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Agrarindustrie

Subventionen für Verschmutzer: Wie wir mit öffentlichen Daten gearbeitet haben

EU-Subventionen an Massentierhalter, die die Umwelt schädigen. Für unsere Recherche über die Agrar-Subventionen haben wir mit zwei öffentlichen Datensätzen gearbeitet. Wir zeigen, welche Daten wir nutzen und wie wir sie aufbereitet haben. Es ist ein Beispiel dafür, wie Journalisten ganz ohne Leaks auch nur mit öffentlich zugänglichen Informationen neue Erkenntnisse gewinnen können.

weiterlesen 10 Minuten

von Stefan Wehrmeyer

Die Recherche begann mit der Idee, zwei Datenbanken übereinander zu legen: das Schadstoffemissionsregister und die Agrarsubventionen der EU. Wer in beiden Datenbanken auftaucht, belastet die Umwelt mit Schadstoffen und bekommt gleichzeitig staatliche Unterstützung. Das muss nicht sofort verwerflich sein, kann aber ein Grund sein, genauer hinzuschauen.

Thru.de

Screenshot von Thru.de

Thru.de – das Schadstoffemissionsregister des Umweltbundesamts

Das Schadstoffemissionsregister ist in der EU mit dem „European Pollutant Release and Transfer Register (E-PRTR)“ geregelt. In Deutschland hat es den handlicheren Namen Thru.de und wird vom Umweltbundesamt herausgegeben. Das Register erfasst Schadstoffe und Abfälle von Betrieben, die gewisse Schwellenwerte überschreiten. Neben Bereichen wie der Metall– oder der Lebensmittelindustrie finden sich in Thru.de auch Betriebe der Intensivtierhaltung mit einem jährlichen Ammoniak-Ausstoß von mehr als 10 Tonnen.

Der Zugriff auf die Thru.de-Daten ist für eine Behörde vorbildlich. Neben einer Suche direkt auf der Webseite bietet das Umweltbundesamt den kompletten Datenbestand auch zum Download als SQLite-Datenbank an. Das erlaubt es Datenjournalisten nicht nur nach Einzelfällen zu suchen, sondern eine Gesamtsicht auf die Schadstoffemissionen zu erhalten.

Die Datenbank selbst ist sauber strukturiert und enthält nur kleinere Unstimmigkeiten. Betriebe sind pro Berichtsjahr mit Adresse, geographischen Koordinaten, Betriebsart sowie Angaben zu Eigentümer und Muttergesellschaft aufgeführt. Teilweise scheinen die Angaben allerdings nicht einer einheitlichen Ordnung zu folgen. Bei der Angabe zur Muttergesellschaft findet sich oft nicht die Angabe zum eigentlichen Gesamtkonzern. Sucht man z.B. nach „Cobb Germany Avimex“ ist nicht ersichtlich, dass das Unternehmen zum WIMEX-Konzern gehört, einem der größten Hühnerfarmbetreiber Deutschlands.

Emissionen sind für jeden Betrieb und jedes Jahr aufgeschlüsselt, erfassen aber nur Schadstoffe, die in der PRTR-Verordnung aufgeführt sind. In diesem Fall Ammoniak, einem übelriechenden Schadstoff, der durch den Kot und das Urin der Tiere entsteht und in die Luft entweicht. In zu großen Mengen schädigt Ammoniak die Umwelt, weil es den Feinstaub in der Luft erhöht und zum Nitrat im Grundwasser beiträgt. Wer sich für die Menge an Gülle eines Betriebs interessiert, kommt bei Thru.de nicht weiter. Die Datenbank reicht zurück bis 2007, das letzte verfügbare Berichtsjahr ist allerdings erst 2015.

