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© Ivo Mayr

Euros für Ärzte

Der Doktor und sein Sponsor

Die Pharmaindustrie rühmt sich dafür, dass sie ihre Zahlungen an Ärzte und Spitäler veröffentlicht. Aber: Bei fast der Hälfte dieser Gelder bleibt intransparent, wer sie bekommt.

von Sylke Gruhnwald , , Oleg Lavrovsky , Stefan Wehrmeyer

Dieser Text erscheint auch beim Schweizer Beobachter und begleitet die Aktualisierung unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank für die Schweiz.


Rund 155 Millionen Franken zahlten Pharmafirmen in der Schweiz im vergangenen Jahr an Ärzte, Spitäler und Gesundheitsorganisationen. Das sind gut 16 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Solche Pharmazuwendungen an Ärzte sind problematisch. Sie beeinflussen den Entscheid, welche Medikamente verschrieben werden. Das haben verschiedene Studien klar nachgewiesen. 

Die 59 in der Schweiz tätigen Pharmafirmen haben den sogenannten Pharma­Kooperations­Kodex unterzeichnet. Darin verpflichten sie sich, alle Geldzahlungen an medizinisches Personal und Einrichtungen offenzulegen. Mit diesem Kodex kamen sie einer gesetzlichen Regelung zuvor. Jetzt wurden die Zahlen zum zweiten Mal publiziert. 

Doch wer wissen möchte, ob sein Arzt oder sein Spital Zahlungen von der Pharma entgegengenommen hat, muss fast 60 Websites aufrufen und sich durch jede einzelne durchackern. Denn jede Firma publiziert die Zahlen für sich. Aus diesem Grund hat der Beobachter in Zusammenarbeit mit der Stiftung für Konsumentenschutz und dem deutschen Recherchezentrum CORRECTIV alle Zahlen, Namen und Bezeichnungen zusammengetragen. In der Datenbank kann man die Schweizer Zahlen ab sofort nachschlagen. 

Ärzte kassieren Millionen

9,4 Millionen Franken flossen 2016 direkt an insgesamt fast 5.000 Ärzte in der Schweiz. Novartis, Pfizer, Roche & Co. zahlten etwa Gebühren für Fachtagungen oder übernahmen Reise­- und Übernachtungskosten sowie andere Spesen. Geld gab es auch, wenn Ärzte als Referenten auftraten oder Pharmafirmen beraten haben – zum Beispiel in einem sogenannten Advisory Board, einem Beirat. 

Wie viele Ärzte an der Transparenzoffensive mitmachen und die Pharmagelder veröffentlichen lassen, ist allerdings unklar. Die Industrie regelt das so kompliziert, dass es nicht rekonstruiert werden kann. Bekannt ist nur, dass zusätzlich 4,6 Millionen Franken an geschätzt 3.500 namentlich nicht genannte Ärzte fließen. Sie weigerten sich, mit ihren Namen zu den Geldern zu stehen. 

Rund ein Viertel der Ärzte wollten ihren Namen geheimhalten, sagt der Branchenverband Scienceindustries. Die Auswertungen des Beobachters und des Konsumentenschutzes legen aber den Schluss nahe, dass dieser Anteil höher ist. Demnach dürfte fast jeder dritte Arzt nicht mit seinem Namen dazu stehen, dass er von der Pharmaindustrie Geld nimmt. 

Jürg Granwehr, Leiter Pharma bei Scienceindustries, zieht trotzdem ein positives Fazit: „Was den Anteil der Zuwendungsempfänger betrifft, die ihren Namen veröffentlichen, stellen wir eine positive Entwicklung fest. Trotzdem sind wir noch nicht flächendeckend am Ziel. Nach wie vor müssen wir Überzeugungsarbeit leisten.“ 

Sponsorengelder für Institutionen

Der grösste Teil der Gelder – 92 Millionen Franken – ging aber an Spitäler sowie an Organisationen wie Ärztenetzwerke, Weiterbildungsveranstalter oder Patientenorganisationen. In den meisten Fällen handelt es sich um sogenannte Sponsorengelder. Wofür sie genau eingesetzt wurden und wer im Einzelnen davon profitiert hat, ist nicht klar. Immerhin sind bei 4.148 Zahlungen die Institutionen namentlich aufgeführt. In mehr als 900 Fällen aber haben Organisationen verhindert, dass ihr Name publik wird. 

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Das führt teils zu skurrilen Situationen. So legt Pfizer Sponsorenbeiträge an Spitäler und Institutionen im Umfang von mehr als drei Millionen Franken nur anonymisiert offen. Und der Schweizer Ableger der Pharmafirma Servier zahlte einer nicht bekannten Institution 123.394 Franken Reisekosten und Übernachtungsspesen. Ob für eine oder mehrere Personen, ist unbekannt. 

Mit Transparenz hat das wenig zu tun. Das findet auch Walter Reinhart, ehemaliger Chefarzt des Kantonsspitals Graubünden. „Wenn die Reisespesen das Zehnfache des Vortragshonorars betragen, wirft das Fragen auf“, sagt der Vorsitzende der Kommission Zusammenarbeit Ärzteschaft – Industrie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Er engagiert sich seit vielen Jahren für mehr Transparenz. Trotzdem will Reinhart der Selbstregelung der Pharmaindustrie die Chance zugestehen, sich zu verbessern. Er erwarte grundsätzlich vollständige Transparenz, sagt er. Aber: „Wenn sich der Anteil der offengelegten Zahlungen nicht verbessert, wird die Transparenz­initiative zur Alibiübung.“ 

Leidiges „Forschungsgeheimnis“

Die Pharmaindustrie macht nur halbherzig mit. Nur bei rund 85 der 155 Pharmamillionen legt sie die Empfänger offen. Denn in den Listen der Industrie gibt es neben den anonym ausgewiesenen Geldern für Ärzte und Gesundheitseinrichtungen eine weitere Rubrik: „Forschung und Ent­wicklung“. Darunter fallen 48,7 Millionen Franken, die an nicht namentlich bekannte Spitäler, Organisationen und Institutionen geflossen sind. 

Bei der Pharmabranche heisst es dazu, man könne das wegen des Forschungsgeheimnisses nicht einzeln offenlegen. Unter „Forschung und Entwicklung“ fallen aber nicht nur klinische Studien, sondern auch die für Marketingzwecke gern benutzten ärztlichen „Erfahrungsberichte“ oder „Anwendungsbeobachtungen“ – sprich: unwissenschaftliche Erhebungen. 

Dabei erkundigen sich die Ärzte bei ihren Patienten im Zuge einer Therapie nach Wohlbefinden und Nebenwirkungen. Was die Patienten nicht wissen: Den Fragebogen liefert die Pharmafirma, der Arzt wird entschädigt. Wie viel Geld in wissenschaftliche Studien und wie viel in Marketingerhebungen fließt, verschweigen die Pharmafirmen. 

Auch wenn Zuwendungen an Institute und Organisationen gehen, bleiben Fragen offen. Die Europäische Lungenliga (ERS, in Lausanne) etwa erhält 2,3 Millionen Franken, die Europäische Krebs­Gesellschaft (ESMO, in Lugano) gar 10,3 Millionen. Welche Ärzte profitieren letztlich davon? Werden mit diesen Geldern Kongresse und Tagungen für Ärzte vergünstigt? Oder Beratungs-­ und Referentenhonorare an Mediziner verschleiert? 

Furcht vor dem Transparenzgesetz 

Jürg Granwehr vom Branchenverband Scienceindustries sagt dazu lediglich: „Wir sehen gewisse Herausforderungen.“ Man wolle mit „adäquatem Aufwand möglichst große und verlässliche Transparenz“ schaffen. Der Branchenverband prüfe, die eigene Regelung zu  „optimieren“.

Einige Pharmafirmen beginnen umzudenken. Sie geben nur noch Gelder, wenn Ärzte und Spitäler namentlich dazu stehen. Das tun sie nicht ganz freiwillig. Im Hintergrund droht eine gesetzliche Regelung, falls mit der Selbstregulierung keine wirksame Transparenz durchsetzbar ist. Wie etwa in den USA, wo alle Pharmazuwendungen in einer zentralen Datenbank veröffentlicht werden. Einer solchen Regelung möchten Pharmafirmen in der Schweiz zuvorkommen. 

Die Stiftung für Konsumentenschutz hat eine klare Forderung. „Die Pharmafirmen müssen alle Empfänger aufführen, auch wenn diese nicht einverstanden sind“, verlangt Ivo Meli, Leiter Gesundheit. „Leider hat die Selbstregulierung zu viele Schlupflöcher.“ Deshalb müsse der Bund nun eine verbindliche Regulierung ein­führen. Intransparente Geldflüsse im Gesundheitswesen seien besonders heikel, weil nicht nur die Gesundheit von Patienten betroffen sein könne, sondern auch die Sozialkosten der Allgemeinheit.

Weitere Mitarbeit: Anina Frischknecht, Elio Bucher, Romain Ghibellini (Stiftung für Konsumentenschutz) und Datalets.ch.

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Euros für Ärzte

Nur jeder vierte Arzt legt Zahlungen offen, die er von Pharmafirmen erhält

Im Jahr 2016 haben die Pharmakonzerne 562 Millionen Euro an Mediziner und Kliniken in Deutschland gezahlt. Als die Firmen anschließend gefragt haben, ob sie diese Zuwendungen veröffentlichen dürfen, hat nur jeder vierte Arzt zugestimmt. Im Jahr zuvor waren noch 31 Prozent mit einer Veröffentlichung einverstanden. In unserer Datenbank könnt ihr ab jetzt suchen, ob euer Arzt transparent ist oder zu den Heimlichtuern gehört – oder ob er Zahlungen der Industrie grundsätzlich ablehnt.

von Stefan Wehrmeyer , Irene Berres , Christina Elmer , Patrick Stotz , Heike Le Ker , Markus Grill

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Wenn ein Arzt einem kranken Menschen helfen möchte, verschreibt er häufig Medikamente. Der Patient erwartet, dass sein Arzt nötige Präparate nach bestem Wissen und Gewissen auswählt. Doch Mediziner können in einen Interessenkonflikt geraten, wenn sie zugleich finanzielle Verbindungen zu Herstellern bestimmter Medikamente haben.

2016 finanzierten die Pharmaunternehmen Tausenden Ärzten Besuche auf Kongresse, bezahlten sie für ihre Vorträge bei Tagungen, erstatteten ihnen Hotelrechnungen und zahlten Honorare für Studien. Bei der freiwilligen Initiative FSA legen 54 Pharmafirmen, die nach eigenen Angaben 75 Prozent des Gesamtmarktes abdecken, ihre Zahlungen offen.

Sie allein haben 2016 insgesamt rund 66.000 Ärzte, Apotheker und andere Gesundheitsberufler sowie rund 6020 Institutionen wie Kliniken und Praxen finanziell unterstützt. Die Zahlungen beliefen sich auf insgesamt 562 Millionen Euro.

