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Eine Firmen-Weihnachtsfeier – und der Abgang eines Chefredakteurs

Der Chefredakteur der WELT hat seinen Posten nach nur etwas mehr als einem Jahr niedergelegt – aus gesundheitlichen Gründen, so die offizielle Begründung. Die Entscheidung fiel knapp einen Monat nach der Weihnachtsfeier der Zeitungsgruppe. Zu dieser Feier musste er sich anschließend unangenehmen Fragen stellen, berichten nun US-Medien.

von Anette Dowideit

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Collage: CORRECTIV, Quelle:picture alliance, unsplash.com

Die Pressemitteilung des Axel Springer-Konzerns wurde am Mittwochvormittag vergangener Woche verschickt: Chefredakteur Jan Philipp Burgard, stand darin, werde seine Funktionen mit sofortiger Wirkung niederlegen.

Der Verlag gab als Erklärung für den plötzlichen Abgang des leitenden Redakteurs gesundheitliche Gründe an. Burgard selbst schrieb zeitgleich im Sozialen Netzwerk LinkedIn, der Schritt sei ihm sehr schwer gefallen, doch es sei nicht anders gegangen:

„Auf dem Rückflug aus dem Urlaub vor anderthalb Wochen (Anmerkung der Redaktion: also um das erste Januarwochenende herum) habe ich einen schweren körperlichen Zwischenfall erfahren, der in der Luft ärztlich behandelt werden musste. Daraufhin habe ich mich für vertiefte Untersuchungen in die Charité begeben. Die Ärzte haben mir dazu geraten, mich mehr auf meine Gesundheit zu konzentrieren. Deshalb habe ich mich entschieden, meine Funktion als Chefredakteur der WELT-Gruppe niederzulegen und eine Auszeit zu nehmen.“

Wann genau sich der beschriebene körperliche Zwischenfall ereignete, ist unklar. Am 5. Januar war Burgard im WELT-Newsroom im Einsatz, wie man auf einem Foto sieht, das ein neuer Kollege an diesem Tag aus dem Newsroom der Welt twitterte. Über seinen Gesundheitszustand sagt das nichts aus; Burgards Anwalt schrieb auf CORRECTIV-Anfrage, es gebe ein Attest, das seine Erkrankung belege.

Eine Weihnachtsfeier mit Folgen

Fit war Burgard offenbar am 11. Dezember, am Abend der Weihnachtsfeier der sogenannten Premium-Gruppe von Axel Springer, zu der die Marken WELT, Politico und Business Insider gehören. Burgard nahm an der Feier teil, man sieht ihn kurz in diesem Instagram-Video von der Feier. In deren Nachgang musste er sich offenbar kritischen Fragen des Springer-Vorstands stellen.

Am Sonntagabend berichtete die New York Times nun über den Vorgang, kurze Zeit später auch das US-Medienmagazin Semafor. CORRECTIV und das Branchenmagazin Medieninsider hatten dazu ebenfalls in den vergangenen Tagen recherchiert. Die US-Zeitungen schreiben, der Verlag habe Anfang Januar eine interne Untersuchung zu den Vorgängen auf der Feier gestartet. Es sei darum gegangen, ob er sich auf der Feier „unangemessen“ gegenüber einer Axel Springer-Mitarbeiterin verhalten habe.

Die interne Untersuchung habe den US-Medien zufolge begonnen, nachdem eine Presseanfrage zu den Vorgängen den Verlag erreicht habe. Das US-Medium Semafor schreibt, damit sei ein Social Media-Post gemeint gewesen, in dem die CORRECTIV-Redaktion zu Hinweisen aufgerufen hatte: Wer bis zum Schluss auf der Weihnachtsfeier gewesen sei und Informationen dazu habe, was sich zu später Stunde auf dem Dancefloor in der Tiefgarage ereignet habe.

Dort nämlich, so berichteten es mehrere Verlagsmitarbeitende übereinstimmend gegenüber CORRECTIV, soll Burgard einer Mitarbeiterin nahe gekommen sein, die ihm nicht direkt unterstellt war.

In der Verlagsspitze sah man das Verhalten des damaligen Chefredakteurs offenbar als Problem an. Denn dem Springer-Konzern hat es vor Jahren größeres Ungemach bereitet, dass sich ein Chefredakteur im Dienst nicht unter Kontrolle hatte: Bei Julian Reichelt, damals Bild-Chef, waren die Dimensionen andere. Er pflegte über die Jahre hinweg eine Reihe von sexuellen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen. Im Fall Reichelt handelte es sich damals nicht um sexuelle Übergriffe – aber eben um das mutmaßlich fragwürdige Ausnutzen von Machtverhältnissen.

Bei Axel Springer ist mittlerweile in einer ethischen Leitlinie festgehalten, dass bei Beziehungen zwischen Verlagsmitarbeitenden besondere Umsicht herrschen muss.