Agrarsubventions-Datenbank

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Agrar- und Fischerei-Zahlungen – Webseite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Die Empfänger von Agrarsubventionen der EU müssen für die jeweils letzten zwei Berichtsjahre auf Portalen der Mitgliedstaaten veröffentlicht werden. In Deutschland lassen sie sich auf einem Portal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung durchsuchen. Kaum geht es um Geld, ist der Zugriff auf die Daten nicht mehr so komfortabel wie bei Thru.de. Die Suche ist sehr restriktiv, eine Gesamtliste der Empfänger ist auf dem Portal nicht verfügbar und auch per Informationsfreiheitsgesetz lässt sich ein Gesamtauszug mittlerweile nicht mehr erhalten. Hier mussten wir die Online-Datenbank relativ aufwendig automatisiert auslesen.

Unsere Recherche konzentrierte sich auf die Jahre 2011 – 2015. Das Agrarsubventions-Portal gibt aber immer nur Auskunft über die letzten zwei Jahre. Abhilfe schafft die Plattform FarmSubsidy.org, die die Agrarsubventionen aus der ganzen EU zusammenträgt, archiviert und auch als Datensätze zur Verfügung stellt.*

Die Datensätze bestehen aus Namen und Adressen von Empfängern sowie den Einzelbeträgen unter bestimmten Förderprogrammen. Eine eindeutige Identifizierung über Berichtsjahre hinweg ist im Datensatz nicht vorgesehen. Das macht es deutlich aufwendiger die Gelder eines Empfängers über die Jahre zusammenzufassen.

Wer kommt in beiden Datenbanken vor?

Um herauszufinden, welche Intensivtierhaltungs-Betriebe mit hohem Ammoniak-Ausstoß auch Agrarsubventionen erhalten haben, müssen beide Datenbanken miteinander verglichen werden. Bei rund 240.000 unterschiedlichen Empfängern von Agrarsubventionen von 2011-2015 und Namen in den unterschiedlichsten Schreibweisen ist das keine einfache Aufgabe.

Das liegt auch daran, dass die Datenbanken nicht auf der gleichen Ebene vergleichbar sind. Während Thru.de einzelne Betriebsstätten führt, sind Agrarsubventionsempfänger als Einzelpersonen, Unternehmen oder Konzerne mit ihren jeweiligen Geschäftsadressen gelistet. Einen Geldbetrag aus einer Subvention einem Betriebsort zuzuschreiben ist somit nicht möglich.

Ein Beispiel: Der WIMEX-Konzern erhält in Köthen Agrarsubventionen und setzt dort mit einem Betrieb Ammoniak frei. Allerdings hat der Konzern auch an mindestens 20 weiteren Betriebsstätten einen hohen Ammoniak-Ausstoß. Diese Betriebsstätten als zugehörig zum Mutterkonzern zu erkennen, gestaltet sich schwierig. Zwar lässt die Thru.de-Datenbank Rückschlüsse auf Muttergesellschaft und Eigentümer zu, aber eben nicht durchgängig oder einheitlich. Für die Recherche der Beteiligungsverhältnisse der Agrarkonzerne musste auf die Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger zurückgegriffen werden.

Netzwerkdarstellung: einige wenige gute vernetzte Knoten, viele wenig vernetzte

Netzwerk der Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de

Daher haben wir die einzelnen Betriebsstätten aus Thru.de, in eine Netzwerkdarstellung geladen mit Betrieben als Knoten und Eigentumsverhältnissen als Kanten. Aus diesem Netzwerk kann man dann die verbundenen Komponenten als zueinander gehörende Betriebe extrahieren. Diese Gruppen aus Betrieben werden dann im Subventionsdatensatz gesucht und Beträge entsprechend zugewiesen. Das klappt gut, ist aber leider nicht perfekt. Die Suche ist „fuzzy“ und toleriert einen gewissen Grad an unterschiedlichen Schreibweisen, erkennt aber nicht jeden Zusammenhang.

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Am Schluss steht die Erkenntnis: mehr als die Hälfte aller Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de erhalten Agrarsubventionen oder gehören zu einem Konzern, der Agrarsubventionen erhält. Doch ist das schlecht?

