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Tania Röttger

Leiterin CORRECTIV.Faktencheck

Tania befasst sich seit ihrem Berufseinstieg mit Fakten. Für die Request Initiative half sie NGOs in London dabei, sich mithilfe von Auskunftsrechten Informationen zu beschaffen. Zurück in Deutschland stellte sie eine Urteilsdatenbank zum Presserecht für Netzwerk Recherche und CORRECTIV zusammen. Sie ist Co-Autorin eines Ratgebers zu Auskunftsrechten und gibt Workshops zu diesem Thema. Von Januar 2016 bis Dezember 2017 volontierte sie bei CORRECTIV. 

E-Mail: tania.roettger(at)correctiv.org
Twitter: @tanroet

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Fluorid ist ein Spurenelement und kommt in Trinkwasser und Salz vor. Aber auch in Zahnpasta. (Symbolbild von Bruno Glätsch auf Pixabay)

von Tania Röttger

Mehrere ähnlich lautende Artikel verbreiten sich auf Facebook, sie behaupten: Fluorid – das oft Zahnpasta und Salz zugesetzt wird – sei offiziell als Neurotoxin klassifiziert worden, als Nervengift also. Die Artikel und Facebook-Beiträge sind allerdings nicht korrekt.

Die Behauptung über Fluorid taucht immer wieder auf. Im April 2018 auf der Webseite Bewusst Vegan Froh: „Fluorid nun offiziell als Neurotoxin im weltführenden Medizinjournal klassifiziert“ (10.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Mai 2018 erschien derselbe Text auf der Webseite Connectiv Events mit dem Titel: „Weltführende Medizinjournale: Fluorid offiziell als Neurotoxin klassifiziert“ (4.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Juni 2019 ein Beitrag der Facebook-Seite „Freiheit der Gedanken“ (mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt). Als Beleg dient immer eine angebliche Studie, die Fluorid angeblich als Neurotoxin klassifiziert habe.

Wir haben die Behauptungen überprüft – sie stimmen nicht.

Immer wieder tauchen dieselben Behauptungen über Fluorid auf, hier ein Beitrag von Juni. (Screenshot: CORRECTIV)

Was ist das für eine „Studie“?

Die Artikel beziehen sich auf die wissenschaftliche Arbeit „Neurobehavioural effects of developmental toxicity“ (übersetzt: Neurologische Verhaltensstörungen der Entwicklungstoxizität), veröffentlicht in dem Journal The Lancet Neurology im Februar 2014. Autoren sind Philippe Grandjean und Philip Landrigan. Grandjean ist außerordentlicher Professor (englisch: adjunct professor) für Umweltgesundheit der Harvard Universität und Leiter der Forschungseinheit Umweltmedizin an der Universität Süd-Denemark. Landrigan unter anderem Dekan an der Mount Sinai Medical Scool und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms am Boston College.

Die erwähnte Arbeit ist keine Studie, sondern eine sogenannte Review: Ein Artikel, der andere  ausgewählte Studien und Metastudien zusammenfasst. 

Grandjean und Landrigan schreiben selbst nichts von „klassifizieren“, sondern von „dokumentieren“: „Seit 2006 haben epidemiologische Studien sechs weitere entwicklungsbezogene Nervengifte [englisch: neurotoxicants] dokumentiert – […darunter] Fluorid…“

Eine von zwei Stellen in der Review, in der Fluorid direkt mit einer Einschätzung als Nervengift genannt wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

In der Studie geht es um fluoridiertes Trinkwasser, nicht um Zahnpasta, wie das Bild des Facebook-Beitrags suggeriert und wie die Texte von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh wortgleich behaupten: „Die Hauptursache… besteht in der Fluoridierung des Leitungswassers… Die zweite Quelle ist die Zahnpasta.“ Doch das Wort Zahnpasta taucht in der Arbeit von Grandjean und Landrigan nirgends auf. 

Tatsächlich kommt Fluorid natürlich in Grundwasser vor, in einigen Ländern wird oder wurde es dem Trinkwasser aber auch beigegeben, zum Beispiel in Teilen der USA, Spaniens oder Großbritanniens. Grund ist in der Regel die Vorbeugung gegen Karies. 

Eine weitere Behauptung von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh ist, „dass fluoridiertes Trinkwasser mit diversen Krebsarten in Verbindung zu bringen ist“. Dafür liefern die Webseiten keine Belege und verweisen auch nicht auf Studien. Zudem kommt Krebs im Zusammenhang mit Fluorid ebenfalls nicht bei Grandjean und Landrigan vor.

Bundesamt für Risikostoffe: Studien über Auswirkungen von Fluorid sind mangelhaft

Es gibt Studien über die mögliche Auswirkung von Fluorid in Trinkwasser. Dabei geht es aber etwa um Schwangere und den IQ ihrer Babys, nicht um Krebs. 

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), das sich unter anderem mit gesundheitsgefährdenden Stoffen auseinandersetzt, erwähnte in ihrer Antwort auf unsere Anfrage mehrere Studien.

Da ist eine Metastudie aus dem Jahr 2012, Anna Choi, und andere Forscher haben sich dafür verschiedene Studien angesehen, vor allem welche aus China. Choi war zu dem Zeitpunkt Wissenschaftlerin an der Fakultät für das Gesundheitswesen der Universität Harvard. Auch Grandjean und Landigran verweisen auf diese Arbeit. Die beiden schreiben, die Metastudie habe gezeigt, dass bei Kindern, die mit erhöhten Fluorid-Konzentrationen im Trinkwasser aufwachsen, der IQ im Schnitt um sieben Punkte niedriger sei.

An dieser Stelle in der Review geht es um eine Metastudie, die eine negative Wirkung von hohen Fluorid-Konzentrationen auf den IQ von Kindern festgestellt habe. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das BfR bewertet die Studien aber als schlecht: „Gemeinsam ist all diesen Studien, dass ihre Qualität schlecht ist“. 

Auszug der E-Mail vom Bundesamt für Risikobewertung. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Studie aus Neuseeland von 2015 sei im Gegensatz dazu kein Einfluss von Fluorid, das die Mutter über Trinkwasser aufnahm, auf den Säugling erkennbar gewesen, schreibt das BfR weiter. Und in einer Studie aus Kanada von 2019 konnte ein Einfluss nur auf männlich Nachkommen beobachtet werden. Das Bundesamt schreibt dazu: „Auch bei dieser Studie gibt es weitere Mängel, die eine Interpretation der Daten erschweren.“

Es kommt auf die Dosierung an

Auf die Frage, ob es Warnungen vor Fluorid gebe, antwortet das BfR: „Nein.“ Das Trinkwasser werde nicht fluoridiert und die Menge Fluorid, die aus anderen Quellen aufgenommen werde, etwa aus Zahnpasta, sei „sehr klein“. Dennoch meinte das BfR in einer Stellungnahme vom Mai 2018, dass es an Studien fehle, die die Wirksamkeit von Fluorid im Zusammenhang mit Karies belegen. 

Auch Ulrich Schiffner, Oberarzt am Zentrum für Zahnheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, betont, dass es auf die Dosierung ankomme. Er hat sich im Jahr 2016 mit der Review von Grandjean und Landrigan und den daraus folgenden Gerüchten über Fluorid beschäftigt, in einem Artikel auf der Webseite Zahnärztliche Mitteilungen. Darin schrieb er: „Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten.“ 

Und weiter: „Die in der jüngeren Vergangenheit in einschlägigen Foren vorgebrachten Bedenken, systemische Fluoridaufnahme sei mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern verbunden, sind wissenschaftlich fragwürdig beziehungsweise nicht belegt.“

Per E-Mail schrieb er CORRECTIV dazu: „Meine dort gemachten Ausführungen und Kommentare treffen unverändert zu. Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen. Die in den Foren zitierten Aussagen treffen nicht zu.“ Kurz: Laut Schiffner sagt die Metastudie gar nichts über Zahnpasta aus. 

Artikel nicht im Journal The Lancet veröffentlicht

Zu den falschen Behauptungen gehört auch die falsche Beschreibung des Journals, in dem der Artikel erschien. Bei Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh steht, der Artikel sei in The Lancet erschienen, das sei „das angesehenste Medizinjournal überhaupt“. Die Artikel versuchen offenbar die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, indem sie das Journal derart einordnen. 

