Schreibt hier noch jemand selbst?
Künstliche Intelligenz zieht auch in den Journalismus ein. Wir wollen wissen, wozu das führt.

Liebe Leserinnen und Leser,
ich hoffe, Sie hatten schöne Ostertage mit ausreichend Erholung und guten Gesprächen. Falls Sie unsere „Spickzettel“ mit Infos zur katholischen Kirche und zum Missbrauch dabei hatten, ist Ihnen wahrscheinlich aufgefallen, dass beim zweiten Zettel der untere Rand abgeschnitten war. Das bedauern wir sehr und haben ihn deshalb hier noch mal vollständig zum Herunterladen bereitgestellt.
Fehler in der Redaktion passieren, so wie überall – sie sind menschlich. Heißt das im Umkehrschluss, dass wir die (geistige) Arbeit in Zukunft lieber Künstlicher Intelligenz überlassen sollten? Und: Wie oft geschieht das im Journalismus bereits, ohne dass wir Leserinnen und Leser es vielleicht merken? Das wollen wir herausfinden und haben deshalb heute eine Mitmach-Recherche für Redaktionen gestartet – gemeinsam mit dem Medienmagazin „Journalist“. Mehr steht im Thema des Tages.
Und dann geht es heute im SPOTLIGHT natürlich um den neuesten Ausraster Donald Trumps – und um die umstrittene neue Wehrpflicht-Regel, laut der junge Männer jetzt eine Ausreisegenehmigung brauchen.
Sie können uns heute wieder Ihre Vorschläge für die Kategorie „Leserfrage der Woche“ schicken, die wir in Ihrem Auftrag einer Behörde, einem Unternehmen oder einem Ministerium stellen sollen – gerne direkt an unseren Leserreporter: tristan.devigne@correctiv.org.
Thema des Tages: Schreibt hier noch jemand selbst?
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Teilnehmerzahl bei Naidoo-Demo in Berlin: Luftaufnahme ist KI-generiert
CORRECTIV ganz persönlich: Aufrüstung und Militarisierung: Das ist kein Test
Grafik des Tages: Ungarns Orbán liegt in Wahlumfragen deutlich zurück
Redaktionen können eine ganze Menge Dinge mit Künstlicher Intelligenz anstellen: Sie können damit Fotos bearbeiten, große Datensätze auswerten, Zeitungsseiten layouten und sogar komplette Texte von KI-Anwendungen schreiben lassen. KI funktioniert aber längst nicht immer im Journalismus.
Zum Beispiel?
Sie erinnern sich vielleicht, dass wir hier im SPOTLIGHT ein paar Monate lang eine Hörversion angeboten haben, die von einer KI-Stimme eingesprochen wurde. Wir haben die Produktion aber wieder eingestellt, weil kaum jemand gern auf Dauer die Stimme hören wollte – vor allem aber, weil es ziemlich lange dauerte, jeden Tag den Text für die KI so vorzubereiten, dass sie alle Wörter richtig aussprach und Sätze korrekt betonte. Stattdessen bereiten wir gerade einen neuen, täglichen Podcast vor, der voraussichtlich im Mai startet.
Wir bei CORRECTIV probieren auch immer mal wieder andere Dinge mit KI aus – und unsere Bildungssparte, die Reporterfabrik, hat sogar eine Anwendung entwickelt, mit der sich Texte besser machen lassen: die „Wolf Schneider-KI“, benannt nach einem bekannten Journalisten, der für strenges Redigieren bekannt war.
Und andere Redaktionen?
KI-Einsatz in Redaktionen ist aus unserer Sicht erstmal neutral zu bewerten – KI-Anwendungen sind einfach ein neues Handwerkszeug. Dass sich damit künftig Jobs erledigen lassen, für die man bisher noch Menschen brauchte, wird sich nicht vermeiden lassen.
Wir wollen ab heute aber herausfinden: Wie stark ist der Einsatz von KI in Redaktionen bereits verbreitet? Was genau wird damit gemacht? Wird die journalistische Arbeit dadurch besser? Oder nur effizienter – werden dadurch also jetzt schon Stellen eingespart, und wenn ja, in welchen Bereichen genau? Gibt es auch Beispiele, in denen journalistische Qualität leidet?
Um uns einen Überblick zu verschaffen, haben wir heute eine Crowd-Recherche gestartet. Gemeinsam mit dem Medienmagazin Journalist bitten wir Mitarbeitende von Zeitungs-, Online-, Radio- und TV-Redaktionen aus dem ganzen Land, mitzumachen und in unserem CrowdNewsroom einzutragen: Was hat sich in Ihrer journalistischen Arbeit durch KI ganz konkret verändert?
Zur Teilnahme geht es hier entlang.

