Arndt Olias war Opfer eines Verkehrsunfalls und kämpft nun seit mehr als vier Jahren gegen die ERGO-Versicherung. Vor Gericht sind seine Gegner die Rechtsanwälte von Bach Langheid Dallmayr, der größten Kanzlei für Versicherungsrecht in Deutschland.

Diese Recherche erscheint in Kooperation mit dem RTL Nachtjournal. Den RTL-Beitrag findet Ihr am Ende des Textes. 

Als Arndt Olias am frühen Nachmittag des 22. Juli 2011 von einer Tankstelle auf eine Straße einbiegen will, muss er plötzlich bremsen. Da kracht ihm von hinten ein Auto in seinen BMW. An die nächsten Minuten erinnert sich Olias nicht, erst außerhalb seines Autos kommt er wieder zu sich.

Olias ist damals Versicherungsvertreter für die Ergo, der Mann im auffahrenden Auto zufällig sein Kunde, der, so heißt es jedenfalls später im Urteil, die Schuld an dem Unfall trägt.

Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma bei Olias. Vier Tage liegt er in der Klinik, danach wird er krankgeschrieben. Doch die Beschwerden gehen nicht weg. OIias wird erneut krankgeschrieben, er leidet unter Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen. Bis heute kann er nicht wieder arbeiten, seit dem Unfalltag ist er nun krankgeschrieben.

Die Ergo zahlt ihm als Versicherung des Unfallgegners 750 Euro Schmerzensgeld. Mehr nicht. Olias reicht Klage gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber ein.

Die Versicherung als Gegner

Daraufhin engagiert die Ergo-Versicherung die Kölner Kanzlei Bach Langheid Dallmayr, den Branchenführer im Versicherungsrecht. Rund zwei Drittel der deutschen Versicherungskonzerne lassen sich von BLD vertreten. 120 hoch spezialisierte Anwälte, die sich wohl besser als die meisten ihrer Kollegen in den Verästelungen des Versicherungsrechts und des Verkehrsrechts auskennen.

In den Schriftsätzen bestreitet BLD, dass Olias durch den Unfall eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma gehabt habe. Das sei „allenfalls eine Verdachtsdiagnosen“. Letztlich seien „allenfalls Vorerkrankungen des Klägers für dessen behauptete Beeinträchtigungen verantwortlich“. Dabei bestätigt ein Sachverständiger die Befunde vor Gericht.

Olias steht neben seinem Auto. Foto: Ivo Mayr

Olias steht neben seinem Auto, das er seit dem Unfall nur ungern benutzt. Foto: Ivo Mayr

Der Berliner Anwalt Joachim Laux, dessen Kanzlei jedes Jahr 300 Geschädigte vertritt, kennt das. Er sagt, unvorbereitete Anwälte könnten das Gefühl bekommen, in einen „Shitstorm“ geraten zu sein. BLD stelle schon mal „alles in Frage“, wovon man vorher dachte, das sei kein Problem. Nach dem Motto: „Unfall? Da war doch gar kein Unfall“, sagt Laux. „Die fangen ganz von vorne an.“ Und dann liegt es an den Versicherten und ihren Anwälten, Beweise zu liefern.

BLD hat die Medienanwälte der Kanzlei Höcker beauftragt, zu unserer Recherche Stellung zu nehmen. Sie weisen den Vorwurf von Laux zurück. Allerdings gebe es auch Fälle, „in denen Unfälle nur vorgetäuscht werden“, schreiben die Anwälte in der 25-seitigen Stellungnahme. Wenn ein Verdacht vorliege, so der Text weiter, „verlangen wir natürlich, dass der Versicherungsnehmer den Unfall nachweist“.

Zum Fall Olias gegen ERGO will sich BLD mit Verweis auf die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht nicht äußern.

Langes Verfahren

Für viele Kläger hängt ihre Existenz am Ausgang des Verfahrens. Sie haben einen Schaden erlitten, ihr Leben ist nicht mehr wie es war, es steht sehr viel auf dem Spiel. Und diese Verfahren seien oft ein „langwieriger, kräftezehrender Prozess“, sagt Stefanie Jeske. Sie hat den Verein „Subvenio – Hilfe für Unfallopfer“ gegründet und kennt viele Beispiele. Die Versicherungskonzerne würden es den Versicherungsnehmern so schwer wie möglich machen, sagt Jeske, „indem sie zum Beispiel alles Erdenkliche bestreiten und den Geschädigten so für alle Details in die Beweislast zwingen.“

Auch Olias’ Verfahren zieht sich hin, über Jahre. Er wird unterdessen immer kränker. Sein Hals ist steif, das Auftreten tut weh. Olias kann nicht arbeiten. Das Gehalt seiner Frau reicht auch nicht, um das Verfahren gegen Ergo zu bezahlen. Einen Anwalt kann sich Olias nur leisten, weil er eine Rechtsschutzversicherung hat. Wer die nicht hat, verzichtet oft auf die juristische Auseinandersetzung, sagt Anwalt Laux.

