Wirtschaft und Umwelt

Elektroauto mit „Salzwasser“-Antrieb? So einfach ist es nicht

In einem Blog wird behauptet, es gebe ein extrem leistungsstarkes Elektroauto, das mit Salzwasser angetrieben werde und in der EU zugelassen sei. Das Modell war jedoch nur ein Prototyp – und die Aussage zu seinem Antrieb ist stark vereinfacht.

von Alice Echtermann

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Dieses Bild mit Text wird im Netz geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)
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Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Bei dem Auto handelte es sich um einen Prototypen, dessen Antrieb mit speziellen Elektrolytlösungen funktionieren sollte. Nachweise über die Leistung und Umweltfreundlichkeit des Fahrzeugs gibt es bisher nicht. 

Der schweizerische Blog „Claudio Graf“ bebildert einen Artikel vom 27. Januar 2019 mit einem silbernen Sportwagen. Darauf steht: „Dieses Auto wird mit Salzwasser angetrieben. 920 PS, schafft 350 km/h und hat EU-Zulassung.“ Der Artikel trägt die Überschrift „Salzwasser als Treibstoff…ist Realität“. Er wurde auf Facebook bisher mehr als 37.300 Mal geteilt. 

Im Text geht es um ein Elektroauto der Firma Nanoflowcell, das auf dem 84. Genfer Autosalon vorgestellt worden sei. Das war 2014. „Claudio Graf“ schreibt, das Auto sei „die Alternative, die schon lange publik gemacht sein sollte“. Es könne den „ganze(n) Elite-Scheiss von Windräder, E-Mobiles (mit dreckigem und zu wenig Strom) Solar-Energie, CO₂-Lüge, Klima-Lüge, Missbrauch von jungen Menschen (Schüler und Kinder, wie die Greta Thunberg), endlich beenden.“ Als Quellen werden die Firma Nanoflowcell, die das Auto entwickelte, und ein Artikel des Focus von Mitte 2018 genannt. Darin heißt es, Investoren hätten 25.500 Elektroautos von Nanoflowcell bestellt, für 3,1 Milliarden Euro. In dem Focus-Artikel wird auch erwähnt, dass es bisher keine Belege für die Angaben der Firma gebe. 

Viele verschiedene Quellen

Der weitere Text von „Claudio Graf“ findet sich wortgleich auf diversen Internetseiten, zum Beispiel einer namens Der Storyteller. Die früheste Version, die wir finden konnten, stammt von August 2018 und wurde auf der Webseite Unser Planet veröffentlicht. 


Unsere Recherche zeigt: Vor einigen Jahren existierte tatsächlich ein Prototyp der Schweizer Firma Nanoflowcell namens Quant-E, auf den die von „Claudio Graf“ genannten Angaben zu PS und Spitzengeschwindigkeit passen. Allerdings lässt sich abgesehen von offiziellen Aussagen des Unternehmens nicht prüfen, ob das Auto wirklich diese Leistung bringen konnte. Zudem ist die Aussage, es werde mit „Salzwasser“ betrieben, stark vereinfacht und somit irreführend. 

Ein Bild des Sport-Elektroautos Quant-E in einem etwa drei Jahre alten Artikel auf der Webseite der Nanoflowcell AG. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Quant-E wurde 2014 vorgestellt

Es gibt zahlreiche Medienberichte über das Elektroauto mit dem angeblichen Salzwasser-Antrieb. Nanoflowcell bezeichnet sich selbst nicht als Hersteller von Elektrofahrzeugen, sondern als „Forschungs- und Entwicklungs-Partner der Industrie um umweltgerechte und zukunftsfähige Energieträger sowie innovative Antriebstechnologien“.  

Ein Bericht der Welt von 2014 und Pressemitteilungen der Firma Nanoflowcell stützen die Behauptungen aus dem Artikel von „Claudio Graf“ (925 PS, 350 km/h). Die Welt sprach in ihrem Artikel von einem „Salzwasser-Elektroauto“, das beim Genfer Automobilsalon vorgestellt worden sei. Zudem heißt es darin, das Auto habe die Abnahme durch den TÜV erhalten und sei somit für den Straßenverkehr zugelassen. Auch das deckt sich mit einer Pressemitteilung von Nanoflowcell. Die Firma schrieb 2014, der TÜV Saar habe dem Forschungsfahrzeug die Fahrerlaubnis für Deutschland und Europa erteilt. 

Den Prototypen gibt es nicht mehr

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV bestätigt ein Sprecher von Nanoflowcell, Ralf Kaiser, dass die bei „Claudio Graf“ angegebenen Leistungsdaten für den Quant-E korrekt seien. Allerdings werde das Fahrzeug bereits seit mehreren Jahren nicht mehr getestet. „Der QUANT-E ist ein Hochvolt-Elektrofahrzeug mit Flusszellenantrieb, das 2014 debütierte und über 920 PS sowie einer Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h verfügte“, so Kaiser per E-Mail. „Seit 2017 sind wir bei allen unseren Testfahrzeugen auf den nanoFlowcell 48Volt Niedervolt E-Antrieb umgestiegen.“ Von „Hochspannung“ ist per Definition die Rede, wenn mehr als 30 Volt Wechselspannung oder mehr als 60 Volt Gleichspannung vorhanden sind. 

Die Nachfolgemodelle des Quant-E heißen Quantino-48-Volt und Quant-48-Volt. Sie haben laut Nanoflowcell wesentlich weniger Leistung. Es handelt sich auch dabei nur um Testfahrzeuge, die man bisher nirgends kaufen kann.

Werden die Autos mit Salzwasser angetrieben?

