
Gießen steht nicht allzu oft im Rampenlicht. Das dürfte heute anders sein, denn mehr als 50.000 Menschen werden erwartet, die gegen die Neugründung der AfD-Jugend protestieren wollen.
Die Behörden nutzen dabei die durch die Stadt fließende Lahn als deeskalierende Grenze: auf der einen Seite des Flusses soll sich die AfD-Jugend gründen, auf der anderen dürfen die Demos stattfinden.
Was macht die Gründung so brisant?
Es ist vor allem der designierte Vorsitzende, Jean-Pascal Hohm, der für die Ausrichtung der künftigen AfD-Jugend steht: rechtsextrem, gut vernetzt ins extremistische, teil gewaltbereite Vorfeld, Fan von Martin Sellner und Vertreter völkischer Ideologie.
Meine Kollegin Isabel Knippel hat in ihrer Recherche zusammengetragen, was an Hintergründen und Äußerungen von Hohm bekannt ist. Daraus entsteht ein klares Bild: Wenn er das neue Gesicht der Jugend werden sollte, öffnet sich die Jugend für den Rechtsextremismus, der 2024 noch dazu geführt hat, dass sich die JA – so hieß die AfD-Jugend – aufgelöst wurde.
Damals ging es der Partei vor allem darum, ein Verbot der Jugend abzuwenden. Jetzt wird die Jugend stärker an die Partei angebunden. Die AfD wird dadurch in ihrem rechtsextremen Kern gestärkt. Grotesk ist dabei, dass Hohm selbst zweimal seinen Job als AfD-Mitarbeiter verlor – gerade weil seine Nähe zu Rechtsextremen zu auffällig war. Offenbar ist das nun kein Hinderungsgrund mehr.
So gelingt guter Streit
Wie geht man mit den Rechtsextremen, die sich das Mäntelchen der Protestpartei umhängen, um? Das war auch eine meiner Fragen an Michel Friedman, mit dem ich ein Video-Interview geführt habe. Wir sprachen darüber, warum Streit für eine Demokratie wichtig, wie und mit wem guter Streit gelingen kann. Sie hatten mir vorab viele gute Fragen zugeschickt, einige davon habe ich mit ins Interview genommen. Schauen Sie hier gern rein und sehen Sie, was Friedman darauf geantwortet hat!
Zu einem Streit, der eigentlich keiner ist, ordnet meine Kollegin Stella Hesch am Ende dieses SPOTLIGHT den Hintergrund ein. Unsere Recherche zu einer kritisierten Vergabe-Entscheidung eines Ministeriums führte zu teils heftigen Reaktionen, die vollkommen grundlos waren.
Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende in der beginnenden Adventszeit- auch mit unseren Empfehlungen der Woche! Übrigens wünscht sich der Oberbürgermeister von Gießen, Frank-Thilo Becher (SPD), dass das Wochenende als „größter friedlicher Aufzug für Freiheit und Demokratie“ in die Geschichtsbücher der Stadt eingeht.
Herzlich,
Ihr Justus von Daniels

Recherchen der Woche
Wenn Männer ihre Frauen töten
Jochen Breyer und sein Team zeigen mit Gerichtsakten, Polizeimeldungen und Gesprächen mit Angehörigen, wie sich Tötungen von Frauen oft über Jahre abzeichnen. Immer wieder tauchen ähnliche Muster auf: Frauen suchen vergeblich Schutz, während Behörden versagen. Erkennbare Muster ziehen sich durch viele Taten. Etwa der Fall einer Frau, die jahrelang in einer Beziehung voller Kontrolle und Isolation lebt. Als sie sich trennt, eskaliert die Gewalt. Obwohl sie Hilfe sucht und Schutz beantragt, bleibt die Tat unabwendbar.
