Gesundheit

Nein, Kenia tritt nicht aus der WHO aus – was ein virales Video wirklich zeigt

Seit 2024 verbreitet sich online eine Rede des kenianischen Gynäkologen und Impfkritikers Wahome Ngare, in der er die Weltgesundheitsorganisation kritisiert. Beiträge zu dem Video behaupten, Kenia würde aus der WHO austreten. Doch das ist nicht der Fall und wurde auch in der Rede nicht behauptet.

von Laura Seime

World Health Organization - WHO - Photo Illustration
Laut einem weit verbreiteten Video trete Kenia aus der Weltgesundheitsorganisation aus. Grund dafür sei die Sterilisation kenianischer Frauen durch eine Impfkampagne der WHO. Beides entspricht nicht der Wahrheit. (Symbolbild: Jonathan Raa / NurPhoto / Picture Alliance)
Behauptung
Kenia trete aus der WHO aus, da Tetanus-Impfungen der WHO bei Frauen zur Sterilisation geführt hätten.
Bewertung
Falsch. Kenia ist weiterhin Mitglied der WHO. Es gibt keine Belege dafür, dass Tetanus-Impfungen der WHO negative Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit von Frauen haben.

Über unseren Whatsapp-Chatbot erreichten uns im Laufe der letzten Monate einige Hinweise zu einem viralen Video-Beitrag bei Instagram. In dem Video ist ein Mann an einem Rednerpult zu sehen, er spricht auf englisch über Tetanus-Impfungen der WHO. Über dem 90-sekündigen Video ist ein Text eingeblendet: „Kenia tritt aus der WHO aus. Der Grund ist unglaublich. Hört selbst.“ Zu hören ist von einem Austritt Kenias aus der WHO allerdings nichts in dem Video.

Wir recherchierten zu den Ursprüngen der Behauptungen und fanden heraus, dass das Video eigentlich von einer Konferenz in Uganda aus dem Jahr 2024 stammt und der Redner der bekannte kenianische Impfkritiker Wahome Ngare ist. Er verbreitet die Behauptung zu angeblich sterilisierenden Impfungen schon seit 2014 – sie wurde vielfach widerlegt.

Seit 2025 kursiert seine Rede mit der zusätzlichen Behauptung, Kenia trete aus der WHO aus. Auch das ist falsch, Kenia ist weiterhin Mitglied der WHO.

Instagram-Beitrag mit Behauptung: Kenia tritt aus der WHO aus
In einem viralen Video bei Instagram heißt es, Kenia trete aus der WHO aus. Das stimmt nicht. Der Kanal korrigierte seinen Beitrag später. (Quelle: Instagram / nature.pure.content; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Video zeigt Rede von kenianischem Impfkritiker Wahome Ngare

Wahome Ngare ist eigenen Angaben zufolge Leitender Oberarzt für Geburtshilfe und Gynäkologie einer Privatpraxis in Nairobi, die sich laut Webseite an christlich ethischen Grundsätzen orientiert. Zudem ist er in diversen katholischen (Ärzte-)Organisationen aktiv und als Impfkritiker bekannt. Im Rahmen der „African Inter-Parliamentary Conference on Family Values and Sovereignty“ im Mai 2024 in Entebbe, Uganda, sprach er auch vor dem ugandischen Präsidenten über seine Ablehnung der Zusammenarbeit mit der WHO. Video-Ausschnitte aus dieser Rede verbreiten sich bis heute international in den Sozialen Netzwerken.

Die Konferenz „African Inter-Parliamentary Conference on Family Values and Sovereignty“ in Uganda
 
Im Mai 2024 fand in Entebbe (Uganda) die zweite „African Inter-Parliamentary Conference on Family Values and Sovereignty“ statt. Dort kamen Politiker und religiöse Oberhäupter mit Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern zusammen. Die Konferenz hatte zum Ziel, den „Einfluss externer Kräfte auf die afrikanische Kultur und Souveränität“ zu thematisieren und die „familiären und kulturellen Werte“ zu bekräftigen, wie es in einer Pressemitteilung des State House Uganda heißt.

Zu diesem Zeitpunkt war der geplante – und 2025 verabschiedete – internationale WHO-Pandemievertrag Anlass vieler Diskussionen und Falschbehauptungen. Das Abkommen soll dabei helfen, die internationale Reaktion auf Pandemien besser zu koordinieren.Bei der Konferenz hielt der kenianische Gynäkologe und Impfkritiker Wahome Ngare eine Rede, in der er sein Misstrauen gegenüber der Weltgesundheitsorganisation deutlich machte und das geplante Pandemie-Abkommen als Gefahr für die Unabhängigkeit Afrikas erklärte.

Zum Abschluss der Konferenz lud der ugandische Präsident Yoweri Kaguta Museveni einige der Teilnehmenden in das Staatshaus von Entebbe ein. Dort wiederholte Ngare seine Anschuldigungen gegenüber der WHO in einer weiteren Rede.

