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Warum wurde die Öffentlichkeit nicht über eine Vergewaltigung in Graz 2018 informiert? Die Polizei erklärt dies mit dem Schutz des minderjährigen Opfers. (Symbolfoto: fsHH / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Leserbrief in der „Kleinen Zeitung“ in Österreich wird behauptet, über eine Vergewaltigung einer 13-Jährigen sei 2018 von der Polizei nicht berichtet worden, weil Ausländer beteiligt waren. Die Polizei bestreitet das. Der Grund sei der Schutz des Opfers gewesen.

Die Facebook-Seite „Einzelfälle in Österreich“ veröffentlichte am 18. August ein Foto eines Leserbriefs, offenbar aus einer Zeitung. Er bezieht sich auf einen Artikel mit dem Titel „13-Jährige brutal vergewaltigt“, laut des angegebenen Datums wurde dieser am 7. August veröffentlicht. In dem Brief schreibt ein Leser namens Werner S., über die Vergewaltigung habe nichts im Polizeibericht an die Presse gestanden. Weiter behauptet er, Amtshandlungen, die Ausländer betreffen, würden regelmäßig „in den Schubladen von Polizei und Justiz verschwinden“. Somit würden Verbrechen vertuscht und Täter geschützt. Der Facebook-Beitrag wurde bisher mehr als 2.800 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen haben ergeben, dass der Leserbrief aus der regionalen Tageszeitung Kleinen Zeitung stammt. Auf Anfrage schickte die Redaktion uns den Zeitungsbericht und den Leserbrief zur Bestätigung als PDF zu. Der Leserbrief erschien demnach am 18. August. Der Artikel ist online nicht zu finden, allerdings gibt es auf der Webseite der Kleinen Zeitung eine andere Version vom 6. August (bezahlpflichtig), in der es um denselben Fall geht.

Der Facebook-Beitrag mit dem Foto des Leserbriefs. (Screenshot am 9. September: CORRECTIV)

Der Artikel, der in der gedruckten Zeitung am 7. August 2019 erschienenen ist, beginnt mit den Worten: „Fast ein Jahr lang wurde dieser schockierende Fall der Öffentlichkeit verschwiegen.“ Allerdings wird im Artikel kein Grund dafür genannt. 

Im Text steht weiter, ein 13-jähriges Mädchen aus Afghanistan sei Ende Oktober 2018 in Graz von fünf jungen Männern – ebenfalls Afghanen – in einer Wohnung vergewaltigt worden. Die fünf Täter seien zwischen 17 und 22 Jahre alt gewesen. Sie seien am 11. Juli 2019 vor dem Grazer Landesgericht verurteilt worden, zu sechseinhalb, vier, sieben und zweimal acht Jahren Haft. Die Urteile seien aber noch nicht rechtskräftig. Das Mädchen sei ein „Flüchtlingsmädchen“, heißt es in dem Artikel. 

Polizeisprecher: Keine Pressearbeit zum Schutz des Opfers

Fritz Grundnig, Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark, bestätigte auf eine Anfrage von CORRECTIV per Mail, dass das Mädchen und die Täter die afghanische Staatsbürgerschaft haben. Er bestreitet aber, dass dies der Grund war, warum über den Fall nicht berichtet wurde. Es habe „aufgrund interner Vorschriften und in Absprache mit der Staatsanwaltschaft als Leiterin des Ermittlungsverfahrens bei Sexualdelikten aus Gründen des Opferschutzes keine aktive Pressearbeit“ gegeben. Das Opfer sei minderjährig und alle Verdächtigen seien bekannt gewesen, so dass keine Öffentlichkeitsfahndung nötig gewesen sei. „Dass Opferschutz in derartigen Fällen besonders zu beachten ist, beweist auch die Entscheidung des Gerichtes, die Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen.“

Die Email des Sprechers der Landespolizeidirektion Steiermark, Fritz Grundnig. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Barbara Schwarz, Sprecherin des Landesgerichts für Strafsachen Graz, bestätigt, dass die Eckdaten des Falls im Bericht der Kleinen Zeitung korrekt wiedergegeben seien. Sie erklärt auf Anfrage per Email: „Bei dem von Ihnen angesprochenen und im Leserbrief monierten Fall handelt es sich um die Verurteilung von jugendlichen Straftätern, daher war die Öffentlichkeit bei der Verhandlung ausgeschlossen und gab und gibt es auch keine Informationen zu den einzelnen Personen (Täter und Opfer), dies zum gesetzlich vorgesehenen Schutz der jugendlichen Täter und des – ebenfalls jugendlichen – Opfers.“ 

Die Email der Sprecherin des Landesgerichts Graz, Barbara Schwarz. (Screenshot: CORRECTIV)

Polizei und Gericht betonen, die Nationalität der Täter oder des Opfers hätten bei der Entscheidung, die Öffentlichkeit nicht zu informieren, keine Rolle gespielt. „Die Nationalität von Täter und Opfer ist unerheblich, bedeutsam ist allein das jugendliche Alter von Täter und Opfer und der damit verbundene besondere rechtliche Schutz“, so Schwarz. 

Und Polizeisprecher Grundnig schreibt: „Die im von Ihnen zitierten ‘Leserbrief’ behaupteten Vorwürfe gegen Polizei und Justiz entbehren jeglicher Grundlage. Die Staatsangehörigkeit von Opfern und von Tatverdächtigen spielen für polizeiliche Ermittlungstätigkeit und die damit einhergehende Berichterstattung keine Rolle.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Nationalität von Tätern und Opfer war nicht der Grund, die Öffentlichkeit nicht zu informieren. Es ging um den Schutz des minderjährigen Opfers.

THEMENBILD, Wien bei Nacht
Gab es am vergangenen Freitag in der Wiener U-Bahn eine Prügelattacke durch „fünf Afrikaner“? Die Polizei dementiert. (Symbolfoto, Wiener U-Bahn-Station am 3. Juli 2017: Picture Alliance / EXPA / JFK)

von Till Eckert

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet, am vergangenen Freitag sei es in der Wiener U-Bahn zu einem Gewaltverbrechen gekommen. Der angebliche Fall wird im Artikel detailliert beschrieben. Doch der Polizei ist ein solcher Fall nicht bekannt.

Der Artikel von Unzensuriert vom 15. Februar über ein angebliches Verbrechen in der Wiener U-Bahn steckt voller konkreter Details: Demnach soll am vergangenen Freitag (14. Februar) um 19.30 Uhr in der Wiener U-Bahn-Linie U1 im Bereich Kagran ein Junge Opfer einer „Prügelattacke“ durch „fünf Afrikaner“ geworden sein – weil er seine Mutter beschützt habe, die von den Männern sexuell belästigt worden sei. 

Der Junge habe das laut des Artikels bei der Polizei „zu Protokoll“ gegeben und die Beamten hofften, „die Täter“ anhand Aufnahmen in der U-Bahn ausfindig machen zu können. Aber: Die Wiener Polizei weiß nichts von solch einem Vorfall.

