 2016 abgewiesen, wie Pressesprecherin Dietlind Weinland CORRECTIV bestätigte. Diese Entscheidung sei eine reine Formsache gewesen, der Bundesgerichtshof verfahre so mit den allermeisten Beschwerden. Die Ablehnung laute immer gleich: Die Beschwerde werde zurückgewiesen „weil die Rechtssache keine grundsätzliche Bedeutung“ habe, und: „Von einer weiteren Begründung wird abgesehen.“ Der Bundesgerichtshof hat also dem Urteil des Oberlandesgerichtes nichts hinzugefügt und kein eigenes Urteil gefällt.

Die E-Mail der Sprecherin des Bundesgerichtshofs. (Screenshot: CORRECTIV)

Damit hat Stefan Lanka zwar vor Gericht gewonnen, die Klage gegen ihn wurde abgelehnt. Keines der beteiligten Gerichte hat ihm jedoch in der Sache Recht gegeben, dass es kein Masern-Virus gebe. 

Nach Auffassung des Oberlandesgerichts Stuttgart hatte Stefan Lanka nie vor, sich von der Existenz des Virus überzeugen zu lassen. Im Urteil von 2016 steht dazu wörtlich: „Das Preisausschreiben stellt damit einen Teil der vom Beklagten als Gegner der Masernvirusimpfung durchgeführten Kampagne dar. Ihm liegt erkennbar nicht daran, dass seine – ohnehin als unumstößlich dargestellte – Behauptung zur Nichtexistenz des Masernvirus widerlegt wird.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Klage gegen den Impfgegner wurde aus formalen Gründen abgelehnt. Das Urteil belegt nicht, dass es kein Masern-Virus gibt. 

Bienen 5G
Der Artikel, der suggeriert, in einem viralen Video aus Kalifornien seien Bienen wegen 5G-Strahlung gestorben. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Ein virales Youtube-Video suggeriert, Bienen würden in Sierra Madre wegen 5G-Masten in der Nähe sterben. Das ist falsch – es handelt sich dabei weder um 5G-Antennen, noch kann laut Experten der neue Mobilfunkstandard Tieren gefährlich werden.

„Bees dying under 5G poles“ – Bienen sterben unter 5G-Masten. So ist ein Youtube-Video betitelt, das seit 15. Juli bereits mehr als 240.000 Mal angesehen wurde. Hochgeladen hatte es damals ein Nutzer namens Phillip Sites. In dem Handyvideo werden zwei angebliche 5G-Antennen in der kalifornischen Stadt Sierra Madre gezeigt, die sich gegenüberliegen. Dazwischen auf der Straße liegen etliche tote Bienen. Sites sieht dafür nur eine Erklärung: Die mutmaßlichen 5G-Antennen. 

Das Youtube-Video von Philipp Sites. (Screenshot: CORRECTIV)

Nachdem die britische Boulevard-Zeitung Daily Star am 2. August einen Artikel darüber veröffentlichte, griffen zunächst verschiedene englischsprachige Blogs das Thema auf (hier und hier). Im September veröffentlichte auch die deutschsprachige Webseite Altermed Zentrum einen Artikel dazu. Darin wird an mehreren Stellen suggeriert, dass der Tod der Bienen mit 5G-Strahlung zusammenhänge. Mehrfach ist zum Beispiel vom angeblich großen „gesundheitlichen Risiko“ durch 5G zu lesen. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 7.300 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben den Sachverhalt überprüft.

Die Antennen befinden auf dem Parkplatz einer Methodistenkirche in Sierra Madre 

Zunächst haben wir den exakten Standort der Antennen in Sierra Madre verifiziert. Eine Twitter-Suche nach „5G Sierra Madre“ führt zum Tweet eines Nutzers, der schreibt, dass es sich um alte 4G-Antennen nahe der Methodistenkirche in Sierra Madre handele. Über Google Street View suchten wir nach der Methodistenkirche in der Stadt und wurden fündig: Sie befindet sich an der Straßenecke Sierra Madre Boulevard und Michellinda Avenue nahe Pasadena. Die Google-Aufnahmen sind vom April 2019, also wenige Monate bevor Sites sein Youtube-Video hochgeladen hat.

An der Michellinda Avenue finden wir eine Antenne: Sie befindet sich auf dem Parkplatz der Kirche. Das lässt sich anhand des weißen Schildes mit der Aufschrift „FCC“ am „Stamm“  einer der Antennen und den roten Lettern auf dem Gebäude gegenüber erkennen („Animal Hospital“, im Youtube-Video sind die Anfangsbuchstaben „An“ zu sehen):

Indizien für den Standort im Youtube-Video von Philipp Sites: Oben links die erste Antenne, oben rechts ein weißes FCC-Schild, unten links ist im Hintergrund in roten Lettern „An“ zu lesen, unten rechts eine mutmaßlich zweite Antenne. (Screenshots / Markierungen: CORRECTIV)
Aus Google Street View: Die ausgefüllte rote Markierung mittig links im Bild zeigt, von wo aus der Urheber des Videos gefilmt haben muss. Zu sehen sind von dort die erste Antenne, das weiße Schild und die roten Lettern auf der Straßenseite gegenüber aus dem Youtube-Video. In Gänze steht auf dem Schild „Animal Hospital“. (Screenshot / Markierungen: CORRECTIV)

Rathaus: Es gibt keine 5G-Antennen in Sierra Madre

Wir kontaktierten das Rathaus von Sierra Madre zunächst über die nicht verifizierte Facebook-Seite der Stadt. Wir erhielten über eine Direktnachricht die Antwort: „Die Stadt Sierra Madre hat zum aktuellen Zeitpunkt keine 5G-Antennen.“ Diese Antwort hat uns Mitarbeiter Tevin Voong noch einmal per E-Mail bestätigt.

Die E-Mail aus dem Rathaus von Sierra Madre. (Screenshot: CORRECTIV).

Die Behauptung im Youtube-Video, es handele sich um 5G-Antennen, ist demnach falsch, weil es in der Stadt keine gibt. Die Bienen können nicht wegen 5G-Strahlung gestorben sein.

Gesundheitsministerium: Keine wissenschaftlich belastbare Beweise für Gefährdung von Tieren und Pflanzen

Zum Hintergrund: 5G steht für die fünfte Mobilfunkgeneration. Sie benötigt neue, beziehungsweise mehr Funktechnologie als die bisherigen. So soll sie Daten schneller übertragen und weniger Strom verbrauchen. Das wird laut Bundesamt für Strahlenschutz zu einem „deutlichen Ausbau der Sendeanlagen“ führen. Das beunruhigt derzeit offenbar viele Menschen, denn mehr Funksendeanlagen bedeutet in den Augen vieler auch: mehr Strahlung. 

Doch kann diese Bienen oder anderen Tieren wirklich gefährlich werden?

Wir haben beim Bundesgesundheitsministerium nachgefragt. Per E-Mail antwortete Sprecherin Judith Horrichs: „Die von Ihnen beschriebene Darstellung in dem Video kann so nicht mit 5G-Antennen, wie sie hier in Deutschland eingesetzt werden, in Zusammenhang gebracht werden. Nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand gibt es keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren und Pflanzen durch hochfrequente elektromagnetische Felder unterhalb der Grenzwerte.“ 

Der einzige bekannte und wissenschaftlich nachgewiesene Wirkmechanismus hochfrequenter Felder auf Organismen sei laut Horrichs die Erwärmung infolge von Energieabsorption. Die Intensität der Felder, die von Sendeanlagen ausgehen, reiche aber nicht aus, um eine biologisch wirksame Erwärmung von Lebewesen zu verursachen. 

E-Mail des Bundesgesundheitsministeriums an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundesamt für Strahlenschutz bestätigt

Das Bundesamt für Strahlenschutz bestätigt die Aussage des Gesundheitsministerium per E-Mail und schreibt: „Dies gilt auch für den neuen Mobilfunkstandard 5G hinsichtlich der bislang in Deutschland versteigerten Frequenzen, da diese Frequenzbereiche vergleichbar sind mit denen, die auch bislang schon für den Mobilfunk genutzt werden.“ In einer Pressemitteilung von 2018 schrieb das Bundesamt zudem: „Wenn die Grenzwerte eingehalten werden, sind nach dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand keine gesundheitsrelevanten Wirkungen zu erwarten.“

Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt auf seiner Webseite auch weitere Informationen zum Einfluss von Strahlung auf Bienen. Dabei geht es vor allem um die Störung der Orientierung der Tiere. Es werden die Ergebnisse mehrerer Studien zitiert, die zwar teilweise einen Einfluss auf Bienen nahelegen, jedoch oft keine kausalen Schlüsse zuließen.  Elektromagnetische Felder von Basisstationen spielten beim Bienensterben keine Rolle, schreibt das Bundesamt. Es gebe andere Einflussfaktoren: Krankheiten, Parasiten wie die Varroa Milbe und Pestizide, die das Nervensystem von Insekten schädigen. „In Großstädten, die besonders gut mit Mobilfunk versorgt sind, breiten sich Bienen zunehmend aus und gedeihen besser als in landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten.“

Zu den Ursachen für Bienensterben zählen laut Bundesamt für Strahlenschutz keine elektromagnetischen Felder. (Screenshot: CORRECTIV)

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5G ist ein Thema der Desinformation 

CORRECTIV.Faktencheck beobachtet schon länger, dass mit dem Thema 5G Stimmung im Netz gemacht wird. Für einen Hintergrund-Bericht haben wir uns mit der Forschungslage beschäftigt. Zusammengefasst: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt weder abschätz- noch belegbar, welche Strahlenbelastung durch die neue Mobilfunktechnologie auf uns wirken könnte. Zudem ist nicht belegt, ob sie gesundheitliche Schäden verursachen könnte. Um sichere Aussagen dazu treffen zu können, müsste die Strahlenbelastung nach dem Ausbau gemessen und erforscht werden

Unsere Bewertung:
Falsch. In Sierra Madre gibt es aktuell keine 5G-Antennen. Laut Experten gibt es zudem keine Belege für einen schädlichen Einfluss von 5G auf Bienen.

