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Schmerzmittelmissbrauch im Fußball im Bundestag
Die Pillenkick-Recherche wird bald hier diskutiert werden: Mit einer öffentlichen Anhörung im Bundestag © Rainer Jensen/dpa
Pillenkick

„Die Problematik dürfte sich verschärfen“

Nach Veröffentlichung der Recherche #Pillenkick kündigen Fußballverbände nun erste Maßnahmen gegen den Missbrauch von Schmerzmitteln an – allerdings nur bei den Amateuren. Im Profibereich ist keine Änderung in Sicht. Der Sportausschuss des deutschen Bundestages diskutiert in einer öffentlichen Anhörung den Umgang der Sportverbände mit dem Thema.

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von Jonathan Sachse , Arne Steinberg , Josef Opfermann , Joerg Mebus

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzt sich als Reaktion auf die Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion mit dem Schmerzmittelmissbrauch im Amateurfußball auseinander. Und auch im Bundestag wird das Thema bald diskutiert.

Als erste Initiative führte der DFB vergangene Woche ein Online-Seminar für Spielerinnen und Spieler, Trainer und medizinisches Personal aus dem Amateurfußball durch. Der Schmerzmittelexperte Toni Graf-Baumann sprach mit knapp 20 Personen über einen medizinisch sinnvollen Umgang mit Schmerzmitteln. Der DFB überlegt, die Seminarreihe auszubauen und kündigte zudem an, mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über weitere Aufklärungsmaßnahmen zu sprechen. Außerdem soll die medizinische Kommission des DFB über weitere Maßnahmen beraten.

Wie CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion erfuhren, wurden die Ergebnisse der Recherche am 15. Juni kurzfristig auf die Tagesordnung einer Videokonferenz zwischen dem DFB-Präsidenten Fritz Keller mit allen Regional- und Landesverbände gesetzt und diskutiert. „Wir wollen das Thema Schmerzmittelmissbrauch in die Ausbildung und als Präventionsarbeit aufnehmen“, sagt Peter Frymuth, der Präsident des Fußballverbandes Niederrhein gegenüber CORRECTIV. Er kündigt an, nach der Sommerpause in den Fachgremien seines Verbandes Konsequenzen zu diskutieren. „Für die neue Spielzeit soll die Aufklärung vorbereitet werden.“

Auch der Berliner Fußballverband bestätigt den Missbrauch im Amateurbereich. „Es ist ganz genau das, was uns die Verbandstrainer auch berichten“, sagt Norman Wiechert gegenüber der ARD-Dopingredaktion. Der Referatsleiter für Events und Soziales berichtet von Abendveranstaltungen, in denen der Berliner Verband schon jetzt über einen sorgfältigen Umgang mit Schmerzmitteln informieren würde.

Sportausschuss plant öffentliche Anhörung

Im Bundestag kommt das Thema als Reaktion auf die Veröffentlichung jetzt auf die Tagesordnung des Sportausschusses, der eine öffentliche Anhörung zum Thema Schmerzmittelmissbrauch plant. „Der zu sorglose Umgang mit Schmerzmitteln – nicht nur im Sport, sondern auch in der Gesellschaft – stellt ein nicht zu unterschätzendes Problem dar, das wir aus meiner Sicht in einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses aufgreifen sollten“, sagte die Sportausschuss–Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) diese Woche der ARD-Dopingredaktion. „Eine zentrale Frage ist für mich auch der Umgang der Verbände und Anti-Doping-Institutionen mit diesem Thema.“

In der Recherche #Pillenkick haben CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion aufgedeckt, dass Schmerzmittel im deutschen Fußball nicht nur in Einzelfällen missbraucht werden. Das Problem ist massiv, teilweise führt es zu gravierenden gesundheitlichen Folgen, und es zieht sich durch alle Ligen, Altersstufen und Geschlechter.

Dafür haben die Redaktionen mit etlichen Protagonisten des Profifußballs über Schmerzmittelmissbrauch gesprochen und nach einer bundesweiten Befragung über den CrowdNewsroom von CORRECTIV auch Angaben von mehr als 1.000 Spielerinnen und Spielern ausgewertet, die allermeisten aus dem Amateurlager. Alle Ergebnisse sind auf der Themenseite pillenkick.de veröffentlicht und in der TV-Dokumentation „Hau rein die Pille!“. Dazu berichteten bundesweit Lokalzeitungen über weitere Fälle von Medikamentenmissbrauch in ihrer Region.