Nitratbelastung des Grundwassers

Das in Thru.de aufgeführte Ammoniak führt zu einer höheren Feinstaubbelastung und bildet Ammoniumnitrat. Die Ammoniak-Freisetzung kann auch als grober Indikator für die Menge an Gülle, die ein Betrieb produziert, gesehen werden. Damit trägt die Intensivtierhaltung in vielen Fällen zu hohen Nitratwerten im Boden und im Grundwasser bei.

Um die Nitratbelastung besser verstehen zu können, fragten wir die Nitratwerte des Grundwassers in den Bundesländern an – mit unterschiedlichem Erfolg. Einige Länder wie Niedersachsen oder NRW führen öffentliche Portale mit ihren Werten, andere Länder schickten uns die Messwerte und Daten zu ihrem Messstellennetz zu. Die Granularität der Daten in Zeit und Raum schwankt leider stark: die Messstellendichte und die Häufigkeit der Messwerte ist sehr unterschiedlich. Ein Sonderfall ist Mecklenburg-Vorpommern: Hier haben wir nur Mittel- und Extremwerte für die Messstellen erhalten. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg verweigerte die Herausgabe mit der Begründung, die geographische Lage oder die Bezeichnung ihrer Messstellen zur Grundwassergüte seien personenbezogene Daten.

Trotz dieser unterschiedlichen Granularität haben wir uns entschieden, die Nitratbelastung in unsere Kartendarstellung im Hauptartikel einfließen zu lassen. Die Sechsecke zeigen den höchsten Medianwert der abgedeckten Stationen und bei höheren Zoomstufen repräsentiert ein Sechseck den Medianwert der einzelnen Messstation. Medianwert bedeutet, dass die Hälfte aller Messwerte zwischen 2011 – 2015 höher waren als der angezeigte Wert.

Über die gleichzeitige Darstellung der Intensivtierhaltung und der Nitratbelastung stellen wir einen Zusammenhang her, der allein über die beschriebenen Daten nicht klar ist. Die Gülle, die von einem Betrieb produziert wird, muss nicht vor Ort ausgebracht werden und muss daher nicht zwangsweise einen lokalen Einfluss auf Nitratwerte haben. Es gibt eine Gegend in Rheinland-Pfalz, die aus geologischen Gründen hohe Nitratwerte im Grundwasser hat, aber keine nennenswerte Intensivtierhaltung vorweist.

Der Zusammenhang zwischen Intensivtierhaltung und hohen Nitratwerten ist aber belegt. Das Umweltbundesamt gibt an, dass die Landwirtschaft zu großen Teilen für die Nitratbelastung im Grundwasser verantwortlich ist. Bezogen auf die Regionen mit einer hohen Dichte an Tierbestand ist erkennbar, dass in diesen Regionen Nitratwerte des Grundwassers oft besonders hoch sind. Auf der Karte wird auch sichtbar, dass punktuelle Messstellen in der Nähe von sehr großen Betrieben auffällig hohe Werte anzeigen, gerade im Vergleich mit Messstellen in der weiteren Umgebung.

Die EU hat Deutschland 2016 wegen zu hoher Nitratwerte verklagt. Hauptkritikpunkt der Klage ist die Überdüngung der Äcker. Jüngst hat das Umweltbundesamt in einer Studie prognostiziert, dass Verbraucher für ihr Trinkwasser deutlich mehr zahlen könnten, sollte der Nitratgehalt des Grundwassers nicht sinken.

Wir stellen weder die Tierhaltung noch Agrarsubventionen allgemein in Frage. Aber sollte die Intensivtierhaltung, insbesondere große, profitable Betriebe, in Deutschland mit öffentlichen Geldern unterstützt werden?

*Disclaimer: Der Autor arbeitet am Projekt FarmSubsidy.org mit.