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Fluorid ist ein Spurenelement und kommt in Trinkwasser und Salz vor. Aber auch in Zahnpasta. (Symbolbild von Bruno Glätsch auf Pixabay)

von Tania Röttger

Mehrere ähnlich lautende Artikel verbreiten sich auf Facebook, sie behaupten: Fluorid – das oft Zahnpasta und Salz zugesetzt wird – sei offiziell als Neurotoxin klassifiziert worden, als Nervengift also. Die Artikel und Facebook-Beiträge sind allerdings nicht korrekt.

Die Behauptung über Fluorid taucht immer wieder auf. Im April 2018 auf der Webseite Bewusst Vegan Froh: „Fluorid nun offiziell als Neurotoxin im weltführenden Medizinjournal klassifiziert“ (10.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Mai 2018 erschien derselbe Text auf der Webseite Connectiv Events mit dem Titel: „Weltführende Medizinjournale: Fluorid offiziell als Neurotoxin klassifiziert“ (4.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Juni 2019 ein Beitrag der Facebook-Seite „Freiheit der Gedanken“ (mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt). Als Beleg dient immer eine angebliche Studie, die Fluorid angeblich als Neurotoxin klassifiziert habe.

Wir haben die Behauptungen überprüft – sie stimmen nicht.

Immer wieder tauchen dieselben Behauptungen über Fluorid auf, hier ein Beitrag von Juni. (Screenshot: CORRECTIV)

Was ist das für eine „Studie“?

Die Artikel beziehen sich auf die wissenschaftliche Arbeit „Neurobehavioural effects of developmental toxicity“ (übersetzt: Neurologische Verhaltensstörungen der Entwicklungstoxizität), veröffentlicht in dem Journal The Lancet Neurology im Februar 2014. Autoren sind Philippe Grandjean und Philip Landrigan. Grandjean ist außerordentlicher Professor (englisch: adjunct professor) für Umweltgesundheit der Harvard Universität und Leiter der Forschungseinheit Umweltmedizin an der Universität Süd-Denemark. Landrigan unter anderem Dekan an der Mount Sinai Medical Scool und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms am Boston College.

Die erwähnte Arbeit ist keine Studie, sondern eine sogenannte Review: Ein Artikel, der andere  ausgewählte Studien und Metastudien zusammenfasst. 

Grandjean und Landrigan schreiben selbst nichts von „klassifizieren“, sondern von „dokumentieren“: „Seit 2006 haben epidemiologische Studien sechs weitere entwicklungsbezogene Nervengifte [englisch: neurotoxicants] dokumentiert – […darunter] Fluorid…“

Eine von zwei Stellen in der Review, in der Fluorid direkt mit einer Einschätzung als Nervengift genannt wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

In der Studie geht es um fluoridiertes Trinkwasser, nicht um Zahnpasta, wie das Bild des Facebook-Beitrags suggeriert und wie die Texte von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh wortgleich behaupten: „Die Hauptursache… besteht in der Fluoridierung des Leitungswassers… Die zweite Quelle ist die Zahnpasta.“ Doch das Wort Zahnpasta taucht in der Arbeit von Grandjean und Landrigan nirgends auf. 

Tatsächlich kommt Fluorid natürlich in Grundwasser vor, in einigen Ländern wird oder wurde es dem Trinkwasser aber auch beigegeben, zum Beispiel in Teilen der USA, Spaniens oder Großbritanniens. Grund ist in der Regel die Vorbeugung gegen Karies. 

Eine weitere Behauptung von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh ist, „dass fluoridiertes Trinkwasser mit diversen Krebsarten in Verbindung zu bringen ist“. Dafür liefern die Webseiten keine Belege und verweisen auch nicht auf Studien. Zudem kommt Krebs im Zusammenhang mit Fluorid ebenfalls nicht bei Grandjean und Landrigan vor.

Bundesamt für Risikostoffe: Studien über Auswirkungen von Fluorid sind mangelhaft

Es gibt Studien über die mögliche Auswirkung von Fluorid in Trinkwasser. Dabei geht es aber etwa um Schwangere und den IQ ihrer Babys, nicht um Krebs. 

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), das sich unter anderem mit gesundheitsgefährdenden Stoffen auseinandersetzt, erwähnte in ihrer Antwort auf unsere Anfrage mehrere Studien.

Da ist eine Metastudie aus dem Jahr 2012, Anna Choi, und andere Forscher haben sich dafür verschiedene Studien angesehen, vor allem welche aus China. Choi war zu dem Zeitpunkt Wissenschaftlerin an der Fakultät für das Gesundheitswesen der Universität Harvard. Auch Grandjean und Landigran verweisen auf diese Arbeit. Die beiden schreiben, die Metastudie habe gezeigt, dass bei Kindern, die mit erhöhten Fluorid-Konzentrationen im Trinkwasser aufwachsen, der IQ im Schnitt um sieben Punkte niedriger sei.

An dieser Stelle in der Review geht es um eine Metastudie, die eine negative Wirkung von hohen Fluorid-Konzentrationen auf den IQ von Kindern festgestellt habe. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das BfR bewertet die Studien aber als schlecht: „Gemeinsam ist all diesen Studien, dass ihre Qualität schlecht ist“. 

Auszug der E-Mail vom Bundesamt für Risikobewertung. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Studie aus Neuseeland von 2015 sei im Gegensatz dazu kein Einfluss von Fluorid, das die Mutter über Trinkwasser aufnahm, auf den Säugling erkennbar gewesen, schreibt das BfR weiter. Und in einer Studie aus Kanada von 2019 konnte ein Einfluss nur auf männlich Nachkommen beobachtet werden. Das Bundesamt schreibt dazu: „Auch bei dieser Studie gibt es weitere Mängel, die eine Interpretation der Daten erschweren.“

Es kommt auf die Dosierung an

Auf die Frage, ob es Warnungen vor Fluorid gebe, antwortet das BfR: „Nein.“ Das Trinkwasser werde nicht fluoridiert und die Menge Fluorid, die aus anderen Quellen aufgenommen werde, etwa aus Zahnpasta, sei „sehr klein“. Dennoch meinte das BfR in einer Stellungnahme vom Mai 2018, dass es an Studien fehle, die die Wirksamkeit von Fluorid im Zusammenhang mit Karies belegen. 

Auch Ulrich Schiffner, Oberarzt am Zentrum für Zahnheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, betont, dass es auf die Dosierung ankomme. Er hat sich im Jahr 2016 mit der Review von Grandjean und Landrigan und den daraus folgenden Gerüchten über Fluorid beschäftigt, in einem Artikel auf der Webseite Zahnärztliche Mitteilungen. Darin schrieb er: „Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten.“ 

Und weiter: „Die in der jüngeren Vergangenheit in einschlägigen Foren vorgebrachten Bedenken, systemische Fluoridaufnahme sei mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern verbunden, sind wissenschaftlich fragwürdig beziehungsweise nicht belegt.“

Per E-Mail schrieb er CORRECTIV dazu: „Meine dort gemachten Ausführungen und Kommentare treffen unverändert zu. Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen. Die in den Foren zitierten Aussagen treffen nicht zu.“ Kurz: Laut Schiffner sagt die Metastudie gar nichts über Zahnpasta aus. 

Artikel nicht im Journal The Lancet veröffentlicht

Zu den falschen Behauptungen gehört auch die falsche Beschreibung des Journals, in dem der Artikel erschien. Bei Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh steht, der Artikel sei in The Lancet erschienen, das sei „das angesehenste Medizinjournal überhaupt“. Die Artikel versuchen offenbar die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, indem sie das Journal derart einordnen. 

