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Tania Röttger

Leiterin CORRECTIV.Faktencheck

Tania befasst sich seit ihrem Berufseinstieg mit Fakten. Für die Request Initiative half sie NGOs in London dabei, sich mithilfe von Auskunftsrechten Informationen zu beschaffen. Zurück in Deutschland stellte sie eine Urteilsdatenbank zum Presserecht für Netzwerk Recherche und CORRECTIV zusammen. Sie ist Co-Autorin eines Ratgebers zu Auskunftsrechten und gibt Workshops zu diesem Thema. Von Januar 2016 bis Dezember 2017 volontierte sie bei CORRECTIV. 

E-Mail: tania.roettger(at)correctiv.org
Twitter: @tanroet

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In Hong Kong auf der Straße: Ein Mann und eine Frau mit ihren Hunden am 4. Februar 2020. (Symbolbild: picture alliance / AP Photo)

von Tania Röttger

Ein angeblicher Aufruf verschiedener chinesischer Behörden soll das Töten von Haustieren zum Schutz vor der Verbreitung des neuen Coronavirus fordern. Wir konnten aber nur einen Aufruf finden, in dem es um Straßentiere geht.

Ein Artikel auf der Webseite Deine Tierwelt behauptet am 4. Februar, China habe die Schlachtung von Haustieren angeordnet – im Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus (Covid-19). Der Beleg seien Aufrufe in der Provinz Hebei und „anderen Städten“. Bisher wurde der Text mehr als 13.000 Mal auf Facebook geteilt.

Die Quelle für den Text ist eine Webseite, die auf Englisch in Spanien publiziert: Euro Weekly News. Die Redaktion habe ein Schreiben „von einer lokalen Quelle vor Ort“ erhalten, laut dem ein nicht genannter Ort in der Provinz Hebei dazu aufrufe, Haushalte sollten sich innerhalb von fünf Tagen mit ihren Haustieren befassen („to deal with“). Außerdem habe ein Komitee in der Provinz Shaanxi gefordert, dass Anwohner sofort ihre Haustiere entsorgen sollen.

Das ist die angebliche Faktenlage von Euro Weekly News, auf der die Behauptung basiert. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben die Betreiber der Webseite am 11. Februar per E-Mail angefragt, ob sie uns die genannten Schreiben zuschicken können, damit wir sie verifizieren können. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Keine Haustiere – aber Straßenhunde 

Huian Ho, eine chinesischsprachige Kollegin vom Taiwan FactCheck Center, suchte außerdem für uns nach offiziellen Meldungen von chinesischen Behörden. Sie fand keine konkreten Anweisungen für Haustiere, dafür aber für Straßenhunde. 

Zum Beispiel im Kreis Jinzhai, der laut Google Maps etwa drei Stunden mit dem Auto von der Stadt Wuhan entfernt liegt, wo das Virus zuerst entdeckt wurde. Auf der offiziellen Regierungswebseite von Jinzhai findet sich das Schreiben eines Bürgers, in dem er fordert, die Tötung von Hunden und Katzen zu beenden. Er meint, sie geschehe als Folge von Gerüchten.

Das Schreiben eines Bürgers, übersetzt mit Google Translate. (Screenshot: CORRECTIV)

Doch die Stadtverwaltung stimmte ihm nicht zu. Sie antwortete, Straßenhunde zu töten solle die Ausbreitung des Virus verhindern.

Die Antwort der Stadtverwaltung, übersetzt mit Google Translate – eine genauere Übersetzung erhielten wir von unserer Kollegin aus Taiwan. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO: Von Haustieren geht keine Gefahr aus 

Der Artikel von Deine Tierwelt verweist selbst auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Denn diese hat sich mit dem Gerücht beschäftigt, Haustiere könnten das Virus übertragen. Sie kommt daraufhin zu dem Schluss, dass es im Moment keine Belege dafür gebe, dass Haustiere wie Hunde oder Katzen mit dem Virus infiziert werden können.

Die WHO entkräftet das Gerücht, Haustiere könnten das Coronavirus übertragen. (Screenshot: CORRECTIV)

Allerdings empfiehlt die WHO auch, sich unter anderem von Straßenhunden und -katzen fern zu halten, wenn man sich auf einem Tiermarkt befindet.

Aus den Empfehlungen der WHO, wie man sich vor dem Virus schützen kann. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch – es gibt keine Belege, dass chinesische Behörden das Töten von Haustieren fordern, dafür aber, dass sie die Tötung von Straßenhunden hinnehmen. Die WHO sagt, von Haustieren gehe keine Gefahr aus.

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Gibt es schon ein Patent für das neue Coronavirus in China? Nein – etwaige Patente sind für andere Arten von Coronaviren. (Foto: Ein Mediziner im Wuhan Union Krankenhaus am 28. Januar 2020; picture alliance / Xinhua News Agency)

von Tania Röttger

Über das neuartige Coronavirus kursiert das Gerücht, es sei bereits patentiert. Manche meinen daher, das Virus sei von „Eliten“ kreiert. Oder Bill Gates habe etwas damit zu tun. Es gibt bestehende Patente, allerdings für andere Arten von Coronaviren, nicht für jenes, das gerade in China grassiert.

Am 23. Januar 2020 veröffentlichte die Webseite Connectiv Events einen Text mit dem Titel: „Coronavirus ist ein patentierter Virus – alles über die Patente“. Darunter folgt eine Liste unterschiedlicher Patente, die das Wort Coronavirus enthalten und sich laut Connectiv Events angeblich alle auf das neue Coronavirus beziehen. Mehr als 2.000 Mal wurde der Beitrag auf Facebook geteilt. Ein fast identischer Artikel erschien zuvor am 22. Januar auf der amerikanischen Webseite USA Hitman

Manche Kommentare, mit denen der Text von Connectiv Events geteilt wird, legen nahe, dass dahinter eine Verschwörung vermutet wird. So schreibt zum Beispiel ein Nutzer in der Facebook-Gruppe „Qanon deutsche Blumberger“: „Der Corona Virus ist im Labor gezüchtet worden: von der selbsternannten Elite.“

Ein Facebook-Beitrag, in dem behauptet wird, der Virus sei ein Produkt der sogenannten „Eliten“. (Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherche ergab: Es gibt die genannten Patente, manche sind allerdings nur angemeldet und nicht erteilt. Sie haben außerdem nichts mit dem aktuellen, neuartigen Coronavirus aus China zu tun, sondern mit vorigen Virenarten. 

Am 31. Dezember 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) über die ersten Verdachtsfälle des neuen Coronavirus benachrichtigt. Das Virus breitet sich seitdem in China aus. Bisher (Stand 28. Januar) sind laut Science Media Center 107 Menschen daran gestorben und mehr als 4.400 Menschen nachweislich infiziert, 65 davon im nicht-chinesischen Ausland.

Was sind Coronaviren und was steckt hinter den Patenten?

Laut der WHO sind Coronaviren „eine große Familie von Viren“. Sie würden Krankheiten hervorrufen, die von einer Erkältung bis hin zu schwereren Erkrankungen wie SARS und MERS reichen könnten.

Die WHO hat Antworten auf gängige Fragen zum Coronavirus veröffentlicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Art, die gerade in China grassiert, nennt die WHO vorübergehend 2019-nCoV oder „novel Coronavirus“, also neues Coronavirus. Dieser Name wird laut WHO für neue Stämme des Virus vergeben, die bisher noch nicht in Menschen identifiziert wurden. Manche Medien nennen es auch „Wuhan Coronavirus“, nach der chinesischen Stadt, in der zuerst auffällige Fälle von Lungenentzündung auftauchten.

Die Patente, die verschiedene Internet-Nutzer nun mit mehr oder weniger expliziten Verschwörungstheorien verbreiten, beziehen sich auf die Virenstämme von MERS (bekannt seit 2012), SARS (bekannt seit 2003), oder auch dem Virus der Infektiösen Bronchitis, das Geflügel befällt. Auf das neue Coronavirus gibt es kein Patent. Es wurde erst Anfang Januar bestätigt, nachdem es keiner bisher identifizierten Arten des Coronavirus zugeordnet werden konnte.

Immer wieder Kontroversen über Patente

„Beispielsweise können abgeschwächte Viren patentrechtlich geschützt werden“, sagt Kaaweh Molawi gegenüber CORRECTIV. Molawi ist Patentanwalt in den Bereichen Biotechnologie und Pharma. Wozu das sinnvoll ist? Zum Beispiel für Lebendimpfstoffe, so Molawi. Darin werde das Virus in abgeschwächter Form benutzt. Es mache dann nicht mehr krank, könne aber Immunität erzeugen. Abgeschwächtes Virus heißt „attenuated virus“ auf Englisch. 

 Zu beachten sei außerdem, dass manche der in den Behauptungen genannten Patentschriften nur Patentanmeldungen sind, und keine erteilten Patente. Normalerweise sind Patentnummern, die hinten ein A haben, Anmeldungen. Erteilte und eingetragene Patente haben hinten hingegen meist ein B, so der Patentanwalt. 

Kontroversen über Patente gab es bereits im Zusammenhang mit MERS. Im Jahr 2013 war die Befürchtung, sie könnten Forschung zu dem Virus verhindern. Darüber schrieb das Science Mag, und auch der Schweizer Rundfunk widmete sich dem Thema in einer Sendung. Fazit beider Medien damals: Es ist theoretisch möglich, dass Patente Forschung blockieren, aber in vergangenen Fällen konnten sich die unterschiedlichen Parteien – Länder, Forschung und Pharma-Firmen – einigen.

