Faktencheck

„Ärzte für Aufklärung“ stellen unbelegte und falsche Behauptungen über Impfungen in Indien und Afrika auf

Die Initiative „Ärzte für Aufklärung“ setzt sich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung ein – und gegen Impfungen. Vier Fälle schildern die Autoren auf ihrer Webseite, über angeblich gefährliche Impfungen gegen Polio, HPV, Tetanus und DTP. Drei der Beispiele führen in die Irre.  

von Alice Echtermann

Impfen Symbolbild
Seit Jahren werden mit Schilderungen über angeblich tödliche Impfungen in Indien und Afrika Ängste geschürt. Allerdings sind viele der Behauptungen falsch. (Symbolbild: Olaf Krüger / imageBroker / picture alliance)
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Größtenteils falsch. Bei den vier Beispielen, die „Ärzte für Aufklärung“ schildert, sind die Bedenken gegen Impfungen nur in einem Fall richtig. Die anderen Behauptungen sind unbelegt oder falsch. 

Auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ wird Stimmung gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus und Impfungen gemacht. Vier Beispiele werden dort genannt, die offenbar zeigen sollen, dass Impfungen gefährlich seien. Darüber steht als Überschrift „Niemand hat die Absicht, eine Corona-Zwangsimpfung durchzuführen“. Der Beitrag wurde laut dem Analysetool Crowdtangle von mehreren Facebook-Gruppen und -Seiten geteilt, unter anderem am 25. Mai in der Gruppe „Corona-Rebellen“ veröffentlicht. 

Die vier geschilderten Fälle haben jedoch nichts mit dem Coronavirus zu tun, sie sind schon älter und beschäftigen sich mit Impfungen gegen Polio, HPV (Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen können), Tetanus und die Kombination DTP (Diphterie, Tetanus und Keuchhusten). Wir haben die Behauptungen bereits für einen anderen Faktencheck recherchiert und gehen hier noch einmal einzeln darauf ein.

1. Fall: In Kenia habe es 2013/2014 mit einem Tetanus-Impfstoff eine „heimliche Impfung gegen Schwangerschaft“ gegeben

Im Text auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ heißt es, die WHO und Unicef hätten „vorgegeben“, Frauen und Mädchen in Kenia gegen Tetanus impfen zu wollen. Männer und Jungen seien nicht geimpft worden. Dann sei ans Licht gekommen, dass den Impfstoffampullen heimlich ein Schwangerschaftshormon hinzugefügt worden sei, durch das die Frauen unfruchtbar wurden. 


Ärzte und die katholische Kirche in Kenia hätten Proben untersuchen lassen und darin das Hormon Beta-HCG gefunden. „Diese uninformierten Frauen können keine Kinder bekommen und wissen nicht warum. Eine soziale Katastrophe, ein Jahrhundert-Verbrechen“, behauptet „Ärzte für Aufklärung“. Die WHO und Unicef hätten wegen dieser Vorfälle dann „lautlos“ die Impfaktion abgebrochen.

Die Behauptungen sind falsch. 

Als Quellen werden von „Ärzte für Aufklärung“ ein Statement der Kenya Conference of Catholic Bishops (KCCB) von 2015 genannt, und ein wissenschaftlicher Artikel, der 2017 veröffentlicht wurde. 

In dem wissenschaftlichen Text heißt es, katholische Ärzte hätten in Kenia sechs Impfstoff-Ampullen „sichergestellt“ und bei dreien das Hormon HCG nachgewiesen. Nachdem sie ihre Kritik äußerten, wurden 52 weitere Ampullen im Rahmen einer offiziellen Untersuchung analysiert – mit negativem Ergebnis. Die Autoren schreiben, die WHO habe „behauptet“, diese 52 Ampullen seien für den Impfstoff genutzt worden und deuten damit an, dass dem nicht so war. Sie nennen für diese Unterstellung aber keine Belege. 

