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© Spanish Ministry of Health, Social Services and Equality (Youtube Screengrab)

Gefährliche Keime

Antibiotikaresistenzen in Spanien

Mittelalterliche Krieger kämpfen in einer epischen Schlacht gegen ein blutrünstiges Monster, das aussieht wie Godzilla. Bei näherem Hinsehen erweist sich das Monster als ein riesiges Bakterium – so groß, dass am Ende der ganze Planet auf seinem Speiseplan steht. Hier geht es nicht um einen Horrorfilm. Es geht um ein Video der spanischen Regierung, das den Bürgern die Problematik von Antibiotika-Resistenzen bewusst machen soll.

von Eva Belmonte

Sie präsentierte das Video Anfang des Jahres. Es ist Teil ihres Plans im Kampf gegen resistente Keime. Die Zahlen, die im Video präsentiert werden, sind nicht weniger alarmierend als der Stil. Schätzungen zufolge sind Antibiotika-Resistenzen in Spanien für 2500 Todesfälle im Jahr verantwortlich. Und für 150.000 Euro Extrakosten für die Krankenhäuser. Wenn nichts dagegen getan wird, werden laut der Regierung im Jahr 2050 40.000 Menschen an Krankheiten sterben, die einst leicht behandelbar waren. Woher sie diese Zahlen hat, erklärt die Regierung allerdings nicht.

Wie in anderen Ländern auch ist in Spanien der reichliche Antibiotika-Konsum der Menschen eine der Hauptursachen für Resistenzen. Die Wahrscheinlichkeit ist höher, dass ein Spanier in den letzten zwei Wochen ein Antibiotikum genommen hat, als eine Allergie-Pille oder ein Fiebermittel. Zudem werden in Spanien EU weit am meisten Antibiotika verbraucht. 2013 waren es mehr als 2200 Tonnen.

Diese bedenklichen Ergebnisse veranlassten die Regierung dazu, einen Nationalen Strategie-Plan zur Reduktion von Antibiotika-Resistenzen auf den Weg zu bringen. Die Verfasser kommen zu dem Schluss, dass der Gebrauch von Antibiotika in Spanien exzessiv und oft ungeeignet ist. Die Behandlung mit Antibiotika sei in der Hälfte der Fälle nicht angemessen.

Fakten sind rar

Obwohl das Problem offenbar ernst ist und die Regierung dagegen vorgehen will, scheint in Spanien der politische Wille für tiefergreifende Maßnahmen zu fehlen. Der nationale Aktionsplan setzt Ziele für die Zeit zwischen 2014 und 2018. Jedes Jahr gibt es einen Bericht zum Stand der Dinge. Doch die Bürger erfuhren nur wenig über die Entwicklungen.

Im Jahr 2012 trafen sich Experten zum ersten Mal wegen der Problematik und entschieden, einen Aktionsplan auszuarbeiten. Der Plan wurde 2013 entwickelt. 2014 wurde er genehmigt und bekannt gegeben. 2015 gab es ein Update und eine Presseerklärung, in der das Logo vorgestellt wurde. 2016 brachte, bis jetzt, ein Video.

Spanien fehlen detaillierte Daten zum Thema. In nur 40 Prozent der Krankenhäuser gab es im Jahr 2011 Verfahren, die den Gebrauch von Antibiotika überwachen. Das steht im grundlegenden Dokument des Plans. Die Regierung muss sich also auf Schätzungen und schwammige Daten verlassen.

In einer Kampagne für verantwortungsbewussten Antibiotika-Konsum im Jahr 2007 gab das Gesundheitsministerium an, dass 30 Prozent der konsumierten Antibiotika in Spanien geschluckt werden, ohne dass ein Arzt sie verordnet hat – obwohl die Medikamente verschreibungspflichtig sind. Das Ministerium hatte keine Quelle für diese Behauptung. Neueren Daten zufolge ist die Zahl viel niedriger. 

Trotzdem – es bleibt ein Problem, dass Menschen übriggebliebene Antibiotika einfach schlucken oder sie ohne Rezept von Apotheken aushändigt bekommen, die sich so außerhalb des Gesetzes bewegen. Das zeigt auch der aktuellste nationale spanische Gesundheitsbericht von 2011. Für den Bericht wurden 26502 Menschen befragt. Ziel war es, die Gesundheit und das Gesundheitssystem der Spanier zu beurteilen.

Sieben Prozent derjenigen, die in den zwei Wochen zuvor ein Medikament eingenommen hatten, gaben an, Antibiotika gebraucht zu haben. Davon hatten vier Prozent das Antibiotikum ohne Verschreibung eingenommen. Diese Zahl ist in der Altersgruppe von 16 bis 24 noch höher. In dieser Gruppe konsumieren bis zu 17 Prozent Antibiotika ohne Rezept.