Allerdings erschien die Metastudie nicht in The Lancet, welches von SJR, einem der Portale, die wissenschaftliche Journale einordnen, im Jahr 2018 auf Platz 32 gesetzt wurde. Sondern in The Lancet Neurology, welches laut dem Ranking von SJR den 53. Platz einnimmt

Empfehlung, von Fluorid fernzubleiben, ist „unsinnig“

Die Artikel von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh schlussfolgern: „Man kann nur dringend raten vor allem in der Schwangerschaft und bei Kindern sorgfältig darauf zu achten, keine Fluoride (…) an oder in den Körper gelangen zu lassen.“

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Wir haben dazu Jan Hengstler kontaktiert, er leitet den Fachbereich Toxikologie am Leibnitz-Institut für Arbeitsforschung. Er hat uns per E-Mail geantwortet:  „Die Empfehlung in Vegan [Bewusst Vegan Froh] ist unsinnig. Fluorid kommt schließlich in Lebensmitteln und im Trinkwasser vor, es ist nicht möglich dieses Spurenelement ‘nicht an sich heranzulassen’. Wissenschaftliche Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen bei üblicher Exposition gibt es nicht.“

Hengstler sieht das Problem aber nicht in der Berichterstattung der Blogs, sondern in den irreführenden Aussagen in dem Artikel von Grandjean und Lindgren. Er schreibt: „Ich würde in diesem Fall es den Autoren in den sozialen Netzwerken nicht zu sehr anlasten (auch wenn diese Berichterstattung sicher sehr unkritisch ist; key statements sind falsch), denn man könnte einwenden, dass die Formulierung in Lancet Neurology zu solchen falschen Interpretationen geradezu einlädt.“

Bekanntes Thema

Die Gerüchte über Fluorid kursieren schon länger im Netz. Im Dezember 2017 veröffentlichte Stiftung Warentest einen Text, in dem Irrtümer über Fluorid aufgeklärt wurden, denn: „gerade im Internet wird über den Wirkstoff kontrovers diskutiert“, so die Redaktion in der Einleitung.

Auch Focus Online nahm sich des Themas an: Im September 2016 erschien dort ein Artikel mit dem irreführenden Titel: „Giftiges Fluorid? So gefährlich ist der Stoff in der Zahnpasta wirklich“. Das Fazit klang dann sehr nüchtern: „Für den Zusammenhang von Krankheitsrisiken und Fluorid fehlen belastbare Nachweise“. Und bereits 2014 schrieb die Berliner Zeitung: „Keine Angst vor Fluorid: Die Zahnpasta-Verschwörungstheorie“. 

Und in den USA erscheinen ebenfalls immer wieder Artikel, die mit Verweis auf den Grandjean-Aufsatz behaupten, Fluorid sei als Neurotoxin klassifiziert worden. Darüber berichtete zum Beispiel das US-Faktencheck-Portal Snopes im April 2018.

Unsere Bewertung:
Falsch. Fluorid wurde nicht als Neurotoxin klassifiziert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Fluorid in Zahnpasta oder die Konzentration, in der es natürlicherweise im deutschen Trinkwasser vorkommt, gesundheitsschädlich ist.

US-ITALY-POLITICS-DIPLOMACY-TRUMP
Die Präsidenten der USA und Italiens trafen sich am 16. Oktober in Washington. Nun werden hämische Witze über angebliche Aussagen Trumps gemacht. (Foto: Brendan Smialowski / AFP)

von Tania Röttger

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella „Mozzarella“ genannt. Das stimmt aber nicht.

Am 17. Oktober erschienen auf Facebook und Twitter Beiträge auf Englisch und Deutsch, in denen behauptet wird, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella bei einem Treffen in Washington „Präsident Mozzarella“ genannt. Außerdem habe Trump gesagt, „die USA seien schon seit den Zeiten des antiken Roms (!) Verbündete“. Beide Aussagen hat Trump so jedoch nicht getroffen.

Einer der Facebook-Beiträge mit den Behauptungen, der bisher 290 Mal geteilt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Kein „Mozzarella“ von Trump

Es gibt zwei Situationen bei den Pressekonferenzen vom 16. Oktober in Washington, wo sich die beiden Präsidenten öffentlich trafen. In einer stehen Sergio Mattarella und Donald Trump nebeneinander, in der anderen sitzen sie, hinter ihnen zwei Übersetzer. Die Videos der Pressekonferenzen sind bei Youtube verfügbar. Inzwischen erstellt Youtube automatisch Transkripte von Videos. Wir suchten darin nach dem Wortteil „ella“, und tatsächlich kommt zweimal das Wort „Mozzarella“ im Transkript der stehenden Pressekonferenz vor. 

Allerdings sagt dort nicht Donald Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer, der die Fragen italienischer Journalisten an Mattarella übersetzt. Einmal bei der Stelle 1:13:13 und einmal ab 1:23:20.

Ob es nicht eher wie „Mazzarella“ klingt, also das „t“ von Mattarella hart ausgesprochen, muss jeder nach dem Hören entscheiden.

Das Youtube-Transkript erkennt zweimal das Wort „Mozzarella“ in der Pressekonferenz. Allerdings sagt nicht Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Trump sagt den Namen des italienischen Präsidenten nur einmal. Ab Minute 41:30 klingt es wie „Madurella“, Youtube transkribiert es so: „President Maduro ella“. Trump sagt also an keiner Stelle „Präsident Mozzarella“.

Auch die Faktenchecker der amerikanischen Organisation Snopes kamen zu diesem Ergebnis. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Beiträge mit der Behauptung auf den Sozialen Netzwerken kein Video-Material enthielten. Wir fanden dieselbe Situation bei den deutschen Beiträgen.

Und manche, die welches enthielten, wie ein Tweet von EHA News, zeigten ein Video, in dem die angebliche Aussage gar nicht vorkommt. In dem Ausschnitt von EHA News geht es um Server, zu denen Trump Zugang erhalten möchte.

Kaum ein Tweet enthält Videomaterial – und wenn, dann kommt darin nicht das Wort „Mozzarella“ vor, weder von Donald Trump noch von dem Übersetzer. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Übersetzerin

Eine weitere Protagonistin der Behauptungen ist die Übersetzerin, die beim gemeinsamen Gespräch hinter den Präsidenten sitzt. Im Video der sitzenden Pressekonferenz sieht man, wie sie konzentriert in verschiedene Richtungen sieht, und anscheinend Notizen macht über das, was Trump sagt. Danach übersetzt sie Trumps Aussagen ins Italienische und stützt sich dabei auf ihre Notizen. 

Einige Beiträge benutzen Bilder der Frau und behaupten, ihre Blicke seien Reaktionen auf Trumps angebliche „Mozzarella“-Versprecher. Wer sich jedoch Videos der Pressekonferenz ansieht, bei der die Übersetzerin anwesend war, kann beobachten, dass sie ihre konzentrierten Blicke, die manche als Entsetzen, Kritik oder Unglauben deuten, unabhängig davon wirft, über welches Thema Trump gerade spricht. 

Ein konzentrierter Blick der Übersetzerin, während Trump über die Beziehungen der USA mit den Kurden spricht. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Die USA und das antike Rom

Weiteren Spott erhält Trump wegen einer Aussage, die er am Anfang der Pressekonferenz trifft. Dort sagt er: „Die Vereinigten Staaten und Italien sind verbunden durch ein geteiltes kulturelles und politisches Erbe [heritage], das tausende Jahre zurückgeht, bis ins antike Rom.“

Er sagt also nicht, dass die USA, die 1776 gegründet wurden, mit dem Römischen Reich „verbunden“ gewesen seien, das im Jahr 476 n. Chr. unterging. 

Snopes urteilt im Faktencheck: „Der Einfluss des Römischen Reichs auf die Gründung und Prinzipien der Amerikanischen Republik sind gut dokumentiert und Trumps Aussage ist historisch stichhaltig.“ Auch andere Medien, darunter Newsweek, berichten, dass Historiker Trump zur Seite springen und seine Aussage als richtig bezeichnen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Trump nannte den italienischen Präsidenten am 16. Oktober 2019 nicht „Mozarella“ und sagte auch nicht, dass die USA und Italien vor tausenden Jahren miteinander verbunden gewesen sind.

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Im Mai 2019 saß Oliver Welke bei Klaas Heufer-Umlauf in der Sendung – er sprach aber nicht über Investments, die angeblich reich machen. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Manchmal benutzen Webseiten ungefragt Namen und Gesichter prominenter Menschen, um ihre Produkte zu bewerben. So ein Fall kursiert gerade im Zusammenhang mit Bitcoin.

Anfang Oktober bat uns ein Leser in unserer Facebook-Gruppe, einen Beitrag zu prüfen: „Hier wird eine Werbung mit Herrn Welke gemacht…“. Dazu schickte er einen Link zur Webseite Tercabaikan

Die Einreichung eines Lesers in der CORRECTIV.Faktencheck-Facebook-Gruppe. (Screenshot: CORRECTIV)

Folgt man dem Link, erscheint eine Seite, die das Logo des ZDF trägt. Logo und URL der Webseite passen also nicht zusammen. 