In dem Artikel ist zudem nicht die Rede davon, dass tatsächlich Frauen in Kenia unfruchtbar wurden; eine Untersuchung der geimpften Frauen wurde nicht durchgeführt. Einer der Autoren des Artikels ist selbst Mitglied der Kenya Catholic Doctors Association. 

Laborleiter: Untersuchungen im Auftrag der Kirche waren fehlerhaft

Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten bereits 2014 zwei der Labore, die die katholischen Ärzte mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt hatten, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. 

Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily 2017: Die ersten Proben seien kontaminiert gewesen, die Testmethode sei falsch und das Ergebnis daher nicht zuverlässig gewesen. 

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprechen der Behauptung

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade. Alle Menschen könnten Tetanus bekommen, doch es sei besonders gefährlich bei neugeborenen Babys. Die Infektion könne verhindert werden, indem man Frauen im gebärfähigen Alter gegen Tetanus impfe. Die Impfung schütze durch den Transfer der Antikörper auch das Kind. 

Auch das kenianische Gesundheitsministerium widersprach den Anschuldigungen in einer Pressemitteilung 2017. Man habe nach den Vorwürfen der Kenya Conference of Catholic Bishops (KCCB) ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. In dem Komitee seien das Gesundheitsministerium, Academia (eine Plattform für Wissenschaftler in Kenia) und Vertreter der KCCB vertreten gewesen. Es habe Impfstoff-Proben gesammelt, sie untersuchen lassen und festgestellt, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Nach anschließenden Treffen zwischen dem Ministerium und dem KCCB seien die Tetanus-Impfstoffen für unbedenklich befunden worden, und es seien weitere erfolgreiche Impfkampagnen 2016 und 2017 durchgeführt worden. Die Behauptungen weiterhin zu verbreiten sei „fahrlässig und irreführend“, so das Ministerium. 

Behauptungen sind viele Jahre alt

Auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) schrieb in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ 

Matercare merkt außerdem an, die Vorwürfe in Kenia seien fast identisch mit Behauptungen, die Mitte der 1990er Jahre in den Philippinen, Mexiko, Peru, Nicaragua und Tansania kursierten. „Es scheint, als sei hier eine unglückliche Wiederverwertung falscher Informationen geschehen.“

Die WHO erwähnte diese Anschuldigungen von Abtreibungsgegnern verschiedener Länder ebenfalls in einem Bericht von 1996. Und stellte schon damals klar: „Die WHO und Unicef haben klargestellt, dass sie strikt gegen die Kombination von irgendeinem Impfstoff mit einem Anti-Fruchtbarkeits-Impfstoff sind.“ (PDF, Seite 60).

2. Fall: Durch das orale Polio-Impfprogramm in Indien seien zwischen 2000 und 2017 500.000 gelähmte Kinder „produziert“ worden

Auf der Webseite von „Ärzte für Aufklärung“ steht: „Es wurde das orale Polio-Impfprogramm (Schluckimpfung Kinderlähmung) für Kinder zwischen 2000 und 2017 untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass es signifikant zu stark vermehrt Nicht-Polio-Assoziierten schlaffen Lähmungen (NPAFP) bei Kindern kam. Über diese Jahre wurden somit 500.000 gelähmte Kinder ‘produziert’.“ Das Programm der Bill & Melinda Gates Stiftung sei daraufhin von indischen Ärzten beendet worden.

Für die Behauptung, es gebe einen Zusammenhang zwischen Polio-Impfungen und Lähmungen ohne Polio-Nachweis (NPAFP), gibt es keine Belege. Dass das Impfprogramm wegen gelähmter Kinder beendet wurde, ist falsch.

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmungen führt. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, der mindestens dreimal verabreicht wird.

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 Fälle im Jahr 2019. 

Impfstoff-Viren können in seltenen Fällen selbst zum Problem werden

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus (cVDPV)“.

