Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

gestern hat das Bundesamt für Migration (BAMF) auch offiziell  bestätigt, was wir von CORRECTIV am Freitag berichtet hatten: Die Bundesregierung streicht die Integrationskurse für Ukrainer. Mehr dazu im Thema des Tages. Außerdem geht es heute mit der Cartoon-Arena weiter!

Und jetzt ein Aufruf: Unsere Sparte CORRECTIV.Exile ist ein Ort für Exiljournalisten aus verschiedenen Ländern, die in ihrer Heimat nicht mehr arbeiten können, weil sie kritisch über die Regierung recherchieren und schreiben – und dafür verfolgt werden. Journalistinnen und Journalisten aus der Türkei, Russland, Aserbaidschan und anderen Ländern haben in unserem Berliner Büro einen Ort gefunden, von dem aus arbeiten können.

Nun haben wir eine sogenannte Residency im Büro ausgeschrieben – also eine Einladung für weitere Exiljournalisten, für ein paar Monate in dem Büro zu arbeiten. Wenn Sie jemanden wissen, der sich bewerben möchte, hier entlang.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, und schreiben Sie mir gern, wenn Sie Recherche-Hinweise haben: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Dobrindt macht Ernst

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Cartoon-Arena: Sind die Deutschen zu faul?

CORRECTIV.Faktenforum: Angeblich 900 Nato-Milliarden beschlagnahmt: Youtube-Videos erfinden russisches Dekret

Gute Sache(n): Umgang mit Cybermobbing • EU stoppt Vernichtung zurückgesendeter Kleidung • Heute ist „Safer Internet Day“

CORRECTIV ganz persönlich: Journalismus unter der Zirkuskuppel

Grafik des Tages: Corona-Impfungen – wie wirksam waren sie wirklich?

Nun aber habe die zuständige Behörde, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), schon seit Dezember keine Zulassungen mehr an Geflüchtete verteilt. Deshalb könnten keine Kurse mehr stattfinden – Deutschlands Integration liege gewissermaßen auf Eis. Wir berichteten darüber in diesem Text.

Integrationskurs für Geflüchtete – hier in Nürnberg: Derzeit bleiben viele Klassenräume leer. Quelle: picture alliance / dpa | Daniel Karmann

Warum das BAMF keine Kurse mehr genehmigte:
Das wollten wir natürlich herausfinden. Mittlerweile waren auch andere Medien auf das Thema aufmerksam geworden, es drehte also zurecht weite Kreise.

Wir sprachen mit Leuten aus der Bundesregierung, aus Behörden und von der Opposition – und fanden heraus: Der Genehmigungsstopp für die Integrationskurse ist offenbar Teil eines neuen politischen Kurses, den vor allem Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) fährt: weniger Willkommenskultur für Geflüchtete aus der Ukraine. 

Denn der Stopp der Integrationskurse, so erfuhren wir, betrifft besonders die Schutzsuchenden aus dem europäischen Land. Mit anderen Worten: Sehr viele von ihnen sollen nach dem Willen der Bundesregierung nicht mehr in Deutschland integriert werden.

Auch das veröffentlichten wir – am vergangenen Freitag.

Integrationskurse bald für deutlich weniger Migranten? Quelle: picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer

Wie sich das Innenministerium herauswand:
Wir hatten Dobrindts Ministerium am Donnerstag Fragen geschickt und um Antwort bis Freitagmittag gebeten. Die kam aber nicht. Als wir telefonisch nachfragten, hieß es, die Antwort brauche noch ein paar Stunden. 

Da dachten wir uns schon: Das Ministerium schindet Zeit, damit wir unseren Text erst spät am Freitagnachmittag veröffentlichen können – und so nur noch wenige andere Medien das Thema aufgreifen. So machen es Ministerien nämlich häufig, wenn sie ein unangenehmes Thema vor der Öffentlichkeit verstecken wollen.

Dann, am späten Freitagnachmittag:
Anstatt einer echten Antwort auf unsere Fragen ein dürrer Satz vom Innenministerium: Man verweise auf die Aussage, die eine Sprecherin des Ministeriums früher am Tag bei der „Regierungspressekonferenz“ gegeben habe. 

Die Regierungspressekonferenz ist ein regelmäßiger Termin von Journalistinnen und Journalisten mit Sprechern von Ministerien. Sie kennen das sicher aus dem Fernsehen: Die sitzen da immer vor einer blauen Wand und beantworten Fragen. Das Problem: Veranstaltet werden diese Pressekonferenzen nicht von der Regierung selbst – und entsprechend kann sich auch nicht jeder Journalist dort anmelden – sondern Veranstalter ist ein Verein namens Bundespressekonferenz.

Um diesem Verein beizutreten und regelmäßig die Termine mit unserer Bundesregierung wahrnehmen zu können, muss man Geld zahlen. Das Geld (und vor allem die Zeit, jedesmal jemanden hinzuschicken) haben kleinere Medien nicht – auch wir von CORRECTIV nicht. 

Der Bundespressekonferenz-Verein ist übrigens auch der, der jedes Jahr den „Bundespresseball“ veranstaltet – ein Riesenevent mit Schampus, bei dem Journalisten mit Politikern trinken und tanzen. Ich war einmal da und nie wieder.