WHO-Austritt Kenias kommt in der Rede nicht vor und ist erfunden

Im Januar 2025 waren Ankündigungen zu WHO-Austritten der USA und Argentinien in den Schlagzeilen. Schon damals tauchten kurze Ausschnitte der Rede von Ngare in den Sozialen Netzwerken auf, in denen es hieß, Kenia trete nun auch aus.

So landete die Rede von Ngare in Falschbehauptungen in Deutschland

Mit einer Bilder-Rückwärtssuche nach Bildausschnitten des Videos finden wir viele ähnliche Beiträge. Der älteste auffindbare Beitrag stammt von der Facebook-Seite Ngares selbst. Im Mai 2024 postete er ein kurzes Video, in welchem zu hören ist, wie er den ugandischen Präsidenten adressiert. In voller Länge gibt es das Video bei Vimeo. Viele Beiträge tragen außerdem ein Wasserzeichen des Youtube-Kanals „Ben LIVE“, dort ist es aber gelöscht (hier archiviert). 

In seinem anderen Facebook-Beitrag von Januar 2025 zeigt Ngare zwei konkrete Beiträge, die seine Rede alsch weiterverbreitet hatten: Einer der Beiträge stammt von dem englischsprachigen Kanal „Concerned Citizen / @BGatesIsaPyscho“ auf X, der sich selbst in seiner Kanal-Beschreibung als „Verschwörungsrealist / Zufallsanalytiker“ bezeichnet. Dieser X-Beitrag vom 27. Januar 2025 mit mehr als vier Millionen Aufrufen verortet das Video der Rede Ngares fälschlicherweise in Kenia: „Unterdessen in Kenia“. Von einem WHO-Austritt steht dort jedoch nichts.

Der andere Screenshot in Ngares Facebook-Beitrag zeigt einen X-Post vom 28. Januar 2025 des bekannten US-amerikanischen Impf­kritikers Robert Malone, der seit Juni 2025 Teil der Impfkommission des US-Gesundheitsministers Robert F. Kennedy Jr. ist. Melone teilte den Beitrag von „Concerned Citizen / @BGatesIsaPyscho“ mit einem eigenen Kommentar: „Kenia will die WHO verlassen“. Sein Post wurde fast eine Millionen mal angezeigt und mehr als fünfzehntausend Mal geteilt.

Ebenfalls am 28. Januar 2025 erreichte ein englischsprachiger Instagram-Beitrag mit über 400.000 „Gefällt mir“-Angaben eine enorme Reichweite. Zu dem eingeblendeten Video von Ngare wird behauptet, Kenia trete aus der Weltgesundheitsorganisation aus. Das ist der älteste Beitrag mit der Falschbehauptung, den wir finden konnten.

Später landete die Behauptung auch in deutschsprachigen Netzwerken von Impfskeptikern auf Telegram und Facebook. Mehr als eine Millionen Aufrufe erreichte der Instagram-Kanal „nature.pure.content“ mit seinen zwei inhaltlich gleichen Beiträgen am 21. August 2025 und 6. Oktober 2025. Der Kanal beschäftigt sich laut Kanal-Beschreibung mit „Natürlicher Gesundheit“ und korrigierte sich nach unserer Anfrage.

Daraufhin stellte Ngare selbst klar: Das stimmt nicht. In einem Facebook-Beitrag vom 30. Januar 2025 schrieb er: „Es herrscht offenbar große Verwirrung. Manche verstehen nicht, dass meine Bemerkungen, obwohl ich Kenianer bin, an den Präsidenten Ugandas bezüglich des Pandemieabkommens gerichtet waren. Ich wünschte wirklich, Kenia würde aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) austreten, aber ich bezweifle, dass ein afrikanischer Präsident den Mut zu einem solch mutigen Schritt hätte.“

Screenshot Facebook-Beitrag Wahome Ngare klärt über Falschbehauptung zu WHO Austritt Kenia auf
Der kenianische Arzt Wahome Ngare widerspricht der Behauptung, Kenia trete aus der WHO aus (Quelle: Facebook / Dr. Wahome Ngare; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Kenia ist weiterhin Mitglied der Weltgesundheitsorganisation

Kenia ist weiterhin als Mitgliedsland auf der Webseite der WHO gelistet. Am 4. Februar 2026 traf die neue WHO-Repräsentantin für Kenia, Neema Rusibamayila Kimambo, den kenianischen Gesundheitsminister. Während des Treffens betonte Kimambo: „Diese Partnerschaft ist weiterhin von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der kenianischen Gesundheitsagenda, die Gewährleistung der Gesundheitssicherheit und die Verbesserung der Gesundheit der kenianischen Bevölkerung“.