Die gefälschte Webseite, laut der Oliver Welke angeblich über eine neue Investition spricht. (Screenshot: CORRECTIV)

Oliver Welke ist unter anderem Moderator der satirischen Sendung Heute Show im ZDF. Laut des Textes habe er bei der TV-Sendung Late Night Berlin mit Klaas Heufer-Umlauf „vor einer Woche“ eine neue „Kapital-Gesetzeslücke“ angepriesen. Der Artikel trägt kein Erscheinungsdatum. Oliver Welke war dieses Jahr bei Late Night Berlin, und zwar im Mai. Auf der Webseite des Senders ProSieben ist die Folge zu sehen, der Auftritt dauert knapp 20 Minuten. Sie sprechen jedoch nicht über Gesetzeslücken, Investments oder Bitcoin. Vielmehr geht es um Witze, Journalismus, Sportler und Politiker.

Die Webseite behauptet weiter, sie habe mit Welke gesprochen und der habe im Gespräch die Plattform Bitcoin Profit beworben. Auf Anfrage von CORRECTIV weist Welkes Agentur das per E-Mail zurück – Welke habe sich nicht zu dem Thema geäußert: „Bei den ‘Artikeln’ bzw. ‘Meldungen’ handelt es sich um Fälschungen.“

Antwort der Agentur von Oliver Welke. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem angeblichen Interview sind die Worte Bitcoin Profit verlinkt, die Links führen zu einer Webseite, auf der Interessierte ihre Daten eingeben sollen, um „Millionen“ zu verdienen. Ein Impressum hat die Seite nicht. Dafür zeigt sie angebliche Erfahrungserlebnisse mit Fotos von Menschen, die angeblich viel Geld mit Bitcoin Profit verdient haben. Ganz unten auf der Seite steht aber: „Alle auf dieser Webseite dargestellten Personen, Informationen und Ereignisse sind vollständig fiktiv.“

Disclaimer unten auf der Webseite von Bitcoin Profit, in der zugegeben wird, dass alles, was auf der Seite steht, fiktiv ist. (Screenshot: CORRECTIV)

Die angebliche Familie

Neben Welke sollen auch andere mit „Bitcoin Profit“ reich geworden sein, unter anderem „Klaus“. „Klaus ist ein 53-jähriger Vater von 2 Töchtern“ steht dort.

Laut der deutschen Version der Geschichte heißt der Mann auf dem Bild Klaus. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche auf der Suchmaschine Yandex führt zu anderen Artikeln, die das Foto verwendet haben. Zum Beispiel zu einer Fälschung der Seite Business Insider, laut der Investor und Erfinder Elon Musk angeblich eine Investition in Bitcoin-Technologie bekannt gibt. Demnach heiße der Mann auf dem Bild Matthew Grant, sei 35 Jahre alt und habe drei Kinder. 

Auch Elon Musk musste schon einmal für eine Falschmeldung über eine angebliche Investition herhalten.

Noch eine andere Identität des Mannes. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch in der Türkei kursierte eine ähnliche Geschichte mit dem Foto der Familie. Dort hieß der Mann angeblich Yaman. Unsere Kollegen der türkischen Faktencheck-Organisation Teyit veröffentlichten im Juli 2019 einen Artikel über die Falschmeldung.

Seit 2014 erschien das Bild der Familie vor allem auf Webseiten der Zeugen Jehovas, wie eine Suche auf der Bilderdatenbank Tineye ergab.

Dasselbe Foto taucht seit 2014 auf mehreren Webseiten der Zeugen Jehovas auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Es ist eine Taktik, auf Webseiten mit den Logos seriöser Medien Werbung für zweifelhafte Produkte zu machen. Wir haben in einem anderen Faktencheck über einen ähnlichen Fall berichtet, dabei ging es um eine angebliche Abnehmpille.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Webseite ist eine Fälschung, die angebliche TV-Sendung gab es nicht und auch der Erfahrungsbericht über den angeblichen Familienvater Klaus stimmt nicht.

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Hinterließen hier Klima-Demonstranten Müll? Das ist unklar. Sicher ist allerdings, dass das Bild eine Straße in Neapel zeigt. (Screenshot des Facebook-Beitrags und Collage: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Auf Facebook kursiert ein Bild, das angeblich eine vermüllte Straße nach einer Klimaschutz-Demo zeigen soll. Das Foto stammt aus Italien. Ob Klima-Demonstranten den Müll hinterlassen haben, ist unklar.

Das Foto zeigt einen Mülleimer, der bis oben vollgestopft ist; um ihn herum auf dem Bürgersteig und auf der Straße liegt weiterer Müll, unter anderem Plastikflaschen und Verpackungen von McDonald’s. Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte das Bild am 27. September, seitdem wurde es mehr als 2.500 Mal geteilt. Der Kommentar dazu lautet: „Klima und Umwelt Protest der Jugend heute in ? [sic] Ich habe dieses Foto von einem Freund zugesandt bekommen, anscheinend handelt es sich nicht um Bozen, sondern um eine andere Stadt! Egal, es macht keinen Unterschied!“

Auf dem Bild steht in weißer Schrift ein Name und auf Italienisch: „Hier sind die Umweltschützer…“. 

Woher stammt das Foto?

Eine Google-Rückwärtssuche nach dem Bild führt zu mehreren Artikeln darüber auf verschiedenen Webseiten, sowohl auf Englisch als auch auf Italienisch.

Ergebnisse der Bilder-Rückwärtssuche bei Google. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem der Berichte findet sich der Hinweis, dass das Bild in Italien, genauer auf der Via Toledo in Neapel aufgenommen worden sei. Ein Vergleich mit einer Aufnahme von Google-Streetview zeigt, dass der Makeup-Laden Kiko, die Pizzeria und das Schuhgeschäft XEX, deren Schilder in dem Foto auf Facebook zu sehen sind, sich dort befinden.

Links die Aufnahme der Via Toledo 249 von Google-Streetview, rechts das Bild, das aktuell auf Facebook kursiert. (Screenshots und Markierungen: CORRECTIV)

Der Nutzer, der das Foto am Freitag, 27. September, auf Facebook verbreitete, schreibt, die Szene habe „heute“ stattgefunden. Ob das Bild jedoch vom 27. September stammt, ist unbelegt.

Zeigt das Bild Klima-Demonstranten?

Tatsächlich führte der offizielle Demonstrationszug, den die neapolitanische Fridays-for-Future-Bewegung für den 27. September auf ihrer Facebook-Seite ankündigte, nicht an der Stelle an der Via Toledo vorbei, von der das Foto stammt.

Der offizielle Verlauf des Umzugs laut der Facebook-Seite der Fridays-for-Future-Bewegung Neapel. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Die Route auf Google-Maps rekonstruiert, mit dem Standpunkt unten rechts, wo sich der Kiko-Laden und die Pizzeria befinden. (Screenshot: CORRECTIV).

Selbst wenn das Foto in der Via Toledo also am Tag der Klima-Demonstration entstanden sein sollte, gibt es keine Belege dafür, dass die Personen, die den Müll verursacht haben, auch daran teilnahmen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Das Foto stammt aus Neapel; wann es entstand, ist unklar. Der offizielle neapolitanische Fridays-for-Future-Umzug vom 27. September führte zudem nicht an der Stelle vorbei, an der das Foto aufgenommen wurde.

UN-GENERAL-ASSEMBLY-DIPLOMACY
Außenminister Heiko Maas bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung. (Foto: Johannes EISELE / AFP)

von Alice Echtermann , Till Eckert , Tania Röttger

In seiner Rede bei der UN-Generalversammlung sprach Außenminister Heiko Maas vor allem über Deutschlands Beitrag zu internationalen Friedensprozessen – und über die Beteiligung von Frauen, die noch viel zu gering sei. Wir haben neun seiner Aussagen überprüft. 

In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September stellte Außenminister Heiko Maas (SPD) neun konkrete Behauptungen auf. CORRECTIV hat sie einem Faktencheck unterzogen. (Hier die Rede im Video.)  

1. Der Konflikt in der Ukraine habe inzwischen „über 13.000 Menschen“ das Leben gekostet.

Richtig: Die Zahl der 13.000 getöteten Menschen durch den Ukraine-Konflikt findet sich unter anderem in einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars vom 14. Juni. Dort steht: „Rund zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und 13.000 Menschen durch den Konflikt in der Ostukraine getötet, der nach einem Waffenstillstandsabkommen mehr als vier Jahre andauert.“

Aus einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl wird außerdem auf der Webseite der EU-Kommission unter „Fakten und Zahlen“ zum Ukraine-Konflikt genannt. Dort heißt es, sehr seien „mehr als 13.000 Menschen“ getötet worden. 

Zahlen zum Ukraine-Konflikt auf der Webseite der EU-Kommission. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Die Brücke von Stanyzja Luhanska (Ukraine) sei mehr als vier Jahre zerstört gewesen, jetzt werde sie wieder aufgebaut. Kriegsgerät werde abgeführt, Soldaten abgezogen.