Neuere Daten gibt es nur von kleineren Stichproben. Eine spezielle Eurobarometer-Untersuchung bewertete im April den Gebrauch von und das Wissen über Antibiotika europäischer Bürger. 27.969 Interviews wurden geführt, davon 1053 mit Spaniern. Sechs Prozent der Spanier, die im Jahr zuvor Antibiotika genommen hatten, nahmen sie ohne Rezept. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt bei sieben Prozent.

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„Er ist Obstverkäufer, nicht Arzt.“ Poster, das vor unsachgemäßer Medikament-Empfehlung warnen soll.

Spanish Ministry of Health, Social Services and Equality

ie Hälfte der Menschen, die sich mit Antibiotika selbst behandelten, bekamen sie von einer Apotheke. Die andere Hälfte benutzte übriggebliebene Pillen von vorherigen Behandlungen. Nur in Österreich ist diese Zahl höher. In manchen spanischen Haushalten ist es üblich, nicht verwendete Medikamente für die nächste Krankheit zu behalten oder sie Familienmitgliedern zu geben.

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Ein Lösungsansatz ist, Packungen mit weniger Pillen zu produzieren, damit am Ende keine übrig bleiben.

Was ist ein Antibiotikum?

Missbrauch von Antibiotika geht Hand in Hand mit mangelhaftem Wissen darüber. Bei einer europaweiten Untersuchung wurden die Teilnehmer gefragt, ob Antibiotika bei Viruserkrankungen helfen. Nur 43 Prozent gaben die richtige Antwort: „Nein“. 56 Prozent lagen richtig und antworteten „Nein“, als sie gefragt wurden, ob Antibiotika bei Fieber und Erkältungen helfen. In Spanien lagen die Zahlen bei 37 Prozent und 48 Prozent.

Um den Wissensstand zu erweitern, hilft nur Information über Antibiotika. Laut demselben Eurobarometer gab nur jeder vierte Spanier an, im letzten Jahr Informationen zum verantwortungsvollen Gebrauch von Antibiotika erhalten zu haben. In Europa ist es jeder dritte. Außerdem sagten die meisten Befragten, sie hätten die Informationen durch das Fernsehen erhalten. 

Es scheint der spanischen Regierung an Durchhaltevermögen zu fehlen, wenn es darum geht, ihre Bürger zu informieren. Im November 2013 gab es eine Aufklärungskampagne im Radio und Fernsehen, die darüber aufklärte, dass Antibiotika bei Erkältungen oder Grippe nicht helfen. Das Budget jedoch war viel kleiner als bei vorherigen Kampagnen: 40.026 Euro gab die Regierung für Radiospots aus. Für die Beiträge bei öffentlich-rechtlichen Sendern zahlte die Regierung nichts.

2006 wurden fast zwei Millionen Euro für eine ähnliche Kampagne bereitgestellt, 2007 waren es fast fünf Millionen. In diesem Jahr gab es auch eine Kampagne, die sich an Rinderzüchter richtete. Doch mit einer Ausnahme im Jahr 2011 schien das Thema in den Jahren danach keine Priorität mehr zu haben. Nur im Jahr 2015 gab es wieder ein Budget und eine vergleichbare Kampagne, diesmal mit einem Etat von einer halben Million Euro.

Spanien, der größte Verbraucher von Antibiotika für Tiere

Spanien produziert 6.943.600 Tonnen Fleisch im Jahr und ist damit in der EU auf Platz drei hinter Deutschland (8.526.000 Tonnen) und Frankreich (7.165.000 Tonnen). So steht es im ESVAC Report von 2013. Obwohl Spanien nur der drittgrößte Fleischproduzent ist, führt es die Liste der Länder an, in denen am meisten Antibiotika verbraucht werden: 2201,9 Tonnen wurden in Spanien im Jahr 2013 verkauft, mehr als in jedem anderen europäischen Land. Danach folgt Deutschland mit 1527,2 Tonnen. Das zeigen Daten von Pharmakonzernen.

Der Bericht rechnet die Menge (mg) an verbrauchten Antibiotika auf die Menge (kg) an Fleisch, das verkauft wurde. Im Jahr 2014 lag Spanien mit einer Quote von 317,1 auf Platz zwei, nur auf Zypern ist die Quote höher. In diesem Jahr stieg der Gebrauch von Antibiotika merklich: Von 1693 Tonnen in 2012 auf 2202 Tonnen in 2013, also von 242 mg/kg auf 317 mg/kg.

Diese Daten sind nicht perfekt. Die Anzahl von fleischproduzierenden Tieren wird nur geschätzt. Die Fleischproduzenten stellen in Spanien die Verkaufsdaten freiwillig zur Verfügung, sie sind nicht dazu verpflichtet. Trotzdem verweisen die Zahlen auf den exzessiven Gebrauch von Antibiotika im Land. Die öffentlichen Kampagnen zielen aber auch nicht auf Fleischproduzenten ab: Wir wissen von keiner Kampagne, die sich mit dem verantwortlichen Gebrauch von Antibiotika für Tiere auseinandersetzt, außer der im Jahr 2007.