Behauptung: Ein von Bill Gates finanziertes Institut besitze ein Patent am aktuellen Coronavirus

Eine andere Behauptung, diesmal von der Webseite Unsere Natur, die laut Crowdtangle mehr als 1.200 Mal auf Facebook geteilt wurde: Das „derzeit um sich greifende Corona-Virus“ sei „keineswegs natürlichen Ursprungs“. Beleg dafür sei ein Patent, welches das britische Pirbright Institut (auf manchen Webseiten auch falsch als Pilbright Institut aus den USA bezeichnet) seit dem Jahr 2018 besitze – ein Patent „für das Corona-Virus“. Zudem sei „verdächtigerweise die Bill & Melinda Gates Stiftung ein ‘Hauptfinanzierer’ des Pirbright-Instituts“. 

Die Artikel verlinken auf ein US-Patent, das im Jahr 2015 angemeldet wurde, oder sie verweisen auf das Äquivalent in Europa. Es wurde tatsächlich im Jahr 2018 erteilt und trägt seitdem die Nummer US10130701B2 beziehungsweise EP3172319B1 für Europa.

Die Erfindung, für die das Pirbright Institut ein Patent erhalten hat, ist ein lebendes, abgeschwächtes Coronavirus, das als Impfstoff fungieren soll, um „infectious bronchitis“, also Infektiöse Bronchitis (IBV), zu behandeln oder zu verhindern.

So beschreibt das Pirbright Institut seine Erfindung, die im Jahr 2018 patentiert wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Inzwischen hat das Institut selbst auf seiner Webseite auf die Behauptungen im Netz reagiert. Es forsche nicht an menschlichen Coronaviren.

Auszug aus dem Statement, mit dem das britische Pirbright Institut auf die Behauptungen reagiert. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das Zertifikat sei für das Virus der Infektiösen Bronchitis, ein Coronavirus für Geflügel.

In einer Broschüre der Landwirtschaftskammer Niedersachsen über Legehennen beschäftigt sich ein ganzes Kapitel mit diesem Virus (PDF, ab S. 63). Im Zusammenhang mit einer Ansteckung von Menschen taucht das Virus der Infektiösen Bronchitis aber nicht auf.

 Zudem ist das Zertifikat für ein abgeschwächtes Virus, der, wie oben beschrieben, für eine Lebendimpfung genutzt werden kann – nicht für „den Coronavirus“ an sich. Außerdem, so das Institut, habe die Bill & Melinda Gates Stiftung den Forschungsbereich nicht finanziert, sondern ein anderes Projekt – mit 5,5 Millionen US-Dollar. Nämlich den Livestock Anti-Body Hub (Zentrum für die Abwehrstoffe von Tieren), mit dem erforscht werden soll, wie Tiere besser vor Krankheiten geschützt werden können.

Nein, Bill Gates hat das Coronavirus nicht vorhergesagt

Bill Gates soll zudem bereits im Oktober 2019 vor dem Coronavirus gewarnt beziehungsweise den Ausbruch mit 65 Millionen Toten vorhergesagt haben. Vermischt mit der Patent-Behauptung schwingt der Vorwurf mit, Gates sei für den Virus verantwortlich, oder könnte sich daran bereichern. Beides ist falsch.

Die Behauptung basiert auf einer Übung, die im Oktober des vergangenen Jahres stattfand und an der unter anderem die „Bill & Melinda Gates“-Stiftung teilnahm. Sie hieß Event 201. Tatsächlich übte man dort den Ausbruch einer Pandemie. Inzwischen erschien auch auf dem Veranstaltungsportal eine Meldung, in der es um die Gerüchte geht. Man habe auf der Veranstaltung keine Prognosen für die Zukunft gemacht, heißt es dort. Und obwohl es um ein fiktives neues Coronavirus gegangen sei, hätten die Voraussetzungen in der Übung nicht denen des nCoV-2019 geähnelt, also dem aktuellen in China ausgebrochenen Coronavirus.

Das Statement, in dem auf die Gerüchte eingegangen wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Tatsächlich warnt Bill Gates aber schon seit mehreren Jahren vor Pandemien, darüber berichtete etwa die FAZ im Februar 2017

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch: Es gibt vielerlei Zertifikate über Coronaviren, aber die sind für andere Arten, nicht das aktuelle neue Coronavirus aus China. Bill Gates hat den Ausbruch nicht vorher gesagt.

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Im Jahr 2014 stand Deutschland das Evakuierungssystem der eigens ausgestatteten Robert-Koch-Maschine zur Verfügung. Das wurde laut Medienberichten aber nach zehn Monaten aufgegeben. Nun soll ein neues, langfristiges Transportsystem für Ebola-Patienten her. (Foto: Cuneyt Karadag / picture alliance / AA)

von Tania Röttger

Es gibt reißerische Behauptungen darüber, dass Ebola-Patienten nach Deutschland evakuiert werden sollen. Angeblich koste ein Patient den deutschen Steuerzahler zwei Millionen Euro, und angeblich drohe eine Masseninfektion. Beides ist nicht richtig.

Am 6. Januar erschienen mehrere Berichte über ein Vorhaben des Auswärtigen Amtes und von Außenminister Heiko Maas: Demnach sollen Ebola-Kranke aus dem Kongo nach Deutschland evakuiert werden.

Die Webseite PI-News behauptete dazu: „Ein Patient kostet unser Gesundheitssystem rund zwei Millionen Euro“. Die Webseite Anonymous News meint, den Grund für die Pläne gefunden zu haben: „Heiko Maas will für Massen-Ebola-Infektion in Deutschland sorgen“. Beide Artikel wurden laut dem Analysetool Crowdtangle je mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben recherchiert, was hinter der Geschichte steckt: Tatsächlich gibt es Pläne, an Ebola erkrankte Menschen zur Behandlung nach Deutschland zu evakuieren – und zwar deutsche Ärzte und Helfer. Außerdem geht es darum, ein sicheres Transportsystem für die Patienten zu bauen. Die zwei zusätzlichen Behauptungen von PI-News und Anonymous News sind jedoch falsch. 

Die Artikel von PI-News (links) und Anonymous News (rechts). (Screenshots: CORRECTIV)

Zunächst hatte der Spiegel am 3. Januar berichtet, das Auswärtige Amt bereite eine „Evakuierung von Ebola-Kranken“ vor. Ein Sprecher der Behörde bestätigte den Bericht auf der Regierungspressekonferenz am selben Tag. Dabei betonte er aber, es gehe um ein spezielles Transportsystem für die Evakuierung von Erkrankten. Andere Medien übernahmen die Meldung und manche, wie PI-News und Anonymous News, fügten ihr einen speziellen Dreh hinzu.

Protokoll der Regierungspressekonferenz vom 3. Januar 2020. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Transportsystem soll Ebola-Masseninfektion verhindern

Die Behauptung, das Außenministerium wolle für eine Masseninfektion mit Ebola in Deutschland sorgen, leitet Anonymous News nur davon ab, dass es ein System für den Transport von Infizierten geben soll. Tatsächlich soll das System gerade verhindern, dass andere auf dem Transportweg der Patienten infiziert werden. 

Das Projekt soll die Evakuierungsmöglichkeiten ergänzen, die das Amt für jede Art von Deutschen Helfern im Ausland habe. In Europa gebe es im Moment kein System, um infizierte Helfer zu evakuieren, heißt es auf Anfrage von CORRECTIV aus dem Auswärtigen Amt. Nun will Deutschland ein eigenes bauen – die EU habe in Aussicht gestellt, das zu finanzieren. Ebola-Patienten seien nur ein Beispiel, für wen das System genutzt werden könnte.

Wer soll evakuiert werden?

Anonymous News behauptet außerdem, es sollen „kranke Afrikaner“ geholt werden. Auf die Frage, für wen das System gebaut werde, teilt das Auswärtigen Amt mit: Primär deutsche Helfer. Auch im ursprünglichen Spiegel-Artikel steht: „Deutsche mit gefährlichen Infektionskrankheiten sollen […] aus Krisenregionen ausgeflogen werden“.

Die Spiegel-Meldung machte klar, dass die Maßnahmen deutschen Helfern zugutekommen sollen. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Und wenn die Transportmodule gebaut sind, will Deutschland sie auch anderen europäischen Ländern oder Organisationen zur Verfügung stellen. Der Pressesprecher nannte auf der Bundespressekonferenz die Weltgesundheitsorganisation WHO als Beispiel.

Protokoll der Regierungspressekonferenz vom 3. Januar 2020. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

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Nein, keine zwei Millionen Euro pro Patient und nein, Deutsche sollen nicht zahlen

Die Behauptung, ein Ebola-Patient koste zwei Millionen Euro, belegt PI-News mit einem eigenen Artikel aus dem Jahr 2014. Dieser Artikel beruht wiederum auf einer Spiegel-Meldung vom 19. Oktober 2014. Demnach waren die Kosten für die Behandlung eines Ebola-Patienten im Uniklinikum Hamburg-Eppendorf zunächst auf 300.000 Euro geschätzt worden, „nach Spiegel-Informationen könnten sie sich auf insgesamt rund zwei Millionen Euro summieren“, hieß es in dem Artikel. 

Wir haben bei der Hamburger Klinik nachgefragt, wie hoch die Kosten tatsächlich waren und wer sie gezahlt hat. Von dort kam die Antwort, dass es 300.000 Euro gewesen seien – nicht die spekulierten zwei Millionen Euro. Sprecherin Saskia Lemm schrieb uns per E-Mail: „Woher die Schätzung aus der Berichterstattung kommt, ist mir nicht bekannt. Die Behandlungskosten lagen bei rund 300.000 Euro und wurden größtenteils von der WHO übernommen.“

E-Mail des Klinikums, in dem im Jahr 2014 ein Ebola-Patient behandelt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben auch das Auswärtige Amt gefragt, mit welchen Behandlungskosten es für die künftig Evakuierten rechnet. Als Antwort kam keine konkrete Zahl. Man teilte uns aber mit: „Die Kosten eines solchen Transports trägt grundsätzlich die anfragende Person oder Institution. In der Regel haben die Betroffenen eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen, die auch die Kosten für eine Rückholung übernimmt.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt Pläne, deutsche Helfer, die sich mit hochansteckenden Krankheiten infiziert haben, nach Deutschland zu evakuieren. Die Behauptungen, ein Ebola-Patient koste zwei Millionen Euro und das Evakuierungsprogramm solle in Deutschland für Masseninfektion sorgen, sind falsch.

