Ein ausbeuterisches Geschäft:
Wie dubiose Vermittler ausländische Pflegekräfte zur Ware machen

Die zweite Welle der Corona-Pandemie zeigt gerade, wie kritisch der Mangel von Pflegekräften in Deutschland ist. Intensivstationen geraten ohne ausreichend Personal an ihre Grenzen. Verzweifelte Krankenhäuser versuchen, Pflegekräfte in Südamerika, dem Balkan und Asien anzuwerben. Ein lukratives Geschäft für Vermittler – von denen einige Geschäfte um jeden Preis machen. Ein Preis, den die Pflegekräfte zahlen.

Eine Crossborder-Recherche von

Anderthalb Jahre lang schuftet Johanna Salinas für einen Traum, der in Deutschland nach wenigen Wochen scheitern wird. Als Pflegekraft im Ausland will sie sich und ihrer Familie ein neues Leben aufbauen. Die Pflegerin kündigt ihre Arbeit in einem Krankenhaus ihrer Heimatstadt im Süden Kolumbiens. Mit voller Energie verschreibt sie sich stattdessen dem Deutschlernen. Sie nimmt einen Kredit auf, um die Gebühren für die Prüfungen zu bezahlen. Sie stimmt ihre Kinder auf ein neues Leben ein.

Anfang 2020 ist es so weit. Johanna Salinas reist nach Deutschland und beginnt in einer Hamburger Klinik zu arbeiten.

Nach knapp einem Monat ist alles vorbei, Salinas reist in ihre Heimat zurück. 

„Schon in Kolumbien habe ich gespürt, dass der Vermittler keine Erfahrung hatte. Aber ich beschloss, ihm einen Vertrauensvorschuss zu geben“, sagt Johanna Salinas, die eigentlich anders heißt, heute im Gespräch mit CORRECTIV. „Ich musste seine Unerfahrenheit am eigenen Leib erfahren. Sie hatten nicht die geringste Ahnung, was zu tun war.“

Schon nach wenigen Tagen in Deutschland verzweifelt sie. Ihr Deutsch, für das sie so hart gearbeitet hat, reicht nicht für die Arbeit. Das macht ihre neuen Kollegen oft wütend. Ihr Visum ist nur kurze Zeit gültig, doch der Arbeitgeber und der Vermittler lassen sie mit der Bürokratie der Behörden alleine. „Das Krankenhaus hat mich überhaupt nicht unterstützt“, sagt Salinas. Zudem verweigern die Banken ihr ein Konto. Eine Bank sagt, sie als Kolumbianerin könne ja Drogenhändlerin oder Mitglied einer Guerilla sein.

Das Krankenhaus kann sie ohne Konto nicht bezahlen. Während ihrer letzten Woche in Deutschland lebt sie von zehn Euro. Da fragt sie ihren früheren Chef in Kolumbien, ob sie ihre alte Arbeit wieder haben kann und kauft ein Flugticket zurück in ihre Heimat.

Die Corona-Pandemie hat noch einmal ein Brennglas auf ein schon zuvor drängendes Problem gelegt: Deutschland hat zu wenig Pflegekräfte. Die Folgen des Personalnotstands sind alarmierend: Unterbesetzung und ständige Überstunden gefährden nicht nur die Versorgung der Patienten, sondern treiben noch Pflegekräfte aus dem Beruf. Mehrere Studien haben nachgewiesen, dass in Abteilungen mit weniger Personal die Sterberate steigt. Ein krasser Fall machte Anfang des Jahres Schlagzeilen: Die Kinderkrebsstation der Berliner Charité hatte offenbar ein leukämiekrankes Kind aufgrund von Personalnot abgewiesen, das Medienberichten zufolge wenig später starb. 

1,7 Millionen Pflegerinnen und Pfleger arbeiteten 2018 in deutschen Gesundheitseinrichtungen, aber das reicht nicht. Und der Mangel spitzt sich weiter zu. Laut einer Projektion des Bundesinstituts für Berufsbildung werden im Jahr 2035 bundesweit 270.000 Kräfte fehlen. 

Krankenhäuser suchten schon vor der Pandemie verzweifelt Personal, das sie in Deutschland nicht finden. In einigen Regionen ist das Gesundheitssystem bereits von ausländischen Kräften abhängig. 

Bis zu 15.000 Euro zahlen Kliniken als Kopfprämie an Vermittler, die sich weltweit auf die Jagd nach gut ausgebildetem Fachpersonal begeben. Aber das Versprechen von einem neuen Leben ist an fragwürdige Konditionen geknüpft. Zu spüren bekommen die Pflegerinnen und Pfleger das, wenn sie den Arbeitgeber wechseln wollen. Dann müssen sie die Kosten ihrer Anwerbung erstatten – ihre Zeit in Deutschland beginnt also mit einer Schuld, die sie abtragen müssen.

„Die behördlichen Anforderungen sind so komplex, dass die Pflegerinnen ohne Hilfe, der Personalvermittlungsagenturen oder der Arbeitgeber, nicht in der Lage sind, sich in Deutschland zu bewegen und beruflich Fuß zu fassen“, erklärt Professor Lukas Slotala.

