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Nein, in Krefeld bekommt ein Asylbewerber nicht 1.400 Euro pro Tag

Die Überschrift eines Artikels von PI-News führt Leser in die Irre: In Krefeld gebe es „mehr als 1.400 Euro für einen Asylbewerber – pro Tag“, heißt es darin. Diese Summe bezieht sich aber auf Kosten für einen Sicherheitsdienst in einer Unterkunft für Geflüchtete. 

von Alice Echtermann

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Das Rathaus in Krefeld (Archivfoto: Stadt Krefeld, Fachbereich Presse und Kommunikation)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Die Überschrift ist irreführend – es geht nicht um Geld, das ein Asylbewerber bekommt, sondern um Kosten für einen Sicherheitsdienst in einer Unterkunft für Geflüchtete. 

Die Seite PI-News veröffentlichte am 5. Oktober einen Artikel mit dem Titel „Krefeld: Mehr als 1.400 Euro für einen Asylbewerber – pro Tag!“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle von 19 Facebook-Seiten weiterverbreitet, unter anderem von PI-News selbst (mehr als 300 Mal geteilt) und der Seite „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland“ (160 Mal geteilt). Aus den Kommentaren der Nutzer unter dem Beitrag geht hervor, dass sie die Überschrift so verstehen, dass ein Asylbewerber pro Tag 1.400 Euro ausgezahlt bekomme. 

Kommentare unter dem Beitrag von „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland“. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch eine Facebook-Seite der AfD Mainz-Bingen verstärkte den Eindruck, es handele sich bei der genannten Summe um Geld für den Asylbewerber selbst, indem sie zu dem PI-News-Link am 5. Oktober schrieb: „Und was bekommt der arme Rentner, der vierzig Jahre geschuftet hat?“

Der Beitrag der AfD Mainz-Bingen mit dem Link zu dem Artikel. (Screenshot: CORRECTIV)

Und der Deutschland-Kurier titelte am 8. Oktober: „Die Durchschnittsrente für Frauen beträgt 622 Euro – aber dafür ist Geld da: 1.400 Euro für ‘Flüchtling’ – pro Tag!“ über einem Artikel zum selben Thema.  

Diese Schlussfolgerung ist falsch, wie auch beim Lesen des Artikels von PI-News deutlich wird. Dort steht weiter unten im Text: „Die Stadt Krefeld gibt für einen Asylbewerber gegenwärtig mehr als 1.400 Euro aus.“ Seit März 2019 lebe in einer Unterkunft für Asylbewerber ein Mann, der sich aggressiv verhalte. Es sei deshalb ein Sicherheitsdienst für die Unterkunft engagiert worden, der pro Tag 1.400 Euro koste, also im Monat 42.000 Euro.

Die Überschriften von PI-News und dem Deutschland-Kurier führen also stark in die Irre.

Den Fall mit dem Sicherheitsdienst gibt es allerdings wirklich. Auch andere Medien berichteten darüber – zum Beispiel die Neue Ruhr-Zeitung und RP-Online am 2. Oktober. Bei RP-Online heißt es: „Weil der Stadt Krefeld Ende 2018 ein Flüchtling zugewiesen wurde, der bereits in anderen Unterkünften ‘mit aggressivem Verhalten aufgefallen war’, hat sie zum Schutz ihrer Mitarbeiter ‘präventiv’ einen Sicherheitsdienst beauftragt. Allein von März bis einschließlich Juli beliefen sich laut Verwaltungsvorlage die Kosten auf 42.000 Euro monatlich.“ 

Stadt Krefeld bestätigt Einsatz des Sicherheitsdienstes

Auf Nachfrage von CORRECTIV wollte die Pressestelle der Stadt Krefeld nicht die genauen Kosten für den Sicherheitsdienst nennen, bestätigte aber, dass ein solcher Wachdienst in einer Unterkunft eingesetzt worden sei.

In einer öffentlichen Verwaltungsvorlage für den Stadtrat  stehen die Zahlen, die in den Medienberichten genannt werden. Die Kosten für den Monat Juli 2019 beliefen sich demnach auf „ca. 42.000 Euro“. 

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Der Anlass für den Einsatz des Sicherheitsdienstes sei die Zuweisung eines einzelnen Mannes im Oktober 2018 gewesen, heißt es in der Ratsvorlage. Die Situation in der Einrichtung sei vorher schon angespannt gewesen, unter anderem weil auch Familien in der eigentlich reinen Männerunterkunft wohnen mussten, erklärt die Pressesprecherin. Über den Geflüchteten sei angekündigt worden, dass er zur Gewalttätigkeit neige. „Daher wurde sofort der Sicherheitsdienst beauftragt.“ Inzwischen wohnten in der Einrichtung zwar keine Familien mehr, aber weil einige weitere Personen dort viel Aufmerksamkeit benötigten, werde der Sicherheitsdienst weiterhin nachts eingesetzt.

Die Asylbewerber in Krefeld erhielten die bundesweit einheitlichen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, erklärt die Sprecherin weiter. Der Regelsatz liege derzeit bei 310 Euro pro Monat

Die E-Mail der Pressesprecherin der Stadt Krefeld. (Screenshot: CORRECTIV)