Wirtschaft vs. Klima
Das Niedrigwasser in Rhein, Donau und Elbe wird teuer für die deutsche Wirtschaft. Doch Kanzler Merz scheint den Zusammenhang von Klimawandel und Wirtschaftsschäden immer noch nicht ernst zu nehmen.

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
knapp eine Woche im Amt, hat der neue Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) schon die erste Krise zu bewältigen: die historisch tiefen Pegelstände in Rhein, Elbe und Donau. Um die Lage zu besprechen hatte er heute Wirtschaftsverbände zur „Niedrigwasser-Konferenz“ nach Bonn eingeladen.
Gestern wurden Rechnungen öffentlich, welchen wirtschaftlichen Schaden der niedrige Wasserstand verursacht: Ein Monat Niedrigwasser im Rhein lässt die Industrieproduktion um rund ein Prozent schrumpfen. Wie Unternehmen betroffen sind, welche Forderungen aus der Wirtschaft kommen – und welcher Aspekt bislang ziemlich außer Acht gelassen wird, lesen Sie heute im Thema des Tages.
Apropos Wirtschaft: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte sich die Stärkung dieser ja besonders auf die Fahnen seiner Kanzlerschaft geschrieben. Wir haben nochmal nachgezählt: Insgesamt 25 Mal fällt das Wort „Wirtschaft“ (oder dessen Ableitungen) in Merz’ erster Regierungserklärung als Kanzler am 14. Mai 2025 (Scholz nutzte es bei gleicher Gelegenheit am 15. Dezember 2021 insgesamt 16 Mal). Im Vergleich dazu sprach Merz viermal vom Klima (oder Klimaschutz, Klimakrise etc.); Scholz hingegen 31 Mal.
Es gilt also der alte Kampf Wirtschaftskanzler versus Klimakanzler – warum Merz aber eigentlich längst beides sein müsste, beschreibt CORRECTIV-Klimareporterin Elena Kolb im „Ganz persönlich“. Und in der Grafik des Tages hat SPOTLIGHT-Chef Sebastian Haupt aufbereitet, wo gerade ganz besonders wenig Wasser fließt.
Heute gab es zudem Neuigkeiten zum Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle, über den wir auch im gestrigen SPOTLIGHT berichtet hatten: Die Drohne hatte sich in der Nähe von Frachtmaschinen einer ukrainischen Fluggesellschaft befunden, die mit militärischer Munition beladen war. Da der Sprengstoff, der an der Drohne befestigt war, nicht detonierte, entging der Flughafen Leipzig/Halle womöglich nur knapp einer Katastrophe.
Mein Kollege Alexej Hock hatte erst vor zwei Tagen über die Verdachtsfälle von Sabotageakten und hybrider Kriegsführung in Deutschland berichtet, den Text können Sie hier noch einmal nachlesen.
Haben Sie Rechercheideen oder Anregungen – gerne auch für die „Leserfrage der Woche“? Dann schreiben Sie mir gerne an elena.mueller@correctiv.org
Thema des Tages: Wirtschaft vs. Klima
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Faktencheck: Gerüchtekiller: Hilft Spucke gegen juckende Mückenstiche?
Dieser Tage richten sich alle Augen auf das Städtchen Kaub. Dort wohnen zwar nur rund 750 Menschen, aber der kleine Ort in Rheinland-Pfalz ist ein Nadelöhr der deutschen Rheinschifffahrt.
Denn dort liegt der Stromkilometer 546 – und beim derzeit historischen niedrigen Wasserstand wird dieser für die meisten Frachtschiffe unpassierbar. Nur noch 20 Zentimeter beträgt der Pegelstand in Kaub gerade. Der Tiefstwert aus dem Dürresommer 2018 ist damit unterschritten.
Der Pegelwert selbst gibt zwar nicht die tatsächliche Wassertiefe an. So liegt beispielsweise die reale Fahrrinnentiefe in Köln rund einen Meter höher als der angezeigte Pegel. Das ist bei den derzeitigen Wassermengen dennoch zu wenig, damit vollbeladene Frachtschiffe nicht auf Grund laufen.
Das sind die wirtschaftlichen Folgen:
Wenn die Schiffe nicht mehr vollbeladen fahren, entstehen den Unternehmen und den Reedereien täglich Verluste. Und wie die Zeit berichtete, wirkt sich der niedrige Pegelstand in Kaub direkt auf die deutsche Wirtschaftsleistung aus: Ein Monat Niedrigwasser an dieser Stelle am Rhein lasse die Industrieproduktion um rund ein Prozent schrumpfen.
Stefan Kooths, Direktor der Forschungsgruppe Konjunktur und Wachstum am Kieler Institut für Weltwirtschaft, sagte der Zeitung, dass das Bruttoinlandsprodukt zwischen Juli und September deswegen um 0,1 bis 0,2 Prozent niedriger ausfallen könne. Das entspreche einem Wertschöpfungsverlust von ein bis zwei Milliarden Euro. Beim Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) geht man sogar von 0,4 Prozentpunkten Wirtschaftswachstum aus.