„Die behördlichen Anforderungen sind so komplex, dass die Pflegerinnen ohne Hilfe, der Personalvermittlungsagenturen oder der Arbeitgeber, nicht in der Lage sind, sich in Deutschland zu bewegen und beruflich Fuß zu fassen”, erklärt Professor Lukas Slotala.

Das finanzielle Risiko liegt oft vollständig bei ihnen, nicht bei den Krankenhäusern oder den Vermittlern – für die ist es damit das perfekte Geschäft. Ein Geschäft, das auch zu Missbrauch einlädt. Unsere Recherchen zeigen, dass es Krankenhäuser und Vermittler gibt, die mit Knebelverträgen zulasten der Pflegerinnen arbeiten. Die Politik unternimmt kaum etwas, um diese unlauteren Praktiken zu verhindern. 

Es ist schwer genug, überhaupt noch Pflegekräfte zu finden. Auf dem Balkan und in Südeuropa gibt es kaum noch verfügbares Personal. Daher suchen die Krankenhäuser in immer ferneren Ländern, in Südamerika und Asien. CORRECTIV hat gemeinsam mit Partnern in Südamerika, Serbien und Spanien sowie mit Lokalzeitungen in Deutschland recherchiert, wie brutal das Vermittlungsgeschäft für die Opfer sein kann. 

„Das grenzt meiner Meinung nach schon teilweise an modernen Menschenhandel, wie man mit den Nöten und Sorgen der Menschen umgeht und daraus eben Profit schlägt“, sagt Isabell Halletz, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Ausländische Pflegekräfte.

Nicht Teil der Party

Der Vermittler, der Johanna Salinas für kurze Zeit aus Kolumbien nach Deutschland holte,  ist ein Akteur auf dem wilden Vermittlungsmarkt. Die Firma wurde 2018 von einem serbischstämmigen Geschäftsmann gegründet. Nach Recherchen von CORRECTIV kam er selber vor einigen Jahren als Pflegekraft nach Deutschland und arbeitete laut seinem Eintrag auf der Plattform Xing in einem Hamburger Krankenhaus.

Möglicherweise stellte er dabei fest, wie groß der Personalmangel ist – und wie viel Krankenhäuser in ihrer Not bereit sind, für Pflegekräfte aus dem Ausland zu zahlen. Auch der Andrang ist erheblich: Allein in den letzten acht Jahren haben fast 60.000 Pfleger einen Antrag gestellt, um in Deutschland arbeiten zu dürfen. Der Serbe gründete eine eigene Vermittlungsagentur, deren Sitz ein Mietbüro in Hamburg ist – mitsamt eigener Sprachschule in Kolumbien. 

Auf Instagram und Youtube inszeniert sich der 28-Jährige als erfolgreicher Jungunternehmer mit Sitz am Hamburger Jungfernstieg. In seinen Videos sitzen kolumbianische Pflegekräfte in einer Cocktail-Bar im Hamburger Hafen und erzählen, wie gut alles geklappt hat. Der Serbe postet mit bunten Slogans animierte Videos seiner Reisen und der Gespräche zwischen deutschen Klinikvertreterinnen und Bewerbern in kolumbianischen Städten, unterlegt mit fetziger Musik. Ganz so, als sei die globale Arbeitsmigration eine Party – mit dem serbischstämmigen Geschäftsmann als dynamischem Animateur.

Johanna Salinas war nicht Teil der Party. „Du hast versagt, nicht das Projekt“, habe der Geschäftsmann einfach nur gesagt, als sie von Hamburg nach Kolumbien zurück wollte.

„Wir begleiten die die ganze Zeit“

Im Gespräch mit CORRECTIV sagt der Vermittler, nur zwei Pflegekräfte aus Kolumbien, darunter Salinas, seien unzufrieden gewesen. Sie hätten nach der Ankunft in Deutschland schlicht nicht die Geduld aufgebracht, die für die ersten Schritte in Deutschland nötig sei, zum Beispiel für die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen oder die Eröffnung eines Bankkontos. In Folge der Abreise dieser Pflegekräfte in ihre Heimat sei die Agentur auf Kosten sitzengeblieben.

Der Vermittler erzählt im Gespräch, wie er sich selber allein gelassen fühlte als er als Pflegekraft nach Deutschland kam. So sei die Idee entstanden, eine Agentur zu gründen. Das sei seine Motivation gewesen. Und er kümmere sich um die Belange der von ihm vermittelten Pflegekräfte, sagt er: „Wir begleiten die die ganze Zeit. Ich habe Bewerber, die ich seit vier Jahren begleite.“ 

In der erst kurz vor ihrem Kursbeginn eröffneten Sprachschule in Kolumbien hatte Johanna Salinas jedoch einen anderen Eindruck. Die Lehrer hatten keine Zertifizierung. In Deutschland regt sich mancher darüber auf, dass ausländische Pflegekräfte nicht gut Deutsch sprechen – der Fall von Johanna Salinas zeigt, dass es nicht unbedingt an ihnen liegt.

