Klima

Kernkraftwerke der vierten Generation machen Endlager nicht überflüssig

Anders als online behauptet, kommen auch neuartige Atomreaktoren nicht ohne Endlager für Atommüll aus. Kernkraftwerke der sogenannten vierten Generation benötigen laut Fachleuten noch Jahrzehnte der Forschung, um überhaupt im Wettbewerb bestehen zu können.

von Matthias Bau

Die Kühltürme des stillgelegten Atomkraftwerks Gundremmingen in Bayern (Foto: Michael Bihlmayer / Chromorange / Picture Alliance)
Behauptung
Um ein Kernkraftwerk zu ersetzen, brauche es 1.170 Windkraftanlagen. Im Unterschied zu alten Kernkraftwerken bräuchten die der vierten Generation außerdem weniger Fläche, verursachten weniger Atommüll und würden ein Endlager weitgehend überflüssig machen.
Bewertung
Falsch. Die Berechnung geht von veralteten Anlagen und wenigen Volllaststunden aus. Bei modernen Windkraftanlagen reichen etwa 650 an Land beziehungsweise 270 auf See, um die Leistung des stärksten deutschen Atomkraftwerks zu ersetzen. Kernkraftwerke der vierten Generation sind weder marktreif, noch machen sie Endlager überflüssig, da auch bei ihrem Betrieb und Rückbau Atommüll produziert wird. Insgesamt sind diese Reaktoren bisher nur wenig erprobt, Aussagen mit Blick auf den Flächenverbrauch daher schwierig.

1.170 Windräder soll es brauchen, um ein Kernkraftwerk zu ersetzen. Wäre es da nicht besser, gleich auf neue Kernkraftwerke zu setzen? Dafür warben Nutzer Ende Januar auf X und Facebook und bekamen dafür rund 1.000 Likes. Zu einem Sharepic schreiben sie, Kernkraftwerke schützten „Wälder und Landschaft“ und weiter: Reaktoren der Generation IV „brauchen nochmal bis zu 75 % weniger Fläche, verwerten bestehenden Atommüll und machen Endlager weitgehend überflüssig.“ 

Damit greifen die Nutzer eine politische Diskussion der letzten Jahre auf: nämlich, ob Kernkraft gegenüber dem Ausbau erneuerbarer Energien vorzuziehen sei. In dieser Diskussion wird – wie auch in diesem Fall – teils mit falschen Zahlen hantiert. 

Das Sharepic, das auf X rund 1.000 Likes erhielt, verbreitet sich auch auf Instagram und Facebook
Das Sharepic, das auf X rund 1.000 Likes erhielt, verbreitet sich auch auf Instagram und Facebook (Quelle: X; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Etwa 650 moderne Windkraftanlagen an Land ersetzen ein Atomkraftwerk

Dass ein Kernkraftwerk durch deutlich weniger als 1.170 Windräder ersetzt werden kann, berichteten wir bereits im Januar 2024 in einem Faktencheck über den Reinhardswald in Hessen. Bei modernen Windkraftwerken an Land oder auf See reichen etwa 650 beziehungsweise 270 Anlagen, um die Leistung des stärksten deutschen Atomkraftwerks zu ersetzen. Zum Vergleich: In Deutschland waren zum Jahresende 2025 mehr als 29.000 Windenergieanlagen an Land und 1.680 Offshore-Windenergieanlagen in Betrieb. Laut dem Energiemonitor der Zeit wurden seit Beginn des Jahres 47 neue Windkraftanlagen errichtet. 

Auch die Behauptung der Nutzer, Kernkraftwerke der sogenannten vierten Generation könnten Atommüll vermeiden und Endlager weitgehend überflüssig machen, lässt sich nicht halten.

Was sind Kernkraftwerke der vierten Generation?

Der Ausdruck „Kernkraftwerke der vierten Generation“ geht auf eine Organisation mit dem Namen „Generation IV International Forum“ (GIF) zurück, die auf Initiative des US-Energieministeriums gegründet wurde. Mitglieder sind laut der Webseite des Forums Kanada, Südkorea, Frankreich, Japan, die USA, die Schweiz und Großbritannien. Deutschland gehört nicht dazu.

