Syrer wieder nach Hause?
Bundeskanzler Merz will 80 Prozent der Syrer ins Heimatland zurückschicken. Was dahinter steht.

Liebe Leserinnen und Leser,
Bundeskanzler Friedrich Merz sorgt wieder mit einer umstrittenen Aussage für Aufsehen: 80 Prozent der Syrer, die seit dem Bürgerkrieg in ihrem Land in Deutschland Schutz gesucht haben, sollen innerhalb der nächsten drei Jahre wieder in ihre Heimat zurückkehren – das ist Merz’ Ergebnis nach dem Besuch von Syriens Machthaber al-Sharaa. Was dahinter steht, ist heute unser Thema des Tages.
Gestern Abend hat unser erster Kinofilm Premiere gefeiert: Akten des Missbrauchs. Das Essener Kino war randvoll.

Weil uns viele Leserinnen und Leser gefragt haben, wo man den Film anschauen kann: Hier eine Liste der geplanten Vorführungen. Online oder per DVD kann man den Film vorerst noch nicht schauen. Allerdings gibt es morgen einen Livestream für das Theaterstück am Schauspiel Köln, den Sie unter diesem Link finden.
Und jetzt benötigen wir wieder Ihre Stimme – für die nächste Runde der Cartoon-Arena! Was das nochmal ist und weshalb wir es machen? Das steht hier. Sie können jetzt für das Thema abstimmen, bei dem unsere Karikaturistinnen und Karikaturisten demnächst mit spitzem Stift gegeneinander antreten. Zur Auswahl stehen diesmal diese Themen:
- Wie der Vatikan den Mantel des Schweigens über Missbrauchsfällen ausbreitet
- Digitale Gewalt gegen Frauen – und einige Männer beschwichtigen
- Kanzler Merz will 80 Prozent der Syrer in die Heimat zurückschicken
Zur Abstimmung geht es hier – oder per Klick aufs Bild.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Syrer wieder nach Hause?
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Briefwahl und Prognose: Warum das AfD-Ergebnis in Rheinland-Pfalz keinen Betrug belegt
CORRECTIV ganz persönlich: Faktencheck beim Sirenengeheul
Grafik des Tages: Wie wichtig sind syrische Geflüchtete für den deutschen Arbeitsmarkt?
Am Montag war ja der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Sharaa zu Gast in Berlin – wir berichteten, weshalb dies ein heikler Staatsbesuch war. Nach dem Treffen machte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei einer Pressekonferenz diese Aussage:
„In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre – das ist der Wunsch von Präsident Scharaa gewesen – sollen rund 80 Prozent der Syrerinnen und Syrer, die sich derzeit in Deutschland aufhalten, in ihr Heimatland zurückkehren.“
Die Aussage sorgte für viele Diskussionen.