  • 356 Millionen Euro erhielten die Empfänger für sogenannte Anwendungsbeobachtungen (AWB) und klinische Studien.
  • 105 Millionen Euro bekamen einzelne Ärzte, Apotheker und Heilberufler für Vorträge, Fortbildungen und Beratung.
  • 101 Millionen Euro empfingen Krankenhäuser und andere Einrichtungen für Sponsoring, Beratung und Veranstaltungen.

Nicht jede Verbindung zwischen der Industrie, Kliniken und Ärzten ist zu verteufeln. So ist es zum Beispiel wichtig, dass praktizierende Ärzte Unternehmen bei der Entwicklung neuer Medikamente beraten. Anders als bei Medizinern steht bei den Firmen jedoch nicht allein das Wohl der Patienten im Mittelpunkt, sondern auch das Streben nach einem möglichst großen Gewinn.

Diese verschiedenen Interessen können die unabhängige Urteilskraft von Ärzten beeinflussen, müssen es aber natürlich nicht. Studien haben allerdings gezeigt, dass Mediziner mit vielen Verbindungen zur Pharmaindustrie Gefahr laufen, Nebenwirkungen eher herunterzuspielen oder eher teure Medikamente verschreiben.

Die US-Regierung reagierte bereits 2010 auf die Problematik und schuf ein Gesetz, das die Offenlegung aller Pharma-Zahlungen an Mediziner vorschreibt. Um eine solche Regelung in Deutschland zu verhindern, starteten die Lobbyorganisationen VfA und FSA 2015 den Transparenzkodex. Dieser sieht vor, dass die 54 Mitgliedsunternehmen neben Gesamtsummen jeweils eine Liste mit den Namen einzelner Ärzte und den an sie gezahlten Leistungen veröffentlichen.

Das Problem: Die Firmen nennen die Namen nur, wenn Zahlungsempfänger der Veröffentlichung zugestimmt haben. Im vergangenen Jahr waren dazu 31 Prozent der Empfänger bereit, in diesem Jahr lag die Quote nur noch bei 25 Prozent — also nur bei jeder vierten Person, die Pharmaleistungen empfangen hat. Anders gesagt: Drei Viertel aller Betroffenen wollen die Zahlungen geheim halten. Trotz des geringen Anteils liefern die Dokumente die Namen von mehr als 16.500 Personen, die zusammen Leistungen im Wert von knapp 24 Millionen Euro erhalten haben.

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Offengelegte Zahlungen an HCPs 2016

Um auf Basis dieser Daten eine größtmögliche Transparenz zu schaffen, hat CORRECTIV gemeinsam mit dem Datenteam von „Spiegel Online“ die Informationen aus den Dokumenten zusammengefasst und die Datenbank „Euros für Ärzte“ 2016 erstellt. Darin lassen sich die Summen für jene Ärzte und Fachkreisangehörige suchen, die einer Namensnennung zugestimmt haben. Auch die Institutionen, Organisationen und Kliniken sind auffindbar samt erhaltener Summe. Außerdem gibt es so genannte „Null-Euro-Ärzte”, die Pharmazahlungen laut eigenen Angaben ablehnen

Die meisten der aufgeführten Ärzte und sogenannten Fachkreisangehörigen bekamen weniger als 1000 Euro, wie die folgende Auflistung verdeutlicht:

  • Anteil der Personen, die unter 100 Euro erhalten haben: 9,1 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 500 Euro erhalten haben: 47,4 Prozent 
  • Anteil der Personen, die unter 1000 Euro erhalten haben: 70,4 Prozent 

Daneben gab es jedoch auch Einzelpersonen mit enorm hohen Beträgen. Rund 1,3 Prozent der Ärzte kam auf mehr als 10.000 Euro. Dem Spitzenreiter der Liste ließen Pharmafirmen sogar eine Summe von knapp 200.000 Euro zukommen. Er ist allerdings der einzige Arzt in der Datenbank, bei dem die Summe die 100.000-Euro-Marke überstieg. Gezahlt wurden die Gelder vor allem für Beratungs- und Dienstleistungshonorare sowie Reise- und Übernachtungskosten im Zusammenhang mit Fortbildungen.

Diese Pharmafirmen zahlten 2016 die größten Geldsummen an Mediziner, Fachkreisangehörige und Institutionen: 

  1. Novartis Pharma: 23,6 Millionen Euro
  2. Bayer: 17 Millionen Euro 
  3. MSD: 12,1 Millionen Euro
  4. Berlin-Chemie: 11,7 Millionen Euro 
  5. Bristol-Myers-Squibb: 11,2 Millionen Euro

Die im vergangenen Jahr zum ersten Mal aufgeschlüsselten Daten bedeuten eine Zäsur. Noch nie erhielt die Öffentlichkeit einen so detaillierten Einblick in die finanziellen Verbindungen von Medizinern, Kliniken und der Industrie. Dennoch krankt das aktuelle System neben dem Prinzip der Zustimmung für eine Offenlegung noch an einem weiteren Punkt: Es klammert einen Großteil der Zahlungen aus.

Firmen mit den schlechtesten Veröffentlichungsquoten bei Fachkreisangehörigen

Veröffentlichungsquoten Pharmafirmen 2016

Umstrittene Anwendungsbeobachtungen

Die detailliert aufgeschlüsselten Angaben umfassen aktuell nur Leistungen im Zusammenhang mit Beratung, Fortbildung oder etwa Sachspenden. Welche Personen und Institutionen wie viel Geld im Zusammenhang mit Forschungsprojekten bekommen haben, halten die Unternehmen weiterhin geheim. Damit verschweigen sie Details über eine Summe von 356 Millionen Euro — mehr als 60 Prozent der Gesamtzahlungen.

Kritiker sehen darin Kalkül, da die Unternehmen so Ausgaben für eine umstrittene Praxis verschweigen können. Neben wichtigen klinischen Studien, bei denen potenzielle neue Medikamente vor ihrer Zulassung erprobt werden, enthält die Summe von 356 Millionen auch Zahlungen für sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei erhalten Mediziner Geld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnet haben und anschließend einen Fragebogen etwa zur Verträglichkeit ausfüllen.

Die wissenschaftliche Qualität der Anwendungsbeobachtungen sei äußerst schlecht, wird oft kritisiert. Statt dem Wohl der Patienten dienen sie demnach vor allem dazu, die Ärzte für die Verordnung des neuen Mittels zu bezahlen und die Behandelten langfristig an das Präparat zu binden. Die Unternehmen hingegen rechtfertigen die Untersuchungen als wichtige Praxisprobe — und wollen deshalb auch bei der Veröffentlichung der Zahlen keine Unterscheidung zwischen diesen und gesetzlich vorgeschriebenen klinischen Studien machen.

Link direkt zur Datenbank „Euros für Ärzte“

Irene Berres, Christina Elmer, Heike Le Ker und Patrick Stotz sind Redakteure von „SpiegelOnline”.

Pharmaverband VfA stellt die Zahlungen an Ärzte im Jahr 2016 vor; von links: Holger Diener (FSA), Birgit Fischer und Jochen Stemmler (beide VfA).© Markus Grill

Euros für Ärzte

Pharmakonzerne haben 562 Millionen Euro an Ärzte gezahlt

Bis Ende dieses Monats wollen die Arzneimittelhersteller wieder die Namen von Ärzten veröffentlichen, die im vergangenen Jahr Geld bekommen haben. Doch immer mehr Ärzte lehnen das Transparenzprojekt ab: Waren im vergangenen Jahr noch 31 Prozent der Geldempfänger bereit, dass ihr Name im Internet veröffentlicht wird, sind es in diesem Jahr nur noch 25 Prozent. Die Pharmaindustrie bezeichnet diesen Rückgang als „erwartbar“. In den USA ist die Veröffentlichung der Zahlungen seit 2013 für alle Ärzte verpflichtend.

von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Die 54 größten Pharmaunternehmen haben im Jahr 2016 insgesamt 562 Millionen Euro an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige in Deutschland bezahlt. Das teilte der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA), die Lobbyorganisation der Pharmaindustrie, heute in Berlin mit.

Das meiste Geld (356 Millionen Euro) floss dabei als Honorar für die Durchführung von klinischen Studien und Anwendungsbeobachtungen (AWBs). 105 Millionen Euro bekamen Ärzte als Vortragshonorar und für die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen. Mit weiteren 101 Millionen Euro sponserte die Industrie Veranstaltungen und Institutionen.

Eine Unterscheidung zwischen Zulassungsstudien und AWBs lehnt die Industrie ab, obwohl AWBs unter Wissenschaftlern einen schlechten Ruf haben, weil sie häufig dazu dienen, Ärzte mit finanziellen Anreizen dazu zu bringen, ihren Patienten ein ganz bestimmtes Präparat zu verordnen. Die Unternehmen wollen aber weder verraten, wie hoch der Anteil der AWBs unter den Studienhonoraren sind, noch welche Ärzte genau an AWBs teilnehmen.  

FSA und vfa Transparenzkodex: Zahlungen in den Bereichen im Vergleich

Die Gesamtausgaben der Zahlungen an Ärzte und medizinische Fachkreisangehörige liegen insgesamt rund zwei Prozent unter den Werten des Jahres 2015. Damals hatte die Industrie noch 575 Millionen Euro an insgesamt 70.000 Ärzte in Deutschland gezahlt. Nach Angaben des VfA waren im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte bereit, dass die Zahlungen an sie mit der konkreten Summe und der Namensnennung des Arztes auf der Website des Pharmaunternehmens veröffentlicht werden darf. In diesem Jahr erteilten nur noch 25 Prozent ihr Einverständnis, die Daten zu veröffentlichen.

FSA und vfa Transparenzkodex: Zustimmungsquote

Dass die Zahl der Ärzte dieses Jahr deutlich niedriger sei als im letzten Jahr, liegt nach Ansicht der Hauptgeschäftsführerin des Pharmaverbands, Birgit Fischer, an den Medien. „Es ist schlecht, dass Ärzte, die den Weg der Transparenz gehen, an den Pranger gestellt werden. Im Vorjahr ist das zu unserem Bedauern geschehen“, sagte die VfA-Chefin, ohne die Vorwürfe zu konkretisieren. „Hier liegt ein Grund, dass die Zustimmungsquote der Ärztinnen und Ärzte zur namentlichen Veröffentlichung von rund einem Drittel im Vorjahr auf rund ein Viertel in diesem Jahr gesunken ist.“

Als im vergangenen Jahr 31 Prozent der Ärzte ihre Zustimmung erteilt hatten, erklärte Frau Fischer noch, dass die Zahl in den nächsten Jahren steigen werde. „Ich gehe davon aus, dass in Zukunft mehr Ärzte der Transparenz zustimmen werden“, sagte Fischer im Juni 2016 und ergänzte: „Heute ist, glaube ich, ein Wert von einem Drittel ein ganz guter Beginn. Die Zustimmungsrate wird sich in Zukunft noch verändern.“

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Holger Diener von der pharmaeigenen „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“ (FSA) erklärte heute nun, dass ein Rückgang der Transparenz „natürlich zu erwarten“ gewesen sei, dennoch liege die Zustimmungsrate „immer noch im erwartbaren Rahmen“.