Polizei: Kein derartiger Vorfall wurde aufgenommen

Ein Sprecher der Landespolizeidirektion Wien schrieb uns auf Anfrage zu dem angeblichen Fall: „Vorausgesetzt die angegebenen Daten stimmen (anzunehmender 14.02.2020 in Wien 22, Kagran), können wir mitteilen, dass kein derartiger Vorfall gemäß interner Berichtspflicht eingemeldet wurde. Fest steht, dass bei der unmittelbar bei der U1-Station Kagran befindlichen Polizeiinspektion kein derartiger Vorfall aufliegt oder aufgenommen wurde.“

Eine E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben in einer Nachfrage noch um eine Einschätzung zu weiteren Details des Artikels gebeten, etwa zu angeblichen Verletzung des Jungen oder darum, dass am selben Tag eine Frau in Wien-Donaustadt telefonisch eine sexuelle Belästigung durch fünf Männer gemeldet habe. Der Sprecher der Polizeidirektion dazu: „Wie bereits unten erklärt, es liegt keine Meldung auf. Somit können auch keine weiterführenden Fragen beantwortet werden.“ 

Eine Google-Suche zeigt, dass es auch keine sonstigen Medienberichte zu dem angeblichen Fall gibt. Wir stufen ihn deshalb als Falschmeldung ein.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Es gibt keinen Beleg, dass es einen solchen Fall in Wien wirklich gab – die Polizei dementiert.

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Der Instagram-Beitrag mit einer unbelegten Behauptung zu erblindeten Gelbwesten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Instagram-Beitrag wird behauptet, in Frankreich seien 2.000 Personen bei Gelbwesten-Protesten durch Polizeigewalt erblindet. Dafür gibt es keine Belege – französische Journalisten zählen weitaus weniger Fälle.

Der Instagram-Nutzer „dreckiger_kommunist“ veröffentlichte am 16. Dezember 2019 einen Beitrag, in dem er behauptet, dass in Frankreich im Zusammenhang mit den Gelbwesten-Protesten etwa 2.000 Menschen durch „die Polizei und ihre Gummigeschosse ihr Augenlicht verloren“ hätten. Eine Quelle liefert er nicht. Der Beitrag hat mehr als 2.400 Likes (Stand: 20. Januar 2020).

Wir haben die Behauptung überprüft.

Innenministerium lässt Frage nach Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, unbeantwortet

Auf eine CORRECTIV-Anfrage beim französischen Innenministerium antwortete ein Sprecher per E-Mail: „Auf Ihre Anfrage hin kann ich Ihnen mitteilen, dass wir zwischen dem 17. November 2018, dem Beginn der ‘Gelbwesten’-Demonstrationen, und dem 16. November 2019, d.h. einem Jahr, etwa 2.500 Verletzte unter den Demonstranten und 1.900 Verletzte bei den Strafverfolgungsbehörden gezählt haben. Darüber hinaus wurden 333 Ermittlungen von der IGPN [Anm.: eine Art Dienstaufsicht der Polizei] und der Polizei eingeleitet, von denen 222 an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden.“

Die Frage nach den Fällen, in denen Menschen ihr Augenlicht verloren hätten, ließ das Innenministerium unbeantwortet. Wir haben deshalb zusätzlich bei den französischen Faktencheckern des Projekts CheckNews der Zeitung Libération angefragt. 

Französische Journalisten gehen von weitaus weniger Fällen aus

Jacquez Pezet, der sich bei seiner Arbeit schon häufiger mit den Gelbwesten-Protesten beschäftigte und früher auch für CORRECTIV.Faktencheck tätig war, schrieb uns: „Ich hatte für Libération bis zum 26. Januar 2019 die schwerverletzten Gelbwesten auf einer Liste gesammelt. Damals kam ich auf die Zahl von 14, die ein Auge verloren haben – das heißt entweder Auge weg, oder das Auge kann gar nicht mehr sehen.“ 

Pezet nennt als „inoffizielle Hauptquelle für Polizeigewalt in Frankreich“ außerdem den Journalisten David Dufresne. Der sammelte zuerst auf Twitter und dann für die investigative Redaktion Mediapart Fälle von Polizeigewalt. Auch die Süddeutsche Zeitung schreibt über Dufresne, dass er „inzwischen von allen französischen Medien zitiert“ werde und „keine der von ihm gemeldeten Verletzungen bislang widerlegt“ wurde. 

„Laut Dufresne, der bis heute Zahlen für Mediapart (kostenpflichtig) sammelt, haben 25 Personen ihr Augenlicht verloren“, schreibt uns Pezet. „Die im Instagram-Post genannte Zahl scheint daher die Verletzten (mehr als 2.000 Personen) mit denen, die ihr Augenlicht verloren haben (25 Personen), zu verwechseln.“

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Es scheint demnach tatsächlich Fälle zu geben, in denen Menschen teilweise oder ganz erblindet sind. Da wir aber keine offizielle Bestätigung für eine mögliche Anzahl erhalten haben, können wir sie nicht verifizieren. Auch ist unklar, wie genau sie verletzt wurden.

Die Gelbwesten-Bewegung startete in Frankreich laut Medienberichten in Sozialen Netzwerken, nachdem 2018 die Benzinpreise stiegen. Seitdem protestieren regelmäßig Menschen in gelben Warnwesten in Frankreich, vor allem in Paris.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass 2.000 Gelbwesten ihr Augenlicht verloren haben – französische Journalisten gehen aktuell von 25 Fällen aus.

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Die Falschmeldung ist offenbar ein Versuch, Nutzerdaten abzugreifen. (Symbolbild: Pixabay)

von Alice Echtermann

Derzeit kursiert ein Artikel auf Facebook, in dem behauptet wird, ein 8-jähriges Mädchen sei in Kleve entführt worden. Wer auf den Link klickt, bekommt eine Warnung vor Phishing. Die Meldung selbst ist außerdem falsch. 

Eine Webseite namens Feedbizz.com hat einen Artikel veröffentlicht mit der Überschrift: „In Kleve wurde ein 8-jähriges Mädchen entführt. Erkennen Sie den Entführer? Es gibt ein Video von der Überwachung.“ Auf Facebook ist in der Vorschau des Links ein blondes Mädchen zu sehen. 

Kleve ist eine Stadt in Nordrhein-Westfalen. Unsere Recherche zeigt: Dort gibt es aktuell keine solche Entführung. Der Artikel ist offenbar eine Betrugsmasche.

So sieht der Link zu der Meldung auf Facebook aus. Die Behauptung in der Überschrift ist falsch, es gab keine Entführung. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Die Überschrift des Artikels. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer archivierten Version ist der Inhalt des Artikels sichtbar. Darin wird behauptet, ein Mädchen, die mal Julie S., mal Julia S. genannt wird, sei am 21. Januar 2020 um 10 Uhr in einem Einkaufszentrum entführt worden. Sie habe es mit ihren Eltern und ihrem Bruder besucht, die Polizei sei eingeschaltet worden. 

Unter dem Artikel kommentieren Menschen mit Namen aus dem englischsprachigen Raum, wie Patrick Connor oder James Brown, Dinge wie: „Ich habe es an alle meine Freunde geschickt.“ Teils sind die Kommentare in sehr schlechtem Deutsch geschrieben, auch der Text selbst enthält viele Fehler. 