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Schule bestätigt das. „Die Lehrer hatten keine akademische Ausbildung“, sagte er gegenüber CORRECTIV. „Alles musste schnell erledigt werden.“

Tatsächlich verpflichteten sich die Schülerinnen und Schüler der Sprachschule, in nur sechs Monaten Deutschkenntnisse auf Niveau B2 nach dem europäischen Referenzrahmen für Sprachen zu erreichen – eine Unmöglichkeit.

Allein gelassen im Krankenhaus

Der Vermittler bestätigt, dass in der Aufbauphase der Schule ein Teil der Lehrkräfte keine Zertifizierung besaßen. Man habe die Schule jedoch weiterentwickelt und dies sei jetzt nicht mehr der Fall. Der Vermittler erzählt, dass er sich inzwischen selber zum Sprachprüfer weitergebildet habe, um die Qualität der Sprachausbildung sicherzustellen. Seit diesem schwierigen Start habe seine Agentur über 200 Pflegekräfte nach Deutschland vermittelt, die sonst alle zufrieden seien. „Denen geht es hier richtig gut.“

Johanna Salinas sagt, dass sich auch das Hamburger Krankenhaus nicht ausreichend kümmerte. Die Pflegerin hatte nur teilweise das Sprachniveau B1 erreicht. Mit dem kann man gerade so einkaufen und im Restaurant bestellen. An ihrem ersten Tag im Krankenhaus sollte Salinas Verträge unterschreiben, die sie kaum verstand. 

Der Vermittler dagegen sagt, dass der Kurs, den die Pflegerin besuchte, reichen sollte, um B2 zu erreichen. „Man gab mir eine Mappe mit Dokumentationen über die Abteilung, die Einsatzpläne, die Schichten, und sie führten mich kurz herum. Das war alles“, erzählt Salinas. „Man erwartete, dass ich nach zwei Stunden im Job ankommen und mit der Arbeit beginnen würde.“

Ausländische Pflegekräfte fühlen sich oft nicht ausreichend unterstützt von ihrem Arbeitgeber und ihren Kollegen. Die Erfahrung ist für manche so bedrückend, dass sie in ihre Heimat zurückkehren.

Ausländische Pflegekräfte fühlen sich oft nicht ausreichend unterstützt von ihrem Arbeitgeber und ihren Kollegen. Die Erfahrung ist für manche so bedrückend, dass sie in ihre Heimat zurückkehren.

Nach dem ersten Tag verbesserte sich ihre Situation nicht. Die Kolumbianerin sagt, dass sie sich hilflos fühlte, weil sie sich weder mit ihren neuen Kollegen noch den Patienten verständigen konnte. „Das große Thema mit den Kollegen war immer das Gleiche: Dass wir nicht kommunizieren konnten und wie gravierend das sei“, erzählt sie heute über ihre Erfahrung bei dem Hamburger Krankenhaus. 

In Kolumbien hatte Johanna schon fast zwei Jahrzehnte als Pflegekraft gearbeitet. In Hamburg versuchte sie mangels ausreichender Sprachkenntnisse verzweifelt, die gewohnten Arbeitsabläufe aus der Heimat wiederzuerkennen, um das richtige tun zu können. 

Salinas ließ ihr Leben in Kolumbien hinter sich, um ihrer Familie eine bessere Zukunft zu verschaffen. In Deutschland fühlte sie sich im Stich gelassen – ein Ausdruck, den sie im Gespräch mehrmals verwendet.

„Ich wollte meine Geschichte erzählen, damit andere Leute nicht das Gleiche erleben müssen“, sagt Salinas.

Die deutsche Sprache als Hindernis

Ausländische Pflegekräfte benötigen das Sprachniveau B2, um ihren Berufsabschluss in Deutschland anerkennen lassen. Mit Niveau B1 können sie allenfalls als Pflegehilfskraft in Deutschland arbeiten. Doch um tatsächlich im Krankenhausbetrieb integriert zu sein, mit Kollegen und Patienten sicher zu kommunizieren, ist eigentlich ein noch höheres Niveau nötig.

„B2 ist schon sehr mager“, sagt Andrea Schmidt-Rumposch, Pflegedirektorin am Uni-Krankenhaus Essen. „Sie kommen mit B2 aber das Minimum ist eigentlich C1“, sagt sie. Zum Vergleich: C1 ist Voraussetzung für ein Hochschulstudium in Deutschland.

Das Uni-Krankenhaus Essen wirbt seit 2019 Pflegekräfte aus dem Ausland an, aus Serbien oder den Philippinen. Sie erhalten nach Ankunft der Pflegedirektorin vom Krankenhaus ein interprofessionelles Sprachtraining, das Patientensituationen wiedergibt. Das Klinikum hat zwei Stellen für Mitarbeiter geschaffen, die ausländischen Pflegekräften bei der Integration helfen – etwa bei Behördengängen – und Kontakt zu Bewerbern und Vermittlern halten. 

