Jetzt wird entlastet

Die Bundesregierung will per Sofortprogramm Energiepreise senken – und erklärt, das sei erst der Anfang, um den Staat „moderner und gerechter“ zu machen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Woche hat mit mehreren Zeichen der Hoffnung gestartet: In Ungarn wird der Autokrat Viktor Orbán abgelöst (mehr dazu heute in „Ganz Persönlich“ und der „Grafik des Tages“) – und bei uns in Deutschland verspricht die Regierungskoalition, die Wende hin zu mehr Gerechtigkeit im Land einzuläuten. Wie das zusammenhängt, was genau bei uns geplant ist und was das alles mit dem AfD-Parteitag in Sachsen-Anhalt zu tun hat, ist heute Thema des Tages.

Außerdem wichtig: Am Freitag hatten wir ja ausführlich darüber berichtet, wie es zur Panne im Wehrdienstgesetz kam. Am Wochenende habe ich in einem Kommentar im Deutschlandfunk noch einmal breiter eingeordnet: Weshalb müssen Regierung und Bundestag gerade jetzt viel genauer bei Gesetzen rund um die Aufrüstung sein?

Heute startet die neue Cartoon-Arena! Wir sind gespannt auf Ihr Feedback. Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Jetzt wird entlastet

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Was die AfD in Sachsen-Anhalt plant

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Die Mieten sind zu hoch

Cartoon-Arena: Digitale sexuelle Gewalt gegen Frauen – der kritische Blick auf die Debatte

CORRECTIV.Faktenforum: Kein Zulassungsstopp: Video zu mRNA-Impfung in der Schweiz ist irreführend

Gute Sache(n): Ein langes gesundes Leben • Bedingungsloses Kapital als Weg aus der Obdachlosigkeit • Glühwürmchen-Spektakel

CORRECTIV ganz persönlich: Das autoritäre Orbán-Korsett ist nur schwer wieder aufzuschnüren

Grafik des Tages: 16 Jahre Orbán – so hat sich Ungarn entwickelt

Sie hatten übers Wochenende viel zu besprechen. Denn die Stimmung unter vielen Bürgerinnen und Bürgern im Land ist gereizt – weil die Energiepreise durch den Iran-Krieg hoch sind und bisherige Maßnahmen wie die 12-Uhr-Regel für Tankstellen noch nicht viel gebracht haben.

Nach dem langen Koalitionsausschuss-Wochenende: Friedrich Merz und andere Spitzenpolitikschaffende heute Morgen in Berlin. Quelle: Picture Alliance/dpa | Michael Kappeler.

Heute Morgen dann präsentierten sie ihre wichtigsten Ergebnisse:
Es solle nun ein „Energiesofortprogramm“ starten. Das heißt konkret, dass die Energiesteuer auf Diesel und Benzin zwei Monate lang um je circa 17 Cent pro Liter gesenkt werden soll. Außerdem will die Bundesregierung noch mal ans Kartellrecht ran, um das Problem der Preis-Macht der Ölkonzerne anzugehen.

Zusätzlich wolle die Regierung Arbeitgebern ermöglichen, ihren Beschäftigten eine steuerfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro zahlen zu können. Das sei nur der Auftakt zu noch mehr Entlastungen, kündigte Merz an, denn:

„Am Ende muss stehen, dass auch der Glaube, die Zuversicht der Menschen in die Funktionsfähigkeit unseres Landes gestärkt wird und dort, wo sie verloren gegangen ist, wiederhergestellt wird.“

Es geht also darum:
Die Regierung will die Wirtschaft und die Privatleute im Land entlasten, damit die Wirtschaft wieder angekurbelt wird und die Stimmung steigt – auch, damit populistische Parteien mit ihren vermeintlich einfachen Lösungen für politische Probleme weniger Zulauf haben.

Was das mit dem Landesparteitag der AfD in Sachsen-Anhalt zu tun hat:
Die Landespartei hat am Wochenende ihr Wahlprogramm für die Landtagswahlen im Herbst beschlossen – und darin steht eine Vielzahl genau solcher vermeintlich einfacher Lösungen. Zum Beispiel: Eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland und die Inbetriebnahme der Nord-Stream-Pipeline. 

Die AfD in Sachsen-Anhalt verspricht also (unter anderem), sie könne unsere hohen Energiepreise ausbremsen, indem wir uns wieder mit Wladimir Putins Regime in Russland besser stellen. Ein gefährlicher Irrweg. Mehr zum Parteitag steht in unserer heutigen Veröffentlichung, siehe weiter unten.

Was das mit der Ungarn-Wahl zu tun hat:
Das, was die AfD derzeit in Deutschland als Schein-Lösung für unsere Probleme verspricht, ist im Grunde genau dasselbe, was Viktor Orbán den Menschen in Ungarn schon seit 16 Jahren verspricht – Putin-Nähe als Wohlstandsbringer.

USA blockieren Straße von Hormus
Nach dem Scheitern der Friedensgespräche mit dem Iran hat US-Präsident Trump angekündigt, die Straße von Hormus zu blockieren. Damit will er die strategische Kontrolle zurückgewinnen. Die Demokraten kritisieren die riskante Politik von Trump. 
tagesschau.de

Einigung beim Verbrenner-Aus
Die Bundesregierung hat sich auf eine Position für die EU-Verhandlungen zum Verbrenner-Aus verständigt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) will mit „vollständiger Technologieoffenheit“ in die Gespräche gehen. Im Juni entscheidet der EU-Rat, zuvor berät das Parlament erneut über das Thema.
welt.de

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Ein Arzt hält ein Fläschchen mit Impfstoff in der Hand (Foto: Waldemar Thaut / Zoonar / Picture Alliance)
Foto: Waldemar Thaut / Zoonar / Picture Alliance

So geht’s auch
Ein Forschungsprojekt in Prag zeigt, dass einmalige Geldzahlungen obdachlosen Menschen nachhaltig helfen können. 40 Menschen ohne festen Wohnsitz bekamen einmalig 4.000 Euro ausgezahlt. Viele nutzten das Geld für grundlegende Bedürfnisse, einige konnten ihre Wohnsituation stabilisieren und Schritte in ein geregeltes Leben unternehmen.
deutschlandfunknova.de

Autor Bild Justus von Daniels

Als Viktor Orbán ab 2010 zum zweiten Mal Ministerpräsident in Ungarn war, berichtete ich von Budapest aus für verschiedene Medien über die erste Welle von Einschränkungen. Damals ging es zum Beispiel darum, die Minderheit der Roma stärker zu isolieren, indem es eigene Schulen nur für sie geben sollte. Es würde ihnen helfen, sagte mir der zuständige Minister in einem Interview. Andere hielten das für Segregation. Ebenfalls in der Zeit kauften Orbán-Freunde Zeitungen und Medien auf, um sie auf Linie zu bringen oder verschwinden zu lassen. Orbán änderte die Verfassung zudem derartig, dass einfache politische Maßnahmen nur noch mit Zwei-Drittel-Mehrheiten verändert werden konnten.

Das war vor über zehn Jahren. Seitdem ist Ungarn in eine Art autoritäres Orbán-Korsett gepackt, das nur sehr schwer wieder aufgeschnürt werden kann.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt und Elena Müller.