In den USA hatte die Regierung unter Barack Obama im Jahr 2010 ein Gesetz beschlossen, dass die Veröffentlichung der Pharmazahlungen an Ärzte verpflichtend festschreibt. Seit 2013 müssen die Firmen diese Zahlungen veröffentlichen und Patienten können zum Beispiel nachschauen, wie viel Geld ihr Arzt im vergangenen Jahr von welchem Unternehmen bekommen hat

In Europa versucht die Pharmaindustrie seit mehreren Jahren ein solches Gesetz zu verhindern, indem sie auf eine freiwillige Transparenz pocht – was angesichts einer Zustimmungsquote von mittlerweile nur 25 Prozent aber immer fraglicher erscheint. Intern hört man aus der Branche immer wieder, dass man mit einem entsprechenden Gesetz wie in den USA auch in Deutschland gut leben könne. Weil damit klare und gleiche Bedingungen für alle gelten würden. Und nicht nur für jene Firmen, die sich im Pharmaverband VfA zusammen geschlossen haben. Denn die kleinen und mittleren Unternehmen, die im Bundesverband der pharmazeutischen Industrie (BPI) zusammen geschlossen sind, veröffentlichen bisher ebenso wenig ihre Zahlungen an Ärzte wie die großen Generikafirmen oder auch die Homöopathie-Unternehmen. Das Gesundheitsministerium unter Hermann Gröhe (CDU) zeigt bisher aber kein Interesse an einem Transparenzgesetz für Ärzte in Deutschland. 

Ähnlich wie in den USA haben CORRECTIV und „Spiegel-Online“ mit den freiwillig veröffentlichten Daten der großen Pharmaunternehmen eine Datenbank gebaut, in der jeder Nutzer gezielt nach seinem Arzt suchen kann

In den kommenden Tagen – bis zum 30. Juni 2017 – wollen die VfA-Firmen nun die einzelnen Namen jener 25 Prozent der Ärzte veröffentlichen, die der Transparenz zugestimmt haben.

Weiterlesen: „Die Schein-Forscher“ – Warum Anwendungsbeobachtungen an Patienten so oft unseriös sind

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Agrarindustrie

Subventionen für Verschmutzer: Wie wir mit öffentlichen Daten gearbeitet haben

EU-Subventionen an Massentierhalter, die die Umwelt schädigen. Für unsere Recherche über die Agrar-Subventionen haben wir mit zwei öffentlichen Datensätzen gearbeitet. Wir zeigen, welche Daten wir nutzen und wie wir sie aufbereitet haben. Es ist ein Beispiel dafür, wie Journalisten ganz ohne Leaks auch nur mit öffentlich zugänglichen Informationen neue Erkenntnisse gewinnen können.

weiterlesen 10 Minuten

von Stefan Wehrmeyer

Die Recherche begann mit der Idee, zwei Datenbanken übereinander zu legen: das Schadstoffemissionsregister und die Agrarsubventionen der EU. Wer in beiden Datenbanken auftaucht, belastet die Umwelt mit Schadstoffen und bekommt gleichzeitig staatliche Unterstützung. Das muss nicht sofort verwerflich sein, kann aber ein Grund sein, genauer hinzuschauen.

Thru.de

Screenshot von Thru.de

Thru.de – das Schadstoffemissionsregister des Umweltbundesamts

Das Schadstoffemissionsregister ist in der EU mit dem „European Pollutant Release and Transfer Register (E-PRTR)“ geregelt. In Deutschland hat es den handlicheren Namen Thru.de und wird vom Umweltbundesamt herausgegeben. Das Register erfasst Schadstoffe und Abfälle von Betrieben, die gewisse Schwellenwerte überschreiten. Neben Bereichen wie der Metall– oder der Lebensmittelindustrie finden sich in Thru.de auch Betriebe der Intensivtierhaltung mit einem jährlichen Ammoniak-Ausstoß von mehr als 10 Tonnen.

Der Zugriff auf die Thru.de-Daten ist für eine Behörde vorbildlich. Neben einer Suche direkt auf der Webseite bietet das Umweltbundesamt den kompletten Datenbestand auch zum Download als SQLite-Datenbank an. Das erlaubt es Datenjournalisten nicht nur nach Einzelfällen zu suchen, sondern eine Gesamtsicht auf die Schadstoffemissionen zu erhalten.

Die Datenbank selbst ist sauber strukturiert und enthält nur kleinere Unstimmigkeiten. Betriebe sind pro Berichtsjahr mit Adresse, geographischen Koordinaten, Betriebsart sowie Angaben zu Eigentümer und Muttergesellschaft aufgeführt. Teilweise scheinen die Angaben allerdings nicht einer einheitlichen Ordnung zu folgen. Bei der Angabe zur Muttergesellschaft findet sich oft nicht die Angabe zum eigentlichen Gesamtkonzern. Sucht man z.B. nach „Cobb Germany Avimex“ ist nicht ersichtlich, dass das Unternehmen zum WIMEX-Konzern gehört, einem der größten Hühnerfarmbetreiber Deutschlands.

Emissionen sind für jeden Betrieb und jedes Jahr aufgeschlüsselt, erfassen aber nur Schadstoffe, die in der PRTR-Verordnung aufgeführt sind. In diesem Fall Ammoniak, einem übelriechenden Schadstoff, der durch den Kot und das Urin der Tiere entsteht und in die Luft entweicht. In zu großen Mengen schädigt Ammoniak die Umwelt, weil es den Feinstaub in der Luft erhöht und zum Nitrat im Grundwasser beiträgt. Wer sich für die Menge an Gülle eines Betriebs interessiert, kommt bei Thru.de nicht weiter. Die Datenbank reicht zurück bis 2007, das letzte verfügbare Berichtsjahr ist allerdings erst 2015.

Agrarsubventions-Datenbank

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Agrar- und Fischerei-Zahlungen – Webseite der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung

Die Empfänger von Agrarsubventionen der EU müssen für die jeweils letzten zwei Berichtsjahre auf Portalen der Mitgliedstaaten veröffentlicht werden. In Deutschland lassen sie sich auf einem Portal der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung durchsuchen. Kaum geht es um Geld, ist der Zugriff auf die Daten nicht mehr so komfortabel wie bei Thru.de. Die Suche ist sehr restriktiv, eine Gesamtliste der Empfänger ist auf dem Portal nicht verfügbar und auch per Informationsfreiheitsgesetz lässt sich ein Gesamtauszug mittlerweile nicht mehr erhalten. Hier mussten wir die Online-Datenbank relativ aufwendig automatisiert auslesen.

Unsere Recherche konzentrierte sich auf die Jahre 2011 – 2015. Das Agrarsubventions-Portal gibt aber immer nur Auskunft über die letzten zwei Jahre. Abhilfe schafft die Plattform FarmSubsidy.org, die die Agrarsubventionen aus der ganzen EU zusammenträgt, archiviert und auch als Datensätze zur Verfügung stellt.*

Die Datensätze bestehen aus Namen und Adressen von Empfängern sowie den Einzelbeträgen unter bestimmten Förderprogrammen. Eine eindeutige Identifizierung über Berichtsjahre hinweg ist im Datensatz nicht vorgesehen. Das macht es deutlich aufwendiger die Gelder eines Empfängers über die Jahre zusammenzufassen.

Wer kommt in beiden Datenbanken vor?

Um herauszufinden, welche Intensivtierhaltungs-Betriebe mit hohem Ammoniak-Ausstoß auch Agrarsubventionen erhalten haben, müssen beide Datenbanken miteinander verglichen werden. Bei rund 240.000 unterschiedlichen Empfängern von Agrarsubventionen von 2011-2015 und Namen in den unterschiedlichsten Schreibweisen ist das keine einfache Aufgabe.

Das liegt auch daran, dass die Datenbanken nicht auf der gleichen Ebene vergleichbar sind. Während Thru.de einzelne Betriebsstätten führt, sind Agrarsubventionsempfänger als Einzelpersonen, Unternehmen oder Konzerne mit ihren jeweiligen Geschäftsadressen gelistet. Einen Geldbetrag aus einer Subvention einem Betriebsort zuzuschreiben ist somit nicht möglich.

Ein Beispiel: Der WIMEX-Konzern erhält in Köthen Agrarsubventionen und setzt dort mit einem Betrieb Ammoniak frei. Allerdings hat der Konzern auch an mindestens 20 weiteren Betriebsstätten einen hohen Ammoniak-Ausstoß. Diese Betriebsstätten als zugehörig zum Mutterkonzern zu erkennen, gestaltet sich schwierig. Zwar lässt die Thru.de-Datenbank Rückschlüsse auf Muttergesellschaft und Eigentümer zu, aber eben nicht durchgängig oder einheitlich. Für die Recherche der Beteiligungsverhältnisse der Agrarkonzerne musste auf die Jahresabschlüsse im Bundesanzeiger zurückgegriffen werden.

Netzwerkdarstellung: einige wenige gute vernetzte Knoten, viele wenig vernetzte

Netzwerk der Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de

Daher haben wir die einzelnen Betriebsstätten aus Thru.de, in eine Netzwerkdarstellung geladen mit Betrieben als Knoten und Eigentumsverhältnissen als Kanten. Aus diesem Netzwerk kann man dann die verbundenen Komponenten als zueinander gehörende Betriebe extrahieren. Diese Gruppen aus Betrieben werden dann im Subventionsdatensatz gesucht und Beträge entsprechend zugewiesen. Das klappt gut, ist aber leider nicht perfekt. Die Suche ist „fuzzy“ und toleriert einen gewissen Grad an unterschiedlichen Schreibweisen, erkennt aber nicht jeden Zusammenhang.

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Am Schluss steht die Erkenntnis: mehr als die Hälfte aller Intensivtierhaltungsbetriebe in Thru.de erhalten Agrarsubventionen oder gehören zu einem Konzern, der Agrarsubventionen erhält. Doch ist das schlecht?

Nitratbelastung des Grundwassers

Das in Thru.de aufgeführte Ammoniak führt zu einer höheren Feinstaubbelastung und bildet Ammoniumnitrat. Die Ammoniak-Freisetzung kann auch als grober Indikator für die Menge an Gülle, die ein Betrieb produziert, gesehen werden. Damit trägt die Intensivtierhaltung in vielen Fällen zu hohen Nitratwerten im Boden und im Grundwasser bei.

Um die Nitratbelastung besser verstehen zu können, fragten wir die Nitratwerte des Grundwassers in den Bundesländern an – mit unterschiedlichem Erfolg. Einige Länder wie Niedersachsen oder NRW führen öffentliche Portale mit ihren Werten, andere Länder schickten uns die Messwerte und Daten zu ihrem Messstellennetz zu. Die Granularität der Daten in Zeit und Raum schwankt leider stark: die Messstellendichte und die Häufigkeit der Messwerte ist sehr unterschiedlich. Ein Sonderfall ist Mecklenburg-Vorpommern: Hier haben wir nur Mittel- und Extremwerte für die Messstellen erhalten. Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg verweigerte die Herausgabe mit der Begründung, die geographische Lage oder die Bezeichnung ihrer Messstellen zur Grundwassergüte seien personenbezogene Daten.