Auf Nachfrage von CORRECTIV bei den großen deutschen Industrieunternehmen Thyssenkrupp und BASF, die auf den Transport von Rohstoffen und Gütern über den Rhein angewiesen sind, hielt man sich mit konkreten Angaben zu Verlusten zurück. Thyssenkrupp meldete, man habe die eigene Schubschifffahrt nun ausgesetzt und nutze vorsorglich angemietete, externe Schiffe, die wegen ihres niedrigeren Tiefgangs auch bei den aktuellen Wasserständen eingesetzt werden könnten.
BASF in Ludwigshafen hatte bereits nach dem Niedrigwasser 2018 solche Niedrigwasser-Schiffe angeschafft: Bisher habe der Binnenschifftransport deshalb weitestgehend aufrechterhalten werden können. Nur in Einzelfällen komme es zu Lieferengpässen. Damals verlor der Konzern durch Niedrigwasser 250 Millionen Euro.
Auftritt Bundesregierung:
Es ist also offensichtlich: Das Niedrigwasser schadet der Wirtschaft. Kein Wunder, dass die Bundesregierung da hellhörig wird. Der niedrige Wasserstand in Rhein, Elbe und Donau hat dem neuen Verkehrsminister Steffen Bilger (CDU) direkt eine arbeitsreiche erste Woche im Amt beschert. Er hatte heute Wirtschaftsverbände zu einer Niedrigwasser-Konferenz nach Bonn eingeladen. Nach dem Treffen sagte Bilger bei einer Pressekonferenz, dass Frachttransporte über Land ausgebaut werden sollen – und das Sonntagsfahrverbot für Lkw ausgesetzt, um Lieferengpässe zu vermeiden.
Doch schon bevor alle an den Rhein angereist waren, sind die Forderungen klar: Die Verkehrsminister der Länder wollen mehr finanzielle Hilfen vom Bund – unter anderem ein „Flottenförderprogramm für niedrigwassergeeignete Schiffe“.
Die nun auch wieder hervorgeholte – aber nur auf den ersten Blick – naheliegendste Forderung: die Fahrrinnenvertiefung. Also einfach das Flussbett ausbaggern und zack, Problem gelöst? Fachleute warnen: Das ist nur eine Verschiebung des Problems. Eigentlich fehlt es ja am Wasser. Und das ist wiederum eine Folge des Klimawandels. Mehr zu den Zusammenhängen steht weiter unten im „Ganz persönlich“.
Apropos weniger Wasser …
Es gibt ein in der aktuellen Debatte ein sehr unterbelichtetes Problem: Wenn die Flüsse insgesamt weniger Wasser führen, nimmt die Konzentration von Schad- und Giftstoffen im verbleibenden Wasser zu.
Wie diese CORRECTIV-Recherche von Anfang des Jahres zeigt, schwimmen im Rhein tausende unbekannte Chemikalien aus Haushalts- und Industrieabwässern – und niemand weiß, wie gesundheitsschädlich sie sind. Auch Experten können nicht ausschließen, dass einzelne dieser Stoffe auch ins Trinkwasser gelangen und die Gesundheit gefährden.
„Selbstverständlich ist davon auszugehen, dass eine geringere Wasserführung und damit eine geringere Verdünnung des ja unverändert weiter eingeleiteten Abwassers zu höheren Konzentrationen abwasserbürtiger Chemikalien führt“, sagt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) auf CORRECTIV-Anfrage.
RKI korrigiert Zahl der Hitzetoten nach oben
Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet deutlich mehr Todesfälle durch die Hitzewelle Ende Juni als zunächst bekannt. Statt der bisher angenommenen 5.000 Opfer spricht das RKI nun von 9.600 hitzebedingten Todesfällen innerhalb einer Woche. Der Anstieg erklärt sich durch die verzögerte Veröffentlichung der Statistiken aus den Bundesländern.
deutschlandfunk.de
Iran und Oman kurz vor Einigung auf neue Schiffsroute
Iran und Oman, die beide an der Straße von Hormus liegen, verhandeln über eine neue Schiffsroute durch die blockierte Meerenge. Dabei ist von einer Gebühr von fünf bis sieben Prozent auf das Frachtgut die Rede – ein Novum in der internationalen Schifffahrt. Irans Vizeaußenminister Kasem Gharibabadi stellte klar, dass die Vereinbarung keine Wiedereröffnung der Straße von Hormus bedeute. Vielmehr handle es sich um ein neues Modell.
tagesspiegel.de
Krankenkassen melden weitere Millionenverluste durch fragwürdige Anlagen
Recherchen von NDR, WDR und der Süddeutschen Zeitung enthüllen neue Millionenverluste bei Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Die Fehlinvestitionen in Immobilienfonds belaufen sich demnach auf 220 Millionen Euro. Dabei sind die Kassen verpflichtet, ihr Geld risikofrei anzulegen. Mehrere Einrichtungen klagen nun gegen das Finanzunternehmen hinter den Fonds. Sie argumentieren, sie hätten die Anlage für sicher gehalten.
tagesschau.de

