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In der Nacht vom 31. Dezember 2019 auf den 1. Januar 2020 kam es in Leipzig laut Polizei zu Ausschreitungen, bei denen auch Polizisten verletzt wurden. (Symbolfoto: Torsten Töller / Pixabay)

von Alice Echtermann

Auf Facebook behaupten Nutzer, ein Polizist, der bei Krawallen in der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz verletzt wurde, sei gestorben. Das ist eine Falschmeldung. 

Am 5. Januar veröffentlichte ein Facebook-Nutzer ein Bild mit Text, in dem behauptet wird, der Polizist, der in Leipzig von Linken attackiert worden sei, sei laut seiner Schwester gestorben. Das Bild wurde von mehreren Nutzern verbreitet; allein dieser Beitrag wurde mehr als 1.700 Mal geteilt. 

In den Kommentaren weisen andere Nutzer bereits darauf hin, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. Der Polizist ist nicht gestorben.

Einer der Facebook-Beiträge mit der Behauptung. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Sprecher der Polizei Leipzig, Uwe Voigt, bestätigt uns in einer E-Mail, die Meldung sei ein „Fake“. „Der Beamte konnte das Krankenhaus verlassen und befindet sich auf dem Weg der Besserung.“ Der 38-Jährige sei aber durch den Einsatz von Gewalt bewusstlos gewesen, habe stark geblutet und habe danach operiert werden müssen. 

Am frühen Morgen des 1. Januar 2020 hatte die Polizei Leipzig per Pressemitteilung bekannt gegeben, ein 38-jähriger Beamter sei bei den Einsätzen in der Silvesternacht schwer verletzt worden. Er habe das Bewusstsein verloren und sei im Krankenhaus angeblich notoperiert worden. 

Erste Polizeimeldung erweckte falschen Eindruck 

Einen Tag später wurde klar, dass damit ein falscher Eindruck erweckt wurde. In einer Pressemeldung des Landeskriminalamts vom 2. Januar ist von der Notoperation keine Rede mehr. Darin heißt es, der Beamte und seine Kollegen seien von 20 bis 30 teils vermummten Personen angegriffen worden. Ein Beamter sei dabei schwer verletzt worden. Er „musste zur Behandlung in das Universitätsklinikum Leipzig verbracht werden, wo er stationär aufgenommen wurde“.

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Daraufhin berichtete die Taz (2. Januar) unter Berufung auf Krankenhauskreise, es habe keine Not-OP, sondern einen Eingriff am Ohr des Beamten mit lokaler Betäubung gegeben. Ein Polizeisprecher, Andreas Loepki, bestätigte gegenüber dem Spiegel, dass der Mann am Ohr operiert wurde.

Uwe Voigt stellt in seiner E-Mail an CORRECTIV klar: „Eine Not-OP im engeren Sinne der ärztlichen Handlung gegen eine lebensgefährliche Verletzung lag nicht vor. Hier ist unsere Pressemeldung offenkundig nicht ganz eindeutig und es wäre besser gewesen, von einem dringlich erforderlichen Eingriff zu sprechen […].“ Allerdings sei die Verletzung nicht geringfügig gewesen. Die Versorgung sei sofort nötig gewesen, um bleibende Schäden zu vermeiden.

Die E-Mail des Polizeisprechers Uwe Voigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Faktenchecker von Mimikama haben den Facebook-Beitrag mit der Behauptung, der Polizist sei gestorben, bereits geprüft und als Falschinformation eingestuft. 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Polizist, der in der Silvesternacht in Leipzig verletzt wurde, ist nicht gestorben.

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Am 4. Januar 2020 kam es bei Demonstrationen und Gegendemonstrationen in Köln zu Auseinandersetzungen. (Symbolfoto: Michael Philipp / Pixabay)

von Alice Echtermann

Facebook-Nutzer behaupten, bei der Demonstration in Köln anlässlich des WDR-Satire-Liedes „Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“ sei es zu „Menschenjagden“ und Gewalt gegen ältere Frauen gekommen. Dafür gibt es keine Belege. 

Die Facebook-Seite „Eltern gegen Gewalt“ hat am 4. Januar einen Beitrag veröffentlicht, in dem behauptet wird, bei einer Demonstration in Köln seien „ältere Menschen, überwiegend Frauen, von linksradikalen Schlägertruppen der Antifa verprügelt und verletzt“ worden. Drei ältere Frauen seien von 70 Personen angegriffen worden, angeblich mit „heftigen“ Schlägen auf den Kopf, Rücken, in den Magen und ins Gesicht. Ein älterer Mann habe eine Platzwunde am Kopf erlitten – von ihm und seinem Kopfverband wird ein Foto gezeigt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 3.300 Mal geteilt. 

Eine andere Facebook-Seite namens „Befreiter Blick“ griff das Thema auf und behauptete in einem eigenen Beitrag am 4. Januar zudem, es sei in Köln zu „Menschenjagden“ gekommen. „Ein Mob von mehreren hundert Linksradikalen jagte alte Menschen und Kinder durch die Stadt“, steht auf einem Bild mit Text dazu. Dieser Beitrag wurde mehr als 2.000 Mal geteilt.   

Für die Behauptungen gibt es nach CORRECTIV-Recherchen keine Belege. 

Der Facebook-Beitrag von „Eltern gegen Gewalt“. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hintergrund: Kurz nach Weihnachten 2019 entbrannte eine Debatte um ein Video des WDR (privater Mitschnitt). Der WDR hatte das Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ satirisch abgeändert, so dass es darin unter anderem hieß „meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. Das führte laut Medienberichten (zum Beispiel WDR und Zeit Online) am 4. Januar 2020 zu Demonstrationen in Köln. Laut Polizei waren unter den Demonstranten gegen den WDR Personen aus dem „politisch rechten Spektrum“. Die Gegendemonstrationen seien von mehreren Aktionsbündnissen organisiert worden, darunter „Köln gegen rechts“. Einige WDR-Mitarbeiter erhielten laut WDR Morddrohungen. 

Medienberichte und Videos zeigen keine Jagdszenen

In zwei Berichten der Bild (hier und hier), die die Facebook-Seite „Befreier Blick“ als angebliche Quellen für eine „Menschenjagd“ verlinkt, ist nirgends die Rede von solchen Vorfällen. In einem Bild-Artikel ist ein Video eines Tumults zu sehen, bei dem Demonstranten „Nazi-Schweine“ rufen und die Polizei einen Mann zu Boden ringt – aber keine Jagdszenen. In einem ebenfalls von „Befreiter Blick“ verlinkten Beitrag des Blogs 1984 wird von „Menschenjagden“ geschrieben, aber ohne Belege; die Videos, die gezeigt werden, zeigen keine solchen Szenen. Eines der Videos wurde allerdings bereits von Youtube gelöscht, den Inhalt konnten wir daher nicht mehr einsehen.

Der Facebook-Beitrag von „Befreiter Blick“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir fanden bei der Recherche ein weiteres, langes Video auf der Seite Invidious, das mit „Hetzjagd durch Köln nach der Demo am 4.1.2020“ überschrieben ist. Der Nutzer, der es hochgeladen hat, heißt Kevin Gabbe – auf seinem (nicht verifizierten) Twitter-Profil bezeichnet er sich als „patriotischer Aktivist und Blogger“. Das Video zeigt den Weg einer kleinen Gruppe Demonstranten durch die Stadt. Etwa ab Minute 13:48 ist ein kurzes Gerangel mit Demonstranten in der Nähe des Kölner Doms zu sehen, man hört laute „Nazis raus“-Rufe. Man hört mutmaßlich eine Frau mit kurzen grauen Haaren zu einem Polizisten sagen „der hat mich geschlagen“, zu sehen ist die Szene aber nicht. 

