Klima: Jetzt wird’s ernst

Bisher lief es beim Klimaschutz eher locker für Privatleute. Um die neuen offiziellen Klimaziele erreichen zu können, wird sich das nun ändern müssen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Bundesregierung hat gestern ein neues Klimaschutzprogramm beschlossen. Weshalb genau – und was das für uns im täglichen Leben bedeutet – steht heute im Thema des Tages.

Außerdem heute bei uns:

  • Aus unserem Rüstungs-Team: Die Bundeswehr plant für ihren Personalaufbau eine teure Übergangslösung. Tausende neue Soldatinnen und Soldaten sollen zeitweise in Containern untergebracht werden. Kosten: Fast eine Milliarde Euro.
  • Aus unserem Team Bildung: Bei immer mehr Kindern wird Autismus diagnostiziert – und eine wachsende Zahl von ihnen ist vom Schulbesuch ausgeschlossen, weil es keine geeigneten Plätze für Inklusion gibt.

Und sonst? Bundeskanzler Friedrich Merz hat gestern mit einer Aussage im Bundestag für Aufregung gesorgt. Er äußerte sich zur Frage, welche Pläne er habe, der zunehmenden sexualisierten Gewalt gegen Frauen im Internet zu begegnen. Hintergrund war der Fall Collien Fernandes. Merz sagte: Zu einer ehrlichen Debatte gehöre auch die Feststellung, „dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt“. 

Die Aussage machte viele wütend, die fragten: Wieso muss Merz dieses Thema jetzt auf Migranten drehen? Darum geht es in der „Grafik des Tages“.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Haben Sie konkrete Hinweise auf Korruption oder Machtmissbrauch? Dann schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Klima: Jetzt wird’s ernst

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

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Sie machte das nicht ganz freiwillig – sondern reagierte auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts. Das Gericht hatte Ende Januar Nachbesserungen beim Klimaschutz eingefordert. Es schrieb in seiner Urteilsbegründung sinngemäß: Mit ihren bisherigen Klimaschutzmaßnahmen werde es nie und nimmer klappen, das nationale Klimaschutzziel zu erreichen: Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen um mindestens 65 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. 

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) gestern im Kabinett mit dem neuen Programm. Quelle: picture alliance / Metodi Popow | M. Popow


Was jetzt beschlossen wurde:
67 Punkte stehen auf der neuen Liste der Bundesregierung (hier ist ihre offizielle Erklärung dazu nachzulesen), die Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) vorgestellt hat. Sie will mit diesen Maßnahmen dafür sorgen, dass pro Jahr sieben Milliarden Kubikmeter Erdgas und vier Milliarden Liter Benzin gegenüber dem heutigen Verbrauch eingespart werden.

Beispiele für geplante Maßnahmen:

  • 2.000 zusätzliche Windräder sollen ausgeschrieben werden.
  • Es soll ein neues Förderprogramm für rund 800.000 Elektroautos geben.
  • Es soll in stärkere Wälder, Moore und Böden investiert werden.

Insgesamt will die Bundesregierung für die nun beschlossenen Maßnahmen rund acht Milliarden Euro ausgeben. Das klingt erstmal alles gut. Ist es das auch?

Was Kritiker sagen:
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ordnet ein, es sei fraglich, ob die nun beschlossenen Maßnahmen ausreichen.

„Wir sehen vor allem in den Sektoren Verkehr und Gebäude unzureichende Emissionsminderungen und drohende Zielverfehlungen.“
Ottmar Edenhofer
Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung

Eine besonders große Baustelle sieht das Institut bei der Modernisierung von Gebäuden. Es gebe zwar das Gebäudemodernisierungsgesetz – aber laut PIK-Berechnungen werden trotz des Gesetzes auch künftig noch sehr viele Tonnen CO2 von Gebäuden aus in die Atmosphäre gepumpt. 

Mit anderen Worten: Die Bundesregierung verspricht hier (und an einigen anderen Stellen), sie habe längst Lösungen für Klimaprobleme geschaffen – die demnach aber gar nicht funktionieren. 

