Wirtschaft und Umwelt

Keine Belege dafür, dass Windräder Zehntausende Vögel im Jahr „schreddern“

Ein Facebook-Beitrag behauptet, pro Jahr würden Zehntausende Vögel und Hunderttausende Fledermäuse durch Windräder getötet. Er wird tausendfach geteilt – obwohl es keine Belege für die Aussage gibt.

von Till Eckert

Windräder Collage
Dieses Bild mit unbelegten Behauptungen über tote Vögel durch Windräder wird tausendfach geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)
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Unbelegt. Die Zahlen im Beitrag sind nicht belegt; eine abschließende Beurteilung zum Ausmaß des Schadens für Vögel oder Fledermäuse durch Windenergie ist derzeit nicht möglich.

Das Foto eines offensichtlich toten Mäusebussards verbreitet sich derzeit rasant auf Facebook. Laut des Beitrags „schreddern Windräder“ pro Jahr “12.000 Mäusebussarde, 1.500 Rotmilane und circa 240.000 Fledermäuse“. Im Beitragstext steht: „Fakten von denen Grüne nichts wissen wollen.“ Rotmilane und Mäusebussarde sind zwei der am weitesten verbreiteten Greifvögel in Europa und Deutschland.

Der Facebook-Beitrag mit dem toten Mäusebussard. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Beitrag wurde bisher mehr als 6.000 Mal geteilt. Doch handelt es sich bei den Behauptungen wirklich um „Fakten“? Einige Nutzer zeigen sich in den Kommentaren skeptisch, fragen nach einer Quelle, kritisieren den Beitrag als „einseitige Darstellung“ oder schreiben „glatt gelogen“ darunter.

CORRECTIV hat die Behauptung geprüft.

Die Zahlen sind „nicht belegt“

Eine Sprecherin des Umweltbundesamts teilt auf CORRECTIV-Anfrage per Mail mit, dass die Zahlen bezüglich Rotmilanen und Mäusebussarden „sehr hoch erscheinen“ und „nicht belegt sind“. Sie verweist auf die zentrale Schlagopferkartei der Ländergemeinschaft der Vogelschutzwarten. Hier werden seit 2002 gemeldete Schlagopfer, also durch Windräder getötete Vögel, erfasst. Demnach wurden von 2002 bis zum 7. Januar 2019 (aktuellster Stand der Kartei), 562 Mäusebussarde und 458 Rotmilane als Schlagopfer gemeldet. Das entspricht einem jährlichen Schnitt von 35 Mäusebussarden und 29 Rotmilanen. Insgesamt wurden bisher 3.907 tote Vögel gemeldet, darunter auch Schwäne, Gänse und Möwen.

Sowohl die Vogelschutzwarten als auch das Umweltbundesamt weisen darauf hin, dass die Dunkelziffer der verunglückten Vögel durch Windenergie deutlich höher sein dürfte; „[…] jedoch kaum in der Dimension, welche sich im Vergleich dieser Zahlen zu denen im Post ergibt“, wie die Sprecherin des Umweltbundesamts schreibt.

Studienlage nicht aussagekräftig genug, um diese Zahlen beurteilen zu können

„Die Zahlen in dem von Ihnen verlinkten FB-Post werden kontrovers diskutiert und sind schwierig abschließend zu beurteilen“, schreibt Milan Fanck vom Verein Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) auf CORRECTIV-Anfrage nach einer Einordnung per Mail. „Es gibt wenige Studien, die die tatsächliche Zahl der Schlagopfer an Windenergieanlagen abschätzen, keine davon ist wirklich empirisch, alle haben methodische Probleme.“

Es handele sich bei der derzeitigen Studienlage oft um einfache Hochrechnungen, was mehrere Faktoren außer Acht lasse. Die betroffenen Vogelarten kämen etwa nicht homogen über ganz Deutschland vor, sondern hätten sehr spezifische Lebensraumansprüche. Es ist laut Franck außerdem weder sicher, dass in allen Fällen die Windräder die Todesursache waren, noch dass alle getöteten Tiere wirklich gefunden würden. Denn die Körper könnten etwa von Füchsen oder Katzen geholt werden.

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Zu den Schlagopferzahlen von Fledermäusen liegen dem Umweltbundesamt nach eigener Aussage keine Informationen vor. „Die Zahl 220.000 Fledermäuse (240.00 ist nirgends zu finden) ist beispielsweise eine simple Hochrechnung aus dem Jahr 2012 (PDF), als Standortwahl, Höhe der Rotorblätter und Abschaltung zu sensiblen Zeiten aus Artenschutzgründen noch nicht umgesetzt wurden“, schreibt Fanck vom BUND. „Eine oft zitierte Studie ist die Progress-Studie, aus der in abgeänderter Form auch die Zahlen in dem FB-Post stammen könnten. Auch diese Studie ist in begrenztem Umfang empirisch und beruht weiterhin auf einer Hochrechnung der ermittelten Zahlen.“

Auch das Bundesamt für Naturschutz hält die Aussagekraft der von Franck erwähnten Studie für gering. Es kritisierte etwa die Modellierung der Schlagopfer während einer Veranstaltung im Jahr 2016 (PDF, Seite 24), die Ergebnisse seien wenig belastbar.

Position des Bundesamts für Naturschutz auf einer Diskussionsveranstaltung 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Ähnlich beurteilt das auch das Bundesumweltministerium auf seiner Webseite. Solche Modellrechnungen seien „immer mit Unsicherheiten verbunden“.

Das Umweltbundesministerium zu den Ergebnissen aus der Progress-Studie. (Screenshot: CORRECTIV)

Es werden Möglichkeiten zur Verringerung des Kollisionsrisikos erarbeitet

Konsens unter Experten ist: Windenergie hat einen Einfluss auf die Tierpopulation und kann für Vögel zu einem Risiko werden. Wie groß dieses ist, ist allerdings nicht abschließend geklärt.

Das Bundesamt für Naturschutz und die Vogelschutzwarten erarbeiten in diesem Zusammenhang verschiedene Richtlinien und Empfehlungen, zum Beispiel, welchen Abstand Windräder voneinander haben sollten.