Wer arm ist, hat keine Chance
Eine neue Studie zeigt: In Deutschland bestimmt die soziale Herkunft den gesamten Bildungsverlauf eines Menschen.

Liebe Leserinnen und Leser,
übernächstes Wochenende (am 22. März) wird im nächsten Bundesland der Landtag neu gewählt, in Rheinland-Pfalz. Das wichtigste Thema im Wahlkampf: Bildung. Es geht unter anderem um die Frage, ob künftig mehr Geld in Sozialarbeit gesteckt wird – genau um diesen Mangel drehte sich die letzte große Recherche unseres Bildungsteams.

Auch die Umfragen unter unseren Leserinnen und Lesern zeigen immer wieder, dass Ihnen die Ungerechtigkeiten in unserem Bildungssystem wichtiger sind als fast alle anderen Themen – und dafür ist das Thema in der deutschen Politik ziemlich unterbelichtet. Das ist auch genau der Grund, weshalb wir von CORRECTIV ein eigenes Rechercheteam Bildung gegründet haben.
Eine der Reporterinnen aus dem Team, Miriam Lenz, schreibt im Thema des Tages über eine große, extrem wichtige Bildungsstudie, die heute veröffentlicht wurde. Sie zeigt: Wie erfolgreich jemand in Deutschland im Leben sein wird, hängt extrem von dessen sozialer Herkunft ab. Mit anderen Worten: Die Politik schafft es derzeit nicht, hier gegenzusteuern.
Ein anderes wichtiges Thema: Das neue Nachrichten-Comedy-Format Fun Facts, dessen journalistischer Partner wir sind, hat gestern eine spannende Initiative gestartet:
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus ganz Deutschland sollen sich zusammenschließen und gemeinsam die Wiedereinführung der Vermögenssteuer fordern – damit die Kommunen bald mehr Geld haben. Schauspielerin Karoline Herfurth erklärt hier nochmal genauer, warum.
Auf den Aufruf haben sich schon rund 350 Leute gemeldet, die das Vorhaben unterstützen wollen – unter anderem viele Gemeinderäte und Stadtoberhäupter. Wenn auch Sie die Idee gut finden, können Sie unterstützen – und Ihrer Oberbürgermeisterin schreiben, dass sie doch auch bei der Initiative mitmachen soll.
Thema des Tages: Wer arm ist, hat keine Chance
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Neueste CORRECTIV-Recherchen: IS-Finanzierung – Vier Tschetschenen verurteilt
Faktencheck: Kinderkriminalität und Migration: AfD stellt falschen Zusammenhang her
CORRECTIV ganz persönlich: Wie aus unserem Buch dank einer Unterstützerin ein Hörbuch wurde
Grafik des Tages: Atomstrom-Renaissance? Die Kosten werfen Zweifel auf
Eigentlich sollen alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland die gleichen Chancen haben, um in der Schule und später im Beruf erfolgreich zu sein.
Dass das offenbar nicht stimmt, wird seit Jahren in der Wissenschaft und Politik diskutiert. Jetzt zeigt eine neue Studie zum ersten Mal, wie stark die soziale Herkunft die Bildungsungleichheit von der Kita bis zur Uni prägt.
Was neu ist:
Forschende des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe in Bamberg haben dafür Daten von tausenden Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und ihren Eltern aus dem Nationalen Bildungspanel ausgewertet. Und zwar als Langzeitstudie: Diese begleitet die Teilnehmenden über mehrere Jahre – deshalb lässt sich mit ihr die Bildungsentwicklung der Kinder und Jugendlichen besonders gut beobachten.
Die Wissenschaftler haben untersucht, wie sich Armut, das Bildungsniveau sowie der berufliche Status der Eltern auf folgende Bildungsaspekte auswirken:
- auf die Kompetenzen der Kinder, also wie gut sie zum Beispiel sprechen, lesen oder rechnen können
- auf die Bildungsentscheidungen, die getroffen werden – zum Beispiel, ob die Kinder in die Kita gehen oder später auf die Realschule oder das Gymnasium geschickt werden
- auf die Beurteilungen durch Lehrkräfte, also wie sie Kinder benoten und für welche weiterführende Schule sie Kinder nach der Grundschule empfehlen
Die wichtigsten Ergebnisse:
Die soziale Herkunft von Kindern macht schon sehr früh einen großen Unterschied: Kinder aus Familien mit niedrigem Bildungsniveau gehen vor dem vierten Lebensjahr seltener in eine Kita. Bereits im Kleinkindalter haben Kinder aus privilegierten Familien einen größeren Wortschatz und bessere frühe mathematische und naturwissenschaftliche Fähigkeiten. Diese Unterschiede werden in den Jahren, bis die Kinder in die Schule kommen, immer größer.