Richtig: Dass bei der Brücke nahe der im Konflikt strategisch wichtigen Ortschaft Stanyzja Luhanska Soldaten und Kriegsgerät abgezogen werden, stimmt laut Berichten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vom 30. Juni 2019. Beide Konfliktparteien hätten mitgeteilt, dass sie sich aus der Region zurückgezogen hätten.

Darüber, dass die Brücke über den Fluss Siwerskyj Donez wieder aufgebaut werden soll, haben Medien unter Berufung auf eine Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj berichtet. Auf dem Youtube-Kanal der Oblast Luhansk, der zuständigen Verwaltungseinheit in der Ukraine, kann der Fortschritt der Bauarbeiten in Echtzeit verfolgt werden. Maas’ Aussage dazu stimmt demnach ebenfalls.

3. Unter den UN-Blauhelmen bei der Friedensmission in Mali seien fast 1.000 Deutsche.

Richtig: Aus einem Bericht der Bundeswehr, der Truppenkontingente in verschiedenen Ländern auflistet, geht hervor, dass aktuell (Stand 16. September) 954 deutsche Einsatzkräfte an der Minusma-Operation der UN in Mali teilnehmen. Dies sind also wirklich „fast 1.000“. Weitere 143 Einsatzkräfte sind an der EUTM-Operation in Mali beteiligt, dabei handelt es sich allerdings um eine Europäische Mission. Insgesamt sind 1.097 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Mali. 

4. Deutschland habe mit Frankreich die „Internationale Partnerschaft für Sicherheit und Stabilität im Sahel“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative gibt es. In einem Papier des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung ist der „Aktionsplan zur Sahel-Partnerschaft“ beschrieben. Darin steht: „Frankreich und Deutschland beabsichtigen, diese Initiative im Herbst 2019 im Rahmen einer Auftaktkonferenz zu lancieren.“ Angela Merkel und Emmanuel Macron stellten den Aktionsplan beim G7-Treffen in Biarritz im August 2019 vor; die Führungsspitze der G7 nahm ihn an.

5. Deutschland sitze seit einem Dreivierteljahr im Sicherheitsrat.

Richtig: Seit dem 1. Januar 2019 ist Deutschland nichtständiges, vollwertiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. 

6. Stabiler Frieden sei um ein Drittel wahrscheinlicher, wenn Frauen an dem Prozess beteiligt sind.

Unbelegt: Die Aussage ist zwar durch eine Studie gedeckt, die vom International Peace Institute veröffentlicht wurde – diese kann jedoch keine eindeutige kausale Beziehung zwischen der Anwesenheit von Frauen und der Stabilität von Friedensverträgen herstellen.  

Auf der Webseite des US-amerikanischen Think-Tanks Council on Foreign Relations steht: Durch die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen liege die Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens 15 Jahre hält, um 35 Prozent höher. Das entspricht etwa der Aussage von Heiko Maas – ein Drittel wären rund 33 Prozent. 

Auszug aus einem Text des Think-Tanks Council on Foreign Relations. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt der Council on Foreign Relations einen Artikel des International Peace Institute an. Auf Seite 12 steht: „Wenn Frauen an Friedensprozessen beteiligt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das resultierende Abkommen mindestens zwei Jahre hält, um 20 Prozent. Die Beteiligung von Frauen hat langfristig einen sogar noch größeren Einfluss: Dass ein Abkommen 15 Jahre hält ist um 35 Prozent wahrscheinlicher, wenn Frauen daran beteiligt waren.“

Die Daten stammen laut dem Bericht von Laurel Stone von der US-amerikanischen University of Notre Dame. Ihre Arbeit sei noch nicht veröffentlicht worden (Fußnote Seite 12). Sie habe die Anwesenheit von Frauen als Unterhändlerinnen, Mediatorinnen, Zeugen und Unterzeichnerinnen von 182 Friedensabkommen zwischen 1989 und 2011 ausgewertet, und erfasst, wie lange diese Abkommen gehalten haben. Sie kam zu dem Schluss, „dass die Teilnahme von Frauen einen statistisch signifikanten, positiven Einfluss auf den Frieden“ habe. 

Allerdings erklärt der Bericht auch, Stones Auswertung habe Einschränkungen: Sie erfasse nicht das Maß des Einflusses, den die Frauen hatten, oder ihre genaue Anzahl, und unterscheide auch nicht zwischen dem relativen Wert der verschiedenen Formen der Beteiligung. 

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Zudem ist die Beteiligung von Frauen laut Stone nicht der einzige positive Einfluss auf die Langlebigkeit von Friedensabkommen; auch Demokratie spiele zum Beispiel eine Rolle (Seite 34). Oft würden die Variablen „Demokratie“ und „Beteiligung von Frauen“ gemeinsam auftreten. „Daher könnte die Kausalität in zwei Richtungen auftreten: Demokratie könnte die Gleichberechtigung der Geschlechter in einem konfliktbelasteten Land begünstigen, oder die Präsenz von Frauen könnte die Aufnahme von demokratischen Prinzipien in einem Friedensabkommen begünstigen.“  

7. Derzeit seien nur acht von 100 Stühlen bei Friedensverhandlungen von Frauen besetzt. 

Größtenteils richtig: Die Zahl stellt einen Durchschnittswert für Friedensverhandlungen seit Anfang der 90er-Jahre dar, also nicht nur die aktuelle Situation. Die Quellenlage ist zudem unübersichtlich und widersprüchlich. Die acht Prozent, die Maas nennt, finden sich in einer Faktensammlung von UN Women, die angeblich für den Zeitraum 1990 bis 2017 gilt. Als Quelle wird jedoch der Think-Tank Council on Foreign Relations genannt, der von neun Prozent der Unterhändler von 1992 bis 2017 spricht. 

Der Council on Foreign Relations verlinkt wiederum selbst als Quelle auf einen Bericht von UN Women mit dem Titel „Women’s Participation in Peace Negotiations: Connections between Presence and Influence“ von 2012. Darin ist ebenfalls von neun Prozent die Rede. 

Wörtlich heißt es (Seite 1 und 2): „Unsere Auswertung von 31 wichtigen Friedensprozessen seit 1992 zeigt, dass Frauen eine gravierend niedrige Zahl der Unterhändler stellen […] Die Beteiligung von Frauen an Verhandlungsdelegationen lag durchschnittlich bei neun Prozent in den 17 Fällen, in denen solche Informationen verfügbar waren. Vier Prozent der Unterzeichner in den Friedensprozessen waren Frauen, und keine Frauen hatten hochrangige Verhandlungspositionen in von der UN vermittelten Gesprächen.“ 

Darstellung des Council of Foreign Relations (Screenshot: CORRECTIV)

8. Deutschland habe im April dafür gesorgt, dass das Thema nukleare Rüstungskontrolle im Sicherheitsrat nach sieben Jahren erstmals wieder auf die Agenda kam.

Irreführend. Denn während die Aussage zutrifft, was die nukleare Rüstungskontrolle angeht, trifft sie nicht zu auf die nukleare Abrüstung. 

Als Deutschland im April 2019 die Präsidentschaft im Sicherheitsrat der UN übernahm, sprach Heiko Maas dort über nukleare Rüstungskontrolle. Seine Aussage bei der Generalversammlung suggeriert allerdings, der UN-Sicherheitsrat habe sich vorher sieben Jahre, also seit 2012, nicht mit diesem Thema befasst. Damals, im April 2012, gab es ein Treffen des Sicherheitsrates, bei dem das Gremium sich für Rüstungskontrolle aussprach.  

Allerdings gab es seit 2012 wenigstens eine Resolution des Sicherheitsrats, die sich mit der Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen beschäftigte, zum Beispiel im Jahr 2016.

9. Deutschland habe 2018 eine „Allianz für Multilateralismus“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative – beziehungsweise die Pläne dafür von Heiko Maas – gibt es schon länger, bisher ist allerdings noch nicht viel passiert. In einem Gastbeitrag im Handelsblatt, der auf der Webseite des Auswärtigen Amtes nachzulesen ist, schrieb Maas im August 2018: „Wir streben eine Allianz für den Multilateralismus an – ein Netzwerk von Partnern, die wie wir auf verbindliche Regeln und fairen Wettbewerb setzen. Erste Verabredungen habe ich mit Japan, Kanada und Südkorea getroffen; weitere sollen folgen.“ 

Am Rande der aktuellen UN-Konferenz wurde diese Allianz laut Reuters nun offiziell gestartet, mehr als 50 Staaten nahmen an einem Treffen unter der Leitung von Deutschland und Frankreich teil. Dieses Treffen hatte Maas auch in seiner Rede angekündigt. 

