Was sind Sie: „akzeptabel“ oder „hervorragend“?

Die Schufa stellt heute ihr Punktesystem um – das betrifft 68 Millionen Menschen im Land. Was ändert sich?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

die Schufa kennt wahrscheinlich jede und jeder im Land. Zumindest verstehen die meisten wohl ganz grob, was sie tut. Die „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“ ist eine Firma aus Wiesbaden, die Daten über Menschen sammelt. Sie errechnet anhand dieser Informationen, für wie kreditwürdig sie Leute hält. 

Diese Information verkauft sie an Banken, die diesen Menschen möglicherweise einen Kredit geben möchten – oder zum Beispiel auch an Mobilfunkanbieter, wenn es um Handyverträge geht. Vom Urteil der Schufa hängt die Geschäftsfähigkeit von Millionen Menschen in Deutschland ab. 

Heute gibt es einen großen Umbruch in ihrem Geschäftsmodell. Die Schufa hat die Kriterien komplett überarbeitet, nach denen sie die Bonität – also erwartete Zahlungsmoral – von Leuten einschätzt. Warum genau, und was das bringt, steht im Thema des Tages.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Schufa? Haben Sie Fragen, die wir dem Unternehmen in Ihrem Auftrag stellen sollen? Schreiben Sie unserer Leserreporterin: jule.scharun@correctiv.org.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend, auch mit der heutigen Cartoon-Arena und der aktuellen Fun Facts-Folge! Und schreiben Sie mir gern, was Sie bewegt: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Was sind Sie: „akzeptabel“ oder „hervorragend“?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

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Sie ist aber die mit Abstand größte Firma im Land, die Daten über die Zahlungsfähigkeit von Menschen und Firmen sammelt. Nach eigenen Angaben hat die Schufa

  • Infos zu fast 68 Millionen Menschen gesammelt, 
  • außerdem von rund sechs Millionen Firmen,
  • und gibt jeden Tag im Schnitt 340.000 Bonitäts-Auskünfte an Firmen.
Keine Schufa, kein Kredit. Quelle: picture alliance / ZB | Sascha Steinach


Warum gibt es solche Datensammler?
Auskunfteien sind dafür da, Geschäfte zu ermöglichen, die ansonsten rein auf Vertrauen basieren würden. Zwei Geschäftspartner, die einander nicht kennen, wissen ja nicht: Kann der andere das Auto überhaupt von seinem Gehalt abbezahlen, das ich ihm gerade per Ratenkredit verkaufen will? Wird die neue Mieterin in meiner Wohnung jeden Monat zuverlässig bezahlen?

Die Schufa und andere Firmen füllen diese Wissenslücke (zum Teil) mit einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sie schauen sich an, ob der potenzielle Käufer in der Vergangenheit Kredite zuverlässig abbezahlt hat. Und wenn dem so war, gibt es eine positive Bewertung. Den sogenannten Score.

Ein weit verbreiteter Irrglaube über die Schufa ist, dass es dem Score schaden würde, wenn man in der Vergangenheit schon häufiger Kredite aufgenommen hat. Hat man sie stets pünktlich zurückgezahlt, ist alles gut. Und ein laufender Immobilienkredit verbessert den Score sogar – weil man davon ausgehen kann, dass es vor der Vergabe eine sehr umfassende Prüfung des Kreditnehmers gab. Was dagegen schaden kann: Wenn man in kurzer Zeit viele kleine Kredite aufnimmt. 

Weshalb es am Schufa-Score Kritik gab:
Bisher war für uns Verbraucherinnen und Verbraucher kaum nachvollziehbar, wie wir denn genau zu unserem Schufa-Score kamen. Denn der bisherige Schufa-Score setzte sich aus 100 verschiedenen Werten zusammen. Als bewertete Verbraucherin konnte man zwar seinen eigenen Schufa-Score kostenlos abfragen. Die Bewertung war aber schwer zu verstehen.

Was sich nun ändert (und warum):
Ab jetzt errechnet sich der Schufa-Bonitätswert nur noch aus zwölf Kriterien. Die Firma selbst sagt, sie sei die erste Auskunftei weltweit, die ihre Bewertungen für die Betroffenen komplett nachvollziehbar gemacht habe. 

Kleiner Einschub: Aus Verbrauchersicht ist es ganz schön verwunderlich, dass diese Transparenz-Vorgabe nicht für alle Firmen gilt, die unsere Zahlungsfähigkeit beurteilen. Es gab nämlich mehrere Gerichtsverfahren dazu, dass die Schufa bisher eine ziemliche Blackbox war. Zuletzt zum Beispiel am Verwaltungsgericht Wiesbaden.

Diese Verfahren sind zumindest ein wichtiger Auslöser, weshalb die Schufa jetzt so radikal umgebaut hat. Ganz so freiwillig hat sie das also nicht gemacht.

Wen betrifft die Umstellung wie?
Laut Schufa-Auskunft (haha, Wortspiel) werden neun Prozent der Leute jetzt in eine bessere Klasse rutschen und dafür acht Prozent in eine schlechtere. Letzteres betrifft vor allem Personen, zu denen nur wenige Daten vorliegen.