Beispiel für Kommentare unter dem Artikel. (Screenshot: CORRECTIV)

Phishing-Warnung vom Browser

Der Link zu dem Text wird derzeit auf Facebook verbreitet, wer jedoch darauf klickt, bekommt vom Internetbrowser Chrome sofort eine Warnung vor sogenanntem Phishing: „Google Safe Browsing hat kürzlich Phishingaktivitäten auf feedbizz.com festgestellt. Phishingwebsites geben sich als andere Websites aus, um Sie zu täuschen.“

Warnhinweis des Internetbrowsers Google Chrome beim Versuch, die Webseite zu öffnen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto des blonden Mädchens, das in dem Artikel zu sehen ist, stammt aus einem ganz anderen Kontext und ist viele Jahre alt. Laut der Bildersuchmaschine Tineye tauchte das Foto erstmals 2012 auf einer slowakischen Webseite auf, in dem Artikel geht es um einen Anschlag in Toulouse, bei dem ein Mädchen namens Miriam getötet worden sei. Über den Anschlag in berichteten 2012 auch deutsche Medien wie der Spiegel. Über Bilder-Rückwärtssuchen fanden wir das Foto des Mädchens zudem in einem englischsprachigen Artikel von März 2019, der sieben Jahre später auf die Tat zurückblickt. 

Es gab keine Entführung in Kleve

Auf Facebook gibt es bereits einen Warnhinweis eines Journalisten aus Nordrhein-Westfalen, Guido Schulmann, vor der Meldung von Feedbizz.com. Es sei eine Falschmeldung, die mit verschiedenen Ortsangaben (Kleve, Emmerich) verbreitet werde. Wer den Artikel öffne und das Video ansehe, verbreite den Text auch ungewollt weiter an seine Kontakte. 

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CORRECTIV hat bei der Polizei in Kleve nachgefragt, und tatsächlich ist dort kein Fall einer Entführung eines 8-jährigen Mädchens bekannt. Es handele sich nach Einschätzung der Polizei um eine Falschmeldung, schreibt uns Sprecherin Corinna Saccaro per E-Mail.

Die E-Mail der Pressestelle der Polizei Kleve. (Screenshot: CORRECTIV)

Phishing ist laut Bundesinnenministerium eine Form des Identitätsdiebstahls (PDF, Seiten 8 und 26). Nutzer sollen dazu bewogen werden, ihre Zugangsdaten zu Internet-Banking, Bezahldiensten, sozialen Netzwerken, Einkaufsportalen oder ähnliches auf Webseiten einzugeben. Betrüger leiten die Menschen dafür zum Beispiel auf gefälschte Webseiten.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. In Kleve wurde kein Mädchen entführt. Bei der Webseite besteht der Verdacht auf Phishing. 

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Am 4. Januar 2020 kam es bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen in Köln zu Auseinandersetzungen. (Symbolfoto: Michael Philipp / Pixabay)

von Alice Echtermann

Facebook-Nutzer behaupten, bei der Demonstration in Köln anlässlich des WDR-Satire-Liedes „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“ sei es zu „Menschenjagden“ und Gewalt gegen ältere Frauen gekommen. Dafür gibt es keine Belege. 

Die Facebook-Seite „Eltern gegen Gewalt“ hat am 4. Januar einen Beitrag veröffentlicht, in dem behauptet wird, bei einer Demonstration in Köln seien „ältere Menschen, überwiegend Frauen, von linksradikalen Schlägertruppen der Antifa verprügelt und verletzt“ worden. Drei ältere Frauen seien von 70 Personen angegriffen worden, angeblich mit „heftigen“ Schlägen auf den Kopf, Rücken, in den Magen und ins Gesicht. Ein älterer Mann habe eine Platzwunde am Kopf erlitten – von ihm und seinem Kopfverband wird ein Foto gezeigt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 3.300 Mal geteilt. 

Eine andere Facebook-Seite namens „Befreiter Blick“ griff das Thema auf und behauptete in einem eigenen Beitrag am 4. Januar zudem, es sei in Köln zu „Menschenjagden“ gekommen. „Ein Mob von mehreren hundert Linksradikalen jagte alte Menschen und Kinder durch die Stadt“, steht auf einem Bild mit Text dazu. Dieser Beitrag wurde mehr als 2.000 Mal geteilt.   

Für die Behauptungen gibt es nach CORRECTIV-Recherchen keine Belege. 

Der Facebook-Beitrag von „Eltern gegen Gewalt“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hintergrund: Kurz nach Weihnachten 2019 entbrannte eine Debatte um ein Video des WDR (privater Mitschnitt). Der WDR hatte das Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ satirisch abgeändert, so dass es darin unter anderem hieß „meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Das führte laut Medienberichten (zum Beispiel WDR und Zeit Online) am 4. Januar 2020 zu Demonstrationen in Köln. Laut Polizei waren unter den Demonstranten gegen den WDR Personen aus dem „politisch rechten Spektrum“. Die Gegendemonstrationen seien von mehreren Aktionsbündnissen organisiert worden, darunter „Köln gegen rechts“. Einige WDR-Mitarbeiter erhielten laut WDR Morddrohungen. 

Medienberichte und Videos zeigen keine Jagdszenen

In zwei Berichten der Bild (hier und hier), die die Facebook-Seite „Befreier Blick“ als angebliche Quellen für eine „Menschenjagd“ verlinkt, ist nirgends die Rede von solchen Vorfällen. In einem Bild-Artikel ist ein Video eines Tumults zu sehen, bei dem Demonstranten „Nazi-Schweine“ rufen und die Polizei einen Mann zu Boden ringt – aber keine Jagdszenen. In einem ebenfalls von „Befreiter Blick“ verlinkten Beitrag des Blogs 1984 wird von „Menschenjagden“ geschrieben, aber ohne Belege; die Videos, die gezeigt werden, zeigen keine solchen Szenen. Eines der Videos wurde allerdings bereits von Youtube gelöscht, den Inhalt konnten wir daher nicht mehr einsehen.

Der Facebook-Beitrag von „Befreiter Blick“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir fanden bei der Recherche ein weiteres, langes Video auf der Seite Invidious, das mit „Hetzjagd durch Köln nach der Demo am 4.1.2020“ überschrieben ist. Der Nutzer, der es hochgeladen hat, heißt Kevin Gabbe – auf seinem (nicht verifizierten) Twitter-Profil bezeichnet er sich als „patriotischer Aktivist und Blogger“. Das Video zeigt den Weg einer kleinen Gruppe Demonstranten durch die Stadt. Etwa ab Minute 13:48 ist ein kurzes Gerangel mit Demonstranten in der Nähe des Kölner Doms zu sehen, man hört laute „Nazis raus“-Rufe. Man hört mutmaßlich eine Frau mit kurzen grauen Haaren zu einem Polizisten sagen „der hat mich geschlagen“, zu sehen ist die Szene aber nicht. 

