Neues aus Rentenhausen

Die Deutschen sollen später in Rente – empfiehlt eine von der Regierung eingesetzte Kommission.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Seit dieser Woche können Sie hier unseren neuen Podcast „Was zählt“ finden, der das Wichtigste des Tages für Sie zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

unser umlagefinanziertes Rentensystem funktioniert schon lange nicht mehr in der Form, in der es ursprünglich erdacht wurde. Die Idee war damals: Die jetzt arbeitende Generation finanziert von ihren Sozialabgaben das Leben der Rentner – und erhält im Gegenzug später selbst Rente von der folgenden Generation. 

Übrigens stammt dieses Konzept, der „Generationenvertrag“, nicht, wie viele glauben, von Reichskanzler Otto von Bismarck – sondern vom Bonner Wirtschaftsforscher Wilfrid Schreiber, der es 1955 entwickelte. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) fand die Idee großartig; ihm wird der Ausspruch zugeschrieben:

„Kinder kriegen die Leute immer.“

Der Ausspruch ist schlecht gealtert: In den sechziger Jahren versorgten sechs Erwerbstätige gemeinsam einen Rentner – heute 1,8. Was jetzt geplant ist, um das wankende Renten-Schiff vorm Kentern zu bewahren, steht im Thema des Tages.

Außerdem heute bei uns: Was kam beim KI-Experiment heraus? Das habe ich für die Rubrik „Ganz persönlich“ aufgeschrieben. Vorab soviel: Am Freitag, als es um Deutschlands versehrte Soldaten ging, stammte der erste Text von mir. Erkannt haben dies aber nur gut die Hälfte von Ihnen. Dabei standen wirklich schlimme Wortspiele im KI-Text.

Jetzt brauche ich noch mal Ihre Hilfe. Am Mittwoch bekomme ich wieder Besuch in unserem kleinen TV-Studio in Berlin. Diesmal von Noosha Aubel, der Oberbürgermeisterin von Potsdam. Wir sprechen über die leeren Haushaltskassen von Kommunen – und über Aubels Ideen, wie sich dieses Problem entschärfen ließe. Haben Sie Vorschläge für Fragen, die ich der Oberbürgermeisterin stellen soll? Dann her damit: anette.dowideit@correctiv.org

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Und natürlich freue ich mich auch über Rückmeldungen, wie Ihnen unser neuer Podcast gefällt.

Thema des Tages: Neues aus Rentenhausen

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Mit Flamingos gegen die Trumps

Faktencheck: Amtliche Mitteilung zu Ruhestörung wegen Türkei-Spiel bei Fußball-WM ist gefälscht

Gute Sache(n): USA und Iran: Was steht alles im 14-Punkte-Plan? • Elektroauto-Boom in der EU • Die Luchse sind wieder da

CORRECTIV ganz persönlich: „Schreib-Wettstreit: Dowideit gegen die KI“

Grafik des Tages: Politik in der Schule: Viele Lehrkräfte verunsichert

Klingt lustig, stimmt aber: Wann immer in der Politik unliebsame Wahrheiten unters Volk gebracht werden sollen, stellt man ein Expertengremium zusammen. Diese Runde erarbeitet dann Pläne, deren Grundzüge schon vorher feststanden – bloß kann die Politik sie jetzt viel besser als sinnvolle und notwendige Entscheidungen verkaufen – weil die harten Maßnahmen ja nun einen Experten-Stempel haben.

Bei der Rente muss gespart werden. Quelle: Picture alliance / CHROMORANGE | Michael Bihlmayer.

So auch in diesem Fall:
Die Bundesregierung hatte vor einem halben Jahr eine Expertenkommission eingesetzt. Sie besteht aus 13 Frauen und Männern: Professorinnen und Verwaltungsrechtsexperten – aber auch Politiker (also dann wieder doch keine Experten), wie der junge CDU-Abgeordnete Pascal Reddig, der im vergangenen Herbst gegen die Rentenpläne der Regierung protestierte.

