Was bewegt Leser von Medien mit dem Schwerpunkt Türkei im Netz? Eine gemeinsame Datenanalyse mit dem Bayerischen Rundfunk.

Der Autokorso für den inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel sei ein „Affenzirkus“, die Evolutionstheorie eine Lüge, Außenminister Sigmar Gabriel ein „Fettsack“. Blogger nutzen soziale Netzwerke wie etwa Facebook, um zu hetzen und gezielt Desinformation zu betreiben. Und haben oft eine größere Reichweite als viele klassische Medien, wie etwa Zeitungen oder Nachrichtenportale.

CORRECTIV und der Bayerische Rundfunk haben 95 Facebook-Auftritte verschiedener Medien mit dem Schwerpunkt Türkei über einen Zeitraum zwischen Januar 2016 und September 2017 ausgewertet. Wir wollten wissen, welche Themen von türkischsprachigen oder deutsch-türkischen Medien aufgegriffen werden, die Nutzer in Deutschland erreichen wollen.

Dafür haben wir knapp 500.000 Facebook-Posts von Newsseiten und Blogs mit einem Programm analysiert. Die Seiten haben wir danach ausgewählt, ob sie ihren Sitz in der Türkei haben oder türkischsprachige Medien in Deutschland oder deutsch-türkische Medien sind, die abwechselnd auf Deutsch und Türkisch veröffentlichen. Dabei berücksichtigen wir nur Medien, die entweder mehr als 10.000 Facebook-Follower haben oder eine Printauflage von mindestens 10.000 Stück. Die Auswahl der Medien orientiert sich daran, ob dort besonders oft über deutsche und türkische Politik geschrieben wird.

Ein Trend: In Deutschland sind auf Facebook Blogger beliebter als traditionelle Nachrichtenportale wie etwa Tageszeitungen oder Fernsehsender: Von den zehn beliebtesten Facebook-Seiten, die über die Türkei berichten, werden sechs von regierungsnahen Bloggern betrieben, wie etwa die Seite „Osmanische Generation“ (fast 68.000 Follower) oder „Stolz der Türkei - R.T. Erdoğan“ (über 67.000 Follower). Diese Blogger äußern sich überwiegend positiv über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und dessen Regierungspartei AKP. Einige von ihnen hetzen aggressiv gegen deutsche Politiker und deutsche Journalisten, andere gegen Homosexuelle oder Juden.

 

Infografik Türkische Medien in Deutschland Top Ten

Das Balkendiagramm zeigt die zehn beliebtesten Facebook-Seiten gemessen an der Anzahl ihrer Fans. Ausgewertet wurden 38 Seiten mit Mehrheit der Follower aus Deutschland.

Bayerischer Rundfunk

Um zu erkennen, welche Themen sie besonders oft aufgreifen, haben wir nach Stichwörtern gesucht, die auf den Seiten oft benutzt werden. Zwei Wörter kommen bei fast allen vor: Türkei und Deutschland. Ein Indiz dafür, dass hier oft über die Spannungen zwischen beiden Ländern berichtet wird. Ein anderes Wort, dass sehr häufig vorkommt, ist die in Deutschland und in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans „PKK“.

Wenn über deutsche Politiker berichtet wird, gibt es auf den Blogs weitaus mehr Reaktionen als auf den Seiten der traditionellen Medien. Dafür haben wir Politikernamen wie Angela Merkel, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir ausgewählt. Bei den Posts, die einen dieser Namen enthalten, haben wir die Reaktionen darauf (Likes, Shares, Comments, Emoji-Kommentare) gezählt. Bei Bloggern reagieren Facebook-User drei bis vier Mal stärker auf die deutschen Politiker als bei den Nachrichtenseiten – und das, obwohl diese Politiker dort mindestens genauso oft erwähnt werden.

Auffällig dabei ist: Wenn deutsche Politiker erwähnt werden, dann oft nur in einem negativen Zusammenhang. Wir haben als Beispiel 30 Posts mit den meisten Reaktionen über Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Sigmar Gabriel, den Grünen-Spiztenkandidaten Cem Özdemir und die Abgeordnete der Linken Sevim Dağdelen, genommen. Vor allem die Linke Dağdelen wird heftig beschimpft und oft bedroht in den Kommentaren der Follower.

Zum Vergleich: Der türkische Präsident Reep Tayyip Erdoğan wird hingegen fast nur im positiven Zusammenhang erwähnt.

 

Infografik Türkische Medien in Deutschland

Die Tortendiagramme zeigen, in welchem Kontext deutsche Politiker auf Facebook erwähnt werden. Dafür haben wir von allen Posts, in denen zB. "Merkel" oder "Gabriel" erwähnt wurden jene 30 mit den meisten Reaktionen (Likes, Shares, Wow-, Angry-Button etc.) ausgewertet.

Bayerischer Rundfunk

Mitarbeit : Claudia Gürkov und Lisa Wreschniok


Die Recherche erfolgte in Kooperation mit dem „Bayerischen Rundfunk“ und der türkischen Exilredaktion ozguruz.org. Die Autoren Catharina Felke, Claudia Gürkow, Niels Ringler und Lisa Wreschniok sind Redakteure bei BR-Data und BR-Recherche.

10 Euro für unabhängigen Journalismus