Wo jetzt schon Redaktionen durch KI Stellen sparen:
Zum Beispiel in der Schweiz. Dort gab die Mediengruppe Tamedia (zu der zum Beispiel der Zürcher Tages-Anzeiger und die Berner Zeitung gehören) im Januar bekannt, sie werde 25 bis 30 Stellen einsparen, weil sie „die neuen Möglichkeiten der technologischen Entwicklung“ nutzen wolle. Dabei werde sie „insbesondere Anwendungen der künstlichen Intelligenz künftig verstärkt in redaktionelle und betriebliche Prozesse integrieren“.
Ich habe noch einmal bei Tamedia nachgefragt, ob man also wirklich sagen kann, wegen KI werden dort jetzt Jobs abgebaut. Die Antwort war eher abwiegelnd: Genau so habe man das nicht gesagt. Es sei vielmehr so, dass „KI als Werkzeug eingesetzt“ werde, um „Prozesse effizienter zu gestalten“ – und deshalb eben ein paar Leute nicht mehr gebraucht werden.
Wo KI-Einsatz sonst noch strittig war oder ist:
Die Frauenzeitschrift Lisa kassierte 2023 die erste Rüge des Deutschen Presserates, die wegen des Einsatzes von KI ausgesprochen wurde. Der Grund war, dass sie in einem „Extraheft Lisa Kochen & Backen“ Rezepte und Bilder von Pasta-Gerichten komplett von Künstlicher Intelligenz erstellen ließ und dies nicht entsprechend kennzeichnete.
Und die Kölner Mediengruppe DuMont erlebte eine Welle negativer Presse, nachdem 2023 bekannt wurde, dass eine per KI kreierte künstliche Person namens „Klara Indernach“ Artikel für die zum Verlag gehörende Boulevardzeitung Express schrieb. Die Kritik entzündete sich vor allem daran, dass die Texte von einem KI-generierten Foto begleitet wurden, das eine blonde Frau zeigte. Die Frau war aber eben nicht echt, sondern die KI-Figur „Klara Indernach“. Dies empfanden viele Leser als irreführend.
Übrigens setzt dieselbe Mediengruppe mittlerweile KI ein, um aus Pressemitteilungen der Kölner Polizei automatisiert journalistische Texte zu machen – nachzulesen zum Beispiel hier oder hier. Redaktionsintern ist dies ziemlich umstritten – weil auf diese Weise niemand mehr prüft, ob die Informationen der Pressestelle der Polizei vielleicht unvollständig sind, ob wichtige Infos (zum Beispiel zur Nationalität von Tätern und Opfern) fehlen – und vor allem, wie Vorfälle einzuordnen sind.
Die Mediengruppe schrieb uns auf Fragen, weshalb sie das so machen: Die Verantwortung für alle mit KI erzeugten Inhalte liege am Ende „immer bei einem Menschen“.
Justizministerin will Schwarzfahren straffrei machen.
Wer die Strafe für das Schwarzfahren nicht zahlen kann, landet unter Umständen mit einer „Ersatzfreiheitsstrafe“ im Gefängnis. Bundesjustizministerin Stefani Hubig (SPD) will das ändern und fordert die Entkriminalisierung des Schwarzfahrens. Die aufgebrachten Ressourcen – wie Personal, Zeit und Geld – ließen sich sinnvoller nutzen, sagte die Ministerin. Der Deutsche Anwaltverein unterstützt den Vorschlag, der Koalitionspartner ist dagegen.
tagesschau.de
Spritpreise bleiben hoch trotz 12-Uhr-Regelung
Die Entlastung der Autofahrer bleibt aus. Über Ostern erreichten die Preise für Diesel und Benzin einen neuen Höchststand – trotz der eingeführten Preisregelung. Grüne und Linke werfen der Regierung Untätigkeit vor und fordern Maßnahmen wie einen Spritpreisdeckel.
tagesspiegel.de / wdr.de
US-Präsident droht Iran mit Auslöschung
US-Präsident Trump hat dem Iran gedroht, falls die Straße von Hormus nicht geöffnet wird. Auf seiner Plattform „Truth Social“ kündigte er an, eine „ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben“. Zuvor hatte er mit Angriffen auf die iranische Infrastruktur gedroht. Die schon mehrfach verschobene Frist endet um zwei Uhr nachts deutscher Zeit. Die iranische Militärführung bezeichnet die Drohung als „haltlos“. Die UN forderte die USA auf, Angriffe auf die Infrastruktur zu unterlassen, da das Völkerrecht dies verbietet.
zeit.de

