Schreibt hier noch jemand selbst?

Künstliche Intelligenz zieht auch in den Journalismus ein. Wir wollen wissen, wozu das führt.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

ich hoffe, Sie hatten schöne Ostertage mit ausreichend Erholung und guten Gesprächen. Falls Sie unsere „Spickzettel“ mit Infos zur katholischen Kirche und zum Missbrauch dabei hatten, ist Ihnen wahrscheinlich aufgefallen, dass beim zweiten Zettel der untere Rand abgeschnitten war. Das bedauern wir sehr und haben ihn deshalb hier noch mal vollständig zum Herunterladen bereitgestellt

Fehler in der Redaktion passieren, so wie überall – sie sind menschlich. Heißt das im Umkehrschluss, dass wir die (geistige) Arbeit in Zukunft lieber Künstlicher Intelligenz überlassen sollten? Und: Wie oft geschieht das im Journalismus bereits, ohne dass wir Leserinnen und Leser es vielleicht merken? Das wollen wir herausfinden und haben deshalb heute eine Mitmach-Recherche für Redaktionen gestartet – gemeinsam mit dem Medienmagazin „Journalist“. Mehr steht im Thema des Tages.

Und dann geht es heute im SPOTLIGHT natürlich um den neuesten Ausraster Donald Trumps – und um die umstrittene neue Wehrpflicht-Regel, laut der junge Männer jetzt eine Ausreisegenehmigung brauchen.

Sie können uns heute wieder Ihre Vorschläge für die Kategorie „Leserfrage der Woche“ schicken, die wir in Ihrem Auftrag einer Behörde, einem Unternehmen oder einem Ministerium stellen sollen – gerne direkt an unseren Leserreporter: tristan.devigne@correctiv.org.

Thema des Tages: Schreibt hier noch jemand selbst?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Abdul Kader Chahin und Sebastian 23 über Gaza

Faktencheck: Teilnehmerzahl bei Naidoo-Demo in Berlin: Luftaufnahme ist KI-generiert

Gute Sache(n): Artemis 2: Wozu dienen solche Raumfahrtmissionen? • Grüner Ring um Madrid • Gesundheitsgutachten für Buckelwal Timmy

CORRECTIV ganz persönlich: Aufrüstung und Militarisierung: Das ist kein Test

Grafik des Tages: Ungarns Orbán liegt in Wahlumfragen deutlich zurück

Zum Beispiel?
Sie erinnern sich vielleicht, dass wir hier im SPOTLIGHT ein paar Monate lang eine Hörversion angeboten haben, die von einer KI-Stimme eingesprochen wurde. Wir haben die Produktion aber wieder eingestellt, weil kaum jemand gern auf Dauer die Stimme hören wollte – vor allem aber, weil es ziemlich lange dauerte, jeden Tag den Text für die KI so vorzubereiten, dass sie alle Wörter richtig aussprach und Sätze korrekt betonte. Stattdessen bereiten wir gerade einen neuen, täglichen Podcast vor, der voraussichtlich im Mai startet.

Wir bei CORRECTIV probieren auch immer mal wieder andere Dinge mit KI aus – und unsere Bildungssparte, die Reporterfabrik, hat sogar eine Anwendung entwickelt, mit der sich Texte besser machen lassen: die „Wolf Schneider-KI“, benannt nach einem bekannten Journalisten, der für strenges Redigieren bekannt war. 

Und andere Redaktionen?
KI-Einsatz in Redaktionen ist aus unserer Sicht erstmal neutral zu bewerten – KI-Anwendungen sind einfach ein neues Handwerkszeug. Dass sich damit künftig Jobs erledigen lassen, für die man bisher noch Menschen brauchte, wird sich nicht vermeiden lassen.

Wir wollen ab heute aber herausfinden: Wie stark ist der Einsatz von KI in Redaktionen bereits verbreitet? Was genau wird damit gemacht? Wird die journalistische Arbeit dadurch besser? Oder nur effizienter – werden dadurch also jetzt schon Stellen eingespart, und wenn ja, in welchen Bereichen genau? Gibt es auch Beispiele, in denen journalistische Qualität leidet?

Um uns einen Überblick zu verschaffen, haben wir heute eine Crowd-Recherche gestartet. Gemeinsam mit dem Medienmagazin Journalist bitten wir Mitarbeitende von Zeitungs-, Online-, Radio- und TV-Redaktionen aus dem ganzen Land, mitzumachen und in unserem CrowdNewsroom einzutragen: Was hat sich in Ihrer journalistischen Arbeit durch KI ganz konkret verändert?

Zur Teilnahme geht es hier entlang.

Thumbnail KI in Redaktionen
Thumbnail KI in Redaktionen

Wo jetzt schon Redaktionen durch KI Stellen sparen:
Zum Beispiel in der Schweiz. Dort gab die Mediengruppe Tamedia (zu der zum Beispiel der Zürcher Tages-Anzeiger und die Berner Zeitung gehören) im Januar bekannt, sie werde 25 bis 30 Stellen einsparen, weil sie „die neuen Möglichkeiten der technologischen Entwicklung“ nutzen wolle. Dabei werde sie „insbesondere Anwendungen der künstlichen Intelligenz künftig verstärkt in redaktionelle und betriebliche Prozesse integrieren“.

