Polizisten beim Oktoberfest im Jahr 2017 (Symbolbild: Günter Schiffmann / AFP)

Die Seite Truth24 bezeichnet einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff in München als Gruppenvergewaltigung, obwohl dazu keine Hinweise vorliegen. Zudem stellt der Artikel falsche Behauptungen zur Statistik bei Vergewaltigungen auf. 

Die Webseite Truth24 behauptete am 2. Oktober: „Gruppenvergewaltigung nach Wiesn: Afrikanermob versucht US-Madel zu schänden“. Der Artikel wurde laut Daten von Facebook mehr als 1.700 Mal geteilt.  

Im Text wird aus einer Meldung der Polizei München vom 2. Oktober zitiert. Darin heißt es, am 29. September sei eine 30-jährige Amerikanerin nach dem Besuch des Oktoberfestes in München Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Schilderung der Tat stammt von einem Zeugen, der die Polizei verständigte – das Opfer selbst habe später angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Die Frau sei offenbar betrunken gewesen und von drei Männern hinter eine Hecke gedrängt worden. Die Tatverdächtigen seien wegen der „unklaren Sachlage“ am Folgetag entlassen worden, die Amerikanerin sei bereits wieder nach Hause geflogen. 

Auf Nachfrage teilte die zuständige Staatsanwaltschaft München uns mit, es gebe in diesem Fall „keine Hinweise für eine erfolgte oder versuchte Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung“. Auch der Zeuge habe eine solche nicht beobachtet. Die Tatverdächtigen seien nicht in Haft. „Die betroffene US-Amerikanerin konnte sich schon vor Ort nicht an den Vorfall erinnern, wollte sich nicht medizinisch untersuchen lassen und ist wieder in die USA zurückgekehrt.“

Die E-Mail der Pressesprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt also keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung oder versuchte Gruppenvergewaltigung. 

Kriminalstatistik liefert keine Grundlage für Behauptungen

Zudem behauptet der Truth24-Artikel: „Überfalls [sic!] und Gruppenvergewaltigung werden hauptsächlich durch „Moslems und Afrikaner“ begangen, das ist statistisch belegt. Deutsche sind nur selten Täter.“ 

Diese statistischen Belege gibt es nicht. 

Die Religionszugehörigkeit wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, nur die Nationalität. Zu Gruppenvergewaltigungen gibt es eine Studie des Bundeskriminalamtes, die 2019 veröffentlicht wurde. Als Grundlage dienen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017. Diese weist 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus, davon waren 63 versuchte Fälle. Insgesamt seien 467 Tatverdächtige ermittelt worden. Manche Tatverdächtige waren an mehreren Taten beteiligt und wurden nur einmal gezählt. 54,8 Prozent seien keine deutschen Staatsbürger. 

Die Aussage, Deutschen begingen solche Taten „selten“ ist also falsch – sie stellen etwas weniger als die Hälfte aller Tatverdächtigen. 

Das BKA schreibt allerdings in seiner Studie, Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung bei Gruppenvergewaltigungen überrepräsentiert. Das könne verschiedene Gründe haben: „So ist der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden an den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern höher als in der deutschen Bevölkerung. Das gleiche gilt für den Anteil derer, die prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Beides führt herkunftsunabhängig zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden […]“.  

Nein, Gruppenvergewaltigungen werden nicht „hauptsächlich durch Moslems und Afrikaner“ begangen

Über die genaue Nationalität gibt die Tatverdächtigen-Tabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 (Excel-Tabelle 62) Aufschluss. Demnach waren unter den 467 Tatverdächtigen bei den Straftaten „Vergewaltigung überfallartig durch Gruppen“ (Schlüssel 111200) und „Vergewaltigung durch Gruppen“ (Schlüssel 111300) folgende Nationalitäten am häufigsten vertreten, das heißt mit mehr als fünf Personen:

  • Deutsche: 211 Personen
  • Afghanistan: 33 Personen
  • Türkei: 22 Personen
  • Eritrea: 18 Personen
  • Syrien: 18 Personen
  • Polen: 12 Personen
  • Kosovo: 12 Personen
  • Iran: 12 Personen
  • Sudan: 11 Personen
  • Rumänien: 10 Personen
  • Bulgarien: 8 Personen
  • Libanon: 7 Personen
  • Marokko: 7 Personen
  • Irak: 6 Personen
  • Russland: 6 Personen

Hier zeigt sich, dass auch die Aussage, es seien hauptsächlich Afrikaner, die Gruppenvergewaltigungen begehen, falsch ist. 

Truth24 schreibt außerdem von „Überfalls-Vergewaltigungen“. Diese Kategorie gibt es in der PKS nicht, allerdings gibt es „überfallartige Vergewaltigungen“ durch Einzeltäter (Schlüssel 111100). Hier weist die Statistik für 2017 587 Tatverdächtige aus – davon waren 322 Deutsche, also rund 54,9 Prozent. 

Neuere Zahlen gibt es nicht. Seit 2018 werden Gruppenvergewaltigungen nicht mehr gesondert erfasst, weil die Schlüssel nach der Änderung des Sexualstrafrechts angepasst wurden, schreibt uns eine Sprecherin des BKA auf Nachfrage per E-Mail. 

Die E-Mail der Sprecherin des Bundeskriminalamtes. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung. Die Behauptung, dass hauptsächlich Muslime und Afrikaner solche Straftaten begehen, ist zudem statistisch falsch.

GERMANY-VOLKMARSEN-CAR-CRASHING
Menschen versammeln sich um den Tatort im hessischen Volkmarsen, wo am Rosenmontag ein Auto in eine Menschenmenge fuhr. Dabei seien etwa 60 Menschen verletzt worden, darunter auch Kinder. (Foto: Elmar Schulten / dpa)

von Till Eckert

Im Netz kursiert die Behauptung, beim versuchten Tötungsdelikt in Volkmarsen habe es sich um einen „muslimischen Terroranschlag“ gehandelt. Die Generalstaatsanwaltschaft sieht dafür aber „keinen Anhalt“.

Im hessischen Volkmarsen kam es am Rosenmontag zu einem versuchten Tötungsdelikt: Die Generalstaatsanwaltschaft verdächtigt einen 29-jährigen Deutschen, am 24. Februar um 14.45 Uhr mit einem Auto in eine Personengruppe beim Karnevalsumzug in Volkmarsen gefahren zu sein. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen (25. Februar, 16 Uhr) seien dadurch rund 60 Personen teilweise schwer verletzt worden.

Im Netz kursiert jetzt die Behauptung, es habe sich um einen „muslimischen Terroranschlag“ gehandelt, so etwa in einem Facebook-Beitrag des Hamburger AfD-Politikers Michael Tauck, in dem ein Screenshot eines englischsprachigen Blogs gezeigt wird. Die Adresse („…newsonlineisrael.blogspot.com“) ist nicht voll zu erkennen und wir konnten den Artikel nicht finden. Ein Artikel der rechten Webseite „Politaufkleber“ verweist jedoch auf einen englischsprachigen Blog namens The Jewish Collective mit einer offenbar identischen Behauptung. Eine Quelle wird dort nicht angegeben. 