Die Fallzahlen sind gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es dieses Jahr weltweit 61 Fälle wilder Polio und 134 Fälle von Impfstoff-Polio. 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen auch, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). Dies bestätigte die WHO auch auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail. 

„Korrelation“ von Impfungen und Lähmungen? 

Als Quelle für die Zahl von „500.000 gelähmten Kindern“ nennt „Ärzte für Aufklärung“ eine Studie von August 2018. Darin geht es um 640.000 Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). Die Wissenschaftler merken an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen („Korrelation“). 

Die Autoren stellen die Frage, ob die Polio-Impfung vielleicht anfällig für andere Enteroviren machen könnte. Für einen Nachweis eines kausalen Zusammenhangs seien aber mehr Studien nötig. Man kann die Zahl 491.000 also nicht einfach Impfungen zuschreiben.

Tatsächlich zeigt das Datenportal der WHO einen Anstieg der registrierten AFP-Fälle von 2000 bis 2012. Der WHO zufolge ist diese Entwicklung auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. Acute Flaccid Paralysis (AFP) sei ein Symptom und könne verschiedene Ursachen haben, teilte die Pressestelle uns per E-Mail mit. 

Registrierte AFP-Fälle werden auf Polio und Impfstoff-Polio untersucht

AFP-Fälle werden in Indien seit dem Jahr 1997 systematisch erfasst und sind definiert als Lähmung mit unbekannter Ursache bei einem Kind unter 15 Jahren oder Lähmung bei einer älteren Person, bei der ein Verdacht auf Polio besteht (PDF, Seite 12). Wird ein Fall registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). 

So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative: Die AFP-Fälle werden im Labor auf wilde Polioviren, Sabin-Polioviren (aus dem oralen Polioimpfstoff) und vaccine-derived poliovirus (VDPV) untersucht. Laut einer 2017 im Journal International Health veröffentlichten WHO-Studie werden in Indien zusätzlich zu den Stuhlproben auch Umweltproben genommen und auf die verschiedenen Arten von Polio untersucht. 

In einem Papier des WHO-Büros für Indien heißt es, in den Jahren 2012 bis 2014 seien jeweils mehr als 50.000 AFP-Fälle in Indien untersucht worden. „Nicht ein einziger AFP-Fall wurde positiv auf Polio getestet […].“

Mögliche andere Ursachen von Lähmungen könnten laut Polio Eradication Initiative ein Trauma, eine Infektion mit anderen Enteroviren oder ein Schlangenbiss sein. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schreibt uns die WHO per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten  Fälle in Indien zurückzuführen.

Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV
Auszug aus der E-Mail der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

3. Fall: Eine Untersuchung von DTP-Impfungen bei 6 bis 36 Monate alten Kindern in Guinea-Bissau habe gezeigt, dass die Sterblichkeit signifikant erhöht war

Die Behauptung ist größtenteils richtig; es gibt diese Untersuchung und ihre Ergebnisse werden korrekt wiedergegeben. Als Quelle nennt „Ärzte für Aufklärung“ eine 2018 veröffentlichte Studie, die sich mit dem Einsatz von DTP-Impfstoffen und oralen Polio-Impfstoffen in einer urbanen Gesellschaft in Guinea-Bissau in den frühen 1980er-Jahren befasst. DTP steht für Diphtherie, Tetanus und Pertussis (Keuchhusten). Das Ergebnis: Die gegen DTP geimpften Kinder im Alter zwischen 6 und 36 Monaten hatten tatsächlich eine höhere Sterblichkeitsrate (all-cause mortality) als ungeimpfte Kinder. 