Agrarindustrie

Gülle in Fülle

Deutschland hat ein Nitratproblem. Ein Zuviel an Gülle verschmutzt das Grundwasser. Die EU klagt deshalb gegen Deutschland. Nun soll die Gülle zumindest besser verteilt werden. Doch das Landwirtschaftsministerium bremst bei den Reformen, wie interne Dokumente zeigen, die CORRECTIV vorliegen.

weiterlesen 4 Minuten

von Justus von Daniels

An diesem Mittwoch beschloss das Bundeskabinett, dass Landwirte künftig melden müssen, wieviel Gülle und Ammoniak in ihren Betrieben entsteht – und wo sie die ganze Jauche verteilen. Erst vor wenigen Monaten, im Februar 2017, hat der Deutsche Bundestag ein Düngegesetz verabschiedet, das jetzt konkretisiert wird. Ein wichtiger Schritt, sagen selbst Oppositionspolitiker.

Wenn zu viel Gülle auf einem Acker verteilt wird, können die Behörden dann leichter Geldstrafen verhängen. Zudem, so zumindest weitere Reformpläne, sollen große Betriebe verpflichtet werden, Ammoniak-Filter in ihre Ställe einzubauen. Doch nicht nur darüber gibt es noch Streit.

Deutschland hat ein Nitratproblem. Hauptverursacher ist die Massentierhaltung. Die EU hat Deutschland schon verklagt, weil es zu wenig gegen diese Umweltschäden unternimmt. Das liegt auch am Landwirtschaftsministerium, wie interne Unterlagen belegen.

Da ist Nitrat drin

Ein Viertel aller Messstellen zeigen für das Grundwasser in Deutschland eine deutliche Überbelastung an Nitrat an. CORRECTIV hat die Wasserdaten aller Bundesländer abgefragt und daraus eine Übersichtskarte erstellt. Darauf sieht man, in welchen Regionen das Grundwasser besonders stark mit Nitrat versetzt ist – und in der Regel ist das genau dort, wo die Ställe der Massentierhalter stehen.

Beispiel Westniedersachsen. Hier stehen die meisten Hühnerställe Deutschlands. 80 Millionen Hühner machen hier Mist. Die Region ertrinkt in der Gülle, gut nachvollziehbar an den Werten des Grundwassers. In der Nähe von Werlte wurde im Jahr 2015 ein Nitratanteil im Grundwasser von 189 mg/l gemessen. 50 Milligramm pro Liter sind erlaubt. Damit liegt hier die Belastung um mehr als das Dreifache zu hoch.

In unserer Nitrat-Karte kann jeder erkunden, wo die Nitratwerte besonders hoch sind und wo die großen Tierfabriken liegen. Wir zeigen, anhand öffentlicher Daten des Umweltbundesamtes, wie viel Ammoniak die großen Betriebe freisetzen. In diesen Betrieben fällt auch sehr viel Gülle an.

Reform erst auf Druck der EU

Die EU hatte Deutschland Ende 2016 vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. In der bisher unveröffentlichten Klageschrift, die CORRECTIV vorliegt und die wir hier erstmals veröffentlichen, zählt die EU-Kommission detailliert auf, wie es zu der enormen Nitratbelastung des Grundwassers kommen konnte. Die in Deutschland zugelassenen Düngemengen widersprächen, so die Klage, „dem Grundsatz einer ausgewogenen Düngung“. In mehreren Punkten verletze Deutschland „die EU-Richtlinie“, auch weil es angekündigte Reformen „nicht fortgeschrieben hat“, obwohl es „erforderlich gewesen wäre“.

Wenn Deutschland nicht bald handelt, drohen milliardenschwere Strafen, sollte die Klage vor dem europäischen gericht Erfolg haben. Erst durch diesen Druck legte CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt ein konkretes Gesetz vor. Ob die EU-Kommission das Gesetz für ausreichend hält, ist noch offen.

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Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Er reformiert, schützt aber noch die Großbetriebe.

Thomas Koehler/photothek.net/BMEL

„Verschärfung verhindert“

Denn das Landwirtschaftsministerium tritt bei den Reformen wiederholt auf die Bremse. Mehrere Bundesländer wollten bei den Reformen weiter gehen, wie aus bisher unbekannten, internen Unterlagen des Ministeriums hervorgeht.

