Na, Gott sei Tank!

Tankstellen sollen den Spritpreis nur noch einmal pro Tag ändern dürfen. Eher gut für Verbraucher – oder schlecht fürs Klima?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche will dafür sorgen, dass Tankstellen die Spritpreise nur noch einmal pro Tag anheben dürfen. Ist das eher gut für Verbraucher – oder eine schlechte Nachricht fürs Klima, weil dann tendenziell mehr Auto gefahren wird? Darum geht es im Thema des Tages.

Wir wollen dazu auch wissen, wie Sie mit dem hohen Spritpreis umgehen. Zur Umfrage geht es weiter unten.

Außerdem heute bei uns:

Wie schaffen wir es, ehrlicher und konstruktiver über Herausforderungen durch Migration zu sprechen? Zum Beispiel über Kriminalität unter jungen männlichen Asylbewerbern – oder über religiösen Extremismus bei einigen Zuwanderergruppen? 

Ich habe den Psychologen Ahmad Mansour zum Video-Interview eingeladen – der mit seiner Kritik an „Parallelgesellschaften“ häufig aneckt. Wir haben kontrovers diskutiert. Eben ist das Interview erschienen.

In der Rubrik „Ganz persönlich“ heute: Ist das Trinkwasser in Deutschland wirklich so gut wie sein Ruf – und wenn ja, wieso hat die EU dann ein Verfahren gegen uns als Land eingeleitet? Und in der „Leserfrage der Woche“: Was passierte eigentlich mit dem Geld aus der sogenannten „Übergewinnsteuer“, das einige Unternehmen während der Corona-Zeit zahlen mussten?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend! Sie erreichen mich unter anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Na, Gott sei Tank!

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Schadstoffbelastete Böden – Anklage gegen Müll-Makler • Nach Hamsterkäufen zu Monatsbeginn – Aral, Shell und Co. verkaufen weniger Sprit

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Schmackes zur Bürgergeldreform

Leserfrage der Woche: Was ist aus der Übergewinnsteuer geworden?

Faktencheck: Explosion im Livestream: Video zeigt keinen Angriff des Iran

Gute Sache(n): Vogelgesang gut für mentale Gesundheit • 35 Millionen Euro für riskante Forschungsideen in Österreich • Den ersten Oscar gewann ein Deutscher

CORRECTIV ganz persönlich: Wie gut das deutsche Trinkwasser geschützt ist

Grafik des Tages: So viel kostet der Iran-Krieg pro Woche

Wirtschaftsministerin: Katherina Reiche. Quelle: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Die Idee:
Tankstellen sollen die Preise nur noch einmal pro Tag erhöhen dürfen. (Preissenkungen dagegen sollen jederzeit zulässig bleiben.)

Bisher ändert sich an einer durchschnittlichen deutschen Tankstelle der Preis 20-mal am Tag.

Woher kommt der Vorschlag?
Aus Österreich. Dort wird es schon genau so gehandhabt. Unsere Reporterin Samira Joy Frauwallner ist Österreicherin – und sie sagt zu ihren Erfahrungen damit: 

„In Österreich ist das Verhältnis zum Auto ein anderes. Ökologische Auswirkungen werden eher gelassen betrachtet, das Auto ist notwendiger allgegenwärtiger Partner. In meinem Herkunftsdorf fuhr der Bus genau zweimal am Tag: Morgens um 6:30 Uhr in die Schule, nachmittags um 14:30 Uhr zurück. Hätten wir kein Auto gehabt, wäre mein Sozialleben als Kind eher beschränkt gewesen. 

Das heißt aber natürlich auch: oft tanken. Bereits seit 2011 gilt eine feste Regel für Tankstellen – nur einmal am Tag, um 12 Uhr, dürfen die Preise erhöht werden. Kraftstoff ist im Vergleich zu Deutschland außerdem deutlich günstiger: 2025 war der Liter Euro‑95‑Benzin in Österreich durchschnittlich rund 25 Cent günstiger als in Deutschland. 