Facebook-Beitrag des AfD-Politikers Michael Tauck. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt mit der Behauptung konfrontiert. Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk schrieb uns daraufhin per E-Mail: „Für einen politisch – auch islamistisch – motivierten Hintergrund der Tat haben die bisherigen Ermittlungen keinen Anhalt ergeben. Dringend verdächtig ist weiterhin ein 29-jähriger Beschuldigter aus Volkmarsen, der vorläufig festgenommen wurde.“

E-Mail der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Unbelegt. Für einen islamistischen Anschlag gibt es keine Belege.

Anschlag Hanau Polizei
Die Spurensicherung untersucht nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau ein Auto. (Foto: Boris Roessler/dpa)

von Bianca Hoffmann

In verschiedenen Artikeln wird behauptet, bei dem Anschlag von Hanau habe es mehrere Täter gegeben. Diese seien zudem Mitglieder von kriminellen Clans. Nach Kenntnisstand des Generalbundesanwalts handelte der mutmaßliche Täter Tobias R. allein und aus rassistischen Motiven.

Am Mittwoch, 19. Februar, wurden im hessischen Hanau neun Menschen erschossen und mehrere Personen zum Teil schwer verletzt. Mutmaßlich verantwortlich für die Tat ist Tobias R., der in seiner Wohnung tot neben seiner Mutter – dem zehnten Opfer – aufgefunden wurde. Der Generalbundesanwalt schrieb in einer Pressemitteilung: „Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor.“ 

In diversen Artikeln wird jetzt aber behauptet, es gebe Zweifel an der offiziellen Darstellung der Behörden. Es seien laut Zeugenaussagen nicht nur einer, sondern mehrere Täter gewesen, behauptet das Compact-Magazin. Konkret wird ein Bericht der Welt zitiert, aber der Satz „Bei der Aussage, er habe ‘zwei bewaffnete Männer‘ gesehen, handelte es sich um eine Fehlbeobachtung“, der dort ebenfalls zu lesen ist, wird weggelassen. Außerdem sei vermutlich ein „Bandenkrieg“ im Gange, heißt es beim Compact-Magazin 

In einem Artikel von News23 ist die Rede von einem „arabischen Clan aus Frankfurt“. In einem Blog namens „Heiden Zorn“ wird behauptet, es handele sich um einen „Clan-Krieg“ zwischen „russischen/osteuropäischen“ und „osmanischen“ Mafia-Gruppen. 

Für diese Behauptungen gibt es keine Hinweise. Der Generalbundesanwalt geht weiterhin von Tobias R. als dem einzigen mutmaßlichem Täter des Anschlags in Hanau aus, wie er uns gegenüber noch einmal bekräftigte.  

Keine neuen Erkenntnisse bei den Ermittlungen in Hanau

In einer Pressekonferenz von Freitag, 21. Februar, sagte Generalbundesanwalt Peter Falk: „Die Polizei konnte aufgrund eines Fahrzeuges, das identifiziert worden ist, den mutmaßlichen Täter in seinem Wohnort lokalisieren.“ (Youtube-Video, ab Minute 0:23). Kurz nach der Tat seien zudem rund 40 Zeugen vernommen worden, die sich im Umfeld der Tatorte aufgehalten haben (ab Minute 5:41). Diese sollten dabei helfen, das Tatgeschehen zu rekonstruieren. 

Auf eine Anfrage von CORRECTIV, ob es mehrere Täter gegeben habe, die nicht aus dem rechtsextremen, sondern aus dem Clan-Umfeld stammen, antwortete Markus Schmitt, Sprecher des Generalbundesanwalts, per E-Mail am Montag (24. Februar), dass die Ermittlungen keine von dem Stand am Freitag abweichenden Erkenntnisse erbracht hätten. 

Aus der Pressekonferenz des Generalbundesanwalts und der E-Mail-Antwort an CORRECTIV geht hervor, dass derzeit in keine andere Richtung ermittelt wird als gegen Tobias R.. 

Hinweisportal des BKA eingerichtet

Die Artikel, in denen von mehreren Tätern die Rede ist, stützen sich vor allem auf diverse Sprachnachrichten, die angeblich in der Nacht des Anschlages bei Whatsapp verschickt wurden. Ob die Nachrichten wirklich im Zusammenhang mit der Tat verschickt wurden, kann von uns nicht verifiziert werden. 

Darin sind Stimmen mehrerer Menschen zu hören. Einige von ihnen sprechen von mehreren Tätern. Es werden außerdem Hinweise auf weitere angebliche Tatorte wie „Lamboy“ oder „Bruchköbel“ ausgetauscht. Wie die Hessenschau berichtet, fielen in Lamboy, einem Stadtteil von Hanau, keine Schüsse. Bruchköbel ist ein Nachbarort von Hanau. Wir konnten keine Hinweise finden, dass der Ort in Zusammenhang mit dem Anschlag von Hanau steht. 

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Das Bundeskriminalamt hat inzwischen ein Hinweisportal eingerichtet, auf dem Fotos, Videos und andere Dateien hochgeladen werden können. 

Schon kurz nach der Tat verbreiteten sich im Netz zunächst Gerüchte, der Täter sei psychisch krank und kein Rechtsextremer oder die Polizei habe einen rechten Hintergrund „dementiert“.  Die Tat sei deshalb kein rechter Terror. Die Behauptungen stellten sich allerdings nach Prüfung durch das CORRECTIV.Faktencheck-Team als falsch heraus. Gleiches gilt auch für die Behauptung, es habe mehrere Täter gegeben, die noch dazu einer kriminellen Organisation angehört hätten. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keine Hinweise auf weitere Täter bei dem Anschlag in Hanau.

Nach Schüssen in Hanau - Gedenken
Menschen legen ein Plakat in der Nähe des Ortes in Hanau ab, an dem der Anschlag geschah. (Foto: Andreas Arnold / picture alliance / dpa)

von Alice Echtermann

Die AfD-nahe Zeitung Deutschland-Kurier bringt einen angeblichen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz durch Tobias R. mit einem angeblichen politischen Engagement seines Vaters in Verbindung. Das ist irreführend.

Der Deutschland-Kurier behauptet in einem Artikel vom 21. Februar über den mutmaßlichen Rechtsterroristen Tobias R.: „Ermittlungen gegen Tobias R. wegen Drogen: Vater des Irren von Hanau kandidierte für die Grünen“.

Diese Überschrift ist stark irreführend. Sie suggeriert, die Ermittlungen seien aktuell und hätten etwas mit der politischen Einstellung des Vaters von R. zu tun. Der Beitrag auf Facebook mit dem Link zum Artikel wurde mehr als 1.000 Mal geteilt.