Die Zahl der Anerkennungsanträge von Abschlüssen aus Nicht-EU-Staaten steigt seit einigen Jahren rasant. Beantragten 2012 noch weniger als 500 ausländische Pflegekräfte eine Zulassung in Deutschland, waren es 2019 schon etwa 12.000 – und der Bedarf dürfte noch viel größer sein. Damit boomt auch das Vermittlungsgeschäft. Legt man Vermittlungskosten von 10.000 Euro zugrunde, dann liegt der Markt derzeit bei jährlich 120 Millionen Euro – und dürfte in den kommenden Jahren weiter stark wachsen. Auch während der Corona-Pandemie geht die Anwerbung weiter – der serbische Geschäftsmann flog zum Beispiel im Juni, als es kaum internationale Flüge gab, eine kolumbianische Pflegerin mit einem Evakuierungs-Flug nach Deutschland.

Unseriöse Geschäftsleute

Auf dem Pflegemarkt arbeiten viele seriöse Personalvermittler, die die Pflegerinnen zum Beispiel bis zur Anerkennung eines ausländischen Ausbildungsabschlusses begleiten. „Die behördlichen Anforderungen sind so komplex, dass die Pflegerinnen ohne Hilfe der Personalvermittlungsagenturen oder der Arbeitgeber nicht in der Lage sind, sich in Deutschland zu bewegen und beruflich Fuß zu fassen“, erklärt Lukas Slotala, der Erfahrung als Dezernent für Pflegeberufe am Regierungspräsidium in Darmstadt hat.

Doch der aktuelle Boom zieht auch Geschäftsleute an, die mit widersprüchlichen Versprechungen arbeiten, als könnten sie die wichtigste Regel des Sprachenlernens außer Kraft setzen: Es braucht Zeit.

„Ein Vermittler sagte mir einmal in meinem Büro selbstbewusst, dass er eine Person ohne Vorkenntnisse der deutschen Sprache in nur einer Woche auf Niveau B2 bringen könne“, sagt Slotala. „Leider glauben das manche unerfahrene Einrichtungen und Pflegekräfte.“

„Das ist moderne Schuldknechtschaft. Wie soll ein Arbeitnehmer, der vielleicht etwas mehr als Mindestlohn verdient, solche Summen zurückzahlen?“, sagt Arbeitsrechtlerin Christiane Brors über die Verträge, die die Pflegekräfte unterschreiben müssen.

„Das ist moderne Schuldknechtschaft. Wie soll ein Arbeitnehmer, der vielleicht etwas mehr als Mindestlohn verdient, solche Summen zurückzahlen?“, sagt Arbeitsrechtlerin Christiane Brors über die Verträge, die die Pflegekräfte unterschreiben müssen.

Knebelverträge für die Pflegekräfte

Täuschungen bei den Sprachkenntnissen sind noch der harmlosere Teil eines quasi unregulierten Geschäfts. Denn bei der Anwerbung ausländischer Pflegekräfte gibt es ein Problem: Die Kosten für den Sprachkurs, die Reise nach Deutschland, das  Anerkennungsverfahren und die Vermittlungsgebühren summieren sich pro Pflegekraft auf einen fünfstelligen Betrag. 

Krankenhäuser fürchten, dass sich die Ausgaben nicht lohnen, weil die ausländischen Beschäftigten nur einige Monate bleiben und dann zurückreisen oder zu einem anderen Arbeitgeber wechseln könnten. Manche Krankenhäuser wie auch Vermittler bürden dieses Risiko vollständig den Pflegekräften auf: Sie sollen Knebelverträge unterschreiben, damit sie diese Kosten in solchen Fällen selber tragen müssen.

CORRECTIV vorliegende Unterlagen belegen mehrere Beispiele. Meistens geht es um etwa 15.000 Euro, die so etwas wie die aktuellen Standardkosten für die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte zu sein scheinen. In einem Fall stellte ein Krankenhaus einer asiatischen Pflegerin, die kündigen wollte, neben den Kosten für Deutschstunden und Reisen sogar den Lohn in Rechnung, den das Krankenhaus während ihrer Einarbeitung ihren Kollegen zahlte – „Praxisanleiterstunden“ nannte das Krankenhaus das.

In extremen Fällen verpflichten Krankenhäuser Pflegekräfte, fünf Jahre bei ihnen zu arbeiten, wie CORRECTIV vorliegende Verträge zeigen. Kündigen sie vorher, müssen sie Kosten von ebenfalls etwa 15.000 Euro anteilig zurückzahlen. In einem Vermittler-Vertrag legt  eine Klausel fest, dass die Pflegekraft während des Deutschkurses maximal fünfzehn Tage krank sein darf. Sonst verliert der Vertrag, geschlossen mit Pflegekräften, die ihr Leben in ihrer Heimat bereits aufgegeben haben, seine Gültigkeit. Einige Vermittler heuern Pflegekräfte in Südamerika an und schicken sie dann erst einmal in Deutschschulen auf dem Balkan, wo der Unterricht weniger kostet.

Ein undurchsichtiger Markt

Es ist nicht einmal bekannt, wie viele Vermittler es überhaupt gibt. „Wir können gar nicht schätzen, wie viele Unternehmen sich da tummeln“, sagt Isabell Halletz von der Bundesarbeitsgemeinschaft Ausländische Pflegekräfte.