Falschmeldungen_Jahresrückblick
Im vergangenen Jahr wurden viele falsche Informationen verbreitet. Doch ob etwas eine Lüge ist, können wir in den meisten Fällen nicht sagen – denn zur Lüge gehört Intention, die wir nicht beweisen können. (Collage: Ivo Mayr)

von Tania Röttger

Manipulierte Bilder aus dem Amazonas, erfundene Verbrechen und Gerüchte über Greta Thunberg: 2019 zeigte einmal mehr, wie viral Falschmeldungen gehen können. Wir haben die meistgeteilten, die wir entlarvt haben, zusammengesucht – und die Faktenchecks, für die sich unsere Leser am meisten interessiert haben.

Ein weiteres Jahr mit zahlreichen Faktenchecks liegt hinter uns. Wir sahen zum Beispiel neue Klimabewegungen aufkommen, und wie manche versuchten, sie mit Falschmeldungen zu diskreditieren. Wir haben die Wahlen für das Europäische Parlament begleitet und beobachteten dabei weniger Desinformation, als im Vorfeld befürchtet wurde. Unser Team wurde angefeindet, aber erhielt auch viele unterstützende Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. 

In unserem Jahresrückblick 2019 zeigen wir Ihnen wir die fünf meistgeteilten Falschmeldungen des Jahres, die wir geprüft haben. Sie wurden auf Facebook am stärksten verbreitet und erreichten so möglicherweise Millionen Menschen. Und wir haben auch unsere fünf meistgelesenen Faktenchecks herausgesucht.

Die fünf meistgeteilten Falschmeldungen, die wir 2019 entlarvt haben

1. Nein, es gibt keine Hinweise auf Crystal Meth, das als „Brausepulver“ an Schulen kursiert

Dieses Bild kursiert seit 2016 auf Facebook, enthält aber eine falsche Warnung. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 66.000 Mal auf Facebook geteilt.

Zum Faktencheck

2. Verkürztes Sat1-Video über Flüchtlingsfamilie verbreitet sich

Mitglieder der Familie aus dem Sat1-Film. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Video über eine elfköpfige Flüchtlingsfamilie wird wieder geteilt. Darin geht es unter anderem um Geld, das die Familie erhält. Das Video ist echt, aber tendenziös verkürzt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 60.000 Mal auf Facebook geteilt.

Zum Faktencheck

3. Dieses Bild stammt nicht aus dem Amazonasgebiet, sondern aus Indien und wurde nachbearbeitet

Ein dramatisches Bild, das aber nicht die Feuer im Amazonas zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Netz sind Bilder im Umlauf, die Nutzer fälschlicherweise mit den aktuellen Bränden im Amazonas-Gebiet in Verbindung bringen. Das eines schreienden Affen wird zehntausendfach auf Facebook geteilt, obwohl es 2017 in Indien entstand.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 57.000 Mal auf Facebook geteilt.

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4. Vergewaltigung in Lüneburger Kurpark 2016? Ermittlungen wurden wegen „erheblicher Zweifel“ an den Darstellungen eingestellt

In einem Artikel von 2016, der aktuell wieder tausendfach geteilt wird, ist von einer angeblichen „Gruppenvergewaltigung durch Islamisten“ in Lüneburg die Rede. Die Polizei sagt gegenüber CORRECTIV: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat es diese Tat nicht gegeben.“

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 53.000 Mal auf Facebook geteilt.

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5. Dieses Video von einem Mann, der eine Frau schlägt, ist weder aktuell noch stammt es aus Deutschland

Standbild aus dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem alten Video, das momentan wieder häufig auf Facebook geteilt wird, ist zu sehen, wie ein Mann eine Frau im Beisein ihrer Kinder attackiert. Viele Nutzer gehen offenbar davon aus, dass der Täter noch nicht gefasst ist und der Vorfall in Deutschland stattfand. Das ist nicht richtig.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 52.000 Mal auf Facebook geteilt.

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Unsere meistgelesenen Faktenchecks des Jahres

1. Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

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2. Manipuliertes Foto von Greta Thunberg wird zehntausendfach geteilt

(Screenshot: CORRECTIV)

Nach wie vor versuchen Menschen im Netz, mit Behauptungen über die Klimaaktivistin Greta Thunberg Stimmung zu machen. Aktuell wird ein offensichtlich gefälschtes Bild der 16-Jährigen verbreitet.

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3. Nein, dieses Video zeigt keine Zuwanderung von „1.000 Afrikanern“, sondern Menschen auf dem Weg zur Arbeit

Ein Video vom Bahnhof Ashausen wird massiv im Internet verbreitet. Darauf zu sehen ist eine sehr große Gruppe Menschen, die gemeinsam aus dem Zug steigt. Unsere Recherchen zeigen: Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. 

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4. Claudia Roth hat nicht das Gesetz gebrochen, als sie den Bundestag trotz weniger Anwesender für beschlussfähig erklärt hat

Dieses Bild wurde von verschiedenen AfD-Konten auf Facebook geteilt. Doch die Behauptung stimmt nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Bundestagssitzung vom 27. Juni 2019 hat Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth den Antrag der AfD auf einen sogenannten Hammelsprung abgelehnt. Das Gesetz hat sie damit nicht gebrochen.

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5. Nein, 2017 gab es nicht 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge

Ein bekannter Facebook-Nutzer sagt in einem Video, in Deutschland messe man Taten von Rechtsextremen zu viel Bedeutung bei angesichts von angeblich 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge 2017. Doch diese Zahl stimmt nicht.

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Ein Mann, der einem Mädchen eine Wunde schminkt – dieses Bild soll Manipulation in Syrien belegen. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Seit einigen Jahren wird eine Collage verbreitet, die belegen soll, dass mit gefälschten Bildern über das Leid der Assad-Gegner im Syrien-Krieg berichtet wird. Wir konnten aber keine Berichte finden, in denen die Fotos so genutzt wurden. Zudem tauchten sie, ebenso wie die Collage, zuerst im Zusammenhang mit dem Krieg im Jemen auf.

Ein Artikel mit dem Titel „Nimm die rote Pille! – Manipulierte Geschichten aus Syrien“ auf der Webseite des Kopp Verlag zeigt eine Collage als Beispiel für eine angebliche Manipulation der Öffentlichkeit. Auf dem ersten Foto liegt ein offenbar verletztes oder totes Mädchen auf einem schmutzigen Boden, mit roten Spritzern um sich herum. Auf dem zweiten schminkt ein Mann einem ähnlich angezogenen Mädchen blutige Wunden ins Gesicht. Ob es sich um dasselbe Kind handelt, ist unklar, da ihr Gesicht nicht erkennbar ist. Dieser Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle ab dem 17. April 2018 von mehreren Facebook-Seiten mehr als 800 Mal geteilt.

In einem Artikel vom 15. April 2018 auf dem Blog Alles Schall und Rauch soll die Collage belegen, „wie „‘Opfer von Assad’ für eine Inszenierung von den Terroristen hergerichtet werden“. 

Der Blog „Alles Schall und Rauch“ bringt dieses Bild in Verbindung mit Syrien. (Screenshot: CORRECTIV)

Deutsche und russische Webseiten: Fotos zeigen Maskerade für Syrien-Krieg

Die Bilder-Collage wurde unseren Recherchen nach Ende August 2016 in Zusammenhang mit Syrien gebracht. Zum Beispiel veröffentlichte sie der Twitter-Account Novosyria am 26. August 2016 mit folgendem Text auf Russisch: „So ‘gezielt’ macht man Bombenopfer.“ Andere russische Webseiten schrieben: „So macht man ‘Opfer’ Assads.“ 

Russlands Militär unterstützt den syrischen Präsidenten Bashar al Assad. Dieser Allianz werfen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vor, Kriegsverbrechen gegen das syrische Volk zu begehen und begangen zu haben. 

Ein Nutzer auf Twitter teilte die Bilder am 26. August 2016. Auf Russisch steht darüber: „So ‘gezielt’ macht man Bombenopfer.“ (Screenshot: CORRECTIV)

Wir fanden keine Berichte in deutschen Medien, die das Bild des Mädchens verwenden, um über Kriegshandlungen von Assads Regierung zu berichten. Allerdings fanden wir mehrere Hinweise darauf, dass das Foto nicht aus Syrien, sondern aus dem Jemen stammt. 

Bild tauchte zuerst im Kontext des Jemen-Kriegs auf

Das Bild, in dem das Mädchen auf dem Boden liegt, fanden wir als Teil einer Bildstrecke auf der Webseite der iranischen Nachrichtenagentur FARS. Dort tauchte es auf, um Kriegsverbrechen im Jemen durch Saudi-Arabien zu bebildern. 

Das Foto des Mädchens in einer Bildstrecke der iranischen Nachrichtenagentur FARS. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Jemen stehen sich Huthis und eine von Saudi-Arabien geleitete Koalition gegenüber. Am 26. März 2015 eskalierte der Konflikt durch einen Luftangriff der Saudi-Arabier auf die Huthis. Es gibt umstrittene Behauptungen, der Iran würde die Huthi-Rebellen unterstützen.

Die Fotostrecke von FARS trägt das Datum 26. März – keine Jahreszahl. Allerdings taucht das erste Bild aus der Strecke in anderen Medienberichten über den Luftangriff Saudi-Arabiens 2015 im Jemen auf, zum Beispiel in der Financial Times. Diese Artikel sind vom 26. März 2015, das Foto stammt von der Nachrichtenagentur Reuters. Es liegt also nahe, dass die Fotostrecke von FARS ebenfalls von 2015 stammt.  