Kein Hinweis auf aktuelle Drogen-Ermittlungen

Erst weiter unten im Text heißt es, das Verfahren wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz sei eingestellt worden. So steht es auch im Liveblog des Spiegel, aus dem die Information offenbar stammt. Es handelt sich um eine Randnotiz, nach der der Täter bisher erst einmal strafrechtlich in Erscheinung getreten sei, und zwar mit diesem Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Wir haben den Generalbundesanwalt per E-Mail gefragt, ob aktuelle Drogenermittlungen gegen Tobias R. geführt werden. Er verwies uns auf die Pressemitteilung vom 20. Februar und die Pressekonferenz vom 21. Februar – darüber hinaus seien keine neuen Erkenntnisse zu vermelden. In beiden Statements ist nicht die Rede von Drogen.  

Ein Auszug aus dem Liveblog des Spiegel zu dem Anschlag in Hanau
Die Meldung im Liveblog des Spiegel. (Screenshot: CORRECTIV)

Die direkte Verbindung in der Überschrift des Deutschland-Kuriers deutet außerdem an, dies habe irgendetwas mit dem Vater von Tobias R. zu tun. Dafür gibt es keine Belege. 

Der Vater R. kandidierte laut einer Pressemitteilung des Vorstands der Hanauer Grünen 2011 einmal als Parteiloser für die Grünen bei einer Ortsbeiratswahl. Die Behauptung in anderen Medienberichten, er sei ein Mitglied der Grünen, bezeichnen sie als Falschmeldung: Er sei nicht gewählt worden und nie Parteimitglied gewesen. Nach der Wahl habe kein Kontakt mehr bestanden.

Ermittler vermuten rassistisches Motiv von Tobias R.

 Am 19. Februar gegen 22 Uhr erschoss der 43-jährige Tobias R. laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen und verletzte weitere Personen zum Teil schwer. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Die Behörden sprechen von Hinweisen auf einen rassistischen Anschlag. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe eine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gefunden worden. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift ist irreführend. Bei den aktuellen Ermittlungen spielen Drogen keine Rolle. 

Forensic investigators enter the Midnight Shisha bar after a shooting in Hanau
Forensische Ermittler betreten die Midnight Shisha Bar nach dem Anschlag in Hanau. Mittlerweile kursieren viele Gerüchte und Spekulationen zum Tatgeschehen. (Foto: Ralph Orlowski / dpa)

von Till Eckert

Ein angeblicher Zeuge des Anschlags in Hanau sagt, er habe den mutmaßlichen Täter gesehen – dieser sehe anders aus als auf den Bildern im Fernsehen. Die Generalbundesanwaltschaft nennt Tobias R. jedoch weiterhin als einzigen Hauptverdächtigen.

Zum Anschlag in Hanau am 19. Februar kursieren weiterhin Gerüchte und Spekulationen: Während kurz nach der Tat behauptet wurde, diese sei nicht politisch motiviert gewesen (nach Angaben der Ermittlungsbehörden ist das falsch), wird nun auf verschiedenen Webseiten spekuliert, der Täter sei nicht der Mann, der in den Medien gezeigt werde. 

So behauptet es zum Beispiel die Seite MZW News (mehr als 15.000 Mal auf Facebook geteilt) und die Webseite „Liebe isst Leben“ (mehr als 13.000 Mal geteilt). 

Die Generalbundesanwaltschaft hat uns gegenüber jedoch noch einmal bekräftigt, dass es keine abweichende Ermittlungsergebnisse seit der Pressekonferenz des Generalbundesanwalts vom 21. Februar gibt. Sie geht demnach weiterhin von Tobias R. als einzigem Hauptverdächtigen aus. 

Video von angeblichem Zeugen des Anschlags in Hanau 

Auf den Webseiten wird ein Video verlinkt (hier im Original), in dem ein angeblicher Zeuge des Anschlags, Özkan Rutbil, auf Türkisch schildert, was er gesehen habe. Übersetzt durch eine Kollegin unseres türkischen Webradios Özgürüz sagt er ab Minute 01:02: 

„Ich möchte dazu etwas sagen: Dieser Täter, der derzeit in Deutschland angegeben ist, und in Fernsehsendungen gezeigt wird, ist nicht genau der, der da war. Ich bin ganz sicher. Ich habe ihn mit meinen Augen gesehen. Obwohl ich sein Gesicht nicht genau gesehen habe, konnte ich ihn und seine Haare usw. sehen, da er keine Kapuze anhatte. Also ist er auf keinen Fall der auf den Fotos.“

Im Artikel von MZW News wird die Aussage des angeblichen Zeugen falsch zitiert – dieser sprach den Namen Tobias R. beispielsweise nicht aus und sagte auch nichts darüber, dass „die Regierung“ ständig etwas vertusche.

Wir haben die Generalbundesanwaltschaft mit der Aussage des angeblichen Zeugen konfrontiert. Diese verwies uns diesbezüglich auf die Pressemitteilung und die Pressekonferenz vom 21. Februar, in welcher der Generalbundesanwalt berichtete, dass bereits mehr als 40 Zeugen vernommen worden seien. Die Polizei habe die Wohnung des mutmaßlichen Täters, Tobias R., anhand eines Fahrzeugs lokalisieren können und diesen dort tot aufgefunden.

Es gibt demnach aktuell keine Hinweise darauf, dass es einen anderen Täter gibt. Gegenteilige Meldungen führen in die Irre. 

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Laut Generalbundesanwalt hatte R. ein „rassistisches Weltbild“

Der 43-jährige Tobias R. hat laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen erschossen und verletzte weitere Personen zum Teil schwer. Unter ihnen seien sowohl ausländische als auch deutsche Staatsangehörige. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe eine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gewesen. 

„Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor. Diese ergeben sich aus den augenscheinlich von Tobias R. herrührenden Videos und Dokumenten“, schreibt der Generalbundesanwalt in einer Mitteilung und bezeichnete die Tat als „Anschlag“.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt aktuell keine Hinweise darauf, dass jemand anderes als Tobias R. die Tat beging.

Hanau Anschlag Kerzen
Kerzen zum Gedenken an den Anschlag in Hanau. (Foto: Michael Probst / AP / picture alliance)

von Alice Echtermann

Nach dem rassistischen Anschlag in Hanau wird die Familiengeschichte des mutmaßlichen Täters diskutiert. Es wird angedeutet, sein Vater sei ein Politiker oder Mitglied der Grünen. Das stimmt nicht. 

Die Seite PI-News behauptet, der Vater des mutmaßlichen Rechtsterroristen Tobias R. aus Hanau sei ein „Grüner“. Der Text vom 21. Februar wurde laut Daten von Facebook bereits 9.600 Mal geteilt. Auch die Seite MMNews schreibt am 22. Februar: „Hanau-Mörder: Vater ist Grüner“. 

In den Artikeln wird angedeutet, der Vater sei ein aktiver Politiker oder Mitglied der Grünen. Beides ist falsch. 