Trotz dieser unterschiedlichen Granularität haben wir uns entschieden, die Nitratbelastung in unsere Kartendarstellung im Hauptartikel einfließen zu lassen. Die Sechsecke zeigen den höchsten Medianwert der abgedeckten Stationen und bei höheren Zoomstufen repräsentiert ein Sechseck den Medianwert der einzelnen Messstation. Medianwert bedeutet, dass die Hälfte aller Messwerte zwischen 2011 – 2015 höher waren als der angezeigte Wert.

Über die gleichzeitige Darstellung der Intensivtierhaltung und der Nitratbelastung stellen wir einen Zusammenhang her, der allein über die beschriebenen Daten nicht klar ist. Die Gülle, die von einem Betrieb produziert wird, muss nicht vor Ort ausgebracht werden und muss daher nicht zwangsweise einen lokalen Einfluss auf Nitratwerte haben. Es gibt eine Gegend in Rheinland-Pfalz, die aus geologischen Gründen hohe Nitratwerte im Grundwasser hat, aber keine nennenswerte Intensivtierhaltung vorweist.

Der Zusammenhang zwischen Intensivtierhaltung und hohen Nitratwerten ist aber belegt. Das Umweltbundesamt gibt an, dass die Landwirtschaft zu großen Teilen für die Nitratbelastung im Grundwasser verantwortlich ist. Bezogen auf die Regionen mit einer hohen Dichte an Tierbestand ist erkennbar, dass in diesen Regionen Nitratwerte des Grundwassers oft besonders hoch sind. Auf der Karte wird auch sichtbar, dass punktuelle Messstellen in der Nähe von sehr großen Betrieben auffällig hohe Werte anzeigen, gerade im Vergleich mit Messstellen in der weiteren Umgebung.

Die EU hat Deutschland 2016 wegen zu hoher Nitratwerte verklagt. Hauptkritikpunkt der Klage ist die Überdüngung der Äcker. Jüngst hat das Umweltbundesamt in einer Studie prognostiziert, dass Verbraucher für ihr Trinkwasser deutlich mehr zahlen könnten, sollte der Nitratgehalt des Grundwassers nicht sinken.

Wir stellen weder die Tierhaltung noch Agrarsubventionen allgemein in Frage. Aber sollte die Intensivtierhaltung, insbesondere große, profitable Betriebe, in Deutschland mit öffentlichen Geldern unterstützt werden?

*Disclaimer: Der Autor arbeitet am Projekt FarmSubsidy.org mit.

CORRECTIV.Ruhr

Korrekturen bei Wahlergebnissen in NRW: Einzelfall oder Normalität?

Am Mittwoch verkündete der Landeswahlleiter von NRW Wolfgang Schellen das endgültige Wahlergebnis der Landtagswahl vom 14. Mai 2017. Die AfD erhält zu ihren 624.552 Stimmen nach der Überprüfung noch 2.204 mehr. In absoluten Zahlen erscheint es viel, aber ergebnisrelevant ist es bei über acht Millionen Wählern nicht. Ein Blick zurück zeigt, dass es Korrekturen zwischen vorläufigem und endgültigem Ergebnis auch bei vorherigen Landtagswahlen gegeben hat.

weiterlesen 7 Minuten

von Pauline Schinkels , Marcus Bensmann , Stefan Wehrmeyer

Mehr als 15.000 Stimmbezirke, rund 110.000 ehrenamtliche Wahlhelfer und über acht Millionen abgegebene Stimmen. Das ist die Landtagswahl 2017 in Nordrhein-Westfalen, Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland, in Zahlen. Aber es gibt auch noch ganz andere Zahlen zum 14. Mai. Es geht um exakt 2.204 Stimmen, die fälschlicherweise beim vorläufigen Wahlergebnis nicht der Alternative für Deutschland zugerechnet wurden. Deswegen gingen ein Dutzend Beschwerden beim Landeswahlleiter Wolfgang Schellen ein. Hauptsächlich von der AfD.

AfD mehr Stimmen, aber das Ergebnis bleibt

Am Mittwoch verkündete Schellen das endgültige Wahlergebnis. Die AfD erhält demnach die 2.204 Stimmen mehr, für einen zusätzlichen Sitz im Landtag hätte die Partei aber weitere 9.800 Stimmen gebraucht. Auch insgesamt ändert sich am Wahlergebnis nichts — die Partei um Spitzenkandidat Marcus Pretzell bleibt bei 7,4 Prozent.

Mehr als acht Millionen gültige Stimmen wurden bei der Wahl abgegeben, gemessen daran handelt es sich bei den anfänglich nicht gezählten AfD-Stimmen um eine verschwindend geringe Prozentzahl im Nullbereich. Unterdessen sind auch andere Parteien betroffen, auch hier kam es zu Fehlern. „Aber nicht in dem Größenumfang wie bei der AfD“, räumt Landeswahlleiter Schellen ein. Deshalb habe man auch sofort reagiert und eine Überprüfung in den 128 Wahlkreisen veranlasst. „Die Änderungen zwischen vorläufigem und endgültigem Wahlergebnis spielen sich aber nur im marginalen Bereich ab“, sagt Schellen.

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Die Abweichungen zwischen vorläufigem und und endgültigem Endergebnis bei den Wahlen in NRW 2010, 2012, 2017

Vergleicht man vorläufiges und endgültiges Wahlergebnis fällt neben dem Stimmenzuwachs für die AfD auf, dass vor allem die Partei AD-Demokraten NRW Stimmen abgeben musste. Der Erdogan-nahen Partei wurden im endgültigen Wahlergebnis 965 Stimmen abgezogen. Bei der ersten Auszählung wurden der ADD Stimmen zugesprochen, die eigentlich der AfD galten. Dass willentlich manipuliert wurde, davon geht Wahlleiter Schellen derzeit nicht aus. Die meisten dieser Fehler seien wohl aus Versehen passiert. In Gütersloh und Bonn wird die Namensähnlichkeit beider Parteien als Grund angegeben.   

Auch bei anderen Landtagswahlen wurde korrigiert

Nach der Korrektur erhielten im endgültigen Wahlergebnis die Linken noch 128, die FDP bekam weitere 98 und die Grünen drei Stimmen mehr. Der SPD wurden allerdings 308 und der CDU 401 Stimmen abgezogen.

Ist eine solche Korrektur einmalig? Wir von CORRECTIV haben uns die vorläufigen und endgültigen Ergebnisse der beiden vorherigen Landtagswahlen in NRW angesehen. Korrekturen hat es auch bei den anderen Landtagswahlen gegeben. 2012 war der Unterschied zwischen vorläufigem und endgültigem Wahlergebnis gering. Zwei Beispiele: Die Freien Wähler bekamen 248 Stimmen mehr, der CDU wurden 312 Stimmen abgezogen.

2010 sticht hingegen hervor. Hier erhielten beim endgültigen Wahlergebnis die Piraten im Nachgang 1.465 mehr und Die PARTEI 1.122 Stimmen weniger als im vorläufigen Ergebnis. Schaut man sich die Namen der Parteien an, liegt es nahe, dass es ähnlich wie der Wahl 2017 zwischen ADD und AfD auch 2010 möglicherweise bei der Zuordnung der Stimmen zu Verwechslungen kam. Beim endgültigen Wahlergebnis 2010 erhielten auch Grünen 392 und die Linken sogar 781 Stimmen mehr.

Stimmenunterschied im vierstelligen Bereich

Bei allen Wahlen fällt der Unterschied zwischen gültigen und ungültigen Stimmen ins Auge. Im vorläufigen Endergebnis waren 2017 rund 1.800 ungültige Stimmen im Endergebnis weniger, 2010 waren es rund 3.500 weniger. Der Vergleich der Landtagswahlen zeigt, Korrekturen bei den Wahlergebnissen gab es auch vorher. 2010 und 2017 auch im vierstelligen Bereich. Der Wahlausgang wurde weder 2010 noch 2017 durch die Korrekturen in irgendeinem Fall beeinträchtigt.  

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Eine genaue Ursachenanalyse für die Wahl 2017 liegt noch nicht vor. Bekannt ist, dass es in rund 70 der mehr als 15.000 Stimmbezirken zu Unregelmäßigkeiten kam, CORRECTIV berichtete. Der Wahlleiter geht in diesen Fällen von einer Vielzahl von Fehlerquellen aus.

Bei über 100.000 Wahlhelfern sind viele Fehler vorstellbar: Verhören bei der telefonischen Übermittlung der Ergebnisse, Müdigkeit, Schlampigkeit  – aber auch Manipulationen durch einzelne Wahlhelfer können nicht ausgeschlossen werden.

In Mönchengladbach ermittelt die Polizei inzwischen wegen des Verdachts der Wahlfälschung. „Bei uns ist ein anonymer Hinweis eingegangen“, sagt eine Polizeisprecherin. Demnach wurde im Mönchengladbacher Stimmbezirk Altenheim Eicken zunächst 37 der für die AfD abgegebenen Zweitstimmen als ungültige Stimmen gewertet. Seitens der Staatsanwaltschaft heißt es, die Unstimmigkeiten seien auffällig. Mehr werde erst bekanntgegeben, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind.

Nicht nur in NRW wird nachgebessert

Korrekturen zwischen dem vorläufigen und endgültigen Wahlergebnis sind keine Spezialität von NRW. Der kuriose Fall von null Zweitstimmen wie bei der AfD ist auch den Grünen 2004 in einem Wahlbezirk in Brandenburg passiert. Die vier gültigen Zweitstimmen der Partei waren aufgrund eines Übertragungsfehlers zunächst der rechten Partei Deutsche Volksunion zugeschrieben worden.

Ursachensuche läuft

Fehler bei der Erstellung des vorläufigen Wahlergebnisses seien unvermeidbar, sagte eine Sprecherin der Stadt Bonn im Gespräch mit CORRECTIV. Ähnlich äußerte sich auch Landeswahlleiter Schellen. An einem Wahlsonntag sind viele ehrenamtliche Wahlhelfern im Einsatz. Die Organisation der Wahllokale übernehmen die Gemeinden. Hier wird festgelegt, wer einem Wahllokal vorsteht. Hier wird darüber gesprochen, wer in der nächsthöheren Instanz, dem Kreiswahlausschuss, sitzt. Dieser zählt die Stimmen nicht noch einmal aus, überprüft aber, ob alle formalen Kriterien erfüllt wurden – wie etwa die richtige Übermittlung oder Zuordnung. Dafür bekommen die Freiwilligen eine geringe Aufwandsentschädigung, das sogenannte Erfrischungsgeld. Bei den Gemeinden liegt auch die Verantwortung alle Helfer zu schulen. Auch mangelhafte Schulungen können ein Fehlerquell sein.

In NRW läuft unterdessen die Suche nach den Ursachen für die Zählpanne bei dieser Landtagswahl. Denn „bei der nächsten Wahl gilt es, die Fehler zu vermeiden“, sagt der Landeswahlleiter.     