Das gleiche Bild mit einem anderen Bildausschnitt in einer Bildstrecke auf der Seite der iranischen Nachrichtenagentur (links) und in einem Artikel der Financial Times. Das Datum stimmt bis auf die fehlende Jahreszahl überein. (Screenshots und Markierung: CORRECTIV)

Gerüchte über Manipulation

Die Behauptung, das Bild des Mädchens sei gefälscht, stellten Twitter-Nutzer einen Monat später auf, am 12. April 2015. Dies ergab eine Bildersuche bei Tineye. Ein Nutzer schrieb laut Google Translate: „Die Huthis haben keine Grenzen in ihren Lügen, sie malen auf Kindergesichter [um] zu behaupten, sie [seien] Opfer“. 

Unter einen anderen Tweet, der ebenfalls am 12. April die Collage teilte, kommentierte jemand, die Huthis würden „die Unschuld von Kindern beschmutzen“ und sie für Propaganda nutzen, um Saudi-Arabien zu verleumden. Die Nutzer unterstellen den Huthis offenbar, die Angriffe Saudi-Arabiens zu erfinden oder ihre Konsequenzen zu übertreiben. Im Gegensatz dazu gibt es, wie oben geschildert, Medienberichte und Berichte von Menschenrechtsorganisationen, die Saudi-Arabien klar als Initiatoren von Luftangriffen sehen.

Einer der Tweets enthält auch die Nahaufnahme des Gesichts eines Mädchens. Dieses Bild ist offenbar ein Screenshot von einem Facebook-Beitrag. Der wurde am 28. März auf Facebook gepostet. Also in der Zeit nach der iranischen Bildstrecke und vor dem Tweet, der behauptet, die Bilder seien gestellt.

Rechts das Bild, das am 28. März auf Facebook geteilt wurde, links das Bild aus dem Tweet vom 12. April 2015, in dem behauptet wird, das Mädchen sei nicht verletzt, es sei nur geschminkt. Mit Blau hervorgehoben: Ähnlichkeiten auf den Bildern. (Screenshots und Markierungen: CORRECTIV)

Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass zumindest dieses Bild mit dem zweiten Schmink-Bild zusammenhängt: Die Wunde verläuft ähnlich; ein Ohrring ist sichtbar; dem Mädchen hängt eine Jacke über der Schulter, schwarz-weiß gewebt, die der Jacke des Mannes gleicht, der das Mädchen schminkt.

Fazit

Offensichtlich tauchte das Foto eines verletzten Mädchens, das am Boden liegt, zuerst in einem iranischen Medium im Zusammenhang mit Luftangriffen im Jemen auf. Kurz darauf erscheint es in einer Collage mit Schminkbildern kombiniert, mit der Behauptung, die Huthis hätten das Foto inszeniert und würden Opfer erfinden. Ein Jahr später wurde die Collage dann in ähnlichen Behauptungen über Syrien genutzt. 

Wir konnten nicht herausfinden, ob das Mädchen, das auf dem Boden liegt, dasselbe Mädchen ist, das der Mann schminkt. Es gibt aber Belege von Nachrichtenagenturen, dass es zu der Zeit saudische Luftangriffe im Jemen gab, bei denen auch Menschen verletzt wurden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Bilder werden nach unseren Recherchen nicht von deutschen Medien als Belege für das Leid von Assad-Gegnern in Syrien genutzt.

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Eines der zwei Bilder in einem aktuellen Facebook-Beitrag. Sie sollen angeblich uigurische Inhaftierte in China zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

In einem Facebook-Beitrag sind zwei Bilder zu sehen, die angeblich inhaftierte Uiguren in China zeigen. Das stimmt nicht.

Ein Facebook-Beitrag der Seite „Erdogan in Deutschland“ suggeriert in einem Beitrag vom 10. Dezember, auf den zwei dazu hochgeladenen Bildern seien inhaftierte Uiguren in China zu sehen. Die Bilder sind wohl von einem viralen Instagram-Post kopiert, zu dem wir bereits einen Faktencheck veröffentlicht haben. Der Kanal heißt „Das Erwachen“, die Bilder tragen das Symbol davon.

Wir haben das überprüft.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Bild stammt aus Indonesien

Wir haben das Bild bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen, es führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Bild im Facebook-Beitrag ist ein Screenshot des Videos, das unter anderem auf Instagram verbreitet wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Es handelt sich hier also um ein Standbild eines Videos aus Indonesien, das spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurde und nichts mit den Uiguren in China zu tun hat. 

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden.

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Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die beiden Bilder zeigen keine in China inhaftierte Uiguren.

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Diese Videos und Bilder auf Instagram bekommen gerade viel Aufmerksamkeit und Likes. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

Ein Instagram-Beitrag mit mehreren hunderttausend Likes suggeriert anhand eines grausamen Videos und mehrerer Fotos, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um inhaftierte Uiguren in China. Das stimmt nicht.

In einem Beitrag der Instagram-Seite „Das Erwachen“ vom 10. Dezember sind ein Video und eine Zusammenstellung mehrerer Bilder zu sehen, die angeblich Uiguren in chinesischen Internierungslagern zeigen sollen. „China aktuell – und die Welt schaut weg“, steht darüber. Mehr als 340.000 Menschen vergaben ein „Gefällt mir“. 

Eine Leserin machte uns auf den Instagram-Beitrag aufmerksam.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Video stammt aus Indonesien

Das erste Video zeigt, wie drei Männer nackt oder halbnackt auf dem Boden liegen und von zwei Männern gepeitscht werden. 

Ein Screenshot des Videos, den wir bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen haben, führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Video im Instagram-Beitrag von „Das Erwachen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Fazit: Es handelt sich hier also um Videos aus Indonesien, die spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurden und nichts mit den Uiguren in China zu tun haben. 

Inzwischen hat der Instagram-Kanal in seinen Kommentar zum Beitrag geschrieben: „Achtung Video Quelle ist aus Indonesien, Bilder aus China!!!“. Der erste Teil stimmt, wie oben gezeigt, der zweite nur teilweise.

Das zweite Video zeigt verschiedene Fotos

Beim zweiten Video des Instagram-Beitrags handelt es sich um eine Zusammenstellung verschiedener Fotos, beziehungsweise Screenshots von anderen Beiträgen auf Sozialen Netzwerken. Am Ende wird noch einmal suggeriert, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um Uiguren in einem Internierungslager. Im Beitragstext schreiben die Verfasser, die Bilder seien aus China. Wir haben alle Fotos überprüft:

Das erste Foto ist von 2003, es zeigt einen iranischen Aktivisten in Nottingham

Über dem ersten Foto steht in türkischer Sprache:Wenn Du eine Unterdrückung/Grausamkeit nicht verhindern kannst, dann verbreite sie wenigstens (hz. Ali). In Osttürkistan findet ein Massaker statt. Die Folter, die einem Muslim angetan wird.“

Das erste Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zur Stockfoto-Datenbank Alamy, in der das Foto zu finden ist. Bei dem Mann handelt sich der Beschreibung zufolge um einen 33-jährigen geflüchteten Iraner, der in England gegen die Behandlung von Geflüchteten protestierte. Das Bild sei am 25. Mai 2003 entstanden. 

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Bing führt außerdem zur Bilder-Datenbank Gettyimages, dort ist ein Foto des Mannes zwei Tage später (27. Mai 2003) zu finden. Dazu heißt es: „Der iranische Asylbewerber Abas Amini mit geschlossenen Augen, Ohren und Mund am 27. Mai 2003 in Nottingham, England. Amini hat mit dieser Maßnahme gegen die Anfechtung seines erfolgreichen Asylantrags durch das Innenministerium protestiert.“

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden. Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Keines der drei Fotos im dritten Bild, einer Collage, zeigt nachweislich inhaftierte Uiguren

Das dritte Bild ist eine Foto-Collage. Bei dem Mann im oberen Bild handelt es sich nach einer Rückwärtssuche über Yandex offenbar um Zheng Shoujun. Er wurde laut eines Blog-Beitrags von 2004 angeblich im Jahr 2001 von Polizeibeamten in der chinesischen Stadt Shengyang mit einer gewissen Technik gefoltert. Diese demonstriere er auf dem Foto. Das Bild ist also eine nachgestellte Szene. Es ist auch in einem weiteren Blog-Beitrag von 2008 zusammen mit weiteren Fotos zu sehen.

Das dritte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto unten links mit einer Gruppe Gefangener in blauen Anzügen ist schon älter, es kursiert seit mindestens vier Jahren im Netz, wie wir durch Bilder-Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye herausfanden. Ein Blog-Artikel mit dem Foto ist auf 2015 datiert. Das passt zu einem Tweet des Accounts „Uygur Türgleri“ vom Juni 2015 mit einem ähnlichen Foto; darauf ist anscheinend einer der Gefangenen näher zu sehen. Wir haben die taiwanesische Faktencheckerin Summer Chen vom Taiwan FactCheck Center um Hilfe bei der Verifizierung gebeten. 

Sie fand anhand des lilanen Banners im Hintergrund heraus, dass es sich um eine Situation am 31. Mai 2014 handelt, in einem Sportstadium der Stadt Hotan im Autonomen Uigurischen Gebiet Xinjiang. Die Stadt veröffentlichte dazu einen Newsletter. Es habe sich demnach um eine öffentliche Verhaftung mehrerer in Terrorverdacht stehenden Menschen gehandelt: „Die 21 Verdächtigen wurden unter dem Vorwurf der Anstiftung zu ethnischem Hass, ethnischer Diskriminierung und Anwendung gefährlicher Methoden zur Gefährdung der öffentlichen Sicherheit strafrechtlich festgenommen.“ Mehr als 1.000 Menschen hätten teilgenommen. Im Newsletter steht nichts davon, dass es sich um Uiguren gehandelt habe. 