Je höher die soziale Schicht der Eltern ist, desto besser schneiden die Kinder bei den Tests ab, die die Forscher für ihre Untersuchung vorgenommen haben. In der Schule setzen sich diese unterschiedlichen Ergebnisse nach sozialer Schicht fort, vergrößern sich aber nicht deutlich weiter.
Die soziale Herkunft wirkt sich auch darauf aus, wie Kinder benotet werden und auf welche weiterführende Schule sie gehen: Lehrkräfte geben privilegierten Schülern häufiger bessere Noten als Kindern aus Familien mit einem sozial niedrigen Status – auch wenn sie vergleichbare Kompetenzen haben.
Und bei gleichen Noten und Kompetenzen empfehlen Lehrer am Ende der Grundschule die Kinder nicht-privilegierter Eltern seltener für das Gymnasium.
Die Studie liefert außerdem eine wichtige Erkenntnis, warum Kinder mit Migrationshintergrund häufig niedrigere Schulabschlüsse erwerben: Demnach liegt es nicht am Migrationshintergrund selbst, sondern vor allem an der niedrigeren sozialen Lage des Elternhauses. Allerdings sind im Nationalen Bildungspanel weder Daten zu geflüchteten Kindern, die zwischen 2014 und 2017 nach Deutschland kamen, noch zu aus der Ukraine geflüchteten Kindern enthalten.
Was heißt das politisch?
Viele Bundesländer haben bereits (oder planen) verpflichtende Sprachtests für Kinder im Kita-Alter, allerdings frühestens im Alter von vier Jahren. Nach den neuen Forschungsergebnissen ist das allerdings eigentlich schon zu spät – benachteiligte Kinder müssten viel früher besonders gefördert werden, damit sie nicht den Anschluss verlieren.
Außerdem müssten Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung stärker dafür sensibilisiert werden, dass ihre Notengebung oft durch die soziale Herkunft ihrer Schüler verzerrt wird – sie also nicht unvoreingenommen auf die Kinder und Jugendlichen in ihren Klassen blicken.
Dass in Deutschland verglichen mit anderen Ländern sehr früh die Bildungswege von Kindern getrennt werden, führt zu sozialen Ungleichheiten, die später nicht mehr aufgeholt werden können.
Die Forschenden sind überzeugt, dass die Rolle des Gymnasiums grundlegend reformiert werden müsste – halten das aber gleichzeitig nicht für realistisch. Denn vom aktuellen Schulsystem profitieren vor allem die privilegierten Schichten – und die können ihre Interessen deutlich besser durchsetzen als Menschen mit weniger Geld und Bildung.
Bundesregierung beschließt Begrenzung der Spritpreiserhöhungen
Das Bundeskabinett hat sich darauf verständigt, Spritpreiserhöhungen nur einmal pro Tag zu erlauben. So sollen Pendler und Unternehmen nach österreichischem Vorbild entlastet werden. Auslöser für diese Maßnahme sind die deutlich gestiegenen Spritpreise seit dem Kriegsbeginn im Iran.
tagesspiegel.de
US-Militär greift iranische Schiffe in der Straße von Hormus an
Das US-Militär soll nach eigenen Angaben 16 iranische Minenleger-Schiffe nahe der Straße von Hormus zerstört haben. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump den Iran davor gewarnt, in der Meerenge Minen zu platzieren. Sie gilt als das wichtigste Nadelöhr im internationalen Ölhandel.
deutschlandfunk.de
Japan in Gedenken an Tsunami und Atomkatastrophe in Fukushima
Heute hielten Menschen in ganz Japan Schweigeminuten ab, um der rund 20.000 Tsunami-Opfer vor 15 Jahren zu gedenken. Am 11. März 2011 löste ein Erdbeben der Stärke 9,0 im Nordosten Japans eine Naturkatastrophe aus. In Fukushima ereignete sich in der Folge die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986. Trotz dieses Super-GAUs setzt die japanische Regierung heute erneut auf Nukleartechnik.
marktspiegel.de / tagesschau.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

IS-Finanzierung – Vier Tschetschenen verurteilt
Das Oberlandesgericht Hamburg verurteilte vier Tschetschenen zu Haftstrafen von bis zu achteinhalb Jahren. Die vier Männer sollen Geld im sechsstelligen Bereich gesammelt und über Mittelsleute an Mitglieder und Angehörige der Terrormiliz „Islamischer Staat“ geleitet haben.
correctiv.org