Fazit: Das Ergebnis der AfD wurde um 2.204 Stimmen nach oben korrigiert. Auswirkung auf das Wahlergebnis hat die Überprüfung nicht. Der Vergleich mit zwei anderen Landtagswahlen zeigt, dass es bereits in der Vergangenheit Korrekturen im vierstelligen Bereich gab – wenn auch weniger als bei der AfD jetzt. Die Fehler, die im vorläufigen Endergebnis auffielen wurden im endgültigen behoben. Die Unregelmäßigkeiten beziehen sich nur auf 0,5 Prozent aller Stimmbezirke, die in Einzelfällen wie Mönchengladbach noch polizeilich untersucht werden.

© Collage von Ivo Mayr/Correctiv

Euros für Ärzte

Neue CORRECTIV-Datenbank zeigt erstmals Ärzte in Deutschland, die kein Geld von der Pharmaindustrie annehmen

71.000 Ärzte in Deutschland haben im vergangenen Jahr Zuwendungen von der Pharmaindustrie erhalten. Aber nur 29 Prozent von ihnen sind bereit, das offenzulegen. Wird ein Arzt nicht genannt, kann das zweierlei bedeuten: Er will die Honorare gegenüber seinen Patienten oder Kollegen verschweigen. Oder er hat kein Geld angenommen. Jetzt sorgt CORRECTIV für Transparenz – und startet eine „Null-Euro-Ärzte“-Datenbank.

weiterlesen 5 Minuten

von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Hier können Sie sich in die Datenbank für Null-Euro-Ärzte eintragen.


575 Millionen Euro haben Pharmakonzerne in Deutschland im Jahr 2015 an Ärztinnen und Ärzte gezahlt. Das Geld floss für Vortragshonorare, Reisespesen, für Anwendungsbeobachtungen oder als Honorar für die Durchführung von Studien. Im Juni 2016 veröffentlichten die Pharmaunternehmen erstmals die Namen von Ärzten und Heilberuflern, die Geld oder geldwerte Vorteile erhalten hatten. Um zu zeigen: Seht her, wir sind transparent, an unseren Zahlungen ist nichts anstößig, jeder Verdacht der Korruption ist an den Haaren herbeigezogen.

So ganz freiwillig war die Veröffentlichung allerdings nicht. Zahlungen von Pharmaunternehmen an Mediziner sind weithin umstritten. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass Ärzte, die Gelder von den Konzernen annehmen oder sich einladen lassen zu Kongressen und anderem, häufiger zum Rezeptblock greifen und zudem teurere Medikamente verordnen.

2010 beschloss die US-Regierung unter Barack Obama, dass Pharmaunternehmen ihre Zahlungen an US-Mediziner jedes Jahr namentlich veröffentlichen müssen – den „Sunshine Act“. Eine solche Regelung wollen die Konzerne in Europa um jeden Preis verhindern. Deshalb erklärten sie im vergangenen Jahr flugs, diese Transparenz hierzulande nun freiwillig zu leisten. Und veröffentlichten die Zahlungen.

Nur 29 Prozent der Ärzte sind transparent

Das Problem: Ärzte in Europa können, müssen aber nicht offenlegen, ob sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen. Wer sich an der Transparenzinitiative nicht beteiligen wollte, für den blieb alles beim Alten. Und die Ärzte nutzten diese Möglichkeit reichlich. Unter jenen, die Zahlungen erhalten, stimmten nach Berechnungen von CORRECTIV nur 29 Prozent einer Veröffentlichung zu. Man darf davon ausgehen, dass es sich dabei vor allem um solche Mediziner handelt, deren Einnahmen unbedenklich waren. Heißt im Umkehrschluss: Von 71 Prozent der Ärzte, die Zuwendungen erhalten hatten, haben wir keine Daten. Ebenso wenig von Ärztinnen und Ärzten, die null Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhalten. 

Bei allen Ärzten, die nicht in der Datenbank stehen, kann dies zweierlei bedeuten. Erstens: Der Arzt, die Ärztin hat kein Geld erhalten. Oder, zweitens, er oder sie will nicht, dass die Pharma-Honorare bekannt werden und hat einer Veröffentlichung widersprochen. Ein Außenstehender weiß also nicht, ob die Ärztin besonders redlich ist und keinerlei finanzielle Beziehungen zur Pharmaindustrie hat – oder ob der Arzt sich besonders gern einladen und honorieren lässt, aber nicht will, dass das bekannt wird.

Im vergangenen Jahr hat CORRECTIV die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht. Danach meldeten sich viele Ärzte. Sie sagten, sie würden auch gern in dieser Datenbank auftauchen – mit dem Eintrag „null Euro“. Weil sie Wert darauf legten, vor Kollegen und Patienten zu dokumentieren, kein Geld von den Konzernen anzunehmen.

Die Pharmaindustrie selbst hat für dieses Problem keine Lösung, denn sie kennt nur die Namen jener Ärzte und Heilberufler, denen sie Geld überweist.

Deshalb startet CORRECTIV jetzt das Projekt „Null-Euro-Ärzte“. Hier können sich jene Mediziner eintragen, die im zurückliegenden Jahr KEIN Geld von der Pharmaindustrie für Vorträge und Fortbildungen angenommen haben. Diese Ärzte erscheinen künftig in unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank mit dem Betrag „0 Euro“.

MEZIS und VDÄÄ unterstützen das Projekt

Mehrere Ärzteorganisationen unterstützen das CORRECTIV-Projekt von Beginn an. Darunter MEZIS, das steht für: Mein Essen Zahl Ich Selbst, eine Initiative kritischer Ärzte. Genau wie der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VdÄÄ).

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CORRECTIV bietet ab sofort allen Medizinern und Fachkreisangehörigen in Deutschland an, sich in die neue Datenbank einzutragen. Die helfen soll, dass Patientinnen und Patienten eine informierte Entscheidung bei der Auswahl ihres Arztes treffen können.

Update 31.5.2017: In den ersten zwei Tagen seit der Veröffentlichung der neuen Datenbank haben sich mehr als 400 Null-Euro-Ärztinnen und Ärzte eingetragen, darunter so bekannte Mediziner wie Prof. Dr. Michael M. Kochen, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und Prof. Dr. Peter Schönhöfer, langjähriger Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Uniklinikum Bremen-Mitte.  

Update 7.6.2017: Seit gestern unterstützt auch die „Weisse Liste“ das Projekt auf ihrer Homepage, außerdem wirbt der Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“ (IPPNW) unter seinen Mitgliedern für die Teilnahme. Stand heute haben sich bereits mehr als 500 Medizinerinnen und Mediziner als Null-Euro-Ärzte registriert.  

FAQ: Die wichtigsten Fragen für interessierte Ärztinnen und Ärzte

Ich bin Arzt, wie überprüfen Sie, ob mein Name und meine Adresse stimmen?

Zunächst müssen wir überprüfen, ob Sie tatsächlich der sind, für den Sie sich ausgeben. Dazu müssen Sie Ihre Anschrift und eine Email-Adresse angeben. An diese Email-Adresse bekommen Sie ein pdf-Dokument zugeschickt, das Sie bitte ausdrucken und unterschreiben. Wenn Sie eine eigene Arztpraxis haben, versehen Sie es bitte mit Ihrem Praxisstempel. Dieses Dokument senden Sie an uns per Post oder Fax zurück.

Wie überprüft CORRECTIV, ob meine Angaben richtig sind?

Wir nehmen Sie beim Wort. Sie versichern, dass Sie im Jahr 2015 oder 2016 keine finanziellen Zuwendungen bekommen haben von einem Pharmaunternehmen, das der Freiwilligen Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie (FSA) angehört. Nach dem aktuell gültigen FSA-Kodex können nur Honorare für Vorträge, Spesen und Fortbildungen veröffentlicht werden. Wenn Sie ankreuzen, in diesen Bereichen keine Zuwendungen erhalten zu haben, überprüfen wir, ob Ihr Name in den Veröffentlichungen der FSA-Firmen auftaucht. Wenn Sie zum Beispiel für das Jahr 2016 doch in der FSA-Liste aufgelistet sind, können Sie nicht gleichzeitig in der Liste der Null-Euro-Ärzte auftauchen. Denkbar ist aber, dass Sie 2015 in der FSA-Liste auftauchen, 2016 aber in der Null-Euro-Liste.

Ich habe nur an einer Fortbildungsmassnahme teilgenommen, bei der die Referenten von einer Pharmafirma bezahlt wurden. Zählt das als Zuwendung bei mir? 

Grundsätzlich zählen pharmagesponserte Fortbildungsveranstaltungen dazu. Ob das Unternehmen dies als Zuwendung für Sie persönlich wertet, erkennen Sie daran, ob das Unternehmen (sofern es Mitglied im FSA ist) Sie gefragt hat, ob es diese Zuwendung (geldwerten Vorteil) mit der Nennung Ihres Namens individualisiert veröffentlichen darf.  

Muss ich auch Honorar angeben, das ich für Anwendungsbeobachtungen erhalten habe?

Die im FSA-Kodex zusammengeschlossenen Firmen veröffentlichen keine Namen von Ärzten, die Honorar für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen (AWB) bzw. Nicht-Interventionellen-Studien (NIS) erhalten haben. Dies wird zwar häufig kritisiert, weil gerade AWBs umstritten sind, da ihr Zweck meist darin besteht, einem Arzt dafür Geld zukommen zu lassen, dass er ein bestimmtes Medikament seinen Patienten verordnet. Aber die Industrie bleibt beim Thema AWBs intransparent. Das heißt: Wenn Sie als Arzt im vergangenen Jahr 10.000 Euro für AWBs bekommen haben und dann noch mal an einer Fortbildungsveranstaltung im Wert von 200 Euro teilgenommen haben, veröffentlichen die Pharmaunternehmen unter Ihrem Namen nur die 200 Euro. Wir halten dieses Vorgehen für fragwürdig und ermöglichen es Ärztinnen und Ärzten deshalb, zusätzlich anzugeben, dass sie auch kein Honorar für AWBs angenommen haben.

Ich bin kein Arzt, sondern Krankenschwester oder Apotheker. Kann ich mich auch eintragen in Ihre Liste?

Ja, denn die Pharmafirmen schließen in ihr Transparenzprojekt ausdrücklich Angehörige der Fachkreise ein. Dazu gehören auch Pflegekräfte, Apotheker und sogar Mitarbeiter von Krankenkassen. Der FSA definiert Fachkreisangehörige wie folgt: „,Angehörige der Fachkreise’ sind die (…) hauptberuflich tätigen Ärzte und Apotheker sowie alle Angehörigen medizinischer, zahnmedizinischer, pharmazeutischer oder sonstiger Heilberufe und sämtliche andere Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Humanarzneimittel verschreiben oder anwenden oder mit diesen in erlaubter Weise Handel treiben. Hierzu zählen auch Mitarbeiter öffentlicher Stellen oder Mitarbeiter der Kostenträger, die bei dieser Stelle dafür verantwortlich sind, Arzneimittel zu verschreiben, zu beziehen, zu liefern, zu verabreichen oder über die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln zu entscheiden, sowie Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen, die neben ihrer Tätigkeit für das Unternehmen hauptberuflich als praktizierende Ärzte, Apotheker oder andere Angehörige der Fachkreise tätig sind, nicht aber diejenigen Ärzte, Apotheker oder andere Angehörigen der Fachkreise, die für Mitgliedsunternehmen hauptberuflich tätig sind.“

Ab wann wird CORRECTIV die Daten veröffentlichen?