Was die Gruppe vorschlägt:
Das sickerte schon seit Mai immer weiter aus der vertraulichen Runde in die Öffentlichkeit. Heute stellte sie die Pläne dann auch offiziell vor – und Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, er wolle sie komplett umsetzen:

  • Später in Rente: Das Renteneintrittsalter soll an die Lebenserwartung gekoppelt werden. Da diese immer weiter steigt, soll der Renteneintritt demnächst alle zehn Jahre ein halbes Jahr nach hinten rücken: Ab 2041 wird man demnach mit 67,5 Jahren in Rente gehen. Und ab 2051 mit 68 Jahren.
  • Abschaffung der Frührente: Bisher kann man sich entscheiden, ab 63 Jahren ohne Abstriche in den Ruhestand zu gehen. Das ist schon lange umstritten, weil es für die Solidargemeinschaft enorm teuer ist (siehe hier) – und soll künftig nur noch in begründeten Ausnahmefällen möglich sein.
  • Rentengeld am Kapitalmarkt anlegen: Ab sofort soll die Rentenkasse durch Aktiengewinne aufgebessert werden. Für die aktuellen Erwerbstätigen im Land heißt das konkret: Von ihrem Bruttolohn sollen im ersten Schritt 0,5 Prozent in einen Extra-Topf eingezahlt werden, die „kapitalgedeckte Zusatzrente“. Das heißt aber nicht, dass hier jede/jeder für sich selbst Kapital anspart – sondern man zahlt verpflichtend in einen Staatsfonds. Dieser legt das Geld zentral an und verteilt die Gewinne gleichermaßen auf alle.
  • Politiker ab sofort dabei: Das ist der überraschendste Vorschlag der Kommission: In Zukunft sollen mehr Menschen ins Umlagesystem einzahlen – unter anderem Berufspolitiker. Also auch Bundestagsabgeordnete.
    Unklar ist dagegen noch, ob zum Beispiel auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte einzahlen sollen. Diese nämlich zahlen bisher in eigene Versorgungswerke. Nach dem Willen der SPD sollten sie besser ins Umlagesystem integriert werden.

Was das bringen soll:
Laut Kommission müsste es mit diesen Maßnahmen zu schaffen sein, das Rentenniveau bei 48 Prozent zu halten. Achtung, das heißt nicht, dass Sie als gesetzliche rentenversicherte Person später 48 Prozent Ihres jetzigen Bruttolohns erhalten. Sondern, dass ein Standardrentner 48 Prozent des Durchschnittslohns ALLER Rentenbezieher erhält. Hier wird das genauer erklärt.

Und was ist mit den Beiträgen?
Geht man davon aus, dass die Vorschläge der Rentenkommission so wie oben beschrieben umgesetzt werden: Es wird sich dadurch nichts grundlegend daran ändern, dass wir künftig wohl mehr an Beiträgen zahlen müssen.

Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rente soll demnach bis 2028 von heute 18,6 auf 19,9 Prozent ansteigen.

Was Kritiker zu den Plänen sagen:
Dazu schreibe ich heute mal bewusst nichts. Denn: In den vergangenen Wochen habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die unzufrieden mit den Medien sind. Ein Satz, den ich dabei oft gehört habe: 

Jede Sozialstaatsreform wird immer sofort in den Medien zerredet – noch bevor ich als Leserin mich überhaupt damit beschäftigen kann, was die Reform denn vorsieht.

Rundfunkanstalten klagen für höhere Beiträge 
Das Bundesverfassungsgericht prüft die Klage von ARD und ZDF gegen die gestoppte Erhöhung des Rundfunkbeitrags. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hatte für 2024 eine Erhöhung um 58 Cent empfohlen, doch die Länder lehnten ab. Daraufhin zogen die Sender vor Gericht. Inzwischen reduzierte die KEF ihre Empfehlung auf 28 Cent.
t-online.de

Island setzt Waljagd fort
Nach zwei Jahren Pause dürfen Unternehmen aus Island wieder Wale jagen. Neben Island haben nur Norwegen und Japan noch den  kommerziellen Walfang erlaubt. Die isländische Regierung hat zwar angekündigt, die Jagd langfristig beenden zu wollen. Bis dahin könnten allerdings noch mehrere Jahre vergehen.
welt.de