Polizei eskortierte Gruppe bis zu einem Parkhaus

Die kleine Gruppe, zu der auch zwei Frauen gehören, sucht Schutz bei der Polizei. Einer der Polizisten rät, das Filmen einzustellen, um nicht zu provozieren. Die Person hinter der Kamera filmt aber weiter. Weil ein Mann darauf besteht („Die kennen mich, die lauern auf mich, ich bin recht bekannt“, ab Minute 18:50), wird die kleine Gruppe dann von einigen Polizisten zum Parkhaus an der Kölner Philharmonie eskortiert. Sie gehen zügig, aber rennen nicht. Das Video zeigt, dass am Weg viele Menschen stehen, die „Nazis raus“ rufen. Am Ende im Parkhaus sagt ein Mann „Mannomann, das ist ‘ne Hetzjagd“ und ein anderer Mann betont: „Ja genau, das war wirklich eine Hetzjagd auf Menschen“. 

Anhand des Videos ist zwar nachvollziehbar, dass die Situation für die Personen bedrohlich wirkte, aber dass sie im Wortsinn gejagt werden, ist darin nicht zu sehen. Die Polizei Köln hat außerdem „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen, teilte uns ein Sprecher per E-Mail mit.

Auch für einen körperlichen Angriff von 70 Personen auf drei ältere Frauen mit Schlägen gegen den Kopf oder in den Bauch, wie er von „Eltern gegen Gewalt“ auf Facebook beschrieben wird, konnten wir keine Belege finden. Die Behauptungen stammen wahrscheinlich aus dem Artikel einer Frau auf der Seite Pressecop24 mit der Überschrift „Die Schande von Köln: Hetzjagd auf drei Frauen“. Derselbe Text erschien unter anderem auch bei Philosophia Perennis. Darin behauptet die Autorin, dass sie und zwei weitere Frauen angeblich von 70 Personen daran gehindert wurden, zur Demonstration gegen den WDR zu gelangen. Sie seien verfolgt, beschimpft und bespuckt worden. Was an diesem Bericht der Wahrheit entspricht, lässt sich nicht prüfen. Von Schlägen ist dort aber nicht die Rede. 

Polizei hat „keine Kenntnis“ von solchen Vorfällen

Wir haben die Polizei Köln am 6. Januar gefragt, ob ihr Vorfälle bekannt sind, wie sie in den zwei Facebook-Beiträgen beschrieben wurden. Wir haben ihr die beiden Beiträge vorgelegt. Am 10. Januar antwortete uns die Pressestelle, es habe bisher neun Anzeigen wegen Körperverletzungen gegeben. In seiner E-Mail geht der Sprecher der Polizei jedoch nur auf zwei Fälle näher ein, die bereits in der Pressemitteilung der Polizei vom 4. Januar berichtet wurden: Zum einen sei ein Mann festgenommen worden, weil er versucht habe, Menschen anzugreifen, die zur Kundgebung am Appellhofplatz wollten. Er habe ein Messer dabei gehabt, es aber nicht als Waffe eingesetzt. Außerdem habe es am Nachmittag eine „Tumultlage“ in der Trankgasse gegeben, mit zwölf Personen. Zwei seien durch Schläge leicht verletzt worden. Außerdem sei ein Messer sichergestellt worden, das aber nicht eingesetzt worden war. 

Die E-Mail des Sprechers der Polizei Köln. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine erneute Nachfrage, was mit den konkret auf Facebook geschilderten Fällen sei, antwortete der Polizeisprecher, von solchen Vorfällen habe die Polizei „keine Kenntnis“. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Menschen in Köln durch die Straßen gejagt wurden oder dass drei ältere Frauen von 70 Personen angegriffen und geschlagen wurden. Die Polizei hat „keine Kenntnisse“ von solchen Vorfällen.

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Die Polizei NRW hat nicht dazu geraten, grundsätzlich keine Notwehr zu leisten. (Symbolbild: Tom und Nicki Löschner / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Artikel wird behauptet, die Polizei Bielefeld habe Menschen geraten, sich grundsätzlich nicht gegen Gewalt zu wehren. Das ist falsch. Die Aussage bezieht sich auf einen Ratschlag der Polizei 2017, in dem es ausschließlich um Raubüberfälle ging. 

Am 11. Dezember veröffentlichte die Webseite DDB-News einen Artikel mit dem Titel „Die Polizei rät, lasst euch von ihnen ausrauben, vergewaltigen und zusammenschlagen!“

Im Text steht, dies sei ein Ratschlag der Polizei anlässlich eines Raubüberfalls „in der vergangenen Woche in Bielefeld“ gewesen. Weiter unten im Text wird aber deutlich, dass der Vorfall bereits im August 2017 geschah. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.300 Mal auf Facebook geteilt. 

Eine kürzere Version des Artikels wurde außerdem am 15. Dezember von der Webseite Perikles.tv übernommen, mit derselben Überschrift. Dieser Text wurde laut Crowdtangle mehr als 400 Mal geteilt. 

Die Behauptung in den Überschriften sind falsch. 

Der Artikel von DDB-News vom 11. Dezember 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Darum geht es: Am 19. August 2017 gab es laut Polizei in Bielefeld eine Raubüberfall. Ein Mann sei nachts überfallen worden, mehrere Personen hätten versucht, ihm seine Regenjacke zu stehlen. Der Mann habe die Jacke nicht losgelassen, sich gewehrt und sei zusammengeschlagen worden.

Der Polizeibericht trägt die Überschrift „Gegenwehr steigert Aggressivität bei Räubern“ und darin steht der folgende Satz: „Die Polizei rät: Leisten Sie Widerstand nur dann, wenn Sie sich dem Täter gegenüber körperlich überlegen fühlen und eine reelle Erfolgsaussicht besteht. Ihnen könnten bei aktiver Gegenwehr durch massive Gewaltanwendung oder durch einen Sturz erhebliche Gesundheitsschäden drohen.“ 

Auszug aus der Polizeimeldung von August 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

DDB-News interpretiert dies in der Überschrift als Aufruf, sich grundsätzlich nicht gegen Gewalt zu wehren. Der Ratschlag bezieht sich aber nur auf einen ganz konkreten Fall: dass man ausgeraubt wird und ein Gegenstand gestohlen werden soll – in diesem Fall eine Jacke. Hier riet die Polizei tatsächlich dazu, den Tätern keinen Widerstand zu leisten, damit man nicht verletzt wird. Es geht nicht um das Zulassen einer Vergewaltigung. Die Überschrift von DDB-News ist also irreführend. 

Polizei stellte auf Facebook klar: Jeder hat das Recht auf Notwehr

Weshalb die Webseite den alten Fall wieder aufgegriffen hat, ist unklar. Der Text wurde wörtlich aus einem Artikel von Epoch Times von August 2017 übernommen. Er trug die Überschrift: „Bürger reagieren wütend auf Polizei-NRW-Tipps – ’Die Polizei rät, lasst euch von ihnen ausrauben, vergewaltigen und zusammenschlagen!’“. Epoch Times verlinkt auch auf den Facebook-Beitrag der Polizei Bielefeld vom 22. August 2017, der offenbar bei vielen Nutzern Empörung ausgelöst hat. 