Polizei eskortierte Gruppe bis zu einem Parkhaus

Die kleine Gruppe, zu der auch zwei Frauen gehören, sucht Schutz bei der Polizei. Einer der Polizisten rät, das Filmen einzustellen, um nicht zu provozieren. Die Person hinter der Kamera filmt aber weiter. Weil ein Mann darauf besteht („Die kennen mich, die lauern auf mich, ich bin recht bekannt“, ab Minute 18:50), wird die kleine Gruppe dann von einigen Polizisten zum Parkhaus an der Kölner Philharmonie eskortiert. Sie gehen zügig, aber rennen nicht. Das Video zeigt, dass am Weg viele Menschen stehen, die „Nazis raus“ rufen. Am Ende im Parkhaus sagt ein Mann „Mannomann, das ist ‘ne Hetzjagd“ und ein anderer Mann betont: „Ja genau, das war wirklich eine Hetzjagd auf Menschen“. 

Anhand des Videos ist zwar nachvollziehbar, dass die Situation für die Personen bedrohlich wirkte, aber dass sie im Wortsinn gejagt werden, ist darin nicht zu sehen. Die Polizei Köln hat außerdem „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen, teilte uns ein Sprecher per E-Mail mit.

Auch für einen körperlichen Angriff von 70 Personen auf drei ältere Frauen mit Schlägen gegen den Kopf oder in den Bauch, wie er von „Eltern gegen Gewalt“ auf Facebook beschrieben wird, konnten wir keine Belege finden. Die Behauptungen stammen wahrscheinlich aus dem Artikel einer Frau auf der Seite Pressecop24 mit der Überschrift „Die Schande von Köln: Hetzjagd auf drei Frauen“. Derselbe Text erschien unter anderem auch bei Philosophia Perennis. Darin behauptet die Autorin, dass sie und zwei weitere Frauen angeblich von 70 Personen daran gehindert wurden, zur Demonstration gegen den WDR zu gelangen. Sie seien verfolgt, beschimpft und bespuckt worden. Was an diesem Bericht der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht prüfen. Von Schlägen ist dort aber nicht die Rede. 

Polizei hat „keine Kenntnis“ von solchen Vorfällen

Wir haben die Polizei Köln am 6. Januar gefragt, ob ihr Vorfälle bekannt sind, wie sie in den zwei Facebook-Beiträgen beschrieben wurden. Wir haben ihr die beiden Beiträge vorgelegt. Am 10. Januar antwortete uns die Pressestelle, es habe bisher neun Anzeigen wegen Körperverletzungen gegeben. In seiner E-Mail geht der Sprecher der Polizei jedoch nur auf zwei Fälle näher ein, die bereits in der Pressemitteilung der Polizei vom 4. Januar berichtet wurden: Zum einen sei ein Mann festgenommen worden, weil er versucht habe, Menschen anzugreifen, die zur Kundgebung am Appellhofplatz wollten. Er habe ein Messer dabei gehabt, es aber nicht als Waffe eingesetzt. Außerdem habe es am Nachmittag eine „Tumultlage“ in der Trankgasse gegeben, mit zwölf Personen. Zwei seien durch Schläge leicht verletzt worden. Außerdem sei ein Messer sichergestellt worden, das aber nicht eingesetzt worden war. 

Die E-Mail des Sprechers der Polizei Köln. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine erneute Nachfrage, was mit den konkret auf Facebook geschilderten Fällen sei, antwortete der Polizeisprecher, von solchen Vorfällen habe die Polizei „keine Kenntnis“. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Menschen in Köln durch die Straßen gejagt wurden oder dass drei ältere Frauen von 70 Personen angegriffen und geschlagen wurden. Die Polizei hat „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen.

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In der Nacht vom 31. Dezember 2019 auf den 1. Januar 2020 kam es in Leipzig laut Polizei zu Ausschreitungen, bei denen auch Polizisten verletzt wurden. (Symbolfoto: Torsten Töller / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook behaupten Nutzer, ein Polizist, der bei Krawallen in der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz verletzt wurde, sei gestorben. Das ist eine Falschmeldung. 

Am 5. Januar veröffentlichte ein Facebook-Nutzer ein Bild mit Text, in dem behauptet wird, der Polizist, der in Leipzig von Linken attackiert worden sei, sei laut seiner Schwester gestorben. Das Bild wurde von mehreren Nutzern verbreitet; allein dieser Beitrag wurde mehr als 1.700 Mal geteilt. 

In den Kommentaren weisen andere Nutzer bereits darauf hin, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. Der Polizist ist nicht gestorben.

Einer der Facebook-Beiträge mit der Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Sprecher der Polizei Leipzig, Uwe Voigt, bestätigt uns in einer E-Mail, die Meldung sei ein „Fake“. „Der Beamte konnte das Krankenhaus verlassen und befindet sich auf dem Weg der Besserung.“ Der 38-Jährige sei aber durch den Einsatz von Gewalt bewusstlos gewesen, habe stark geblutet und habe danach operiert werden müssen. 

Am frühen Morgen des 1. Januar 2020 hatte die Polizei Leipzig per Pressemitteilung bekannt gegeben, ein 38-jähriger Beamter sei bei den Einsätzen in der Silvesternacht schwer verletzt worden. Er habe das Bewusstsein verloren und sei im Krankenhaus angeblich notoperiert worden. 

Erste Polizeimeldung erweckte falschen Eindruck 

Einen Tag später wurde klar, dass damit ein falscher Eindruck erweckt wurde. In einer Pressemeldung des Landeskriminalamts vom 2. Januar ist von der Notoperation keine Rede mehr. Darin heißt es, der Beamte und seine Kollegen seien von 20 bis 30 teils vermummten Personen angegriffen worden. Ein Beamter sei dabei schwer verletzt worden. Er „musste zur Behandlung in das Universitätsklinikum Leipzig verbracht werden, wo er stationär aufgenommen wurde“.

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Daraufhin berichtete die Taz (2. Januar) unter Berufung auf Krankenhauskreise, es habe keine Not-OP, sondern einen Eingriff am Ohr des Beamten mit lokaler Betäubung gegeben. Ein Polizeisprecher, Andreas Loepki, bestätigte gegenüber dem Spiegel, dass der Mann am Ohr operiert wurde.

Uwe Voigt stellt in seiner E-Mail an CORRECTIV klar: „Eine Not-OP im engeren Sinne der ärztlichen Handlung gegen eine lebensgefährliche Verletzung lag nicht vor. Hier ist unsere Pressemeldung offenkundig nicht ganz eindeutig und es wäre besser gewesen, von einem dringlich erforderlichen Eingriff zu sprechen […].“ Allerdings sei die Verletzung nicht geringfügig gewesen. Die Versorgung sei sofort nötig gewesen, um bleibende Schäden zu vermeiden.

Die E-Mail des Polizeisprechers Uwe Voigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Faktenchecker von Mimikama haben den Facebook-Beitrag mit der Behauptung, der Polizist sei gestorben, bereits geprüft und als Falschinformation eingestuft. 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Polizist, der in der Silvesternacht in Leipzig verletzt wurde, ist nicht gestorben.

