Eine Kartoffel: 2,50 Euro?

Der Bauernverband hat seine Erntebilanz vorgestellt. Ergebnis: Wegen Hitze und Dürre werden Lebensmittel rarer. Werden sie auch teurer?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

kostet eine Kartoffel demnächst 2,50 Euro – und muss man Möhren bald mit Gold aufwiegen? So klingt es, wenn man die Erntebilanz des Deutschen Bauernverbandes liest. Grund seien Hitze und Dürre, sagt der Verband. Ob der Alarmismus berechtigt ist, steht im Thema des Tages.

Ich habe eine dringende Video-Empfehlung für Sie: Vielleicht haben Sie schon bei uns gelesen, dass Fun Facts auf Sommertournee durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist. Dort konnten die Bewohnerinnen und Bewohner der besuchten Orte sagen, wo in ihrer Stadt der Schuh drückt – und diese Infos flossen dann in die Fun-Facts-Folgen ein. Heute ist die erste Folge erschienen: mit Sebastian Krumbiegel, dem Sänger der Band Die Prinzen. Ja, genau, die Sie noch aus Ihrer Jugend kennen.

Jetzt noch etwas anderes Schönes: Gestern Nachmittag war ich in Kassel. Denn dort findet gerade die Sommerakademie der Caricatura statt – das ist die dortige, bundesweit bekannte Galerie für Komische Kunst. Die Sommerakademie gilt als DIE Talentschmiede in der Branche. 

Also sind wir, das heißt unser Cartoon-Arena-Cartoonist Stephan Rürup und ich, hingefahren und haben einen Wettbewerb ausgeschrieben: Aus den 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmerin küren wir Ende dieser Woche ein neues Mitglied für die SPOTLIGHT-Cartoon-Arena-Runde! Wir haben ihnen eine Testaufgabe gegeben: Zeichnet uns den besten Cartoon zum Thema „Hurra, bald erledigt KI unsere Arbeit!“ Derzeit sitzen die Nachwuchskünstler über den Entwürfen, Ende der Woche küren wir die Gewinnerin (oder den Gewinner) – und nächste Woche präsentieren wir Ihnen den Gewinner-Cartoon. Dann geht auch die Arena in die nächste Runde.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Schreiben Sie mir gern, wenn Sie jetzt schon Vorschläge haben: Zu welchem Thema wünschen Sie sich die nächsten politischen Bilderwitze? anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Eine Kartoffel: 2,50 Euro?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Merz, Halle und der Antisemitismus-Mythos, den keiner hinterfragt – mit Sebastian Krumbiegel

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Grafik des Tages: Gasspeicher kaum gefüllt

In diesem Jahr ist das anders. 2026 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem die Klimakatastrophe an allen Ecken und Enden endgültig sichtbar wurde – in dem gleichzeitig Wälder brennen, Schiffe nur noch schwer Waren über den wasserarmen Rhein transportieren können, und man in der Schweiz dabei zusehen kann, wie in den Alpen die Gletscher abschmelzen.

Was die Bauern sagen:
Sie teilten heute mit (hier nachzulesen), dass auch die Ernte in diesem Jahr stark betroffen ist:

  • Die Landwirte konnten sieben Prozent weniger Getreide ernten als im Jahr zuvor. Pro Hektar holten sie deutlich weniger Ertrag aus den Feldern heraus.
  • Einen besonders starken Ernteeinbruch gab es auch beim Raps (den man für Tiernahrung, Speiseöl und Biodiesel braucht): Ertragseinbruch von 20 Prozent.
  • Auch bei Kartoffeln und Zuckerrüben ist die Erntebilanz trübe.

Woran es liegt:
Laut Bauernverband liegt es vor allem an Hitze und Dürre. Damit zeigt sich auch in der Landwirtschaft, dass die Klimakatastrophe handfeste wirtschaftliche Auswirkungen hat – und für uns die Lebensmittel tendenziell teurer werden. 