Der Facebook-Beitrag der Polizei NRW Bielefeld. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf die wütenden Kommentare auf Facebook reagierte die Polizei jedoch schon damals und stellte klar, dass es lediglich um die Risiken von Gegenwehr bei Raubdelikten gehe. Man rate „eher den Verlust eines Wertgegenstandes in Kauf zu nehmen, als durch Gegenwehr auch noch gesundheitliche Schäden davon zu tragen. Niemand ist verpflichtet, dem Rat der Polizei zu folgen. Verteidigung im Sinne von Notwehr steht jedem Bürger zu.“

Kommentar der Polizei Bielefeld unter ihrem Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Polizei Bielefeld hat 2017 dazu geraten, sich nicht zu wehren, wenn man ausgeraubt wird, weil das Räuber aggressiv machen könne. Es ging nicht darum, grundsätzlich keine Notwehr zu leisten. 

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Dieses Foto wird im Netz samt Behauptungen über eine angebliche Kindesentführung geteilt. Die Polizei hat den Fall geprüft und festgestellt: Es gab keine versuchte Entführung. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Bei Facebook verbreitet ein Nutzer eine Warnung vor Kindesentführern. Sie hätten in Schochwitz in Sachsen Anhalt versucht, ein Kind in einen blauen Bus zu ziehen. Die Polizei hat den Fall geprüft: Es hat keine versuchte Entführung gegeben.

Es ist eine Warnung, die alle Eltern in Panik versetzen würde: Unbekannte versuchen Kinder zu entführen. Auf Facebook veröffentlichte ein Nutzer am 19. September einen Hinweis auf einen solchen angeblichen Fall in der Stadt Schochwitz in Sachsen-Anhalt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 14.700 Mal geteilt. 

Er schrieb: „Gestern Mittag wurde die (ca. 8jährige) Tochter einer Kollegin […] in Schochwitz fast entführt. Eine Frau mit blauem Turban und rotem Punkt auf der Stirn (ähnlich wie Inder?) griff nach ihr aus einem blauen Bus heraus, hielt sie fest und versuchte sie zu sich in den Bus zu ziehen.“ 

Einen Tag später ergänzte der Nutzer den Beitrag und drohte indirekt mit Selbstjustiz: „Bevor einer ankommt zwecks Quelle oder Lüge, ist die Bekannte von nem Kollegen (Arbeit). Kein Fake!!“. Weiter behauptete der Nutzer: „Die Täter sind ausgemacht, Polizei wird informiert und sollte nix weiter passieren dann (sag ich hier nicht)..“.

Wir haben die Behauptungen geprüft und mit der Polizei gesprochen. Das Ergebnis: Niemand hat versucht das Kind zu entführen. 

Der Facebook-Beitrag mit den falschen Behauptungen. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Polizei: Es war nicht so, wie im Facebook-Beitrag behauptet wird

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die Polizei Saalekreis per E-Mail: „Der geschilderte Sachverhalt wurde polizeilich gemeldet, hat sich jedoch so, wie in dem Beitrag auf ‘Facebook’ geschildert, nicht zugetragen. Dies konnte durch Befragungen der betreffenden Familie bestätigt werden.“ Der örtlichen Gemeinde Salzatal habe man in der betreffenden Woche schriftlich mitgeteilt, dass es zu den kursierenden Sorgen der Anwohner aus der Gemeinde keine Hinweise, Verdachtsmomente oder sonstige Anzeichen einer Straftat gebe.

Die Antwort der Polizei auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptungen im Facebook-Beitrag sind nach Informationen der Polizei also falsch. 

Wenn solche Gerüchte und Falschmeldungen verbreitet werden, bergen sie ein großes Risiko für die zu Unrecht beschuldigten Personen. Der Facebook-Nutzer veröffentlichte in seinem Beitrag das Kennzeichen des Fahrzeugs, das angeblich an der Tat beteiligt gewesen sei und sprach von „Tätern“, die ausgemacht seien. Außerdem droht er indirekt zwischen den Zeilen mit Selbstjustiz: „Sollte nix weiter passieren dann (sag ich hier nicht)…“. 

Weltweit Angriffe und Todesfälle durch falsche Gerüchte von Kindesentführungen

In anderen Ländern haben solche Falschmeldungen schon zum Tod von Unschuldigen geführt. In den USA wurde im November der Fahrer eines weißen Vans erschossen, nachdem auf Facebook Gerüchte über angebliche Entführer in weißen Bussen geteilt wurden. In Indien wurden zwei Männer im Jahr 2018 zu Tode geprügelt, nachdem sie mit ihrem Auto anhielten, um nach dem Weg zu fragen. Die Anwohner hatten zuvor über Whatsapp Gerüchte über Kindesentführer gelesen. In Paris griffen Menschen im März 2019 Siedlungen von Roma an, nachdem bei Facebook, Snapchat und Twitter Falschmeldungen über versuchte Kindesentführungen verbreitet worden waren. 

Solche Meldungen ähneln sich weltweit. Die Falschmeldungen stammen meist vom Hörensagen, also Bekannten oder Kollegen und sind keine offiziellen Warnungen der Polizei oder von Schulen. Meist geht es um große Fahrzeuge, also Busse, Kastenwagen oder Sprinter und als Entführer werden häufig Ausländer, ausländisch aussehende Personen oder nicht Ortsansässige beschuldigt. So auch im aktuellen Fall, in dem der Facebook-Nutzer die vermeintlichen Entführer als „Frau mit blauem Turban und rotem Punkt auf der Stirn (ähnlich wie Inder?)“ beschreibt. 

Auch in Deutschland Falschmeldungen zu Kindesentführungen

Für Panik bei Eltern sorgen auch in Deutschland immer wieder Falschmeldungen über versuchte Kindesentführungen. Seit 2012 wird in Deutschland zum Beispiel eine Warnung vor einem weißen Kastenwagen geteilt. Wir haben die Meldungen in einem Faktencheck geprüft. Einige basieren wohl auf einem Missverständnis im September 2011, wie die Augsburger Allgemeine Zeitung berichtete. Ein Großvater hatte auf der Suche nach seiner Enkelin am 19. September 2011 in Kempten eine Gruppe Schüler aus seinem blauen Wagen angesprochen. Die Polizei klärte den Vorfall auf. Im Netz verbreiteten sich jedoch weiter Gerüchte über Personen, die Kinder in Fahrzeuge locken würden, diesmal über einen weißen Lieferwagen. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Polizei hat den Fall geprüft und mit dem Kind und der Familie gesprochen. Es hat keine versuchte Entführung gegeben.

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In Neu-Anspach in Hessen wurde am 1. November ein Mann von mehreren Männern verletzt. (Foto: Symbolbild / lapping / pixabay)

von Cristina Helberg

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, eine „Syrer-Gang“ habe einen Mann in Neu-Anspach in Hessen verletzt. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann verletzt zu haben. Ein dritter möglicher Mittäter ist bisher unbekannt.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 2. November einen Artikel mit der Überschrift „Syrer-Gang schießt und sticht Mann in Neu-Anspach mit Messer krankenhausreif“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 400 Mal auf Facebook geteilt. 