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Die Polizei NRW hat nicht dazu geraten, grundsätzlich keine Notwehr zu leisten. (Symbolbild: Tom und Nicki Löschner / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Artikel wird behauptet, die Polizei Bielefeld habe Menschen geraten, sich grundsätzlich nicht gegen Gewalt zu wehren. Das ist falsch. Die Aussage bezieht sich auf einen Ratschlag der Polizei 2017, in dem es ausschließlich um Raubüberfälle ging. 

Am 11. Dezember veröffentlichte die Webseite DDB-News einen Artikel mit dem Titel „Die Polizei rät, lasst euch von ihnen ausrauben, vergewaltigen und zusammenschlagen!“

Im Text steht, dies sei ein Ratschlag der Polizei anlässlich eines Raubüberfalls „in der vergangenen Woche in Bielefeld“ gewesen. Weiter unten im Text wird aber deutlich, dass der Vorfall bereits im August 2017 geschah. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.300 Mal auf Facebook geteilt. 

Eine kürzere Version des Artikels wurde außerdem am 15. Dezember von der Webseite Perikles.tv übernommen, mit derselben Überschrift. Dieser Text wurde laut Crowdtangle mehr als 400 Mal geteilt. 

Die Behauptung in den Überschriften sind falsch. 

Der Artikel von DDB-News vom 11. Dezember 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Darum geht es: Am 19. August 2017 gab es laut Polizei in Bielefeld eine Raubüberfall. Ein Mann sei nachts überfallen worden, mehrere Personen hätten versucht, ihm seine Regenjacke zu stehlen. Der Mann habe die Jacke nicht losgelassen, sich gewehrt und sei zusammengeschlagen worden.

Der Polizeibericht trägt die Überschrift „Gegenwehr steigert Aggressivität bei Räubern“ und darin steht der folgende Satz: „Die Polizei rät: Leisten Sie Widerstand nur dann, wenn Sie sich dem Täter gegenüber körperlich überlegen fühlen und eine reelle Erfolgsaussicht besteht. Ihnen könnten bei aktiver Gegenwehr durch massive Gewaltanwendung oder durch einen Sturz erhebliche Gesundheitsschäden drohen.“ 

Auszug aus der Polizeimeldung von August 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

DDB-News interpretiert dies in der Überschrift als Aufruf, sich grundsätzlich nicht gegen Gewalt zu wehren. Der Ratschlag bezieht sich aber nur auf einen ganz konkreten Fall: dass man ausgeraubt wird und ein Gegenstand gestohlen werden soll – in diesem Fall eine Jacke. Hier riet die Polizei tatsächlich dazu, den Tätern keinen Widerstand zu leisten, damit man nicht verletzt wird. Es geht nicht um das Zulassen einer Vergewaltigung. Die Überschrift von DDB-News ist also irreführend. 

Polizei stellte auf Facebook klar: Jeder hat das Recht auf Notwehr

Weshalb die Webseite den alten Fall wieder aufgegriffen hat, ist unklar. Der Text wurde wörtlich aus einem Artikel von Epoch Times von August 2017 übernommen. Er trug die Überschrift: „Bürger reagieren wütend auf Polizei-NRW-Tipps – ’Die Polizei rät, lasst euch von ihnen ausrauben, vergewaltigen und zusammenschlagen!’“. Epoch Times verlinkt auch auf den Facebook-Beitrag der Polizei Bielefeld vom 22. August 2017, der offenbar bei vielen Nutzern Empörung ausgelöst hat. 

Der Facebook-Beitrag der Polizei NRW Bielefeld. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf die wütenden Kommentare auf Facebook reagierte die Polizei jedoch schon damals und stellte klar, dass es lediglich um die Risiken von Gegenwehr bei Raubdelikten gehe. Man rate „eher den Verlust eines Wertgegenstandes in Kauf zu nehmen, als durch Gegenwehr auch noch gesundheitliche Schäden davon zu tragen. Niemand ist verpflichtet, dem Rat der Polizei zu folgen. Verteidigung im Sinne von Notwehr steht jedem Bürger zu.“

Kommentar der Polizei Bielefeld unter ihrem Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Polizei Bielefeld hat 2017 dazu geraten, sich nicht zu wehren, wenn man ausgeraubt wird, weil das Räuber aggressiv machen könne. Es ging nicht darum, grundsätzlich keine Notwehr zu leisten. 

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Dieses Foto wird im Netz samt Behauptungen über eine angebliche Kindesentführung geteilt. Die Polizei hat den Fall geprüft und festgestellt: Es gab keine versuchte Entführung. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Bei Facebook verbreitet ein Nutzer eine Warnung vor Kindesentführern. Sie hätten in Schochwitz in Sachsen Anhalt versucht, ein Kind in einen blauen Bus zu ziehen. Die Polizei hat den Fall geprüft: Es hat keine versuchte Entführung gegeben.

Es ist eine Warnung, die alle Eltern in Panik versetzen würde: Unbekannte versuchen Kinder zu entführen. Auf Facebook veröffentlichte ein Nutzer am 19. September einen Hinweis auf einen solchen angeblichen Fall in der Stadt Schochwitz in Sachsen-Anhalt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 14.700 Mal geteilt. 

Er schrieb: „Gestern Mittag wurde die (ca. 8jährige) Tochter einer Kollegin […] in Schochwitz fast entführt. Eine Frau mit blauem Turban und rotem Punkt auf der Stirn (ähnlich wie Inder?) griff nach ihr aus einem blauen Bus heraus, hielt sie fest und versuchte sie zu sich in den Bus zu ziehen.“ 

Einen Tag später ergänzte der Nutzer den Beitrag und drohte indirekt mit Selbstjustiz: „Bevor einer ankommt zwecks Quelle oder Lüge, ist die Bekannte von nem Kollegen (Arbeit). Kein Fake!!“. Weiter behauptete der Nutzer: „Die Täter sind ausgemacht, Polizei wird informiert und sollte nix weiter passieren dann (sag ich hier nicht)..“.

Wir haben die Behauptungen geprüft und mit der Polizei gesprochen. Das Ergebnis: Niemand hat versucht das Kind zu entführen. 

Der Facebook-Beitrag mit den falschen Behauptungen. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Polizei: Es war nicht so, wie im Facebook-Beitrag behauptet wird

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die Polizei Saalekreis per E-Mail: „Der geschilderte Sachverhalt wurde polizeilich gemeldet, hat sich jedoch so, wie in dem Beitrag auf ‘Facebook’ geschildert, nicht zugetragen. Dies konnte durch Befragungen der betreffenden Familie bestätigt werden.“ Der örtlichen Gemeinde Salzatal habe man in der betreffenden Woche schriftlich mitgeteilt, dass es zu den kursierenden Sorgen der Anwohner aus der Gemeinde keine Hinweise, Verdachtsmomente oder sonstige Anzeichen einer Straftat gebe.

Die Antwort der Polizei auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptungen im Facebook-Beitrag sind nach Informationen der Polizei also falsch. 

Wenn solche Gerüchte und Falschmeldungen verbreitet werden, bergen sie ein großes Risiko für die zu Unrecht beschuldigten Personen. Der Facebook-Nutzer veröffentlichte in seinem Beitrag das Kennzeichen des Fahrzeugs, das angeblich an der Tat beteiligt gewesen sei und sprach von „Tätern“, die ausgemacht seien. Außerdem droht er indirekt zwischen den Zeilen mit Selbstjustiz: „Sollte nix weiter passieren dann (sag ich hier nicht)…“. 