In Spanien ist der Antibiotika-Konsum hoch. Ein anhaltendes Problem, das damit zusammenhängt, dass sich viele Menschen selbst behandeln und die Vergabe von Antibiotika nicht ausreichend kontrolliert wird. Zudem fehlen verlässliche und detaillierte Daten. Das hat dazu geführt, dass die Regierung und die Bürger das Problem nicht effektiv angehen. Doch wer weiß – vielleicht eilen am Ende mittelalterliche Ritter zur Rettung. Zumindest scheint das die Regierung zu hoffen.

Die Autorin ist Redakteurin bei Civio, einem Investigativ-Büro in Madrid, Spanien, mit dem wir zum Thema Antibiotikaresistenz zusammenarbeiten.
Übersetzung aus dem Englischen: Xenia Balzereit

Gefährliche Keime

Warum wir über Impfungen berichten

Impfen? Auf keinen Fall, das macht doch Autismus. Das ist nicht nur falsch, sondern auch extrem gefährlich. Masern, Diphterie, Tetanus und Keuchhusten: Viele tödliche Krankheiten können wir schon seit Jahrzehnten erfolgreich bekämpfen, doch wir schaffen es nicht. Warum? Unser Schwerpunkt zum Thema Impfen.

weiterlesen 5 Minuten

von Eva Belmonte

Diese Recherche ist Teil unserer Kooperation „Medicamentalia“ mit dem spanischen Recherchebüro „Civio“ und erscheint in unserem Schwerpunkt über resistente Keime.


Hunderttausende Menschen sterben weltweit jedes Jahr an vermeidbaren Krankheiten. Weil sie nicht geimpft wurden. Ein Beispiel sind die Masern. Rund 85 Prozent aller Menschen weltweit haben die erste Impfung gegen Masern erhalten. 2015 verfehlten rund die Hälfte aller Länder die notwendigen Impfraten, um die Ausbreitung von Masern zu verhindern. Und: Seit 2010 haben sich die Impfraten für diverse Erreger im Durchschnitt kaum verbessert.

Wieder einmal bilden Entwicklungsländer das Schlusslicht. Die Gründe: De Preise sind zu teuer. Und sie sind nicht an Länder mit schlechten Transportmöglichkeiten und fehlender elektrischer Infrastruktur angepasst. Viele Impfstoffe müssen konstant auf Kühlschranktemperaturen gekühlt werden. Und wer sein Kind durch ein Kriegsgebiet zum Arzt bringen muss, verpasst eher eine von den empfohlenen fünf Impfungen im ersten Lebensjahr als Eltern in Berlin, Hamburg oder München. 

Aber auch in einigen Industriestaaten gibt es Lücken, selbst in Deutschland. Immer mehr Impfgegner schüren Misstrauen gegen Impfungen. Besonders ausgeprägt ist dieses Misstrauen in Europa. Spitzenreiter ist Frankreich, wo in einer Studie 41 Prozent der Befragten den Satz ablehnten: „Impfungen sind sicher.“

Unterdessen kehren besiegt geglaubte Erkrankungen zurück: In Europa* infizierten die Masern allein im Jahr 2015 rund 26.000 Menschen – während in ganz Nord- und Südamerika nur 611 Masernfälle gemeldet wurden. In Deutschland erkrankten fast 2.500 Menschen – mehr als in jedem anderen EU-Land. In Berlin starb ein einjähriges Kleinkind an der Erkrankung.

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Auch in der Heimat von Google, Facebook & Co., im Silicon Valley, gibt es neue Ausbrüche, befördert durch Lifestyle-getriebene Impfskepsis. Die Immunisierungsraten liegen im Silicon Valley unter dem Minimum. Und der neue US-Präsident Donald Trump ist berüchtigt dafür, dass er sich mit Wortführern der Anti-Impf-Bewegungen trifft.

Zeit für ein paar Fragen: Wie, wo und warum infizieren sich Menschen? Was sind die Konsequenzen? Warum sind manche Impfstoffe hier günstig und dort teuer? Warum ist der Handel mit ihnen so intransparent? In den kommenden Tagen veröffentlichen wir unter correctiv.org/keime in Kooperation mit dem spanischen Recherchebüro Civio mehrere Texte zum Thema Impfungen: zu Masern, zu Preisen und zu Humanen Papillomviren, die unter anderem Gebärmutterhalskrebs auslösen.