Es gibt mehrere Studien über Guinea-Bissau, die zu diesem Ergebnis kommen, allerdings geht es nicht um direkte Folgen der Impfung, sondern mögliche Langzeitauswirkungen. Die erste Studie wurde 2000 veröffentlicht. Ihr zufolge war die Sterblichkeitsrate geimpfter Kinder insgesamt zwar niedriger als die von ungeimpften Kindern. Bei denen, die eine Dosis Impfstoff gegen DTP oder Polio erhielten, sei sie jedoch erhöht gewesen. 

Die WHO schrieb dazu 2002 in einem Statement: „Eine Analyse der WHO-finanzierten Studien ist nun abgeschlossen. Alle Studien zeigen reduzierte Sterblichkeitsraten bei geimpften Kindern. Insbesondere zeigten die Studien keinen negativen Effekt des DTP-Impfstoffes […].“ Eine Arbeitsgruppe der WHO Strategic Advisory Group of Experts (SAGE) sollte 2014 die Bedenken untersuchen und kam zu dem Schluss, die Studien lieferten nicht genügend Belege und hätten methodische Grenzen. Die meisten seien zum Beispiel in Gegenden durchgeführt worden, in denen Impfstoffe gegen Keuchhusten seit Jahrzehnten im Einsatz seien, diese Krankheit also nicht mehr so stark zirkuliere. Außerdem sei die DTP-Impfung oft zusammen mit einer Polioimpfung verabreicht worden, was es schwer mache, ihren einzelnen Einfluss zu beurteilen (Seite 6 bis 8).

2017 wurde eine weitere Studie zu diesem Thema veröffentlicht, ebenfalls mit dem Ergebnis, dass die Sterblichkeit erhöht war. Die Autoren schlussfolgerten, dass die Impfung die Kinder zwar vor den drei genannten Krankheiten schütze, aber sie womöglich anfälliger für andere Infektionen mache. Die Studie widerspricht auch explizit den Einwänden der Arbeitsgruppe von 2014. Die Frage nach den Auswirkungen der DTP-Impfung auf die Gesamtmortalität ist also weiter Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. 

4. Fall: Bill Gates werde verklagt. Im Zusammenhang mit HPV-Impfungen sei es zu „an die 50 Todesfällen“ unter geimpften Mädchen gekommen. Die Geimpften seien nicht über mögliche Folgen aufgeklärt worden.

Die Behauptung, Bill Gates werde verklagt, ist teilweise falsch. Die Angabe von 50 Todesfällen ist falsch. Richtig ist, dass es in Indien Kritik an der Durchführung einer Studie mit HPV-Impfungen vor zehn Jahren gab. 

HPV steht für Humane Papillomviren. Sie können Krebs, insbesondere Gebärmutterhalskrebs bei Frauen, auslösen. In Deutschland wird die Impfung seit 2007 für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen, und seit 2018 auch für Jungen. 

Bis April 2010 wurden an zwei Orten in Indien im Rahmen einer Studie 23.500 Mädchen von der Organisation „Path“ gegen HPV geimpft. Die Impfstoffe wurden laut „Path“ von Pharmakonzernen gespendet. Das globale Projekt für HPV-Impfungen wurde von der Bill & Melinda Gates Stiftung unterstützt (PDF, Seite 4). 2010 wurde die Studie von der indischen Regierung vorsorglich gestoppt, aufgrund von Medienberichten über mögliche Nebenwirkungen. 

Ein Untersuchungskomitee veröffentlichte 2011 einen Bericht zu dem Fall. Das Dokument ist nicht mehr online, wird aber in einem zweiten Bericht des indischen Parlaments von 2013 zitiert, der von „Ärzte für Aufklärung“ auch als Quelle angegeben wird. Darin ist zu lesen, dass es um sieben Todesfälle ging – nicht 50. 