In dieser Folge mit Eva Karl Faltermeier geht es um Gewalt gegen Politiker und Bahnmitarbeiter, steigende Benzinpreise und die Lehren aus den Kommunalwahlen in Bayern.
tube.funfacts.de

Die Zahl tatverdächtiger Kinder in der Polizeilichen Kriminalstatistik bewegt sich seit 15 Jahren auf einem ähnlichen Niveau. Die AfD behauptet dennoch, migrantische Kinder sorgten für eine „Explosion“ der Kriminalität. Wir haben mit Fachleuten gesprochen und ordnen die Zahlen ein.
correctiv.org
Endlich verständlich
Jährlich infizieren sich etwa 1,3 Millionen Menschen mit HIV, Hunderttausende sterben an den Folgen von AIDS. Menschen auf dem afrikanischen Kontinent sind besonders betroffen. Forschern aus Uganda, Kenia und den USA gelang es nun in einem Pilotprojekt, mit einfachen Mitteln die HIV-Neuinfektionen drastisch zu senken. Die Kernidee: Gemeindeschwestern und Pfleger bringen Medikamente und HIV-Tests in bislang unerreichte Gebiete. Dadurch sanken die Infektionen um 70 Prozent im Vergleich zur üblichen Klinikversorgung. Wie das Projekt funktioniert, erklärt der Deutschlandfunk hier:
deutschlandfunk.de
So geht’s auch
Blockade gescheitert: US-Vertreter wollten eine gemeinsame UN-Erklärung zu Frauenrechten verhindern. Deren Kernpunkt ist die Sicherung von Frauenrechten durch die Justiz und den Abbau diskriminierender Gesetze. Die US-Vertreter beklagten hingegen, der Entwurf enthalte „missverständliche Sprache zur Förderung von Gender-Ideologie“. Sie konnten sich aber nicht durchsetzen. 37 der 44 abstimmenden Staaten votierten für einen gemeinsam verhandelten Text, sechs enthielten sich. Lediglich die USA stimmten dagegen.
spiegel.de
Fundstück
Dieses Thema möchte Donald Trump am liebsten vergessen machen: die Verbindung des US-Präsidenten zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Die Künstlergruppe „The Handshake“ will das verhindern. In Washington, D.C. stellte sie erneut eine Statue von Donald Trump auf. Sie zeigt den US-Präsidenten, wie er Jeffrey Epstein umarmt – in einer Haltung, die aus einer berühmten Szene aus dem Film Titanic stammt. Es ist bereits die dritte Installation der Künstlergruppe, die auf die Beziehung der beiden aufmerksam macht.
merkur.de
Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, Recherchen in Bücher zu übersetzen und Wege zu finden, wie möglichst viele Menschen Zugang dazu bekommen. Denn ein Buch kann viel erreichen – aber nicht jede Leserin greift zu einem gedruckten Band.
Vor einiger Zeit hat sich eine Unterstützerin aus unserer Community gemeldet. Sie ist Sprecherin und hatte eine Idee: Sie würde „Der AfD-Komplex“ gern als Hörbuch einsprechen. Honorarfrei. Einfach, weil sie die Recherche wichtig findet. Gemeinsam mit einer Tontechnikerin aus ihrem Netzwerk hat sie das Projekt umgesetzt.
Für uns war das mehr als eine praktische Hilfe. Es zeigt etwas, das man von außen oft nicht sieht: CORRECTIV besteht nicht nur aus Journalistinnen, Autorinnen und Redakteurinnen. Hinter unserer Arbeit steht eine Gemeinschaft von Menschen, die Zeit, Können und Überzeugung einbringen.
Das Hörbuch stellen wir jetzt kostenlos auf Youtube zur Verfügung. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, wie unabhängiger Journalismus heute funktioniert: Er entsteht nicht nur in Redaktionen. Er entsteht auch durch Menschen, die sagen: Diese Recherche soll möglichst viele erreichen – und ich helfe dabei.
Großen Dank an die Sprecherin Franziska Lüttich von „Gutes auf die Ohren“ und der Tontechnikerin Daniela Linke von „Audio Acting Harmony“.

Es gebe eine „Renaissance der Kernenergie“, auch die EU müsse daran teilhaben, forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Abkehr von Atomkraftwerken bezeichnete sie dagegen als „strategischen Fehler“. Und tatsächlich wollen einige EU-Staaten ihre Kernkraftkapazitäten gehörig ausbauen. Doch längst nicht alle glauben an Kernenergie als künftigen, preiswerten Energieträger. Auch in Deutschland herrscht Skepsis über eine solche Renaissance. Wie gut die Kernkraft preislich abschneidet, zeigt die Grafik des Tages.
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Miriam Lenz, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.
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