Vater ist kein Mitglied der Grünen

Der Vorstand der Hanauer Grünen veröffentlichte dazu am 23. Februar eine Pressemitteilung, in der es heißt, die Behauptungen, „dass der Vater des Täters Mitglied oder gar aktiver Politiker der Grünen sei“ entspreche nicht den Tatsachen. „Hans-Gerd R[…] ist und war kein Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Er kandierte 2011 ohne Mitgliedschaft bei den Grünen auf einer Ortsbeiratsliste für Kesselstadt (Anm. d. R.: Ortsteil von Hanau) und wurde nicht gewählt. Nach seiner Kandidatur gab es keinen Kontakt mehr zu Bündnis 90/Die Grünen.“

Ursprünglich hatte offenbar die Zeitung Hanauer Anzeiger in einem Bericht vom 20. Februar die Falschmeldung verbreitet, der Vater sei aktives Mitglied der Grünen. Die Redaktion hat den Artikel aber inzwischen korrigiert: „Er war nie Mitglied der Grünen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.“

In dem Artikel von MMNews heißt es außerdem (unter Berufung auf einen Artikel der Bild), der Vater werde in Bezug auf den Anschlag in Hanau angeblich als „Beschuldigter“ geführt und es werde geprüft, ob er „tatbegünstigend“ gewirkt habe. Der Pressesprecher des Generalbundesanwalts, Markus Schmitt, teilt jedoch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail mit: „Im Zusammenhang mit dem Geschehen in Hanau sind bei der Bundesanwaltschaft gegen den Vater von Tobias R. keine Ermittlungen anhängig.“

Behörden vermuten rassistischen Anschlag in Hanau

Am 19. Februar gegen 22 Uhr erschoss der 43-jährige Tobias R. laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen und verletzte weitere Personen zum Teil schwer. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Die Behörden sprechen von starken Indizien auf einen rassistischen Anschlag. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe seine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gefunden worden. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Vater von Tobias R. ist kein „Grüner“. Er kandidierte 2011 einmal erfolglos für eine Beiratswahl, ohne Parteimitglied zu sein.

Anschlag Hanau Shisha-Bar
In dieser Shisha-Bar in Hanau startete ein 43-jähriger Mann seinen Anschlag, der von Innenminister Seehofer als „rechtsterroristisch“ bezeichnet wurde. (Bild: picture alliance / AP Photo)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel des rechten Blogs PI-News wird behauptet, der mutmaßliche Täter von Hanau sei kein „politisch motivierter Extremist“ gewesen. Das entspricht laut den Behörden nicht den Tatsachen. Demnach war der Anschlag rassistisch und rechtsterroristisch. 

Der rechte Blog PI-News behauptet in einem Artikel vom 20. Februar, der Täter von Hanau sei das „Produkt einer kranken Gesellschaft“ und er werde der Öffentlichkeit als politisch motivierter Extremist verkauft, was er „offensichtlich nicht“ sei. Stattdessen handele es sich um einen wirren Verschwörungstheoretiker. 

Die Aussage, die Tat sei nicht politisch motiviert, ist nach dem bisherigen Kenntnisstand der Behörden falsch.

Anschlag von Hanau war „rechtsterroristisch“ und „rassistisch“

„Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor. Diese ergeben sich aus den augenscheinlich von Tobias R. herrührenden Videos und Dokumenten“, schreibt der Generalbundesanwalt in einer Mitteilung zu dem Anschlag

In ihrer Stellungnahme sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 20. Februar, es sei noch zu früh für eine abschließende Bewertung. „Doch weist derzeit vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat, aus Hass gegen Menschen mit anderer Herkunft, anderem Glauben oder anderem Aussehen.“

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geht sogar noch einen Schritt weiter. Am 21. Februar bezeichnete er die Tat als „rassistisch motivierten Terroranschlag“. Es sei der dritte „rechtsterroristische Anschlag in Deutschland in wenigen Monaten“ (Youtube-Video ab Minute 0:10).

Tobias R. tötete mutmaßlich zehn Menschen

Am Mittwoch, 19. Februar, gegen 22 Uhr erschoss der 43-jährige Tobias R. laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen und verletzte fünf weitere Personen zum Teil schwer. Unter ihnen seien sowohl deutsche als auch ausländische Staatsangehörige gewesen. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe eine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gewesen. 

Kurz nach der Tat verbreiteten sich im Netz zunächst Gerüchte, die Tat könnte einen Hintergrund organisierter Kriminalität haben, es gebe mehrere Täter und diese seien Ausländer. Als dies klar durch die Berichte der Polizei ausgeschlossen werden konnte, hieß es, der Täter sei psychisch krank und kein Rechtsextremer, die Tat sei deshalb kein rechter Terror. Über den Gesundheitszustand des mutmaßlichen Täters sind keine offiziellen Informationen verfügbar. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der Anschlag von Hanau war nach bisherigem Kenntnisstand politisch motiviert.

Gedenken Hanau
Eine Frau zündet in München zum Gedenken an die Opfer des Anschlags in Hanau Kerzen an. (Foto: Sachelle Babbar / Zuma Press / dpa) 

von Alice Echtermann

Nach dem Anschlag in Hanau kursierte die Falschmeldung, die Polizei habe einen rechten Hintergrund der Tat dementiert und Medien wegen Spekulationen zurechtgewiesen. Das stimmt nicht.

Die Facebook-Seite „Deutschlandstimme“ schreibt am 20. Februar vormittags über den Terrorakt in Hanau: „Polizei dementiert Nazi als Täter! Kein rechter Hintergrund der Tat!“ Der Beitrag wurde laut Daten von Facebook bereits mehr als Mal 1.000 Mal geteilt. 

Fast zeitgleich erschien ein Artikel auf der Seite Politikstube, der ebenfalls behauptet, die Polizei habe ein rechtes Motiv „dementiert“. Als Quelle wird auf einen Bericht des ZDF verwiesen und ein Screenshot eines Tweets der Polizei Südosthessen gezeigt, in dem angeblich die Bild-Zeitung angewiesen wurde, „sich mit solchen Äußerungen zurückzuhalten“.

Ein Tweet der Polizei Südosthessen zu Hanau
Der Tweet der Polizei, der sich angeblich auf einen Bericht der Bild bezog. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Behauptung ist jedoch falsch. Der Tweet ist aus dem Kontext gerissen worden. Die Polizei hat den rechten Hintergrund der Tat nie dementiert, sie hatte allerdings am frühen Morgen des 20. Februar noch keine derartigen Meldungen bestätigt. 

Kurz nach dem Anschlag in Hanau verbreiten sich Gerüchte

Am 19. Februar gegen 22 Uhr erschoss der 43-jährige Tobias R. laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen und verletzte fünf weitere Personen zum Teil schwer. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe eine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gewesen. 

