Mittelalterliche Krieger kämpfen in einer epischen Schlacht gegen ein blutrünstiges Monster, das aussieht wie Godzilla. Bei näherem Hinsehen erweist sich das Monster als ein riesiges Bakterium – so groß, dass am Ende der ganze Planet auf seinem Speiseplan steht. Hier geht es nicht um einen Horrorfilm. Es geht um ein Video der spanischen Regierung, das den Bürgern die Problematik von Antibiotika-Resistenzen bewusst machen soll.

Sie präsentierte das Video Anfang des Jahres. Es ist Teil ihres Plans im Kampf gegen resistente Keime. Die Zahlen, die im Video präsentiert werden, sind nicht weniger alarmierend als der Stil. Schätzungen zufolge sind Antibiotika-Resistenzen in Spanien für 2500 Todesfälle im Jahr verantwortlich. Und für 150.000 Euro Extrakosten für die Krankenhäuser. Wenn nichts dagegen getan wird, werden laut der Regierung im Jahr 2050 40.000 Menschen an Krankheiten sterben, die einst leicht behandelbar waren. Woher sie diese Zahlen hat, erklärt die Regierung allerdings nicht.

 

 

Wie in anderen Ländern auch ist in Spanien der reichliche Antibiotika-Konsum der Menschen eine der Hauptursachen für Resistenzen. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass ein Spanier in den letzten zwei Wochen ein Antibiotikum genommen hat, als eine Allergie-Pille oder ein Fiebermittel. Zudem werden in Spanien EU weit am meisten Antibiotika verbraucht. 2013 waren es mehr als 2200 Tonnen.

Diese bedenklichen Ergebnisse veranlassten die Regierung dazu, einen Nationalen Strategie-Plan zur Reduktion von Antibiotika-Resistenzen auf den Weg zu bringen. Die Verfasser kommen zu dem Schluss, dass der Gebrauch von Antibiotika in Spanien exzessiv und oft ungeeignet ist. Die Behandlung mit Antibiotika sei in der Hälfte der Fälle nicht angemessen.

Fakten sind rar

Obwohl das Problem offenbar ernst ist und die Regierung dagegen vorgehen will, scheint in Spanien der politische Wille für tiefergreifende Maßnahmen zu fehlen. Der nationale Aktionsplan setzt Ziele für die Zeit zwischen 2014 und 2018. Jedes Jahr gibt es einen Bericht zum Stand der Dinge. Doch die Bürger erfuhren nur wenig über die Entwicklungen.

Im Jahr 2012 trafen sich Experten zum ersten Mal wegen der Problematik und entschieden, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Der Plan wurde 2013 entwickelt. 2014 wurde er genehmigt und bekannt gegeben. 2015 gab es ein Update und eine Presseerklärung, in der das Logo vorgestellt wurde. 2016 brachte, bis jetzt, ein Video.

Spanien fehlen detaillierte Daten zum Thema. In nur 40 Prozent der Krankenhäuser gab es im Jahr 2011 Verfahren, die den Gebrauch von Antibiotika überwachen. Das steht im grundlegenden Dokument des Plans. Die Regierung muss sich also auf Schätzungen und schwammige Daten verlassen.

In einer Kampagne für verantwortungsbewussten Antibiotika-Konsum im Jahr 2007 gab das Gesundheitsministerium an, dass 30 Prozent der konsumierten Antibiotika in Spanien geschluckt werden, ohne dass ein Arzt sie verordnet hat – obwohl die Medikamente verschreibungspflichtig sind. Das Ministerium hatte keine Quelle für diese Behauptung. Neueren Daten zufolge ist die Zahl viel niedriger. 

Trotzdem – es bleibt ein Problem, dass Menschen übriggebliebene Antibiotika einfach schlucken oder sie ohne Rezept von Apotheken aushändigt bekommen, die sich so außerhalb des Gesetzes bewegen. Das zeigt auch der aktuellste nationale spanische Gesundheitsbericht von 2011. Für den Bericht wurden 26502 Menschen befragt. Ziel war es, die Gesundheit und das Gesundheitssystem der Spanier zu beurteilen.

Sieben Prozent derjenigen, die in den zwei Wochen zuvor ein Medikament eingenommen hatten, gaben an, Antibiotika gebraucht zu haben. Davon hatten vier Prozent das Antibiotikum ohne Verschreibung eingenommen. Diese Zahl ist in der Altersgruppe von 16 bis 24 noch höher. In dieser Gruppe konsumieren bis zu 17 Prozent Antibiotika ohne Rezept.

Neuere Daten gibt es nur von kleineren Stichproben. Eine spezielle Eurobarometer-Untersuchung bewertete im April den Gebrauch von und das Wissen über Antibiotika europäischer Bürger. 27.969 Interviews wurden geführt, davon 1053 mit Spaniern. Sechs Prozent der Spanier, die im Jahr zuvor Antibiotika genommen hatten, nahmen sie ohne Rezept. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt bei sieben Prozent.

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„Er ist Obstverkäufer, nicht Arzt.“ Poster, das vor unsachgemäßer Medikament-Empfehlung warnen soll.