Bis auf die Überschrift, den Teaser und die Zwischenüberschrift ist der Text fast exakt aus einer Pressemitteilung der Polizei Bad Homburg vom 1. November übernommen worden. Die Polizeimeldung ist auch verlinkt. Daraus geht hervor, dass ein Mann am 1. November am Bahnhof in Neu-Anspach in Hessen mit einem Messer schwer verletzt wurde. „Aus bislang ungeklärter Ursache“ hätten ihn mehrere Männer angegriffen. Ein Tatverdächtiger mit syrischer Staatsbürgerschaft sei festgenommen worden. 

Truth24 ändert Pressemitteilung der Polizei

An zwei Stellen hat Truth24 jedoch Änderungen an dem Text der Polizei vorgenommen. Aus „durch mehrere Männer angegriffen“ macht Truth24 „durch eine Männerhorde angegriffen“. Und aus „den weiteren Tatbeteiligten“ werden die „weiteren Tatbeteiligten, die der Gang des Syrers angehören“. 

Außerdem suggeriert die Überschrift von Truth24, die Tatverdächtigen hätten auf das Opfer geschossen. Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt die Polizei Bad Homburg per E-Mail: „Wie in der ersten Pressemeldung berichtet, wurde mit der Waffe nach bisherigen Erkenntnissen in die Luft geschossen.“ Womit geschossen wurde, sei unklar.

Am 5. November, also nachdem der Artikel auf Truth24 erschienen war, veröffentlichte die Polizei Bad Homburg gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft eine weitere Pressemitteilung zu dem Fall und berichtete von der Verhaftung eines zweiten Tatverdächtigen. „Der 22 Jahre alte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit steht im Verdacht, gemeinsam mit einem bereits am Freitagmorgen festgenommenen 23-Jährigen sowie einem weiteren, noch unbekannten Mann den 25-Jährigen am Bahnhof angegriffen und schwer verletzt zu haben“, steht in der Mitteilung. 

Die Nationalität der Tatverdächtigen war – bis auf den 23-jährigen Syrer – zum Zeitpunkt, als Truth24 den Artikel veröffentlichte, unbekannt. Für eine „Syrer-Gang“ gab es also keine Belege. Truth24 nahm zudem die neuen Informationen der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht nachträglich in den Artikel auf. 

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Teilweise falsch. Die Polizei berichtete nicht von einer „Gang“ oder „Horde“. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann mit einem Messer verletzt zu haben. Ein dritter mutmaßlicher Täter ist unbekannt.

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Die Polizei Magdeburg sucht nach einer sexuellen Belästigung am 2. Oktober nach einem Unbekannten (Symbolfoto: Techline / pixabay).

von Cristina Helberg

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, ein „Armutsasylant“ habe in Magdeburg eine Frau vergewaltigen wollen. Richtig ist: Die Polizei sucht nach einem unbekannten Mann, der eine Frau sexuell belästigt haben soll und der vom Opfer mit „südländischer Phänotypus“ beschrieben wurde. Die Zuschreibung eines Asylstatus ist spekulativ und von Truth24 frei erfunden.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 2. Oktober einen Artikel mit der Überschrift: „Ins Gebüsch gezogen: Armutsasylant will Frau in Magdeburg vergewaltigen“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 1.200 Mal geteilt, unter anderem von der NPD Magdeburg. Weiter steht im Text: „Der Sozialmigrant attackierte eine junge Frau am frühen Morgen, die Polizei nennt es aber nur verniedlichend ‘sexuelle Belästigung’.“ 

Auf diesen Absatz folgt eine im Wortlaut kopierte Pressemitteilung der Polizei vom 2. Oktober, zu einer sexuellen Belästigung im Bereich der Listemannstraße in Magdeburg. Ein Unbekannter habe eine Frau in ein Gebüsch gezogen und sie sexuell belästigt. Ihr sei jedoch die Flucht gelungen. Dann folgt eine grobe Beschreibung des Täters: „160 – 165 cm groß, ca. 30 Jahre alt, zierliche, dünne Gestalt, südländischer Phänotypus, war bekleidet mit einer schwarzen Mütze mit einem Weihnachtsmuster; einem schwarzen Kapuzenpullover sowie einer schwarzen Jacke; einer graubraunen Hose und schwarzen Turnschuhen.“ 

Auf Nachfrage von CORRECTIV stellte die Polizei Magdeburg am 6. November per E-Mail klar: „Derzeitig wurde noch kein Tatverdächtiger ermittelt“. Zu der Beschreibung von Truth24 schreibt die Polizei: „Laut den Angaben der Geschädigten handelt es sich bei dem Täter um eine Person mit südländischem Phänotypus. Da der Täter noch unbekannt ist, kann auch nichts zu seinem sozialen Stand gesagt werden. Des Weiteren würde die Polizei solche Begriffe wie ‘Armutsasylant’ oder ‘Sozialmigrant’ nicht verwenden.“ 

Antwort der Polizei Magdeburg auf eine Presseanfrage von CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV).

In der Meldung von Truth24 wird der Polizei auch vorgeworfen, den Vorfall durch die Beschreibung „sexuelle Belästigung“ zu „verniedlichen“. Dazu schreibt die Polizei Magdeburg auf Nachfrage: „Die Betitelung einer Polizeimeldung richtet sich nach der Tathandlung, für welche wiederum im Strafgesetzbuch eine bestimmte Begrifflichkeit festgelegt wurde.“

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Identität des gesuchten Mannes ist unbekannt.

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George Soros bei der Verleihung des Schumpeter-Preis am 21. Juni 2019 in Wien. (Foto: Georg Hochmuth/APA/AFP)

von Cristina Helberg

Eine Webseite behauptet, Russland habe einen internationalen Haftbefehl „für Rothschild und Soros“ herausgegeben. Beide würden von Interpol gesucht. Für die Behauptungen gibt es keine Hinweise oder Belege.

Die Webseite DDB Netzwerk veröffentlichte am 4. Januar 2018 einen Artikel mit der Überschrift: „Russland gibt internationalen Haftbefehl für Rothschild und Soros heraus“. Der Beitrag wurde laut Facebook bisher mehr als 5.580 Mal geteilt. Im Oktober 2019 verbreiteten verschiedene Facebook-Gruppen den Link wieder, zum Beispiel hier und hier

Weiter behauptet die Seite DDB Netzwerk: „Sowohl der IWF (Internationaler Währungsfonds) als auch die Europäische Union haben eine ‘Rote Nachricht’ von Interpol herausgegeben, nicht nur gegen die sofortige Festnahme von Soros, sondern auch gegen Bush, Clinton und Marc Rich und seine Firma in der Schweiz.“ Marc Rich war ein weltweit bekannter Rohstoffhändler und Gründer von Glencore. Er starb allerdings bereits im Juni 2013.

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Der Beitrag selbst nennt außer dem Verweis auf eine angebliche „Rote Nachricht“ von Interpol keine Belege für die Behauptungen. 