Allerdings erschien die Metastudie nicht in The Lancet, welches von SJR, einem der Portale, die wissenschaftliche Journale einordnen, im Jahr 2018 auf Platz 32 gesetzt wurde. Sondern in The Lancet Neurology, welches laut dem Ranking von SJR den 53. Platz einnimmt

Empfehlung, von Fluorid fernzubleiben, ist „unsinnig“

Die Artikel von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh schlussfolgern: „Man kann nur dringend raten vor allem in der Schwangerschaft und bei Kindern sorgfältig darauf zu achten, keine Fluoride (…) an oder in den Körper gelangen zu lassen.“

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Wir haben dazu Jan Hengstler kontaktiert, er leitet den Fachbereich Toxikologie am Leibnitz-Institut für Arbeitsforschung. Er hat uns per E-Mail geantwortet:  „Die Empfehlung in Vegan [Bewusst Vegan Froh] ist unsinnig. Fluorid kommt schließlich in Lebensmitteln und im Trinkwasser vor, es ist nicht möglich dieses Spurenelement ‘nicht an sich heranzulassen’. Wissenschaftliche Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen bei üblicher Exposition gibt es nicht.“

Hengstler sieht das Problem aber nicht in der Berichterstattung der Blogs, sondern in den irreführenden Aussagen in dem Artikel von Grandjean und Lindgren. Er schreibt: „Ich würde in diesem Fall es den Autoren in den sozialen Netzwerken nicht zu sehr anlasten (auch wenn diese Berichterstattung sicher sehr unkritisch ist; key statements sind falsch), denn man könnte einwenden, dass die Formulierung in Lancet Neurology zu solchen falschen Interpretationen geradezu einlädt.“

Bekanntes Thema

Die Gerüchte über Fluorid kursieren schon länger im Netz. Im Dezember 2017 veröffentlichte Stiftung Warentest einen Text, in dem Irrtümer über Fluorid aufgeklärt wurden, denn: „gerade im Internet wird über den Wirkstoff kontrovers diskutiert“, so die Redaktion in der Einleitung.

Auch Focus Online nahm sich des Themas an: Im September 2016 erschien dort ein Artikel mit dem irreführenden Titel: „Giftiges Fluorid? So gefährlich ist der Stoff in der Zahnpasta wirklich“. Das Fazit klang dann sehr nüchtern: „Für den Zusammenhang von Krankheitsrisiken und Fluorid fehlen belastbare Nachweise“. Und bereits 2014 schrieb die Berliner Zeitung: „Keine Angst vor Fluorid: Die Zahnpasta-Verschwörungstheorie“. 

Und in den USA erscheinen ebenfalls immer wieder Artikel, die mit Verweis auf den Grandjean-Aufsatz behaupten, Fluorid sei als Neurotoxin klassifiziert worden. Darüber berichtete zum Beispiel das US-Faktencheck-Portal Snopes im April 2018.

Unsere Bewertung:
Falsch. Fluorid wurde nicht als Neurotoxin klassifiziert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Fluorid in Zahnpasta oder die Konzentration, in der es natürlicherweise im deutschen Trinkwasser vorkommt, gesundheitsschädlich ist.

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Impfstoffe in Deutschland enthalten nach Angaben des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts kein Quecksilber. (Symbolfoto: Hyttalo Souza / Unsplash)

von Alice Echtermann

Ein Artikel behauptet, Grippe-Impfungen enthielten Quecksilber in giftigen Mengen und führt damit in die Irre. In den USA wird teilweise eine Art Quecksilber als Konservierungsmittel eingesetzt, es gilt aber in so geringen Mengen als unbedenklich. In Deutschland enthalten normale Grippe-Impfstoffe kein Quecksilber.

Die Seite Unsere Natur behauptet in einem Artikel vom 4. Oktober, in Grippe-Impfstoffen sei 25.000 Mal mehr Quecksilber enthalten, als im Trinkwasser erlaubt sei. Als angeblichen Beweis bezieht der Text sich auf einen Impfstoff in den USA namens FluLaval: „In Impfstoffampullen des britischen Pharmariesen GlaxoSmithKline fanden sich mehr als 51 Teile pro Million (ppm) Quecksilber, das ist 25.000 Mal mehr als die von der US-Umweltbehörde EPA (Environmental Protection Agency) für das Trinkwasser festgelegte Obergrenze.“

Unsere Natur behauptet weiter, dies sei zuvor nicht bekannt gewesen, da „Aufsichtsbehörden des Landes“ bisher selbst keine Sicherheitstests durchgeführt hätten. Somit würden sich weltweit jedes Jahr „Millionen Menschen“ unwissend „giftiges Metall“ spritzen lassen, „schwangere Frauen, kleine Kinder und ältere Menschen“ würden dazu sogar ermuntert. 

 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mindestens 7.000 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. 

Eine Form von Quecksilber dient teilweise als Konservierungsmittel in Impfstoffen

Tatsächlich kann eine Form von Quecksilber in Grippe-Impfstoffen enthalten sein. Es handelt sich um den Stoff Thiomersal, der Ethyl-Quecksilber enthält. Er wird als Konservierungsmittel eingesetzt, um das Wachstum von Bakterien zu verhindern.

Die Food and Drug Administration (FDA), die Lebens- und Arzneimittelbehörde in den USA, hat den Beipackzettel des Grippe-Impfstoffes FluLaval veröffentlicht. Auf diesen verweist auch Unsere Natur. In dem Beipackzettel steht, dass Thiomersal (Englisch: thimerosal) nur in Behältern mit mehreren Dosen Impfstoff enthalten sei. Also in Flaschen, aus denen mehrere Personen geimpft werden. Im Gegensatz dazu enthielten die Einzel-Spritzen kein Quecksilber: „The prefilled syringe is formulated without preservatives and does not contain thimerosal. Each 0.5-mL dose from the multi-dose vial contains 50 mcg thimerosal (<25 mcg mercury) […].“ (Deutsch: Die vorgefüllte Spritze wird ohne Konservierungsmittel angemischt und enthält kein Thiomersal. Jede 0,5-ml-Dosis von der Multi-Dosis-Phiole enthält 50 Mikrogramm Thiomersal (< 25 Mikrogramm Quecksilber)). 

Die Grenze für Quecksilber im Trinkwasser in den USA bezieht sich auf „inorganic mercury“ (anorganisches Quecksilber) und liegt laut der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency bei 0,002 Milligramm pro Liter. Also zwei Mikrogramm pro Liter. So kommt der angeblich 25.000 Mal höhere Wert für Impfstoffe zustande, den der Artikel von Unsere Natur nennt: Ein Liter des Impfstoffes FluLaval enthält laut dem Beipackzettel theoretisch 50.000 Mikrogramm Quecksilber; das ist 25.000 Mal mehr als der Grenzwert für Trinkwasser in den USA. 

Allerdings ist dieser Bezug stark irreführend, denn bei den Wasser-Grenzwerten ist anorganisches Quecksilber gemeint – eine ganz andere Form, als die, die in Impfstoffen enthalten sein kann. Bei Impfstoffen wird organisches Quecksilber eingesetzt, genauer gesagt Ethyl-Quecksilber. (PDF, Seite 1 und 2). 

Was ist der Unterschied der Quecksilber-Arten?

Thiomersal oder Ethyl-Quecksilber ist laut dem Paul-Ehrlich-Institut, das für die Zulassung von Impfstoffen in Deutschland zuständig ist, und dem Robert-Koch-Institut in geringen Dosen unbedenklich. Es sei jahrelang als Konservierungsmittel in Impfstoffen eingesetzt worden. Ethyl-Quecksilber wird laut WHO vom Körper wesentlich schneller abgebaut als Methyl-Quecksilber. 

Vor Methyl-Quecksilber warnen unter anderem die US-Umweltbehörde EPA und das deutsche Umweltbundesamt. Es gelange vor allem über Fische in die Nahrungskette. Es entsteht aus anorganischem Quecksilber, das im Wasser durch Mikroorganismen in organisches Methyl-Quecksilber umgewandelt wird. 

Die US-amerikanische Food and Drug Administration schreibt, Ethyl-Quecksilber müsse von Methyl-Quecksilber unterschieden werden. „Methyl-Quecksilber ist die Art von Quecksilber, die in bestimmten Fischarten gefunden wird. Bei hoher Konzentration kann es für Menschen giftig sein. In den Vereinigten Staaten halten staatlichen Richtlinien Methyl-Quecksilber so weit es geht aus Umwelt und Nahrungsmitteln heraus, aber innerhalb eines Lebens ist jeder einer gewissen Menge ausgesetzt.“

Die Menge von 25 Mikrogramm Ethyl-Quecksilber, die in Grippe-Impfstoffen in den USA enthalten sein kann, entspricht laut FDA ungefähr der Menge Quecksilber, die in einer Dose mit etwa 85 Gramm Thunfisch enthalten sein könne. 