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Eine Auswahl unserer Faktenchecks, die im August besonders relevant waren. (Collage: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir einen Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere Faktenchecks zu den vier meist-geteilten Behauptungen, die wir im August geprüft haben

Dieses Bild stammt nicht aus dem Amazonasgebiet, sondern aus Indien und wurde nachbearbeitet 

Im Netz sind Bilder im Umlauf, die Nutzer fälschlicherweise mit den aktuellen Bränden im Amazonas-Gebiet in Verbindung bringen. Das eines schreienden Affen wird zehntausendfach auf Facebook geteilt, obwohl es 2017 in Indien entstand. 

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 57.000 Mal geteilt.

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Dieses Video von einem Mann, der eine Frau schlägt, ist weder aktuell noch stammt es aus Deutschland

In einem alten Video, das momentan wieder häufig auf Facebook geteilt wird, ist zu sehen, wie ein Mann eine Frau im Beisein ihrer Kinder attackiert. Viele Nutzer gehen offenbar davon aus, dass der Täter noch nicht gefasst ist und der Vorfall in Deutschland stattfand. Das ist nicht richtig. 

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 52.000 Mal geteilt

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Dieses Bild eines Kreuzfahrtschiffs in Venedig ist eine Fotomontage 

Ein Bild eines riesigen Kreuzfahrtschiffs in Venedig kursiert seit Jahren im Netz. Es handelt sich um das Filmplakat einer Dokumentation über Tourismus in der italienischen Stadt – und ist nicht echt.  

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 40.000 Mal geteilt 

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Nein, diese Bilder zeigen nicht die aktuellen Brände im Amazonasgebiet 

Zehntausende Nutzer teilen im Netz angeblich aktuelle Bilder der Waldbrände im Amazonasgebiet. Viele Bilder sind entweder schon Jahre alt oder an anderen Orten entstanden. Wir haben vier Bilder geprüft. 

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 30.000 Mal geteilt

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Unsere vier meist-gelesenen Faktenchecks im August

Manipuliertes Foto von Greta Thunberg wird zehntausendfach geteilt

Nach wie vor versuchen Menschen im Netz, mit Behauptungen über die Klimaaktivistin Greta Thunberg Stimmung zu machen. Aktuell wird ein offensichtlich gefälschtes Bild der 16-Jährigen verbreitet

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Dieses Bild stammt nicht aus dem Amazonasgebiet, sondern aus Indien und wurde nachbearbeitet CORRECTIV

Im Netz sind Bilder im Umlauf, die Nutzer fälschlicherweise mit den aktuellen Bränden im Amazonas-Gebiet in Verbindung bringen. Das eines schreienden Affen wird zehntausendfach auf Facebook geteilt, obwohl es 2017 in Indien entstand

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Der angebliche Tweet von Jens Spahn zu dem getöteten Jungen in Frankfurt ist eine Fälschung

Ein angeblicher Tweet von Jens Spahn soll zeigen, dass der CDU-Politiker den Tod eines Jungen in Frankfurt relativiert habe. Außerdem soll Spahn behauptet haben, dass wesentlich mehr Kinder an Masern sterben würden. Der Beitrag ist eine Fälschung.  

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Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft. 

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Die Boote, auf denen Schleuser Flüchtlinge und Migranten aussetzen, sind oft nicht hochseetauglich. Diese 47 Menschen hat Sea-Watch am 19. Januar 2019 gerettet. (Foto: Federico Scoppa / AFP)

von Tania Röttger

Immer wieder taucht die Behauptung auf, Seenotretter würden in Kontakt mit Schleusern stehen. So auch aktuell im Fall von Sea-Watch. Behörden haben dafür bisher keine Belege gefunden. Wir haben auch recherchiert, wie Seenotretter über Menschen in Seenot informiert werden.

Die Epoch Times veröffentlichte am 20. Juli einen Artikel, in dem es um einen angeblichen „Sea-Watch-Skandal“ geht: „Italien enthüllt gemeinsame Machenschaften von Schleppern und NGO-Schiffen“. Der Artikel wurde dem Analysetool Crowdtangle zufolge bisher mehr als 4.100 Mal auf Facebook geteilt.

Crowdtangle zeigt auch an, welche Profile einen Artikel auf Facebook und Twitter verbreitet haben. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Epoch Times stützt ihren Bericht auf ein Video: die Reportage eines italienischen Journalisten. Darin wird behauptet, ein libyscher Schleuser habe einem Mann, der sich als Flüchtling ausgab, bestätigt: „Wir sind mit Sea-Watch in Kontakt.“ Das Gespräch wurde gefilmt. In dem Video erzählt auch ein angeblich 21-jähriger Libyer, dass ihm ein Schlepper gesagt habe, es finde eine Zusammenarbeit mit Seenotrettern statt. Der Beweis sei, dass der Schlepper die Telefonnummern von mehreren Seenotrettern gespeichert habe. Die Personenangaben und die Authentizität des gefilmten Gesprächs im Video lassen sich nicht überprüfen.

Hier spricht der Lockvogel im Video angeblich mit dem Schleuser „Lukman Zauari“. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Ganze erregte besondere Aufmerksamkeit, weil Italiens Innenminister Matteo Salvini (Lega Nord) in einer TV-Sendung auf die Reportage einging und sagte, die Justiz habe Belege „für Anrufe aus Libyen“, sie würden Treffpunkte auf dem Meer vereinbaren (ab Minute 9). 

Konkrete nachvollziehbare Belege für diese Behauptung nennen weder die italienische Reportage noch Epoch Times

Wir haben verschiedene Behörden kontaktiert und auch mit Sea-Watch gesprochen. Unsere Recherchen ergaben: Für die Behauptungen gibt es keine Belege.

Behörden haben keine Kenntnisse über etwaige Kontakte

Die deutschen Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars „haben dazu keine Informationen“.

E-Mail des Sprechers der UNHCR-Vertretung in Deutschland auf die Frage, ob der UNHCR Kenntnisse von Kontakten zwischen Schleppern und Seenotrettern hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Vertreter des UN-Flüchtlingskommissars in Libyen, Tarik Argaz, weiß nach eigenen Angaben nichts über Berichte, nach denen Schlepper mit Seenotrettern in Kontakt stehen. 

E-Mail des UNHCR-Vertreters in Libyen. (Screenshot: CORRECTIV)

Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) liegen ebenfalls „keine Erkenntnisse“ dazu vor.

E-Mail der Pressestelle des BAMF. (Screenshot: CORRECTIV)

Frontex, die Grenzschutzbehörde und Küstenwache der EU, schreibt per E-Mail, sie habe nicht das Mandat, Einschätzungen zu solchen Fragen abzugeben oder Ermittlungen anzustellen. Sie empfiehlt, die italienischen Behörden zu kontaktieren.

E-Mail der EU-Grenzschutzbehörde Frontex. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben das italienische Innenministerium und die Staatsanwaltschaft in der italienischen Stadt Agrigento gefragt, welche den Fall der Sea-Watch 3 bearbeitet hatte, ob sie Erkenntnisse zu den Behauptungen haben und ob sie in diesem Fall ermitteln werden. Das Innenministerium antwortete auf erneute Anfrage, es sei nicht zuständig. Die Staatsanwaltschaft meldete sich nicht zurück.

Italienische Ermittler fanden in bisherigen Ermittlungsverfahren keine Belege

Die italienische Faktencheck-Organisation Pagella Politica hat zu ähnlichen Behauptungen in der Vergangenheit bereits recherchiert. 

In einem Faktencheck von Februar 2019 schrieb Pagella Politica, dass es in den vergangenen zwei Jahren mindestens vier Ermittlungen durch italienische Staatsanwaltschaften gegeben habe – allerdings sei es in keinem Fall zu einer Anklage oder Verurteilung gekommen. „Bis heute gibt es daher keine gerichtlichen Beweise für Verbindungen zwischen diesen Organisationen und Menschenhändlern“, steht in dem Artikel. Die vier Staatsanwaltschaften sind Trapani, Catania, Ragusa und Palermo, die sich alle in Sizilien befinden.

Der scheinbar aussichtsreichste Fall aus Sicht der Italiener war der in Trapani. Dort wurde im Juli 2018 laut Medienberichten gegen die Besatzung des Schiffes „Iuventa“ der Organisation „Jugend rettet“ ermittelt – unter anderem habe die Polizei Fotos gehabt, die zeigen sollten, dass die Organisation mit Schleppern zusammenarbeitet. Anklage wurde bis heute aber nicht erhoben. Die Süddeutsche Zeitung schrieb im August 2017: „Beides spricht für einen Mangel an Beweisen.“ 

Die Staatsanwaltschaften in Italien beschlagnahmten offenbar auch Telefone und Computer. Das sei bei der „Iuventa“ der Fall gewesen, berichtete damals die Zeit, und auch Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer erzählt davon in einem Telefonat mit CORRECTIV. Trotzdem konnte die Staatsanwaltschaft anscheinend bisher keine Belege finden, die für eine Anklage genügt hätten.