Eine sogenannte Red Notice dient laut Interpol der „Suche nach dem Aufenthaltsort und der Verhaftung von gesuchten Personen, die zur Strafverfolgung oder zur Verbüßung einer Strafe gesucht werden“. Diese Fahndungen sind laut Interpol nur teilweise öffentlich einsehbar. „Die Mehrheit der Red Notices ist nur für die Polizei bestimmt und kann daher nicht eingesehen werden. Interpol nimmt nur unter besonderen Umständen und mit Zustimmung des betreffenden Mitgliedsstaates Stellung zu bestimmten Fällen oder Personen“, schreibt Interpol auf seiner Webseite. 

Information zu Red Notices auf der Webseite von Interpol (Screenshot: CORRECTIV)

Die öffentlich einsehbaren Red Notices von Interpol haben wir am 29. Oktober durchsucht und keinen Treffer für die Namen „Soros“, „Rothschild“, „Clinton“ und „Rich“ gefunden. Die Suche nach dem Namen „Bush“ ergibt drei Treffer, weil die Silbe „bush“ in den Namen von drei gesuchten Russen vorkommt.

Die Suchergebnisse am 29. Oktober für den Namen „Soros“ in der öffentlichen Red Notice Datenbank von Interpol. (Screenshot der Interpol Webseite: CORRECTIV)
Die Suchergebnisse am 29. Oktober für den Namen „Bush“ in der öffentlichen Red Notice Datenbank von Interpol. (Screenshot der Interpol Webseite: CORRECTIV)

Eine Presseanfrage von CORRECTIV zu den Behauptungen von DDB Netzwerk beantwortete Interpol nicht. 

Behauptung zu Haftbefehl gegen Soros kursierte schon 2016 

Die Nachricht von einem angeblichen von Russland initiierten internationalen Haftbefehl für George Soros wird im Netz spätestens seit November 2016 verbreitet, darüber berichteten damals die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes und stuften die Berichte als Falschmeldungen ein. Im Rahmen ihrer Recherche überprüften sie ebenfalls die öffentliche Red Notice Liste von Interpol, Soros stand demnach nicht auf dieser Liste.

Dagegen, dass George Soros aktuell auf der Liste von Interpol steht, sprechen auch seine unbehelligten Reisen. So nahm er beispielsweise am 21. Juni 2019 in Wien den Schumpeter-Preis entgegen. 

[Transparenzhinweis: CORRECTIV hat in den Jahren 2016, 2017 und 2018 Geld von der von George Soros gegründeten Open Society Foundation erhalten. Alle Zuwendungen über 1.000 Euro legt CORRECTIV offen]

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass „Soros“, „Rothschild“, „Clinton“, „Rich“ oder „Bush“ per Red Notice von Interpol gesucht werden. Im Gegenteil, verschiedene Tatsachen sprechen dagegen. Marc Rich starb außerdem bereits 2013.

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Das LKA in Niedersachsen verzeichnet im laufenden Jahr 2019 Fälle „im unteren dreistelligen Bereich“, bei denen Täter eine offizielle Funktion oder andere Befugnisse vortäuschen, um in Wohnungen von Opfern zu gelangen. (Symbolbild: fsHH / Pixabay)

von Till Eckert

In Niedersachsen wird derzeit ein alter Kettenbrief geteilt, der vor Verbrechern warnt. Sie sollen vortäuschen, Rauchmelder zu prüfen, um in Wohnungen zu gelangen. Laut LKA gibt es diese Fälle tatsächlich, auch aktuell.

Ein Facebook-Nutzer, der laut seinem Profil offenbar im Raum Lüneburg in Niedersachsen wohnt, veröffentlichte am 18. Oktober einen Beitrag, in dem vor Verbrecherbanden gewarnt wird: Kriminelle würden sich „von Haus zu Haus vorarbeiten“ und prüfen wollen, ob die gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmelder vorhanden seien. 

Der Beitrag wurde bisher mehr als 1.100 Mal geteilt. Wir haben beim Landeskriminalamt (LKA) in Niedersachsen nachgefragt.

Dieser Beitrag wurde von einem Nutzer im Raum Lüneburg in Niedersachsen veröffentlicht. Das LKA bestätigt die Darstellung. (Screenshot: CORRECTIV)

LKA: Ja, solche Fälle gibt es in Niedersachsen

Auf CORRECTIV-Nachfrage bestätigte eine Sprecherin die Darstellung per E-Mail: „Das von Ihnen beschriebene Phänomen ist dem LKA Niedersachsen bekannt. Bis dato wurden im laufenden Jahr Fälle im unteren dreistelligen Bereich registriert, bei denen Täterinnen und Täter eher eine offizielle Funktion oder sonst eine Befugnis zum Betreten der Wohnung vortäuschten –  beispielsweise als Handwerker von den Elektrizitäts-, Gas- oder Wasserwerken –, um in die Wohnung ihrer Opfer zu gelangen. Vereinzelt wurden dabei auch Rauchmelder-Prüfungen im Namen der Feuerwehr vorgeschoben.“

Die Antwort-E-Mail des LKA Niedersachsen. (Screenshot: CORRECTIV) 

Auf telefonische Nachfrage bestätigt das LKA gegenüber CORRECTIV, dass aktuell durchaus gewarnt werden könne und solche Fälle auch aktuell beobachtet würden. Die Sprecherin rät Betroffenen, in solchen Fällen „grundsätzlich aufmerksam“ zu sein und im Zweifel die örtliche Polizeidienststelle zu kontaktieren.  

Gilt nicht für jedes Bundesland – im Zweifel bei örtlicher Polizei nachfragen

Laut eines Artikels der österreichischen Faktenchecker von Mimikama kursiert die Meldung im selben Wortlaut schon seit 2016 in Sozialen Netzwerken und Messengern wie Whatsapp. Damals wurde sie im Ostalbkreis in Baden-Württemberg geteilt, die Polizeidirektion Aalen widersprach aber in einer Pressemitteilung, schrieb zu diesem Zeitpunkt von einer „Falschmeldung“. 

Im CORRECTIV.Faktencheck-Team sehen wir häufiger falsche Meldungen, die seit Jahren auf Sozialen Netzwerken kursieren und immer wieder aufgewärmt werden, zum Beispiel zu angeblichen Kindesentführungen oder angeblich als Brausepulver getarntem Crystal Meth an Schulen.

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Im Fall der Warnung vor falschen Rauchmelder-Überprüfungen handelt es sich ebenfalls um einen Kettenbrief, der schon seit Jahren kursiert – in diesem Fall trifft er zu. CORRECTIV kann das aktuell aber lediglich in Niedersachsen verifizieren. Das Bundeskriminalamt, das für bundesweite Ermittlungen zuständig ist, schrieb auf Anfrage per E-Mail, dass dazu „keine Erkenntnisse“ vorlägen. 

Wird die Meldung also in anderen Bundesländern geteilt, muss sie gesondert überprüft werden. Bei Zweifeln darüber, ob Kriminelle aktuell auch in anderen Orten so vorgehen, sollte bei der örtlichen Polizei nachgefragt werden.

Unsere Bewertung:
Richtig. In Niedersachsen versuchen Kriminelle durch angebliche Rauchmelder-Prüfungen Zugang zur Wohnung zu erhalten.