*Europa in der Datenbank der WHO: In der Statistik der Weltgesundheitsorganisation umfasst die Region Europa neben den Staaten der EU auch die Länder: Island, Norwegen, Schweiz, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Moldawien, Weißrussland, Ukraine, Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisistan, Turkmenistan. Setzt man die Masernfälle in Deutschland aus 2015 in Vergleich mit all diesen Staaten und nicht nur den 28 der Europäischen Union, so liegt Deutschland immer noch an zweiter Stelle, hinter Kirgisistan.

Medicamentalia Vaccines ist ein Rechercheprojekt unseres Partners Civio, einem spanischen Newsroom für investigativen Journalismus, Das Projekt untersucht den gegenwärtigen Stand von Impfungen weltweit und stützt sich dafür auf Datenanalysen und Recherchen vor Ort in mehreren Ländern. Es wird von „Journalism Grants“ gefördert, einem Projekt des „Euroepan Journalism Centre“ mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation. Die Stiftung engagiert sich für Impfprogramme weltweit, hatte aber auf diesen Beitrag keinen Einfluß.

Übersetzung aus dem Englischen: Nándor Hulverscheidt

Gefährliche Keime

Noch immer sterben etwa 70.000 Menschen im Jahr an Masern – viele Tote wären vermeidbar

200.000 Menschen infizierten sich 2015 mit Masernviren, obwohl es seit Jahrzehnten Impfstoffe dagegen gibt. Warum? Zu wenig Geld, falsche Forschung – und eine manipulierte Studie. Auch in Deutschland lassen sich viel zu wenige Menschen impfen.

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von Eva Belmonte

Diese Recherche ist Teil unserer Kooperation „Medicamentalia“ mit dem spanischen Recherchebüro „Civio“ und erscheint in unserem Schwerpunkt über resistente Keime.


Masern sind beherrschbar – theoretisch zumindest. Eine Impfung gibt es schon seit den 1960er-Jahren. Trotzdem haben sich 2015 weltweit knapp 200.000 Menschen angesteckt, mindestens. Gut ein Drittel davon starben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ihr Ziel für die Ausrottung der Masern sogar nach hinten verschoben. Nun soll die Krankheit in mindestens fünf der sechs WHO-Regionen bis 2020 verschwinden. Der Grund für die Probleme: Es wird nicht genug geimpft.

Viel zu wenige Menschen geimpft

2015 verfehlte knapp die Hälfte aller Länder weltweit die für das Eindämmen von Masern notwendigen Impfraten. Ab einem bestimmten Anteil von geimpften Personen kann sich die Krankheit nämlich nicht mehr verbreiten. Derzeit sind etwa 85 Prozent der Weltbevölkerung gegen Masern geimpft. Das reicht jedoch noch lange nicht.

Die Masern sind eine so ansteckende Krankheit, dass 95 Prozent aller Menschen geimpft sein müssen, um die Verbreitung der Viren zu verhindern. Dies nennen Experten Herdenimmunität. Wenn 19 von 20 Menschen geimpft sind, dann sind dies genug, um indirekt auch diejenigen zu schützen, die nicht geimpft werden können. Manche Menschen können nicht geimpft werden, weil sie noch zu jung sind, ihr Immunsystem schwach ist oder weil sie allergisch auf Teile des Impfstoffs reagieren.

Die Situation ist sogar noch schlechter. Die Zahl von 85 Prozent geimpften Personen ist nur eine Schätzung. Und diese Schätzung gilt auch nur für die erste von zwei nötigen Impfdosen. Kinder erhalten diese erste Dosis üblicherweise, wenn sie ein Jahr alt sind, zusammen mit Impfungen für Mumps und Röteln (das ist der sogenannte MMR-Impfstoff). Für effektiven Schutz ist jedoch eine zweite Impfdosis ein Muss.

Für diese zweite Impfdosis sehen die Zahlen noch schlechter aus: Die WHO glaubt, dass nur in 50 Ländern genug Menschen auch die zweite Impfdosis erhalten, um das Herdenschutz-Niveau zu erreichen. Deutschland gehört nicht dazu. Auch mehrere andere reiche europäische Länder scheitern daran. Weltweit steigen Immunisierungsraten zu langsam, sagt die WHO. Ein Grund: In vielen Ländern misstrauen die Menschen den Impfstoffen.

Masern und Co. auf dem Vormarsch in Europa

In den Vereinigten Staaten, im berühmten Silicon Valley, werden seit einiger Zeit  neue Masernausbrüche registriert. Impfraten liegen dort unter dem Minimum – das liegt zumindest zum Teil daran, dass es immer mehr Impfgegner gibt. Der neue Präsident der USA, Donald Trump, hat sich mehrfach mit Wortführern von Anti-Impf-Bewegungen getroffen.