Sea-Watch: Zusammenarbeit ist unlogisch

Sea-Watch-Sprecher Neugebauer weist die Vorwürfe zurück. Er erklärt am Telefon, warum und was seiner Meinung nach hinter den Vorwürfen stecken könnte.

Es sei diesem Vorwurf folgend zum Beispiel unlogisch, sagt Neugebauer, dass Schleuser auch dann Boote aufs Meer schickten, während sich keine NGO-Boote in dem Gebiet zwischen Libyen und Lampedusa befinden würden. 

Vor zwei Wochen sind laut UNHCR bis zu 150 Menschen, die von Libyen nach Europa fahren wollten, im Mittelmeer ertrunken. Im Jahr 2019 sind bisher laut UNHCR-Schätzungen 823 Menschen auf dem Weg über das Meer nach Europa gestorben.

Außerdem, sagt Neugebauer, sei es natürlich zum Vorteil der Schleuser, wenn sie behaupteten, mit Seenotrettern in Kontakt zu stehen. So könnten sie die Menschen beruhigen, die über das Meer wollen, aber Sorge vor den Gefahren haben – und mehr Geld verdienen.

Es ist öffentlich, wo sich die Rettungsschiffe befinden

Die Epoch Times schreibt, ein Schleuser habe dem libyschen Mann aus dem Video gesagt: „Die Orte, an denen Schiffe wie die Sea-Watch warten würden, seien bekannt. Wenn etwas passieren würde, bekäme die Sea-Watch eine Meldung.“

Es stimmt, dass öffentlich einsehbar ist, wo sich die Schiffe der Seenotretter befinden. Das ist aber auch eine Auflage der vorigen italienischen Regierung. Die hat NGOs wie Sea-Watch im Juli 2017 einen Verhaltenskodex auferlegt. Darin steht unter anderem, dass sie ihre Ortungssysteme (AIS und LRIT) anstellen müssen. Dadurch werden ihre Standortdaten unter anderem ins Internet übermittelt – jeder kann die Schiffe über Webseiten wie Marine Traffic verfolgen. Natürlich können das auch die Schlepper tun.

Auszug aus dem Verhaltenskodex von Juli 2017, den die damalige italienische Regierung den Seenotrettungs-NGOs aufgetragen hat. (Screenshot: CORRECTIV).

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Wie läuft der Kontakt zur Seenotrettung?

Auch die Behauptung, Sea-Watch bekomme Meldung, „wenn etwas passieren würde“, stimmt – aber anders, als es scheint. 

Im Jahr 2017 bekam Sea-Watch nach eigenen Angaben 60 Prozent seiner Rettungseinsätze von der Italienischen Seenotrettungsleitstelle (Italian Maritime Rescue Coordination Center) in Rom gemeldet. Inzwischen gibt es laut Neugebauer kaum noch Meldungen von dort. Andere Organisationen meldeten nun, wenn sie Boote entdecken. Per Email schreibt Neugebauer: „Seit die Rettungsleitstelle in Rom – nach unserem Verständnis widerrechtlich – nicht mehr bzw. nur noch in seltenen Fällen mit NGOs und Handelsschiffen kooperiert, sind es an allererster Stelle die Aufklärungsflugzeuge, dicht gefolgt von Alarmphone und Eigensichtungen.“

Die Organisation Alarm Phone ist nach eigenen Angaben eine Initiative von Aktivisten und zivilen Akteuren in Europa und Nordafrika, die Notrufe koordiniert und weiterleitet. Sie veröffentlicht Notrufe auch auf ihrem Twitter-Kanal.

Beispiel eines Notrufes, der an Alarm Phone ging. Veröffentlicht am 26. Juli auf Twitter. (Screenshot: CORRECTIV)

Nach eigenen Angaben war Alarm Phone in der Zeit von Mai bis Juli 2019 mit Menschen auf 54 Booten in Kontakt, insgesamt 2.000 Personen seien betroffen gewesen. Manche von ihnen seien demnach gestorben.

Eine Sprecherin vom Alarm Phone, teilte CORRECTIV per E-Mail mit, dass die Organisation nichts von Kontakten zwischen Schleppern und Seenotrettern wisse. Sie erhalte die Notrufe von Menschen auf See oder deren Angehörigen und werde erst in Kenntnis gesetzt, wenn es einen Notfall gebe: „In unserer Zusammenarbeit mit SW (Sea-Watch, Anm. d. Red.), als auch mit anderen zivilen Seenotrettungsorganisationen, ist uns ein solcher Kontakt mit ’Schleppern’ in Libyen auch nicht bekannt.“

Die Nummer vom Alarm Phone werde direkt in „migrantischen Communities in den Transitländern“ bekannt gemacht. Von wem die Meldung jeweils komme, stehe in den Berichten, die auf der Webseite „Watch the Med“ veröffentlicht werden.

E-Mail des Berliner Büros von Alarm Phone. (Screenshot: CORRECTIV)

Vom Alarm Phone an die Seenotretter

Die Meldung einer Seenot geht beim Alarm Phone oft über ein Satellitentelefon des Unternehmens Thuraya ein. Mit dem Telefon können Standort-Koordinaten übermittelt werden, was nötig ist, um mögliche Rettungsboote an die richtige Stelle schicken zu können. Die Organisation leitet die Meldungen an die Küstenwachen der anliegenden Länder weiter – im westlichen Mittelmeer also etwa an Libyen, Tunesien, Malta und Italien, aber auch in Kopie an die Seenotrettungs-NGOs in der Nähe. Das heißt, Sea-Watch und die anderen erhalten tatsächlich Meldungen – allerdings nicht direkt von den Flüchtlingen und Migranten oder den Schleppern sondern von der Initiative Alarm Phone. Wie das genau abläuft, zeigt Schriftverkehr, den Sea-Watch CORRECTIV zur Einsicht bereitgestellt hat.

In einer Meldung von Alarm Phone an Sea-Watch im Januar 2019 heißt es zum Beispiel: „Wir haben einen Anruf von einem Boot erhalten, das in Seenot ist. (…) Es sind ungefähr 62 Menschen an Bord, darunter acht bis zehn Frauen, fünf Kinder und ein Baby. (…) Das Boot ist ein blaues Schlauchboot. Der Motor ist um ca. 10:30 Uhr stehen geblieben, und fünf Personen sind krank. Sie brauchen medizinische Behandlung. Sie bitten dringend um Hilfe.“

E-Mail vom Alarm Phone, die am 19. Januar 2019 an die italienische Küstenwache und die Besatzung der „Sea-Watch 3“ ging und die Sea-Watch CORRECTIV zur Verfügung gestellt hat. (Screenshot: CORRECTIV)
Eine weitere E-Mail des Alarm Phone, die laut Sea-Watch am 3. April 2019 an die libysche Küstenwache und die Besatzung des Bootes „Alan Kurdi“ ging. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Sprecherin des Alarmphones schreibt weiter, dass sie natürlich nicht genau wissen können, wer anruft. Das sei ihnen in dem Moment „aber egal, weil es uns in erster Linie um die Rettung der Menschen geht“. Sie versuchten jedoch, die Informationen von Dritten durch Kontakt mit den Menschen in Seenot zu bestätigen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Trotz mehrerer Ermittlungsverfahren gibt es bisher keine Beweise für die direkte Zusammenarbeit zwischen Schleppern und Seenotrettern.

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CORRECTIV-Faktenchecks von Juli 2019.

von Tania Röttger

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere meist-gelesenen Faktenchecks im Juli

Nein, dieses Video zeigt keine Zuwanderung von „1000 Afrikanern“, sondern Menschen auf dem Weg zur Arbeit

Ein Video vom Bahnhof Ashausen wird massiv im Internet verbreitet. Darauf zu sehen ist eine sehr große Gruppe Menschen, die gemeinsam aus dem Zug steigt. Unsere Recherchen zeigen: sie sind auf dem Weg zur Arbeit. 

Claudia Roth hat nicht das Gesetz gebrochen, als sie den Bundestag trotz weniger Anwesender für beschlussfähig erklärt hat

In der Bundestagssitzung vom 27. Juni 2019 hat Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth den Antrag der AfD auf einen sogenannten Hammelsprung abgelehnt. Das Gesetz hat sie damit nicht gebrochen. 

Ja, der Vater von Carola Rackete arbeitet auch in der Rüstungsindustrie

In einem Artikel wird behauptet, Ekkehart Rackete, Vater der kürzlich in Italien festgenommenen Kapitänin der „Sea-Watch 3“, Carola Rackete, verdiene sein Geld in der Militärindustrie. Die Behauptung aus dem Artikel ist wahr.

Nein, mit dieser Spendennummer wird keine Haftstrafe für Carola Rackete unterstützt

Auf Facebook kursiert eine Grafik, auf der aufgefordert wird, eine SMS mit „seawatch10“ an eine Nummer zu schicken, wenn man „für mindestens zehn Jahre Haft“ für Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete sei. Durch die SMS wird jedoch Geld an Sea-Watch gespendet. 