Brausepulver (1)
Laut dem Bundeskriminalamt handelt es sich bei dieser auf Facebook verbreiteten Warnung „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Eine Facebook-Nutzerin veröffentlichte am 17. Februar 2016 ein Foto eines ausgedruckten Warnhinweises. Darauf steht „Achtung, schützt unsere Schüler“, samt dem Hinweis, es gebe eine neue Droge auf dem Markt: „Cristal Meth“ [sic!] mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, das aussehe wie „Brausepulver“. Weiter steht auf dem Zettel: „Diese Droge macht nach der ersten Einnahme sofort abhängig und kann tödlich sein.“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 66.800 Mal auf Facebook geteilt. In den letzten Tagen teilten Nutzer den Beitrag wieder vermehrt. Wir haben die Behauptungen geprüft.

Der Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)
In den letzten Tagen teilen Nutzer wieder den Facebook-Beitrag von 2016. (Screenshot und Schwärzung am 21. Oktober 2019: CORRECTIV)

Dem Bundeskriminalamt zufolge ist der Beitrag „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ ein Fake 

Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt das Bundeskriminalamt zu der Warnung per E-Mail: „Die angeführte Warnmeldung ist hier bereits mehrfach bekannt geworden (identische Abbildung) und war Gegenstand polizeilicher Anfragen von diversen Landespolizeibehörden (auf Grund Mitteilung besorgter Eltern etc.).“ Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts habe es aber keine Sicherstellungen von brauseartigem Crystal Meth mit verschiedenen Geschmacksrichtungen in der entsprechenden Verpackungsart gegeben. 

„Bei der Warnmeldung dürfte es sich daher mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um ein Fake handeln, eine behördliche oder gar polizeiliche Warnmeldung in dieser Art und Form hat es gem. BKA nicht gegeben“, heißt es weiter in der E-Mail an CORRECTIV. 

Auszug aus der E-Mail-Antwort des Bundeskriminalamtes auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundeskriminalamt habe seit mehreren Jahren mit der vermeintlichen Drogenwarnung zu tun. Höhepunkt der Verbreitung sei das Jahr 2016 gewesen. Das passt auch zu dem Datum des Facebook-Beitrags. Ihren Ursprung hätten solche Meldungen vermutlich in den USA, wo ähnliche Versionen seit 2006 aufgetaucht seien, erklärt die Behörde in ihrer E-Mail weiter 

Medien berichteten landesweit über gefälschten Warnhinweis 

Zahlreiche deutsche Medien haben in den vergangenen Jahren über die Falschmeldung berichtet. Unter anderem 2015 die Rheinische Post und im Jahr 2016 die Neue Westfälische, das Hamburger Abendblatt, die Mitteldeutsche Zeitung und die Thüringische Landeszeitung.  

Das Bundeskriminalamt weist in der E-Mail grundsätzlich darauf hin, dass „Neue Psychoaktive Stoffe (NPS/bekannt auch als sog. ‘Legal Highs’) tatsächlich in ähnlichen Tütchen wie für Brausepulver verkauft werden.“ Diese Stoffe würden ähnlich wie Crystal Meth synthetisch hergestellt und im Internet offiziell als Badezusatz oder Badesalze angeboten. Der Gebrauch könne zu Kreislaufversagen, Ohnmacht, Psychosen, Wahnvorstellungen bis hin zu drohendem Nierenversagen führen, auch Todesfälle seien in diesem Kontext beim BKA bekannt.

„Eine weitere Gefahr liegt in der Verharmlosung der meist bunt und flippig präsentierten Produkte, die von Händlern als angeblich legal angepriesen werden. […] Der Umgang mit solchen Produkten ist jedoch nach dem Betäubungsmittelgesetz strafbar, sofern sie Betäubungsmittel enthalten“, schreibt das BKA auf seiner Webseite.

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Unsere Bewertung:
Falsch. Dem Bundeskriminalamt ist kein Fall bekannt, der zu diesem Warnhinweis passt. Allerdings warnt das BKA vor „Legal Highs“, die in ähnlichen Tütchen zum Beispiel als Badesalz verkauft würden und zum Tod führen könnten.

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Mit Aufnahmen von einer Überwachungskamera sucht die Polizei Berlin einen mutmaßlichen Sexualstraftäter. (Quelle: Polizei Berlin / Collage und Schwärzung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, die Polizei habe ein halbes Jahr eine Vergewaltigung durch einen muslimischen Asylbewerber vertuscht. Das ist falsch. Über den Täter ist nichts bekannt – und gesucht wird er wegen sexueller Nötigung. Die Polizei begründet, weshalb sie mit dem Fall spät an die Öffentlichkeit ging. 

Die Polizei Berlin fahndet seit dem 17. September nach einem Mann, der am 24. Februar eine Frau in einem Hausflur angegriffen und sexuell genötigt haben soll. Die Webseite Truth24 behauptet in einem Artikel vom 18. September, die Polizei habe die Tat ein halbes Jahr lang „vertuscht“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Text enthält falsche und unbelegte Behauptungen. 

Der Beitrag der Facebook-Seite von Truth24, „Wahrheitspresse“. (Screenshot am 18. Oktober und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Fahndung ist noch aktuell. Der Grund, weshalb sie erst Monate nach dem mutmaßlichen Vorfall veröffentlicht wurde, ist laut Polizeisprecher Martin Halweg, dass eine Öffentlichkeitsfahndung mit Fotos oder Videos „das letzte Mittel“ sei. Dafür brauche die Polizei einen richterlichen Beschluss, sagt er uns am Telefon. Sie werde erst eingesetzt, wenn die anderen Ermittlungen nicht zum Erfolg führten. In einem Artikel der WAZ wird erklärt, dass es so explizit in der Strafprozessordnung steht.

Zu dem Fall sei zudem im Februar keine Polizeimeldung geschrieben worden, weil dies bei Sexualdelikten nicht üblich sei. Es gehe dabei um den Schutz der Betroffenen, die durch öffentliche Berichterstattung nicht noch einmal traumatisiert werden sollten, erklärt Halweg.

Keine Belege, dass der Täter Ausländer oder Muslim ist 

Dass der Mann die Frau „brutal vergewaltigt“ habe, wie im Truth24-Artikel steht, ist unbelegt. Laut dem Fahndungsaufruf wird der Mann wegen sexueller Nötigung gesucht – für eine schwerere Straftat gebe es bisher keine Hinweise, sagt Halweg. 

Truth24 behauptet zudem, die Polizei suche nach einem „tatverdächtigen Armutsasylanten“ und der Gesuchte sei Muslim. Die einzige Grundlage dafür ist offenbar ein von Truth24 interpretiertes „arabisch-orientalisches Aussehen“ des Mannes. Es gibt keine Belege für die Behauptungen. 

Die Identität des Mannes ist unbekannt, also auch seine Religion, Nationalität oder sein Aufenthaltsstatus. Die Öffentlichkeitsfahndung enthält nichts außer Aufnahmen einer Überwachungskamera in einem U-Bahnhof und einer groben Beschreibung des Tatverdächtigen. Auch der Polizei liege über die Täterbeschreibung hinaus nichts über diese Person vor, so Halweg. 

Personenbeschreibung der Polizei in der Öffentlichkeitsfahndung (Screenshot am 18. Oktober: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Identität des gesuchten Mannes ist unbekannt und es wird ihm keine Vergewaltigung vorgeworfen, sondern sexuelle Nötigung. Es gibt keine Hinweise, dass die Polizei die Tat vertuscht hat. 