Für das Foto von einer Menschengruppe unten rechts zeigt eine Rückwärtssuche über Yandex, dass es sich laut eines Blog-Artikels von 2014 offenbar um uigurische Protestanten handelt. Das Foto ist dort zusammen mit vielen weiteren zu finden, es ist offenbar am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi entstanden. Urumqi ist die Hauptstadt des uigurischen autonomen Region Xinjiang. Die Protestanten sollen laut des Artikels gegen „Massaker in China“ demonstriert haben. 

Wir haben in der Bilderdatenbank AP Images nach den Stichworten „Urumqi, China, Tuesday, July 7, 2009“ gesucht und wurden fündig: Das Foto wird dort aufgelistet. Dazu steht: „Uigurische Frauen trauern vor Journalisten, die die Gegend besuchen, und behaupten, dass die Behörden ihre Verwandten am Dienstag, den 7. Juli 2009, in Urumqi, China, entführt haben.“ 

Viertes Bild, ebenfalls eine Collage: Keines der Fotos zeigt inhaftierte Uiguren

Es handelt sich um einen Screenshot eines Facebook-Beitrags mit dem Datum 1. Dezember, das Jahr ist unklar. Im türkischen Text über der Collage wird China der Niedergang gewünscht. Türkischen Unterdrückten solle geholfen werden, aber die Welt schaue nur zu.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Bildes oben links, also das der Frau, die vor einem Soldaten gefesselt kniet, konnten wir nicht herausfinden. Verschiedene Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye, teils mit definierten Zeiträumen, führten zu keiner seriösen Quelle oder weiteren Bildinformationen. Klar ist aber, dass das Foto schon mindestens seit 2008 im Netz auftaucht. Oft wird es als Symbolbild verwendet, um China zu kritisieren, so zum Beispiel in einem 2017 veröffentlichten Artikel von Epoch Times

Die drei sehr kleinen Fotos darunter haben wir bei unserer Recherche zum dritten Bild im Instagram-Beitrag bereits gefunden: Es handelt sich um Fotos von der uigurischen Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi. Hier eine Übersicht aus der Bilderdatenbank AP Images, hier das mittlere Foto in der Adobe-Stock-Datenbank.

Das Foto oben rechts, das des gefesselten Mannes, entstand im Januar 2003. Eine Bilder-Rückwärtssuche über Tineye führte zur Bilderdatenbank Gettyimages, wo das Foto zu finden ist. Dazu steht, dass es sich um den 29-jährigen Huang Hu handele, einen Leiter eines chinesischen Kindergartens, der öffentlich hingerichtet wurde, weil er wegen der Vergiftung von 70 Kindern eines konkurrierenden Kindergartens verurteilt worden war. 

Das Foto unten links, das der Männer in weißen Hemden, fanden wir über eine Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem Artikel von Al Jazeera von 2014. Dort wird als Bildquelle die Bilderdatenbank AFP angegeben. In einem Artikel von The Australian von 2011 steht mehr Kontext zum Foto: Es handele sich um Menschen, die in einen Korruptionsskandal in der chinesischen Fujian-Provinz verwickelt waren. Eine Suche bei AFP führte uns zum Foto: Es zeigt 14 Beamte, denen vor dem chinesischen Gerichtshof am 8. November 2000 in Xiamen ihre Urteile vorgelesen werden. China habe die 14 Regierungsbeamten zum Tode verurteilt, für ihre Rolle bei einem Milliardenschmuggel mit Waren in der Stadt. 

Beim Foto von der Menschengruppe unten rechts handelt es sich um einen Bildausschnitt, im Original sind darauf noch Polizeibeamte zu sehen: Wir fanden es nach einer Rückwärtsuche über Tineye zunächst in einem Artikel des Spiegel vom Juli 2009, es soll sich um die uigurische Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi handeln. Als Quelle ist die Bilderdatenbank AFP angegeben. Dort wurden wir fündig, es handelt sich tatsächlich um ein weiteres Foto der Proteste in Urumqi am 7. Juli 2009. 

Beim fünften Foto handelt es sich offenbar um Hundediebe in China, die öffentlich geächtet werden sollten

Über dem fünften Bild wird in türkischer Sprache suggeriert, es handele sich um Uiguren, denen Hunde um den Hals gehängt würden, weil sie ihrem Gebet nachgingen. Ein Ort wird nicht angegeben.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot und Verpixelung: CORRECTIV)

Eine Rückwärtssuche über Tineye führte zu verschiedenen Blogs, die das Bild in Artikeln verwenden. Es handele sich laut eines vietnamesischen Artikels von 2015 um Hundediebe, die in der chinesischen Provinz Guizhou geschnappt und von der Menge gezwungen worden seien, kniend tote Hunde um den Hals zu tragen. Auch das Medium Tomo News US griff das Thema 2015 für ein Youtube-Video auf und berichtete über den Vorfall, ebenso wie die englische Boulevardzeitung Mirror.

Die ursprüngliche Quelle des Fotos konnten wir jedoch nicht finden, weshalb wir nicht verifizieren können, ob sich die Situation tatsächlich so zutrug. Sie wirkt aber plausibel: In einem Artikel von Daily Mail sind andere Fotos zu sehen, darunter auch eines von einem Mann, dem ein toter Hund umgebunden wurde. In einem weiteren, früheren Artikel der britischen Boulevardzeitung zu Hundediebstahl in China sind außerdem weitere Fotos zu sehen, die zeigen, wie brutal mit den mutmaßlichen Tätern umgegangen wird. 

Einen Zusammenhang mit uigurischen Inhaftierten konnten wir nicht feststellen.

Fazit zu den Fotos

Neun der dreizehn Fotos wurden zwar in China aufgenommen, aber keines von ihnen zeigt nach unseren Recherchen belegbar inhaftierte Uiguren: Bei einem handelte es sich um die nachgestellte Demonstration von Folter in anderem Zusammenhang, vier zeigen verurteilte Straftäter, ebenfalls in anderem Zusammenhang, vier sind auf einer Demonstration entstanden und eines zeigt möglicherweise Hundediebe. 

Zwei der Fotos wurden nicht in China aufgenommen. Bei einem Fotos konnten wir die Herkunft und Quelle nicht verifizieren. Die meisten Fotos sind mehrere Jahre alt – es lässt sich demnach nicht sagen, dass es sich um aktuelle Fotos aus China handele. 

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Auch wenn einige Bilder einen Bezug zu Uiguren und Protesten gegen China haben, zeigen sie keine Folter von Menschen in chinesischen Internierungslagern.

Update, 19. Dezember: Wir haben zu einem Bild bei taiwanesischen Faktencheckern um Hilfe bei der Verifizierung gebeten und deren Antwort im Text ergänzt. An der Bewertung hat sich nichts geändert.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Problem ist aktuell – das Video und die meisten Fotos zeigen aber nachweislich keine inhaftierten Uiguren.

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Wird in Deutschland die Meinungsfreiheit eingeschränkt? Das ist eine häufig wiederkehrende Behauptung. (Collage: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Tania Röttger

Kritik an Migration stehe unter Strafe, wer etwas gegen den Islam sagt, müsse Geld zahlen oder bekomme sein Kind entzogen – diese Behauptungen sollen belegen, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland angeblich gefährdet ist. Diese konkreten Beispiele sind falsch, aber das Gefühl, das sie erzeugen sollen, wirkt.

Ein Mann mit Baseball-Cap sitzt in einer Gefängniszelle, verzweifelt lässt er den Kopf hängen. Über der Zeichnung steht, dass Bürger ab dem 11. Dezember nur noch positiv über Migration sprechen dürften und Kritik als Hetze gelte, die unter Strafe stehe.

Am 11. Dezember 2018 wurde der UN-Migrationspakt offiziell angenommen. Die Sache mit der Strafe für Kritik war eine von vielen falschen Behauptungen über den Pakt. Unser Faktencheck zeigte, dass nicht Kritik bestraft werden sollte – sondern dass der Pakt Staaten dazu aufrief, Hasskriminalität wie Hassrede gegen Migranten unter Strafe zu stellen. Das war in Deutschland jedoch längst der Fall. 

Das Narrativ

Behauptungen, die mit konkreten Beispielen Angst machen sollen, sehen wir immer wieder. Sie suggerieren, dass bestimmte Dinge nicht mehr gesagt werden dürfen, dass man für bestimmte Äußerungen bestraft werde. Zu wessen Gunsten die Meinungsfreiheit angeblich eingeschränkt werden soll, liefern die Beiträge gleich mit: Wahlweise für den Islam, Flüchtlinge oder die Migration. 

Mal wird behauptet, ein Politiker habe gefordert, „Asylkritikern Grundrechte zu entziehen“, mal, dass Angela Merkel „Asylkritiker“ mit Kindesentzug bestrafen wolle

Beides ist falsch. Im ersten Beispiel ging es um einen Gastbeitrag von Peter Tauber in der Welt anlässlich des Mordes an Walter Lübke – er forderte, Artikel 18 des Grundgesetzes gegen Verfassungsfeinde anzuwenden, nicht gegen „Asylkritiker“. Und beim zweiten Beispiel wurde ein Artikel des deutschen Anwaltvereins extrem verzerrt. Eigentlich ging es nämlich darum, dass ein Elternteil sein Umgangsrecht mit einem Kind verlieren könnte, wenn es das Kind durch seine politische Gesinnung direkt gefährde. Mit Angela Merkel hatte das nichts zu tun.

Das Thema Migration sollte einer anderen Behauptung zufolge sogar die Ursache für die Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU gewesen sein. Sie sei nur eingeführt worden, um „Massenmigration“ zu verschleiern, behauptete ein Blogger. Einfach dadurch, dass die DSGVO angeblich die Fotografie verbiete. Unser Faktencheck ergab, dass beide Behauptungen falsch waren: Die DSGVO verlangt lediglich, dass abgebildete Menschen auf Fotos, die für kommerzielle Zwecke genutzt werden sollen, ihre Einwilligung geben müssen.