Kurz nach der Tat verbreiteten sich im Netz zunächst verschiedene Gerüchte. So hieß es, die Tat könnte einen Hintergrund organisierter Kriminalität haben, es gebe mehrere Täter und diese seien Ausländer. Als dies klar durch die Berichte der Polizei ausgeschlossen wurde, verbreitete sich das Narrativ, der Täter sei psychisch krank und kein Rechtsextremer, die Tat sei deshalb kein rechter Terror. Dem widersprechen die Aussagen der Behörden. Bundesinnenminister Horst Seehofer bezeichnete die Tat am 21. Februar als „rassistisch motivierten Terroranschlag“ (Youtube-Video ab Minute 0:10).

Polizei hat am Morgen aufgefordert, keine Spekulationen zu verbreiten

„Deutschlandstimme“ hingegen behauptet: „Den Spekulationen und verlogenen ‘Meldungen’ der Lügenpresse hat die hessische Polizei nun einen Riegel vorgeschoben.“ Es gebe eine angebliche Meldung der Polizei mit der Überschrift „Keine gesicherten Hinweise auf rechtes Motiv!“. 

Wir konnten keine solche Mitteilung der Polizei finden. Sucht man danach, stößt man auf den von Politikstube erwähnten Bericht des ZDF vom 20. Februar um 8:32 Uhr morgens. Unter dem Artikel befindet sich eine Korrektur der ZDF-Redaktion: „In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Polizei hätte Berichte über einen mutmaßlich rechten Hintergrund dementiert. Das war zu keinem Zeitpunkt der Fall.“ Das ZDF hat demnach eine Falschmeldung verbreitet.

Keine direkte Zurechtweisung der „Lügenpresse“

Der Tweet der Polizei wiederum richtete sich nicht direkt an die Bild. Vielmehr bezog er sich auf Kommentare von Nutzern unter einem Tweet der Polizei Südosthessen selbst – einem Update zu den Vorfällen in Hanau. In den Antworten zeigte jemand einen Auszug aus einem Bild-Artikel. Ein anderer sprach von einem „Rechtsterroristen“. Darauf twitterte die Polizei gegen 8 Uhr morgens am 20. Februar: „Bitte halten Sie sich mit derartigen Äußerungen zurück.“

Der Twitter-Verlauf der Polizei Südosthessen zu Hanau
Der Verlauf der Tweets. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Hinweise und der ZDF-Text bilden also den Stand der Dinge am Morgen nach der Tat ab, als noch vieles unklar war. Inzwischen weiß man mehr: „Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor. Diese ergeben sich aus den augenscheinlich von Tobias R. herrührenden Videos und Dokumenten“, schrieb der Generalbundesanwalt in seiner Mitteilung am 20. Februar. Dort ist auch von einem „Anschlag“ die Rede. 

„Deutschlandstimme“ hat seinen Beitrag auf Facebook jedoch bis zur Veröffentlichung dieses Artikels am 21. Februar nicht aktualisiert.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Polizei hat einen rechten Hintergrund der Tat nicht dementiert, sondern zu Zurückhaltung aufgerufen, als noch keine gesicherten Informationen vorlagen. 

Wahlkampfauftakt AfD Sachsen-Anhalt zu Kommunal- und Europawahl
Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen im Mai 2019 beim Wahlkampfauftakt vor der Europawahl in Sachsen-Anhalt. (Foto: Ronny Hartmann / dpa)

von Till Eckert

Der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen behauptet, es habe sich beim Anschlag in Hanau „weder um rechten noch linken Terror“ gehandelt – dutzende AfD-Verbände teilten den Beitrag auf Facebook. Generalbundesanwalt und Innenministerium sehen das jedoch anders.

Nach dem Anschlag in Hanau äußerten sich viele Politiker in den Sozialen Netzwerken. Darunter auch der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen, der in einem Facebook-Beitrag vom 20. Februar behauptete, es habe sich dabei „weder um rechten, noch linken Terror“ gehandelt. Stattdessen sei es die Tat eines „offenkundig Irren“ gewesen. 

Der Beitrag wurde bisher mehr als 3.500 Mal geteilt, darunter von dutzenden AfD-Verbänden und -Politikern. Meuthens Beitrag suggeriert, der mutmaßliche Täter habe nicht aus politischen Motiven gehandelt. Das ist nach dem bisherigen Kenntnisstand von Generalbundesanwalt und Innenministerium falsch – den Indizien nach handelte es sich um eine politisch motivierte Tat.

Facebook-Beitrag von Jörg Meuthen. (Screenshot: CORRECTIV)

In Hanau tötete Tobias R. mutmaßlich zehn Menschen

Zum Hintergrund der Tat: Am 19. Februar gegen 22 Uhr erschoss der 43-jährige Tobias R. laut Generalbundesanwalt in Hanau neun Menschen und verletzte fünf weitere Personen zum Teil schwer. Unter ihnen seien sowohl ausländische als auch deutsche Staatsangehörige. Laut Medienberichten suchte er für seinen Anschlag zwei Shishabars in der Innenstadt auf. Bei einer Durchsuchung seiner Wohnung in der Nacht wurden R. und seine 72-jährige Mutter tot aufgefunden. Neben ihm habe eine Schusswaffe gelegen. Sein Vater sei unverletzt gewesen. 

„Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor. Diese ergeben sich aus den augenscheinlich von Tobias R. herrührenden Videos und Dokumenten“, schreibt der Generalbundesanwalt in einer Mitteilung und bezeichnete die Tat als „Anschlag“.

In ihrer Stellungnahme sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 20. Februar, es sei noch zu früh für eine abschließende Bewertung. „Doch weist derzeit Vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat, aus Hass gegen Menschen mit anderer Herkunft, anderem Glauben oder anderem Aussehen.“

Innenminister Seehofer: Dritter rechtsterroristischer Anschlag in wenigen Monaten

Bundesinnenminister Horst Seehofer geht sogar noch einen Schritt weiter. Am 21. Februar bezeichnete er die Tat als „rassistisch motivierten Terroranschlag“ (Youtube-Video ab Minute 0:10). Es sei der dritte „rechtsterroristische Anschlag in Deutschland in wenigen Monaten“ – neben dem Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke und dem Anschlag in Halle.

Es sprechen alle bisherigen Erkenntnisse zum Anschlag in Hanau dafür, dass es sich dabei um eine rassistische – und insofern auch politisch und rechtsextrem zu bewertende – Tat handelte. Das Bundesinnenministerium nennt Rassismus als „typisches Merkmal rechtsextremer Ideologien und Verhaltensweisen“. Der Verfassungsschutz schreibt in einem Glossar: „Rechtsextremisten sind Feinde des demokratischen Verfassungsstaates, sie haben ein autoritäres Staatsverständnis […].“ Der Verfassungsschutz Brandenburg schreibt außerdem: „Alle Ausprägungen des Rechtsextremismus sind rassistisch.“ 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Über den Gesundheitszustand des mutmaßlichen Täters sind hingegen keine offiziellen Informationen verfügbar. Für Meuthens Aussage dazu gibt es demnach keine Belege.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Laut bisherigem Kenntnisstand der Behörden handelte es sich um eine rassistische und daher politisch motivierte Tat.