2015 wurden in ganz Nord- und Südamerika 611 Masernfälle registriert – die meisten davon in Kanada und den Vereinigten Staaten. In Europa* sind dagegen im gleichen Jahr fast 26.000 Menschen an Masern erkrankt. Allein in Deutschland infizierten sich 2.500 Menschen. Mehr als in jedem anderen Land der Europäischen Union und deren Nachbarländern.

Den größten Masernausbruch seit Einführung der Meldepflicht im Jahr 2001 erlebte im selben Jahr Berlin. Der erste Patient war wohl ein Asylbewerber aus Bosnien und Herzegowina. Flüchtlinge sind jedoch nicht die Erklärung für die hohe Zahl der Infektionen.

Beispielhaft: Der Masern-Ausbruch von Berlin

Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales hat den Masernausbruch analysiert. Demnach machten Asylbewerber nur einen kleinen Teil aller Fälle aus. In den ersten Wochen des Ausbruchs – im November und Dezember 2014 – waren sie noch in der Mehrheit. Aber als die Masern begannen, sich zwei Wochen vor Silvester und in den ersten Monaten des Jahres 2015 rapide auszubreiten, gingen die Fälle unter Asylbewerbern bereits zurück.

Die Masern konnten sich weit in der lokalen Bevölkerung ausbreiten. Dafür alleine Impfgegner verantwortlich zu machen, auch wenn es davon in Berlin vermutlich einige gibt, reicht nicht aus, um den Ausbruch zu erklären. Tatsächlich gibt es ein grundsätzliches Problem unter jungen Erwachsenen in Deutschland. Das sagt das Robert Koch Institut (RKI), welches Krankheiten und Impfraten im Land beobachtet.

Lediglich 56,9 Prozent der Menschen zwischen 18 und 44 Jahren sind gegen Masern immunisiert. Das ist weit unter der Herdenschutz-Schwelle – und es ist wieder auch nur die Zahl für die erste Impfdosis. Wie viele junge Erwachsene zweimal geimpft wurden könne derzeit niemand herausfinden. Man könne aber davon ausgehen, dass eine große Zahl der jungen Erwachsenen in Deutschland tatsächlich keinen vollen Schutz habe, erklärt eine Sprecherin des RKI.

Erst ab 1991 wurde in Deutschland empfohlen, Kindern im Alter von fünf, sechs Jahren eine zweite Impfdosis zu geben. Das ist nun 26 Jahre her. Aber selbst nach dieser Empfehlung verpassten viele die zweite Impfung. Das RKI sagt, erst mit der 2011 gegebenen Empfehlung, die zweite Dosis im Alter von zwei Jahren zu geben – wenn Kinder noch häufiger beim Arzt sind – hätten sich die Impfraten deutlich erhöht.

Die EU ist eine Bastion des Impf-Misstrauens

In vielen Nachbarländern Deutschlands werden ebenfalls viel zu wenige Menschen geimpft. Die Immunisierungsrate in Dänemark für die zweite Masern-Dosis ist in den vergangenen Jahren auf 80 Prozent gefallen. Das Land steht schlechter da als mehr als 100 andere Länder, darunter Sri Lanka und Algerien.

Noch schlechter sieht es in Frankreich aus. Das Land lieferte der WHO keine Daten für das Jahr 2015. Im Vorjahr erreichte Frankreich allerdings nur eine Impfrate von 74 Prozent. Immerhin eine Steigerung gegenüber den 67 Prozent aus dem Jahr 2013.

In keinem anderen Land zweifeln die Menschen so sehr an Impfungen wie in Frankreich. Das ist das Ergebnis der Studie „The Vaccine Confidence 2016“. Für die Untersuchung interviewte die Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin mehr als 65.000 Menschen in 67 Ländern. 40 Prozent der französischen Befragten widersprachen der Aussage: „Impfungen sind sicher.“ Weltweit antworteten zwölf Prozent so, in Deutschland immerhin mehr als zehn Prozent.

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Die großen Impfgegner sind fast alle Europäer. Sieben der zehn Länder mit dem geringsten Vertrauen in Impfungen waren EU-Mitglieder oder Nachbarn der EU. Dabei sind schwere Nebenwirkungen von Impfungen den meisten Studien zufolge extrem selten.

Impf-Skepsis ist nicht neu. In der Vergangenheit hatten Menschen oft Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten. Dies war schon so als Edward Jenner den ersten Impfstoff erfand – den gegen die Pocken. Dass dabei einem Menschen abgeschwächte Erreger der Krankheit gespritzt werden sollten, überraschte und verstörte viele Menschen. Sie gingen fälschlicherweise davon aus, dass die Impfung schockierende Missbildungen verursachen könnte. Heute misstrauen die Impf-Gegner den offiziellen Institutionen, Pharmakologen und sogar den Wissenschaftlern.

