„Unterführung? Gefahren-Zone!“
Menschen mit Behinderungen sollen gleichberechtigt leben können. Das Schweizer Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz garantiert dies seit über 20 Jahren. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Ein Projekt von CORRECTIV.Schweiz und der Hochschule Luzern zeigt: Es gibt viele unsichtbare Hindernisse. Hindernisse, die Angst machen. CORRECTIV.Schweiz ist ein Recherchezentrum, das sich für das Wohl aller einsetzt.

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Unser Projekt zeigt die persönlichen Erfahrungen von Menschen.
Zusammen mit der Hochschule Luzern
haben wir diese Erfahrungen in Bild und Ton umgewandelt.
Dafür haben wir neue Technologien verwendet.
So können andere Menschen sehen,
wie Menschen mit einer Beeinträchtigung die Welt erleben.
Wir machen unsichtbare Hindernisse sichtbar.
So erlebt eine Person mit Seh-Behinderung eine Unterführung:
Elfie
Elfie Grendene ist 89 Jahre alt und trägt eine grosse Brille.
Elfie geht nicht mehr alleine durch Unterführungen.
Eigentlich.
Manchmal muss sie es doch tun.
Dann macht Elfie vorsichtig ein paar Schritte in die Unterführung hinein.
Sie hält an und schaut sich um.
Es ist dunkel.
Der Ort ist für sie eine Gefahren-Zone.
Velos fahren nahe an Elfie vorbei.
Sie kommen schnell.
Elfie hört und sieht die Velos nicht.
Elfie ist auf einem Auge blind.
Mit dem anderen Auge sieht sie nur ganz wenig.
Und sie hört fast nichts mehr.
Blindheit und Taubheit kamen mit dem Alter.

Früher spazierte Elfie entspannt durch Unterführungen.
Heute sagt sie:
„Ich bin heilfroh, wenn ich unverletzt wieder herauskomme.“
Nach aussen wirkt sie ruhig.
Doch in ihr drin sieht es in solchen Momenten ganz anders aus:
Sie fühlt sich gestresst.
Für Elfie ist eine Unterführung heute ein grosses Hindernis im Alltag.
Die anderen Menschen bemerken dies nicht.
Petra
Auch Petra Groth vermeidet Unterführungen.
Petra ist 42 Jahre alt und hat Autismus.
Menschen mit Autismus nehmen die Welt anders wahr.
Petra nimmt Licht und Lärm viel stärker wahr als andere Menschen.
Flackerndes Licht tut ihr in den Augen weh.
Laute Geräusche sind in einer Unterführung noch lauter.
Eine lange Unterführung ist für Petra ein Albtraum.
Wenn Petra aus dem Haus geht, trägt sie immer Kopfhörer.
Der Kopfhörer dämpft die Geräusche.
Draussen kann viel passieren:
Strassenlärm, ein Durcheinander von Stimmen, hektische Menschen.
Petra sagt: „Alle Geräusche verursachen Stress, auch körperlich.“
Vor allem plötzliche Geräusche:
Zum Beispiel Kindergeschrei, oder ein Presslufthammer.

