Medizin und Gesundheit

Wie ein Szene aus „Dr. House“ von Abtreibungsgegnern genutzt wird

Ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch, als das ungeborene Baby plötzlich nach seinem Finger greift. Ein solches Video teilte ein Nutzer auf Facebook, darüber die Worte: „Stop Abortion“ – „Stoppt Abtreibungen“. Ist das Video echt? CORRECTIV hat recherchiert.

von Caroline Schmüser

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Ein ungeborenes Baby berührt die Hand eines am offenen Bauch der Mutter operierenden Arztes – die Szene zeigt keine echtes Ereignis, sondern wurde einer US-Fernsehserie entnommen. (Symbolbild, Foto von Arseny Togulev / unsplash)
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Größtenteils falsch. Das Video entstammt einer Fernsehserie und zeigt keine Abtreibung. Die SPD sprach sich nicht für Schwangerschaftsabbrüche bis zum neunten Monat aus. Ihre Jugendorganisation beschloss zwar eine Forderung zur Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, die Möglichkeit einer Abtreibung bis zum neunten Monat ist aber nicht Teil des Beschlusses.

Am 18. Dezember 2018 teilte ein Facebook-Nutzer ein Video, das angeblich eine Abtreibung zeigen soll. Die Szene spielt sich scheinbar in einem OP-Saal ab, ein Arzt operiert eine Schwangere am offenen Bauch. Plötzlich greift der ungeborene Fötus mit seiner Hand den Finger des Arztes. Unterlegt ist das Video mit dramatischer Musik.

„Abtreibung bis zum 9. Monat?!?“, fragt der Nutzer, der das Video auf Facebook veröffentlichte. „Ich sage NEIN denn das ist Mord!“ Der Facebook-Nutzer kommentierte das Video außerdem mit folgendem Hashtag: #SPDNeinDanke.

Dieses Video, das ein Facebook-Nutzer am 18. Dezember auf Facebook teilte, zeigt eine Szene aus der Fernsehserie Dr. House und zeigt keine Abtreibung. (Screenshot von Correctiv)

Video zeigt Szene aus US-Fernsehserie „Dr. House“

Das Video zeigt keine echte Operation oder Abtreibung, sondern eine Szene aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Dr. House“. Die Hauptfigur der Serie, der Arzt Dr. Gregory House, löst als brillanter Diagnostiker und Spezialist für Infektionskrankheiten schwere medizinische Fälle.

Die Szene im Video stammt aus der 17. Folge der dritten Staffel, die den Titel „Erster Kontakt“ trägt. Der Plot: Eine Schwangere wird mit unerklärlichem Krankheitsbild ins Krankenhaus eingeliefert. Dr. House findet schließlich heraus, dass das ungeborene Kind unter einer stark vergrößerten Blase leidet und der Körper der Mutter die Symptome des Kindes widerspiegelt. Während der lebensrettenden Operation berührt das ungeborene Baby die Hand von Dr. House. Eine Abtreibung wird in der Szene nicht dargestellt.

Doch wieso bringt der Facebook-Nutzer das Video mit der SPD in Zusammenhang?

SPD-Jugendorganisation forderte vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen

Hier ist der politische Kontext wichtig: Die Jugendorganisation der SPD – die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, kurz Jusos – hielt vom 30. November bis 2. Dezember 2018 ihren Bundeskongress ab. Die Jusos forderten dort mehrheitlich die vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – durch die Streichung der Paragrafen 218 bis 219b aus dem Strafgesetzbuch. Denn: Schwangerschaftsabbrüche sind laut dem deutschen Strafgesetzbuch illegal und nur unter Einhaltung bestimmter Bedingungen straffrei.

Mit dieser Forderung geht die Jugendorganisation der SPD weiter als ihre Mutterpartei: Die SPD hatte zunächst nur die Streichung des sogenannten „Werbeparagrafen“ 219a gefordert, die Union hielt dagegen. Schließlich einigten sich die Koalitionsparteien im Dezember auf eine Kompromisslösung zur Lockerung des Werbeverbots, die im Februar vom Bundestag beschlossen wurde.

Die Jusos verlangen mit ihrer Forderung auch die Streichung des Paragrafen 218a. Dieser besagt unter anderem, dass ein Abbruch nur bis zur zwölften Schwangerschaftswoche straffrei durchgeführt werden kann.  

Verschiedene Webseiten behaupteten im Anschluss an den Bundeskongress der Jugendpartei, die Jusos hätten sich mit ihrem Vorschlag für Schwangerschaftsabbrüche bis zu einem Tag vor der Geburt ausgesprochen. Das ist falsch, wie CORRECTIV bereits am 14. Dezember in einem Faktencheck berichtete.  

Beschlossen die Jusos eine Regelung zur Abtreibung bis zum neunten Schwangerschaftsmonat?

„Wer das behauptet verdreht mutwillig die Tatsachen“, antwortete der Pressesprecher der Jusos im Dezember auf Nachfrage von CORRECTIV. Die Jusos würden lediglich erreichen wollen, dass Schwangerschaftsabbrüche nicht mehr als Straftatbestand gelten.

Damit würde zwar zunächst die aktuell geltende Drei-Monats-Frist wegfallen – was danach bezüglich der Fristen von Schwangerschaftsabbrüchen geregelt würde, stehe hingegen auf einem anderen Blatt. „Zu keinem Zeitpunkt haben wir gefordert, Beendigungen müssten im letzten Monat stattfinden.“

Kevin Kühnert, der Vorsitzende der Jusos, äußerte sich im Handelsblatt ähnlich: „Rechtsradikale jedweder Couleur tragen (…) die Lüge in die Welt, die Jusos wollten Abbrüche bis in den neunten Schwangerschaftsmonat ermöglichen. Nichts dergleichen wollen wir, nichts dergleichen haben wir beschlossen.“ Kühnert gab aber zu: es sei naiv gewesen, keinen konkreten Vorschlag zu einer Neuregelung zu unterbreiten.

Wie könnte eine Neuregelung aussehen, und wo soll sie festgeschrieben werden?

Im Beschluss zur Legalisierung der Schwangerschaftsabbrüche fordern die Jusos eine Neufassung des Schwangerschaftskonfliktgesetzes. Darin sollten sich nach einer Streichung der Paragrafen 218 und 219 im Strafgesetzbuch auch die Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche wiederfinden. „Dort wäre auch Raum für eine neue Fristenlösung“, teilte der Pressesprecher der Jusos CORRECTIV mit. Es werde dafür Vorschläge von den Jusos geben.

Juso-Vize-Vorsitzende Katharina Andres beispielsweise sprach sich in einem Interview mit der Welt für eine Frist aus – diese solle jedoch deutlich länger sein als aktuell. „Denkbar wäre etwa die 22. Schwangerschaftswoche. Ab diesem Zeitpunkt ist der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig.“ Die 22. Schwangerschaftswoche liegt im sechsten Monat.

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