Der Mythos, Impfungen verursachten Autismus

Ein beliebtes Argument von Impfgegnern ist die falsche Behauptung, die Masern-Mumps-Röteln-Impfung verursache Autismus. 1998 publizierte Andrew Wakefield eine Studie im medizinischen Fachblatt „The Lancet“, worin er behauptete, dies bewiesen zu haben. Erst 2010 zog das Journal den Artikel zurück, nachdem Ärzte dessen Inhalt widersprochen hatten.

Schrittweise kam der Betrug Wakefields ans Licht: Er war von einem Anwalt bezahlt worden. Dieser Anwalt hatte Eltern autistischer Kinder für einen Prozess gegen Pharmazeuten rekrutiert. Die Klage wurde schließlich von den US-amerikanischen Gerichten zurückgewiesen. Sowohl Wakefield als auch der Anwalt hatten die Eltern in die Irre geführt, Studienergebnisse gefälscht und ihre finanziellen Interessen in der Sache verschleiert.

Trotz dieser Enthüllung halten manche Leute diese Theorie weiterhin aufrecht. Einer von ihnen ist der neue Präsident der USA.

Ist Bildung wirklich die Lösung?

Die Lösung dieses Problems sei Bildung. Das sagt jede Person, die für diesen Artikel interviewt wurde.

Doch stimmt das? Der Journalist Javier Salas hat für einen Artikel in der spanischen Tageszeitung El País diverse Studien ausgewertet. Das Ergebnis: Weder viele Informationen noch Angstkampagnen helfen wirklich. Selbst wenn man Menschen dazu zwingt, sich impfen zu lassen, hat das nicht unbedingt einen positiven Effekt, schreibt Salas. Tatsächlich sieht es so aus, als könnten diese und andere Methoden sogar kontraproduktiv sein.

In El Salvador müssen alle Kinder per Gesetz ihre Impfpässe zeigen, um eingeschult zu werden. In der Praxis würde aber keinem ungeimpften Kind der Schulbesuch verweigert, räumt der Direktor des Impfprogramms des Gesundheitsministeriums ein. Das würde nämlich das Grundrecht auf Bildung verletzen. Allerdings können die Behörden die Regelung dazu nutzen, bei Eltern dafür zu werben, dass diese die Impfpässe ihrer Kinder aktuell halten.

Was kann man also tun? Eine im Jahr 2011 von der Kinderärztin Allison Kempe veröffentlichte Studie belegt, dass der beste Fürsprecher von Impfungen wahrscheinlich der Hausarzt einer Familie ist. Dessen auf persönlichen Erfahrungen basierender Rat scheint zu funktionieren.

Der arme Teil der Welt hat die meisten Probleme

Im Großen und Ganzen werden in Ländern mit hohem Einkommen noch immer mehr Menschen gegen Masern geimpft als in Ländern mit niedrigen Einkommen. Reiche Länder haben eine durchschnittliche Impfrate von fast 95 Prozent. Arme Länder: weniger als 83 Prozent.

Zudem sind in vielen Ländern die Unterschiede zwischen den Impfraten der ersten und zweiten Dosis riesig. Beispiel Malawi: Annähernd 85 Prozent sind einmal gegen Masern geimpft, aber nur acht Prozent zweimal. Im Vergleich sieht der Unterschied von elf Prozent in Belgien gar nicht so schlecht aus.

Indien, das 2015 mit mehr als 22.000 Opfern alleine 30 Prozent aller weltweiten Todesfälle durch Masern bei Kindern unter vier Jahren zu beklagen hatte, hat eine Impfrate von 81 Prozent für die erste Dosis und 69 Prozent für die zweite.

Besonders schwer ist das Problem in Regionen zu bekämpfen, in denen die Infrastruktur schlecht ist und es an Geld sowie qualifiziertem Personal mangelt. Wenn sich in diesen Regionen dann auch noch Menschen bekämpfen, kann es schwer sein, überhaupt einen Arzt zu erreichen. Dabei sollten Kinder nach derzeitigen Empfehlungen viermal in ihrem ersten Lebensjahr geimpft werden.

„Ärzte ohne Grenzen“ fordert neue Impfstoffe

Die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ glaubt, dass der komplexe Zeitplan zu niedrigen Impfraten in vielen armen Ländern beitrage. Die Organisation verweist auch auf Preissteigerungen. Das Basispaket der wichtigsten Impfungen ist nach Zahlen von „Ärzte ohne Grenzen“ heute mehr als 68-mal so teuer wie im Jahr 2001. Zudem muss die Mehrheit der Impfstoffe dauerhaft auf Kühlschranktemperatur gehalten werden, was ein Minimum an elektrischer Infrastruktur voraussetzt.

Ärzte ohne Grenzen fordert daher neue Impfstoffe. Das Ziel müsse sein, weniger temperaturabhängige und mehr schluckbare Impfstoffe zu haben. Zudem müsse mehr zu Viren in Entwicklungsländern geforscht werden, um die Probleme vor Ort besser bekämpfen zu können.