Impfstoffe in Deutschland enthalten kein Quecksilber 

Das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite, Pharmahersteller hätten auf die Debatte um Quecksilber in Impfstoffen reagiert: „Für alle generell empfohlenen Schutzimpfungen sind inzwischen quecksilberfreie Impfstoffe verfügbar.“ 

Aktuell seien alle in Deutschland zugelassenen Impfstoffe frei von Thiomersal, teilte uns auch eine Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, Susanne Stöcker, per E-Mail mit. Eine Ausnahme gebe es nur für Grippe-Impfstoffe in Mehrdosenbehältnissen, die aber nur im Falle einer Grippe-Pandemie eingesetzt würden und nicht bei den normalen Impfungen. Die normalen Impfungen würden mit Fertigspritzen durchgeführt, die eine einzige Dosis Impfstoff enthalten und somit nur einmal verwendet werden.  

Auszug aus der E-Mail der Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

FluLaval sei weder in Deutschland noch zentral von der EU zugelassen, so Stöcker. In einer Liste der aktuellen saisonalen Grippe-Impfstoffe des Paul-Ehrlich-Instituts wird FluLaval nicht genannt. Von der Firma GlaxoSmithKline sind nur zwei Impfstoffe dabei: Influsplit Tetra und Fluarix. In den offiziellen Dokumenten dazu, die jeweils auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts verlinkt werden, findet sich kein Hinweis auf Thiomersal. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland zugelassene, normale Grippe-Impfstoffe enthalten kein Quecksilber. Eine Ausnahme gibt es nur für Impfstoffe im Falle einer Pandemie. In den USA wird Quecksilber ebenfalls nur in Behältern für mehrere Impfungen hinzugefügt. Die Menge gilt als unbedenklich.

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Fötales Kälberserum ist ein wichtiger Bestandteil von Zellkulturen. Es wird aus dem Blut ungeborener Kälber gewonnen. (Symbolfoto: Zdeněk Chalupský / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Beitrag geteilt, in dem über das sogenannte Kälberserum aufgeklärt wird. Die meisten Angaben stimmen, doch bei der wesentlichen Frage, ob Tiere dafür leiden müssen, stehen Aussagen von Produzenten gegen die von Wissenschaftlern und Tierschützern. 

Ein Bild, das innerhalb von drei Wochen mehr als 2.700 Mal auf Facebook geteilt wurde, zeigt einen Kälberfötus, der auf einer blauen Plastikfläche liegt. In dem Text dazu geht es um sogenanntes Fötales Kälberserum (FKS) – Serum, das aus dem Blut von Kälberföten gewonnen wird, nachdem die Muttertiere geschlachtet wurden. Der Fötus werde herausgeschnitten, und lebe noch, während ihm das Blut abgenommen werde.

Mehrere Facebooknutzer reichten den Beitrag der Facebook-Seite „Schule des Lebens“ als potenzielle Falschmeldung ein. CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch, dass die Angaben in dem Text weitgehend korrekt sind. Allerdings kommt es in Deutschland nach Aussage mehrerer Quellen nicht zur Blutentnahme bei Kälberföten. Unbelegt ist auch, ob es in anderen Ländern Praxis ist, dass die Föten in den Schlachthöfen tatsächlich noch leben, während ihnen Blut abgenommen wird. 

Der Text des Facebook-Beitrags von „Schule des Lebens“ (Screenshot: CORRECTIV)
Das Foto zu dem Facebook-Beitrag zeigt einen Kälberfötus. (Screenshot: CORRECTIV)

Vorweg: Das Foto, mit dem der Facebook-Text illustriert wurde, hat mit der Entnahme von Kälberserum nichts zu tun. Es stammt aus einem TV-Beitrag von Report-Mainz aus dem Jahr 2015; unten links im Foto ist noch das Logo der Sendung Report Mainz zu erkennen. In dem Bericht ging es um einen Schlachthof in Wilhelmshaven. Dort wurden damals noch schwangere Kühe geschlachtet. Deren ungeborene Kälber erstickten nach der Schlachtung im Mutterleib. Das Foto zeigt eines von ihnen. Seit 2017 ist es in Deutschland gesetzlich verboten, Kühe im letzten Drittel der Schwangerschaft zu schlachten. 

Für ganz Europa schätzte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2015, dass bei der Schlachtung etwa drei Prozent der Milchkühe und 1,5 Prozent der Fleischrinder schwanger seien. 

Die Quelle des Fotos auf Facebook ist ein Beitrag von Report-Mainz von 2015 über einen deutschen Schlachthof. Das Bild hat jedoch nichts mit Fötalem Kälberserum zu tun. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Facebookbeitrag werden verschiedene Aussagen über Fötales Kälberserum getroffen: 

  • Es sei ein wichtiger Grundstoff für Medizin und Forschung.
  • Das Blut des ungeborenen Kalbes werde mittels einer Spritze abgenommen, die ins noch schlagende Herz ohne Betäubung gestochen werde. 
  • Das Serum könne mehr als „15,00 Euro pro Liter“ kosten. 
  • Der weltweite Jahresbedarf liege schätzungsweise bei etwa 800.000 Litern Kälberserum. Dafür müssten pro Jahr ein bis zwei Millionen ungeborene Kälber sterben.
  • Das Kälberserum sei „ein Hauptbestandteil“ von Nährlösungen, die „zur Aufzucht und Kultivierung von Zellen in der Zellkulturen benötigt werden“. Es werde in der Forschung und zur Herstellung von Medikamenten benötigt.

Ja, das Blut wird von Rinderföten gewonnen

Richtig ist: Fötales Kälberserum (Fetal Bovine Serum, abgekürzt FBS oder deutsch FKS) wird aus dem Blut von ungeborenen Kühen gewonnen und in der Zellforschung verwendet. In einem Video der European Serum Products Association, veröffentlicht im Mai 2019 auf dem Youtube-Kanal der französischen Firma Biowest, die Kälberserum produziert, heißt es unter anderem, das Serum werde für Impfstoffe für Menschen und Tiere benötigt, für Zell- und Gentherapie sowie Immuntherapie. 

Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Berichte dazu. Mehrere große Firmen verkaufen das Serum, auch in Deutschland und Europa. Neben Biowest zum Beispiel auch der internationale Konzern Thermofisher, der mehrere Standorte in Deutschland hat. Auf den Internetauftritten der European Serum Product Association (ESPA) und der International Serum Industry Association wird aus Sicht der Produzenten über das Thema informiert. 

Informationsvideo über Fötales Kälberserum von der European Serum Products Association, veröffentlicht 2019 auf dem Youtube-Kanal der Firma Biowest. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein häufig zitierter Wissenschaftler auf dem Gebiet ist Jan van der Valk, Biomediziner an der Tiermedizinischen Fakultät der Universität Utrecht. 2017 veröffentlichte er mit zahlreichen weiteren Autoren einen Bericht mit dem Titel „Konsensbericht: Fötales Kälberserum – Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“. Das Papier entstand bei einem internationalen Workshop über das Serum und seine Alternativen unter der Leitung von Gerhard Gstraunthaler (Universität Innsbruck) und Jan van der Valk. Ausgerichtet wurde er von der Stiftung zur Förderung der Erforschung von Methoden zur Einschränkung von Tierversuchen.

Wofür wird das Serum verwendet?

Fötales Kälberserum wurde laut dem Bericht (PDF, Seite 2) in den späten 50er-Jahren eingeführt, um Zellwachstum in Zell- und Gewebekulturen zu fördern. Es wurde anschließend zur „universalen Ergänzung für menschliche und tierische Zellkulturen in Forschung, Biotechnologie und der Herstellung pharmazeutischer Produkte“. Serum-Produzenten geben an, dass Zellen „in vitro“, also in künstlichem Umfeld, ohne den Zusatz von Serum nicht gut wachsen. Obwohl es andere Serum-Quellen gebe, zum Beispiel das Blut von anderen Tierarten oder neugeborenen Kälbern, sei Serum von ungeborenen Kälbern am weitesten verbreitet, da es unter anderem sehr wenige Antikörper enthalte, heißt es in dem Workshop-Abschlussbericht. 

Die Wissenschaftler argumentieren, dass es inzwischen Alternativen zu Kälberserum gibt, die nicht von Tieren gewonnen werden. Neben dem Bericht gibt es weitere Forschungsarbeiten zu serumfreien Zellkulturen – zum Beispiel von Daniel Brunner und weiteren Autoren (2009) oder Gerhard Gstraunthaler (2003).

Leben die Föten, wenn ihnen das Blut abgenommen wird?

Die wichtigste Frage, die durch den Facebook-Beitrag aufgeworfen wird, ist die, ob die Föten noch leben, wenn ihnen Blut abgenommen wird. 

Dazu gibt es widersprüchliche Darstellungen. Die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association verweisen auf ihren Webseiten auf einen Bericht, der im Januar 2019 im Bioprocessing Journal veröffentlicht wurde. Darin wird behauptet, es handele sich bei der Annahme, die Föten würden bei der Prozedur noch leben, um einen verbreiteten Irrtum. Allerdings sind die Autoren, Ole Bødtker Nielsen and Percy W. Hawkes, nicht unabhängig. Es handelt sich bei Nielsen um den Chef des französischen Serum-Produzenten Biowest, und bei Hawkes laut den Fußnoten des Artikels um einen langjährigen Berater dieser Firma. 