„Es gibt teilweise auch Einzelpersonen, die selber ausgewandert sind oder in den Drittstaaten jemanden kennen und dann vermitteln, und das macht es eben so undurchsichtig.“

Auch in einem zweiten von CORRECTIV und seinen Partnern recherchierten Fall hat ein Kleinunternehmer versucht, auf dem boomenden Vermittlungsmarkt schnelles Geld zu verdienen – und dabei das ganze Risiko auf die Pflegekräfte abgewälzt.

Die Kliniken Nordoberpfalz, im Besitz der bayerischen Stadt Weiden sowie zweier Landkreise, beschäftigt 3.000 Mitarbeiter. Der Verbund aus Kliniken hat eine eigene Pflegeschule. Wie bei so vielen Krankenhäusern in Deutschland reicht das nicht, um den Personalbedarf zu decken. Die Kliniken Nordoberpfalz rekrutieren ausländische Pflegekräfte – und arbeiten dabei mit einem Vermittler zusammen, der mitunter fragwürdige Verträge abschließt.

Zwischenstation Banja Luka

Anfang des Jahres begann eine Gruppe mexikanischer Pflegekräfte ihren Dienst in einer Einrichtung des Unternehmens – doch zuvor mussten sie auf dem Weg in ein neues Leben in Deutschland nach Recherchen von CORRECTIV erst einmal einen kuriosen Umweg einlegen. Denn der Sprachkurs, den der Vermittler – die Firma QI Consult mit Sitz in Dortmund – für die Pflegekräfte arrangierte, fand in Bosnien und Herzegowina statt. 

Anstatt also nach dem Unterricht an der Kasse eines deutschen Supermarkts die neu gelernten Wörter direkt anzuwenden, schnappten die Pflegekräfte während ihrer sechs Monate in Banja Luka erst einmal etwas Bosnisch auf. Banja Luka versucht, sich als Ausbildungsstätte für internationale Pflegekräfte mit dem Ziel Deutschland zu etablieren.

Arbeitsrechtlerinnen halten zudem Verträge, die der von den Kliniken Nordoberpfalz beauftragte Vermittler mit den Pflegekräften abschloss, teilweise für nicht rechtens. So verpflichteten sich Pflegekräfte zum Beispiel, die Kosten ihrer Anwerbung – 15.000 Euro unter anderem für Vermittlungsgebühr und Kosten der Sprachkurse – den Kliniken anteilig zurückzuzahlen, wenn sie vor Ablauf von fünf Jahren den Arbeitgeber wechseln. 

Christiane Brors, Professorin für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht an der Universität Oldenburg sieht diese Klausel als unwirksam. Und sie geht noch weiter: „Das ist moderne Schuldknechtschaft. Wie soll ein Arbeitnehmer, der vielleicht etwas mehr als Mindestlohn verdient, solche Summen zurückzahlen?“

Wieder nur ein Einzelfall?

Die Kliniken Nordoberpfalz teilten dazu auf Anfrage mit, aus Sicht des Unternehmens gebe es keine Rückzahlungsverpflichtung für die ausländischen Pflegekräfte. Man erachte eine Fünf-Jahres-Klausel zudem selber für arbeitsrechtlich nicht zulässig.

Ein Vertreter von QI Consult sagt im Gespräch mit CORRECTIV, dass das Unternehmen diese Klausel nur anfangs und in wenigen Fällen verwandt habe und es inzwischen darauf verzichte. Derartige Klauseln hingen auch von den Interessen der Arbeitgeber ab. Es sei inzwischen akzeptierter Standard, dass die Pflegekräfte die Kosten ihrer Anwerbung und Integration nicht selbst zu tragen hätten. Daran halte sich das Unternehmen und begleite  die Kräfte auch nach ihrer Ankunft.

„Daher kümmern wir uns auch nach Aufnahme der Tätigkeit um unsere Teilnehmer und helfen bei Familien-Visa oder anderen Themen, die der Eingewöhnung in Deutschland helfen“, so QI Consult. Bei einer Pilotgruppe habe man den Deutschkurs in Banja Luka durchgeführt, weil die Kosten in Deutschland sehr hoch seien. In Zukunft will das Unternehmen die Deutschkurse vor allem in den Heimatländern der Pflegekräfte anbieten.

Ist der Staat die Lösung?

Es gibt bei der internationalen Rekrutierung von Arbeitskräften eine Methode, die ohne Vermittler und Knebelverträge auskommt: die Anwerbung durch den Staat. Seit 2013 werben die Bundesagentur für Arbeit und die Entwicklungshelfer der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in mehreren Staaten Pflegekräfte für Deutschland an, dazu zählen Vietnam, die Philippinen, Tunesien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Das Projekt heißt „Triple Win“, weil angeblich drei Seiten davon profitieren sollen: das deutsche Gesundheitssystem, die Pflegekräfte, die Arbeit in Deutschland finden und die Partnerländer, deren Arbeitsmarkt entlastet werden soll.

Doch das staatliche Programm kann den Bedarf bei weitem nicht decken. Über Triple Win reisten bis November 2020 insgesamt etwa 2.600 Pflegekräfte nach Deutschland ein – das sind nicht einmal zehn Prozent derer, die in den vergangenen Jahren einen Antrag auf Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse in Deutschland stellten.