„Fun Facts“ zu einem gar nicht lustigen Thema: In dieser Fokusfolge sprechen Abdul Kader Chahin und Sebastian 23 über eines der kontroverstesten Themen schlechthin – Gaza, Nahostkonflikt und die politische Debatte in Deutschland.
tube.funfacts.de

Bei der Xavier-Naidoo-Demonstration in Berlin am 14. März waren laut Polizeiangaben in der Spitze 1.200 Menschen anwesend. Aber nicht so viele, wie auf einem KI-Bild gezeigt werden.
correctiv.org
Endlich verständlich
Die Crew der Artemis 2 befindet sich auf dem Rückweg zur Erde. Hier können Sie die weitere Reise live verfolgen. Aber bringen solche Missionen eigentlich wirklich wichtige Ergebnisse – oder ist es teures Prestige? Das beantwortet dieser Artikel.
t-online.de
So geht’s auch
Madrid errichtet derzeit eine rund 75 Kilometer lange Stadtmauer – allerdings aus Bäumen. Ein Ring aus etwa 500.000 neu gepflanzten Bäumen soll bis zum Jahr 2032 die Stadt umgeben und sie so klimaresilienter machen.
instagram.com
Fundstück
Heute erstellen Meeresbiologen und Tierärzte ein Gesundheitsgutachten für den Buckelwal. Dieses soll Aufschluss geben, wie hoch seine Überlebenschancen sind. Seit fast einer Woche liegt der Meeressäuger vor der Insel Poel. Obwohl er noch atmet, sei sein Zustand schlecht.
zdfheute.de / stern.de
Die Osterruhe endete für das politische Berlin jäh und ungemütlich: Durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau wurde bekannt, dass alle Männer zwischen 18 und 45 Jahren bei geplanten längeren Auslandsaufenthalte grundsätzlich der Bundeswehr Bescheid geben müssen.
Die Journalisten haben getan, was offenbar viele der 323 Politikerinnen und Politiker vor ihrer Abstimmung für das neue Wehrdienstgesetz nicht taten – und das Gesetz genau gelesen. Der entsprechende Passus ist verklausuliert darin zu lesen. Er galt schon mal in der Geschichte, allerdings nur im Spannungs- und Verteidigungsfall. Jetzt gilt er ganz generell. Der weitreichende Freiheitseingriff wurde vor seiner Verabschiedung aber weder im Bundestag noch öffentlich diskutiert. Juristen sprechen davon, dass er im Gesetz „normativ versteckt“ worden sei, also nur mit juristischen Kenntnissen erkennbar.
Das Verteidigungsministerium und CDU-Verteidigungspolitiker bemühen sich um Schadensbegrenzung: Verstöße dagegen würden ja nicht sanktioniert, solange es keine Dienstpflicht gebe, zudem wäre das eher ein Werkzeug zur Wehrerfassung. Andere deuten das allerdings so, dass die Wehrpflicht im Hintergrund längst vorbereitet wird.
Was auch immer die Aufarbeitung dieses Fauxpas ergeben wird: Die Aufregung darum ist wohl auch deshalb so groß, weil der Fall zeigt, dass die Regierung Ernst macht bei Aufrüstung und Militarisierung. CORRECTIV legte schon im vergangenen Dezember offen, wie umfangreich die Pläne zum Umbau des Landes zur Militärmacht sind.
Die hunderttausendfache Munitionsproduktion an neuen Rüstungsstandorten, neue Waffensysteme, neue Kasernen, neue Fähigkeiten für Bundeswehr und Bundesnachrichtendienst – vieles davon ist längst eingetütet oder aktuell in Planung. Was aber weiterhin fehlt: Soldatinnen und Soldaten. Zur Erinnerung: 260.000 Aktive und 200.000 aus der Reserve ist die Sollgröße. Davon ist die Bundeswehr mit aktuell 186.000 Aktiven und 70.000 Reservistinnen und Reservisten, die tatsächlich beordert und damit eingesetzt werden können, weit entfernt.
Das Verteidigungsministerium soll Parlamentariern im Sommer einen Bericht über den Aufwuchs der Truppe seit Versendung der neuen Musterungsfragebögen vorlegen. Dieser Wasserstand wird zeigen, ob Freiwilligkeit letztlich ausreicht.

US-Vizepräsident J.D. Vance ist in Budapest zu Gast, um Viktor Orbán zu unterstützen. Denn Ungarns Premierminister droht eine Wahlniederlage am kommenden Sonntag. Nach 16 Jahren an der Macht und trotz autoritärem Umbau demokratischer Institutionen droht seine Partei, die kommende Parlamentswahl zu verlieren. Den Stand aktueller Umfragen zeigt die Grafik des Tages.
spiegel.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt und Pamela Kaethner.
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