Auszug aus dem Artikel aus dem Bioprocessing Journal, Januar 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

In ihrem Artikel schreiben Nielsen und Hawkes, in der Praxis werde das Blut erst entnommen, wenn der Fötus nach der Schlachtung der Kuh im Uterus erstickt sei. Das dauere etwa 15 bis 20 Minuten. Sollte es dazu kommen, dass ein Fötus noch lebe, wenn er aus dem Uterus geschnitten wird, werde er sofort betäubt und getötet und erst danach sein Blut entnommen. 

Auch der Serum-Produzent Biowest versichert auf seiner Homepage, das Blut werde erst nach dem Tod der Tiere entnommen. Zudem würden alle Standards zum Tierschutz gemäß „OIE Animal Health Code Chapter 7.5 Slaughter of Animals“ eingehalten. In diesen Richtlinien der World Organization for Animal Health steht ebenfalls, der Fötus solle im Mutterleib bleiben, bis er stirbt. Sollten Zweifel daran bestehen, ob das Tier noch bei Bewusstsein ist, solle es getötet werden. 

Auszug aus den Richtlinien der World Organization for Animal Health, bezüglich der Schlachtung von Tieren. (Screenshot: CORRECTIV)

Tierschützer zweifeln an Versicherungen der Produzenten

„Da es keine gesetzliche Regulierung gibt, lassen sich Aussagen einzelner Serumproduzenten weder verifizieren noch auf sämtliche Produzenten verallgemeinern“, so Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, in einer E-Mail an CORRECTIV. Er ist auch einer der Experten, die an dem Workshop mit Jan van der Valk teilgenommen haben. „Leider gibt es keine rechtlich verbindlichen Vorgaben, wie viel Zeit bis zur Blutentnahme vergehen muss, ebenso wenig wie es keine Vorschriften gibt, dass die Föten getötet oder zumindest betäubt werden müssen.“ 

Jan van der Valk habe erst in diesem Jahr eine Blutentnahme beobachtet, schreibt Weber weiter. Er habe „uns bestätigt, dass die Kälberföten vor der Blutentnahme weder betäubt noch getötet wurden“. Van der Valk bestätigte CORRECTIV gegenüber, Zeuge einer solchen Prozedur in den Niederlanden gewesen zu sein. In einem Artikel im Laborjournal vom 15. Juli 2019 schreibt Gerhard Gstraunthaler von der Medizinischen Universität Innsbruck zudem, die meisten Serumlieferanten befänden sich in Ländern „mit einem sehr viel geringeren Bewusstsein und niedrigeren Standards in Hinblick auf das Tierwohl und den Tierschutz“ als in der EU. 

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Der Deutsche Tierschutzbund bezeichnet die Blutentnahme für das Serum als „grausam“ und fordert, „dass fötales Kälberserum nicht mehr verwendet wird und durch serumfreie Alternativen ersetzt wird.“ Ganz ähnlich steht es auch auf der Webseite der Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Auch die Wissenschaftler und Experten um Jan van der Valk schreiben in ihrem Workshop-Abschlussbericht, dass das Blut mit einer Spritze aus dem schlagenden Herzen entnommen werde; der Fötus sei also noch am Leben (PDF, Seite 2). Dabei zitieren sie Quellen aus den Jahren 2002 bis 2005. 

Die Grausamkeit der Prozedur ist unter Wissenschaftlern und Tierschützern also Konsens. In dem Artikel im Laborjournal von Gstraunthaler heißt es: „Die Entnahme des fetalen Kälberserums ist mit Schmerzen und Stress für die Rinderföten verbunden. Dies führt regelmäßig zu ethischen Debatten.“ Gstraunthaler entwickelte laut des Artikels mit seinen Mitarbeitern ein „Thrombozyten-Lysat, das fetales Kälberserum ersetzen kann“.

Leiden die Föten bei dem Prozess?

Über die Frage, ob die Föten Schmerzen spüren können, wird ebenfalls gestritten. In einem Bericht der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA von 2017 heißt es, das „wahrscheinlichste Szenario“ sei, dass Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft neurophysisch nicht in der Lage seien, Schmerzen zu empfinden. Im selben Bericht steht aber auch, es gebe eine – wenn auch geringere – Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere leiden könnten, weshalb Maßnahmen zur Betäubung und Tötung des Fötus getroffen werden müssten.

Auszug aus den Schlussfolgerungen der EFSA zum Schmerzempfinden von Föten im letzten Drittel der Schwangerschaft eines Nutztieres. (Screenshot: CORRECTIV)

Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland und Europa zur Schlachtung von Tieren im letzten Drittel der Schwangerschaft wurden mit der Begründung eingeführt, es sei nicht völlig auszuschließen, dass die Föten Schmerzen erleiden. Die EU-Richtlinie von 2010 regelt den Schutz von Tieren, die für wissenschaftliche Zwecke verwendet werden. Darin heißt es, es gebe „wissenschaftliche Belege dafür (…), dass diese im letzten Drittel des Zeitraums ihrer Entwicklung einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind, Schmerzen, Leiden und Ängste zu empfinden (…).“

Die Theorie, dass das Gehirn eines Fötus erst durch Sauerstoffzufuhr „eingeschaltet“ werde, sei nicht bewiesen, sagt Tilo Weber vom Deutschen Tierschutzbund. Seine Organisation fordere zumindest von Serum-Produzenten in Europa einen Nachweis, dass die Tiere tot sind, bevor ihnen Blut abgenommen wird. Es handele sich dabei derzeit um eine rechtliche Grauzone. Deshalb müsse zuerst auf EU-Ebene ein „verbindlicher Rechtsrahmen zum Schutz der Kälber“ geschaffen werden, an dem sich dann Genehmigungsbehörden orientieren könnten.

Jährliche Menge des produzierten Serums ist unklar

In dem Facebook-Beitrag werden auch einige Zahlen zur Nutzung von Fötalem Kälberserum genannt. So heißt es darin, dass angeblich jedes Jahr weltweit zwischen einer bis zwei Millionen ungeborenen Kälbern 800.000 Liter Serum entnommen werden. Das Experten-Team um Jan van der Valk geht in dem Bericht von 2017 von 800.000 Litern und zwei Millionen Föten aus (PDF, Seite 2) – allerdings beziehen die Wissenschaftler sich dabei auf ältere Quellen, wie einen Bericht von 2009. Darin wiederum ist die Rede von 500.000 Litern Serum und einer Million Tiere (Seite 2) – und als Quelle wird sich auf Studien von 1999 und 2002 bezogen. 

Eine öffentlich zugängliche Primärquelle für die Zahlen konnte CORRECTIV nicht finden, lediglich einen Bericht des Spiegel von 1993. Darin ist die Rede von einem jährlichen Bedarf von 500.000 Litern und der Nutzung von zwei Millionen Rinderföten weltweit. 

Presseanfragen von CORRECTIV an die International Serum Industry Association und die European Serum Products Association nach neueren Zahlen blieben unbeantwortet. Auf der Webseite der ESPA steht, das Angebot an Serum gehe immer weiter zurück, unter anderem weil immer seltener schwangere Kühe geschlachtet würden. 

Auszug aus den FAQ der European Serum Products Association. (Screenshot: CORRECTIV)

Jan van der Valk selbst antwortete auf eine Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, genaue Daten zu bekommen sei „unmöglich“, da die Serumindustrie sehr verschwiegen sei und Schlachthöfe in mehr als 30 Ländern beteiligt seien. Für einen Liter Kälberserum benötige man schätzungsweise drei bis vier Föten. Er verweist auch auf eine Faktensammlung des Peta International Science Consortium; darin heißt es, es würden jährlich 600.000 Liter Serum produziert, wofür bis zu 1,8 Millionen Föten verwendet würden.

Bei der Angabe zum Preis von Fötalem Kälberserum, die von „Schule des Lebens“ gemacht wird, ist unklar, was mit „15.00 pro Liter“ gemeint ist. Plausibel wären 1.500 Euro. Bei dem Standard-Produkt aus den USA auf der Webseite von Thermofisher sollen 50 Milliliter zum Beispiel 67,25 Euro kosten. Das wäre ein Liter-Preis von 1.345 Euro. Spezielles Serum, zum Beispiel mit niedrigerem Risiko für Viren wie BSE (Rinderwahn), liegt bei über 200 Euro für 100 Milliliter, also 2.000 Euro pro Liter.

Woher stammt das Serum?

Herkunftsländer des Serums sind nach Angaben der Konzerne Thermofisher und Biowest die USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Brasilien, Mexiko, Chile und einige Länder in Europa, wie Irland, die Niederlande, Polen, Frankreich und Dänemark. Deutschland wird nirgends als Herkunftsland für Fötales Kälberserum genannt. 