Leserfrage der Woche

Anne T. fragt uns: Wie sind die Abgeordneten und sonstige Parlamentarier und Beamten krankenversichert?
Eines fällt mir als Leserreporter auf: Ich bekomme häufiger Fragen über die Vergütung und die Absicherung von Politikerinnen und Politikern. Viele von Ihnen wünschen sich demnach mehr Transparenz. Dazu ein Hinweis: Einige Abgeordnete gehen auf ihre eigenen Webseiten durchaus darauf ein, welche Leistungen genau sie bekommen – etwa Carmen Wegge (SPD), Simone Fischer (Grüne) und einige Abgeordnete von der Linken.
Beim Thema Krankenversicherung haben wir nun noch einmal genauer hingeschaut. Abgeordnete entscheiden zwischen zwei Modellen. Die Webseite Parlamentjobs hat das ganz gut erklärt:
Entweder können Abgeordnete die gesetzliche Krankenversicherung wählen. Dann zahlt der Bundestag die Hälfte der Beiträge. Die andere Hälfte wird vom Gehalt des Abgeordneten abgezogen. Das Modell entspricht der Regelung für Angestellte in Unternehmen.
Oder Abgeordnete wählen eine private Kranken- und Pflegeversicherung. Die Beiträge zahlt er oder sie dann selbst. Dieses Modell deckt jedoch nicht alle Risiken ab. Deshalb sichert die Beihilfe Politiker zusätzlich nach beamtenrechtlichen Maßstäben ab.
Wie viele Abgeordnete sich für die gesetzliche und wie viele für die private Krankenversicherung entschieden haben, konnte uns die Bundestagsverwaltung auf Anfrage nicht sagen. Ein Sprecher erklärte, eine solche Statistik existiere wegen der Vielzahl individueller Versicherungskonstellationen nicht. Allerdings konnte er uns Zahlen liefern, wie viel Geld der Bundestag jährlich für die Krankenversicherung der Abgeordneten ausgibt: Für 2026 sind vorerst rund 10,6 Millionen Euro eingeplant.
Falls in Ihnen eine Frage an ein Ministerium schlummert, schreiben Sie mir gerne unter tristan.devigne@correctiv.org.