Während sich seriöse Vermittler je nach Vereinbarung mit dem Krankenhaus auch noch um die Integration kümmern, ist das bei dem staatlichen Programm laut Kritikern nicht ausreichend der Fall.

„Wir haben öfters gehört, dass es Unternehmen gibt, die sagen: ‘Triple Win, einmal und nie wieder‘ “, sagt Isabell Halletz vom Arbeitgeberverband Pflege.

„Das liegt wohl eben daran, dass teilweise die Kandidaten sprachlich nicht richtig vorbereitet werden, und dass es wohl noch am Thema Integrationsbegleitung und Ansprechpartner hapert, wenn diejenigen dann in Deutschland sind.“

Die GIZ sagt dazu auf Anfrage, dass das Programm die eingereisten Pflegekräfte für ein Jahr unterstütze und wenn nötig auch darüber hinaus. Die Bundesagentur für Arbeit biete zudem einen Arbeitgeber-Service für das erste Jahr in Deutschland.

Positiv an Triple Win ist laut Arbeitgebern, dass das Programm dank seiner staatlichen Natur in anderen Ländern viele Türen öffne und bei der Abwicklung des Papierkrams helfe. Neben der Sprache ist die Anerkennung ihrer Berufsabschlüsse die größte Hürde, die ausländische Pflegekräfte nehmen müssen, bevor sie in Deutschland arbeiten können. Eine Vielzahl von Stellen ist hierbei involviert, der Prozess kann sich ein bis zwei Jahre hinziehen – dabei soll er eigentlich nur bis zu vier Monaten dauern.

Die Branche jedoch verstand nicht, warum Spahn in Mexiko mit einer neuen Agentur von sich reden machte, obwohl dort die Bundesagentur für Arbeit bereits seit März 2018 ein Projekt gestartet hatte.

Dafür gründete das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn gemeinsam mit dem Saarland im Oktober 2019 die DeFa – die Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe. Die DeFa sollte die Dauer der Anerkennung auf sechs Monate beschleunigen. 

Öffentlichkeitswirksam reiste Spahn in jenem Monat auch nach Mexiko, traf dort Pflegekräfte und mexikanische Regierungsvertreter. Die Branche jedoch verstand nicht, warum Spahn in Mexiko mit der neuen Agentur von sich reden machte, obwohl dort die Bundesagentur für Arbeit bereits seit März 2018 ein Projekt gestartet hatte.

„Das hat zu deutlicher Verwirrung bei Arbeitgebern geführt“, sagt Halletz. „Das eigentliche Ziel war es ja, dass die DeFa bei den Verwaltungsverfahren unterstützt und einen Prozess übernimmt, der über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz schon geregelt ist. Man hat dort eine Doppelstruktur geschaffen, die besser hätte woanders eingesetzt werden können.“

Das Bundesgesundheitsministerium sagt dazu auf Anfrage, die Defa werbe nicht selber Pflegekräfte an, sondern helfe lediglich bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und der damit verbundenen Bürokratie. Sie sei daher keine parallele Einrichtung zur Vermittlung der Bundesagentur für Arbeit.

Die DeFa hat laut einem Ministeriumssprecher bisher 1.600 Vereinbarungen für die Begleitung von Anerkennungsverfahren abgeschlossen. „Von diesen vereinbarten Fällen befinden sich derzeit trotz der pandemiebedingten Einschränkungen circa 250 in der Phase der Anwerbung durch die Kunden und circa 200 in der Dokumentenzusammenstellung für die Verfahren“, teilt der Sprecher mit. Davon habe die Defa bisher 28 Fälle abgeschlossen.

4.500 Euro

Anabel Flórez ist schon seit 2018 in Deutschland. Zuvor arbeitete sie in ihrer Heimat Kolumbien als Pflegekraft in einem Krankenhaus. Von sechs Leuten, die den von einer kleinen deutschen Vermittlungsagentur organisierten Sprachkurs in Bogota besuchten, kam nur sie mit einer Kollegin an. Die Agentur hatte ihr eine Stelle in einem Krankenhaus versprochen. Tatsächlich arbeitete sie als Hilfskraft in einem Altenpflegeheim in Hardheim im Odenwald – der Vermittler sei nicht transparent gewesen, erzählt sie.

„Die Besitzer des Altenpflegeheims waren bezaubernd, aber für mich war eine solche berufliche Zurückstufung sehr frustrierend. Nach drei Monaten war ich weg.“

Doch so leicht kam Flórez nicht davon. Die Betreiber hatten zwar Verständnis für ihren Wunsch, den Arbeitgeber zu wechseln. Dennoch verlangten sie von ihr, dass sie die Kosten für die Vermittlungsagentur übernahm – 4.500 Euro. 

Flórez gelang der Wechsel  nur, weil sie eine neue Vermittlungsagentur fand, die sich bereit erklärte, das Geld für sie zu bezahlen – was sich letztlich als nicht notwendig herausstellte. Flórez hat jetzt einen neuen Job in einem Frankfurter Krankenhaus. Dort ist sie mit ihrer Tätigkeit zufrieden. 