Schmerzmittelmissbrauch könnte sich bei Profis verschärfen

Im Gegensatz zu den laufenden Diskussionen im Amateursport ist im Profifußball keine Änderung in Sicht. Zwei Wochen nach Veröffentlichung der Recherche #Pillenkick melden sich sogar noch Stimmen, die davor warnen, dass der Schmerzmittelmissbrauch im Profifußball womöglich verschärft wird. Am Wochenende wird die Bundesliga-Saison abgeschlossen, danach folgt nur eine kurze Pause. Durch die Corona-Pause bedingt, wurden alle internationalen Spiele verlegt und führen ab August zu einer verschärften Belastung.

Gegenüber CORRECTIV äußert sich ein aktueller Nationalspieler besorgt, dass der enge Kalender den Schmerzmittelmissbrauch befördern wird. Er möchte anonym bleiben. Besonders betroffen von der zusätzlichen Belastung sind die Spieler, die mit ihren Mannschaften direkt im Anschluss die Finalspiele der Champions League und Europa League aus der vorherigen Saison nachholen werden und für Nationalmannschaften auf dem Platz stehen.

Spielergewerkschaft warnt vor steigenden Gesundheitsrisiken

Die Spielergewerkschaft VDV teilt die Sorge der Bundesligaprofis. „Nach unserer Wahrnehmung besteht ein Zusammenhang mit dem teilweise sehr engen Wettkampfkalender sowie den damit verbundenen kurzen Regenerationszeiten“, sagt Geschäftsführer Ulf Baranowsky gegenüber CORRECTIV.

So beobachte die Gewerkschaft, dass Spieler kurz vor dem Auslaufen der sechswöchigen Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall eher bereit seien, gesundheitliche Risiken einzugehen als Einnahmeausfälle hinzunehmen. In anderen Ländern gäbe es eine deutliche längere Dauer der Gehaltsfortzahlung. „Im Zuge der Covid-19-Pandemie befürchten wir darüber hinaus, dass aufgrund von Einnahmeausfällen bei vielen Klubs die Kader verkleinert werden, was die Problematik des Schmerzmittelmissbrauchs zusätzlich verschärfen dürfte.“

DFL beantwortet keine Fragen

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die Dachorganisation der Klubs aus erster und zweiter Bundesliga, hat sich nach Veröffentlichung der Recherche nur vage zum Schmerzmittelmissbrauch geäußert. Zur zusätzlichen Belastung durch den angepassten Spielplan teilte der Verband auf Anfrage lediglich mit: „Die DFL hat die Berichterstattung über Schmerzmittelmissbrauch im Fußball zur Kenntnis genommen und befindet sich zu dieser Thematik im Austausch mit der zuständigen Anti-Doping-Kommission des DFB“, schreibt ein DFL-Sprecher. „Ziel ist es, die Thematik umfassend aufzuarbeiten und anschließend Maßnahmen zu prüfen.“

In einem anderen Sportverband soll der Medikamentenmissbrauch ebenfalls thematisiert werden. Der Deutsche Handballbund (DHB) kündigte in einem Sportschau-Beitrag an, seinen wissenschaftlichen Beirat mit einer Neubewertung des Themas beauftragen zu wollen. Nach der Veröffentlichung erhielten CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion mehrere Hinweise aus weiteren Sportarten zum Schmerzmittelmissbrauch, darunter von mehreren Handballern.

