Ende der Großmacht USA?

Die jüngste Entwicklung im Iran zeigt: Trump hat sich mit überzogenen Drohungen verkalkuliert – und letztlich der Handlungsfähigkeit des Westens geschadet.

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Autor Bild Anette Dowideit

gestern Abend hielt die Welt den Atem an: Könnte es sein, dass US-Präsident Trump seine unfassbare Drohung wahr macht, den Iran dem Erdboden gleichzumachen? Mitten in der Nacht dann die Entwarnung, dass es eine vorläufige Einigung gibt – und eine zweiwöchige Waffenruhe. 

Was hinter all dem steht und was man aktuell zum Krieg im Iran wissen sollte, steht im Thema des Tages.

Außerdem heute wichtig: Wir berichteten gestern über die höchst umstrittene neue Gesetzesregelung, laut der sich Männer bis 45 Jahre jetzt abmelden müssen, wenn sie das Land länger verlassen wollen – ein heftiger Eingriff in die Grundrechte (auch, wenn das Verteidigungsministerium jetzt zurückrudert und versichert, rein praktisch werde man keine Ausreisegenehmigung brauchen). 

Thema des Tages: Ende der Großmacht USA?

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„Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht untergehen, um nie wieder zurückzukehren.“

Sollte sich der Iran weiter weigern, die für den Öltransport extrem wichtige Wasserstraße von Hormus wieder zu öffnen, so Trump weiter, dann drohe dem Land die „völlige Zerstörung“ – und sein Vizepräsident JD Vance brachte mehr oder weniger verklausuliert ins Spiel, vielleicht könne sogar eine Atombombe auf das Land fallen.

Der aktuelle Stand:
Kurz bevor um zwei Uhr nachts unserer Zeit Trumps Ultimatum ablief, einigten sich die USA und der Iran auf eine zweiwöchige Waffenruhe. 

In dieser Zeit sollen außerdem Schiffe die Straße von Hormus passieren dürfen. Hier kann man das offizielle Statement des Iran nachlesen (gepostet vom Weißen Haus auf dem Nachrichtendienst X).

Wie es weitergeht:
Der Iran legte zudem einen Zehn-Punkte-Plan vor – mit dem Ziel, für ein dauerhaftes Ende des Krieges zu sorgen. 

Was genau drin steht, machte der Iran zunächst nicht öffentlich – laut iranischen Nachrichtenagenturen, die den herrschenden Revolutionsgarden nahestehen, stellten diese vor allem eine Reihe von Forderungen auf. Etwa, dass der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus behalten soll, dass das Land Uran anreichern darf und dass es Entschädigungen für Kriegszerstörungen haben will.

Es müssen aber wohl auch Zugeständnisse in dem Plan enthalten sein, denn Trump schrieb auf seiner eigenen Social-Media-Plattform „Truth Social“, dass der Zehn-Punkte-Plan eine „praktikable Grundlage für Verhandlungen“ biete.

Was hinter den aktuellen Entwicklungen steht:
Trump hat sich durch seine völlig überzogenen Drohungen und seine grenzüberschreitende Rhetorik selbst in eine Lage hinein manövriert, die nun der gesamten westlichen Welt schadet.

Trump selbst und den ihm nahestehenden Beratern muss klar gewesen sein, dass es keine wirklich realistische, machbare oder irgendwie wünschenswerte Option gewesen wäre, ein ganzes Land dem Erdboden gleichzumachen. Denn Trump selbst sieht sich ja als Friedensbringer, dem man eigentlich den Friedensnobelpreis verleihen müsste. 

Er muss gewusst haben, dass er mit einem solchen Angriff als jener US-Präsident in die Geschichte eingehen würde, der ohne Not ein ganzes Land zerstört und den Tod unfassbar vieler Menschen verursacht hätte. Also blieb ihm nur noch übrig, sich von der überzogenen Drohkulisse zurückzuziehen und sich nun wieder als Friedensbringer zu inszenieren. Denn Trump geht es ja am Ende vor allem: um Trump.