Ich habe noch einmal bei Tamedia nachgefragt, ob man also wirklich sagen kann, wegen KI werden dort jetzt Jobs abgebaut. Die Antwort war eher abwiegelnd: Genau so habe man das nicht gesagt. Es sei vielmehr so, dass „KI als Werkzeug eingesetzt“ werde, um „Prozesse effizienter zu gestalten“ – und deshalb eben ein paar Leute nicht mehr gebraucht werden.

Wo KI-Einsatz sonst noch strittig war oder ist:
Die Frauenzeitschrift Lisa kassierte 2023 die erste Rüge des Deutschen Presserates, die wegen des Einsatzes von KI ausgesprochen wurde. Der Grund war, dass sie in einem „Extraheft Lisa Kochen & Backen“ Rezepte und Bilder von Pasta-Gerichten komplett von Künstlicher Intelligenz erstellen ließ und dies nicht entsprechend kennzeichnete.

Und die Kölner Mediengruppe DuMont erlebte eine Welle negativer Presse, nachdem 2023 bekannt wurde, dass eine per KI kreierte künstliche Person namens „Klara Indernach“ Artikel für die zum Verlag gehörende Boulevardzeitung Express schrieb. Die Kritik entzündete sich vor allem daran, dass die Texte von einem KI-generierten Foto begleitet wurden, das eine blonde Frau zeigte. Die Frau war aber eben nicht echt, sondern die KI-Figur „Klara Indernach“. Dies empfanden viele Leser als irreführend.

Übrigens setzt dieselbe Mediengruppe mittlerweile KI ein, um aus Pressemitteilungen der Kölner Polizei automatisiert journalistische Texte zu machen – nachzulesen zum Beispiel hier oder hier. Redaktionsintern ist dies ziemlich umstritten – weil auf diese Weise niemand mehr prüft, ob die Informationen der Pressestelle der Polizei vielleicht unvollständig sind, ob wichtige Infos (zum Beispiel zur Nationalität von Tätern und Opfern) fehlen – und vor allem, wie Vorfälle einzuordnen sind. 

Spritpreise bleiben hoch trotz 12-Uhr-Regelung 
Die Entlastung der Autofahrer bleibt aus. Über Ostern erreichten die Preise für Diesel und Benzin einen neuen Höchststand – trotz der eingeführten Preisregelung. Grüne und Linke werfen der Regierung Untätigkeit vor und fordern Maßnahmen wie einen Spritpreisdeckel.
tagesspiegel.de / wdr.de

US-Präsident droht Iran mit Auslöschung 
US-Präsident Trump hat dem Iran gedroht, falls die Straße von Hormus nicht geöffnet wird. Auf seiner Plattform „Truth Social“ kündigte er an, eine „ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben“.  Zuvor hatte er mit Angriffen auf die iranische Infrastruktur gedroht. Die schon mehrfach verschobene Frist endet um zwei Uhr nachts deutscher Zeit. Die iranische Militärführung bezeichnet die Drohung als „haltlos“. Die UN forderte die USA auf, Angriffe auf die Infrastruktur zu unterlassen, da das Völkerrecht dies verbietet. 
zeit.de

Foto: Stefan Boness / Ipon / Picture Alliance

So geht’s auch
Madrid errichtet derzeit eine rund 75 Kilometer lange Stadtmauer – allerdings aus Bäumen. Ein Ring aus etwa 500.000 neu gepflanzten Bäumen soll bis zum Jahr 2032 die Stadt umgeben und sie so klimaresilienter machen. 
instagram.com

Fundstück
Heute erstellen Meeresbiologen und Tierärzte ein Gesundheitsgutachten für den Buckelwal. Dieses soll Aufschluss geben, wie hoch seine Überlebenschancen sind. Seit fast einer Woche liegt der Meeressäuger vor der Insel Poel. Obwohl er noch atmet, sei sein Zustand schlecht. 
zdfheute.de / stern.de


Die Journalisten haben getan, was offenbar viele der 323 Politikerinnen und Politiker vor ihrer Abstimmung für das neue Wehrdienstgesetz nicht taten – und das Gesetz genau gelesen. Der entsprechende Passus ist verklausuliert darin zu lesen. Er galt schon mal in der Geschichte, allerdings nur im Spannungs- und Verteidigungsfall. Jetzt gilt er ganz generell. Der weitreichende Freiheitseingriff wurde vor seiner Verabschiedung aber weder im Bundestag noch öffentlich diskutiert. Juristen sprechen davon, dass er im Gesetz „normativ versteckt“ worden sei, also nur mit juristischen Kenntnissen erkennbar. 

Das Verteidigungsministerium und CDU-Verteidigungspolitiker bemühen sich um Schadensbegrenzung: Verstöße dagegen würden ja nicht sanktioniert, solange es keine Dienstpflicht gebe, zudem wäre das eher ein Werkzeug zur Wehrerfassung. Andere deuten das allerdings so, dass die Wehrpflicht im Hintergrund längst vorbereitet wird.

Was auch immer die Aufarbeitung dieses Fauxpas ergeben wird: Die Aufregung darum ist wohl auch deshalb so groß, weil der Fall zeigt, dass die Regierung Ernst macht bei Aufrüstung und Militarisierung. CORRECTIV legte schon im vergangenen Dezember offen, wie umfangreich die Pläne zum Umbau des Landes zur Militärmacht sind

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Pamela Kaethner.