Demnach wies Landwirtschaftsminister Schmidt auf einem Treffen mit dem Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes am 7. Januar 2017 darauf hin, dass auf Ebene der Ministerien „Kompromisslinien gefunden“ wurden, „die verhindern sollen, dass die Verordnung im Bundesratsverfahren erheblich verschärft wird.“ Berlin wollte demnach verhindern, dass die reformorientierten Länder strengere Umweltregeln durchsetzen.

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„Strengere Grenzwerte waren mit der CDU/CSU nicht durchsetzbar“, sagt Wilhelm Priesmeyer, der agrarpolitische Sprecher der SPD.

Umweltministerin abgeblockt

Über Agrarpolitik liegen sich CDU/CSU und SPD regelmäßig in den Haaren. Das SPD-geführte Umweltministerium will erschweren, dass große Massentierställe errichtet werden. Solche Ställe sollen demnach nur noch gebaut werden, wenn dafür eigens ein Bebauungsplan erlassen wird, um die „Umweltauswirkungen von Intensivtierhaltung“ zu vermindern. Das CSU-Landwirtschaftsministerium lehnte den Entwurf ab.

Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) schrieb daraufhin am 20. April 2017 an ihren Kollegen Schmidt von der CSU und beklagte, dass ihre Staatssekretäre „eine Einigung leider nicht erzielt“ haben. „Dieses Ergebnis bedauere ich sehr.“

Das CSU-Ministerium rechtfertigt gegenüber CORRECTIV seine ablehnende Haltung damit, dass kleineren und mittleren Betriebe „mit dem Gesetz Perspektiven verbaut und ein Strukturwandel beschleunigt“ werde. Außerdem bringen die höchsten Standards in Deutschland auch nichts, „wenn die Tiere aus Kostengründen nur noch im Ausland im Stall stehen“.

Vorerst keine Filterpflicht

Selbst bei Filtern, die giftige Ammoniakgase aus den geschlossenen Großställen ziehen sollen, tritt die Regierung auf die Bremse. Dabei fordert die EU eine Reduzierung der Ammoniak-Gase. Aber es gibt es noch keinen Gesetzesbeschluss, welche Betriebe Filter einbauen müssen. Es gibt zur Zeit Bestrebungen, mehr offene Ställe zu fördern. Da könnte man Ammoniak nicht herausfiltern. Allerdings sind offene Ställe eher bei kleineren Betrieben sinnvoll, die in der Gesamtmenge weniger Schadstoffe produzieren. Das Hendricks- und das Schmidt-Ministerium sind auch in dieser Frage uneins. Also passiert erstmal — nichts.

„Deutschland ist in Sachen Umweltschutz in der EU eher ein Nachzügler“, kritisiert Franz Jansen-Minßen, Leiter der Düngebehörde Niedersachsen. Die Gülle wird durch die Reformen zunächst nicht weniger. Ein Hauptziel der Düngereform ist es, dass die Gülle gleichmäßiger übers Land verteilt wird.

150000 LKW-Ladungen Gülle

Agrarexperte Friedhelm Taube von der Universität Kiel sagt, pro Jahr fallen in Deutschland 150.000 LKW-Ladungen an Nitratüberschuss an. Schon fürchten Experten, dass Gülle-Anhänger in Zukunft die Straßen verstopfen werden, wenn sie quer durch die Republik zu Bauern fahren müssen, bei denen die Äcker noch nicht überdüngt sind.

Güllebörsen gibt es schon jetzt. Sie sollen den Handel mit der stinkenden Brühe organisieren. Landwirte können Gülle günstig abnehmen, die sie auf ihren Äckern als Dünger einarbeiten. Aber nicht jeder Landwirt will die Gülle von Massentierställen haben. Unter anderem, weil sie nicht wissen, welche Verunreinigungen, etwa durch Rückstände von Antibiotika, darin zu finden sind.