Manchmal passieren mehrere Dinge gleichzeitig.
Dann wird der Stress zu viel.
Der Pulli fängt an zu kratzen, obwohl er das vorher nicht tat.
Sie verliert die Orientierung.
Panik kommt auf.
„Es fühlt sich an wie ein Angriff“, sagt Petra.
Wenn unerwartete und laute Baustellen ihren Weg blockieren,
dann geht sie manchmal wieder heim.
So erlebt eine autistische Person eine Baustelle:
Elisabeth
Nicht nur Petra hat Mühe mit Lärm.
Auch ältere Menschen sind empfindlicher auf Geräusche.
Zum Beispiel Elisabeth Rudolf.
Sie leidet unter Alltags-Lärm:
Laub-Bläser, Musik in den Läden, laute Gespräche im Zug.
Wenn Elisabeth dem Lärm nicht ausweichen kann, wird er zur Qual.
Elisabeth sagt: „Lärm stresst mich.
Er überfordert mich und macht mich müde.“
Hindernisse im Alter
Im Alter nimmt aber auch das Gehör ab.
Viele Menschen über 70 hören nicht mehr gut.
Die Folgen: Betroffene fühlen sich unsicher im Alltag.
Und oft auch ausgeschlossen.
Weil sie ihre Mitmenschen nicht mehr richtig verstehen.
Viele Menschen über 70 haben Angst, einsam zu werden.
Aber auch Angst, im Leben nicht mehr mitzukommen.
Im Kopf, wenn sie digitale Geräte nicht mehr verstehen.
Zum Beispiel am Ticket-Automaten.
Körperlich, weil sie langsamer zu Fuss sind.
Und nicht schnell genug über die Strasse kommen.
Die Ampeln sollten länger grün sein.
Auch Menschen mit Seh-Behinderungen benötigen an Ampeln mehr Zeit.
Zeit, um sich zu orientieren.
Zeit, um die Strasse sicher zu überqueren.
Elfie kennt Luzern sehr gut.
Trotzdem bewegt sie sich mit Vorsicht.
Wenn sie allein unterwegs ist, hat sie immer den Blindenstock dabei.
Nicht, weil sie ihn braucht.
Sondern damit andere Menschen ihre Einschränkung wahrnehmen.
Auch an Ampeln geht sie auf Nummer sicher.
Denn an Strassen mit vielen Autos hört sie das Ampel-Signal oft nicht.
Eine Vibration am Schalter gibt es nicht immer.
Sie sagt: „Auch wenn andere schon loslaufen:
Ich warte länger und lasse die Autos durch.“
So erlebt eine Person mit Seh-Behinderung eine Strassenüberquerung mit Ampel:
Leben mit Behinderung in der Schweiz
In der Schweiz hat fast jede fünfte Person eine Behinderung.
Das sind sehr viele Menschen!
Elfie, Petra und Elisabeth sind nur drei davon.
In der Schweizer Verfassung steht im Artikel 8:
„Niemand darf diskriminiert werden […] wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.“
Das heisst: Menschen mit Behinderungen dürfen keine Nachteile haben.
Zudem gibt es seit über 20 Jahren das
Behinderten-Gleichstellungs-Gesetz.
Das Ziel ist: Gleichberechtigung und Teilhabe in allen Lebensbereichen.
Dazu gehört auch, sich durch eine Stadt zu bewegen.
Sicher und ohne Hilfe.
Die Realität ist:
Viele Menschen begegnen im Alltag immer noch Hindernissen.
Fast alle Personen in unserem Text benötigen im Alltag Hilfe von anderen.
Sie warten darauf, dass Hindernisse beseitigt werden.
Sie warten seit über 20 Jahren.
Viele Ziele sind noch nicht umgesetzt.
Unsichtbare Behinderungen, unsichtbare Hindernisse
Hindernisse können Angst, Stress oder Panik auslösen.
Doch nicht immer sieht man das den Menschen an.
Auch ihre Behinderung sieht man ihnen oft nicht an.
Georg Mattmüller ist Geschäftsführer vom Behindertenforum in Basel.
Er sagt: Menschen erfahren weniger Verständnis,
wenn man ihre Behinderung nicht sieht.
Auf der Strasse von anderen Menschen,
aber auch von Behörden.
Anja Reichenbach arbeitet für die Behinderten-Konferenz Kanton Zürich.
Sie hat selbst eine Behinderung und sagt:
Wenn eine Person im Rollstuhl vor einer Treppe steht,
verstehen alle, dass das für die Person ein Hindernis ist.
Was viele Menschen nicht verstehen:
wenn ein Mensch mit Autismus Angst vor einem weissen Raum hat.
Viele sagen: „Ist ja nicht so tragisch!“
Behörden nehmen die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus
weniger ernst als die Bedürfnisse von Menschen im Rollstuhl.
Das fehlende Verständnis ist nur ein Teil vom Problem.
Ein grosses Problem sind die Baugesetze.
Baugesetze beachten nur 3 Behinderungen:
Menschen, die
- schlecht zu Fuss sind
- schlecht sehen
- schlecht hören.
Andere Behinderungen werden nicht beachtet.
Es gibt viele Arten von Behinderungen.
Jede Behinderung bringt eigene Hindernisse mit sich.
Unser Projekt zeigt die persönlichen Erfahrungen von Menschen.
Menschen wie Elfie, Petra und Elisabeth.
Wir machen unsichtbare Hindernisse sichtbar.
Warum braucht es das Projekt?
CORRECTIV.Schweiz und die Hochschule Luzern haben ein Projekt:
Sie wollen Journalismus gemeinsam mit der Bevölkerung machen.
Die Bevölkerung hilft beim Sammeln von Informationen.
Sie macht das auf der digitalen Plattform CrowdNewsroom.
Ziel: die eigene Stadt mitgestalten.
Die Gebert Rüf Stiftung unterstützt das Projekt.
240 Menschen mit Behinderungen haben mitgemacht.
Sie haben auf einer Online-Karte eingetragen,
wo es in Luzern Hindernisse gibt.
Wir haben die Daten ausgewertet.
Wir haben mit Betroffenen vor Ort gesprochen.
Mit vielen von ihnen gingen wir in Luzern spazieren.
Sie zeigten uns persönlich, wo sie auf Hindernisse stossen.
Wir haben auch viele Gespräche geführt:
mit Expertinnen und Gruppen,
die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzen.
Aus all diesen Informationen entstand dieser Text.
Damit machen wir auf die Hindernisse aufmerksam.