Im Februar 2026 trat Kenia zudem einem globalen Programm der WHO und des Medicines Patent Pool (MPP) bei, das es dem Land ermöglichen wird, eigene Impfstoffe vor Ort herzustellen und so die Abhängigkeit von importierten Gesundheitsprodukten zu verringern. Die WHO unterstütze Kenia und seine Partner dabei, die Gesundheitssouveränität zu stärken und die Region widerstandsfähiger zu machen, so Edwin Kojo Ogara, technischer Leiter der WHO Kenia für Arzneimittel.

Nach unserer Anfrage zu den Videos ergänzte der Kanalbetreiber von „nature.pure.content“ in den Beitragstexten der Videos einen Hinweis darauf, dass das Video die Position des Redners Wahome Ngare wiedergebe, der Beitrag der „Dokumentation und Diskussion“ diene und ein offizieller Austritt Kenias aus der WHO derzeit nicht bestätigt sei.

Katholische Ärzte stellten Falschbehauptung zu Tetanus-Impfungen in Kenia auf

Und was hat es mit den Behauptungen über die Tetanusimpfung auf sich, die Ngare selbst in der Rede aufstellt?

Auch im Beitragstext des viralen Instagram-Videos von „nature.pure.content“ werden diese wiederholt: 2014/2015 habe die WHO bei einer Tetanus-Impfkampagne in Kenia den Impfstoff mit dem Hormon hCG kombiniert. Infolge der Impfung hätten Frauen Antikörper gegen ihr eigenes Schwangerschaftshormon gebildet und seien unfruchtbar geworden. Es gebe Studien, die das bestätigen.

Einen Link zu einer angeblichen Studie zur Tetanus-Impfung gibt „nature.pure.content“ auf Telegram an. Als einer der Autoren des wissenschaftlichen Artikels (bei Telegram fälschlich als Studie bezeichnet) mit dem Titel „HCG Found in WHO Tetanus Vaccine in Kenya Raises Concern in the Developing World“ ist Wahome Ngare selbst aufgeführt.

Mit diesem Artikel von 2017 haben wir uns bereits in mehreren Faktenchecks beschäftigt. Im Artikel wird auf eine Untersuchung katholischer Ärzte verwiesen, die 2014 in Kenia sechs Impfstoff-Ampullen der damaligen Impfkampagne der WHO „sichergestellt“ hätten – auch Ngare sprach darüber schon 2014

Keine belastbaren Belege für behauptete Sterilisation durch den Tetanus-Impfstoff

Labore hätten die Ampullen getestet und bei dreien das Schwangerschafts-Hormon Beta-hCG (humanes Choriongonadotropin) nachgewiesen, das in Kombination mit dem Tetanus-Impfstoff unfruchtbar machen könne. In dem wissenschaftlichen Artikel ist nicht die Rede davon, dass tatsächlich Frauen in Kenia unfruchtbar wurden; eine Untersuchung der geimpften Frauen wurde nicht durchgeführt.

Zwei der an den Untersuchungen teilnehmenden Labore gaben im Nachgang an, unpassende Testmethoden angewendet zu haben, da ihnen die Proben als menschliches Gewebe und nicht als Impfstoffe vorgelegt worden seien. Zudem seien Proben kontaminiert gewesen.

Das kenianische Gesundheitsministerium widersprach 2017 den Anschuldigungen der katholischen Ärzte in einer Pressemitteilung. Man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es habe festgestellt, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 2016 und 2017 seien weitere erfolgreiche Impfkampagnen durchgeführt worden.

Erfolgreiche Tetanus-Bekämpfung in Kenia

In einer Pressemitteilung schrieben die WHO und Unicef 2014, man sei besorgt über die Misinformation. Der Tetanus-Impfstoff sei sicher und bereits in 52 Ländern im Einsatz.
Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) schrieb in einer Pressemitteilung: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das belegen. Wir wissen von keinen solchen Daten.“

Im Jahr 2019 bestätigte die WHO das Erreichen des Status der Eliminierung von mütterlichem und neonatalem Tetanus (MNTE) in Kenia. Konkret bedeutet das eine Reduzierung der Neugeborenen-Tetanus-Inzidenz auf unter einen Fall pro 1.000 Lebendgeburten pro Jahr in jedem Bezirk.

Die Africa Infodemic Response Alliance, ein Netzwerk von Organisationen und Faktencheckern, publizierte nach der Konferenz in Uganda im Jahr 2024 einen ausführlichen Bericht, in dem sie weitere falsche Behauptungen zu Impfungen aus Ngares langer Rede bei der Konferenz in Uganda widerlegte.

Wahome Ngare antwortete nicht auf eine Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck.

Redigatur: Gabriele Scherndl, Paulina Thom

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Rede von Wahome Ngare bei der „Inter-Parliamentary Conference on Family Values and Sovereignty“,  02. Juni 2024: Link (Englisch, archiviert)
  • Liste der Mitgliedsländer der WHO, Stand 10. März 2026: Link (Englisch, archiviert)
  • Pressemeldung des kenianischen Gesundheitsministeriums, 12. September 2017: Link (Englisch, archiviert)