Der Bauernverband ist allerdings auch ein starker Lobbyverband, mit diesem Wissen im Hinterkopf muss man dessen Berichte immer lesen. Er verbindet seinen aktuellen Erntebericht nämlich gleich mit einer politischen Forderung: Er will Subventionen für Düngemittel und Entlastungen von der Dieselsteuer. 

Also erstmal ein Blick auf die Statistik:

Wird wirklich alles teurer?
Das ist je nach Produkt sehr unterschiedlich. Schließlich liegen in unseren Supermarktregalen längst nicht nur Produkte aus deutschem Anbau. 

Bei Kartoffeln zum Beispiel sieht es so aus: Laut der offiziellen Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums produzieren die deutschen Landwirte deutlich mehr Kartoffeln, als wir in Deutschland essen können. Sie exportieren einen großen Teil der Ernte (nämlich 6,2 Millionen Tonnen Kartoffeln und Kartoffelprodukte). Gleichzeitig importieren wir aber auch im großen Stil Kartoffeln aus anderen Ländern, und zwar 2,7 Millionen Tonnen – vor allem aus Frankreich und den Niederlanden. Weil das so offenbar billiger ist, werden also viele, viele Tonnen Kartoffeln von A nach B gefahren, was für die Umwelt nicht gerade zuträglich ist.

Das Beispiel zeigt auch: Für uns Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland ist es nicht existenziell relevant, wie sich die Ernteerträge in Deutschland verändern. Wichtiger ist, wie es in ganz Europa aussieht. 

Und hier wird es jetzt spannend:
Laut internationaler Auswertungen (hier nachzulesen) wird Europas Kartoffelernte in diesem Jahr kleiner ausfallen als im letzten Jahr. Das liegt aber nicht nur an schlechteren Erträgen (also weniger Kartoffel pro Hektar Kartoffelacker). Sondern auch daran, dass viele Landwirte sich entschieden haben, ihre Ackerflächen für etwas anderes zu nutzen. 

Das machten sie deshalb, weil sie in den vergangenen Jahren ihre Kartoffeln zu billig verkaufen mussten, als dass sich der Anbau noch lohnen würde. Und das wiederum liegt daran, dass es sehr viele Kartoffeln am Markt gab. Mit anderen Worten: Das Angebot wird jetzt, wie man unter Betriebswirten so schön sagt, nach unten korrigiert. 

Und das könnte zu zwei Dingen führen: Kartoffeln werden im Supermarkt etwas teurer, dafür werden sie aber nicht mehr so viel von einem Land ins andere gefahren, was gut fürs Klima wäre.

Unter dem Strich:
So oder so stimmt es natürlich, dass Wassermangel herrscht. Bloß werden die Preise für uns als Verbraucher deshalb wohl nicht ganz so stark steigen, wie es sich derzeit in den Verlautbarungen des Bauernverbandes liest. 

Wenn Sie tiefer in das Thema eintauchen möchten, empfehle ich Ihnen die Lektüre des Berichts der Landwirtschaftsbehörde, die „Markt- und Versorgungslage Kartoffeln“.

Wie ernst meinen es die Landwirte mit dem Klimaschutz?
Wir haben uns in unserer Morgenkonferenz heute gefragt: Wenn doch die Bauern so besorgt sind wegen der Klimakatastrophe, weshalb fordern sie dann keine Klimaschutzmaßnahmen von der Regierung (sondern wollen im Gegenteil günstiger Dieselfahrzeuge fahren)? Diese Frage haben wir heute an drei Bauernverbände gestellt. 

Der Pressesprecher des Deutschen Bauernverbands (DBV) antwortete nicht direkt auf unsere Frage, sondern verwies auf die heutige Konferenz zur Erntebilanz. 