Es ist nicht unbedingt so, dass Sprit bei uns in Österreich günstiger ist, WEIL es die ,Einmal pro Tag’-Regel gibt. Aber: Sie schafft Vertrauen für Verbraucher – sie bleiben gelassener, weil sie nicht fürchten müssen, dass der Preis mehrmals täglich steigt.“

Kann der Plan bei uns denn funktionieren?
Beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) glaubt man: Ja, der Plan könnte aufgehen. Deren Forscher schreiben:

„So werden Verbraucherinnen und Verbraucher vor abrupten Preissprüngen geschützt, ohne den Wettbewerb auszuhebeln.“
Tomaso Duso
Leiter der Abteilung Unternehmen und Märkte im DIW

Ein weiterer sinnvoller Vorschlag könnte laut Duso sein, dass Apps nicht alle Tankstellen im Umkreis anzeigen, sondern nur die günstigsten Tankstellen.

Doch es gibt auch Skepsis. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm meint, dass die Tankstellen-Maßnahme ins Leere läuft: Im schlimmsten Falle würden die Tankstellen die Preise sogar vorsorglich erhöhen.

Verdienen sich die Tankstellen derzeit eine goldene Nase?
Die Betreiber selbst sagen: Nein. Sie bekämen nur den Frust der Leute ab. Verdienen würden hingegen die Mineralölkonzerne. Unsere Social-Media-Redakteurin Katharina Roche erzählte heute in unserer Morgenkonferenz, dass sie am frühen Morgen getankt hat – aber nur den halben Tank vollgemacht hat, weil es ihr sonst momentan zu teuer wäre. 

Die Frau an der Kasse habe erzählt: So würden es momentan viele Leute machen. Deshalb würden die Einnahmen der Tankstellen gar nicht groß steigen – das teure Benzin bleibe in den Leitungen.

Geht es wirklich den meisten Tankstellen so? Wir haben heute gleich mal nachgefragt: beim Zentralverband des Tankstellengewerbes e.V. (ZTG). 

„Viele Kunden haben in der ersten Hälfte der vergangenen Woche eifrig gehamstert, sodass die Kraftstoffabsätze überproportional waren. Ab Mittwoch konnte man dann eine Sättigung beobachten, sprich die Fahrzeugtanks waren voll.“
Jürgen Ziegner
Geschäftsführer des ZTG

Danach sei der Absatz von Kraftstoffen bei Marken wie Esso, Shell oder Aral deutlich zurückgegangen. Sie verkaufen nun fünf bis acht Prozent weniger als in der letzten Februarwoche. Die Absatzzahlen bei sogenannten B-Marken-Tankstellen wie Jet oder Sprint hätten sich hingegen normal entwickelt.

„Wir gehen davon aus, dass in Summe in Deutschland weniger getankt wird – schon wegen des gestiegenen Tanktourismus. Aber eine tatsächliche Kaufzurückhaltung über alle Marken wird erst messbar sein, wenn sich die Fahrzeugtanks wieder leeren.“

Und was ist mit dem Klima?
Hierzu auch nochmal das politisch eher links-progressiv verortete DIW: Dessen Leiterin Energie, Claudia Kemfert, findet: Die Bundesregierung solle, statt den Spritpreis zu vergünstigen, lieber „Mobilitätsalternativen stärken“. 

Zum Beispiel, sagt sie: Besser ein günstigeres Deutschlandticket ermöglichen, damit die Leute mehr ÖPNV fahren statt Auto.

Wie machen Sie es?
Wir wollen Ihr Stimmungsbild abfragen: Falls Sie ein Auto haben, machen auch Sie (wie unsere Redakteurin) momentan den Tank nur halb voll? Steigen Sie gerade aufs Fahrrad oder den Bus um?

Nehmen Sie an unserer Umfrage teil – per Klick hier oder aufs Bild.