Wir haben mit der Veröffentlichung der Namen der „Null-Euro-Ärzte“ bereits begonnen und werden die Liste fortlaufend aktualisieren.

Hier können Sie als Arzt oder Angehöriger der Heilberufe beim Projekt Null-Euro-Ärzte mitmachen

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Agrar

Irrsinn der Agrarpolitik

EXKLUSIV: Eine CORRECTIV-Datenauswertung zeigt erstmals, welche Massentierhalter EU-Agrarsubventionen erhalten – obwohl sie die Umwelt belasten. Dazu haben wir Datensätze zu EU-Subventionen und Schadstoffausstößen übereinandergelegt. Unsere Karte zeigt außerdem, wo das Grundwasser mit Nitrat belastet ist. Ausgerechnet Deutschland blockiert mit seinem CSU-Agrarminister eine Reform der irrsinnigen Agrarpolitik.

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In eigener Sache

Knight-Mozilla-Fellow für CORRECTIV

Das Knight-Mozilla Fellowship bringt Entwickler, Datenjournalisten und Redaktionen zusammen. Im kommenden Jahr ist CORRECTIV eine von sechs Redaktionen, die ein Jahr lang einen Entwickler beherbergen darf. Ab heute könnt Ihr Euch bewerben.

von Daniel Drepper , Stefan Wehrmeyer

Das Knight-Mozilla-OpenNews-Fellowship ist das wohl bekannteste Programm weltweit, um Entwickler und Journalisten zusammenzubringen. Seit 2011 fördert die Knight-Foundation das Projekt, Partner waren unter anderem die New York Times, der Guardian, die Washington Post oder ProPublica.

Im kommenden Jahr dabei sind das Fernsehformat Frontline, die Los Angeles Times, das National Public Radio, das Online-Medium Vox, das Coral Project sowie CORRECTIV. Wir sind die einzigen Europäer im Programm.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Die Fellows des OpenNews-Programmes arbeiten in ihren jeweiligen Medien an konkreten Projekten. Dies können neue Werkzeuge für die datenjournalistische Recherchen sein, aber auch Visualisierungen oder die Impact-Analyse von investigativen Geschichten.

Dazu fördert das Fellowship den weltweiten Austausch unter den Fellows und Redaktionen. Die Stipendiaten werden sowohl in den Newsrooms, als auch zusammen auf internationalen Konferenzen an einer besseren Zukunft des Journalismus arbeiten.

Von heute bis zum 21. August können sich alle, die sich für Journalismus und Technologie begeistern, für das Fellowship bewerben. Die Knight Foundation finanziert Unterkunft und Lebenshaltungskosten für zehn Monate. Wir freuen uns sehr auf das Fellowship, die neuen Kontakte – und sind gespannt auf unseren Fellow.

Nerds

Technische Details zur Justizgelder-Datenbank

von Stefan Wehrmeyer

In unserer Justizgelder-Datenbank kann jeder schauen, an welche Einrichtungen die deutsche Justiz 170 Millionen Euro verteilt hat. In diesem Blogpost wollen wir den Code hinter dem Projekt erklären. Wer an der Technik hinter der Web-Anwendung interessiert ist, kann hier in die Tiefe gehen. Zudem gibt es einen Link zum kompletten Quelltext auf Github.

Uns ist es bei CORRECTIV wichtig, dass mit der Veröffentlichung einer Geschichte die Entwicklung der dazu gehörenden Datenbank nicht abgeschlossen sein muss. Deswegen machen wir unsere Arbeit transparent, veröffentlichen in der Regel die Quellcodes unserer Datenbanken und geben möglichst alle Daten frei. Wir sind gespannt, was in den Daten steckt, das wir nicht gesehen haben.

## Ablauf des Projektes

Zunächst mussten wir die Daten für das Projekt “Spendengerichte” besorgen. Unser Reporter Jonathan Sachse hat hier letzte Woche beschrieben, auf welche Hürden er in der Justiz gestoßen ist. Nachdem wir die Dateien aus den verschiedenen Bundesländern besorgt hatten, haben wir sie nach Bundesland, Jahr und Behörde aufgeteilt in Ordner abgelegt.

Das war die Ausgangssituation für die eigentliche Programmierung:

Die Dateien liegen im PDF-, Excel- und Word-Format vor. Unser Ziel ist es, aus diesem Ausgangsmaterial eine einzige Tabelle mit allen Zahlungen zu erstellen. Bei der Durchsicht der Quelldateien stellte sich leider schnell heraus, dass es kein einheitliches Datenschema gibt. Auch wenn einige Dateien viel mehr Informationen beinhalten, in wirklich allen Dateien waren letztlich nur der Name der Einrichtung und der zugewiesene Betrag enthalten.

## Konvertierung nach CSV

Um alle Daten zusammenzuführen bietet es sich an, zuerst alle Dateien in das selbe Format zu konvertieren. Das CSV-Format (Comma Separated Values) ist ideal für die maschinelle Weiterverarbeitung: keine Formatierungen, keine versteckten oder verbundenen Spalten – eine einzige Tabelle mit klar definiertem Kopf. Unsere Tabelle muss mindestens die Spalte „name“ und die Spalte „betrag“ haben. Weitere Spalten sind optional, sollten jedoch die gleiche Bezeichnung haben, wenn sie das gleiche beinhalten.

Die eigentliche Konvertierung ist viel Handarbeit. Während aus Excel-Dokumenten meist recht einfach passende CSV-Dateien exportiert werden können, müssen PDFs gegebenenfalls vorher mit OCR behandelt werden, um die Schrift maschinenlesbar zu machen. Im Anschluss werden sie dann durch Tabellenerkennungs-Werkzeuge wie Tabula geschickt.

Die entstehenden CSV-Dateien stellen die Datenbasis dar. Hat die Behandlung der Dateien mit OCR Fehler produziert oder finden sich andere Probleme in den Daten, werden diese Fehler an dieser Stelle korrigiert. Das ist viel Handarbeit.

## Zusammenführung und automatisierte Reinigung

Leider ist die Datenbasis nach der Konvertierung immer noch sehr dreckig: die Namensspalte enthält oft noch eine durchlaufende Nummer, die Adresse der Organisation oder weitere Informationen. Auch die Betragsspalte besteht aus verschiedenen Kombinationen aus Ziffern, Punktierungen, Leerzeichen und Variationen der Währung (€, EUR, Euro,…).

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Ein Python-Script (eine Anwendung, geschrieben in der Programmiersprache Python) liest alle CSV-Dateien ein, bildet eine Gesamtmenge an Spaltennamen, reinigt bekannte Spalten nach bestimmten Mustern (reguläre Ausdrücke und schlimmer) und schreibt dann alle Daten in eine große CSV-Datei.

## Deduplizierung mit Open Refine

Open Refine hilft bei der Säuberung von tabellarischen Datensätzen. Die gröbsten Unreinheiten wurden schon mit dem Python-Skript entfernt, daher brauchen wir Refine nur noch für die Deduplizierung. Damit wollen wir vermeiden, dass der selbe Verein mehrere Male mit unterschiedlichen Beträgen in unseren Tabellen auftaucht – stattdessen soll am Ende ein Gesamtbetrag pro Verein stehen. Dazu nutzen wir den „Cluster & Edit“-Modus auf der Namensspalte.

Bei Open Refine gibt es mehrere Möglichkeiten, um Einträge zusammenzuführen. Eine der genauesten Funktionen nennt sich “nearest neighbor”. Bei “nearest neighbor” vergleicht Open Refine jeden Eintrag mit jedem anderen Eintrag und schaut, wie ähnlich die Einträge sich sind. Bei mehr als 44.000 Zeilen dauert das selbst extrem lange. Es empfiehlt sich daher eher, eine von mehreren möglichen „key collision“-Methoden zu wählen. Bei der “key collision” bildet das Programm aus jeder Zeile ein bestimmtes Muster, es schaut sich zum Beispiel jeden dritten Buchstaben an und legt die Einträge zusammen, bei denen dieses Muster übereinstimmt. Bei Open Refine kann man verschiedene dieser “key collision”-Funktionen durchprobieren. Wir haben mit den verschiedenen Parametern herumgespielt und so schnell viele gute Duplikat-Treffer erzeugt, die sich verbinden lassen.

Was dann am Ende tatsächlich Duplikate sind (und nicht nur ähnlich gemusterte Einträge), ist natürlich Definitionsfrage. Vereine an unterschiedlichen Registern können den gleichen Namen haben, sind aber nicht der gleiche Verein. Regionale Ableger einer Einrichtung sind auch nicht identisch zu ihrem gleichnamigen Bundesverband. Die Keying-Funktion „metaphone3“ zum Beispiel fasst alle Einrichtungen zusammen, die mit dem Wort „Förderverein“ beginnen. Das produziert natürlich einen Haufen falscher Ergebnisse. Besser ist dagegen die Fingerprint-Funktion in Open Refine, damit werden viele Tipp- und OCR-Fehler erkannt und auf die richtige Schreibweise normalisiert.

Die Deduplizierung beinhaltet viele menschliche Entscheidungen. Diese lassen sich aus Refine im Undo/Redo-Menü als Kommandos im JSON-Format extrahieren und in die Datenverarbeitungs-Pipeline einbinden. So bleibt stets überprüf- und reproduzierbar, wie wir an den Daten gearbeitet haben. Und wir können die einmal getroffenen Entscheidungen auch für neue Daten oder spätere Updates weiter nutzen.

## Pipeline

Die Idee hinter einer Daten-Pipeline ist, dass die Daten von der Quelle über automatisierte Verarbeitungsschritte in die Datenbank fließen, so dass bei Fehlerbehebungen an der Quelle die Daten nicht händisch integriert werden müssen. So eine Pipeline haben wir für dieses Projekte aufgebaut: die einzelnen CSV-Dateien, werden zu einer CSV-Datei zusammengefasst und gereinigt. Abgespeicherten Refine-Befehle werden auf die Gesamt-CSV-Datei angewendet und erst dann wird das Ergebnis in die finale Datenbank geladen.

## Die Web-Anwendung

Ziel des Projekts ist es, interessierten Bürgern Zugriff auf unsere Zuwendungsdatenbank zu geben. Ein Web-Interface mit Such- und Filterfunktion und eigenen Seiten für jede Einrichtung ist die naheliegende Lösung.

Die Web-Anwendung ist ein Django-Projekt. Die Daten werden zwar in einer herkömmlichen Datenbank gehalten, aber für die Suche noch einmal in ElasticSearch indiziert. Die Anwendung nutzt den offiziellen ElasticSearch Python Client und einen ElasticSearch-Query mit verschachtelten Aggregationen, Filter-Queries und Sortierung.

Der komplette Quelltext der Web-Anwendung findet sich auf dem CORRECTIV-GitHub-Account.