Weil du mir gehörst! (zdf.de, Doku)
Gelder für Russlands Rotes Kreuz steigen trotz Kreml-Nähe weiter
Kinder und junge Erwachsene zwischen acht und 21 Jahren kriechen in Tarnuniformen durch den Schlamm, montieren Sturmgewehre und steuern Drohnen. „Als wir die Waffen erhielten, wussten wir: Wir müssen 200 Prozent geben!“, hört man ein Mädchen in einem Video sagen, das in russischen sozialen Medien veröffentlicht wurde. Die Aufnahmen zeigen die „Zarnitsa“-Spiele, bei denen Kinder in Flecktarnuniformen die korrekte Versorgung von Wunden lernen. Mitorganisiert wird der landesweite Militärwettbewerb ausgerechnet von Zweigstellen des Russischen Roten Kreuzes (RRK). Eine Recherche des Standard und weiteren Partnermedien.
Patriotische Kindercamps (derstandard.at)
Abgründe der Coaching-Szene
„Prügel fürs Karma – Die Abgründe der Coaching-Szene“ beleuchtet die Machenschaften des österreichischen Life-Coachs Markus Streinz. In vier Folgen tauchen die Journalisten der Nürnberger Nachrichten in die Welt seiner spirituellen Sekte, die Gewalt als Weg zur Heilung sieht.
Prügel fürs Karma (nn.de, Audio)
Hunderte Webseiten verlinken auf Kreml-Propaganda
Eine Untersuchung des Institute for Strategic Dialogue zeigt: Hunderte englischsprachige Webseiten verlinken auf Inhalte des pro-kremlnahen Desinformationsnetzwerks Pravda und behandeln diese meist als glaubwürdig. Das Netzwerk, aktiv seit 2014 und 2025 stark ausgeweitet, veröffentlicht inzwischen täglich zehntausende Artikel und richtet sich weltweit an verschiedene Sprachräume. Forschende betonen, dass diese Flut an Inhalten die Propaganda sichtbarer macht und sowohl Suchmaschinen als auch KI-Modelle beeinflussen kann. Auch CORRECTIV deckt regelmäßig russische Desinformation auf – zuletzt enttarnten wir im Januar eine russische Einflussoperation zum Bundestagswahlkampf.
Hundreds of English-language websites link to pro-Kremlin propaganda (theguardian.com, Englisch)
Ein verstörendes Netzwerk
Im Podcasts „Rape Tapes“ entdecken die Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh im Internet Nutzer, die sich über das heimliche Betäuben und Vergewaltigen von Frauen austauschen – und Videos ihrer mutmaßlichen Taten veröffentlichen. Die Opfer stammen offenbar aus dem eigenen Umfeld: Ehefrauen, Partnerinnen, Mütter. In einer jahrelangen Undercover-Recherche gewinnen die Journalistinnen das Vertrauen der Nutzer und decken ein internationales Netzwerk von Vergewaltigern auf, das ungestört wachsen und agieren konnte – bis jetzt.
„Rape Tapes“ (ardaudiothek.de, Audio)
Im letzten Monat haben wir die Erfahrung gemacht, dass Fakten manchmal nicht zu zählen scheinen. Ende Oktober haben wir eine Recherche veröffentlicht – über ein vom Forschungsministerium mit rund neun Millionen Euro gefördertes Projekt gegen Antisemitismus, das unter anderem von Ahmad Mansour geleitet wird. Das Problem: Drei externe Fachleute, die das Ministerium selbst beauftragt hatte, kamen zu dem Schluss, dass das Projekt nicht förderungswürdig sei. Der Vergabeprozess und weitere interne Unterlagen legen nahe, dass zentrale wissenschaftliche Standards nicht eingehalten wurden. Genau über diese Kritik habe ich berichtet. Wenn etwas als Forschung bezeichnet wird, sollte auch Forschung drinstecken – erst recht, wenn für eine außergewöhnlich hohe Fördersumme Steuergeld eingesetzt wird.
Für die Recherche haben wir über Monate hinweg mit verschiedenen Expertinnen und Experten gesprochen, haben die vielen hundert Seiten der behördeninternen Unterlagen gewälzt, alles klar dokumentiert und verlinkt. Theoretisch könnte sich also jeder selbst ein Bild von dem Vorgang machen – allen voran die Medien, die die Recherche nach unserer Veröffentlichung aufgegriffen haben.