Pilotenstreik bei der Lufthansa führt zu Flugausfällen  
​​Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) rief rund 50.000 Beschäftigte zum Streik auf. Dadurch kam es an deutschen Flughäfen zu Ausfällen bei Passagier- und Frachtflügen. Bei den Streiks geht es unter anderem um die betriebliche Altersvorsorge der Lufthansa-Beschäftigten. 
ndr.de

Russland: Konzerthallen-Attentäter zu lebenslanger Haft verurteilt
Ein russisches Militärgericht hat die vier Attentäter des „Crocus City Hall“-Anschlags von 2024 zu lebenslanger Haft verurteilt. Bei dem islamistisch motivierten Attentat waren rund 140 Menschen getötet und bis zu 600 verletzt worden. 
zeit.de

Mülldeponie. Erdhügel. Auf der linken seite ein gelber Bagger.
Schadstoffbelasteter Boden in Selfkant an der niederländischen Grenze. Foto: Michael Billig

Nach Hamsterkäufen zu Monatsbeginn: Aral, Shell und Co. verkaufen weniger Sprit
Der Spritabsatz bei Aral, Esso und Shell sinkt um bis zu acht Prozent, während er bei unabhängigen Tankstellen und B-Marken wie Jet stabil bleibt, teilte der Zentralverband des Tankstellengewerbes mit.
correctiv.org

Symbolbild Leserfrage der Woche

Erinnern Sie sich an die Diskussion über die Übergewinnsteuer zur Corona-Zeit? Aufgrund von Hamsterkäufen und Lieferengpässen waren die Preise einiger Güter schier explodiert – Stichwort Toilettenpapier. Einige Hersteller verbuchten so enorme Gewinne, die – so die Debatte – durch die Übergewinnsteuer abgeschöpft werden sollten. Damit könnte der Staat dann Hilfsprogramme finanzieren. 

Durch Angriffe des Iran wurde in Dubai unter anderem eine Lagerhalle in Brand gesetzt, wie dieses Foto zeigt. Andere Aufnahmen, die kursieren, zeigen jedoch nicht Dubai.
Foto: Altaf Qadri / Associated Press / Picture Alliance

So geht’s auch
Der österreichische Wissenschaftsfonds „FWF“ fördert im Rahmen des Programms „Emerging Fields“ sechs neue Forschungsprojekte in Bereichen wie Kunst, Krebsforschung, Umwelt, Mathematik und Biologie mit insgesamt 35 Millionen Euro über fünf Jahre. Das Besondere: Die Forschungsprojekte sollen ein besonderes Risiko nehmen dürfen und mehr als üblich ausprobieren, so Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ). Erfreulich ist auch: In der Hälfte der Konsortien, die aus 37 Einreichungen ausgewählt wurden, übernehmen Frauen die Koordination.
science.orf.at / excellentaustria.fwf.ac.at 


Aber offenbar gibt es noch Lücken im Überwachungssystem. Gestern hat die EU-Kommission ein Verfahren gegen Deutschland eingeleitet, weil die Regierung es bisher versäumt hat, die EU-Trinkwasserrichtlinie „ordnungsgemäß“ umzusetzen. Das hätte eigentlich schon 2023 passieren sollen.

So sieht die Kommission Nachholbedarf unter anderem bei „Risikobewertungsvorschriften“, also der Frage, wie das Trinkwasser von der Wasserquelle bis zum Wasserhahn am besten geschützt werden kann. Und dabei, wie gut die Öffentlichkeit auf Informationen zugreifen kann. Es geht dabei um Daten zur Wasserüberwachung.

Wie schwierig und aufwändig die Aufbereitung von Trinkwasser ist, hat zuletzt auch unsere Recherche „Das unsichtbare Gift im Rhein“ gezeigt. Gerade chemische Stoffe sind eine Herausforderung für die Trinkwasserversorger. Und nicht alle Stoffe lassen sich komplett herausfiltern, wie die Ewigkeitschemikalie PFAS zeigt.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Samira Joy Frauwallner, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner, Ulrich Kraetzer und Jule Scharun.