Viele schwarze Schafe

Der Vermittler TalentOrange mit Sitz in Frankfurt hat nach eigenen Angaben seit 2013 fast 1.000 ausländische Pflegekräfte aus Südamerika und Asien, aber auch dem südlichen Afrika nach Deutschland vermittelt.

„Es gibt eine Menge schwarze Schafe“, sagt Tilman Frank von TalentOrange. „Ich finde das schwierig, dass es so gar keine Handhabe gibt, und dass für Menschen anderswo nicht ersichtlich ist, wie seriös diese Firma ist, mit der man es da zu tun hat.“ Deswegen hat Frank dem Bundesgesundheitsministerium die Idee eines Gütesiegels für Vermittlungsagenturen vorgeschlagen. „Das macht es nämlich für die Menschen im Ausland leichter, eine Sicherheit zu bekommen“, sagt er. 

Vor allem die Pflegebranche selbst drängt auf Regulierung. „Es sind fast zehn Agenturen, die sich wöchentlich hier bei mir melden, und seien es bloß Ein- oder Zwei-Mann-Agenturen“, sagt Andrea Schmidt-Rumposch vom Uni-Krankenhaus Essen. „Es wäre sehr hilfreich, wenn es da irgendwann bestimmte Qualitätsmaßstäbe gibt, da müssen ganz andere Standards her.“

Eine Arbeitsgruppe der vom Bundesgesundheitsministerium ins Leben gerufenen Aktion Pflege, die den Fachkräftemangel lindern soll, strebt die Einführung eines Gütesiegels für Vermittler an. So sollen „Servicequalität, Seriosität, Transparenz und Verlässlichkeit für die beteiligten Arbeitnehmer und Arbeitgeber sowie die beteiligten Behörden gewährleistet werden“.

Ausbildung in Eigenregie

Das Bundesgesundheitsministerium teilt auf Anfrage mit, dass es keine eigenen Erkenntnisse über die Methoden auf dem grauen Vermittlermarkt habe. Das staatliche Deutsche Kompetenzzentrum für internationale Fachkräfte in Gesundheits- und Pflegeberufen entwickelt derzeit eine Zertifizierung für eine ethische Anwerbung von ausländischen Pflegekräften. Ein Gütesiegel dürfte am Ende jedoch freiwillig sein – wer nicht mitmacht, darf dann zum Beispiel von Behörden nicht von Aufträgen ausgeschlossen werden.

Andere Branchen wie etwa Autohersteller haben bereits eine Lösung für ihren Fachkräftemangel gefunden – sie bilden in ihren Tochterunternehmen zum Beispiel in Asien lokale Kräfte aus und holen sie dann innerhalb des Konzerns nach Deutschland. Doch das kommt in der Gesundheitsbranche nur für größere Unternehmen in Frage. Der Berliner Gesundheitskonzern Vivantes etwa betreibt seit 2015 in Vietnam ein eigenes Ausbildungsprojekt für Fachkräfte in der Alten- wie auch der Krankenpflege. Kleinere Kliniken, gerade in ländlichen Gebieten, die für ausländische Pflegekräfte auch nicht so attraktiv sind, müssten sich zu Anwerbungsgemeinschaften zusammenschließen.

Laut eines im Juni veröffentlichten Vergleichs, an dem auch Lukas Slotala mitgearbeitet hat, liegen die Kosten der Pflegeausbildung über den Kosten für Anwerbung und Integration ausländischer Pflegekräfte. Selbst Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse, die zwei Jahre in Anspruch nehmen, sind immer noch ein Jahr kürzer als eine Ausbildung. Die Studie schlägt daher vor, wie bei der Ausbildung auch die Kosten der Anwerbung auf die Träger der Pflegeversorgung, also die Bundesländer sowie die Sozialversicherung, zu übertragen. 

Pflegekräfte wie Johanna Salinas oder Anabel Flórez wären damit geschützt, weil das deutsche Sozialsystem deren Kosten übernimmt. Doch solche Lösungen ändern nichts an dem grundsätzlichen Problem der Anwerbung ausländischer Kräfte: Deutschland nimmt anderen Ländern Pflegekräfte weg, die diese mitunter für die Versorgung im eigenen Land benötigen.

Ein globaler Wettbewerb

2010 unterschrieb Deutschland einen Verhaltenskodex der Weltgesundheitsorganisation WHO. Darin verpflichtet sich Deutschland nicht nur gegen den Einsatz unseriöser Vermittler vorzugehen und ausländischen Pflegekräften die gleichen Rechte wie den einheimischen einzuräumen. Die Unterzeichner des Kodex legten sich auch darauf fest, nicht in Ländern zu rekrutieren, die für den eigenen Bedarf nicht ausreichend medizinisches Personal haben. 

Die entsprechende Liste der WHO wurde zuletzt 2006 aktualisiert. Sie umfasst nur 57 Länder und zwar vor allem die ärmsten der Welt. Mexiko, Kolumbien oder Vietnam finden sich darauf nicht, weil sie als schon genug entwickelt gelten.

Die WHO hat letztes Jahr die Kriterien für die Liste überarbeitet, die Liste selber aber noch nicht aktualisiert. Zuletzt diskutierte die WHO auf ihrem Mitgliedertreffen Mitte November darüber.