Umwelt- und artgerechte Tierhaltung kostet Geld. Es liegt auch an den Verbrauchern, ob sich nachhaltige Landwirtschaft lohnt.© Ivo Mayr

Agrarindustrie

Die Großen brauchen keine Hilfe

Die Massentierhaltung ist verantwortlich für die Nitrat-Belastung des Grundwassers in vielen Regionen. Einerseits drängt die EU die Deutschen, das Problem zu lösen, andererseits fördert sie dieselben Verursacher mit Millionen-Subventionen. Was muss geschehen, damit dieser Widerspruch endet?

weiterlesen 4 Minuten

von Justus von Daniels

In einer Datenrecherche haben wir gezeigt, dass viele Massentierhalter, bei denen Tonnen von Schadstoffen anfallen, großzügige EU-Gelder erhalten. Der einzelne Landwirt handelt nach der jetzigen Agrarlogik vernünftig. Denn es gibt kaum Umweltauflagen für die Schadstoffe und den Großteil an Subventionen zahlt die EU pauschal nach Fläche. Aber das Ergebnis dieser Subventionspolitik ist schädlich für Verbraucherinnen und Verbraucher. Wenn die Politik will, könnte sie Folgendes tun:

1. Höfe umbauen mit staatlichen Geldern

Die Höfe müssen umweltgerecht umgebaut werden. Es gibt immer noch keine bundesweite Filterpflicht für Massentierställe, in denen Tonnen von übelriechendem und umweltschädlichem Ammoniak entstehen. Großbetriebe sollten endlich per Gesetz gezwungen werden, Filter in Ställe einzubauen, damit sie die Luft nicht mit Ammoniak verpesten. Damit sich Höfe von mittlerer Größe dies auch leisten können, muss es gezielte Subventionen für den Umbau geben. In Niedersachen wird dieser Umbau schon vorangetrieben. Aber es gibt bisher zu wenig Förderung für die kleinen Betriebe.

2. Tierzahl begrenzen

Die Anzahl der Tiere sollte begrenzt werden. Vor allem pro Region. Jeder Bauernhof, jeder Stallbetrieb soll weiterhin frei entscheiden dürfen, ob er viele oder wenig Tiere hält. Aber unter den jetzigen Bedingungen ist die Fleisch-, Eier- und Milchproduktion oft vollkommen abgekoppelt von natürlichen Produktionsbedingungen. Eine Begrenzung kann erreicht werden, wenn ein Hof für jedes Tier nachweisen muss, dass er auch Fläche vorhält, auf die er die Gülle bringen kann. In einigen Bundesländern gibt es das schon. So kann vermieden werden, dass zu viel Gülle, zu viel Ammoniak an einem Ort entsteht.

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So wollen sich viele die Tierhaltung vorstellen. Im Laden greifen viele dann doch zu den billigen Produkten. Und die kommen aus den Massentällen.

3. Verursacher an den Kosten beteiligen

Große Tierbetriebe stoßen hohe Mengen an Umweltschadstoffen aus. Das ergibt sich schlicht aus der Menge an Tieren. Je mehr Kühe, Schweine und Hühner, desto mehr Mist fällt an. Auch hier sollte es Grenzwerte geben. Wenn die überschritten werden, müßte es eine Art Gebühr geben. Das Problem dabei: Schlaue Besitzer könnten auf die Idee kommen, ihre Ställe in lauter kleine Betriebe aufzuspalten, um die Grenzwerte zu unterlaufen. Wirksames Gegenmittel: die Schadstoffe müssten von den Muttergesellschaften gemeldet werden.

Für Betriebe sollte das ein Anreiz sein, in umweltfreundliche Technologien zu investieren. Das geht bei Ammoniak zum Beispiel mit Filtern für große Ställe. Und bei der Gülle gibt es technisch die Möglichkeit, die Gülle so zu trennen, dass ein Düngekonzentrat entsteht, und in der Menge weniger wird.

4. Zielgerichtete Subventionen

Bisher wird der Großteil der Agrarsubventionen pauschal nach Hektar bezahlt. Ein Agrarriese profitiert von diesem System deutlich mehr als ein lokal verwurzelter Landwirt. Das muss sich ändern, wenn das Ziel eine nachhaltige Landwirtschaft sein soll.