Wo das Narrativ auftaucht 

Diese Erzählungen sind nicht nur in Deutschland verbreitet. Sie existieren international. 

Die Falschmeldung zum Beispiel, die EU werde Kritik am Islam mit Geldstrafen belegen, erschien zuerst auf der Webseite des US-amerikanischen Gatestone Institutes, das nach unseren Recherchen schon mehrmals islamfeindliche Falschmeldungen veröffentlicht hat. Tatsächlich ging es in dem Text um verschiedene internationale Aktionspläne und Abkommen, keines von ihnen sah jedoch Geldstrafen für Islamkritik vor, wie unser Faktencheck zeigte. Strafbar waren weiterhin nur Straftaten wie Hassrede, Verleumdung oder Gewalttaten.

Ebenso falsch war die Meldung, dass jemand in England bis zu sieben Jahre Gefängnis fürchten müsse, wenn er oder sie Kritik am Islam übe. Auch hier ergab unser Faktencheck, dass die geplanten Strafen für Hasskriminalität gelten, nicht für Kritik an der Religion.

Die Beispiele erzeugen Sorge vor Fremdbestimmung. Dazu wandert ein Zitat des Philosophen Voltaire durch die Sozialen Netzwerke: „Wenn Du wissen willst, was Dich beherrscht, finde heraus, wen Du nicht kritisieren darfst.“ Allerdings ist dies gar kein Zitat von Voltaire, sondern stammt von einem Holocaustleugner.

Wir sehen also, wie versucht wird, die These der fehlenden Meinungsfreiheit mit falschen Behauptungen zu belegen.  

Was man nicht mehr sagen darf

Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig. Die Meinungsfreiheit wird durch das Grundgesetz gewährt. Artikel 5 Absatz 1 schreibt vor: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. […] Eine Zensur findet nicht statt.“

Doch Umfragen zeigen, dass das Narrativ der eingeschränkten Meinungsfreiheit in Deutschland wirkt. 

Das Gefühl, dass Artikel 5 Absatz 1 in der Praxis nicht vollkommen gilt, ist offenbar weit verbreitet. Zum Beispiel gibt es eine Umfrage im Auftrag der Zeit, laut der 41 Prozent der befragten Ostdeutschen sagten, um die Meinungsfreiheit sei es heute nicht besser gestellt als in der DDR. Oder die Allensbach-Studie von Mai dieses Jahres, in der 71 Prozent der Befragten meinten, man könne sich beim Thema Flüchtlinge „leicht den Mund verbrennen, wenn man darüber spricht“. Gleiches meinten 66 Prozent für Äußerungen über den Islam und 63 Prozent für Äußerungen über Juden. 

Was hinter einem Gefühl oder einer Meinung steht, können wir natürlich nicht faktenchecken. 

Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreibt uns auf Anfrage per E-Mail: „Wenn Leute das Gefühl haben, sie könnten ihre Meinung nicht mehr sagen, dann verfängt die rechtsextreme Strategie, einerseits ganzen Gruppen von Menschen ihre demokratischen Grund- und Menschenrechte abzusprechen und sich gleichzeitig als Opfer zu inszenieren.“

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Dieses Gefühl sollte wohl auch angeregt werden, als ein Bundestagsabgeordneter der AfD behauptete, nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sei der Schutz des Islam wichtiger als die Meinungsfreiheit. „Islam-Kritik verboten“ hatte er seinen Facebook-Beitrag betitelt. Das war eine Fehlinterpretation, wie unser Faktencheck belegte. Das Gericht hatte lediglich geurteilt, dass eine Österreicherin eine verhängte Strafe wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ zahlen müsse. Sie hatte behauptet, dass der Prophet Mohammed pädophil gewesen sei.

Soziale Netzwerke sind Orte voll von „Kritik“

Wie die Studien zeigen, fühlen manche, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird – und wenn nicht von außen, dann aus dem Inneren derer, die es nicht mehr wagen, zu bestimmten Themen ihre Meinung zu äußern. 

Doch in den Sozialen Netzwerken sind zu den Themen Migration, Islam und Flüchtlinge sehr viele extreme, erschreckende und verletzende Meinungen zu finden. Und seit Einzug der AfD in den Bundestag gibt es auch dort viele Reden, die aus Kritik an diesen Themen bestehen.

Vielleicht steckt hinter dem Narrativ auch ein anderes Gefühl – dass man für seine Meinung kritisiert wird. Aber das Grundgesetz gibt niemandem das Recht, seine Meinung ohne Gegenstimmen verbreiten zu dürfen. Das Recht auf Kritik macht Meinungsfreiheit aus.

Wo endet Kritik, wo beginnt die Straftat?

In unterschiedlichen Ländern gibt es unterschiedliche Auffassungen davon, wie grenzenlos die Meinungsfreiheit ist. In Deutschland hat sie mehr Schranken als in den USA zum Beispiel. Eine Linie verläuft in unserem Land zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede, die unter Umständen bestraft werden kann.

Zwischen Hassrede und Kritik besteht jedoch ein Unterschied. Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreib uns dazu: „Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein elementares Grundrecht. Sie deckt jede Äußerung ab, die nicht verboten ist.“ Verboten seien zum Beispiel die Leugnung des Holocaust oder Aufrufe zur Gewalt gegen marginalisierte Gruppen. „Es gibt also auch sehr viele abwertende Aussagen, die unüberlegt, gelogen, abwertend oder moralisch falsch sind – und dennoch erlaubt.“

Europäische und deutsche Gerichte verhandelten in den vergangenen Jahren immer wieder darüber, ob bestimmte Äußerungen über den Islam noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, oder schon in Hassrede übergehen. Äußerungen von Personen, die die rechtlichen Grenzen des Sagbaren über Muslime und den Islam ausweiten wollen. 

Zum Beispiel Geert Wilders, der in einem Film im Jahr 2007 den Islam mit Terroranschlägen gleichsetzte; oder die rechtsextreme Partei Pro NRW, die 2012 ein Verfahren gewann mit der Folge, dass sie Mohammed-Karikaturen auf einer Demonstration mitführen durfte; oder die Österreicherin Sabaditsch-Wolff, die den Propheten Mohammed einen Pädophilen nennen wollte. Für manche gibt es sogar finanzielle Unterstützung – zum Beispiel vom US-amerikanischen islamfeindlichen Think-Tank Middle East Forum

Ob dies langfristig Auswirkungen hat, ob sich der Raum dessen, was Sagbar wird, vergrößert, bleibt abzuwarten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Migration verdrängt deutsche Traditionen“ und „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“.

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Neun Mitglieder einer Familie, die Sat1 im Frühjahr 2018 vorstellte. Seitdem taucht immer wieder ein tendenziöser Zusammenschnitt der Sendung auf, der einen falschen Eindruck erweckt. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Ein Video über eine elf-köpfige Flüchtlingsfamilie wird wieder verbreitet. Das Video ist echt, aber tendenziös verkürzt.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 15. Oktober einen kurzen Artikel mit dem Titel „Moslemfamilie: 11 Kinder – 5239 Kindergeld und Sozialhilfe pro Monat“. Darunter: Ein Absatz Text und ein Video, in dem die Familie in ihrer Leipziger Wohnung vorgestellt wird. Darin kommen Menschen in der Fußgängerzone zu Wort, die den Fall der Familie verurteilen. Außerdem behauptet Truth24 im Text zu dem Video, der Vater wolle nicht arbeiten. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel mehr als 1.100 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben bereits zweimal über das Video berichtet, den ersten Faktencheck veröffentlichten wir im Mai 2018, den zweiten im Januar 2019.

Unbekannte haben das Video aus Sat1-Material erstellt

Das Video ist immer dasselbe. Das Bildmaterial stammt aus einer Sendung des Sat1-Frühstücksfernsehens, die am 31. März 2018 auf Youtube veröffentlicht wurde. Inzwischen ist das Video der Originalsendung dort nicht mehr verfügbar. Sat1 hat es wohl entfernt. Unbekannte haben daraus einen Zusammenschnitt gemacht, den unterschiedliche Portale immer wieder verbreiten.

In dem geschnittenen Video, das Truth24 nun verbreitet, wird eine syrische Flüchtlingsfamilie vorgestellt. Eine Männerstimme erzählt von der Wohnung (220 Quadratmeter Altbau, 1.220 Euro warm pro Monat) und dem Geld, das die Familie erhalte (nach Abzug der Miete rund 4.000 Euro). Er erzählt auch von der einstigen Arbeit des Vaters als Zeitungs- und Postzusteller in Deutschland, beides sei aber an „seinen mangelnden Deutschkenntnissen gescheitert“. Insgesamt erhalte die Familie 5.239 Euro Kindergeld und Sozialleistungen pro Monat.

Danach äußern sich in dem Video Menschen in der Leipziger Fußgängerzone kritisch über den Fall. So sagt eine Frau: „Da bleibt mir der Atem stehen. Das ist unfassbar. Wenn ich an deutsche Familien denke – wir haben so viele arme Familien in Deutschland, warum bekommen die das nicht?“ Ein Sat1-Mikrofon taucht dabei im Bild auf.

Das Video im Beitrag von Truth24 stammt von Youtube. Ein Kanal einer Privatperson mit 835 Abonnenten hat es am 17. November 2018 dort hochgeladen. Bis heute wurde es mehr als 65.000 Mal angeklickt. Inzwischen wurde das Video gelöscht. Laut Youtube wegen einer Urheberrechtsbeschwerde.

Das Video, das Truth24 in ihren Artikel eingebettet hat, wurde inzwischen von Youtube entfernt. (Screenshot: CORRECTIV)

Falsche Behauptungen über den Vater

Truth24 behauptet in dem Beitext des Videos, der Vater habe „keine Lust zu arbeiten“, weil er mehr Geld vom Amt bekomme. 