Die Organisation setzt sich zum Ziel, bis zum Jahr 2030 Reaktortypen, die aktuell nicht gängig sind, wirtschaftlich rentabel zu machen. Dazu gehören blei- und gasgekühlte Reaktoren, Salzschmelzereaktoren oder beschleunigergetriebene Systeme. Diese sollen Brennstoffe effizienter nutzen, weniger Müll produzieren, sicher sein und verhindern, dass sich Atomwaffen weiterverbreiten. Erreichen wolle man diese positiven Effekte durch „geschlossene Brennstoffkreisläufe“, also die vollständige Aufarbeitung von bereits genutzten Brennelementen sowie die Nutzung von Actinoiden, schreibt das GIF. Auch wenn der Name auf neue Technologien hindeutet, geht die Forschung an solchen Reaktoren teils Jahrzehnte zurück. 

In Reaktoren der vierten Generation sollen Neutronen teils nicht mehr abgebremst werden

Bisher weltweit am weitesten verbreitet sind sogenannte Leichtwasserreaktoren. Diese verwenden (mit angereichertem) Uran gefüllte Brennstäbe, um Energie zu erzeugen. Das funktioniert vereinfacht gesagt so, dass die Uran-Atome mit Neutronen beschossen werden, was zu einer Kettenreaktion führt. Denn die Atome setzen bei ihrer Spaltung ein weiteres Neutron frei. Die Geschwindigkeit der Neutronen wird dabei durch einen sogenannten Moderator reguliert, das kann zum Beispiel Wasser sein. 

Trifft ein Neutron auf Uran, spaltet sich das Uran-Atom auf und es werden weitere Neutronen freigesetzt. So entsteht eine Kettenreaktion.
Trifft ein Neutron auf Uran, spaltet sich das Uran-Atom auf und es werden weitere Neutronen freigesetzt. So entsteht eine Kettenreaktion. (Quelle: Stefan-Xp contribs / Vectorization: Wondigoma (contribs, Kernspaltung, Wert angepasst von BMUV, CC BY-SA 3.0)

Hier liegt ein wesentlicher Unterschied zu den Konzepten für Reaktoren der vierten Generation. Bei einigen ist kein Wasser als Moderator vorgesehen. Die Neutronen bewegen sich ungebremst. Sie sollen die im Uran gespeicherte Energie effektiver nutzen können und die sogenannten Actinoide (radioaktive Metalle), wie Plutonium, ebenfalls spalten, also Brennstoffe insgesamt besser nutzen. Gemeinsam ist den Konzepten, dass sie mit Wärme und Dampf eine Turbine antreiben, die schließlich Strom erzeugt. 

Die Abbildung zeigt, wie ein sogenannter Druckwasserreaktor, eine spezielle Form des Leichtwasserreaktor, Strom erzeugt
Die Abbildung zeigt, wie ein sogenannter Druckwasserreaktor, eine spezielle Form des Leichtwasserreaktor, Strom erzeugt (Quelle: Nuklearsicherheit.de / GRS)

Neue Reaktoren laut Bundesamt bislang keine Alternative

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), in Deutschland zuständig für die Aufsicht über die Endlagerung von Atommüll und den Umgang mit Kernbrennstoffen, ließ in einer Studie von März 2024 unter anderem prüfen, wie weit die alternativen Reaktoren entwickelt und wie sicher sie sind. In der Zusammenfassung schreiben die Autorinnen und Autoren: „Die Markteinführung von alternativen Reaktorkonzepten (auch als ‚Generation IV‘ bezeichnet) ist aktuell nicht absehbar.“

Christian von Hirschhausen, für die Technische Universität Berlin an der Studie beteiligt, sagte zu den Ergebnissen: „Auch im internationalen Kontext stellen die alternativen Reaktorkonzepte weder den bisherigen Trend zu Leichtwasserreaktoren in Frage, noch stellen sie eine machbare, wirtschaftliche Option für zukünftige Energieversorgung dar“.

Denn laut dem BASE-Bericht gibt es bisher gar keine Reaktoren, die mit Beschleunigern arbeiten, und nur wenige natriumgekühlte, schnelle Reaktoren, vor allem in Russland. Die Datenlage zum Betrieb der russischen Reaktoren sei schlecht, sodass es schwer sei einzuschätzen, wie verlässlich die Reaktoren betrieben würden, schreibt das BASE. Selbst optimistische Schätzungen gehen von ersten „kommerziell“ verfügbaren Reaktoren nach 2045 aus.