 

Aus dem „Code of Conduct“ des Springer-Konzerns:

„Wir dulden keine sexuelle, diskriminierende oder andere Form von Belästigung, Mobbing oder Einschüchterungen am Arbeitsplatz – weder durch Äußerungen noch durch andere Verhaltensweisen. Wir treten für ein kollegiales Arbeitsumfeld ein und jeglicher Art von Belästigung entschieden entgegen. Dabei übernehmen wir Verantwortung, indem wir ganz konkret Fehlverhalten ansprechen und uns gegenseitig unterstützen.“

Dieser Verlags-Kodex wurde in seiner aktuellen Form 2023 festgelegt – nach den Reichelt-Fällen und als US-Investoren Anteile am Springer-Konzern hielten. Das interne Regelwerk könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb Springer das Gespräch mit Burgard veranlasst hatte.

Die New York Times berichtet, nach übereinstimmenden Aussagen von drei Mitarbeitenden sei Burgard befragt worden, ob er sich „unangemessen“ gegenüber Mitarbeiterinnen verhalten habe. Dabei habe er angegeben, dass er getrunken habe. Er „könne sich nicht erinnern“, ob die Schilderungen stimmen, gibt die Times zwei Mitarbeitende wieder. Gegenüber CORRECTIV schildern es mehrere Stellen aus dem Verlag ebenso.

Laut der US-Zeitung habe der Verlag Burgard nach dem Gespräch mitgeteilt, er solle seinen Posten als Chefredakteur räumen. Auch dies stimmt mit Schilderungen mehrerer Verlagsmitarbeiter gegenüber CORRECTIV überein. Informationen von CORRECTIV zufolge soll Burgard den Vorstand kurz vor der öffentlichen Verkündigung seines Abtritts gebeten haben, einigermaßen gesichtswahrend seinen Hut nehmen zu dürfen.

Eine Antwort, die keine ist – und Drohschreiben vom Anwalt

CORRECTIV hatte die Springer-Pressestelle bereits Mitte vergangener Woche gefragt, ob auch Vorgänge der Weihnachtsfeier hinter dem Abgang Burgards stehen und nicht allein die angegebenen gesundheitlichen Probleme. Die Springer-Kommunikationsabteilung beantwortete dies nicht. Sie teilte als Antwort stattdessen knapp mit, man könne „alle Informationen“ der Pressemitteilung und dem LinkedIn-Post von Burgard entnehmen.

Burgard selbst ließ eine von ihm beauftragte Kanzlei vergangene Woche ein „presserechtliches Warnschreiben“ an die CORRECTIV-Redaktion schicken – noch bevor diese ihm Fragen gestellt hatte. Darin warnte sie vor der Verbreitung von „etwaigen Gerüchten über ein angebliches Fehlverhalten unseres Mandanten gegenüber Mitarbeitenden.“ Wie gesagt: Die junge Frau, der er bei der Weihnachtsfeier nahegekommen sein soll, soll CORRECTIV-Informationen zufolge nicht seine Mitarbeitende in der WELT-Redaktion gewesen sein, aber zur „Premium“-Gruppe des Verlags gehört haben.

Auf Fragen von Sonntagabend, ob es sexuelle Handlungen zwischen Burgard und einer Verlagsmitarbeiterin gab und ob das Gespräch dazu im Vorstand mit dem Niederlegen seines Postens zusammenhing, schickte die Kanzlei am Montagmorgen abermals ein Warnschreiben. In dem Schreiben, aus dem man nicht zitieren dürfe, teilt die Kanzlei mit, es habe keinerlei sexuelle Handlungen zwischen ihrem Mandanten und der betreffenden Teilnehmerin gegeben, die übrigens in keinem beruflichen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mandanten gestanden habe.

Vorgeschichte bei früherem Arbeitgeber

Bei Burgard gibt es eine Vorgeschichte, CORRECTIV hatte im November 2024 darüber berichtet: Bei seinem vorherigen Arbeitgeber, dem WDR, war der Journalist von seinem Posten als stellvertretender Studioleiter in Washington degradiert worden, als herauskam, dass er einer jungen Journalistin gegenüber gegen deren Willen sexuell übergriffig geworden sein soll.

Burgards Karriere beim WDR war daraufhin beendet, danach wechselte er zu Springer. Dort allerdings erzählte er erst einmal nichts von dem Vorfall. Erst nach einer Presseanfrage erfuhr man bei Springer davon. Die Leitungsebene des Konzerns entschied damals aber, dennoch an Burgard festzuhalten und die Decke des gnädigen Schweigens über den Fall auszubreiten.

Jetzt aber hatte Döpfner schnell einen Nachfolger zur Hand: Helge Fuhst, bisher Chef der Tagesthemen, übernimmt der Mitteilung des Verlags zufolge nun gleich zwei Jobs: Er wird Chef der gesamten „Premium“-Gruppe und gleichzeitig Chef der WELT-Redaktion – während die beiden anderen Medienmarken, die zu dieser Gruppe gehören, weiterhin eigene Chefredakteure haben.

Burgard verlässt übrigens laut der offiziellen Mitteilung des Verlags das Unternehmen nicht, sondern gibt lediglich seine Funktion auf.

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Redigat und Faktencheck: Justus von Daniels