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Die Amateurfußballerin Carolin Böttcher redet offen darüber, wie sie Schmerzmittel prophylaktisch nimmt. / Foto: Sportschau/ ARD-Dopingredaktion
Pillenkick

Pillenkick – auch bei den Frauen

CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben über Schmerzmittelmissbrauch bei Amateur- und Profispielern recherchiert. Jetzt berichten Fußballerinnen, welche Rolle Ibuprofen und andere Mittel für sie spielen

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von Wigbert Löer , Hajo Seppelt , Josef Opfermann , Joerg Mebus , Jonathan Sachse

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Dies ist ein Text von sportschau.de. Dieser ist Teil der #Pillenkick-Recherche, die eine Recherchekooperation von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema Schmerzmittelmissbrauch im Fußball ist. Wir berichten auf pillenkick.de in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Tabea Kemme hat aufgehört, eher früh, mit 28 Jahren. Sie wurde Deutsche Meisterin mit dem 1. FFC Turbine Potsdam, spielte auch in England beim Londoner Verein Arsenal Women FC. Mit der deutschen Nationalmannschaft holte sie Gold bei den Olympischen Spielen, machte insgesamt 47 Länderspiele. Eine Karriere im Frauenfußball, die meistens glanzvoll ablief. Aber keineswegs ohne Schmerztabletten.

„Irgendwie nimmst du ein paar Schmerzmittel und trainierst dann weiter, weil ja am Wochenende der Wettkampf ist“, sagt Tabea Kemme im Interview in Potsdam. Man komme dann aber „an den Punkt, an dem du realisierst, was da eigentlich gerade passiert.“

#Pillenkick: CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben mit etlichen Protagonisten des Profifußballs gesprochen und nach einer bundesweiten Befragung über den CrowdNewsroom von CORRECTIV auch die Angaben von mehr als 1000 Spielerinnen und Spielern ausgewertet, die allermeisten aus dem Amateurlager. Das Ergebnis der rund einjährigen Recherche für eine Fernseh-Dokumentation und verschiedene Texte zeigen: Schmerzmittel werden im deutschen Fußball nicht nur in Einzelfällen missbraucht. Das Problem ist massiv, und es zieht sich durch alle Ligen.

Die Olympiasiegerin Tabea Kemme spricht im Interview mit der ARD-Dopingredaktion über ihr Karriereende und Schmerzmittel. / Foto: Sportschau

Im Frauenfußball scheint das nicht anders zu sein. Viele Sportlerinnen nehmen während der Menstruation Schmerzmittel, um die damit verbundenen Schmerzen zu bekämpfen. Doch bei den Fußball-Weltmeisterschaften 2003 und 2007 nahmen laut einer Studie der FIFA 36 Prozent der Frauen vor jedem Spiel solche Tabletten.

Tabea Kemme erinnert sich an eine Zeit in ihrer Karriere, als sie morgens aus dem Bett die Treppe hinunter ins Wohnzimmer gehen wollte. Ein „Hindernis“ sei diese Treppe gewesen und zugleich ein Zeichen dafür, dass sie Schmerzen hatte und diesen Schmerzen nicht mehr standhalten konnte. „Weil sie einfach so präsent waren“, sagt Kemme und schildert ihre damalige Reaktion. „Dann nehm ich eine Ibu 400 oder eine Diclofenac, was halt gerade in meiner Kulturtasche ist.“

Fritz Keller reagiert

Am Ende habe sie „bewusst eine Entscheidung getroffen“, erzählt sie. Sie habe sich gesagt, „okay, ich möchte nicht diejenige sein, die sich wöchentlich die 1600-Höchst-Milligramm-Anzahl an Ibuprofen organisieren muss, damit es irgendwie hilft“. Das Problem, das eine Schmerztablette beseitigen solle, verschiebe sich nur. „Und hintenraus wird es schlimmer, eine geringe Verletzung größer.“ Jeder Einzelne, sagt die langjährige Bundesliga-Spielerin Tabea Kemme noch, müsse „ein bisschen dafür sensibilisiert werden“.

Das sieht auch Fritz Keller so. Der DFB-Präsident hat die Auswertung der Antworten gesehen (Alle können Sie als PDF hier herunterladen), die bei der Befragung von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion aus dem Amateurlager kamen. Er sei „schockiert“ über das Ausmaß des Schmerzmittelmissbrauchs, sagt Keller und will nun über die Trainer in den Landesverbänden auf die Vereine und Spieler einwirken.

„Mit Fieber & Ibu fast umgekippt“

An der Befragung der Fußballer nahmen auch einige Frauen teil. Sie berichten von den Folgen, die Schmerzmittel für sie gehabt haben. „Ich erlitt nach einer hartnäckigen Erkältung fast eine Herzmuskelentzündung. Mit Fieber & Ibu 600 gespielt & fast umgekippt“, schrieb eine. Eine andere gab an: „Anschließende Verschlimmerung der Schmerzen in Ruhe / nach Belastung, schwerwiegendere Verletzungen entstanden“.