Dafür antwortete der Sprecher des Bayerischen Bauernverbands:

„Die Landwirtschaft bekommt die Folgen des Klimawandels unmittelbar zu spüren.“
Markus Drexler,
Pressesprecher Bayerischer Bauernverband

Zugleich setze der Bayerische Bauernverband auf Klimaschutz – etwa durch Humusaufbau, emissionsarme Düngung, nachhaltige Wald- und Forstwirtschaft und erneuerbare Energien.

Der Sprecher des Deutschen Raiffeisenverbands, der die Interessen von Genossenschaften in der Agrar- und Ernährungswirtschaft vertritt, schrieb uns:

„Durch die Hitzewelle seit Mitte Juni sehen wir Ernteeinbußen von rund drei Millionen Tonnen Getreide.“
Marcus Gernsbeck
Pressesprecher, Deutscher Raiffeisenverband e.V.

Das entspreche rund 600 Millionen Euro Ertragseinbußen. Der DRV betont, dass sich die Landwirtschaft etwa durch boden- und wasserschonende Bewirtschaftung sowie angepasste Saatgutsorten bereits auf den Klimawandel einstelle.

Zugleich brauche es einen Ausbau erneuerbarer Energien – allerdings ohne dafür wertvolle Ackerflächen zu verlieren.

Gelockertes Lkw-Fahrverbot zeigt kaum Folgen
Wegen des Niedrigwassers haben die Bundesländer ihre Sonntagsfahrverbote für Lkw gelockert. Laut Branchenverband BGL sind bislang nicht deutlich mehr Lastwagen auf den Straßen unterwegs. BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt zufolge sind viele Unternehmen und Fahrer bei Sonntagsfahrten skeptisch. Denn es gebe weder zusätzliche Fahrer noch mehr gesetzlich erlaubte Fahrzeit.
zdfheute.de

Foto: Photopqr / Le Telegramme / MAXPPP / Nicolas Creach / Picture Alliance

Endlich verständlich
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer sorgte Anfang des Jahres für vehemente Diskussionen, als er die von einer unabhängigen Jury für den Deutschen Buchpreis ausgewählten Buchhandlungen vom Verfassungsschutz überprüfen ließ. Und sie vom Preis ausschloss, ohne eine tiefergehende Begründung zu liefern. Später kam heraus: Mehr als 1.200 Organisationen und Projekte hatte die Bundesregierung in den vergangenen Jahren heimlich vom Verfassungsschutz durchleuchten lassen – auf Basis des sogenannten „Haber-Verfahrens“. Ein Gutachten des Bundestages kommt nun zu dem Schluss: Das Vorgehen ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Warum, erklärt Netzpolitik.org.
netzpolitik.org

Fundstück
Im Spätsommer werden Wespen besonders aufdringlich. Sie haben keine Brut mehr zu versorgen und stellen ihre Ernährung von eiweiß- auf zuckerhaltige Speisen um. Tipps, wie man sie fernhalten kann, gibt es hier:
zdfheute.de / br.de


Ich beschäftige mich bei CORRECTIV unter anderem mit Bundeswehr-Themen und beobachte die Aufwuchspläne genau. Immerhin steht weiterhin im Raum, dass die Wehrpflicht reaktiviert wird, wenn das Personal nicht schnell genug kommt. Zur Erinnerung: mindestens 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten soll die Bundeswehr im Jahr 2035 haben. Wir stehen jetzt bei rund 186.000. 

Vermeldet wurden seit Mitte 2025 gerade mal 3.000 neue Soldatinnen und Soldaten. Um das gesteckte Ziel zu erreichen, müsste die Armee jährlich um rund 8.000 Soldatinnen und Soldaten wachsen. Wie das zu schaffen sein soll, ist mir ein Rätsel, wenn ich mir den Rücklauf zum freiwilligen Wehrdienstmodell anschaue. 

Das Verteidigungsministerium verschickte dafür Anfang des Jahres ja rund 380.000 Fragebögen an junge Männer und Frauen. Daraus entstanden – Achtung – 2.630 Musterungen und gerade einmal 865 Verpflichtungen für das Jahr 2026 und 2027.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.