Diese Behauptungen hat sich Truth24 ausgedacht. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Originalvideo, das Sat1 inzwischen entfernt hat, aber CORRECTIV bei den vorherigen Faktenchecks vorlag, kam der Vater selbst zu Wort. Er sagte über die Zahlung von 5.239 Euro: „Das ist für mich zu viel, weil wir wollen ja unser Geld nicht beim Arbeitsamt kriegen. Wir wollen das selber kriegen, und ich will gerne arbeiten.“ Er mache gerade einen Deutschkurs.

Szene aus dem Beitrag vom „Frühstücksfernsehen“, die im Zusammenschnitt auf der Webseite von Truth24 fehlt. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Zusammenschnitt fehlen mehrere Angaben zur Familie

Auch das Interview mit einer Tochter wurde herausgeschnitten. Sie spricht gut Deutsch und macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten. Ebenso zeigt der Zusammenschnitt nur Stimmen von Bürgern, die den Fall kritisieren. Bürger, die Verständnis zeigen, fehlen. So sagt eine Frau im Original-Beitrag von Sat1: „Wenn man die Menschen integrieren will, dann muss man sie wahrscheinlich auch erstmal finanziell unterstützen.“

Und ein Mann sagt: „Es ist auch eine große Summe, aber wenn man es dann wirklich mal runterrechnet auf die Situation, dann relativiert sich das sehr stark.“

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Denn während die Summe von 5.239 Euro nach viel Geld klingt, sind es – auf die Familienmitglieder aufgeteilt – knapp 410 Euro pro Person. Wenn eine deutsche Familie in derselben Situation wäre, bekäme sie denselben Betrag. Auch das kommt im Sat1-Video vor. Dort sagt Brigitte Laux vom Landkreis Leipzig: „Dieser Sozialhilfesatz ist Grundsicherung, und Grundsicherung gilt für alle gleich.“ Dieser Teil fehlt aber bei dem Ausschnitt von Truth24.

Sat1 geht gegen Videos vor

Als wir Sat1 im Mai 2018 zu dem Video befragten, distanzierte sich Sprecherin Sandra Scholz davon per E-Mail: „Es wurden Teile des Beitrags ohne unsere Zustimmung und vor allem tendenziös neu zusammengeschnitten, wovon wir uns klar distanzieren. Das Video muss umgehend gelöscht werden. Wir haben den Fall an unsere Rechtsabteilung übergeben.“

Auch als wir sie zu unserem zweiten Faktencheck kontaktierten, schrieb Scholz uns, dass Sat1 die Facebook-Konten abmahnen werde, die das Video unrechtmäßig verbreiten. Scholz schrieb: „Wir sind dankbar über jeden Hinweis von anderen Usern oder Zuschauern, die uns auf derartige Posts oder Videos hinweisen, damit wir sie überprüfen und ggf. dagegen vorgehen können.“

Update, 20.11.2019: Kurz nach Veröffentlichung des Artikels wurden wir darauf aufmerksam, dass das Video, das Truth24 bei sich eingebettet hat, von Youtube entfernt wurde. Wir haben das an entsprechender Stelle im Text eingefügt, inklusive eines Screenshots der die Begründung von Youtube zeigt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch: Das Video ist ein Zusammenschnitt eines Beitrags von Sat1 – einordnende Stimmen wurden entfernt. Die abwertende Behauptung über den Vater der Familie hat Truth24 erfunden.

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Fluorid ist ein Spurenelement und kommt in Trinkwasser und Salz vor. Aber auch in Zahnpasta. (Symbolbild von Bruno Glätsch auf Pixabay)

von Tania Röttger

Mehrere ähnlich lautende Artikel verbreiten sich auf Facebook, sie behaupten: Fluorid – das oft Zahnpasta und Salz zugesetzt wird – sei offiziell als Neurotoxin klassifiziert worden, als Nervengift also. Die Artikel und Facebook-Beiträge sind allerdings nicht korrekt.

Die Behauptung über Fluorid taucht immer wieder auf. Im April 2018 auf der Webseite Bewusst Vegan Froh: „Fluorid nun offiziell als Neurotoxin im weltführenden Medizinjournal klassifiziert“ (10.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Mai 2018 erschien derselbe Text auf der Webseite Connectiv Events mit dem Titel: „Weltführende Medizinjournale: Fluorid offiziell als Neurotoxin klassifiziert“ (4.000 Mal auf Facebook geteilt). Im Juni 2019 ein Beitrag der Facebook-Seite „Freiheit der Gedanken“ (mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt). Als Beleg dient immer eine angebliche Studie, die Fluorid angeblich als Neurotoxin klassifiziert habe.

Wir haben die Behauptungen überprüft – sie stimmen nicht.

Immer wieder tauchen dieselben Behauptungen über Fluorid auf, hier ein Beitrag von Juni. (Screenshot: CORRECTIV)

Was ist das für eine „Studie“?

Die Artikel beziehen sich auf die wissenschaftliche Arbeit „Neurobehavioural effects of developmental toxicity“ (übersetzt: Neurologische Verhaltensstörungen der Entwicklungstoxizität), veröffentlicht in dem Journal The Lancet Neurology im Februar 2014. Autoren sind Philippe Grandjean und Philip Landrigan. Grandjean ist außerordentlicher Professor (englisch: adjunct professor) für Umweltgesundheit der Harvard Universität und Leiter der Forschungseinheit Umweltmedizin an der Universität Süd-Denemark. Landrigan unter anderem Dekan an der Mount Sinai Medical Scool und Direktor des Globalen Gesundheitsprogramms am Boston College.

Die erwähnte Arbeit ist keine Studie, sondern eine sogenannte Review: Ein Artikel, der andere  ausgewählte Studien und Metastudien zusammenfasst. 

Grandjean und Landrigan schreiben selbst nichts von „klassifizieren“, sondern von „dokumentieren“: „Seit 2006 haben epidemiologische Studien sechs weitere entwicklungsbezogene Nervengifte [englisch: neurotoxicants] dokumentiert – […darunter] Fluorid…“

Eine von zwei Stellen in der Review, in der Fluorid direkt mit einer Einschätzung als Nervengift genannt wird. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

In der Studie geht es um fluoridiertes Trinkwasser, nicht um Zahnpasta, wie das Bild des Facebook-Beitrags suggeriert und wie die Texte von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh wortgleich behaupten: „Die Hauptursache… besteht in der Fluoridierung des Leitungswassers… Die zweite Quelle ist die Zahnpasta.“ Doch das Wort Zahnpasta taucht in der Arbeit von Grandjean und Landrigan nirgends auf. 

Tatsächlich kommt Fluorid natürlich in Grundwasser vor, in einigen Ländern wird oder wurde es dem Trinkwasser aber auch beigegeben, zum Beispiel in Teilen der USA, Spaniens oder Großbritanniens. Grund ist in der Regel die Vorbeugung gegen Karies. 

Eine weitere Behauptung von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh ist, „dass fluoridiertes Trinkwasser mit diversen Krebsarten in Verbindung zu bringen ist“. Dafür liefern die Webseiten keine Belege und verweisen auch nicht auf Studien. Zudem kommt Krebs im Zusammenhang mit Fluorid ebenfalls nicht bei Grandjean und Landrigan vor.

Bundesamt für Risikostoffe: Studien über Auswirkungen von Fluorid sind mangelhaft

Es gibt Studien über die mögliche Auswirkung von Fluorid in Trinkwasser. Dabei geht es aber etwa um Schwangere und den IQ ihrer Babys, nicht um Krebs. 

Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR), das sich unter anderem mit gesundheitsgefährdenden Stoffen auseinandersetzt, erwähnte in ihrer Antwort auf unsere Anfrage mehrere Studien.

Da ist eine Metastudie aus dem Jahr 2012, Anna Choi, und andere Forscher haben sich dafür verschiedene Studien angesehen, vor allem welche aus China. Choi war zu dem Zeitpunkt Wissenschaftlerin an der Fakultät für das Gesundheitswesen der Universität Harvard. Auch Grandjean und Landigran verweisen auf diese Arbeit. Die beiden schreiben, die Metastudie habe gezeigt, dass bei Kindern, die mit erhöhten Fluorid-Konzentrationen im Trinkwasser aufwachsen, der IQ im Schnitt um sieben Punkte niedriger sei.

An dieser Stelle in der Review geht es um eine Metastudie, die eine negative Wirkung von hohen Fluorid-Konzentrationen auf den IQ von Kindern festgestellt habe. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das BfR bewertet die Studien aber als schlecht: „Gemeinsam ist all diesen Studien, dass ihre Qualität schlecht ist“. 

Auszug der E-Mail vom Bundesamt für Risikobewertung. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Studie aus Neuseeland von 2015 sei im Gegensatz dazu kein Einfluss von Fluorid, das die Mutter über Trinkwasser aufnahm, auf den Säugling erkennbar gewesen, schreibt das BfR weiter. Und in einer Studie aus Kanada von 2019 konnte ein Einfluss nur auf männlich Nachkommen beobachtet werden. Das Bundesamt schreibt dazu: „Auch bei dieser Studie gibt es weitere Mängel, die eine Interpretation der Daten erschweren.“

Es kommt auf die Dosierung an

Auf die Frage, ob es Warnungen vor Fluorid gebe, antwortet das BfR: „Nein.“ Das Trinkwasser werde nicht fluoridiert und die Menge Fluorid, die aus anderen Quellen aufgenommen werde, etwa aus Zahnpasta, sei „sehr klein“. Dennoch meinte das BfR in einer Stellungnahme vom Mai 2018, dass es an Studien fehle, die die Wirksamkeit von Fluorid im Zusammenhang mit Karies belegen. 