Ein Sprecher des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Däuble teilt CORRECTIV per E-Mail mit: „Nach unserem Ministerium vorliegenden Informationen wird in Deutschland kein fetales Kälberserum gewonnen. Zum Einsatz kommt es vor allem im Bereich der Forschung.“ Dieselben Aussagen hat CORRECTIV auch vom Deutschen Tierschutzbund bekommen. 

Update (30. Juli 2019): Am 30. Juli erreichte uns per Mail die Antwort der European Serum Products Association (ESPA) auf unsere Presseanfrage. Darin erklärt Generalsekretär Dirk Dobbelaere, die Anzahl von 800.000 Litern Serum pro Jahr sei der geschätzte Durchschnitt, bei dem die Serumindustrie gemeinhin übereinstimme. Die Produktionsmenge unterliege aber Schwankungen. Zudem betonte Dobbelaere, es würden nicht extra schwangere Kühe für das Serum geschlachtet; das Serum sei lediglich ein Nebenprodukt der Fleischindustrie. Die Föten stürben durch die Schlachtung, anschließend werde ihnen das Blut entnommen. Das sei besser, als wenn sie zu „Abfall“ würden. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Fötales Kälberserum wird von ungeborenen Kühen gewonnen und in der medizinischen Forschung genutzt. Nicht völlig geklärt ist, ob die Tiere bei der Blutentnahme immer noch leben.

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Die angeblichen Wunderpillen gegen Übergewicht können gefährlich sein. (Symbolbild: stevepb/pixabay)

von Tania Röttger

Ein Video preist eine „Abnehmpille“ an, die Links führen aber zu gefälschten Nachrichtenseiten, die Werbung für die Pille machen sollen. Ein Ernährungsexperte warnt vor dem Präparat.

Seit einigen Wochen verbreiten sich Videos auf Facebook, die die angeblich bahnbrechenden Erfolge einer Tablette im Kampf gegen die Fettleibigkeit bewerben. Die Kommentare, mit denen sie geteilt werden, lauten alle ähnlich, zum Beispiel: „Ich nehme dieses Produkt seit ca. 3 Wochen und es hilft wirklich. Ich habe bisher 17 Pfund verloren.“ Dazu verlinken die Nutzer meist eine Reihe anderer Leute.

Einer der vielen Beiträge, die ein Video und dubiose Links verteilen, wohinter sich schließlich Werbung für die Abnehmpille „Ultra Keto Slim“ verbirgt. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Link im Facebook-Beitrag führt allerdings zu Webseiten, die vom Browser als unsicher eingestuft werden, und zu solchen, die aussehen wie Focus Online – wobei die Webadresse allerdings deutlich macht, dass es keine echten Nachrichtenseiten sind, zum Beispiel „www-lifedaily.com-jqnec8t8h.xyz“. 

Die Webseite sieht aus wie Focus Online, aber die URL verrät, dass es eine Fälschung ist. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf den Webseiten wird behauptet, das „Wundermittel“, das so vielen beim Abnehmen helfe, sei „Ultra Keto Slim“ und von zwei Frauen entwickelt worden, die dafür das größte Investment der amerikanischen Investment-TV-Sendung „Shark Tank“ erhalten hätten. Shark Tank ist das Vorbild der deutschen TV-Sendung „Höhle der Löwen“, in der Kandidaten versuchen, Investoren von ihren Unternehmen zu überzeugen. Weiter behaupten die Webseiten, es habe schon Berichterstattung über die Pille in Magazinen wie Time, US Weekly, New You und Shape gegeben. Unsere Recherchen ergaben: Das ist alles erfunden.

Experte: Die Pillen sind wirkungslos gegen Übergewicht und möglicherweise gefährlich

Lars Selig hat schon vom Produkt „Ultra Keto Slim“ gehört. Selig ist geprüfter Diätassistent und Leiter des Ernährungsteams an der Universität Leipzig. Solche Produkte sollen durch sogenannte Ketose beim Fettabbau helfen. Dabei sei das laut des Experten gefährlich, weil dies in den Stoffwechsel eingreife: „Die Ketose ist für uns Alarmstufe rot.“

Oft gebe es außerdem keine genaue Auflistung der Inhaltsstoffe. Ein Produkt, das er geprüft hat, wies zum Beispiel Mineralstoffe in zu hohen Dosen auf, was Herzprobleme hervorrufen könnte. Selig warnt davor, die Pillen zu nehmen. Außerdem könne es sein, dass die Produkte gefälscht sind – oder nur leere Boxen ankommen, nachdem Kunden Geld ausgegeben haben.

Falsche Namen der angeblichen Erfinderinnen

Die Frauen, die die Pille angeblich erfunden haben, sollen Schwestern sein und Emma und Sarah Martin heißen. Sie sollen Berlinerinnen sein. Die beiden angeblichen Unternehmerinnen haben aber keine durch Google auffindbaren Social-Media Accounts. 

Eine Bildersuche zeigt: Das Bild der beiden Frauen aus dem Fake-Focus-Artikel wurde in ähnlichen Artikeln auf Fake-Webseiten in Englisch verwendet, allerdings in Verbindung mit anderen Namen: Anna und Samantha Martin, statt Emma und Sarah Martin. Auch von ihnen finden sich keine passenden Social-Media-Profile. 

Eine englische Webseite, deren Webadresse nicht zum Logo passt, benutzt dasselbe Bild der Schwestern, aber andere Namen. (Screenshot: CORRECTIV)

Einem anderen Bild, einem Screenshot aus der Sendung „Shark Tank“, zufolge heißen die Frauen Kara Haught und Shelly Hyde. Sie sind tatsächlich Schwestern und in der TV-Show aufgetreten, in der dritten Episode der achten Staffel, die am 7. Oktober 2016 ausgestrahlt wurde. Allerdings wollten sie keine Investoren für Diätpillen finden, sondern für die Badeanzüge ihrer Firma „Raising Wild“.

Die richtigen Namen der abgebildeten Frauen sind Kara Haught und Shelly Hyde. Dieses Bild aus der Sendung „Shark Tank“ taucht in der Bildersuche bei Yandex auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Youtube gibt es ein Video ihres Auftritts.

Keine Medienberichte über die „Wunderpille“

Auf den Webseiten des Time Magazine, US Weekly, New You oder Shape tauchen zudem keine Berichte über das Produkt auf. 

Google-Suchen ergaben keine Treffer auf den Seiten der Medien, die angeblich schon über das Produkt berichtet haben. (Screenshots: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Die Webseiten sind gefälscht, was dort über die Abnehmpille steht, ist erfunden, das Produkt ist wirkungslos gegen Übergewicht.

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Moment warten laut Gesundheitsministerium 9.400 Patienten auf eine Organspende. (Symbolbild: pixabay)

von Tania Röttger

Ein Facebook-Beitrag verbreitet die Behauptung, Privatpatienten würden bei der Organspende bevorzugt. Die verlinkte Quelle sagt genau das Gegenteil aus.

Die Facebook-Seite „Medizin heute“ veröffentlichte das Bild am 6. Juni. Die Behauptungen: „Kassenpatienten werden zu Organspendern von Privatpatienten“, „Bald wird jeder deutsche Bürger automatisch zum Organspender, wenn er nicht schriftlich Widerspruch einlegt“ und „Privatpatienten werden auch bei Organspenden Kassenpatienten deutlich bevorzugt“.

Dazu ist eine angebliche Quelle angegeben, ein Link zum Stern. Der Artikel erschien vor mehr als 6 Jahren, am 5. September 2012.

Außerdem stehen die Behauptungen dort nicht drin, im Gegenteil: Der Stern entkräftet genau die Behauptung, Privatpatienten würden bei Organspenden bevorzugt. Mit der Quellenangabe wird anscheinend versucht, dem Bild Glaubwürdigkeit zu verleihen, in der Hoffnung, dass Facebook-Nutzer den Link aber nicht klicken sondern den Beitrag einfach teilen, was bisher mehr als 300 getan haben.

(Screenshot: CORRECTIV)

Erhalten Privatpatienten mehr Organspenden als gesetzlich Versicherte?

 

Hintergrund des Stern-Artikels: Im Jahr 2012 gab Gesundheitspolitiker der Grünen, Harald Terpe, bekannt, er habe errechnet, dass mehr privat Versicherte Organspenden erhielten als gesetzlich Versicherte. Faktenchecks wie der des Sterns, aber auch des Spiegels, widerlegten die Behauptung damals. Der Politiker habe Daten falsch interpretiert, war das Fazit.

Tatsächlich war das Verhältnis ungefähr so, wie auch die Verteilung der zwei Versicherungssysteme ist. Demnach gibt es ungefähr neun Prozent privat Versicherte, und auch von den Empfängern der Organspenden waren ungefähr neun Prozent privat versichert. Außerdem würden mehr Privatversicherte auf den Wartelisten für Organe sterben.