Spanish Ministry of Health, Social Services and Equality

ie Hälfte der Menschen, die sich mit Antibiotika selbst behandelten, bekamen sie von einer Apotheke. Die andere Hälfte benutzte übriggebliebene Pillen von vorherigen Behandlungen. Nur in Österreich ist diese Zahl höher. In manchen spanischen Haushalten ist es üblich, nicht verwendete Medikamente für die nächste Krankheit zu behalten oder sie Familienmitgliedern zu geben.

Ein Lösungsansatz ist, Packungen mit weniger Pillen zu produzieren, damit am Ende keine übrig bleiben.

Was ist ein Antibiotikum?

Missbrauch von Antibiotika geht Hand in Hand mit mangelhaftem Wissen darüber. Bei einer europaweiten Untersuchung wurden die Teilnehmer gefragt, ob Antibiotika bei Viruserkrankungen helfen. Nur 43 Prozent gaben die richtige Antwort: „Nein“. 56 Prozent lagen richtig und antworteten „Nein“, als sie gefragt wurden, ob Antibiotika bei Fieber und Erkältungen helfen. In Spanien lagen die Zahlen bei 37 Prozent und 48 Prozent.

Um den Wissensstand zu erweitern, hilft nur Information über Antibiotika. Laut demselben Eurobarometer gab nur jeder vierte Spanier an, im letzten Jahr Informationen zum verantwortungsvollen Gebrauch von Antibiotika erhalten zu haben. In Europa ist es jeder dritte. Außerdem sagten die meisten Befragten, sie hätten die Informationen durch das Fernsehen erhalten. 

Es scheint der spanischen Regierung an Durchhaltevermögen zu fehlen, wenn es darum geht, ihre Bürger zu informieren. Im November 2013 gab es eine Aufklärungskampagne im Radio und Fernsehen, die darüber aufklärte, dass Antibiotika bei Erkältungen oder Grippe nicht helfen. Das Budget jedoch war viel kleiner als bei vorherigen Kampagnen: 40.026 Euro gab die Regierung für Radiospots aus. Für die Beiträge bei öffentlich-rechtlichen Sendern zahlte die Regierung nichts.

2006 wurden fast zwei Millionen Euro für eine ähnliche Kampagne bereitgestellt, 2007 waren es fast fünf Millionen. In diesem Jahr gab es auch eine Kampagne, die sich an Rinderzüchter richtete. Doch mit einer Ausnahme im Jahr 2011 schien das Thema in den Jahren danach keine Priorität mehr zu haben. Nur im Jahr 2015 gab es wieder ein Budget und eine vergleichbare Kampagne, diesmal mit einem Etat von einer halben Million Euro.

Spanien, der größte Verbraucher von Antibiotika für Tiere

Spanien produziert 6.943.600 Tonnen Fleisch im Jahr und ist damit in der EU auf Platz drei hinter Deutschland (8.526.000 Tonnen) und Frankreich (7.165.000 Tonnen). So steht es im ESVAC Report von 2013. Obwohl Spanien nur der drittgrößte Fleischproduzent ist, führt es die Liste der Länder an, in denen am meisten Antibiotika verbraucht werden: 2201,9 Tonnen wurden in Spanien im Jahr 2013 verkauft, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Danach folgt Deutschland mit 1527,2 Tonnen. Das zeigen Daten von Pharmakonzernen.

Der Bericht rechnet die Menge (mg) an verbrauchten Antibiotika auf die Menge (kg) an Fleisch, das verkauft wurde. Im Jahr 2014 lag Spanien mit einer Quote von 317,1 auf Platz zwei, nur auf Zypern ist die Quote höher. In diesem Jahr stieg der Gebrauch von Antibiotika merklich: Von 1693 Tonnen in 2012 auf 2202 Tonnen in 2013, also von 242 mg/kg auf 317 mg/kg.

Diese Daten sind nicht perfekt. Die Anzahl von fleischproduzierenden Tieren wird nur geschätzt. Die Fleischproduzenten stellen in Spanien die Verkaufsdaten freiwillig zur Verfügung, sie sind nicht dazu verpflichtet. Trotzdem verweisen die Zahlen auf den exzessiven Gebrauch von Antibiotika im Land. Die öffentlichen Kampagnen zielen aber auch nicht auf Fleischproduzenten ab: Wir wissen von keiner Kampagne, die sich mit dem verantwortlichen Gebrauch von Antibiotika für Tiere auseinandersetzt, außer der im Jahr 2007.

In Spanien ist der Antibiotika-Konsum hoch. Ein anhaltendes Problem, das damit zusammenhängt, dass sich viele Menschen selbst behandeln und die Vergabe von Antibiotika nicht ausreichend kontrolliert wird. Zudem fehlen verlässliche und detaillierte Daten. Das hat dazu geführt, dass die Regierung und die Bürger das Problem nicht effektiv angehen. Doch wer weiß – vielleicht eilen am Ende mittelalterliche Ritter zur Rettung. Zumindest scheint das die Regierung zu hoffen.

Die Autorin ist Redakteurin bei Civio, einem Investigativ-Büro in Madrid, Spanien, mit dem wir zum Thema Antibiotikaresistenz zusammenarbeiten.
Übersetzung aus dem Englischen: Xenia Balzereit

Wir recherchieren seit Herbst 2014 zu resistenten Keimen: correctiv.org/keime. Hinweise bitte an hristio.boytchev@correctiv.org. Wollen Sie Erfahrungen mitteilen? Nehmen Sie an unserer Umfrage teil.

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