Jedenfalls …
… erfuhren wir aus einem Mitschnitt des Journalisten Tilo Jung (von Jung & Naiv), dass das BMI unsere Recherche auf dieser Regierungs-PK bestätigt hatte. Aber sehr verklausuliert. Die Sprecherin sagte dort: 

Für Menschen mit sicherer Bleibeperspektive werde es auch weiterhin Integrationskurse geben. Sie bestätigte also unsere Recherche – aber nicht uns gegenüber. Sondern vor Journalisten, die gerade gar nicht wussten, worum es ging, und die entsprechend auch nicht nachfragen konnten. Also versteckten sie die Botschaft erstmal geschickt.

Das empfinden wir als ziemlich unehrlich, denn:
Gestern nun, am Montag, hat das BAMF (das dem Innenministerium untersteht und dessen Entscheidungen umsetzen muss) dann bestätigt, was wir geschrieben hatten – und zwar in einem Rundschreiben an die Anbieter solcher Integrationskurse.

Hier ein Ausriss aus dem Schreiben, das uns vorliegt:

Rundschreiben des BAMF, Screenshot, Markierung von CORRECTIV

Die Kernbotschaft darin: An Integrationskursen wird jetzt gespart – auch für unsere europäischen Nachbarn aus der Ukraine. Denn die haben offenbar bei uns in Deutschland keine „Bleibesperspektive“ mehr.

Unsere Lokalredaktion Gelsenkirchen berichtet heute aktuell darüber, welche Auswirkungen der Sparkurs für Anbieter haben – zum Beispiel für die Volkshochschulen.

Neue Dunkelfeldstudie: Großteil der Fälle häuslicher Gewalt wird nicht gemeldet  
Die Bundesregierung hat erstmals eine umfassende Dunkelfeldstudie zu Gewalt in Familien, Partnerschaft und im öffentlichen Raum vorgestellt. Sie umfasst auch Fälle, die nicht bei der Polizei angezeigt werden. Laut der Studie erleben fast 45 Prozent der Männer und Frauen im Laufe ihres Lebens psychische Gewalt in einer Partnerschaft. Frauen sind besonders schwer und häufig betroffen. Weniger als zehn Prozent der  Gewalterfahrungen werden der Polizei gemeldet. In Partnerschaften liegt die Quote unter fünf Prozent. 
deutschlandfunk.de

Unruhe in der AfD Sachsen-Anhalt nach Vetternwirtschafts-Vorwürfen
Nach Enthüllungen von CORRECTIV, t-online und dem ZDF über Vetternwirtschaft in der AfD Sachsen-Anhalt gibt es Unmut in der Landespartei. Einige Mitglieder fordern in einem Brief Aufklärung von der Bundesparteispitze, die jedoch an die Landesspitze verweist. Mit Blick auf die Landtagswahl in sieben Monaten wiegen die Vorwürfe besonders schwer. Zwar liegt die AfD bei Umfragen vor der CDU, dennoch wachsen offenbar die Sorgen innerhalb der rechtsextremen Partei. 
tagesschau.de / correctiv.org

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Wladimir-Putin-Dekret-Symbolbild-Kreml
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen im Kreml (Pavel Byrik / Zumapress / Picture Alliance)

So geht’s auch
Im deutschen Onlinehandel werden jedes Jahr fast 20 Millionen zurückgeschickte Artikel entsorgt. Damit soll nun Schluss sein: Große Modeunternehmen in der EU dürfen ab dem 19. Juli zurückgesandte Kleidung und Schuhe nur noch unter bestimmten Bedingungen vernichten. Ziel ist es, Abfälle zu reduzieren, Klimaschäden zu mindern und den Umgang mit Rücksendungen sowie Lagerbeständen zu verbessern. 
stern.de

Fundstück
„KI and me – in künstlicher Beziehung“: Unter diesem Motto findet heute der „Safer Internet Day“ statt. Der jährliche Aktionstag macht auf mehr Sicherheit im Netz aufmerksam. Auf der Webseite „klicksafe.de“ gibt es Lehrmaterial, Ratgeber für Eltern und die Möglichkeit zur kostenlosen Anmeldung zu Webseminaren. Das Faktencheck-Team gibt in diesem Post außerdem Tipps, wie Sie KI-Fakes erkennen. 
klicksafe.de / Faktencheck-Post auf Instagram


Im Publikum trafen Neugierige auf Menschen, die seit Jahren tief im Thema stecken: Fachleute aus dem Landesumweltamt NRW und Engagierte aus dem Wasserbündnis Rheinisches Revier. Der Austausch war entsprechend intensiv – und führte unter anderem schnell zur Frage, ob das belastete Rheinwasser geeignet ist, um die riesigen Kohlegruben im Rheinland zu fluten. 

Dann gab es ein weiteres erstes Mal: Ein Kölner Künstlerduo übersetzte unsere Recherche in Snacks. „Rheingold“ aus schimmernder Schokolade, schwarzer „Flussschlamm“ auf Brot, dazu Eiswürfel aus geliertem Kölsch. Spätestens als Karnevalssänger Tino Selbach Rheinlieder anstimmte, war klar: So vergnügt habe ich ein CORRECTIV-Publikum – trotz schwerem Thema – noch nie verabschiedet.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Dilara Schwidder.