Sterberaten im Vergleich zwischen Privat- und Kassenpatienten. (Visualisierung auf Basis der Daten von Eurotransplant: Spiegel; Screenshot: CORRECTIV)

Auf Anfrage schickte uns Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation die aktuelle Verteilung der Zahlen zu. Daraus geht hervor, dass gesetzlich Versicherte sogar leicht überrepräsentiert sind unter den Empfängern von Organspenden.

Verteilung von privat- und gesetzlich Versicherten unter den Empfängern von Organspenden. Zahlen für die Jahre 2004 bis 2018 (Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation)

Dass Organe von Kassenpatienten an Privatpatienten gehen, ist natürlich möglich und auch wahrscheinlich, weil es deutlich mehr Kassenpatienten gibt. Das ist aber keine neue Entwicklung und hat mit den anderen Behauptungen nichts zu tun.

Aktuelle Debatte über Organspende

 

Aktuell gibt es Bestrebungen, ein anderes Organspende-System einzuführen, durch das Menschen automatisch Organspender sind, es sei denn, sie widersprechen. Dieser Vorschlag kommt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), einzelne Politiker der SPD, Linke und CSU tragen ihn mit.

Die Idee: Menschen sollen zunächst Informationen erhalten, danach werden sie als Organspender registriert, außer sie widersprechen. Wenn eine Person stirbt, werde auch das Umfeld gefragt, ob die Person der Organspende zu Lebzeiten widersprochen habe. Das letzte Wort hätte also gegebenenfalls die Familie. Das nennt sich „doppelte Widerspruchslösung“.

Die Begründung für den Gesetzentwurf von März 2019 ist, dass 9.400 Patienten auf eine Organspende warten, im Jahr 2018 aber nur 955 Organe gespendet wurden. In Deutschland hätten 36 Prozent der Bevölkerung einen Spendeausweis, obwohl einer Umfrage zufolge 84 Prozent bereit wären, zu spenden.

Ein Gegenentwurf kommt von Politikern der Grünen, und der FDP, den auch einzelne CDU und SPD-Politiker mittragen. Sie haben am 6. Mai 2019 einen Gesetzentwurf vorgestellt, mit dem die Spendebereitschaft gefördert werden soll, indem Menschen ihre Entscheidungen leichter dokumentieren lassen können.

Anmerkung, 2. Juli 2019: Wir haben eine Stelle im Text angepasst um richtig zu stellen, dass die Deutsche Stiftung Organtransplantationen Zahlen der transplantieren Patienten nach Privat- und gesetzlicher Versicherung zur Verfügung hat. Wir haben auch die Statistik dazu aktualisiert. Bei der ursprünglichen Veröffentlichung dieses Faktenchecks hatten wir von der Stiftung zunächst die Zahlen bis 2015 erhalten.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Privatpatienten bei Organspenden bevorzugt werden. Die angegebene Quelle ist veraltet und beschreibt genau das Gegenteil von dem, was sie belegen soll.

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Foto: Universitaetsmedizin [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

von Hüdaverdi Güngör

Ein Artikel des Berliner Express behauptet, Gesundheitsminister Jens Spahn habe gesagt, „Organe sind nach dem Tod Staatseigentum“. Doch die Zitate sind frei erfunden.

Die BerlinerExpress, der sich selbst „Online-Satire-Seite“ nennt, veröffentlichte am 15. April einen Artikel mit dem Titel: „Spahn: ‘Organe sind nach dem Tod Staatseigentum’“. Mehrere Facebook-Seiten und -Nutzer greifen den Artikel auf und verbreiten ihn. Zu ihnen gehören Seiten wie „Pflegekräfte – Helden der Neuzeit“, aber auch „AFD HERNE. ALTERNATIVE FÜR DEUTSCHLAND“. Insgesamt wurde der Artikel mehr als 2000 Mal auf Facebook geteilt. Wir haben uns die Sache angesehen.

Der Artikel sorgte für Aufsehen. Screenshot: CORRECTIV

Problematische Satire

In dem Artikel wird mehrfach Gesundheitsminister Jens Spahn zitiert. Konkret geht es um Organspenden und einen möglichen Handel ins Ausland. Die Aussagen aus dem Interview lassen viele Menschen in den Kommentarspalten wütend werden; für sie wird nämlich nicht deutlich, dass es sich um Satire handelt. Eine Person schreibt zum Beispiel: „Bin ich Leibeigentum vom Staat? Noch bin ich für mich selbst verantwortlich und was meins ist bleibt meins, dafür sorge ich schon!!!“.

Der Satire-Artikel lässt viele Menschen wütend werden. Screenshot: CORRECTIV

Wir berichteten bereits darüber, warum es schwer sein kann, die Satire  des Berliner Express erkennen. Im Artikel selbst ist kein Hinweis dafür zu finden, dass es sich um Satire handelt. Erst in der Rubrik „Über uns“ wird man fündig. Dort heißt es:„Wir finden auch, dass es zu wenig Online-Satire und zu wenig überspitzte Kritik am herrschenden (politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen) System gibt. Dem wollen wir mit unserem ‘Berliner Express’ entgegentreten.“

Erst in der Kategorie „Über uns“ wird deutlich, dass es sich um Satire handelt. Screenshot: CORRECTIV

Erschwerend hinzu kommt, dass einige Facebook-Seite in ihren Beiträgen ebenfalls nicht auf die Satire hinweisen. Zu den Personen zählt in diesem Fall unter anderem der bayerische AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Stadler. Er schreibt zum Artikel auf Facebook :„Übernehmen Sie dann auch gleich die Bestattungskosten Herr Spahn?“. Es wird nicht deutlich, ob Stadler selbst erkannt hat, ob es sich dabei um Satire handelt.

Ralf Stadler teilte ebenfalls die Meldung. Screenshot: CORRECTIV

Gesetzesentwurf von Spahn

Anlass für die Satire war mutmaßlich ein neuer Gesetzentwurf, den der Gesundheitsminister Anfang April vorlegte. Laut Spiegel sind die wichtigsten Punkte des Gesetzes, dass künftig alle Personen ab 18 Jahren als Organspender registriert werden, sofern sie dem nicht widersprechen. Im Zweifel auch Angehörige entscheiden können, wenn sie belegen können, dass die Person, die Organe nicht spenden wollte.

Unsere Bewertung:
Jens Spahn hat sich nie so zu Organspenden geäußert. Das Zitat ist frei erfunden.

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Der vermeintliche Beleg für die Behauptung (Screenshot CORRECTIV)

von Simon Wörz

Eine Facebook-Seite behauptet, dass sich iPhone-Besitzer automatisch zur Organspende bereit erklären, wenn sie das nicht manuell in den Einstellungen ändern. CORRECTIV hat die Behauptung geprüft.

Die öffentliche Facebook-Seite „Philipp Gölitz“ teilte am 3. April einen Beitrag mit mehreren Bildern, der darauf hinweist, dass sich Besitzer von iPhones aufgrund der Voreinstellungen des sogenannten „Notfallpass“ automatisch zur Organspende bereit erklären würden. Die Bilder zeigen Screenshots von iPhone-Benutzeroberflächen sowie eine Artikelüberschrift und einen kurzen Textabschnitt.

In dem Textteil heißt es unter dem Titel „Für Iphone-Besitzer: Dein Handy macht Dich zum Organspender und Du weißt es nicht?“ über den Notfallpass: „Von Werksseite ist da eingetragen, dass Du Organspender bist. Das musst Du selbst von Hand in ‘kein Organspender’ ändern, wenn du nicht spenden willst.“ Die Passage stammt aus einem Artikel von der Webseite Connectiv, den die Seite  „Philipp Gölitz“ ebenfalls im Beitrag verlinkt.

Der Beitrag der Seite „Philipp Gölitz“ auf Facebook (Screenshot CORRECTIV)
Der Textausschnitt in dem verlinkten Artikel der Webseite Connectiv (Screenshot CORRECTIV)

Facebook-Nutzer warnen vor voreingestellter Zustimmung zur Organspende

Die österreichische Faktencheck-Initiative Mimikama hat sich bereits mit dem Artikel von Connectiv auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass die Einverständniserklärung im Notfallpass von Apple nur in den USA funktioniere. In den Kommentaren unter Gölitz’ Facebook-Beitrag widersprechen dem jedoch einige Nutzer und behaupten das Gegenteil.

Kommentare unter dem Facebook-Beitrag der Seite „Philipp Gölitz“ (Screenshot CORRECTIV)

In den USA ist das Registrieren als Organspender per iPhone möglich

Auf Anfrage von CORRECTIV antwortete Apple: „Alle Felder des Notfallpasses, das der Organspende eingeschlossen, sind standardmäßig leer. Die Felder müssen ausgefüllt werden. Das kann man beim Einrichten des Notfallpasses machen.“ In den Vereinigten Staaten gilt der Notfallpass bei Apple-Geräten seit der Einführung des Betriebssystems iOS 10 im Jahr 2016 als offizielle Einwilligung beziehungsweise Widerspruch zur Organspende. In Deutschland und anderen Ländern dagegen erscheine das einfache Label „Organspender“. Auf seiner Support-Seite informiert Apple, wie der Notfallpass in der Health-App eingerichtet werden kann.