Auch Ulrich Schiffner, Oberarzt am Zentrum für Zahnheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, betont, dass es auf die Dosierung ankomme. Er hat sich im Jahr 2016 mit der Review von Grandjean und Landrigan und den daraus folgenden Gerüchten über Fluorid beschäftigt, in einem Artikel auf der Webseite Zahnärztliche Mitteilungen. Darin schrieb er: „Hierzu ist jedoch anzumerken, dass die aufgeführten Fluoridkonzentrationen im Trinkwasser die zur Kariesprävention empfohlenen Dosierungen teilweise extrem überschreiten.“ 

Und weiter: „Die in der jüngeren Vergangenheit in einschlägigen Foren vorgebrachten Bedenken, systemische Fluoridaufnahme sei mit kognitiven Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern verbunden, sind wissenschaftlich fragwürdig beziehungsweise nicht belegt.“

Per E-Mail schrieb er CORRECTIV dazu: „Meine dort gemachten Ausführungen und Kommentare treffen unverändert zu. Eigentlich ist dem nichts hinzuzufügen. Die in den Foren zitierten Aussagen treffen nicht zu.“ Kurz: Laut Schiffner sagt die Metastudie gar nichts über Zahnpasta aus. 

Artikel nicht im Journal The Lancet veröffentlicht

Zu den falschen Behauptungen gehört auch die falsche Beschreibung des Journals, in dem der Artikel erschien. Bei Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh steht, der Artikel sei in The Lancet erschienen, das sei „das angesehenste Medizinjournal überhaupt“. Die Artikel versuchen offenbar die eigene Glaubwürdigkeit zu erhöhen, indem sie das Journal derart einordnen. 

Allerdings erschien die Metastudie nicht in The Lancet, welches von SJR, einem der Portale, die wissenschaftliche Journale einordnen, im Jahr 2018 auf Platz 32 gesetzt wurde. Sondern in The Lancet Neurology, welches laut dem Ranking von SJR den 53. Platz einnimmt

Empfehlung, von Fluorid fernzubleiben, ist „unsinnig“

Die Artikel von Connectiv Events und Bewusst Vegan Froh schlussfolgern: „Man kann nur dringend raten vor allem in der Schwangerschaft und bei Kindern sorgfältig darauf zu achten, keine Fluoride (…) an oder in den Körper gelangen zu lassen.“

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Wir haben dazu Jan Hengstler kontaktiert, er leitet den Fachbereich Toxikologie am Leibnitz-Institut für Arbeitsforschung. Er hat uns per E-Mail geantwortet:  „Die Empfehlung in Vegan [Bewusst Vegan Froh] ist unsinnig. Fluorid kommt schließlich in Lebensmitteln und im Trinkwasser vor, es ist nicht möglich dieses Spurenelement ‘nicht an sich heranzulassen’. Wissenschaftliche Hinweise auf eine krebserzeugende Wirkung beim Menschen bei üblicher Exposition gibt es nicht.“

Hengstler sieht das Problem aber nicht in der Berichterstattung der Blogs, sondern in den irreführenden Aussagen in dem Artikel von Grandjean und Lindgren. Er schreibt: „Ich würde in diesem Fall es den Autoren in den sozialen Netzwerken nicht zu sehr anlasten (auch wenn diese Berichterstattung sicher sehr unkritisch ist; key statements sind falsch), denn man könnte einwenden, dass die Formulierung in Lancet Neurology zu solchen falschen Interpretationen geradezu einlädt.“

Bekanntes Thema

Die Gerüchte über Fluorid kursieren schon länger im Netz. Im Dezember 2017 veröffentlichte Stiftung Warentest einen Text, in dem Irrtümer über Fluorid aufgeklärt wurden, denn: „gerade im Internet wird über den Wirkstoff kontrovers diskutiert“, so die Redaktion in der Einleitung.

Auch Focus Online nahm sich des Themas an: Im September 2016 erschien dort ein Artikel mit dem irreführenden Titel: „Giftiges Fluorid? So gefährlich ist der Stoff in der Zahnpasta wirklich“. Das Fazit klang dann sehr nüchtern: „Für den Zusammenhang von Krankheitsrisiken und Fluorid fehlen belastbare Nachweise“. Und bereits 2014 schrieb die Berliner Zeitung: „Keine Angst vor Fluorid: Die Zahnpasta-Verschwörungstheorie“. 

Und in den USA erscheinen ebenfalls immer wieder Artikel, die mit Verweis auf den Grandjean-Aufsatz behaupten, Fluorid sei als Neurotoxin klassifiziert worden. Darüber berichtete zum Beispiel das US-Faktencheck-Portal Snopes im April 2018.

Unsere Bewertung:
Falsch. Fluorid wurde nicht als Neurotoxin klassifiziert. Es gibt keine Hinweise darauf, dass Fluorid in Zahnpasta oder die Konzentration, in der es natürlicherweise im deutschen Trinkwasser vorkommt, gesundheitsschädlich ist.

US-ITALY-POLITICS-DIPLOMACY-TRUMP
Die Präsidenten der USA und Italiens trafen sich am 16. Oktober in Washington. Nun werden hämische Witze über angebliche Aussagen Trumps gemacht. (Foto: Brendan Smialowski / AFP)

von Tania Röttger

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella „Mozzarella“ genannt. Das stimmt aber nicht.

Am 17. Oktober erschienen auf Facebook und Twitter Beiträge auf Englisch und Deutsch, in denen behauptet wird, Donald Trump habe den italienischen Präsidenten Sergio Mattarella bei einem Treffen in Washington „Präsident Mozzarella“ genannt. Außerdem habe Trump gesagt, „die USA seien schon seit den Zeiten des antiken Roms (!) Verbündete“. Beide Aussagen hat Trump so jedoch nicht getroffen.

Einer der Facebook-Beiträge mit den Behauptungen, der bisher 290 Mal geteilt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Kein „Mozzarella“ von Trump

Es gibt zwei Situationen bei den Pressekonferenzen vom 16. Oktober in Washington, wo sich die beiden Präsidenten öffentlich trafen. In einer stehen Sergio Mattarella und Donald Trump nebeneinander, in der anderen sitzen sie, hinter ihnen zwei Übersetzer. Die Videos der Pressekonferenzen sind bei Youtube verfügbar. Inzwischen erstellt Youtube automatisch Transkripte von Videos. Wir suchten darin nach dem Wortteil „ella“, und tatsächlich kommt zweimal das Wort „Mozzarella“ im Transkript der stehenden Pressekonferenz vor. 

Allerdings sagt dort nicht Donald Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer, der die Fragen italienischer Journalisten an Mattarella übersetzt. Einmal bei der Stelle 1:13:13 und einmal ab 1:23:20.

Ob es nicht eher wie „Mazzarella“ klingt, also das „t“ von Mattarella hart ausgesprochen, muss jeder nach dem Hören entscheiden.

Das Youtube-Transkript erkennt zweimal das Wort „Mozzarella“ in der Pressekonferenz. Allerdings sagt nicht Trump den Namen des italienischen Präsidenten, sondern ein Übersetzer. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Trump sagt den Namen des italienischen Präsidenten nur einmal. Ab Minute 41:30 klingt es wie „Madurella“, Youtube transkribiert es so: „President Maduro ella“. Trump sagt also an keiner Stelle „Präsident Mozzarella“.

Auch die Faktenchecker der amerikanischen Organisation Snopes kamen zu diesem Ergebnis. Sie wiesen außerdem darauf hin, dass die Beiträge mit der Behauptung auf den Sozialen Netzwerken kein Video-Material enthielten. Wir fanden dieselbe Situation bei den deutschen Beiträgen.

Und manche, die welches enthielten, wie ein Tweet von EHA News, zeigten ein Video, in dem die angebliche Aussage gar nicht vorkommt. In dem Ausschnitt von EHA News geht es um Server, zu denen Trump Zugang erhalten möchte.

Kaum ein Tweet enthält Videomaterial – und wenn, dann kommt darin nicht das Wort „Mozzarella“ vor, weder von Donald Trump noch von dem Übersetzer. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Übersetzerin

Eine weitere Protagonistin der Behauptungen ist die Übersetzerin, die beim gemeinsamen Gespräch hinter den Präsidenten sitzt. Im Video der sitzenden Pressekonferenz sieht man, wie sie konzentriert in verschiedene Richtungen sieht, und anscheinend Notizen macht über das, was Trump sagt. Danach übersetzt sie Trumps Aussagen ins Italienische und stützt sich dabei auf ihre Notizen. 

Einige Beiträge benutzen Bilder der Frau und behaupten, ihre Blicke seien Reaktionen auf Trumps angebliche „Mozzarella“-Versprecher. Wer sich jedoch Videos der Pressekonferenz ansieht, bei der die Übersetzerin anwesend war, kann beobachten, dass sie ihre konzentrierten Blicke, die manche als Entsetzen, Kritik oder Unglauben deuten, unabhängig davon wirft, über welches Thema Trump gerade spricht. 

Ein konzentrierter Blick der Übersetzerin, während Trump über die Beziehungen der USA mit den Kurden spricht. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

Die USA und das antike Rom

Weiteren Spott erhält Trump wegen einer Aussage, die er am Anfang der Pressekonferenz trifft. Dort sagt er: „Die Vereinigten Staaten und Italien sind verbunden durch ein geteiltes kulturelles und politisches Erbe [heritage], das tausende Jahre zurückgeht, bis ins antike Rom.“

Er sagt also nicht, dass die USA, die 1776 gegründet wurden, mit dem Römischen Reich „verbunden“ gewesen seien, das im Jahr 476 n. Chr. unterging. 

Snopes urteilt im Faktencheck: „Der Einfluss des Römischen Reichs auf die Gründung und Prinzipien der Amerikanischen Republik sind gut dokumentiert und Trumps Aussage ist historisch stichhaltig.“ Auch andere Medien, darunter Newsweek, berichten, dass Historiker Trump zur Seite springen und seine Aussage als richtig bezeichnen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Trump nannte den italienischen Präsidenten am 16. Oktober 2019 nicht „Mozarella“ und sagte auch nicht, dass die USA und Italien vor tausenden Jahren miteinander verbunden gewesen sind.