Subventionen sollte es auch zukünftig geben. Aber vor allem für artgerechte, umweltfreundliche, nachhaltige Landwirtschaft. Das haben auch Agrarforscher in einem Gutachten für das Bundeslandwirtschaftsministerium im Jahr 2015 schon gefordert: Sie sind dafür, Subventionszahlungen für die Fläche deutlich zu reduzieren und stattdessen mit mehr gezielten Subventionen eine umweltschonende, nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Die Autoren machen auch die Gefahren durch Ammoniak und Nitrat deutlich, verweisen auf das Tierwohl. Nach ihren Plänen würden Massentierhalter kein Geld pauschal für ihren Futtermais erhalten. Sondern nur Betriebe, die tierfreundliche Ställe bauen und sicherstellen, dass sie ihre Gülle schonend entsorgen.

Ein erster Schritt zu mehr Gerechtigkeit wäre: die Subventionszahlungen für Großbetriebe zu reduzieren. Öffentliche Gelder sollten ab einer bestimmten Größe deutlich gekürzt werden. Das Geld, das dadurch frei wird, könnte besser an Höfe ausgezahlt werden, die ihren Betrieb nachhaltig umbauen.

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5. Verbrauchern helfen

Eine Agrarwende bringt nichts, wenn der Kunde nicht mitmacht. Nachhaltige Betriebe, die den Staat viel Geld kosten, haben keine Chance, wenn die Verbraucher am Ende wieder nur zu Billigfleisch greifen, das dann aus dem Ausland kommt.

Billiges Fleisch essen und zugleich gegen die Massentierhaltung sein: Viele Verbraucher verhalten sich widersprüchlich. Selbst wenn bei einigen oft Biofleisch auf dem Teller landet, essen viele in der Kantine das Hähnchen, greifen zum günstigen Schinken im Laden oder genießen eine Bratwurst im Biergarten. Herkunft des Fleisches: unbekannt.

Ob sich nachhaltige Tierhaltung lohnt, liegt auch am Verbraucher.

Ob sich nachhaltige Tierhaltung lohnt, liegt auch an den Verbrauchern. Sie müssen bereit sein, mehr für Fleisch und Milch zu zahlen.

Auch sie könnten Druck auf die Betriebe ausüben, wenn sie auf die Herkunft des Fleisches achten – oder schlicht weniger Fleisch essen würden.

Verbraucher sind aber auch ahnungslos, was für Fleisch oder welche Milch sie kaufen. Um das zu ändern, sollte es ein Gütesiegel-System geben, mit dem Verbraucher erkennen können, ob sie Fleisch aus Massentierhaltung kaufen und wie die Tiere gehalten werden. Bei Eiern gibt es das schon. Dort wissen Verbraucher, ob die Hühner in Boden- oder Freilandhaltung leben oder ob die Eier vom Biohof kommen.

Was ein grüner Landwirtschaftsminister fordert:

Ab Herbst neue EU-Verhandlungen

Im Herbst beginnen in Brüssel die Neuverhandlungen für die EU-Subventionen ab 2020. Die EU-Kommission bereitet zur Zeit neue Vorschläge vor. Noch steht nicht fest, wer ab Herbst das Landwirtschaftsministerium führt und wer die Bundesregierung in Brüssel vertreten wird – auch wenn derzeit viel dafür spricht, dass das Agrarministerium in der Hand der CSU bleibt.

Hier geht es zu unserer Datenrecherche

© Ivo Mayr / Correctiv

Agrarindustrie

Gülle macht das Trinkwasser teurer

Eine Studie des Umweltbundesamtes belegt: Die hohe Nitratbelastung könnte die Kosten für Trinkwasser in den nächsten Jahren bis zu 45 Prozent erhöhen. Hauptverursacher ist die industrielle Tierhaltung. Durch sie bringen Landwirte massenhaft Gülle auf den Feldern aus - die Verbraucher zahlen die Zeche.