© Open Road by Paul De Los Reyes unter der Lizenz CC BY 2.0

Nerds

Werde OpenNews-Fellow bei CORRECTIV

Wir bei CORRECT!V wollen Journalismus und Recherche weiterentwickeln. Deshalb freuen wir uns sehr darauf, kommendes Jahr einen OpenNews-Fellow in unserem Berliner Büro begrüßen zu dürfen. Bis zum 21. August könnt Ihr Euch für das Fellowship bewerben. Hier beschreiben wir, was wir mit Dir vorhaben.

weiterlesen 3 Minuten

von Daniel Drepper , Stefan Wehrmeyer

Wir wollen helfen, den Journalismus zu verändern. Wir wollen nicht mehr nur Informationen vermitteln, von Journalist zu Bürger, von hohem Ross ins tiefe Tal. Wir wollen transparent arbeiten, so viele Menschen wie möglich einbeziehen, Verständnis schaffen für den Rechercheprozess und für die Grenzen unserer Veröffentlichung. Wir wollen Menschen so speziell und individuell wie möglich informieren. Über Datenbanken. Über Originaldokumente. Über visualisierte Daten.

Je häufiger uns das gelingt, desto besser wird unser Journalismus – und desto mehr Spaß haben wir. Wir wollen, dass Du als OpenNews-Fellow mit uns die Grenzen dieses neuen Journalismus weiter verschiebst.

OpenNews-Fellow

  • Das Knight-Mozilla-Fellowship ermöglicht jedes Jahr einer guten Hand voll Programmierern, in verschiedenen Redaktionen zu arbeiten. In diesem Jahr sind neben CORRECTIV fünf amerikanische Medien dabei: The Coral Project (New York Times / Washington Post), Frontline, Los Angeles Times, NPR, Vox Media.
  • Das Fellowship ist zehn Monate lang und ist bezahlt. Auch Nebenkosten und Reisen zu verschiedenen Konferenzen sind enthalten.
  • Bewerben kannst Du Dich direkt bei OpenNews noch bis zum 21. August.

Journalismus setzt sich aus drei Prozessen zusammen: Informationen beschaffen, Informationen verarbeiten und Informationen verbreiten. Alle drei Bestandteile des Journalismus wandeln sich seit einigen Jahren radikal. Jeder Bürger kann Teil der vierten Gewalt werden. Eines aber bleibt: Wir als Journalisten sind das CORRECTIV für diejenigen, die ihre Macht missbrauchen.

Um möglichst viele Bürger einzubeziehen und zum Teil der vierten Gewalt zu machen, wollen wir die Hintergründe unserer Arbeit so nachvollziehbar und verständlich wie möglich machen. Wir wollen Menschen damit fortbilden, wir wollen an mancher Stelle verlorenes Vertrauen in die Medien zurückgewinnen und zur Mitarbeit anregen. Denn was wir hier tun, das machen wir nicht für uns selbst, sondern für uns alle, als Vertreter der Bürger. Und Du kannst uns dabei helfen, das alles weiterzuentwickeln.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Ein paar Beispiele aus unserer Arbeit des ersten Jahres, die unsere Idee des offenen Journalismus illustrieren:

  • Wir haben recherchiert, was mit den Geldauflagen passiert, die in Strafverfahren gezahlt werden. Das Ergebnis: Richter und Staatsanwälte verteilen diese Gelder fast ohne Kontrolle und nach eigenem Gutdünken. Statt einfach nur eine Geschichte zu schreiben, haben wir Zahlungen über 350 Millionen Euro aus den vergangenen acht Jahren zusammengetragen. Jeder kann diese Zahlungen jetzt in einer Datenbank nach Auffälligkeiten durchsuchen.
  • Multiresistente Bakterien gelten als eine der größten Gesundheitsgefahren der kommenden Jahrzehnte. Wir haben recherchiert, wie groß die Gefahr tatsächlich ist und dafür visualisiert, wie häufig eine Behandlung der relevantesten Keime in Deutschland mittlerweile abgerechnet wird. Jeder kann jetzt seine Postleiztahl eingeben und sehen, wie es um seine Region im Vergleich zum Rest von Deutschland steht und wie sich die Zahl der abgerechneten Keime entwickelt hat.
  • Wir recherchieren zum Thema TTIP, haben die wichtigsten Grundsätze mit eingängigen Graphiken illustriert und veröffentlichen dazu auch zahlreiche Originaldokumente.
  • Wir betreuen Themen wie TTIP oder die Spendengerichte langfristig. Im Herbst werden wir ein zweijähriges Projekt zu multiresistenten Bakterien in Europa starten. Und auch das Thema Klimawandel wollen wir langfristig angehen. Wir wollen Bürgern Informationen und Recherchen an einer Stelle bieten, die stetig ergänzt werden können. Viele Geschichten sind nicht abgeschlossen, sondern entwickeln sich weiter.
  • Wir arbeiten aktuell an einer virtuellen Redaktion. In einer neuen Plattform wollen wir gemeinsam mit Bürgern und anderen Journalisten große Themen recherchieren, die von einem Journalisten oder einer Redaktion alleine niemals in dieser Tiefe recherchiert werden könnten. Mit der virtuellen Redaktion schaffen wir erstmals einen Raum, der lokale Recherchen vor Ort mit der nationalen, übergreifenden Geschichte verbindet.

Für das OpenNews-Fellowship suchen wir nach einer Person, die Programmiererfahrung hat und im Bereich investigative Recherche arbeiten möchte. In unserer journalistischen Daten-Arbeit geht es um das Scrapen von Webseiten und Dokumenten, das Analysieren von Datenmengen und um die Aufbereitung und Visualisierung von Datenbanken.

Konkret könnte eines Deiner Projekte die Arbeit am Thema globale Erwärmung sein. Gemeinsam mit Reportern begibst Du Dich auf die Recherche, sammelst Studien, Daten, Informationen und Dokumente zum Thema. Beobachtest Entwicklungen. Probierst Dich im Roboter- und im Sensor-Journalismus. Gemeinsam mit den Reportern entwickelst Du Tools zur Analyse und Darstellung komplexer Probleme und Daten – und veröffentlichst kontinuierlich zum Thema globale Erwärmung.

Wir freuen uns auf Dich. Gemeinsam können wir den Journalismus öffnen.


Heute, am Dienstagabend, 11. August, kannst Du mehr über das Fellowship erfahren. Um 18 Uhr freuen wir uns darauf, Deine Fragen bei uns im Büro zu beantworten.

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Euros für Ärzte

Top 50 Präparate

In einer Auswertung der 50 größten Anwendungsbeobachtungen finden sich vor allem Analogpräparate, deren medizinsicher Zusatznutzen fraglich ist. Mehr als 485.000 Patientinnen und Patienten wurden angeblich für Kontrastmittel beobachtet, die zum Teil schon mehr als 20 Jahre auf dem Markt sind.

von Markus Grill , Stefan Wehrmeyer

Schaut man sich die unten stehende Liste der 50 Anwendungs­beobachtungen mit den meisten Patienten in den Jahren 2009 bis 2014 an, fällt auf, dass dort nur acht Medikamente der Kategorie A (neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz) auftauchen, aber mehr als doppelt so viele, genau 17 Präparate der Kategorie C (Analogpräparate mit keinen oder nur marginalen Unterschieden zu bereits eingeführten Präparaten). Auch dies legt den Verdacht nahe, dass mit Hilfe von Anwendungs­beobachtungen vor allem jene Medikamente in den Markt gedrückt werden, die im Verdacht stehen, Scheininnovationen zu sein. 

Unter den Top-Präparaten finden sich auch einige, zu denen es günstigere Alternativen gibt. So sollten im Zeitraum 2009 bis 2014 mehr als 20.000 Patienten das Antidepressivum Valdoxan in Rahmen einer Anwendungs­beobachtung bekommen. Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Valdoxan beliefen sich im Jahr 2013 auf 44,5 Millionen Euro. Hätten die Ärzte stattdessen das gleichwertige Venlafaxin AbZ verordnet, hätten die Krankenkassen 35,9 Millionen Euro sparen können.

Direkt zur Tabelle

Auch das Parkinson-Medikament Neupro findet sich in der Liste der Top-50-Präparate. Die Krankenkassen gaben dafür im Jahr 2013 51,7 Millionen Euro aus. Hätte die Ärzte das gleichwertige Pramipexol axcout verordnet, hätten die Krankenkassen nach Berechnungen des Arzneiverordnungsreports 2014 bei diesem Medikament 42,6 Millionen Euro sparen können.

Die medizinischen Klassifikationen (A, B, C, D) orientieren sich am „Taschenbuch der Arzneibehandlung. Angewandte Pharmakologie“, herausgegeben von Hasso Scholz und Ulrich Schwabe, 13. Auflage, Berlin, Heidelberg 2005. 

Die Angaben zu den neueren Präparaten nach Erscheinen der letzten Auflage hat einer der Herausgeber, Prof. Dr. Ulrich Schwabe, extra für diese Tabelle vorgenommen. 

A = Innovative Struktur bzw. neuartiges Wirkprinzip mit therapeutischer Relevanz. 

B = Verbesserung pharmakodynamischer oder pharmakokinetischer Eigenschaften bereits bekannter Wirkprinzipien.

C = Analogpräparat mit keinem oder nur marginalen Unterschieden zu bereits eingeführten Präparaten.

D = Nicht ausreichend gesichertes Wirkprinzip oder unklarer therapeutischer Stellenwert.