Die Grünen kommentierten die geplanten Maßnahmen so:

„Carsten Schneider malt das Haus grün an und hinten zündet Katherina Reiche alles an.“

Woher kommen überhaupt die meisten Treibhausgasemissionen?
Das hat mein Kollege Sebastian Haupt kürzlich in dieser SPOTLIGHT-Grafik gezeigt:

Der Ausstoß an Treibhausgasen ist also zuletzt im Gebäude- und im Verkehrssektor sogar gestiegen statt gesunken.

Und jetzt?
Damit die Klimaziele für 2030 tatsächlich erreicht werden können, muss sich Deutschland jetzt mächtig am Riemen reißen. Bisher spüren die meisten von uns ja in ihrem Alltag noch gar keine wirklichen Veränderungen.

Dabei können wir als Einzelne durchaus kollektiv etwas beitragen: weniger Verbrennerautos fahren, seltener Fleisch essen, uns als Hausbesitzer Wärmepumpen einbauen. 

EU-Parlament stimmt mit rechter Mehrheit für Abschiebezentren im Ausland 
Die EVP-Fraktion im EU-Parlament hat mit Stimmen der AfD und anderer rechter Parteien für eine Gesetzesreform zur Verschärfung der EU-Asylpolitik gestimmt. Sie soll unter anderem die Abschiebung von Asylsuchenden in Abschiebezentren auch außerhalb der EU ermöglichen. 
t-online.de   

Meta und Alphabet verlieren Prozess um Social-Media-Sucht 
Die Tech-Konzerne Meta und Alphabet haben einen Prozess um das Suchtpotenzial ihrer sozialen Netzwerke YouTube und Instagram verloren. Laut Urteil des US-Gerichts hätten sie Nutzer nicht genügend über die Risiken aufgeklärt. Das Gericht sprach einer 20-Jährigen Klägerin drei Millionen Dollar Entschädigung zu. Meta und Alphabet kündigten an, Berufung gegen das Urteil einzulegen.
deutschlandfunk.de

Kinder laufen mit Schulränzen auf dem Rücken durch einen Raum.
Foto: Frank Hoermann und Sven Simon, Picture Alliance
Symbolbild: Jens Kalaene / DPA / Picture Alliance

So geht’s auch
Europas Automarkt schwächelt zwar, doch der E-Auto-Absatz legt zu. In ​den ersten beiden Monaten dieses Jahres stieg der Absatz reiner E-Autos ‌laut Statistik des Herstellerverbandes ACEA um gut ein Fünftel gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
spiegel.de


Ein Leser schrieb mir anlässlich der Polizei-Recherche von eingefrorenen Beförderungen. Die Sparpolitik sorge intern für „massive Missstimmung“. Eine Leserin beschreibt „überkommene, autoritäre und hierarchische Führungsstrukturen“. Sie schreibt von „Druck“, von „(rechten) Sprüchen“ und „strukturellem Mobbing“. Ihr Punkt: Gerade die, die Empathie mitbringen, gehen deshalb irgendwann. Und damit die, die man brauche – empathische, reflektierte Leute. Dabei sei dieser Beruf ein sozialer, der leider „durch den hierarchischen, autoritären Anstrich total verkannt“ werde. „Wenn sich hier nichts ändert, wird man auch keine neuen Bewerberinnen finden“, so die Leserin. 

Ein Ex-Beamter berichtet ebenfalls: Der Beruf verliere an Attraktivität. Und ein weiterer ehemaliger Polizist beschreibt den Beruf als „Spielball der Politik“, als „Aggressionsregulator der Gesellschaft“ – ohne erkennbare Wertschätzung. 

Dann schrieb mir ein Leser, Jahrgang 1942: Er halte eine „sehr gute, nach demokratischen Grundsätzen ausgebildete Polizei“ für unverzichtbar. Sie müsse sehr sensibel sein, an demokratischen Leitbildern orientiert. Gleichzeitig zweifelt er, ob die Realität dem entspricht. Dem Nachwuchs würde er aktuell nicht raten, zur Polizei zu gehen. Sie werde genutzt, „um fragwürdige politische Entscheidungen durchzusetzen“. Sein Fazit: „Der Fisch stinkt vom Kopf.“

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Kimberly Nicolaus und Jule Scharun.