THEMENBILD, Wien bei Nacht
Gab es am vergangenen Freitag in der Wiener U-Bahn eine Prügelattacke durch „fünf Afrikaner“? Die Polizei dementiert. (Symbolfoto, Wiener U-Bahn-Station am 3. Juli 2017: Picture Alliance / EXPA / JFK)

von Till Eckert

Die österreichische Webseite Unzensuriert behauptet, am vergangenen Freitag sei es in der Wiener U-Bahn zu einem Gewaltverbrechen gekommen. Der angebliche Fall wird im Artikel detailliert beschrieben. Doch der Polizei ist ein solcher Fall nicht bekannt.

Der Artikel von Unzensuriert vom 15. Februar über ein angebliches Verbrechen in der Wiener U-Bahn steckt voller konkreter Details: Demnach soll am vergangenen Freitag (14. Februar) um 19.30 Uhr in der Wiener U-Bahn-Linie U1 im Bereich Kagran ein Junge Opfer einer „Prügelattacke“ durch „fünf Afrikaner“ geworden sein – weil er seine Mutter beschützt habe, die von den Männern sexuell belästigt worden sei. 

Der Junge habe das laut des Artikels bei der Polizei „zu Protokoll“ gegeben und die Beamten hofften, „die Täter“ anhand Aufnahmen in der U-Bahn ausfindig machen zu können. Aber: Die Wiener Polizei weiß nichts von solch einem Vorfall.

Polizei: Kein derartiger Vorfall wurde aufgenommen

Ein Sprecher der Landespolizeidirektion Wien schrieb uns auf Anfrage zu dem angeblichen Fall: „Vorausgesetzt die angegebenen Daten stimmen (anzunehmender 14.02.2020 in Wien 22, Kagran), können wir mitteilen, dass kein derartiger Vorfall gemäß interner Berichtspflicht eingemeldet wurde. Fest steht, dass bei der unmittelbar bei der U1-Station Kagran befindlichen Polizeiinspektion kein derartiger Vorfall aufliegt oder aufgenommen wurde.“

Eine E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail der Polizeidirektion Wien. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben in einer Nachfrage noch um eine Einschätzung zu weiteren Details des Artikels gebeten, etwa zu angeblichen Verletzung des Jungen oder darum, dass am selben Tag eine Frau in Wien-Donaustadt telefonisch eine sexuelle Belästigung durch fünf Männer gemeldet habe. Der Sprecher der Polizeidirektion dazu: „Wie bereits unten erklärt, es liegt keine Meldung auf. Somit können auch keine weiterführenden Fragen beantwortet werden.“ 

Eine Google-Suche zeigt, dass es auch keine sonstigen Medienberichte zu dem angeblichen Fall gibt. Wir stufen ihn deshalb als Falschmeldung ein.

Update, 25. Februar 2020:

Die Webseite „Unzensuriert“ schickte uns nach Veröffentlichung unseres Faktenchecks einen angeblichen Patientenbrief des Krankenhaus Nord, „Abteilung für Orthopädie und Traumatologie“ vom 14. Februar in Wien zu, als vermeintlichen Beleg für den Artikel. Die Sprecherin des Krankenhaus Nord schreibt uns auf Nachfrage per E-Mail, dass der Brief auf den ersten Blick zumindest „nicht unecht“ aussehe, aber das mit Sicherheit erst gesagt werden könnte, wenn Name und Geburtsdatum vorlägen – über die Behandlung und Vorgeschichte dürfte sich das Krankenhaus aus Datenschutzgründen aber ohnehin nicht äußern.

Die Infos aus dem angeblichen Patientenbrief lassen – selbst wenn es den Patienten wirklich geben sollte – aber keine Rückschlüsse auf Details zu vermeintlichen Tätern zu. Dort steht lediglich etwas von einer unbekannten Anzahl „unbekannter Angreifer“; der Name und das genaue Geburtsdatum ist verpixelt, als Geburtsjahr des vermeintlichen Patienten ist 1989 zu lesen. Es würde sich demnach auch nicht um einen „Bub“ handeln, sondern einen mindestens 30-jährigen Mann.

Unsere Bewertung behalten wir bei.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Es gibt keinen Beleg, dass es einen solchen Fall in Wien wirklich gab – die Polizei dementiert.

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Der Instagram-Beitrag mit einer unbelegten Behauptung zu erblindeten Gelbwesten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Instagram-Beitrag wird behauptet, in Frankreich seien 2.000 Personen bei Gelbwesten-Protesten durch Polizeigewalt erblindet. Dafür gibt es keine Belege – französische Journalisten zählen weitaus weniger Fälle.

Der Instagram-Nutzer „dreckiger_kommunist“ veröffentlichte am 16. Dezember 2019 einen Beitrag, in dem er behauptet, dass in Frankreich im Zusammenhang mit den Gelbwesten-Protesten etwa 2.000 Menschen durch „die Polizei und ihre Gummigeschosse ihr Augenlicht verloren“ hätten. Eine Quelle liefert er nicht. Der Beitrag hat mehr als 2.400 Likes (Stand: 20. Januar 2020).

Wir haben die Behauptung überprüft.

Innenministerium lässt Frage nach Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, unbeantwortet

Auf eine CORRECTIV-Anfrage beim französischen Innenministerium antwortete ein Sprecher per E-Mail: „Auf Ihre Anfrage hin kann ich Ihnen mitteilen, dass wir zwischen dem 17. November 2018, dem Beginn der ‘Gelbwesten’-Demonstrationen, und dem 16. November 2019, d.h. einem Jahr, etwa 2.500 Verletzte unter den Demonstranten und 1.900 Verletzte bei den Strafverfolgungsbehörden gezählt haben. Darüber hinaus wurden 333 Ermittlungen von der IGPN [Anm.: eine Art Dienstaufsicht der Polizei] und der Polizei eingeleitet, von denen 222 an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet wurden.“

Die Frage nach den Fällen, in denen Menschen ihr Augenlicht verloren hätten, ließ das Innenministerium unbeantwortet. Wir haben deshalb zusätzlich bei den französischen Faktencheckern des Projekts CheckNews der Zeitung Libération angefragt. 

Französische Journalisten gehen von weitaus weniger Fällen aus

Jacquez Pezet, der sich bei seiner Arbeit schon häufiger mit den Gelbwesten-Protesten beschäftigte und früher auch für CORRECTIV.Faktencheck tätig war, schrieb uns: „Ich hatte für Libération bis zum 26. Januar 2019 die schwerverletzten Gelbwesten auf einer Liste gesammelt. Damals kam ich auf die Zahl von 14, die ein Auge verloren haben – das heißt entweder Auge weg, oder das Auge kann gar nicht mehr sehen.“ 

Pezet nennt als „inoffizielle Hauptquelle für Polizeigewalt in Frankreich“ außerdem den Journalisten David Dufresne. Der sammelte zuerst auf Twitter und dann für die investigative Redaktion Mediapart Fälle von Polizeigewalt. Auch die Süddeutsche Zeitung schreibt über Dufresne, dass er „inzwischen von allen französischen Medien zitiert“ werde und „keine der von ihm gemeldeten Verletzungen bislang widerlegt“ wurde. 