Gerade Balkan-Länder wie Serbien zum Beispiel haben selber mit einer erheblichen Überalterung der Gesellschaft zu kämpfen – doch anders als in Deutschland kommt noch die Abwanderung der Jungen hinzu. In Mexiko kamen im Jahr 2016 auf 1.000 Einwohner nur 2,89 Pflegekräfte  – in Deutschland waren es fast 13. Die WHO geht davon aus, dass – inklusive Ärzten und Hebammen – 4,45 im Gesundheitssektor Beschäftigte nötig sind, um eine Gesellschaft ausreichend zu versorgen.

Triple Win sagt auf Anfrage, dass das Programm nur mit der Zustimmung staatlicher Stellen in den Herkunftsländern Pflegefachkräfte rekrutiere. „So wird vermieden, dass Triple Win Arbeitskräfte abwirbt, die vor Ort benötigt werden.“ 

Doch klar ist: Die Corona-Pandemie hat den Mangel an Fachkräften nicht nur in Deutschland verschärft. Die Philippinen zum Beispiel verhängten im April 2020 einen Anwerbestopp für Gesundheitsberufe. Serbien kündigte im Juni 2020 die Teilnahme an Triple Win.

Die Lösung liegt zu Hause?

Nicht umsonst sagen viele im Gesundheitssektor, dass die beste Lösung für den Fachkräftemangel zu Hause in Deutschland liegt.

„Die Anwerbung kann nur eine Maßnahme von einem ganzen Strauß von Maßnahmen sein“, sagt Dietmar Erdmeier, Gewerkschaftssekretär für Gesundheitspolitik beim Bundesvorstand von Verdi. Er weist daraufhin, dass viele Pflegekräfte wegen der hohen Belastungen nicht das normale Rentenalter in ihrem Beruf erreichen, sondern vorher ausscheiden. „Ich sehe es ganz häufig, wie kaputt die Leute eigentlich sind mit Mitte, Ende 50, Muskeln, Knochen, psychischen Erkrankungen, kaputte Knie, Rückenprobleme. Es muss also körperliche und psychische Entlastung geben.“

Neben der hohen Arbeitsbelastung sind vor allem die Löhne und Gehälter bei Pflegeberufen zu gering. Andrea Schmidt-Rumposch vom Uni-Krankenhaus Essen schätzt, dass die Grundentlohnung bei Pflegeberufen um etwa 20 Prozent höher sein müsste, um die Berufe ausreichend attraktiv zu machen und die Verantwortung für Patienten und die ungünstigen Dienstzeiten anzuerkennen. Auch für sie ist die Anwerbung ausländischer Pflegekräfte nur ein Puzzleteil – am besten eines, das nur vorübergehend gebraucht wird. 

„Wir müssen Arbeitsbedingungen schaffen, die dafür sorgen, dass es unseren jungen Erwachsenen leicht fällt, in die Pflege zu gehen, weil das ein toller Beruf ist.“

Während der Corona-Pandemie ist die gesellschaftliche Anerkennung für Beschäftigte im Gesundheitssektor gestiegen – in mehr Geld hat sich das jedoch nicht ausgedrückt. Das fordern zum Beispiel die Linken.

„Alle, die herkommen wollen, um hier in der Pflege zu arbeiten sind herzlich willkommen, aber die gezielte Abwerbung ist falsch. Im Grundsatz muss Deutschland in der Lage sein, die Fachkräfte, die es benötigt, aus der eigenen Bevölkerung zu gewinnen, auszubilden und im Beruf zu halten“, sagt Pia Zimmermann, Bundestagsabgeordnete der Linken und Mitglied im Gesundheitsausschuss des Parlaments. „Die Gründe, warum das bislang nicht gelingt, sind hausgemacht und seit mehr als zehn Jahren hinlänglich bekannt.“

Johanna Salinas konnte in Kolumbien in ihre alte Arbeit zurückkehren. Im Sommer erhielt sie den Lohn für die wenigen Wochen, die sie in Hamburg arbeitete. “Du solltest dankbar sein”, habe ihr der serbischstämmige Vermittler noch gesagt.

Update vom 2. Dezember 2020: In einer früheren Version hieß es, das Programm Triple Win ende mit der Einreise der Pflegekräfte nach Deutschland. Wir haben dies korrigiert.

Update vom 4. Dezember 2020: In einer früheren Version hieß es, eine Agentur habe die mit einem Arbeitgeberwechsel verbundenen Kosten übernommen. Wir haben diese Stelle angepasst, nachdem die Agentur ihre Angaben änderte.

Recherche: Olaya Argüeso, Miriam Lenz, Lisa Pausch, Frederik Richter, Juan Diego Restrepo Text: Olaya Argüeso, Frederik Richter Redaktion: Olaya Argüeso, Frederik Richter, Justus von Daniels, Gabriela Keller Design: Benjamin Schubert Illustrationen: Janosch Kunze Mitarbeit: Michel Penke Social Media: Belén Ríos Falcón, Katharina Späth, Luise Lange, Valentin Zick

25. November 2020

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