Und dann, sagt Laux, schreibe BLD Klageerwiderungen, die manchmal 30 Seiten lang sind, mit 50 Verweisen auf Urteile und Aufsätze. Unvorbereitete Anwälte hätten gar keine Zeit, alles nachzulesen und zu überprüfen. Auch das sei Taktik, sagt Laux. Sie seien „einfach professioneller“ als viele Anwälte, die Geschädigte vertreten.

BLD lässt dazu über ihren Medienanwalt Ralf Höcker mitteilen: „Wir sind eine führende Kanzlei im Versicherungsrecht, aber es gibt auch zahlreiche hervorragende Verbraucheranwälte. Wer deren Arbeit kleinredet, hat wirklich keine Ahnung.“

Pointiert vor Gericht

BLD „kämpft mit harten Bandagen“, sagt Alexander Schäfer, Anwalt in Frankfurt. Er vertritt vor allem Mandanten, die gegen Versicherungen klagen. Bei jedem Zweiten seiner Fälle stehe er BLD gegenüber. Das „forsche Vorgehen“ der BLD-Anwälte, sagt Schäfer, hinterlasse bei seinen Mandanten Spuren.

BLD-Gründer Theo Langheid beschreibt das Kanzlei-Verhalten vor Gericht so: „Unser Credo ist: ‘faires Verfahren’. Wir sind keine Scharfmacher. Wobei man im Prozess schon auch mal intensiver vortragen muss. Das wird auch verlangt, von den Richtern: Dass man pointiert die Dinge beim Namen nennt“.

Arndt Olias wohnt mit seiner Frau in einem Reihenhaus in Recklinghausen. Auf dem Sofa hat er Bücher über seine Krankheit gestapelt, daneben liegen Bilder von seinen MRT-Untersuchungen. Die Briefe von BLD und all die medizinischen Gutachten füllen fünf Aktenordner.

Ein Mann hält ein Modell einer Halswirbelsäule in seiner Hand.

Olias zeigt seine Verletzung an einem Modell. Foto: Ivo Mayr

Olias erzählt stundenlang über seinen Fall, berichtet über Diagnosen und Auswirkungen. Er holt kleine Modelle von Wirbeln aus einem Plastiktütchen und zeigt, wie es in seinem Hals aussieht. „So sind die Wirbel normal gestellt, dazwischen ist ein Band. Bei mir ist das gerissen, und der Halswirbel ist um sieben Millimeter verschoben“. Er kann den Kopf nicht problemlos drehen.

Eskalation vor Gericht

Am letzten Verhandlungstag im Verfahren Olias gegen Ergo kommt es zum Eklat. Der BLD-Anwalt wirft Olias vor, faul zu sein – und keine Lust auf Arbeit zu haben. Da hält es seine Ehefrau nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie springt auf, läuft zum Tisch des BLD-Juristen und stellt ihn lautstark zur Rede. „Haben Sie noch alle?“, herrscht sie ihn an. Er könne ja mal bei ihnen zu Hause vorbeikommen und schauen, wie dreckig es ihrem Mann gehe. Der Richter schreitet ein: Sie solle sich beruhigen und sich sofort hinsetzen.

„So habe ich meine Frau noch nie gesehen“, sagt Arndt Olias heute.

Die Medienanwälte von BLD bestreiten, dass der BLD-Anwalt diese Aussagen vor Gericht gemacht hat.

„Wir waren nie faul“, sagt Daniela Fiebig, Olias’ Frau. Dass ihr Mann seine Behinderung simuliere? Was für ein Unsinn! „Dann hätte er mit mir den größten Ärger. Er kann ja gar nichts mehr machen.“ Die zweijährige Enkelin nicht hochheben, nur Dinge auf Augenhöhe aus dem Schrank holen. „Ich arbeite den ganzen Tag, dann komme ich nach Hause und muss hier alles in Ordnung bringen“, sagt Fiebig. „Und wenn dann noch ein Brief von den Anwälten kommt – manchmal kann man dann nicht mehr.“

„Ich bin nicht mehr der Alte“, sagt Arndt Olias. Dass manche von ihm denken, er simuliere nur, wolle sich Geld erschleichen, das mache ihn fertig. Er sei darüber depressiv geworden.

Viele Menschen trauen sich oft erst gar nicht vor Gericht, berichten Anwälte und Professoren. „Ein Versicherter oder ein Verkehrsopfer stehen häufig mutterseelenallein einem großen Versicherungskonzern gegenüber“, sagt Hans-Peter Schwintowski, der Rechtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Uni lehrt. „Allein diese Tatsache schreckt sehr viele Betroffene von der gerichtlichen Durchsetzung ihrer Ansprüche ab.“

Berufung

Im Herbst 2016 gibt es endlich ein Urteil. Das Landgericht Essen entscheidet: Ergo, die Versicherung des Schuldigen, muss Olias Schadenersatz in Höhe von 14.000 Euro zahlen, plus Verdienstausfall. BLD legt Berufung ein. Das Verfahren geht in die zweite Instanz. BLD bestreitet, dass der Unfall zu den Verletzungen von Olias geführt hat. BLD bestreitet, dass Olias nie wieder arbeiten kann.

Nun geht es wieder von vorne los.

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