Weshalb das den Westen schwächt:
Ein Anführer des stärksten Landes der Welt, der so unentschieden ist, der also erst riesige Drohkulissen aufbaut und dann so sehr zurückrudert, schadet der Glaubwürdigkeit der gesamten westlichen Welt. 

Der selbstbewusste Zehn-Punkte-Plan des Iran zeigt, dass man sich dort – zumindest Stand jetzt – auf der Gewinnerseite wähnt. Trumps völlig erratisches Vorgehen in Sachen Iran ist somit viel mehr als nur eine kleinkindhafte Trampelei auf der großen weltpolitischen Bühne – es könnte das Ende der USA als Großmacht eingeläutet haben. Bisher konnte sich das Land in seiner Geschichte noch immer mit harten, aber realistischen Drohungen Respekt verschaffen. 

Klingbeil lädt ein 
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) lädt Wirtschaftsvertreter und Gewerkschaften zu einem Krisengipfel in sein Ministerium ein. Dort soll besprochen werden, wie Wirtschaft und Bürger von den hohen Spritpreisen entlastet werden können. Auch das Reformpaket der Koalition steht auf der Agenda.
welt.de

USA will Orbán zum Sieg verhelfen 
US-Vizepräsident JD Vance besucht den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, um ihn kurz vor der Wahl zu unterstützen. Orbán liegt 10 bis 20 Prozent hinter seinem Rivalen Péter Magyar. Ein offengelegtes Telefonat enthüllte die Nähe von Orbán zum Kreml. Vance lobte während des Besuchs Orbán als treibende Kraft für den Frieden in der Ukraine.
fr.de

Die Collage zeigt ein Handy, das von einer Hand gehalten wird. Auf dem Handybildschirm posiert der AfD-Influencer Noah Krieger mit einer Waffe.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Ahmed al-Scharaa
Ahmed al-Scharaa und Friedrich Merz: Online kursiert wegen des Besuchs ein Video im falschen Kontext. (Foto: DTS-Agentur / Picture Alliance)

So geht’s auch
Ein niederländisches Gericht verbietet Plattform X und ihrem KI-Chatbot, sexualisierte Bilder zu erstellen oder zu verbreiten. Bei Verstößen drohen täglich 100.000 Euro Strafe. In den USA laufen weitere Verfahren gegen den Chatbot – unter anderem wegen Deepfakes und sexualisierter Bilder einer Minderjährigen.
spiegel.de

Fundstück
In Brandenburg errichtet eine Dresdner Firma das größte Windrad der Welt. Es liefert mehr als doppelt so viel Energie wie ein herkömmliches Modell mit gleichem Rotordurchmesser. Die Bauweise ist einzigartig und bietet zahlreiche Vorteile – mehr dazu im Video.
ardmediathek.de


Pellmann ist aber nur eins von sehr vielen Aufkleber-Beispielen: Bei den Bundestagsabgeordneten wird verteilt, geklebt und gestickert, sodass manche wohl ganze Alben füllen könnten. Als Reporter gucke ich mir die Sticker gerne an – sie geben Einblick, wie die Abgeordneten ticken.

So wirbt etwa der Grüne Leon Eckert für Tempo 120 auf Autobahnen – den Sticker klebt er aber auf sein Rad. Beim Aufkleber von Linken-Politikerin Caren Lay wird ein Topf, in dem ein Miethai kocht, der Mietendeckel aufgesetzt.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums steht das Sticker-Game der AfD-Bundestagsabgeordneten: Steffen Janich verteilt „FCK 161“-Aufkleber – „Fuck Antifa“ heißt der Code. Carolin Bachmachs Sticker zeigt sie selbst im Comic-Look, dazu schreibt sie den rechtsextremen Kampfbegriff „Remigration!“. Und der Dortmunder AfD-Rechtsextremist Matthias Helferich wurde von Borussia Dortmund wegen seines Stickers sogar abgemahnt, weil er den Slogan nutzte: „Beim Fussball schwarz-gelb – am Sonntag blau wählen.“

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Pamela Kaethner, Till Eckert und Samira Joy Frauwallner.