Nachteil für Junge:
Innerhalb der zwölf Kriterien spielt zum Beispiel das Lebensalter eine große Rolle. Nicht explizit, aber: Das Bewertungssystem belohnt es, wenn Ihr ältester Bankvertrag älter als 20 Jahre ist, Sie Ihre erste Kreditkarte vor mindestens 15 Jahren bekamen und seit mehr als 20 Jahren an derselben Adresse wohnen.

Dies ist auch der Grund, weshalb der Bundesverband der Verbraucherzentrale die neuen Score-Kriterien nicht ganz einwandfrei findet: Junge Menschen könnten noch so gewissenhaft ihre Rechnungen bezahlen, sie könnten trotzdem nie Höchstwerte beim Score erreichen. 

Die Schufa sagt dazu allerdings, das Problem sei wirklich nicht groß. Junge Leute könnten innerhalb von drei Jahren im Punktewert vom Status „akzeptabel“ auf den Status „hervorragend“ kommen.

Berechnung zweier Wirtschaftsinstitute: Sondervermögen wird zweckentfremdet 
Nur ein Jahr, nachdem der Bundestag das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) verabschiedete, ziehen zwei Wirtschaftsinstitute eine negative Zwischenbilanz. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) errechnete, dass 86 Prozent davon nicht für neue Investitionen verwendet werden. Das Münchner Ifo-Institut kommt sogar auf 95 Prozent. (Mehr dazu auch in der Rubrik „CORRECTIV ganz persönlich“.) 
spiegel.de 

Irans Sicherheitschef bei israelischen Luftangriffen getötet 
Der Sicherheitsratschef des Irans, Ali Laridschani, soll nach Angaben des israelischen Verteidigungsministers Israel Katz bei einem gezielten Luftangriff getötet worden sein. Eine Bestätigung von der iranischen Seite gab es bislang nicht. Laridschani galt als eine zentrale Figur im iranischen Machtapparat.
zeit.de

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Windräder auf einem Feld
Weil der Netzausbau nicht ausreichend ist, muss die Leistung aus Windparks manchmal gedrosselt werden – dazu kursieren online Falschbehauptungen (Foto: Sepp Spiegl / SZ Photo / Picture Alliance)

So geht’s auch
In Großbritannien hat eine Frau erstmals ein Kind nach einer Gebärmuttertransplantation zur Welt gebracht. Eine der Leiterinnen des an der Transplantation beteiligten Forschungsteams, Isabel Quiroga, betonte, dies sei ein gewaltiger Meilenstein: So entstünde neue Hoffnung für Frauen ohne Gebärmutter, die aber einen Familienwunsch hegen. 
euronews.com

Fundstück
Wurde die Identität des berühmten Graffiti-Künstlers Banksy enthüllt? Jahrzehntelang gab es Spekulationen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Eine Recherche der Nachrichtenagentur Reuters soll ihn nun identifiziert haben. Banksy-Fans kritisieren den Artikel, da dies seine Arbeit gefährden könne. 
swr.de


Bei CORRECTIV haben wir uns von Anfang an vorgenommen, bei der Verwendung dieses Sondervermögens „Infrastruktur und Klimaneutralität“ genau hinzusehen. Werden die Milliarden tatsächlich für zusätzliche Investitionen ausgegeben? Landet das Geld wirklich dort, wo es hin soll – oder droht eine Zweckentfremdung?

Nun zeichnen zwei Wirtschaftsforschungsinstitute ein kritisches Bild. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu dem Ergebnis, dass 2025 rund 86 Prozent der Gelder zweckentfremdet wurden. Dem ifo-Institut zufolge flossen sogar etwa 95 Prozent der neu aufgenommenen Schulden nicht in zusätzliche Infrastruktur-Investitionen.

Laut Berechnungen des Ifo-Instituts ergibt sich im Bundeshaushalt 2025 im Vergleich zu 2024 eine Lücke von 23 Milliarden Euro an zusätzlichen Schulden, die nicht in neue Investitionen geflossen sind. Es kam stattdessen zu Verschiebungen – Posten aus dem Kernhaushalt wurden in das kreditfinanzierte Sondervermögen verlagert.

Ähnliche Verschiebungen konnte ich bei meinen Recherchen auch auf Länderebene beobachten. Im bayerischen Doppelhaushalt 2026/2027 sind zum Beispiel neue Dienstfahrzeuge für die Polizei geplant, finanziert mit rund 20 Millionen Euro aus dem Sondervermögen. Solche Ausgaben sollten eigentlich im regulären Haushalt stehen.

Ein weiteres Problem ist die Investitionsquote, wie die Ökonomen des IW schreiben: Sie gilt nur für die geplanten, nicht die tatsächlichen Ausgaben. Wie hoch die Investitionen am Ende wirklich ausfallen, zeigt sich also erst im Nachhinein – im Bund wie in den Ländern. Selbst hohe Quoten, wie sie etwa Bayern vorweisen kann, spiegeln nicht automatisch die realen Ausgaben wider.

Auch der langsame Abfluss der Mittel an Länder und Kommunen fiel den Forschern des IW auf. In meinen Recherchen zum Sondervermögen und zu Investitionen in Schulen habe ich belegt, dass bei den Kommunen 2025 noch kein Geld angekommen ist.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.