Medicamentalia Vaccines ist ein Rechercheprojekt unseres Partners Civio, einer spanischen Redaktion für investigativen Journalismus, Das Projekt untersucht den gegenwärtigen Stand von Impfungen weltweit und stützt sich dafür auf Datenanalysen und Recherchen vor Ort in mehreren Ländern. Es wird von „Journalism Grants“ gefördert, einem Projekt des „Euroepan Journalism Centre“ mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation. Die Stiftung engagiert sich für Impfprogramme weltweit, hatte aber auf diesen Beitrag keinen Einfluß.

Übersetzung aus dem Englischen und Mitarbeit: Nándor Hulverscheidt

HPV-Impfung in Sao Paulo, Brasilien© Bild von Pan American Health Organization PAHO unter CC-Lizenz

Gefährliche Keime

Eine Impfung kann Krebs vorbeugen – doch die, die sie am meisten benötigen, kriegen sie nicht

Gebärmutterhalskrebs ist die einzige Krebsform, die heutzutage weitgehend vermieden werden könnte. Screening-Verfahren können frühzeitig sogenannte Läsionen entdecken, bevor sich die Krankheit voll entwickelt. Seit einigen Jahren ist die Medizin der Wurzel des Problems näher gekommen: Es gibt es sogar eine Impfung gegen die Papillomviren, die diesen Krebs verursachen. Doch kulturelle und soziale Widerstände sowie hohe Kosten bremsen deren Entwicklung.

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von Eva Belmonte

2015 starben mehr als 278.000 Frauen weltweit an Gebärmutterhalskrebs. In 41 Ländern ist diese Krankheit der tödlichste Krebs für Frauen. Und das, obwohl es längst Vorsorgeuntersuchungen gibt, die Vorstufen, so genannte Läsionen, frühzeitig entdecken. Damit das Screening funktioniert, müssen Frauen jedoch regelmäßig gynäkologisch untersucht werden. Das findet in Ländern mit geringen Ressourcen und schlechter Infrastruktur nicht statt.

Die HPV-Impfung


Das Virus

Die meisten sexuell aktiven Menschen infizieren sich irgendwann in ihrem ihrem Leben mit HPV, viele davon merken es nicht einmal. Unter Frauen jedoch kommt es manchmal zur Bildung sogenannter Läsionen. Gynäkologische Untersuchungen können diese entdecken – und sie können bei Verschlimmerung behandelt werden, bevor sie sich zu Krebs weiterentwickeln. Der ganze Prozess kann zehn Jahre dauern. Zehn Jahre oder mehr, in denen die Krankheit verhindert werden könnte.


Die Hersteller

Zwei Labore produzieren den Impfstoff gegen HPV, die unter anderem Verursacher von Gebärmutterhalskrebs sind: Merck (Gardasil) und GlaxoSmithKline (Cervarix). Letzterer schützt gegen Infektionen der Virentypen 16 und 18. Gardasil4 dagegen ist tetravalent und schützt gegen Typ 6, 11, 16 und 18. Eine neue Variante, Gardasil9, erweitert den Schutz auf neun Virentypen.


Der Impfstoff

Der HPV-Impfstoff ist einer der neuesten und teuersten auf dem Markt. Die Vereinigten Staaten kaufen die neueste Version von Gardasil, die gegen neun Typen des Virus schützt, für 109,60 Euro bis 125,70 Euro pro Dosis – je nachdem ob für Kinder oder Erwachsene. Merck verkauft die einfachere Version des Wirkstoffs, die gegen vier Virentypen schützt, für 22 Euro an Portugal und für 14,50 Euro an die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“. Spanien kauft Gardasil und ein weiteres Präparat (Cervarix von GlaxoSmithKline) zum gleichen Preis: 29,16 Euro pro Dosis. Schätzungen aus dem aktuellen Beschaffungsvertrag legen nahe, dass Spanien bis 2020 pro Jahr knapp sieben Millionen Euro ausgeben wird.


Die Effektivität

Eine Serie von Studien hat 2008 und 2009 die Effektivität des HPV-Impfstoffs im Vergleich zu dessen Kosten in verschiedenen Ländern untersucht. Eine davon konzentrierte sich auf Lateinamerika. Das Ergebnis: der gegen zwei Virentypen wirksame Impfstoff für die vollständige Immunisierung eines Mädchens (für die mehrere Dosen nötig sind) müsste insgesamt weniger als 25 Dollar kosten, um ihn auch für ärmere Länder attraktiv zu machen Die Preise müssen also fallen.


Die Hürden

Laut eines Berichts der WHO von 2013 sind die großen Hürden auf dem Weg zur Einführung dieses Impfstoffs neben den Kosten auch die Schwierigkeit, unbeschulte Mädchen zu erreichen (die Impfung wird zwischen 9 und 13 Jahren empfohlen) sowie „Gerüchte oder Desinformation“.