Warum genau?
Die Vorgeschichte ist, dass es im vergangenen Spätherbst gewaltig in der Bundesregierung gekracht hatte: Außenminister Johann Wadephul, ebenfalls CDU, bereiste damals Syrien – unter anderem Harasta, einen während des Bürgerkriegs weitgehend zerstörten Vorort der Hauptstadt Damaskus.
Während des Besuchs sagte er zu mitreisenden Journalisten: Was er gesehen habe, habe ihm klargemacht, dass für syrische Flüchtlinge in Deutschland kurzfristig keine Rückkehr möglich sei. Ein solch großes Ausmaß an Zerstörung habe er persönlich noch nie zuvor gesehen.
Diese Aussage aber brachte ihm einen wahren Shitstorm aus den eigenen Reihen ein: Unions-Fraktionschef Jens Spahn zum Beispiel sagte, es sei jetzt die „patriotische Pflicht“ für Syrerinnen und Syrer, zurückzukehren und das Land wieder aufzubauen.
(Anmerkung: Natürlich können Syrer formal betrachtet jederzeit zurückkehren, wenn sie das möchten. Noch eine Anmerkung: Eine rechtliche „Pflicht“ für schutzsuchende Syrer galt zu diesem Zeitpunkt gerade mal für 920 der rund 950.000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland – das sind jene ohne gültigen Aufenthaltsstatus und/oder Duldungsstatus in Deutschland.)
Ein paar Tage später trat Wadephul von seiner Aussage zurück:
Jetzt sagte er, die Regierung werde geschlossen dafür sorgen, Rückführungen nach Syrien zu erhöhen. Und sein Auswärtiges Amt sei daran „konstruktiv“ beteiligt.
Nun also hat Merz die konkrete Zahl von 80 Prozent genannt. Interessant ist:
Auch Merz ruderte schon wieder zurück:
Er beruft sich nun darauf, die 80 Prozent würden ja gar nicht von ihm stammen, sondern er habe nur al-Sharaa zitiert, der sich 80 Prozent der Syrer in Deutschland zurück nach Hause wünschen würde.
Aber: Al-Sharaa sagt, das stimme gar nicht. Vielmehr habe „der Herr Kanzler“ diese Worte gesagt. Also steht Wort gegen Wort. Ich habe heute mal bei der Bundesregierung nachgefragt, was denn nun stimmt. Und zwar bei den beiden zuständigen Ministerien: Bundesinnenministerium (BMI) und Auswärtiges Amt.
Eine Antwort kam vom Innenministerium:
Das Haus von Alexander Dobrindt (CSU) bleibt dabei: Die 80 Prozent seien eine „Vorstellung des syrischen Präsidenten al-Sharaa“. Und weiter:
„Es ist nachvollziehbar, dass die neue syrische Regierung die Menschen in ihr Land zurückhaben möchte, mit den auch in Deutschland erworbenen Fähigkeiten, um das Land wieder aufzubauen.“
Pressestelle
Bundesinnenministerium
Die Antwort ist übrigens insofern bemerkenswert, als dass ich vom BMI eigentlich vor allem eine andere Auskunft erbeten hatte (auf die es allerdings nicht antwortete). Und zwar wollte ich wissen, was denn aus der politischen Idee wurde, den syrischen Schutzsuchenden eine Pendellösung zu ermöglichen.
Dieser Vorschlag kursierte im Spätherbst. Die Idee war, dass man Syrern ermöglicht, zum Teil in Syrien ihr zerstörtes Land wieder aufzubauen – bis das so weit ist, aber wieder nach Deutschland zurückkehren zu können. Um den Vorschlag ist es aber still geworden.
Was hieße es für uns, wenn viele Syrer wieder gehen?
Auch das hatten wir im SPOTLIGHT schon einmal unter die Lupe genommen. Unser Gesundheits- und Pflegesystem hängt extrem von Syrern und anderen ausländischen Fachkräften ab. Gerade in Krankenhäusern könnte es mit der Versorgung eng werden, wenn Ärztinnen und Ärzte oder auch Pflegekräfte in großer Zahl das Land wieder verlassen.
Darauf wies nun aus aktuellem Anlass auch noch einmal die Deutsche Krankenhausgesellschaft hin. Mehr dazu finden Sie in der Grafik des Tages.
Übrigens hatte Friedrich Merz in der Vergangenheit schon die Zahl der bei uns aufgenommenen Syrer als größer dargestellt, als sie tatsächlich war – bezogen auf ihren Anteil an der Bevölkerung. Das hat unser Faktencheck-Team hier beschrieben.
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Ich bin Journalistin und komme aus der Desinformationsrecherche – also aus der Analyse von organisierten Netzwerken, die gezielt Zweifel säen. Gerade mache ich hier bei der Reporterfabrik aber etwas anderes: Für „Brandherd Desinformation“, unser Medienkompetenzprojekt mit der Jugendfeuerwehr, arbeite ich mit Jugendgruppen. Nicht von oben herab erklärend, sondern gemeinsam eintauchend.
Ein Moment hat sich dafür fast von selbst angeboten. An einem Sonntagabend im Oktober heulten bei mir in Hamburg plötzlich die Sirenen los. Sofort begann ein zweiter Alarm – der auf Social Media. Menschen suchten reflexhaft nach Erklärungen, posteten Videos, spekulierten. Vermutungen von „Putin kommt!“ bis „Hochwasser“ füllten in Minuten das Vakuum, der Notruf war teils überlastet. Erst rund 15 Minuten später informierte die Polizei Hamburg auf X: Fehlalarm, ausgelöst durch einen Bedienungsfehler und „KEIN Fliegeralarm!“. Ja, dieser Hinweis wurde mitgeliefert.
Genau diesen Abend rekonstruiere ich in meinen Workshops. Die Teilnehmenden erleben ihn Schritt für Schritt – interaktiv und ohne zu wissen, wie er ausgeht. Wie reagiere ich, wie andere? Was ist eine gute Quelle? Was teile ich weiter? So soll Raum entstehen, daraus etwas zu lernen, das bleibt.
Denn Medienkompetenz beginnt nicht erst beim Faktencheck. Sie beginnt früher: Wie halten wir Unsicherheit aus? Was ist Meinung, was Fakt? Wie arbeiten Journalisten? Wenn Sirenen heulen und niemand weiß, was los ist, wird das plötzlich sehr konkret.

80 Prozent sollten in den nächsten Jahren nach Syrien zurückkehren – diese Aussage von Kanzler Merz sorgt für Diskussionen. Auch aus Wirtschaft und Forschung kommen kritische Stimmen. „Wenn tatsächlich 80 Prozent der syrischen Geflüchteten in ihre Heimat zurückkehren, wird das den deutschen Arbeitsmarkt empfindlich treffen“, sagt etwa Angelina Hackmann, Arbeitsmarktexpertin im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Der Grund: Viele von ihnen arbeiten inzwischen als Fachkräfte hier. Das ergab eine Analyse aus dem Jahr 2024. Seitdem ist die Zahl der syrischen Geflüchteten im Arbeitsmarkt weiter gestiegen – ein zügiger Fortgang würde demnach gravierende Lücken hinterlassen.
iwkoeln.de / handelsblatt.com (€)
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt und Jule Scharun.
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