Stattdessen ist in Interviews und Gastbeiträgen mit und von Ahmad Mansour zu lesen, CORRECTIV würde „lügen“ oder ihn „diffamieren“. Der Focus schrieb vergangene Woche, CORRECTIV „habe gemeinsame Sache mit Islamisten gemacht“. Gleichzeitig werden die Fakten des Artikels verdreht. Es ging um generelle Vorwürfe im Kontext der Arbeit Mansours, die unser Text gar nicht erwähnt und es wurde suggeriert, wir hätten den Vorgang verkürzt dargestellt. Kritische Einschätzungen zu dem Projekt, die klar als Zitat gekennzeichnet und wortwörtlich aus amtlichen Unterlagen sowie den Expertenbefragungen übernommen sind, wurden in der Folgeberichterstattung mehrfach fälschlich CORRECTIV selbst zugeschrieben. Keines der berichtenden Medien hat im Übrigen dazu bei uns nachgefragt.
Das Problematische daran: Die emotionalisierte Debatte hat den Schauplatz vollständig verändert. Statt über die fragwürdige Vergabepraxis des Forschungsministeriums zu sprechen – das ohne abschließende wissenschaftliche Prüfung großzügig neun Millionen Euro vergeben hat – wird ein Konflikt zwischen uns und Ahmad Mansour inszeniert. Das Ministerium hingegen rückt aus dem Fokus.

Der rechtsextreme Schwiegersohn
Jean-Pascal Hohm soll Vorsitzender der neuen AfD-Jugendorganisation werden. CORRECTIV hat sein Auftreten analysiert – und zeigt, wie vernetzt er in die rechtsextreme Szene ist und was das für die Zukunft der AfD-Jugend bedeuten könnte.
correctiv.org
Wir müssen streiten! – mit Michel Friedman
Was ist ein gelungener Streit? Welchen Streit brauchen wir in einer Demokratie? CORRECTIV Chefredakteur Justus von Daniels spricht darüber mit einem der bekanntesten und leidenschaftlichsten Streiter Deutschlands: dem Publizisten und Juristen Michel Friedman.
youtube.de
Ungesehen – ungeschützt: Frauenhäuser sind nicht für alle zugänglich
Frauen mit Behinderung sind deutlich häufiger von Gewalt betroffen als der Rest der Gesellschaft. Dennoch werden sie in ihrer Not allein gelassen. Warum ist das so?
correctiv.org
Das Versagen der deutschen Russlandpolitik – mit Katja Gloger & Georg Mascolo
Im Gespräch mit CORRECTIV Publisher David Schraven beleuchten Katja Gloger und Georg Mascolo die deutsche Russlandpolitik der vergangen drei Jahrzehnte. Die Autorin und Journalistin Katja Gloger ist Expertin für deutsche Ostpolitik und hat mehrere Bücher zum Thema verfasst. Gemeinsam mit ihrem Mann Georg Mascolo, Journalist und u.a. Spiegel-Chefredakteur von 2008 bis 2013, erklärt sie im Interview die großen Versäumnisse Deutschlands im Umgang mit Russland.
youtube.de
Gerhard Schröder und der Verdacht auf Aktenklau
Der Ex-Kanzler ließ offenbar 178 Aktenordner aus dem Kanzleramt in die Friedrich-Ebert-Stiftung schaffen – darunter womöglich Dokumente zum Austausch mit Wladimir Putin über die Nord-Stream-Pipeline. Ein Experte spricht von möglichem „Diebstahl“.
correctiv.org
Femizide: Ist Deutschland gegen geschlechtsspezifische Gewalt auf dem richtigen Weg?
Mehr als zwei Frauen pro Tag werden in Deutschland Opfer eines Tötungsversuchs. Die Mehrheit der Täter: (Ex-)Partner. Expertinnen fordern bessere Beratungsangebote, verpflichtende Fortbildungen für Polizei und Justiz und mehr Platz in Frauenhäusern. Die SPD will Femizide im Strafgesetzbuch verankern. Kann das helfen?
correctiv.org
Behinderung durch die Justiz
Menschen mit kognitiver Behinderung erfahren Hürden in Strafverfahren. Gerade bei möglichen Sexualdelikten kann das fatal sein. Doch die Behörden tun wenig, um dies zu ändern.
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Stella Hesch und Finn Schöneck.
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