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Auf der Kirmes in Marburg kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der ein Jugendlicher schwer verletzt wurde. (Symbolfoto: Michael Gaida / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem gewaltsamen Zwischenfall auf der Kirmes in Marburg verbreitet die Seite Truth24 falsche Spekulationen zur Nationalität der Tatverdächtigen. Richtig ist: Ein 16-Jähriger schoss mit einer Schreckschusspistole auf eine Gruppe und wurde daraufhin mit einem Messer verletzt. 

„Kirmes Marburg: Asylantenhorden beschießen sich – Bub (16) Kehle aufgeschlitzt“ – so lautet die Überschrift eines Artikels von Truth24, den die Seite am 12. Oktober veröffentlichte. Darin wird behauptet: „Mehrere afrikanische und arabische Armutsflüchtlinge rotteten sich auf der Marburger Stadtkirmes zusammen, terroriesierten [sic!] die Besucher, schossen um sich und schnitten einem Buben die Kehle durch. Der liegt nun schwer verletzt in der Klinik.“ Auch für den Facebook-Beitrag der Seite „Wahrheitspresse“ von Truth24 wurde dieser Text als Beschreibung eingefügt. 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle auf Facebook insgesamt mehr als 4.100 Mal geteilt – allein der Beitrag bei „Wahrheitspresse“ rund 2.000 Mal. Der Text bezieht sich auf eine Polizeimeldung vom 11. Oktober, enthält aber falsche Behauptungen. 

Der Facebook-Beitrag vom 13. Oktober. (Screenshot am 17. Oktober: CORRECTIV)

Die Polizei berichtete, auf der Kirmes in Marburg seien am Freitag, 11. Oktober, Schüsse aus einer Gaspistole abgefeuert worden. Es habe eine Auseinandersetzung zwischen „zwei Gruppen von Flüchtlingen“ gegeben. Ein Beteiligter habe eine „offensichtliche Schnitt- oder Stichverletzung“ erlitten und sei ins Krankenhaus gebracht worden. Die Verletzung sei „nach jetzigem Wissen nicht lebensgefährlich“. Die Lage sei noch unübersichtlich, zwei mutmaßliche Beteiligte sowie zwei Zeugen seien von der Polizei mitgenommen wurden. Die Ermittlungen dauerten an.

All dies steht zwar auch im Artikel von Truth24, die Tatsache, dass es sich um eine Schreckschusswaffe handelte, wird jedoch erst weit unten im Text erwähnt – und die Überschrift suggeriert, es sei eine echte Waffe gewesen. 

Die Berichte der Polizei lieferten am 11. und 12. Oktober außerdem keine Hinweise, dass es sich um afrikanische oder arabische Flüchtlinge handele. Dies ist also eine Spekulation von Truth24. Zudem wird in dem Truth24-Text durch den Satz „Deutsche werden immer wieder Mordopfer“ suggeriert, das Opfer sei Deutscher. 

Sprecher der Staatsanwaltschaft: Beteiligte sind Pakistaner

Richtig ist: Sowohl der 16-jährige Verletzte als auch zwei der mutmaßlichen Tatverdächtigen sind Pakistaner und Asylbewerber, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft Marburg, Timo Ide, gegenüber CORRECTIV am Telefon. 

Auch die Darstellung des Vorfalls im Truth24-Artikel weicht von den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft ab. Demnach haben sich nicht zwei Gruppen von Flüchtlingen „zusammengerottet und Besucher terrorisiert“. Sondern der 16-Jährige schoss mit einer Schreckschusswaffe auf eine Gruppe von drei oder vier Personen. Diese stürzten sich daraufhin auf ihn. In dem „Gerangel“ habe der 16-Jährige eine große Schnittverletzung quer über den Hals erlitten, erklärt Ide. Bisher seien zwei Mitglieder der Gruppe identifiziert. 

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Der Verletzte sei inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen, und die beiden anderen Männer auf freiem Fuß, so Ide weiter. Es hätten keine Belege vorgelegen, dass sie den 16-Jährigen mit einem Messer verletzt hatten. Die Ermittlungen dauerten noch an. 

Zu dem Zeitpunkt, als der Artikel von Truth24 veröffentlicht wurde, waren viele dieser Informationen noch nicht bekannt. Der Artikel ist aber bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks nicht korrigiert worden.  

Artikel verbreitet unbelegte Behauptungen zur Statistik von Messerattacken

Unbelegt ist zudem die in dem Artikel aufgestellte Behauptung, Messerattacken würden „statistisch – in Relation zum Bevölkerungsanteil – am häufigsten durch Moslems und Afrikaner begangen“. Eine bundesweite Statistik zu Messerattacken gibt es bisher nicht. Zudem wird die Religionszugehörigkeit von Tatverdächtigen in der Polizeilichen Kriminalstatistik nicht erfasst. 

Lediglich einige Bundesländer erfassen bereits Angriffe mit Messern. Sie liefern unterschiedliche Ergebnisse und lassen keine Rückschlüsse auf ganz Deutschland zu. So hat Baden-Württemberg in seinem Sicherheitsbericht (Seite 39) vermerkt, dass 2018 bei Gewaltkriminalität mit Messern 59,9 Prozent der Tatverdächtigen Ausländer waren. Im Saarland dagegen hat ein Lagebild zu „Messervorfällen“ ergeben, dass bei 1.490 Fällen vom 1. Januar 2016 bis 30. April 2018 die Mehrheit der Tatverdächtigen Deutsche waren: 842 Personen oder 56,5 Prozent.

Diese Statistiken liefern also keinen Beleg für die Behauptung in dem Truth24-Artikel.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift und der erste Absatz des Textes geben den Sachverhalt verzerrt wieder und nennen falsche Nationalitäten der Tatverdächtigen. Die Behauptung zur Statistik von Messerangriffen ist unbelegt.

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Die Polizei ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts in Stralsund gegen zwei Tatverdächtige. (Symbolbild: pixabay / CReichstein)

von Cristina Helberg

Mit einer Öffentlichkeitsfahndung suchte die Polizei einen Tatverdächtigen einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. Der Mann stellte sich am 12. Oktober der Polizei, die daraufhin die Fahndung beendete. Der Aufruf wird im Netz trotzdem weiter verbreitet.

Am 11. Oktober veröffentlichte die Polizei eine Pressemitteilung zu einer mutmaßlichen Sexualstraftat in Stralsund. „Die Beamten der Kriminalpolizeiinspektion Anklam ermitteln derzeit wegen eines mutmaßlichen Sexualdelikts zum Nachteil eines minderjährigen Mädchens in Stralsund gegen zwei syrische Tatverdächtige (32 und 16 Jahre alt)“, stand in der Mitteilung. Während der 16-jährige Tatverdächtige bereits dem Haftrichter vorgeführt werde, suche man noch nach dem 32-jährigen zweiten Tatverdächtigen. 

Einen Tag später meldete die Polizei dann, der 32-Jährige habe sich der Polizei gestellt. In der Pressemitteilung schrieb sie, wie in solchen Fällen üblich: „Die Medienvertreter werden gebeten, das Fahndungsfoto des Tatverdächtigen sowie dessen Namen aus ihren Online-Veröffentlichungen zu löschen.“

Im Netz ist der Fahndungsaufruf jedoch weiter zu finden. Auf der Webseite Polizei-News ist weiterhin ein am 11. Oktober veröffentlichter Artikel online, dessen Überschrift suggeriert, der Tatverdächtige sei noch nicht gefasst. Auch die Initialen seines Namens werden weiterhin abgekürzt genannt. Erst am Ende des Textes steht: „Update: Minderjährige mutmasslich [sic] missbraucht –  Tatverdächtiger (Syrer, 32) stellt sich“ samt eines Links auf einen neuen Artikel, in dem es um den Fahndungsrückruf der Polizei geht. In der URL des Artikels ist außerdem weiterhin der vollständige Name des Tatverdächtigen zu lesen.