Über unsere Rechercheseite pillenkick.de meldete sich Lisa Mandt. Sie spielte Fußball in der Regionalliga, ein Jahr auch in der Zweiten Bundesliga Süd. Weil die Patellasehne am linken Knie über Jahre chronisch entzündet war, spielte und trainierte sie regelmäßig mit Schmerzmitteln. Ihr Trainer habe sie damals inständig gebeten zu spielen, sagt Lisa Mandt, die heute 28 Jahre alt ist. Sie selbst habe dann nachgegeben. Doch das sei nicht der einzige Grund gewesen.

Kritik einer Kassenpatientin

Als gesetzlich versicherte Amateursportlerin habe sie wenig Chancen auf eine vernünftige Verletzungsbekämpfung gehabt. „Die Ärzte speisen einen ab mit den Worten: ‚Machen Sie mal zwei Wochen Pause und nehmen Sie Ibuprofen täglich, um die Entzündung zu bekämpfen. Nach zwei Wochen geht das schon wieder.‘“ Vernünftig untersucht habe sie niemand – und erst recht nicht aufgeklärt über Nebenwirkungen und mögliche Auswirkungen regelmäßiger Schmerzmitteleinnahme. „Die Ärzte haben mir zum Teil nicht mal die Ausübung des Sportes verboten oder zur Pause geraten.“

Heute würde sie anders handeln, sagt Lisa Mandt, ihr Körper sei ihr Gut, sie lasse sich zu nichts mehr drängen, was die Gesundheit gefährden könnte. Letztlich sei sie ja selbst für die Einnahme der Schmerzmittel verantwortlich. Vor einem Jahr hat sie mit dem Fußball aufgehört.

Prophylaxe mit Pillen

Auch Carolin Böttcher, 27, hat die ARD-Doku „Hau rein die Pille“ gesehen. Die Betriebswirtin aus der Nähe von Höxter in Ostwestfalen steht im Tor des SV Ottbergen-Bruchhausen. Sie verdient kein Geld mit ihrem Sport – ernst nimmt sie ihn dennoch. „Man vertritt ja schon ein bisschen auch sein Dorf. Hier stehen Zuschauer, und die wollen natürlich auch sehen, dass die Mädels kämpfen, dass man sich zerreißt für den Klub. Und da geht es manchmal eben auch nicht ohne Schmerzmittel.“

Carolin Böttcher ist wichtig, dass sie auf dem Fußballplatz eine Form erreicht, in der sie „der Mannschaft optimal helfen“ kann. Fühlt sie sich außer Form, schluckt sie eine Tablette, sagt sie, ebenso vor wichtigen Partien wie im Pokal-Wettbewerb, bei Derbys oder Spitzenspielen. „Da brauche ich das vom Kopf her. Ich sage mir, heute musst du 100 Prozent Leistung bringen. Ich nehme die Tablette dann prophylaktisch.“

Schmerzmittel schlucken, um möglichen Schmerzen vorzubeugen, für sie sei das „wie Schienbeinschoner anzuziehen“, sagt die Fußballerin. Das gelte für knapp die Hälfte ihrer Mitspielerinnen, schätzt sie. Eine Tablette mache einen für die 90 Minuten ein Stück weit unverwundbar.

Es gehe auch im Frauenfußball hart zur Sache, findet Carolin Böttcher, und Stärke zu zeigen, gehöre dazu. Einmal spielte sie mehr als eine Halbzeit mit einem Bandscheibenvorfall. Der Arzt empfahl dann, die Sportart zu wechseln, er schlug ihr Schwimmen vor. Carolin Böttcher steht weiterhin im Tor.

Wie Schmerzmittel im Frauenfußball ebenfalls eine große Rolle spielen, war auch Thema in der Sportschau-Sendung am Sonntag, den 14. Juni, sein. In der ARD-Sendung wurde in diesem Beitrag über weitere Entwicklungen nach der #Pillenkick-Veröffentlichung berichtet.