Weltweit Angriffe und Todesfälle durch falsche Gerüchte von Kindesentführungen

In anderen Ländern haben solche Falschmeldungen schon zum Tod von Unschuldigen geführt. In den USA wurde im November der Fahrer eines weißen Vans erschossen, nachdem auf Facebook Gerüchte über angebliche Entführer in weißen Bussen geteilt wurden. In Indien wurden zwei Männer im Jahr 2018 zu Tode geprügelt, nachdem sie mit ihrem Auto anhielten, um nach dem Weg zu fragen. Die Anwohner hatten zuvor über Whatsapp Gerüchte über Kindesentführer gelesen. In Paris griffen Menschen im März 2019 Siedlungen von Roma an, nachdem bei Facebook, Snapchat und Twitter Falschmeldungen über versuchte Kindesentführungen verbreitet worden waren. 

Solche Meldungen ähneln sich weltweit. Die Falschmeldungen stammen meist vom Hörensagen, also Bekannten oder Kollegen und sind keine offiziellen Warnungen der Polizei oder von Schulen. Meist geht es um große Fahrzeuge, also Busse, Kastenwagen oder Sprinter und als Entführer werden häufig Ausländer, ausländisch aussehende Personen oder nicht Ortsansässige beschuldigt. So auch im aktuellen Fall, in dem der Facebook-Nutzer die vermeintlichen Entführer als „Frau mit blauem Turban und rotem Punkt auf der Stirn (ähnlich wie Inder?)“ beschreibt. 

Auch in Deutschland Falschmeldungen zu Kindesentführungen

Für Panik bei Eltern sorgen auch in Deutschland immer wieder Falschmeldungen über versuchte Kindesentführungen. Seit 2012 wird in Deutschland zum Beispiel eine Warnung vor einem weißen Kastenwagen geteilt. Wir haben die Meldungen in einem Faktencheck geprüft. Einige basieren wohl auf einem Missverständnis im September 2011, wie die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtete. Ein Großvater hatte auf der Suche nach seiner Enkelin am 19. September 2011 in Kempten eine Gruppe Schüler aus seinem blauen Wagen angesprochen. Die Polizei klärte den Vorfall auf. Im Netz verbreiteten sich jedoch weiter Gerüchte über Personen, die Kinder in Fahrzeuge locken würden, diesmal über einen weißen Lieferwagen. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Polizei hat den Fall geprüft und mit dem Kind und der Familie gesprochen. Es hat keine versuchte Entführung gegeben.

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In Neu-Anspach in Hessen wurde am 1. November ein Mann von mehreren Männern verletzt. (Foto: Symbolbild / lapping / pixabay)

von Cristina Helberg

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, eine „Syrer-Gang“ habe einen Mann in Neu-Anspach in Hessen verletzt. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann verletzt zu haben. Ein dritter möglicher Mittäter ist bisher unbekannt.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 2. November einen Artikel mit der Überschrift „Syrer-Gang schießt und sticht Mann in Neu-Anspach mit Messer krankenhausreif“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 400 Mal auf Facebook geteilt. 

Bis auf die Überschrift, den Teaser und die Zwischenüberschrift ist der Text fast exakt aus einer Pressemitteilung der Polizei Bad Homburg vom 1. November übernommen worden. Die Polizeimeldung ist auch verlinkt. Daraus geht hervor, dass ein Mann am 1. November am Bahnhof in Neu-Anspach in Hessen mit einem Messer schwer verletzt wurde. „Aus bislang ungeklärter Ursache“ hätten ihn mehrere Männer angegriffen. Ein Tatverdächtiger mit syrischer Staatsbürgerschaft sei festgenommen worden. 

Truth24 ändert Pressemitteilung der Polizei

An zwei Stellen hat Truth24 jedoch Änderungen an dem Text der Polizei vorgenommen. Aus „durch mehrere Männer angegriffen“ macht Truth24 „durch eine Männerhorde angegriffen“. Und aus „den weiteren Tatbeteiligten“ werden die „weiteren Tatbeteiligten, die der Gang des Syrers angehören“. 

Außerdem suggeriert die Überschrift von Truth24, die Tatverdächtigen hätten auf das Opfer geschossen. Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt die Polizei Bad Homburg per E-Mail: „Wie in der ersten Pressemeldung berichtet, wurde mit der Waffe nach bisherigen Erkenntnissen in die Luft geschossen.“ Womit geschossen wurde, sei unklar.

Am 5. November, also nachdem der Artikel auf Truth24 erschienen war, veröffentlichte die Polizei Bad Homburg gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft eine weitere Pressemitteilung zu dem Fall und berichtete von der Verhaftung eines zweiten Tatverdächtigen. „Der 22 Jahre alte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit steht im Verdacht, gemeinsam mit einem bereits am Freitagmorgen festgenommenen 23-Jährigen sowie einem weiteren, noch unbekannten Mann den 25-Jährigen am Bahnhof angegriffen und schwer verletzt zu haben“, steht in der Mitteilung. 

Die Nationalität der Tatverdächtigen war – bis auf den 23-jährigen Syrer – zum Zeitpunkt, als Truth24 den Artikel veröffentlichte, unbekannt. Für eine „Syrer-Gang“ gab es also keine Belege. Truth24 nahm zudem die neuen Informationen der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht nachträglich in den Artikel auf. 

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Polizei berichtete nicht von einer „Gang“ oder „Horde“. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann mit einem Messer verletzt zu haben. Ein dritter mutmaßlicher Täter ist unbekannt.

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Die Polizei Magdeburg sucht nach einer sexuellen Belästigung am 2. Oktober nach einem Unbekannten (Symbolfoto: Techline / pixabay).

von Cristina Helberg

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, ein „Armutsasylant“ habe in Magdeburg eine Frau vergewaltigen wollen. Richtig ist: Die Polizei sucht nach einem unbekannten Mann, der eine Frau sexuell belästigt haben soll und der vom Opfer mit „südländischer Phänotypus“ beschrieben wurde. Die Zuschreibung eines Asylstatus ist spekulativ und von Truth24 frei erfunden.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 2. Oktober einen Artikel mit der Überschrift: „Ins Gebüsch gezogen: Armutsasylant will Frau in Magdeburg vergewaltigen“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 1.200 Mal geteilt, unter anderem von der NPD Magdeburg. Weiter steht im Text: „Der Sozialmigrant attackierte eine junge Frau am frühen Morgen, die Polizei nennt es aber nur verniedlichend ‘sexuelle Belästigung’.“ 