Die meist-geteilten Behauptungen, die wir im Juli geprüft haben

Ein Text zieht falsche Schlussfolgerungen aus von Menschen produzierter CO2-Menge (Mehr als 50.200 Mal geteilt)

In einem Text, der zum wiederholten Mal über soziale Medien verbreitet wird, geht es um den CO2-Anteil in der Luft. Die Schlussfolgerungen und Zahlen sind falsch.

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Nein, in Deutschland leben nicht 770.000 Syrer von unserem Steuergeld (Knapp 45.000 Mal geteilt)

Ein zehntausendfach geteilter Facebook-Post behauptet, es lebten 770.000 Syrer in Deutschland von Steuergeldern. Das stimmt nicht.

Kindesentführung mit weißem Lieferwagen? Wie ein Gerücht von 2012 wieder Eltern verunsichert (Mehr als 38.400 Mal geteilt)

Ein Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2012 wurde in den letzten 24 Stunden von mehr als 12.500 Personen geteilt. Darin werden Eltern gewarnt, ein Mann in einem weißen Lieferwagen versuche, Kinder zu entführen. Der Beitrag wurde schon vor sieben Jahren entkräftet.

Elektroauto mit „Salzwasser“-Antrieb? So einfach ist es nicht (Mehr als 37.300 Mal geteilt)

In einem Blog wird behauptet, es gebe ein extrem leistungsstarkes Elektroauto, das mit Salzwasser angetrieben werde und in der EU zugelassen sei. Das Modell war jedoch nur ein Prototyp – und die Aussage zu seinem Antrieb ist stark vereinfacht. 

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Zerstörte Windschutzscheiben, Symbolbild (Adrian van Leen for openphoto.net)

von Tania Röttger

Innerhalb eines Tages wurde ein Video mehr als 30.000 Mal auf Facebook geteilt. Es zeigt einen verwirrten Mann, der in einer Unterkunft für Geflüchtete Autofenster einschlägt.

Dort, wo die Kamera ist, sind auch Frauen, die flehend „mein Auto, mein Auto“ sagen. Gefilmt wird ein Mann, der von Auto zu Auto geht und mit einem Holzstück Windschutz- und Heckscheiben zerschlägt. 

Mehrere Facebook-Seiten und -Nutzer teilten das Video, insgesamt mehr als 30.000 Mal. Darunter die Seite „AfD wirkt – Heike Temel – Frauenalternative“, mit einem Kommentar, der die Tat mit dem Ankerzentrum für Geflüchtete in Donauwörth in Zusammenhang bringt. Laut Koalitionsvertrag soll in Ankerzentren „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung stattfinden“.

Einer der Facebook-Beiträge mit dem Video. Darunter finden sich auch rassistische Kommentare. (Screenshot: CORRECTIV)

Einige Facebook-Nutzer haben das Video als potenzielle Falschmeldung gemeldet.

Polizei bestätigt Vorfall

Das zuständige Polizeipräsidium Schwaben-Nord bestätigte uns den Fall per E-Mail und verwies auf eine Pressemitteilung. Der Mann sei geistig verwirrt gewesen, habe den Beamten nicht antworten können und sei zunächst zur ärztlichen Untersuchung gekommen. Den Schaden schätzt die Polizei auf 50.000 Euro. 

Pressemitteilung der Polizei zu dem Fall. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Polizei schreibt außerdem, der Mann wohne wohl nicht in Donauwörth, sondern in Augsburg. Das hat uns auch die Pressestelle der zuständigen Regierung von Schwaben bestätigt. Eine Sprecherin schrieb uns per E-Mail: „Der Flüchtling war seit August 2018 zur Durchführung seines Asylverfahrens in der ANKER-Einrichtung Donauwörth untergebracht und wurde Mitte April diesen Jahres in eine dezentrale Unterkunft im Landkreis Augsburg abverlegt. Zum Zeitpunkt der Tat hielt er sich unberechtigt auf dem Gelände der ANKER-Einrichtung auf.“

E-Mail der zuständigen Regierungsstelle Schwaben. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Richtig. Die Polizei hat bestätigt, dass das Video einen Vorfall vom 10. Juli in Donauwörth zeigt.

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Die CORRECTIV-Faktenchecks im Juni 2019

von Tania Röttger

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere meist-gelesenen Faktenchecks im Juni

Manipulation? Falsche Behauptung über rote Wetterkarte der „Tagesschau“

Eine Collage vergleicht zwei unterschiedliche Ansichten und unterstellt Manipulation.

„Das ist Kanku“: Diese falsche Geschichte eines Jungen aus dem Kongo soll Stimmung gegen Elektroautos erzeugen

Ein Facebook-Beitrag erzählt die angebliche Geschichte eines Jungen aus dem Kongo, der täglich „zwölf Stunden für ein bis zwei Dollar am Tag in einer Kobaltmine“ arbeite. Weder ist die Geschichte echt, noch stammt sie von den Grünen.

Ja, Robert Habeck hat sich kritisch zu Vaterlandsliebe geäußert 

Auf Facebook wird eine Aussage des Grünen-Politikers Robert Habeck geteilt. Einige Nutzer zweifeln an der Authentizität. Wir haben das Zitat überprüft.

Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

Die meist-geteilten Behauptungen, die wir im Juni geprüft haben

Keine Belege dafür, dass dieses Bild einen Unfall wegen Handynutzung am Steuer zeigt (mehr als 33.000 Mal geteilt)

Ein Bild, das seit 2010 im Internet kursiert, zeigt eine Unfallszene. Nutzer stellen es in einen Zusammenhang mit Ablenkung am Steuer. Das Bild ist echt, es gibt aber keine Belege dafür, dass der Fahrer sein Handy benutzt hat. 

Ja, in Peru wurden Produktion und Import genetisch modifizierter Lebensmittel für zehn Jahre verboten (mehr als 13.000 Mal geteilt)

Ein Artikel behauptet, Peru habe im Zuge eines Verbots die Firma Monsanto für zehn Jahre „verbannt“. Das stimmt, denn ein entsprechendes Gesetz gegen genetisch modifizierte Lebensmittel ist dort seit 2011 in Kraft.

„Wochenblick“ verbreitet falsche Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern (mehr als 12.000 Mal geteilt)

In einem Artikel von „Wochenblick“ werden korrekte Zahlen zur Kriminalität von Zuwanderern im Jahr 2018 in falschen Kontext gesetzt. Einige Angaben sind gänzlich falsch. Wir haben die einzelnen Aussagen geprüft.

Ja, wegen einer Rentenerhöhung müssen 48.000 Rentner ab dem 1. Juli erstmals Steuern auf ihre Rente zahlen (mehr als 10.000 Mal geteilt)

Laut einem auf Facebook geteilten Bild steigt in Deutschland der Anteil derer, die ihre Rente versteuern müssen, um 48.000. Grund ist eine Rentenerhöhung. CORRECTIV hat die Behauptung geprüft und erklärt den Kontext.

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Die angeblichen Wunderpillen gegen Übergewicht können gefährlich sein. (Symbolbild: stevepb/pixabay)

von Tania Röttger

Ein Video preist eine „Abnehmpille“ an, die Links führen aber zu gefälschten Nachrichtenseiten, die Werbung für die Pille machen sollen. Ein Ernährungsexperte warnt vor dem Präparat.

Seit einigen Wochen verbreiten sich Videos auf Facebook, die die angeblich bahnbrechenden Erfolge einer Tablette im Kampf gegen die Fettleibigkeit bewerben. Die Kommentare, mit denen sie geteilt werden, lauten alle ähnlich, zum Beispiel: „Ich nehme dieses Produkt seit ca. 3 Wochen und es hilft wirklich. Ich habe bisher 17 Pfund verloren.“ Dazu verlinken die Nutzer meist eine Reihe anderer Leute.

Einer der vielen Beiträge, die ein Video und dubiose Links verteilen, wohinter sich schließlich Werbung für die Abnehmpille „Ultra Keto Slim“ verbirgt. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Link im Facebook-Beitrag führt allerdings zu Webseiten, die vom Browser als unsicher eingestuft werden, und zu solchen, die aussehen wie Focus Online – wobei die Webadresse allerdings deutlich macht, dass es keine echten Nachrichtenseiten sind, zum Beispiel „www-lifedaily.com-jqnec8t8h.xyz“. 