Die Aussage, das Elektroauto habe einen Antrieb, der mit Salzwasser funktioniere, sei „zu kurz gegriffen“, erklärt Kaiser weiter. Die Fahrzeuge haben laut Nanoflowcell einen sogenannten Flusszellenantrieb. 

Eine Flusszellenbatterie ist laut Fraunhofer-Institut für chemische Technologie ein elektrochemischer Energiespeicher mit einem flüssigen Speichermedium. Sie wird auch Redox-Flow-Batterie genannt. Diese Akkus seien sehr effizient und „deutlich langlebiger“ als herkömmliche Batterien. In einer Broschüre wird erklärt, wie das System funktioniert: Die Elektroden der Plus- und Minuspole sind jeweils von Flüssigkeit umgeben, der Elektrolytlösung. Eine ist positiv, die andere negativ geladen. Dazwischen gibt es eine spezielle Membran. Die Elektrolyte können durch eine externe Stromquelle geladen werden; so wird der Akku aufgeladen. 

„Die Idee einer Redox-Flow-Batterie ist die einer unsterblichen Batterie“, erklärt Peter Fischer vom Fraunhofer-Institut auf Anfrage von CORRECTIV telefonisch. Da die Flüssigkeiten in separaten Tanks gespeichert würden, findet laut der Broschüre im Stillstand „praktisch keine Selbstentladung statt“. Weltweit würden solche Flüssigzellen bereits als Großspeicher für Strom aus Solar- und Windenergie genutzt. 

Schematische Darstellung eines Redox-Flow-Systems. (Quelle: Fraunhofer ICT)

Aber es handelt sich bei der Flüssigkeit nicht um Salzwasser, stellt Nanoflowcell-Sprecher Ralf Kaiser auf unsere Anfrage klar. Die Elektrolytlösung namens „bi-ION“ bestehe aus einer Trägerflüssigkeit aus Wasser und darin gelösten „anorganischen und organischen Salzen“. Der eigentliche Ladungsträger sei ein spezielles, im Labor entwickeltes Molekül. Auf seiner Webseite gibt das Unternehmen an, die Elektrolytlösung sei von der Energiedichte her „gleichauf“ mit Lithium-Ionen-Batterien. 

Bisher nur Leistungsversprechen von Nanoflowcell

Die Aussagen in dem Text von „Claudio Graf“, aber auch die Darstellung zum Beispiel in dem Artikel der Welt („Salzwasser-Auto“) vereinfachen also die tatsächliche Technologie sehr stark. Was zudem aus dem Artikel von „Claudio Graf“ nicht deutlich wird, ist, dass von dem Elektroauto bisher nur Prototypen existieren und dass das Sportmodell Quant-E seit zwei Jahren nicht mehr getestet wird. 

Für die Leistung der Fahrzeuge und Behauptungen zur Umweltfreundlichkeit („keine schädlichen Emissionen, umweltfreundlich und nachhaltig im Betrieb, weder brennbar noch explosiv, zudem gesundheitlich unbedenklich, sicher in der Handhabung und umweltgerecht recycelbar“) gibt es bisher keine Beweise abgesehen von den Aussagen von Nanoflowcell. Journalisten von Auto-Motor-Sport und der BBC durften 2016 das Quantino-Modell zwar zur Probe fahren. Die Reichweite von angeblich insgesamt 1.401 Kilometern wurde damit aber nicht nachgewiesen. Zudem heißt es in dem Artikel von Auto-Motor-Sport, man habe den „Tankvorgang“ mit der Elektrolytlösung nicht sehen können. 

Firma macht Geheimnis aus dem Antrieb

Peter Fischer, der seit 2011 beim Fraunhofer-Institut für chemische Technologie an Redox-Flow-Batterien forscht, ist skeptisch, was die Versprechen von Nanoflowcell angeht. Flüssige Energieträger seien wegen der geringen Energiedichte problematisch, erklärt er uns am Telefon. Eine hohe Spannung mit wässrigen Lösungen zu erzeugen sei sehr schwierig. Es gebe Grenzen bei der Löslichkeit von Stoffen. Bei so vielen Hindernissen müsste Nanoflowcell „etwas sehr Geniales gemacht haben“, sagt Fischer. Es sei problematisch, dass die Firma seit Jahren ein großes Geheimnis daraus mache, wie genau ihr Antrieb funktioniere. 

Möglich sei, dass es sich um eine Art Brennstoffzelle statt einer echten Redox-Flow-Batterie handele, so Fischer. Eine Brennstoffzelle würde die Flüssigkeit, mit der sie funktioniert, verbrauchen. Das deckt sich mit einem Zitat von Nanoflowcell-Chef Nuncio la Vecchia gegenüber Auto-Motor-Sport: „Im Gegensatz zur normalen Redox-Technologie tauschen wir das Elektrolyt nicht aus, sondern es wird während der Fahrt verbraucht. Nach einer Filterung der Salze wird es fein zerstäubt als Wasser auf die Straße gesprüht.“

Die Firma Nanoflowcell wurde 2013 gegründet. Seit der Vorstellung des Flusszellenantriebs beim Genfer Automobilsalon 2014 sind fünf Jahre vergangen. Laut Nanoflowcell-Sprecher Kaiser wird es zudem noch bis zu weiteren fünf Jahren dauern, bis es zur „großserientechnischen Herstellung“ der Elektrolytlösungen kommt.  

Hinweis (14. August 2019): Ein Redakteur von Focus Online hat uns in einer Mail gebeten, darauf hinzuweisen, dass man in der weiteren Berichterstattung über Nanoflowcell Mitte 2018 auch Zweifel an der Plausibilität der Aussagen der Firma geäußert habe. 

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