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von Justus von Daniels

Wer im niedersächsischen „Schweinegürtel“ wohnt, zwischen Meppen und Oldenburg, wo wenig Menschen leben, aber mindestens acht Millionen Schweine — spürt es im eigenen Portemonnaie: Auf einen Vier-Personen-Haushalt könnten für das Wasser aus der Leitung Mehrkosten in Höhe von 134 Euro pro Jahr zukommen. Weil die Aufbereitung des nitratverseuchten Wassers immer teurer wird. Das geht aus einer neuen Studie des Umweltbundesamtes hervor, die dem Recherchezentrum CORRECTIV vorliegt.

Die Verursacher sind klar auszumachen: der Nitratgehalt liegt vor allem an der Überdüngung der Felder, schreibt das Umweltbundesamt. Die Werte sind insbesondere in Gebieten mit viel Tierhaltung hoch.

Reinigung kostet Millionen

Der Studie zufolge müssen Bürger zwar kein verseuchtes Trinkwasser befürchten. Aber für die Aufbereitung des Grundwassers könnte der  Wasserpreis in nitratbelasteten Regionen um 32 bis 45 Prozent steigern. Denn die Wasserbetriebe müssen das verseuchte Grundwasser mit sauberem Wasser mischen oder sogar aufwändig reinigen, damit es als gesundes Wasser aus den Leitungen fließen kann. Insgesamt könnte die Aufbereitung des Trinkwassers zwischen 580 und 767 Millionen Euro pro Jahr kosten, wenn es keine spürbaren Maßnahmen zur Senkung der Nitratwerte gibt, so das Umweltbundesamt.

Nitrat kann durch Umwandlung in Nitrit bei Kleinkindern zu Sauerstoffmangel im Blut führen und damit zu Herzschäden. Für Erwachsene gilt Nitrat als krebsfördernd.

Klage wegen zu viel Nitrat

Die Güllemengen, die auf den Äckern verteilt werden, machen das Wasser teurer. Aber die Verursacher, die Massentierbetriebe, werden an den Kosten nicht unmittelbar beteiligt.

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Die EU hatte im Jahr 2016 eine Klage gegen Deutschland beim Europäischen Gerichtshof eingereicht. Der Hauptvorwurf: Die Bundesregierung unternehme zu wenig gegen die Nitratbelastung. Durch die Klage drohen dem deutschen Staat nun Milliardenstrafen. Noch ist unklar, wann über die Klage entschieden wird.

Die Bundesregierung brachte im Februar eine Reform des Düngerechts auf den Weg. Ziel ist es, die Gülle regional besser zu verteilen und langfristig zu reduzieren, so dass sie für das Grundwasser weniger Schaden anrichten kann.

Die Oppositionsparteien kritisieren, dass die Reformschritte nicht ausreichen: „Wir müssen die Tierzahl pro Region begrenzen und Subventionen nur noch zahlen, wenn es sich um ökologische und nachhaltige Landwirtschaft handelt“, sagt Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Nach Recherchen von CORRECTIV bremst vor allem das Bundeslandwirtschaftsministerium Reformen aus. 2012 weigerte sich die Bundesregierung, Subventionen an Großbetriebe zu kürzen, wie von der EU-Kommission vorgeschlagen. Das geht aus einem internen Bericht über eine Sitzung des EU-Agrarrates am 26. April 2012 hervor. Davon profitieren auch Massentierhalter, die zusätzlich Flächen bewirtschaften.

Bürger zahlen doppelt

Der Agrarexperte Friedhelm Taube von der Universität Kiel fordert ein Umdenken: „Die Bürger zahlen doppelt: auf der einen Seite für Subventionen, auf der anderen zahlen sie die Kosten der Umweltschäden durch die Landwirtschaft. Die Politik muss die pauschalen Subventionen deutlich reduzieren und mehr Anreize für eine nachhaltige Landwirtschaft setzen.“

Die Studie des Umweltbundesamtes (Kurzfassung)