Die Webseite sieht aus wie Focus Online, aber die URL verrät, dass es eine Fälschung ist. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf den Webseiten wird behauptet, das „Wundermittel“, das so vielen beim Abnehmen helfe, sei „Ultra Keto Slim“ und von zwei Frauen entwickelt worden, die dafür das größte Investment der amerikanischen Investment-TV-Sendung „Shark Tank“ erhalten hätten. Shark Tank ist das Vorbild der deutschen TV-Sendung „Höhle der Löwen“, in der Kandidaten versuchen, Investoren von ihren Unternehmen zu überzeugen. Weiter behaupten die Webseiten, es habe schon Berichterstattung über die Pille in Magazinen wie Time, US Weekly, New You und Shape gegeben. Unsere Recherchen ergaben: Das ist alles erfunden.

Experte: Die Pillen sind wirkungslos gegen Übergewicht und möglicherweise gefährlich

Lars Selig hat schon vom Produkt „Ultra Keto Slim“ gehört. Selig ist geprüfter Diätassistent und Leiter des Ernährungsteams an der Universität Leipzig. Solche Produkte sollen durch sogenannte Ketose beim Fettabbau helfen. Dabei sei das laut des Experten gefährlich, weil dies in den Stoffwechsel eingreife: „Die Ketose ist für uns Alarmstufe rot.“

Oft gebe es außerdem keine genaue Auflistung der Inhaltsstoffe. Ein Produkt, das er geprüft hat, wies zum Beispiel Mineralstoffe in zu hohen Dosen auf, was Herzprobleme hervorrufen könnte. Selig warnt davor, die Pillen zu nehmen. Außerdem könne es sein, dass die Produkte gefälscht sind – oder nur leere Boxen ankommen, nachdem Kunden Geld ausgegeben haben.

Falsche Namen der angeblichen Erfinderinnen

Die Frauen, die die Pille angeblich erfunden haben, sollen Schwestern sein und Emma und Sarah Martin heißen. Sie sollen Berlinerinnen sein. Die beiden angeblichen Unternehmerinnen haben aber keine durch Google auffindbaren Social-Media Accounts. 

Eine Bildersuche zeigt: Das Bild der beiden Frauen aus dem Fake-Focus-Artikel wurde in ähnlichen Artikeln auf Fake-Webseiten in Englisch verwendet, allerdings in Verbindung mit anderen Namen: Anna und Samantha Martin, statt Emma und Sarah Martin. Auch von ihnen finden sich keine passenden Social-Media-Profile. 

Eine englische Webseite, deren Webadresse nicht zum Logo passt, benutzt dasselbe Bild der Schwestern, aber andere Namen. (Screenshot: CORRECTIV)

Einem anderen Bild, einem Screenshot aus der Sendung „Shark Tank“, zufolge heißen die Frauen Kara Haught und Shelly Hyde. Sie sind tatsächlich Schwestern und in der TV-Show aufgetreten, in der dritten Episode der achten Staffel, die am 7. Oktober 2016 ausgestrahlt wurde. Allerdings wollten sie keine Investoren für Diätpillen finden, sondern für die Badeanzüge ihrer Firma „Raising Wild“.

Die richtigen Namen der abgebildeten Frauen sind Kara Haught und Shelly Hyde. Dieses Bild aus der Sendung „Shark Tank“ taucht in der Bildersuche bei Yandex auf. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Youtube gibt es ein Video ihres Auftritts.

Keine Medienberichte über die „Wunderpille“

Auf den Webseiten des Time Magazine, US Weekly, New You oder Shape tauchen zudem keine Berichte über das Produkt auf. 

Google-Suchen ergaben keine Treffer auf den Seiten der Medien, die angeblich schon über das Produkt berichtet haben. (Screenshots: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Die Webseiten sind gefälscht, was dort über die Abnehmpille steht, ist erfunden, das Produkt ist wirkungslos gegen Übergewicht.

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Moment warten laut Gesundheitsministerium 9.400 Patienten auf eine Organspende. (Symbolbild: pixabay)

von Tania Röttger

Ein Facebook-Beitrag verbreitet die Behauptung, Privatpatienten würden bei der Organspende bevorzugt. Die verlinkte Quelle sagt genau das Gegenteil aus.

Die Facebook-Seite „Medizin heute“ veröffentlichte das Bild am 6. Juni. Die Behauptungen: „Kassenpatienten werden zu Organspendern von Privatpatienten“, „Bald wird jeder deutsche Bürger automatisch zum Organspender, wenn er nicht schriftlich Widerspruch einlegt“ und „Privatpatienten werden auch bei Organspenden Kassenpatienten deutlich bevorzugt“.

Dazu ist eine angebliche Quelle angegeben, ein Link zum Stern. Der Artikel erschien vor mehr als 6 Jahren, am 5. September 2012.

Außerdem stehen die Behauptungen dort nicht drin, im Gegenteil: Der Stern entkräftet genau die Behauptung, Privatpatienten würden bei Organspenden bevorzugt. Mit der Quellenangabe wird anscheinend versucht, dem Bild Glaubwürdigkeit zu verleihen, in der Hoffnung, dass Facebook-Nutzer den Link aber nicht klicken sondern den Beitrag einfach teilen, was bisher mehr als 300 getan haben.

(Screenshot: CORRECTIV)

Erhalten Privatpatienten mehr Organspenden als gesetzlich Versicherte?

 

Hintergrund des Stern-Artikels: Im Jahr 2012 gab Gesundheitspolitiker der Grünen, Harald Terpe, bekannt, er habe errechnet, dass mehr privat Versicherte Organspenden erhielten als gesetzlich Versicherte. Faktenchecks wie der des Sterns, aber auch des Spiegels, widerlegten die Behauptung damals. Der Politiker habe Daten falsch interpretiert, war das Fazit.

Tatsächlich war das Verhältnis ungefähr so, wie auch die Verteilung der zwei Versicherungssysteme ist. Demnach gibt es ungefähr neun Prozent privat Versicherte, und auch von den Empfängern der Organspenden waren ungefähr neun Prozent privat versichert. Außerdem würden mehr Privatversicherte auf den Wartelisten für Organe sterben.

Sterberaten im Vergleich zwischen Privat- und Kassenpatienten. (Visualisierung auf Basis der Daten von Eurotransplant: Spiegel; Screenshot: CORRECTIV)

Auf Anfrage schickte uns Birgit Blome von der Deutschen Stiftung Organtransplantation die aktuelle Verteilung der Zahlen zu. Daraus geht hervor, dass gesetzlich Versicherte sogar leicht überrepräsentiert sind unter den Empfängern von Organspenden.

Verteilung von privat- und gesetzlich Versicherten unter den Empfängern von Organspenden. Zahlen für die Jahre 2004 bis 2018 (Quelle: Deutsche Stiftung Organtransplantation)

Dass Organe von Kassenpatienten an Privatpatienten gehen, ist natürlich möglich und auch wahrscheinlich, weil es deutlich mehr Kassenpatienten gibt. Das ist aber keine neue Entwicklung und hat mit den anderen Behauptungen nichts zu tun.

Aktuelle Debatte über Organspende

 

Aktuell gibt es Bestrebungen, ein anderes Organspende-System einzuführen, durch das Menschen automatisch Organspender sind, es sei denn, sie widersprechen. Dieser Vorschlag kommt von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), einzelne Politiker der SPD, Linke und CSU tragen ihn mit.

Die Idee: Menschen sollen zunächst Informationen erhalten, danach werden sie als Organspender registriert, außer sie widersprechen. Wenn eine Person stirbt, werde auch das Umfeld gefragt, ob die Person der Organspende zu Lebzeiten widersprochen habe. Das letzte Wort hätte also gegebenenfalls die Familie. Das nennt sich „doppelte Widerspruchslösung“.

Die Begründung für den Gesetzentwurf von März 2019 ist, dass 9.400 Patienten auf eine Organspende warten, im Jahr 2018 aber nur 955 Organe gespendet wurden. In Deutschland hätten 36 Prozent der Bevölkerung einen Spendeausweis, obwohl einer Umfrage zufolge 84 Prozent bereit wären, zu spenden.

Ein Gegenentwurf kommt von Politikern der Grünen, und der FDP, den auch einzelne CDU und SPD-Politiker mittragen. Sie haben am 6. Mai 2019 einen Gesetzentwurf vorgestellt, mit dem die Spendebereitschaft gefördert werden soll, indem Menschen ihre Entscheidungen leichter dokumentieren lassen können.

Anmerkung, 2. Juli 2019: Wir haben eine Stelle im Text angepasst um richtig zu stellen, dass die Deutsche Stiftung Organtransplantationen Zahlen der transplantieren Patienten nach Privat- und gesetzlicher Versicherung zur Verfügung hat. Wir haben auch die Statistik dazu aktualisiert. Bei der ursprünglichen Veröffentlichung dieses Faktenchecks hatten wir von der Stiftung zunächst die Zahlen bis 2015 erhalten.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch: Es gibt keine Hinweise darauf, dass Privatpatienten bei Organspenden bevorzugt werden. Die angegebene Quelle ist veraltet und beschreibt genau das Gegenteil von dem, was sie belegen soll.