Aufbereitung von Plutonium und Uran bisher nicht realistisch

Um zu verstehen, wie die Forschenden zu dieser Einschätzung kommen, schauen wir uns die Studienergebnisse zur Wiederaufbereitung von Plutonium und Uran an, die es bei neuen Reaktorkonzepten geben soll. Diese Wiederaufbereitung basiert auf der sogenannten Partitionierung (Trennung radioaktiver Abfälle) und Transmutation (Umwandlung in andere Elemente), auch P&T-Verfahren genannt.

Die Idee dabei ist, das Material in verbrauchten Brennstäben erneut nutzen zu können und es in weniger lang strahlende Elemente umzuwandeln. Das soll die Lagerzeiten von Atommüll drastisch reduzieren. Denn in alten Brennstäben ist zum Beispiel Plutonium enthalten, welches eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren hat. Das heißt: Erst nach dieser Zeit ist die Hälfte der radioaktiven Strahlung abgeklungen. 

Für die Umsetzung des P&T-Verfahrens benannte das BASE in einem weiteren Bericht jedoch erhebliche Probleme: So sei ein groß angelegtes kerntechnisches Programm nötig, dem in Deutschland der Atomausstieg entgegensteht. Für ein solches Programm benötige man zudem Anlagen, die noch mit einem „erheblichen Forschungs- und Entwicklungsaufwand“ verbunden sind. 

Auch Reaktoren der vierten Generation würden Endlager benötigen

Wie aber sieht es mit dem Versprechen aus, dass damit immerhin Atommüll eingespart und so die Endlagerung einfacher würde?

Das BASE gibt darauf eine eindeutige Antwort: „In keinem Szenario der Nutzung alternativer Brennstoffkreisläufe mit SNR [sogenannte neuartige Reaktorkonzepte, Anm. d. Red.] und einer P&T-Behandlung von Abfällen kann auf ein Endlager für hochradioaktive Abfälle verzichtet werden“. Durch die Wiederaufbereitung könnte zwar das Volumen hochradioaktiver Abfälle reduziert werden, es sei aber mit einer „deutlich höhere Mengen an schwach- und mittelradioaktiven Abfällen“ durch den Betrieb und den Rückbau der Wiederaufbereitungsanlagen zu rechnen. Wie auch beim Rückbau von Kernkraftwerken entstehen dabei radioaktive Abfälle. 

Bei einem P&T-Programm würden im Zuge der Kernspaltung zudem mehr „langlebige Spaltprodukte, zusätzlich zu jetzt bereits vorliegenden Mengen generiert“. Solche Spaltprodukte müssen sicher endgelagert werden. Hinzu kommt, dass die atomaren Abfälle, die es bereits jetzt gibt, zu einem großen Teil gar nicht für die Partitionierung und Transmutation in Frage kommen. Denn, so schreibt das BASE: „Etwa 40 Prozent der in Deutschland angefallenen abgebrannten Brennstäbe wurden bereits wiederaufgearbeitet. Die dabei angefallenen Reststoffe […] wären für P&T nicht zugänglich und müssten direkt endgelagert werden.“

Auf Anfrage schrieb uns der X Nutzer, er habe das Sharepic zur Windkraft als „Netzfund weiterverbreitet“, eigene Berechnungen habe er dazu nicht angestellt und auch keine Originalquellen oder Studien zu den Zahlen vorliegen. Unsere Frage zum Thema Atomkraft beantwortete er nicht. Welche Herausforderung die Endlagerung von Atommüll mit sich bringt, haben wir in diesem Faktencheck erklärt. 

Update, 17. Februar 2026: Wir haben die Antwort eines Nutzers ergänzt, der die Behauptung auf X verbreitete.

Redigatur: Sara Pichireddu, Paulina Thom

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Studie im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, „Sicherheitstechnische Analyse und Risikobewertung von Konzepten zu Partitionierungs- und Transmutationsanlagen für hochradioaktive Abfälle“, März 2021: Link (archiviert)
  • Studie im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, „Analyse und Bewertung des Entwicklungsstands, der Sicherheit und des regulatorischen Rahmens für sogenannte neuartige Reaktorkonzepte“, März 2024: Link (archiviert)
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