Untersuchung: Die sieben Todesfälle hatten keine Verbindung zu Impfung

Eine Untersuchung kam 2011 zu dem Schluss, dass die Fälle keine nachweisbare Verbindung zu der Impfung hatten. Drei seien innerhalb von 30 Tagen nach der letzten Impfdosis erfolgt, vier erst später (zwischen 45 und 97 Tage danach). Bei den ersten drei Fällen sei ein Fieber unbekannter Ursache aufgetreten, das auch mit Malaria oder einem Schlangenbiss in Verbindung stehen könne. Bei zwei anderen Mädchen sei Gift im Magen nachgewiesen worden, eines sei ertrunken und eines nach einer Krankheit von nur wenigen Stunden gestorben. Es gebe kein gemeinsames Muster der Fälle (PDF, Seite 38-39). 

Der zweite Bericht von 2013 kritisierte jedoch die erste Untersuchung; es sei zum Beispiel nicht untersucht worden, ob es eine Verbindung zwischen HPV-Impfungen und Suiziden geben könnte (PDF, Seite 6). Für diese Spekulation gibt es aber keine Belege. 

Es gibt keine Klage gegen Bill Gates, aber gegen die Organisation „Path“ und den indische Staat

Insgesamt wurde die Durchführung der Studie von „Path“ in dem zweiten Untersuchungsbericht scharf kritisiert. Es habe nicht genügend Kontrollen gegeben und die Eltern der Mädchen seien nicht ausreichend informiert worden (PDF, Seite 20-24). Über diese Kritik berichtete auch das Magazin Science.

Deshalb gibt es auch ein laufendes Verfahren vor dem indischen Supreme Court, eine sogenannte Rechtsstreitigkeit von öffentlichem Interesse (Public Interest Litigation). Wir fanden den Fall in der Datenbank auf der Webseite des Supreme Court; er ist offenbar seit Jahren offen („Writ Petition“, Fallnummer 558, Jahr 2012). Die Petition stammt von drei Frauen-Organisationen. Sie richtet sich unter anderem gegen die indische Regierung beziehungsweise das Gesundheitsministerium, einige indischen Bundesstaaten, die Organisation „Path“ und den Pharmakonzern Glaxosmithkline. Also lediglich indirekt gegen Bill Gates, der die Studie mit finanzierte. 

Screenshot aus der Datenbank des Supreme Court
Der Screenshot aus der Datenbank des Supreme Court zeigt, gegen wen sich die Klage richtet. Bill Gates ist nicht dabei. (Screenshot: CORRECTIV)

Den Inhalt der Petition konnte CORRECTIV nicht einsehen, doch auf der Webseite des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) steht, es gehe darum, dass die Betroffenen nicht ausreichend informiert worden seien, um freiwillig der Impfung zustimmen zu können, und um mangelhafte medizinische Überwachung. Dem ECCHR zufolge wurden als Folge der Rechtsstreitigkeit vor dem Supreme Court bereits einige Gesetze zu klinischen Studien in Indien geändert. 

Wer steckt hinter „Ärzte für Aufklärung“?

Die Betreiber der Webseite „Ärzte für Aufklärung“ sind vier Hamburger Ärzte: Walter Weber, Heiko Schöning, Marc Fiddike und Olav Müller-Liebenau. 

Walter Weber ist nach eigenen Angaben auf dem Gebiet der Psychosomatik und Krebstherapie tätig und vertritt eine Theorie, nach der Gesundheit vor allem von der „Harmonie von Körper und Seele“ abhängt. Marc Fiddike ist nach eigenen Angaben Hausarzt und Homöopath, und auch Olav Müller-Liebenau ist laut Einträgen in Ärzte-Datenbanken praktischer Arzt, spezialisiert auf Naturheilverfahren.

Heiko Schöning trat laut Medienberichten auf Demonstrationen von Gegnern der Corona-Maßnahmen auf und stellte das Coronavirus auf seiner Webseite in einen Zusammenhang mit „Bioterror“. Zudem sagte er kürzlich in einem Youtube-Video, der PCR-Test liefere zu 80 Prozent falsch-positive Ergebnisse – eine falsche Behauptung, wie unser Faktencheck zeigte





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