„Laut Dufresne, der bis heute Zahlen für Mediapart (kostenpflichtig) sammelt, haben 25 Personen ihr Augenlicht verloren“, schreibt uns Pezet. „Die im Instagram-Post genannte Zahl scheint daher die Verletzten (mehr als 2.000 Personen) mit denen, die ihr Augenlicht verloren haben (25 Personen), zu verwechseln.“

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Es scheint demnach tatsächlich Fälle zu geben, in denen Menschen teilweise oder ganz erblindet sind. Da wir aber keine offizielle Bestätigung für eine mögliche Anzahl erhalten haben, können wir sie nicht verifizieren. Auch ist unklar, wie genau sie verletzt wurden.

Die Gelbwesten-Bewegung startete in Frankreich laut Medienberichten in Sozialen Netzwerken, nachdem 2018 die Benzinpreise stiegen. Seitdem protestieren regelmäßig Menschen in gelben Warnwesten in Frankreich, vor allem in Paris.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass 2.000 Gelbwesten ihr Augenlicht verloren haben – französische Journalisten gehen aktuell von 25 Fällen aus.

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Die Falschmeldung ist offenbar ein Versuch, Nutzerdaten abzugreifen. (Symbolbild: Pixabay)

von Alice Echtermann

Derzeit kursiert ein Artikel auf Facebook, in dem behauptet wird, ein 8-jähriges Mädchen sei in Kleve entführt worden. Wer auf den Link klickt, bekommt eine Warnung vor Phishing. Die Meldung selbst ist außerdem falsch. 

Eine Webseite namens Feedbizz.com hat einen Artikel veröffentlicht mit der Überschrift: „In Kleve wurde ein 8-jähriges Mädchen entführt. Erkennen Sie den Entführer? Es gibt ein Video von der Überwachung.“ Auf Facebook ist in der Vorschau des Links ein blondes Mädchen zu sehen. 

Kleve ist eine Stadt in Nordrhein-Westfalen. Unsere Recherche zeigt: Dort gibt es aktuell keine solche Entführung. Der Artikel ist offenbar eine Betrugsmasche.

So sieht der Link zu der Meldung auf Facebook aus. Die Behauptung in der Überschrift ist falsch, es gab keine Entführung. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Die Überschrift des Artikels. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer archivierten Version ist der Inhalt des Artikels sichtbar. Darin wird behauptet, ein Mädchen, die mal Julie S., mal Julia S. genannt wird, sei am 21. Januar 2020 um 10 Uhr in einem Einkaufszentrum entführt worden. Sie habe es mit ihren Eltern und ihrem Bruder besucht, die Polizei sei eingeschaltet worden. 

Unter dem Artikel kommentieren Menschen mit Namen aus dem englischsprachigen Raum, wie Patrick Connor oder James Brown, Dinge wie: „Ich habe es an alle meine Freunde geschickt.“ Teils sind die Kommentare in sehr schlechtem Deutsch geschrieben, auch der Text selbst enthält viele Fehler. 

Beispiel für Kommentare unter dem Artikel. (Screenshot: CORRECTIV)

Phishing-Warnung vom Browser

Der Link zu dem Text wird derzeit auf Facebook verbreitet, wer jedoch darauf klickt, bekommt vom Internetbrowser Chrome sofort eine Warnung vor sogenanntem Phishing: „Google Safe Browsing hat kürzlich Phishingaktivitäten auf feedbizz.com festgestellt. Phishingwebsites geben sich als andere Websites aus, um Sie zu täuschen.“

Warnhinweis des Internetbrowsers Google Chrome beim Versuch, die Webseite zu öffnen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto des blonden Mädchens, das in dem Artikel zu sehen ist, stammt aus einem ganz anderen Kontext und ist viele Jahre alt. Laut der Bildersuchmaschine Tineye tauchte das Foto erstmals 2012 auf einer slowakischen Webseite auf, in dem Artikel geht es um einen Anschlag in Toulouse, bei dem ein Mädchen namens Miriam getötet worden sei. Über den Anschlag in berichteten 2012 auch deutsche Medien wie der Spiegel. Über Bilder-Rückwärtssuchen fanden wir das Foto des Mädchens zudem in einem englischsprachigen Artikel von März 2019, der sieben Jahre später auf die Tat zurückblickt. 

Es gab keine Entführung in Kleve

Auf Facebook gibt es bereits einen Warnhinweis eines Journalisten aus Nordrhein-Westfalen, Guido Schulmann, vor der Meldung von Feedbizz.com. Es sei eine Falschmeldung, die mit verschiedenen Ortsangaben (Kleve, Emmerich) verbreitet werde. Wer den Artikel öffne und das Video ansehe, verbreite den Text auch ungewollt weiter an seine Kontakte. 

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CORRECTIV hat bei der Polizei in Kleve nachgefragt, und tatsächlich ist dort kein Fall einer Entführung eines 8-jährigen Mädchens bekannt. Es handele sich nach Einschätzung der Polizei um eine Falschmeldung, schreibt uns Sprecherin Corinna Saccaro per E-Mail.

Die E-Mail der Pressestelle der Polizei Kleve. (Screenshot: CORRECTIV)

Phishing ist laut Bundesinnenministerium eine Form des Identitätsdiebstahls (PDF, Seiten 8 und 26). Nutzer sollen dazu bewogen werden, ihre Zugangsdaten zu Internet-Banking, Bezahldiensten, sozialen Netzwerken, Einkaufsportalen oder ähnliches auf Webseiten einzugeben. Betrüger leiten die Menschen dafür zum Beispiel auf gefälschte Webseiten.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. In Kleve wurde kein Mädchen entführt. Bei der Webseite besteht der Verdacht auf Phishing. 

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Am 4. Januar 2020 kam es bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen in Köln zu Auseinandersetzungen. (Symbolfoto: Michael Philipp / Pixabay)

von Alice Echtermann

Facebook-Nutzer behaupten, bei der Demonstration in Köln anlässlich des WDR-Satire-Liedes „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“ sei es zu „Menschenjagden“ und Gewalt gegen ältere Frauen gekommen. Dafür gibt es keine Belege. 

Die Facebook-Seite „Eltern gegen Gewalt“ hat am 4. Januar einen Beitrag veröffentlicht, in dem behauptet wird, bei einer Demonstration in Köln seien „ältere Menschen, überwiegend Frauen, von linksradikalen Schlägertruppen der Antifa verprügelt und verletzt“ worden. Drei ältere Frauen seien von 70 Personen angegriffen worden, angeblich mit „heftigen“ Schlägen auf den Kopf, Rücken, in den Magen und ins Gesicht. Ein älterer Mann habe eine Platzwunde am Kopf erlitten – von ihm und seinem Kopfverband wird ein Foto gezeigt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 3.300 Mal geteilt. 