Die Tabelle

Präparat Beschreibung Anzahl Patienten Anzahl AWBs Höchstes Honorar pro Patient Zulassungs­jahr Hersteller Bewertung
Xenetix Röntgen Kontrastmittel 150.000 2 10,00 € 1996 Guerbet C
Dotarem MRT Kontrastmittel 135.030 5 100,00 € 2004 Guerbet C
Multihance MRT Kontrastmittel 104.691 4 20,00 € 1998 Altana B
Imeron Röntgen Kontrastmittel 52.000 4 15,00 € 1996 Bracco C
Magnegita MRT Kontrastmittel 45.000 2 15,00 € 1988 Agfa A
Lucentis Makuladegeneration 35.000 8 1.045,00 € 2007 Novartis A
Iopamigita Röntgen Kontrastmittel 30.000 2 15,00 € 2003 AGFA
Visipaque Röntgen Kontrastmittel 26.500 2 35,00 € 1995 Amersham Buchler C
Seebri COPD 24.000 2 455,00 € 2012 Novartis
Lantus Diabetes 22.580 6 200,00 € 2000 Sanofi B/C
Valdoxan Antidepressivum 20.400 6 150,00 € 2009 Servier A/D
Lumigan Grüner Star 20.000 3 75,00 € 2002 Pharm Allergan C
Duotrav Grüner Star 20.000 3 80,00 € 2006 Alcon
Pegasys Hepatitis C 19.808 7 1.762,00 € 2002 Roche C
Sevikar Bluthochdruck 19.500 3 90,00 € 2008 Daiichy Sankyo C
Daxas COPD 17.500 2 200,00 € 2010 Takeda B/D
Prohance MRT Kontrastmittel 16.803 2 20,00 € 1995 Altana C
Vocado Bluthochdruck 15.000 3 50,00 € 2008 Berlin Chemie
Rasilez Bluthochdruck 15.000 2 100,00 € 2007 Novartis A/C
Procoralan Herzmittel 13.250 4 190,00 € 2006 Servier A
Azarga Grüner Star 12.800 2 30,00 € 2008 Alcon
Oralair Antiallergika 12.100 6 675,00 € 2008 Stallergenes
Galvus Diabetes 12.000 3 240,00 € 2008 Novartis C
Gilenya Multiple Sklerose 11.100 5 3.135,00 € 2011 Novartis A/D
Eklira COPD 11.000 2 200,00 € 2012 AstraZeneca C
Humira Antirheumatika 10.109 20 4.609,00 € 2003 Abbott B
Taflotan Grüner Star 10.000 1 35,00 € 2008 Santen C
Efient Blutverdünner 10.000 2 50,00 € 2009 Lilly B
Clexane Blutverdünner 10.000 2 75,00 € 1989 Sanofi
Pradaxa Blutverdünner 9.744 4 1.300,00 € 2008 Boehringer Ing. B
Epiduo Akne 9.466 2 120,00 € 2008 Galderma
Avastin Krebs 9.200 10 1.260,00 € 2005 Roche A
Grazax Antiallergika 8.794 7 380,00 € 2006 Alta Abello
Aranesp Epo-Präparat 8.217 13 1.678,00 € 2001 Amgen B
Enbrel Antirheumatika 8.000 6 2.010,00 € 2000 Wyeth A
Adenuric Gichtmittel 8.000 1 50,00 € 2010 Berlin Chemie A/C
Tysabri Multiple Sklerose 7.846 8 3.108,00 € 2006 Biogen A/D
Vesikur Urologika 7.750 5 200,00 € 2004 Yamanouchi C
Lyxumia Diabetes 7.500 1 100,00 € 2013 Sanofi C
Blopress Bluthochdruck 7.390 4 75,00 € 1997 Takeda C
Herceptin Krebs 6.700 6 1.900,00 € 2000 Roche A/D
Spasmex Urulogika 6.250 2 139,00 € 1996 Pfleger
Intratect Immuntherapeutika 6.000 5 75,00 € 2012 Biotest
Bonviva Oesteoporose 6.000 1 240,00 € 2004 Roche C
Neupro Parkinsonmittel 5.514 7 825,00 € 2006 UCB C
Pascorbin Vitamin C 5.500 2 180,00 € 2005 Pascoe
Dymista Allergische Rhinitis 5.500 1 50,00 € 2013 Meda Pharma
Roactemra Rheumatoide Arthritis 5.450 6 1.100,00 € 2009 Roche/Chungai A/C
Protelos Osteoporose 5.050 2 100,00 € 2004 Servier A
Spedra Erektile Dysfunktion 5.000 1 100,00 € 2013 Berlin Chemie C

Eine Übersicht über alle Präparate findet sich in unserer Datenbank.

Mitarbeit: Christian Baars (NDR), Christina Berndt (Süddeutsche Zeitung), Ben Bolz (NDR), Hristio Boytchev (correctiv.org), Daniel Drepper (correctiv.org), Denise Friese (WDR), Lisa McMinn (correctiv.org).
Layout: Simon Jockers.
Foto: Ivo Mayr.
Textchef: Ariel Hauptmeier.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!


© Ivo Mayr

Pflege

Schlechte Heime für teures Geld

Die offziellen Pflegenoten sind Augenwischerei. CORRECTIV-Reporter haben alle verfügbaren Daten und Prüfberichte genommen und neu analysiert. Entstanden ist die bisher umfassendste Bewertung deutscher Pflegeheime.

von Daniel Drepper , Sandhya Kambhampati , Anette Dowideit , Stefan Wehrmeyer

Diese Recherche erscheint am 3. Juni in der Tageszeitung „Welt“. Am selben Tag läuft um 21.15 Uhr eine Undercover-Dokumentation zur Pflege im NDR-Fernsehen bei „Die Reportage“. Weitere Berichte auf unserer Themenseite zur Pflege.


Jedes Jahr werden deutsche Heime vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft und erhalten eine Pflegenote. Die meisten Heime schneiden „sehr gut“ ab, der Notendurchschnitt liegt bundesweit bei 1,2. Tatsächlich sagt diese Note kaum etwas aus über die Qualität der Pflege: Ein gut lesbarer Speiseplan kann einen mangelhaften Umgang mit Medikamenten ausgleichen.

Wie kann man aus diesen Prüfberichten ein realistischeres Bild zeichnen? CORRECTIV hat aus den 77 Kriterien fünf Bereiche herausgelöst: die ausreichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit; den Umgang mit Schmerzpatienten; den Umgang mit Inkontinenz; die Versorgung von Wunden; die Gabe von Medikamenten. All das sind Fragen, die zentral sind für die Pflege alter und gebrechlicher Menschen.

Probleme bei Medikamentengabe

Das Ergebnis: Nimmt man nur diese fünf Bereiche, dann fallen 60 Prozent aller Heime negativ auf. Mehr als 50 Prozent der Heime versorgen die Alten und Kranken den Prüfungen zufolge nicht korrekt mit Medikamenten, mehr als 30 Prozent nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit.

Durch die Auswertung dieser Bereiche ist nun erstmals auch ein detaillierter Vergleich zwischen allen Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland möglich. In Rheinland-Pfalz und Bayern werden etwa 80 Prozent aller Heime auffällig, in Baden-Württemberg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nur die Hälfte, in Brandenburg gar nur 40 Prozent.

Vier von fünf Heimen fallen in Rheinland-Pfalz negativ auf – dennoch ist die Pflege in kaum einem Bundesland so teuer. 3453 Euro kostet dort im Schnitt ein Heimplatz in Pflegestufe 3 pro Monat.

Noch größer sind die Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen. In der Südwestpfalz, in Kelheim, in Zweibrücken und in Dillingen an der Donau fallen alle Heime in den Prüfungen negativ auf. Dagegen gibt es keinen einzigen Landkreis, dessen Pflegeheime ohne Probleme sind. Prignitz und Baden-Baden sind die Landkreise mit Heimen, die in den Prüfberichten vergleichsweise am seltensten auffallen. Hier werden ein Viertel der Heime auffällig.

Der MDK wird immer wieder dafür kritisiert, dass er vor allem die Dokumentation von Pflege prüft – aber nicht, wie gut es den Heimbewohnern wirklich geht. Da der MDK nach Bundesländern organisiert ist, kann ein Teil der Unterschiede dieser Auswertung auch mit unterschiedlich harten Prüfern zusammenhängen. Die grundsätzlichen Regeln für die Prüfungen sind jedoch in allen Bundesländern einheitlich.

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1000 Euro Preisunterschied

Die Daten geben Hinweise darauf, wie unterschiedlich die Qualität der Pflege ist – und dass zweitens teure Pflegeheime nicht automatisch gut sind. Im Gegenteil: Die Einrichtungen in Rheinland-Pfalz werden am häufigsten bemängelt – und gehören zu den teuersten. Nur Nordrhein-Westfalen und das Saarland sind teurer. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Niedersachsen ist die private Zuzahlung dagegen nur etwa halb so hoch, die Heime sind rund 1000 Euro günstiger – jeden Monat. Auf die Frage, warum ihr Bundesland so schlecht abschneide, sagt die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) auf Anfrage, ein Ländervergleich über die Pflegenoten sei “nicht aussagekräftig”.

Die Auswertung von CORRECTIV gibt auch Hinweise auf den baulichen Zustand der Heime. Sie sind im Schnitt knapp 20 Jahre alt. Während die Heime in den ostdeutschen Bundesländern im Schnitt vor rund 15 Jahren gebaut wurden, sind sie in Hamburg doppelt so alt. Problematisch ist die hohe Zahl von Mehrbettzimmern. Es gibt kaum Menschen, die im Alter mit Fremden in einem Zimmer zusammen leben wollen. Trotzdem stehen nach Zahlen der statistischen Landesämter noch immer 40 Prozent aller Betten in deutschen Pflegeheimen in Zimmern mit zwei oder sogar noch mehr Betten. In manchen Landkreisen stehen bis zu drei Viertel aller Betten in Mehrbettzimmern, zum Beispiel im Landkreis Südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz oder im bayerischen Aschaffenburg.

Viele Mehrbettzimmer und wenig freie Plätze

Die vielen Mehrbettzimmer könnten langfristig zum Problem werden. Zuletzt hatte Baden-Württemberg beschlossen, bis 2019 alle Zimmer in Einzelzimmer umzubauen. Würde diese Politik auf ganz Deutschland übertragen, müssten in den kommenden drei Jahren 160.000 Zimmer umgebaut werden. Dabei würden viele Betten wegfallenDabei sind die Pflegeheime in einigen Bundesländern schon jetzt stark ausgelastet. In Baden-Württemberg waren bei der letzten Zählung nur ein Prozent der Betten für vollstationäre Pflege im Heim frei. Vor allem in ländlichen Gebieten kann dies zu langen Wartezeiten führen. Oder dazu, dass Pflegebedürftige Heime fern der Heimat wählen müssen.

Im Enzkreis und in Reutlingen haben die Statistiker zuletzt sogar gut zehn Prozent mehr Pflegebedürftige als Pflegeplätze gezählt. Einige Pflegebedürftigen müssen hier also sogar auf Nachbarkreise ausweichen. In Nordrhein-Westfalen waren zuletzt nur drei Prozent der Plätze nicht belegt. In anderen Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Bayern standen dagegen deutlich mehr freie Betten zur Verfügung, hier war jeder siebte Platz nicht belegt.

Viel Teilzeit, kaum Azubis

Auch ein Blick auf das Personal in Pflegeheimen zeigt: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind zum Teil riesig. Ein Beispiel sind in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte. Ein hoher Anteil an Teilzeitkräften kann gute Pflege schwierig machen. Bewohner haben mehrere Bezugspersonen, es bedarf mehr Zeit für Abstimmung und Übergaben. Häufig werden Pflegekräfte von den Heimbetreibern aber trotzdem nur in Teilzeit beschäftigt, damit sie für eventuelle Überstunden und spontanes Einspringen flexibel bleiben.

Deutschlandweit arbeiten 60 Prozent aller Pflegekräfte in Teilzeit, doch die Spannbreite ist groß. In Bremen arbeiten fast vier von fünf Pflegekräften nicht in Vollzeit, im Saarland sind es dagegen weniger als halb so viele. In manchen Landkreisen, wie dem Saale-Orla-Kreis in Thüringen, arbeiten nach Daten der statistischen Landesämter sogar 90 Prozent der Pflegekräfte in Teilzeit.

Deutschland benötigt mehr Pfleger, keine Berufsgruppe wird nach Statistiken des Arbeitsamtes im Frühjahr 2016 so händeringend gesucht. Doch die Zahl der Auszubildenden in den Bundesländern schwankt extrem. Den Statistiken zufolge kommen auf jede fünfte Arbeitskraft im Saarland, in Bayern und in NRW ein Auszubildender, in anderen Ländern kommt nur auf jede 20. Arbeitskraft ein Azubi. Interessant dabei: In den Ländern, in Pflegeschüler für ihre Ausbildung zahlen müssen, gibt es die wenigsten Azubis.


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.