EU-Subventionen an Massentierhalter, die die Umwelt schädigen. Für unsere Recherche über die Agrar-Subventionen haben wir mit zwei öffentlichen Datensätzen gearbeitet. Wir zeigen, welche Daten wir nutzen und wie wir sie aufbereitet haben. Es ist ein Beispiel dafür, wie Journalisten ganz ohne Leaks auch nur mit öffentlich zugänglichen Informationen neue Erkenntnisse gewinnen können.

Die Recherche begann mit der Idee, zwei Datenbanken übereinander zu legen: das Schadstoffemissionsregister und die Agrarsubventionen der EU. Wer in beiden Datenbanken auftaucht, belastet die Umwelt mit Schadstoffen und bekommt gleichzeitig staatliche Unterstützung. Das muss nicht sofort verwerflich sein, kann aber ein Grund sein, genauer hinzuschauen.

Thru.de

Screenshot von Thru.de

Thru.de – das Schadstoffemissionsregister des Umweltbundesamts

Das Schadstoffemissionsregister ist in der EU mit dem „European Pollutant Release and Transfer Register (E-PRTR)“ geregelt. In Deutschland hat es den handlicheren Namen Thru.de und wird vom Umweltbundesamt herausgegeben. Das Register erfasst Schadstoffe und Abfälle von Betrieben, die gewisse Schwellenwerte überschreiten. Neben Bereichen wie der Metall– oder der Lebensmittelindustrie finden sich in Thru.de auch Betriebe der Intensivtierhaltung mit einem jährlichen Ammoniak-Ausstoß von mehr als 10 Tonnen.

Der Zugriff auf die Thru.de-Daten ist für eine Behörde vorbildlich. Neben einer Suche direkt auf der Webseite bietet das Umweltbundesamt den kompletten Datenbestand auch zum Download als SQLite-Datenbank an. Das erlaubt es Datenjournalisten nicht nur nach Einzelfällen zu suchen, sondern eine Gesamtsicht auf die Schadstoffemissionen zu erhalten.

Die Datenbank selbst ist sauber strukturiert und enthält nur kleinere Unstimmigkeiten. Betriebe sind pro Berichtsjahr mit Adresse, geographischen Koordinaten, Betriebsart sowie Angaben zu Eigentümer und Muttergesellschaft aufgeführt. Teilweise scheinen die Angaben allerdings nicht einer einheitlichen Ordnung zu folgen. Bei der Angabe zur Muttergesellschaft findet sich oft nicht die Angabe zum eigentlichen Gesamtkonzern. Sucht man z.B. nach „Cobb Germany Avimex“ ist nicht ersichtlich, dass das Unternehmen zum WIMEX-Konzern gehört, einem der größten Hühnerfarmbetreiber Deutschlands.

Emissionen sind für jeden Betrieb und jedes Jahr aufgeschlüsselt, erfassen aber nur Schadstoffe, die in der PRTR-Verordnung aufgeführt sind. In diesem Fall Ammoniak, einem übelriechenden Schadstoff, der durch den Kot und das Urin der Tiere entsteht und in die Luft entweicht. In zu großen Mengen schädigt Ammoniak die Umwelt, weil es den Feinstaub in der Luft erhöht und zum Nitrat im Grundwasser beiträgt. Wer sich für die Menge an Gülle eines Betriebs interessiert, kommt bei Thru.de nicht weiter. Die Datenbank reicht zurück bis 2007, das letzte verfügbare Berichtsjahr ist allerdings erst 2015.

Agrarsubventions-Datenbank

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Agrar- und Fischerei-Zahlungen – Webseite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Die Empfänger von Agrarsubventionen der EU müssen für die jeweils letzten zwei Berichtsjahre auf Portalen der Mitgliedstaaten veröffentlicht werden. In Deutschland lassen sie sich auf einem Portal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung durchsuchen. Kaum geht es um Geld, ist der Zugriff auf die Daten nicht mehr so komfortabel wie bei Thru.de. Die Suche ist sehr restriktiv, eine Gesamtliste der Empfänger ist auf dem Portal nicht verfügbar und auch per Informationsfreiheitsgesetz lässt sich ein Gesamtauszug mittlerweile nicht mehr erhalten. Hier mussten wir die Online-Datenbank relativ aufwendig automatisiert auslesen.

Unsere Recherche konzentrierte sich auf die Jahre 2011 – 2015. Das Agrarsubventions-Portal gibt aber immer nur Auskunft über die letzten zwei Jahre. Abhilfe schafft die Plattform FarmSubsidy.org, die die Agrarsubventionen aus der ganzen EU zusammenträgt, archiviert und auch als Datensätze zur Verfügung stellt.*

Die Datensätze bestehen aus Namen und Adressen von Empfängern sowie den Einzelbeträgen unter bestimmten Förderprogrammen. Eine eindeutige Identifizierung über Berichtsjahre hinweg ist im Datensatz nicht vorgesehen. Das macht es deutlich aufwendiger die Gelder eines Empfängers über die Jahre zusammenzufassen.

Wer kommt in beiden Datenbanken vor?

Um herauszufinden, welche Intensivtierhaltungs-Betriebe mit hohem Ammoniak-Ausstoß auch Agrarsubventionen erhalten haben, müssen beide Datenbanken miteinander verglichen werden. Bei rund 240.000 unterschiedlichen Empfängern von Agrarsubventionen von 2011-2015 und Namen in den unterschiedlichsten Schreibweisen ist das keine einfache Aufgabe.