Eine andere Facebook-Seite namens „Befreiter Blick“ griff das Thema auf und behauptete in einem eigenen Beitrag am 4. Januar zudem, es sei in Köln zu „Menschenjagden“ gekommen. „Ein Mob von mehreren hundert Linksradikalen jagte alte Menschen und Kinder durch die Stadt“, steht auf einem Bild mit Text dazu. Dieser Beitrag wurde mehr als 2.000 Mal geteilt.   

Für die Behauptungen gibt es nach CORRECTIV-Recherchen keine Belege. 

Der Facebook-Beitrag von „Eltern gegen Gewalt“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hintergrund: Kurz nach Weihnachten 2019 entbrannte eine Debatte um ein Video des WDR (privater Mitschnitt). Der WDR hatte das Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ satirisch abgeändert, so dass es darin unter anderem hieß „meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Das führte laut Medienberichten (zum Beispiel WDR und Zeit Online) am 4. Januar 2020 zu Demonstrationen in Köln. Laut Polizei waren unter den Demonstranten gegen den WDR Personen aus dem „politisch rechten Spektrum“. Die Gegendemonstrationen seien von mehreren Aktionsbündnissen organisiert worden, darunter „Köln gegen rechts“. Einige WDR-Mitarbeiter erhielten laut WDR Morddrohungen. 

Medienberichte und Videos zeigen keine Jagdszenen

In zwei Berichten der Bild (hier und hier), die die Facebook-Seite „Befreier Blick“ als angebliche Quellen für eine „Menschenjagd“ verlinkt, ist nirgends die Rede von solchen Vorfällen. In einem Bild-Artikel ist ein Video eines Tumults zu sehen, bei dem Demonstranten „Nazi-Schweine“ rufen und die Polizei einen Mann zu Boden ringt – aber keine Jagdszenen. In einem ebenfalls von „Befreiter Blick“ verlinkten Beitrag des Blogs 1984 wird von „Menschenjagden“ geschrieben, aber ohne Belege; die Videos, die gezeigt werden, zeigen keine solchen Szenen. Eines der Videos wurde allerdings bereits von Youtube gelöscht, den Inhalt konnten wir daher nicht mehr einsehen.

Der Facebook-Beitrag von „Befreiter Blick“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir fanden bei der Recherche ein weiteres, langes Video auf der Seite Invidious, das mit „Hetzjagd durch Köln nach der Demo am 4.1.2020“ überschrieben ist. Der Nutzer, der es hochgeladen hat, heißt Kevin Gabbe – auf seinem (nicht verifizierten) Twitter-Profil bezeichnet er sich als „patriotischer Aktivist und Blogger“. Das Video zeigt den Weg einer kleinen Gruppe Demonstranten durch die Stadt. Etwa ab Minute 13:48 ist ein kurzes Gerangel mit Demonstranten in der Nähe des Kölner Doms zu sehen, man hört laute „Nazis raus“-Rufe. Man hört mutmaßlich eine Frau mit kurzen grauen Haaren zu einem Polizisten sagen „der hat mich geschlagen“, zu sehen ist die Szene aber nicht. 

Polizei eskortierte Gruppe bis zu einem Parkhaus

Die kleine Gruppe, zu der auch zwei Frauen gehören, sucht Schutz bei der Polizei. Einer der Polizisten rät, das Filmen einzustellen, um nicht zu provozieren. Die Person hinter der Kamera filmt aber weiter. Weil ein Mann darauf besteht („Die kennen mich, die lauern auf mich, ich bin recht bekannt“, ab Minute 18:50), wird die kleine Gruppe dann von einigen Polizisten zum Parkhaus an der Kölner Philharmonie eskortiert. Sie gehen zügig, aber rennen nicht. Das Video zeigt, dass am Weg viele Menschen stehen, die „Nazis raus“ rufen. Am Ende im Parkhaus sagt ein Mann „Mannomann, das ist ‘ne Hetzjagd“ und ein anderer Mann betont: „Ja genau, das war wirklich eine Hetzjagd auf Menschen“. 

Anhand des Videos ist zwar nachvollziehbar, dass die Situation für die Personen bedrohlich wirkte, aber dass sie im Wortsinn gejagt werden, ist darin nicht zu sehen. Die Polizei Köln hat außerdem „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen, teilte uns ein Sprecher per E-Mail mit.

Auch für einen körperlichen Angriff von 70 Personen auf drei ältere Frauen mit Schlägen gegen den Kopf oder in den Bauch, wie er von „Eltern gegen Gewalt“ auf Facebook beschrieben wird, konnten wir keine Belege finden. Die Behauptungen stammen wahrscheinlich aus dem Artikel einer Frau auf der Seite Pressecop24 mit der Überschrift „Die Schande von Köln: Hetzjagd auf drei Frauen“. Derselbe Text erschien unter anderem auch bei Philosophia Perennis. Darin behauptet die Autorin, dass sie und zwei weitere Frauen angeblich von 70 Personen daran gehindert wurden, zur Demonstration gegen den WDR zu gelangen. Sie seien verfolgt, beschimpft und bespuckt worden. Was an diesem Bericht der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht prüfen. Von Schlägen ist dort aber nicht die Rede. 

Polizei hat „keine Kenntnis“ von solchen Vorfällen

Wir haben die Polizei Köln am 6. Januar gefragt, ob ihr Vorfälle bekannt sind, wie sie in den zwei Facebook-Beiträgen beschrieben wurden. Wir haben ihr die beiden Beiträge vorgelegt. Am 10. Januar antwortete uns die Pressestelle, es habe bisher neun Anzeigen wegen Körperverletzungen gegeben. In seiner E-Mail geht der Sprecher der Polizei jedoch nur auf zwei Fälle näher ein, die bereits in der Pressemitteilung der Polizei vom 4. Januar berichtet wurden: Zum einen sei ein Mann festgenommen worden, weil er versucht habe, Menschen anzugreifen, die zur Kundgebung am Appellhofplatz wollten. Er habe ein Messer dabei gehabt, es aber nicht als Waffe eingesetzt. Außerdem habe es am Nachmittag eine „Tumultlage“ in der Trankgasse gegeben, mit zwölf Personen. Zwei seien durch Schläge leicht verletzt worden. Außerdem sei ein Messer sichergestellt worden, das aber nicht eingesetzt worden war. 

Die E-Mail des Sprechers der Polizei Köln. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine erneute Nachfrage, was mit den konkret auf Facebook geschilderten Fällen sei, antwortete der Polizeisprecher, von solchen Vorfällen habe die Polizei „keine Kenntnis“. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Menschen in Köln durch die Straßen gejagt wurden oder dass drei ältere Frauen von 70 Personen angegriffen und geschlagen wurden. Die Polizei hat „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen.