Umweltverbrechen in NRW

Die Müllberge von Gelsenkirchen: Drehkreuz illegaler Entsorgung

Vor ein paar Wochen haben wir über eine illegale Deponie in Gelsenkirchen berichtet. Recherchen von CORRECTIV zeigen jetzt: Dort wurde nicht nur abgekippt. Der Standort war auch ein Drehkreuz, um Abfälle andernorts illegal zu beseitigen.

von Michael Billig

Illegale Deponie GE
Kriminelle Geschäfte: Über mehrere Jahre hat die Firma Becker Müll illegal auf einer Deponie entsorgt, die sie eigentlich sanieren sollte. Credit: CORRECTIV / Design: Mohamed Anwar

Eine gigantische illegale Deponie am Hafen Grimberg in Gelsenkirchen sorgt seit Jahren im Ruhrgebiet für Streit. Der Müll stammt teilweise von kommunalen Betrieben, wie CORRECTIV Mitte Februar aufgedeckt hat. Wegen Asche aus einer Müllverbrennungsanlage, die sich dort auftürmt, liegen die Konzerne RWE und Remondis im Clinch um die Entsorgung.

Ursprünglich war die Unternehmensgruppe Becker aus Bottrop dafür verantwortlich, den gesamten Müll zu verwerten. Becker geriet bereits 2011 wegen eines anderen Müllskandals in die Schlagzeilen. Recherchen von CORRECTIV zeigen nun: Zwischen dem Fall von damals und den Abfallbergen von heute besteht eine Verbindung: der Standort am Hafen Grimberg. Verschiedene Firmen von Becker betrieben dort zwei Anlagen zur Verarbeitung des Mülls.

Ermittlungsakten und Strafbefehle, die CORRECTIV zu dem früheren Fall vorliegen, belegen: Die Anlagen am Hafen dienten auch als Umschlagplatz und Drehkreuz, um Abfälle anderswo illegal zu entsorgen – auf einer Deponie, die eine weitere Firma Beckers eigentlich sanieren sollte.

Eine Anfrage bei der seinerzeit zuständigen Ermittlungsbehörde zeigt außerdem: Ein Millionen-Bußgeld, das die Heinrich Becker GmbH im Jahr 2012 wegen dieses Skandals auferlegt bekam, haben die Verantwortlichen des Unternehmens bis heute nicht vollständig bezahlt.

Wer war die Unternehmensgruppe Becker?

Die Unternehmensgruppe Becker aus Bottrop befand sich in Familienhand. Unter dem Namen „Becker Umweltschutz“ war sie im Ruhrgebiet weit bekannt. Nicht nur Kommunen, auch Konzerne wie die Ruhrkohle AG (später RAG Aktiengesellschaft) und Thyssenkrupp nahmen ihre Dienste in Anspruch.

Neben der Entsorgung war Becker in den Bereichen Abriss und Sanierung tätig: die Königsgalerie in Duisburg, die Sparkasse in Gladbeck, der Bahnhof in Lüdenscheid, das alte Gaswerk in Hamm – eine Liste aller Becker-Projekte dürfte mehrere Seiten füllen.

Bekanntheit erlangte die Becker-Gruppe auch für ihr Engagement im Fußball. Sie finanzierte den Aufstieg eines Oberhausener Stadtteil-Vereins bis an die Spitze der Oberliga. Besondere Verbindungen bestanden offenbar auch zu Schalke 04. 2001 waren die Knappen zu einem Freundschaftsspiel bei dem Oberliga-Verein zu Gast. Gerhard Rehberg, von 1994 bis 2007 Vorstandsvorsitzender von Schalke, soll öfter am Firmensitz in Bottrop zu Besuch gewesen sein.

All das ist lange her. Heute sind die meisten Becker-Firmen pleite, ihre früheren Chefs haben das Renteneintrittsalter deutlich überschritten. Der Fußballverein in Oberhausen ist in die Kreisliga abgerutscht. Der Schriftzug „Becker Umweltschutz“, der noch immer auf der Anzeigetafel im Stadion prangt, verblasst. Die Spuren der Unternehmensgruppe verschwinden – wären da nicht die gigantischen Müllberge in Gelsenkirchen.

Der Auftrag: eine Altlast von Thyssenkrupp

Rückblick: Von 2006 bis 2010 sollte die Firma Heinrich Becker die Deponie Pluto sanieren, eine Altlast von Thyssenkrupp in Herne. Sie befindet sich wenige Kilometer südlich vom Hafen Grimberg und ist heute als „Landschaftsbauwerk“ für die Öffentlichkeit zugänglich.

Was wohl zunehmend in Vergessenheit gerät: Unter den mittlerweile begrünten Hügeln lagern giftige Abfälle aus der Stahlproduktion des vorherigen Jahrhunderts: sogenannte Gichtgasschlämme, ein Staub-Wasser-Gemisch, das bei der Reinigung der Hochöfen von Thyssenkrupp anfiel. Belastet mit hoch-toxischen Cyaniden. Das Grundwasser in der Umgebung ist heute noch kontaminiert.

Auf dem Weg zur Schlamm-Deponie. Foto: Michael Billig

Thyssenkrupp hatte die Heinrich Becker GmbH beauftragt, die Schlamm-Deponie abzudecken. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass weiter Regenwasser eindringt und Gifte ausspült. Als Abdeckmaterial war unter anderem die Asche aus der Müllverbrennung zugelassen. So konnte Becker hunderttausende Tonnen davon verwerten – ganz legal.

Illegaler Müll unter Asche versteckt

Unter der Asche jedoch hatte Becker noch anderen Müll auf der Deponie verscharrt –  Material, das nicht erlaubt war: alte Gartenmöbel aus Plastik, ausgediente Autoreifen, Batterien, Gips-Müll, Abfall aus Gießereien, mutmaßlich auch Tankstellen-Boden. So steht es in einem Gutachten, das die Stadt Herne damals beauftragt hatte. Es liegt CORRECTIV vor. „Ab 2 m Tiefe starker Benzol- und Teeröl-Geruch“ heißt es darin zu Grabungen, die nach anonymen Hinweisen durchgeführt wurden. „Das war ein Chaos an Materialien“, erinnert sich im Gespräch mit CORRECTIV ein Experte, der bei den Untersuchungen auf der Deponie dabei war.

Deponie Pluto: Unter Bäumen und Büschen schlummern Gifte und illegaler Müll. Foto: Michael Billig

Trotz des „Chaos“ verblieb der illegale Müll auf der Deponie. Die Stadt Herne drängte vielmehr auf den Abschluss der Sanierung. Das ist einer E-Mail von 2011 an das nordrhein-westfälische Umweltministerium zu entnehmen, die CORRECTIV ebenfalls vorliegt. Darin warnte die Umweltbehörde der Stadt vor dem „hohen Gefährdungspotenzial“ der Schlamm-Deponie für das Grundwasser. Eine Verunreinigung sei bereits eingetreten.

Die Gefahr, die von der Altlast ausging, war offenbar größer als der Schaden durch den illegalen Müll. Das schmutzige Geschäft hatte dennoch Konsequenzen: Im Jahr 2012 verurteilte das Amtsgericht Herne-Wanne fünf Becker-Mitarbeiter zu Gefängnisstrafen zwischen drei Monaten und einem Jahr. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Hintergründe im Dunkeln – bis jetzt

Eine öffentliche Gerichtsverhandlung hatte es damals aber nicht gegeben. So blieben die Hintergründe und das Ausmaß der illegalen Entsorgung im Dunkeln. Bis jetzt.

Die Strafbefehle von damals, die CORRECTIV heute vorliegen, zeigen: Unter den Verurteilten waren die beiden Firmenchefs. Sie sollen die illegale Entsorgung von insgesamt rund 270.000 Tonnen Müll auf der Schlamm-Deponie veranlasst haben.

In den Entscheidungen des Amtsgerichts heißt es weiter, dass „ein Großteil des Materials“ über die Anlage im Hafen Grimberg gelaufen sei. So wurden auch der Betriebsleiter der Anlage und sein Stellvertreter verurteilt.

Der fünfte Becker-Mann wurde belangt, weil er Wiegescheine fingiert haben soll – über „einen an die Waage in Grimberg angeschlossenen Computer“. Die Verurteilten mussten als Bewährungsauflage jeweils zwischen 30.000 und 200.000 Euro an die Staatskasse zahlen.

So sieht es auf der Anlage am Hafen Grimberg heute aus. Credit: CORRECTIV

2,5 Millionen Euro Bußgeld – nur „teilweise“ bezahlt

Teuer wurde es auch für das verantwortliche Unternehmen Beckers. Das Gericht brummte ihm mit Beschluss vom 12. Juli 2012 ein Bußgeld in Höhe von 2,5 Millionen Euro auf. Damit sollte vor allem der wirtschaftliche Vorteil, den die Firma durch die illegale Entsorgung erlangt hatte, abgeschöpft werden.
Das Geld hat Becker aber bis heute nur „teilweise“ bezahlt, wie die Staatsanwaltschaft Bochum auf Anfrage von CORRECTIV berichtet. Einzelheiten, etwa zur Höhe der bisher geleisteten Zahlung, gibt die Strafverfolgungsbehörde nicht preis.

Auch Becker äußerte sich auf Anfrage von CORRECTIV nicht – weder zu dem Bußgeld noch zu den Vergehen bei der Sanierung der Schlamm-Deponie Pluto.

Als wäre nichts geschehen

Trotz der kriminellen Machenschaften blieb die Unternehmensgruppe aus Bottrop weiter im Geschäft. Eine andere Firma Beckers schloss laut Thyssenkrupp die Sanierung der Deponie Pluto ab. Die RAG AG (ehemals Ruhrkohle AG), der das Grundstück im Hafen Grimberg in Gelsenkirchen gehört, hielt am Mietvertrag mit Becker fest. Noch bis Ende 2014 soll Asche aus dem Müllheizkraftwerk Essen-Karnap auf dem Gelände gelandet sein.

Rund 1 Mio. t  Müll lagert auf dem früheren Betriebsgelände von Becker. Die Stadt Gelsenkirchen will die Firmen zur Entsorgung heranziehen, die den Müll einst produziert und angeliefert haben. Unter ihnen sind kommunale Betriebe aus dem Ruhrgebiet. Grafik: Laila Sahin

Kommunale Müllfirmen lieferten auch 2017 noch Schutt und andere Bauabfälle. Die Müllberge seien da schon von Weitem sichtbar gewesen, so berichtete es ein Anwohner. Doch offenbar wollte oder konnte niemand auf die Dienste von Becker verzichten.

Redigatur: Finn Schöneck, Isabel Knippel
Faktencheck: Isabel Knippel