Faktencheck

Spucke kann gegen juckende Mückenstiche kaum etwas ausrichten – aber in der Not verschafft sie zumindest etwas Linderung. Warum das so ist:
correctiv.org
So geht’s auch
In Deutschland sind fast die Hälfte der sogenannten Verkehrs- und Siedlungsflächen mit Beton und Steinen versiegelt. Das ist ein Problem, denn Begrünung verbessert das Stadtklima deutlich: Sie schafft mehr Schatten, lässt Regen besser versickern und verwandelt Abgase durch Pflanzen in Sauerstoff. In Bremen ruft der Verein Kulturpflanzen daher zu einem Mitmachprojekt auf und entsiegelt und bepflanzt mit Freiwilligen den Lucie-Flechtmann-Platz.
wdr.de
Endlich Verständlich
In Europa begannen Waldbrände dieses Jahr ungewöhnlich früh. Die zentrale Frage lautet: Wie lassen sich solche Feuer verhindern? Ein EU-Forschungsprojekt sucht Antworten. Waldbrände hängen oft mit der Landflucht zusammen. Bleibt das Land ungenutzt, wächst die Vegetation – und damit das Brennmaterial. Warum immer mehr Menschen vom Land wegziehen und welche Maßnahmen Waldbrände eindämmen könnten, erfahren Sie hier.
tagesschau.de
Fundstück
Dunkle Schokolade zu riechen soll die sportliche Leistung steigern können. Besonders beim Training auf nüchternen Magen bietet dies offenbar psychologische Vorteile. Das haben Forscher der University of Malaya herausgefunden. Im Experiment schafften die Teilnehmer nach 30 Sekunden Schokoladenduft deutlich mehr Wiederholungen als ohne. Die Studienautoren vermuten, dass Gerüche Gehirnregionen ansprechen, die Appetit und Belohnung steuern. So kann die Schokolade das Hungergefühl verringern.
futurezone.de
Bundeskanzler Merz inszeniert sich gern als Wirtschaftskanzler. In seiner Regierungserklärung versprach er, die deutsche Wirtschaft zurück auf Wachstumskurs zu bringen. Ich frage mich, ob er dabei die Bedrohung durch die Klimakrise im Blick hat.
Meine Kollegin Elena Müller berichtet heute im Tagesthema von den hohen Kosten, die durch Niedrigwasser entstehen. Wollte man aber am Ende des Sommers hochrechnen, was die Klimakrise der Wirtschaft insgesamt abverlangt, müssten noch viele weitere Punkte auf die Liste: Zum Beispiel Schäden durch Starkregen, Überflutungen, Waldbrände, Einbußen im Tourismus, Ernteausfälle in der Landwirtschaft – und nicht zuletzt die Folgen der Hitze. Laut einer Berechnung des Instituts Prognos kostete allein die Hitzewelle Ende Juni die deutsche Wirtschaft 6,3 Milliarden Euro.
Die Erderwärmung treibt all diese Kosten in die Höhe, weil sie Hitze und Extremwetter verstärkt. Wer die Kosten also wirklich senken will, kommt an konsequentem Klimaschutz und Klimaanpassungen nicht vorbei. Für einen Kanzler, der sich als Wirtschaftslenker versteht, darf Klimaschutz daher kein „nice to have“ sein. Derzeit wirkt es noch so: Im Gegensatz zu einem Niedrigwasser-Gipfel ist bislang noch kein Hitzegipfel angekündigt. Die Forderungen vieler Verbände danach – heute sind Proteste vor dem Kanzleramt angekündigt – werden immer lauter.

Niedrigwasser vielerorts – wie sieht es aktuell an den Flüssen in Deutschland aus? Das zeigt die Grafik des Tages. Mehr dazu gibt es hier:
pegelonline.wsv.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert und Sebastian Haupt.
CORRECTIV arbeitet anders
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