Ein Artikel der Webseite Polizei-News suggeriert durch die Überschrift, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Das ist falsch. Erst ein Update unter dem Text stellt klar, dass der Tatverdächtige sich gestellt hat. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 3.200 Mal bei Facebook geteilt. 

Zuletzt teilte den Link am 14. Oktober die Facebook-Seite „Southern German Defence League“. Die Artikelvorschau zeigt das unverpixelte Bild des Tatverdächtigen und nennt den vollen Namen, obwohl die Fahndung zu diesem Zeitpunkt schon seit zwei Tagen offiziell von der Polizei beendet war. 

Facebook-Beitrag der Seite „Southern German Defence League“ vom 14. Oktober 2019. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Durch eine nicht aktualisierte Überschrift wird fälschlicherweise der Eindruck erweckt, der Tatverdächtige werde noch gesucht. Er hat sich aber am 12. Oktober der Polizei gestellt.

Polizisten beim Oktoberfest im Jahr 2017 (Symbolbild: Günter Schiffmann / AFP)

Die Seite Truth24 bezeichnet einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff in München als Gruppenvergewaltigung, obwohl dazu keine Hinweise vorliegen. Zudem stellt der Artikel falsche Behauptungen zur Statistik bei Vergewaltigungen auf. 

Die Webseite Truth24 behauptete am 2. Oktober: „Gruppenvergewaltigung nach Wiesn: Afrikanermob versucht US-Madel zu schänden“. Der Artikel wurde laut Daten von Facebook mehr als 1.700 Mal geteilt.  

Im Text wird aus einer Meldung der Polizei München vom 2. Oktober zitiert. Darin heißt es, am 29. September sei eine 30-jährige Amerikanerin nach dem Besuch des Oktoberfestes in München Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Die Schilderung der Tat stammt von einem Zeugen, der die Polizei verständigte – das Opfer selbst habe später angegeben, sich an nichts erinnern zu können. Die Frau sei offenbar betrunken gewesen und von drei Männern hinter eine Hecke gedrängt worden. Die Tatverdächtigen seien wegen der „unklaren Sachlage“ am Folgetag entlassen worden, die Amerikanerin sei bereits wieder nach Hause geflogen. 

Auf Nachfrage teilte die zuständige Staatsanwaltschaft München uns mit, es gebe in diesem Fall „keine Hinweise für eine erfolgte oder versuchte Vergewaltigung oder Gruppenvergewaltigung“. Auch der Zeuge habe eine solche nicht beobachtet. Die Tatverdächtigen seien nicht in Haft. „Die betroffene US-Amerikanerin konnte sich schon vor Ort nicht an den Vorfall erinnern, wollte sich nicht medizinisch untersuchen lassen und ist wieder in die USA zurückgekehrt.“

Die E-Mail der Pressesprecherin der Münchener Staatsanwaltschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt also keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung oder versuchte Gruppenvergewaltigung. 

Kriminalstatistik liefert keine Grundlage für Behauptungen

Zudem behauptet der Truth24-Artikel: „Überfalls [sic!] und Gruppenvergewaltigung werden hauptsächlich durch „Moslems und Afrikaner“ begangen, das ist statistisch belegt. Deutsche sind nur selten Täter.“ 

Diese statistischen Belege gibt es nicht. 

Die Religionszugehörigkeit wird bei Tatverdächtigen nicht erfasst, nur die Nationalität. Zu Gruppenvergewaltigungen gibt es eine Studie des Bundeskriminalamtes, die 2019 veröffentlicht wurde. Als Grundlage dienen die Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017. Diese weist 380 Fälle von Gruppenvergewaltigungen aus, davon waren 63 versuchte Fälle. Insgesamt seien 467 Tatverdächtige ermittelt worden. Manche Tatverdächtige waren an mehreren Taten beteiligt und wurden nur einmal gezählt. 54,8 Prozent seien keine deutschen Staatsbürger. 

Die Aussage, Deutschen begingen solche Taten „selten“ ist also falsch – sie stellen etwas weniger als die Hälfte aller Tatverdächtigen. 

Das BKA schreibt allerdings in seiner Studie, Ausländer seien gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung bei Gruppenvergewaltigungen überrepräsentiert. Das könne verschiedene Gründe haben: „So ist der Anteil der Jugendlichen und Heranwachsenden an den in Deutschland lebenden Ausländerinnen und Ausländern höher als in der deutschen Bevölkerung. Das gleiche gilt für den Anteil derer, die prekären wirtschaftlichen Bedingungen ausgesetzt sind. Beides führt herkunftsunabhängig zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, straffällig zu werden […]“.  

Nein, Gruppenvergewaltigungen werden nicht „hauptsächlich durch Moslems und Afrikaner“ begangen

Über die genaue Nationalität gibt die Tatverdächtigen-Tabelle der Polizeilichen Kriminalstatistik 2017 (Excel-Tabelle 62) Aufschluss. Demnach waren unter den 467 Tatverdächtigen bei den Straftaten „Vergewaltigung überfallartig durch Gruppen“ (Schlüssel 111200) und „Vergewaltigung durch Gruppen“ (Schlüssel 111300) folgende Nationalitäten am häufigsten vertreten, das heißt mit mehr als fünf Personen:

  • Deutsche: 211 Personen
  • Afghanistan: 33 Personen
  • Türkei: 22 Personen
  • Eritrea: 18 Personen
  • Syrien: 18 Personen
  • Polen: 12 Personen
  • Kosovo: 12 Personen
  • Iran: 12 Personen
  • Sudan: 11 Personen
  • Rumänien: 10 Personen
  • Bulgarien: 8 Personen
  • Libanon: 7 Personen
  • Marokko: 7 Personen
  • Irak: 6 Personen
  • Russland: 6 Personen

Hier zeigt sich, dass auch die Aussage, es seien hauptsächlich Afrikaner, die Gruppenvergewaltigungen begehen, falsch ist. 

Truth24 schreibt außerdem von „Überfalls-Vergewaltigungen“. Diese Kategorie gibt es in der PKS nicht, allerdings gibt es „überfallartige Vergewaltigungen“ durch Einzeltäter (Schlüssel 111100). Hier weist die Statistik für 2017 587 Tatverdächtige aus – davon waren 322 Deutsche, also rund 54,9 Prozent. 

Neuere Zahlen gibt es nicht. Seit 2018 werden Gruppenvergewaltigungen nicht mehr gesondert erfasst, weil die Schlüssel nach der Änderung des Sexualstrafrechts angepasst wurden, schreibt uns eine Sprecherin des BKA auf Nachfrage per E-Mail. 

Die E-Mail der Sprecherin des Bundeskriminalamtes. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keinen Beleg für eine Gruppenvergewaltigung. Die Behauptung, dass hauptsächlich Muslime und Afrikaner solche Straftaten begehen, ist zudem statistisch falsch.