Auf diesen Absatz folgt eine im Wortlaut kopierte Pressemitteilung der Polizei vom 2. Oktober, zu einer sexuellen Belästigung im Bereich der Listemannstraße in Magdeburg. Ein Unbekannter habe eine Frau in ein Gebüsch gezogen und sie sexuell belästigt. Ihr sei jedoch die Flucht gelungen. Dann folgt eine grobe Beschreibung des Täters: „160 – 165 cm groß, ca. 30 Jahre alt, zierliche, dünne Gestalt, südländischer Phänotypus, war bekleidet mit einer schwarzen Mütze mit einem Weihnachtsmuster; einem schwarzen Kapuzenpullover sowie einer schwarzen Jacke; einer graubraunen Hose und schwarzen Turnschuhen.“ 

Auf Nachfrage von CORRECTIV stellte die Polizei Magdeburg am 6. November per E-Mail klar: „Derzeitig wurde noch kein Tatverdächtiger ermittelt“. Zu der Beschreibung von Truth24 schreibt die Polizei: „Laut den Angaben der Geschädigten handelt es sich bei dem Täter um eine Person mit südländischem Phänotypus. Da der Täter noch unbekannt ist, kann auch nichts zu seinem sozialen Stand gesagt werden. Des Weiteren würde die Polizei solche Begriffe wie ‘Armutsasylant’ oder ‘Sozialmigrant’ nicht verwenden.“ 

Antwort der Polizei Magdeburg auf eine Presseanfrage von CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV).

In der Meldung von Truth24 wird der Polizei auch vorgeworfen, den Vorfall durch die Beschreibung „sexuelle Belästigung“ zu „verniedlichen“. Dazu schreibt die Polizei Magdeburg auf Nachfrage: „Die Betitelung einer Polizeimeldung richtet sich nach der Tathandlung, für welche wiederum im Strafgesetzbuch eine bestimmte Begrifflichkeit festgelegt wurde.“

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Identität des gesuchten Mannes ist unbekannt.

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George Soros bei der Verleihung des Schumpeter-Preis am 21. Juni 2019 in Wien. (Foto: Georg Hochmuth/APA/AFP)

von Cristina Helberg

Eine Webseite behauptet, Russland habe einen internationalen Haftbefehl „für Rothschild und Soros“ herausgegeben. Beide würden von Interpol gesucht. Für die Behauptungen gibt es keine Hinweise oder Belege.

Die Webseite DDB Netzwerk veröffentlichte am 4. Januar 2018 einen Artikel mit der Überschrift: „Russland gibt internationalen Haftbefehl für Rothschild und Soros heraus“. Der Beitrag wurde laut Facebook bisher mehr als 5.580 Mal geteilt. Im Oktober 2019 verbreiteten verschiedene Facebook-Gruppen den Link wieder, zum Beispiel hier und hier

Weiter behauptet die Seite DDB Netzwerk: „Sowohl der IWF (Internationaler Währungsfonds) als auch die Europäische Union haben eine ‘Rote Nachricht’ von Interpol herausgegeben, nicht nur gegen die sofortige Festnahme von Soros, sondern auch gegen Bush, Clinton und Marc Rich und seine Firma in der Schweiz.“ Marc Rich war ein weltweit bekannter Rohstoffhändler und Gründer von Glencore. Er starb allerdings bereits im Juni 2013.

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Der Beitrag selbst nennt außer dem Verweis auf eine angebliche „Rote Nachricht“ von Interpol keine Belege für die Behauptungen. 

Eine sogenannte Red Notice dient laut Interpol der „Suche nach dem Aufenthaltsort und der Verhaftung von gesuchten Personen, die zur Strafverfolgung oder zur Verbüßung einer Strafe gesucht werden“. Diese Fahndungen sind laut Interpol nur teilweise öffentlich einsehbar. „Die Mehrheit der Red Notices ist nur für die Polizei bestimmt und kann daher nicht eingesehen werden. Interpol nimmt nur unter besonderen Umständen und mit Zustimmung des betreffenden Mitgliedsstaates Stellung zu bestimmten Fällen oder Personen“, schreibt Interpol auf seiner Webseite. 

Information zu Red Notices auf der Webseite von Interpol (Screenshot: CORRECTIV)

Die öffentlich einsehbaren Red Notices von Interpol haben wir am 29. Oktober durchsucht und keinen Treffer für die Namen „Soros“, „Rothschild“, „Clinton“ und „Rich“ gefunden. Die Suche nach dem Namen „Bush“ ergibt drei Treffer, weil die Silbe „bush“ in den Namen von drei gesuchten Russen vorkommt.

Die Suchergebnisse am 29. Oktober für den Namen „Soros“ in der öffentlichen Red Notice Datenbank von Interpol. (Screenshot der Interpol Webseite: CORRECTIV)
Die Suchergebnisse am 29. Oktober für den Namen „Bush“ in der öffentlichen Red Notice Datenbank von Interpol. (Screenshot der Interpol Webseite: CORRECTIV)

Eine Presseanfrage von CORRECTIV zu den Behauptungen von DDB Netzwerk beantwortete Interpol nicht. 

Behauptung zu Haftbefehl gegen Soros kursierte schon 2016 

Die Nachricht von einem angeblichen von Russland initiierten internationalen Haftbefehl für George Soros wird im Netz spätestens seit November 2016 verbreitet, darüber berichteten damals die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes und stuften die Berichte als Falschmeldungen ein. Im Rahmen ihrer Recherche überprüften sie ebenfalls die öffentliche Red Notice Liste von Interpol, Soros stand demnach nicht auf dieser Liste.

Dagegen, dass George Soros aktuell auf der Liste von Interpol steht, sprechen auch seine unbehelligten Reisen. So nahm er beispielsweise am 21. Juni 2019 in Wien den Schumpeter-Preis entgegen. 

[Transparenzhinweis: CORRECTIV hat in den Jahren 2016, 2017 und 2018 Geld von der von George Soros gegründeten Open Society Foundation erhalten. Alle Zuwendungen über 1.000 Euro legt CORRECTIV offen]

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass „Soros“, „Rothschild“, „Clinton“, „Rich“ oder „Bush“ per Red Notice von Interpol gesucht werden. Im Gegenteil, verschiedene Tatsachen sprechen dagegen. Marc Rich starb außerdem bereits 2013.

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Das LKA in Niedersachsen verzeichnet im laufenden Jahr 2019 Fälle „im unteren dreistelligen Bereich“, bei denen Täter eine offizielle Funktion oder andere Befugnisse vortäuschen, um in Wohnungen von Opfern zu gelangen. (Symbolbild: fsHH / Pixabay)

von Till Eckert

In Niedersachsen wird derzeit ein alter Kettenbrief geteilt, der vor Verbrechern warnt. Sie sollen vortäuschen, Rauchmelder zu prüfen, um in Wohnungen zu gelangen. Laut LKA gibt es diese Fälle tatsächlich, auch aktuell.

Ein Facebook-Nutzer, der laut seinem Profil offenbar im Raum Lüneburg in Niedersachsen wohnt, veröffentlichte am 18. Oktober einen Beitrag, in dem vor Verbrecherbanden gewarnt wird: Kriminelle würden sich „von Haus zu Haus vorarbeiten“ und prüfen wollen, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmelder vorhanden seien. 

Der Beitrag wurde bisher mehr als 1.100 Mal geteilt. Wir haben beim Landeskriminalamt (LKA) in Niedersachsen nachgefragt.