Auszug aus der Mail-Antwort von Apple (Screenshot CORRECTIV)

In Deutschland findet keine Registrierung von Spendern statt

Wer in Deutschland seine Organe zur Spende freigeben möchte, muss nach dem Transplantationsgesetz §3 (1) davor der Entnahme zugestimmt haben. Diese Zustimmung oder Ablehnung kann per Organspendeausweis, Patientenverfügung oder als formlose Erklärung mit Unterschrift festgehalten werden. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) weist auf einer Infoseite  zur Organspende allerdings ausdrücklich darauf hin, dass es „bei der Organ- und Gewebespende keine Registrierung der Spender gibt.“

Die BZgA informiert im Netz über die Rahmenbedingungen einer Organspende (Screenshot CORRECTIV)

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Ein Eintrag im Notfallpass ist keine offizielle Einwilligung

Eine Anfrage von CORRECTIV beantwortete die BZgA wie folgt: „Der Eintrag der Entscheidung in einem Smartphone (egal in welcher App) ist keine offizielle Einwilligung, da die Unterschrift fehlt. […] Durch den Eintrag in einem Smartphone wird ein Mensch demnach nicht automatisch zum Organspender. “

Die Antwort der BZgA (Screenshot CORRECTIV)

Aktueller Kontext: Am 1. April hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gemeinsam mit der SPD und der Linken einen Vorschlag für die sogenannte doppelte Widerspruchslösung präsentiert. Das Modell besagt, dass jeder Bürger und jede Bürgerin sich zur Organspende bereit erklärt, wenn dagegen kein Widerspruch eingelegt oder ein „anders lautender Wille“ geäußert wurde. Dazu sollen fraktionsübergreifende Gruppen nun Anträge erarbeiten, über die der Bundestag laut Pressemitteilung des Gesundheitsministeriums debattieren und schließlich abstimmen wird.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. In Deutschland gilt ein App-Eintrag nicht als offizielle Einwilligung zur Organspende, „da die Unterschrift fehlt“, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. In den USA ist eine nationale Registrierung als Organspender mit dem iPhone möglich.

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In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt (Symbolbild: Marcelo Leal/Unsplash)

von Simon Wörz

Ein Artikel der Webseite „Mutter Natur“ berichtet von einer neuen Behandlungsmethode für Brustkrebs. Ohne Chemotherapie würden bösartige Tumore innerhalb von nur elf Tagen zerstört. Stimmt das? CORRECTIV hat bei Experten nachgefragt.

Die Webseite Mutter Natur veröffentlichte am 26. September 2018 einen Artikel mit dem Titel „Nachricht des Tages: Wissenschaftler zerstörten Brustkrebs-Tumore in 11 Tagen ohne Chemo!“. In dem Text wird behauptet, dass der britische Wissenschaftler Nigel Bundred eine Behandlungsmethode für „einige Arten von Brustkrebs“ entdeckt habe, die für das komplette Verschwinden der Krebszellen oder zumindest eine Verkleinerung des Tumors sorge. Eine Chemotherapie oder ein operativer Eingriff seien dafür nicht nötig.

Am 5. März 2019 teilte die Facebook-Seite „Mutter Natur“ den Link zu dem Artikel. Der Post wurde bis heute 642 Mal geteilt.

Der Artikel wurde auf Facebook hundertfach geteilt. (Screenshot CORRECTIV)

Britische Forscher haben die Methode in einer Studie untersucht

Auf Nachfrage von CORRECTIV zu der Authentizität des Artikels verweist Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft auf die sogenannte EPHOS-B-Studie: „Die Studie hat gezeigt, dass Frauen mit HER2-positiven Tumoren präoperativ unter Lapatinib und Trastuzumab eine schnellere und umfangreichere Remission haben als mit Trastuzumab alleine, so Mugele. Auf diese Studie bezieht sich offenbar auch Mutter Natur, ohne jedoch den Namen der Studie zu nennen oder darauf zu verlinken.

Die EPHOS-B-Studie wurde in Großbritannien durchgeführt und das erste Mal bei der Europäischen Brustkrebskonferenz im März 2016 in Amsterdam vorgestellt. Auf der Webseite der European Cancer Organisation (ECCO) gibt es dazu eine Pressemitteilung.

Forscher: weitere Bestätigung der Ergebnisse notwendig

Professorin Judith Bliss, leitende Forscherin des Institute of Cancer Research, London, das die Studie mit leitete, wird darin folgendermaßen zitiert. „Diese Ergebnisse zeigen, dass wir einen frühen Hinweis auf eine pathologische Reaktion innerhalb von elf Tagen, in Abwesenheit einer Chemotherapie, bei diesen Patienten auf Kombinationsbehandlung erhalten können. Die meisten bisherigen Studien haben sich erst nach mehrmonatiger Behandlung mit dem pathologischen Ansprechen beschäftigt.“

Weiter betont Bliss in der Pressemitteilung: „Diese Ergebnisse bedürfen eindeutig weiterer Bestätigung, aber ich vermute, die Begeisterung darüber, wie schnell die Tumore verschwinden, wird dazu führen, dass mehrere Studien versuchen werden, diese Ergebnisse zu bestätigen.” Britische Medien wie The Guardian und The Telegraph berichteten über die Ergebnisse der Studie.

Pressemitteilung der European Cancer Organisation (ECCO) (Screenshot CORRECTIV)

Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen

Im Artikel von Mutter Natur wird behauptet, mit der Methode würden die Nebenwirkungen einer Chemotherapie wie Haarausfall, Erbrechen und Müdigkeit vermieden „wodurch die Behandlung weniger auf den Körper wirkt“. Stimmt das?

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: Eine Therapie mit zielgerichteten Medikamenten wie Lapatinib oder Trastuzumab, vor allem in Kombination, haben eine Reihe von möglichen Nebenwirkungen und ‘ohne Chemo’ bedeutet nicht automatisch auch ‘ohne Nebenwirkungen’“.

Nebenwirkungen seien vor allem Schäden am Herzen, toxische Wirkung im Magen-Darm-Trakt und in der Leber, Hautausschlag, Polyneuropathie.

Die Behauptung im Text von Mutter Natur, die Behandlung wirke weniger auf den Körper, ist also pauschal nicht richtig.

Die Antwort von  Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft. (Screenshot CORRECTIV)

Behandlung nur bei HER2-positiven Brustkrebs

Die beschriebene Art der Behandlung wurde in der Studie nur für Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Auch Katrin Mugele, Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft, betont, „Es geht hier nur um die Behandlung von Frauen mit HER2-positiven Brustkrebs, also nicht für alle Frauen mit Brustkrebs“. Die im Artikel geäußerte Aussage, die Behandlungsmethode würde einige Arten von Brustkrebs zerstören, ist demnach nicht korrekt.

Außerdem betonte die Pressesprecherin der Deutschen Krebsgesellschaft: „Es gibt keine ‘One-fits-all’ – Lösung, vielmehr muss die Behandlung  individuell auf die Charakteristika der jeweiligen Patientin abgestimmt werden. Es kommt immer auf die genaue Tumorbiologie, die Vorbehandlungen und auf den allgemeinen Gesundheitszustand der Patientin an.

Die Behandlung wird in Deutschland bereits in der Praxis eingesetzt

In Deutschland wird die Methode zur Behandlung von Frauen mit HER2-positivem Brustkrebs bereits in der Praxis angewandt, so Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen, auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Methode werde bei bereits vorbehandelten Patienten angewandt, wenn Trastuzumab +/- Pertuzumab als doppelte Antikörper-Blockade nicht mehr wirksam ist oder Kadcyla nicht ausreicht.

Die Antwort von Prof. Dr. Eva-Maria Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. (Screenshot CORRECTIV)

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Falsch: Herceptin ist auch ohne Chemotherapie zugelassen

Im letzten Abschnitt des Artikels von Mutter Natur steht: Das Problem ist derzeit jedoch, dass die Herceptin-Lizenzierung nur für den Einsatz neben der Chemotherapie erlaubt ist und nicht zur Verwendung alleine.“ Diese Aussage ist falsch.

Eine falsche Passage aus dem Artikel von „Mutter Natur “ (Screenshot CORRECTIV)

Herceptin ist auch in Kombination mit einem Aromatasehemmer zugelassen“,  betont Grischke, Leiterin des Brustzentrums an der Universitätsklinik Tübingen. Diese Aromata blockieren die Produktion von Östrogen. Die Europäische Kommission erteilte 2007 die Zulassung für diese Kombination.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Studie gibt es. Sie hat aber nur die Behandlung bei HER2-positiven Brustkrebs untersucht. Nebenwirkungen sind möglich.