Die Initiativen

Es gibt internationale Initiativen mit dem Ziel, ärmeren Ländern den Impfstoff günstiger bereitzustellen. Die Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) kann ihn etwa für knapp acht Euro pro Dosis bereitstellen. Die unter anderem von der Gates-Stiftung unterstütze Global Alliance for Vaccines and Immunization (GAVI), die die ärmsten Länder versorgt, sogar für nur knapp über vier Euro.


Mauricio Maza ist Medizinischer Direktor bei Basic Health International, einer Organisation im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs. Er arbeitet in El Salvador, ein Land in dem diese Krankheit mehr Frauen tötet als Brustkrebs. „Gebärmutterhalskrebs attackiert die ärmsten Frauen, die keinen Zugang zu den Tests haben“, sagt Maza. Nur selten treffe die Krankheit jemanden, der die nötigen Ressourcen für die Behandlung habe. Deshalb sähen wir auch keine berühmten Frauen im Fernsehen oder in Magazinen über Gebärmutterhalskrebs reden, so wie es bei Brustkrebs der Fall ist.

Arme Länder? Keine Impfung

Die Daten geben Maza recht. Die Länder mit den höchsten geschätzten Todesraten für Gebärmutterhalskrebs sind die ärmsten Länder der Welt.  Die Weltgesundheitsorganisation WHO stellte in einer Untersuchung fest, dass bis Ende 2015 nur 66 von 194 Ländern die HPV-Impfung in ihre Immunisierungsprogramme aufgenommen hatten. Und genau die Länder, die besonders unter Gebärmutterhalskrebs leiden, sind überwiegend nicht dabei. Ohne externe Hilfe können viele Länder die Impfungen nicht finanzieren.

Die Impfung wird dort eingeführt, wo es am wenigsten notwendig ist – in Ländern wie Deutschland mit den wenigsten Fällen und geringsten Todesraten durch Gebärmutterhalskrebs. „Ja, manchmal kritisieren Leute das. Aber manchmal muss man so etwas dort machen, wo die Dinge besser organisiert sind. Dort, wo ernste Fälle mit Nebenwirkungen analysiert werden können, sodass die Anderen überzeugt werden“, sagt Mireia Díaz, Expertin für Prävention, Auswirkungen und Kosten von Gebärmutterhalskrebs am Catalan Institute of Oncology in Barcelona, Spanien.

Aktuelle Impfstoffe seien ohnehin nicht die „komplette Lösung“, sagt Díaz. Sie ersetzen nicht die Vorsorgeuntersuchungen. Sie erreichen nicht alle. Und sie schützen zwar gegen die Viren, die mehr als 70 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs verursachen – aber nicht gegen den Rest.

27 Tage Arbeit für eine Impfung

In vielen armen Ländern wird der Impfstoff nicht über das öffentliche Gesundheitssystem – und damit gratis – verteilt. Viele Frauen kommen daher nur über Privatkliniken an ihn heran. Der Gynäkologe Gerson Eduardo Gálvez Torres arbeitet für Aprofam, ein Netzwerk von gemeinnützigen Kliniken in Guatemala, das auf sexuelle Gesundheit spezialisiert ist. Er sagt, sehr wenige Leute fragten bei ihm vor Ort nach der Impfung.

In Guatemala bieten den Impfstoff zudem nicht alle Kliniken an. Unter diejenigen, die ihn anbieten, verlangen 100 bis 200 Euro pro Dosis. Meistens werden drei Dosen benötigt. Der Mindestlohn in Guatemala beträgt 86,90 Quetzale, das sind etwas über 11 Euro – pro Tag. Die volle Immunisierung kostet also mindestens 27 Arbeitstage.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern realisiert. Jetzt unterstützen!

Diese Preise sind in Guatemala und anderen Armutsländern also ähnlich hoch wie die in Ländern mit deutlich höheren Einkommen wie Spanien oder den Vereinigten Staaten. „Die meisten Leute können sich das nicht leisten“, sagt Dr. Gálvez.

„Medicamentalia Vaccines“ ist ein Rechercheprojekt unseres Partners Civio, einer spanischen Redaktion für investigativen Journalismus. Das Projekt untersucht den gegenwärtigen Stand von Impfungen weltweit und stützt sich dafür auf Datenanalysen und Recherchen vor Ort in mehreren Ländern. Es wird von „Journalism Grants“ gefördert, einem Projekt des „Euroepan Journalism Centre“ mit Mitteln der Bill & Melinda Gates Foundation. Die Stiftung engagiert sich für Impfprogramme weltweit, hatte aber auf diesen Beitrag keinen Einfluß.
Übersetzung aus dem Englischen: Nándor Hulverscheidt