Dieser Beitrag wurde von einem Nutzer im Raum Lüneburg in Niedersachsen veröffentlicht. Das LKA bestätigt die Darstellung. (Screenshot: CORRECTIV)

LKA: Ja, solche Fälle gibt es in Niedersachsen

Auf CORRECTIV-Nachfrage bestätigte eine Sprecherin die Darstellung per E-Mail: „Das von Ihnen beschriebene Phänomen ist dem LKA Niedersachsen bekannt. Bis dato wurden im laufenden Jahr Fälle im unteren dreistelligen Bereich registriert, bei denen Täterinnen und Täter eher eine offizielle Funktion oder sonst eine Befugnis zum Betreten der Wohnung vortäuschten –  beispielsweise als Handwerker von den Elektrizitäts-, Gas- oder Wasserwerken –, um in die Wohnung ihrer Opfer zu gelangen. Vereinzelt wurden dabei auch Rauchmelder-Prüfungen im Namen der Feuerwehr vorgeschoben.“

Die Antwort-E-Mail des LKA Niedersachsen. (Screenshot: CORRECTIV) 

Auf telefonische Nachfrage bestätigt das LKA gegenüber CORRECTIV, dass aktuell durchaus gewarnt werden könne und solche Fälle auch aktuell beobachtet würden. Die Sprecherin rät Betroffenen, in solchen Fällen „grundsätzlich aufmerksam“ zu sein und im Zweifel die örtliche Polizeidienststelle zu kontaktieren.  

Gilt nicht für jedes Bundesland – im Zweifel bei örtlicher Polizei nachfragen

Laut eines Artikels der österreichischen Faktenchecker von Mimikama kursiert die Meldung im selben Wortlaut schon seit 2016 in Sozialen Netzwerken und Messengern wie Whatsapp. Damals wurde sie im Ostalbkreis in Baden-Württemberg geteilt, die Polizeidirektion Aalen widersprach aber in einer Pressemitteilung, schrieb zu diesem Zeitpunkt von einer „Falschmeldung“. 

Im CORRECTIV.Faktencheck-Team sehen wir häufiger falsche Meldungen, die seit Jahren auf Sozialen Netzwerken kursieren und immer wieder aufgewärmt werden, zum Beispiel zu angeblichen Kindesentführungen oder angeblich als Brausepulver getarntem Crystal Meth an Schulen.

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Im Fall der Warnung vor falschen Rauchmelder-Überprüfungen handelt es sich ebenfalls um einen Kettenbrief, der schon seit Jahren kursiert – in diesem Fall trifft er zu. CORRECTIV kann das aktuell aber lediglich in Niedersachsen verifizieren. Das Bundeskriminalamt, das für bundesweite Ermittlungen zuständig ist, schrieb auf Anfrage per E-Mail, dass dazu „keine Erkenntnisse“ vorlägen. 

Wird die Meldung also in anderen Bundesländern geteilt, muss sie gesondert überprüft werden. Bei Zweifeln darüber, ob Kriminelle aktuell auch in anderen Orten so vorgehen, sollte bei der örtlichen Polizei nachgefragt werden.

Unsere Bewertung:
Richtig. In Niedersachsen versuchen Kriminelle durch angebliche Rauchmelder-Prüfungen Zugang zur Wohnung zu erhalten.

Brausepulver (1)
Laut dem Bundeskriminalamt handelt es sich bei dieser auf Facebook verbreiteten Warnung „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Eine Facebook-Nutzerin veröffentlichte am 17. Februar 2016 ein Foto eines ausgedruckten Warnhinweises. Darauf steht „Achtung, schützt unsere Schüler“, samt dem Hinweis, es gebe eine neue Droge auf dem Markt: „Cristal Meth“ [sic!] mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, das aussehe wie „Brausepulver“. Weiter steht auf dem Zettel: „Diese Droge macht nach der ersten Einnahme sofort abhängig und kann tödlich sein.“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 66.800 Mal auf Facebook geteilt. In den letzten Tagen teilten Nutzer den Beitrag wieder vermehrt. Wir haben die Behauptungen geprüft.

Der Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)
In den letzten Tagen teilen Nutzer wieder den Facebook-Beitrag von 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)

Dem Bundeskriminalamt zufolge ist der Beitrag „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ein Fake 

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Bundeskriminalamt zu der Warnung per E-Mail: „Die angeführte Warnmeldung ist hier bereits mehrfach bekannt geworden (identische Abbildung) und war Gegenstand polizeilicher Anfragen von diversen Landespolizeibehörden (auf Grund Mitteilung besorgter Eltern etc.).“ Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts habe es aber keine Sicherstellungen von brauseartigem Crystal Meth mit verschiedenen Geschmacksrichtungen in der entsprechenden Verpackungsart gegeben. 

„Bei der Warnmeldung dürfte es sich daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake handeln, eine behördliche oder gar polizeiliche Warnmeldung in dieser Art und Form hat es gem. BKA nicht gegeben“, heißt es weiter in der E-Mail an CORRECTIV. 

Auszug aus der E-Mail-Antwort des Bundeskriminalamtes auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundeskriminalamt habe seit mehreren Jahren mit der vermeintlichen Drogenwarnung zu tun. Höhepunkt der Verbreitung sei das Jahr 2016 gewesen. Das passt auch zu dem Datum des Facebook-Beitrags. Ihren Ursprung hätten solche Meldungen vermutlich in den USA, wo ähnliche Versionen seit 2006 aufgetaucht seien, erklärt die Behörde in ihrer E-Mail weiter 

Medien berichteten landesweit über gefälschten Warnhinweis 

Zahlreiche deutsche Medien haben in den vergangenen Jahren über die Falschmeldung berichtet. Unter anderem 2015 die Rheinische Post und im Jahr 2016 die Neue Westfälische, das Hamburger Abendblatt, die Mitteldeutsche Zeitung und die Thüringische Landeszeitung.  

Das Bundeskriminalamt weist in der E-Mail grundsätzlich darauf hin, dass „Neue Psychoaktive Stoffe (NPS/bekannt auch als sog. ‘Legal Highs’) tatsächlich in ähnlichen Tütchen wie für Brausepulver verkauft werden.“ Diese Stoffe würden ähnlich wie Crystal Meth synthetisch hergestellt und im Internet offiziell als Badezusatz oder Badesalze angeboten. Der Gebrauch könne zu Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen bis hin zu drohendem Nierenversagen führen, auch Todesfälle seien in diesem Kontext beim BKA bekannt.

„Eine weitere Gefahr liegt in der Verharmlosung der meist bunt und flippig präsentierten Produkte, die von Händlern als angeblich legal angepriesen werden. […] Der Umgang mit solchen Produkten ist jedoch nach dem Betäubungsmittelgesetz strafbar, sofern sie Betäubungsmittel enthalten“, schreibt das BKA auf seiner Webseite.

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
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Unsere Bewertung:
Falsch. Dem Bundeskriminalamt ist kein Fall bekannt, der zu diesem Warnhinweis passt. Allerdings warnt das BKA vor „Legal Highs“, die in ähnlichen Tütchen zum Beispiel als Badesalz verkauft würden und zum Tod führen könnten.