Das liegt auch daran, dass die Datenbanken nicht auf der gleichen Ebene vergleichbar sind. Während Thru.de einzelne Betriebsstätten führt, sind Agrarsubventionsempfänger als Einzelpersonen, Unternehmen oder Konzerne mit ihren jeweiligen Geschäftsadressen gelistet. Einen Geldbetrag aus einer Subvention einem Betriebsort zuzuschreiben ist somit nicht möglich.

Ein Beispiel: Der WIMEX-Konzern erhält in Köthen Agrarsubventionen und setzt dort mit einem Betrieb Ammoniak frei. Allerdings hat der Konzern auch an mindestens 20 weiteren Betriebsstätten einen hohen Ammoniak-Ausstoß. Diese Betriebsstätten als zugehörig zum Mutterkonzern zu erkennen, gestaltet sich schwierig. Zwar lässt die Thru.de-Datenbank Rückschlüsse auf Muttergesellschaft und Eigentümer zu, aber eben nicht durchgängig oder einheitlich. Für die Recherche der Beteiligungsverhältnisse der Agrarkonzerne musste auf die Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger zurückgegriffen werden.

Netzwerkdarstellung: einige wenige gute vernetzte Knoten, viele wenig vernetzte

Netzwerk der Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de

Daher haben wir die einzelnen Betriebsstätten aus Thru.de, in eine Netzwerkdarstellung geladen mit Betrieben als Knoten und Eigentumsverhältnissen als Kanten. Aus diesem Netzwerk kann man dann die verbundenen Komponenten als zueinander gehörende Betriebe extrahieren. Diese Gruppen aus Betrieben werden dann im Subventionsdatensatz gesucht und Beträge entsprechend zugewiesen. Das klappt gut, ist aber leider nicht perfekt. Die Suche ist „fuzzy“ und toleriert einen gewissen Grad an unterschiedlichen Schreibweisen, erkennt aber nicht jeden Zusammenhang.

Am Schluss steht die Erkenntnis: mehr als die Hälfte aller Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de erhalten Agrarsubventionen oder gehören zu einem Konzern, der Agrarsubventionen erhält. Doch ist das schlecht?

Nitratbelastung des Grundwassers

Das in Thru.de aufgeführte Ammoniak führt zu einer höheren Feinstaubbelastung und bildet Ammoniumnitrat. Die Ammoniak-Freisetzung kann auch als grober Indikator für die Menge an Gülle, die ein Betrieb produziert, gesehen werden. Damit trägt die Intensivtierhaltung in vielen Fällen zu hohen Nitratwerten im Boden und im Grundwasser bei.

Um die Nitratbelastung besser verstehen zu können, fragten wir die Nitratwerte des Grundwassers in den Bundesländern an – mit unterschiedlichem Erfolg. Einige Länder wie Niedersachsen oder NRW führen öffentliche Portale mit ihren Werten, andere Länder schickten uns die Messwerte und Daten zu ihrem Messstellennetz zu. Die Granularität der Daten in Zeit und Raum schwankt leider stark: die Messstellendichte und die Häufigkeit der Messwerte ist sehr unterschiedlich. Ein Sonderfall ist Mecklenburg-Vorpommern: Hier haben wir nur Mittel- und Extremwerte für die Messstellen erhalten. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg verweigerte die Herausgabe mit der Begründung, die geographische Lage oder die Bezeichnung ihrer Messstellen zur Grundwassergüte seien personenbezogene Daten.

Trotz dieser unterschiedlichen Granularität haben wir uns entschieden, die Nitratbelastung in unsere Kartendarstellung im Hauptartikel einfließen zu lassen. Die Sechsecke zeigen den höchsten Medianwert der abgedeckten Stationen und bei höheren Zoomstufen repräsentiert ein Sechseck den Medianwert der einzelnen Messstation. Medianwert bedeutet, dass die Hälfte aller Messwerte zwischen 2011 – 2015 höher waren als der angezeigte Wert.

Über die gleichzeitige Darstellung der Intensivtierhaltung und der Nitratbelastung stellen wir einen Zusammenhang her, der allein über die beschriebenen Daten nicht klar ist. Die Gülle, die von einem Betrieb produziert wird, muss nicht vor Ort ausgebracht werden und muss daher nicht zwangsweise einen lokalen Einfluss auf Nitratwerte haben. Es gibt eine Gegend in Rheinland-Pfalz, die aus geologischen Gründen hohe Nitratwerte im Grundwasser hat, aber keine nennenswerte Intensivtierhaltung vorweist.

Der Zusammenhang zwischen Intensivtierhaltung und hohen Nitratwerten ist aber belegt. Das Umweltbundesamt gibt an, dass die Landwirtschaft zu großen Teilen für die Nitratbelastung im Grundwasser verantwortlich ist. Bezogen auf die Regionen mit einer hohen Dichte an Tierbestand ist erkennbar, dass in diesen Regionen Nitratwerte des Grundwassers oft besonders hoch sind. Auf der Karte wird auch sichtbar, dass punktuelle Messstellen in der Nähe von sehr großen Betrieben auffällig hohe Werte anzeigen, gerade im Vergleich mit Messstellen in der weiteren Umgebung.

Die EU hat Deutschland 2016 wegen zu hoher Nitratwerte verklagt. Hauptkritikpunkt der Klage ist die Überdüngung der Äcker. Jüngst hat das Umweltbundesamt in einer Studie prognostiziert, dass Verbraucher für ihr Trinkwasser deutlich mehr zahlen könnten, sollte der Nitratgehalt des Grundwassers nicht sinken.

Wir stellen weder die Tierhaltung noch Agrarsubventionen allgemein in Frage. Aber sollte die Intensivtierhaltung, insbesondere große, profitable Betriebe, in Deutschland mit öffentlichen Geldern unterstützt werden?

*Disclaimer: Der Autor arbeitet am Projekt FarmSubsidy.org mit.

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