Türkische Fußballfans beim Public-Viewing der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Izmir, Türkei (Symbolbild: Murat Kocabas / Middle East Images / Picture Alliance)
Symbolbild: Murat Kocabas / Middle East Images / Picture Alliance

So geht’s auch 
Jeder fünfte Neuwagen in der EU fährt inzwischen elektrisch. In diesem Jahr kamen über 200.000 neue Elektroautos auf die Straßen – 43 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Branchenverband Acea sieht die Ursache vor allem in staatlichen Anreizen, aber auch die hohen Spritpreise dürften dazu beitragen. 
zeit.de

Fundstück 
Etwa 160 Luchse streifen wieder durch den Harz und die umliegenden Wälder. Das erste Wiederansiedlungsprojekt ist damit gelungen – fast 200 Jahre nach dem Aussterben der Luchse in dieser Region. Nun wollen die Verantwortlichen die Luchspopulationen in Deutschland vernetzen, um das Inzuchtrisiko zu senken.
utopia.de

Autor Bild Anette Dowideit

Witze auf Kosten der Chefin muss es in einem guten Betrieb geben, das sehe ich ein. Wir haben eine Woche lang getestet: Was würde passieren, wenn ich das Thema des Tages im SPOTLIGHT nicht mehr selbst schreibe, sondern einen KI-Agenten für mich schreiben lasse? Anlass waren mehrere Fälle, die kurz zuvor bekannt geworden waren: In der FAZ, im Handelsblatt und im Tagesspiegel waren Texte aufgefallen, die von der KI verfasst worden waren – anstatt von Gastbeitragsschreibern aus der Politik beziehungsweise Kolumnisten.

Jetzt war unsere Idee, mal zu testen, ob die Leserinnen und Leser das Original erkennen. Und vor allem: ob das Original wirklich so viel besser ist als die KI-Version.

Die Woche war ein wilder Ritt: Erst richtete ich zusammen mit unserem Technik-Team einen Bezahl-Account bei der als besonders sicher geltenden KI-Anwendung Lumo ein und personalisierte sie – die KI sollte nur auf frühere Themen des Tages von mir zugreifen und meinen Stil kopieren. Das machte sie aber nur bedingt gut, sie haute zum Beispiel furchtbare Wortspiele heraus – wie: „Der Bürokratie-Drache verschlingt die Opfer“.

Dann stellte sich heraus, dass ich ganz schön viel Zeit und Gehirnschmalz investieren musste, um der KI den richtigen Prompt, also die Anweisungen, zu geben. Es reichte also nicht, zu schreiben: Schreib einen klugen Text über die Fifa. Sondern ich musste genau formulieren, welche Gedanken ich habe und in welcher Reihenfolge sie auftauchen sollen. Und dann war da die Sache mit dem „halluzinieren“ – also dem, was sich die KI ausdenkt, obwohl es gar nicht stimmt. 

Seinen Höhepunkt erreichte dieses Problem, als wir über die verschiedenen Einstufungen der AfD in den Bundesländern schrieben: Da behauptete die KI, die Einstufung sei jeweils politisch motiviert – was schlimm wäre. Denn dann würden Politiker den Rechtsstaat für ihre Zwecke missbrauchen. Und nun? Wir entschieden uns, die Sachfehler ersatzlos aus dem Text zu löschen.

Und was haben Sie, die Leserinnen und Leser, dazu gesagt? An zwei von fünf Tagen hielt eine Mehrheit von Ihnen den KI-Text für meinen Text. Das fand ich schon überraschend. Und an einem Tag fanden die Abstimmenden den KI-Text sogar besser als meinen. Allerdings war das an dem Tag, an dem ich sehr genau gepromptet habe, was denn drin stehen soll. 

Wie es nun bei uns mit der KI-Nutzung fürs Schreiben weitergeht, werden wir in der Redaktion diskutieren. Erstmal bleibe ich aber am Schreibtisch sitzen und schreibe weiter.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Sebastian Haupt, Lea Messerschmidt, und Elena Müller.