Straftaten-Rückgang in der Kriminalstatistik nicht „vor allem“ wegen Cannabis-Legalisierung
Nachdem Ende April die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik präsentiert wurde, behaupten einige, der Rückgang der Straftaten sei vor allem auf die Legalisierung von Cannabis zurückzuführen. Das stimmt aber nicht.
Nachdem die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für 2025 präsentiert wurde, griffen mehrere Personen in Sozialen Netzwerken einzelne Aspekte daraus auf. In einigen Beiträgen geht es dabei darum, dass die Gesamtkriminalität vor allem deswegen gesunken sei, weil Cannabis teillegalisiert wurde.
So behauptet etwa die AfD in einem Facebook-Beitrag, der Rückgang der Straftaten in der Polizeilichen Kriminalstatistik 2025 gehe „im Wesentlichen auf die Cannabis-Teillegalisierung“ zurück. Ähnliches schreiben auch andere Nutzerinnen und Nutzer und betonen stattdessen einzelne Deliktsgruppen, in denen die Zahlen gestiegen sind. Auch in einem Artikel der Welt wird behauptet: „Der Rückgang hat vor allem einen statistischen Grund: die Teillegalisierung von Cannabis im April 2024.“
Manche versuchen so offenbar, den Rückgang der erfassten Gesamtkriminalität zu relativieren – doch dieser ist nicht „vor allem“ auf die Legalisierung zurückzuführen, sondern nur zu einem geringen Teil.

Ohne Cannabis-Zusammenhang würde die Gesamtkriminalität bei minus 4,7 Prozent liegen
Bei der Präsentation der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) erklärte Innenminister Alexander Dobrindt gleich zu Beginn zwei Mal, dass die Straftaten auch zurückgehen, wenn man den statistischen Effekt durch die Teillegalisierung von Cannabis herausrechnet: Von dem Rückgang von 5,6 Prozent blieben ohne die Straftaten mit Cannabis-Zusammenhang, die im vergangenen Jahr noch teilweise in die Statistik zählten, immer noch 4,7 Prozent.
Die Teillegalisierung trat im April 2024 in Kraft. Entsprechend war die Anzahl der Straftaten in diesem Zusammenhang schon in der Kriminalstatistik von 2024 verringert. Auch das Bundeskriminalamt und das Innenministeriums nennen diesen Zusammenhang explizit: „In den Zahlen schlägt sich die (Teil-) Legalisierung von Cannabis aus 2024 nieder, es ist aber selbst dann noch ein Rückgang vorhanden, wenn Straftaten im Zusammenhang mit Cannabis herausgerechnet werden (-4,7 Prozent).“
Der Rückgang der Straftaten in der Statistik von 2025 setzt einen größeren Trend fort. Seit 2016 stieg die Gesamtzahl der Straftaten nur in zwei Jahren, 2022 und 2023, im Vergleich zum Vorjahr an. 2025 verzeichnete die Polizei mit 5,5 Millionen Straftaten etwa genauso viele, wie 2019.
Neben der Gesamtkriminalität sank auch die Zahl der Tatverdächtigen – sie fließen in die Statistik ein, wenn die Polizei einen Fall an die Staatsanwaltschaft übergibt, man kann also nicht von „Tätern“ oder „Kriminellen“ sprechen. Außerdem verzeichnete die Polizei insbesondere einen Rückgang der Gewaltkriminalität, das erste Mal seit 2021.
Einzelne aufgegriffene Zahlen sind korrekt
So wie andere Nutzer auch greift die AfD in ihrem Beitrag einzelne Deliktgruppen auf, die tatsächlich gestiegen sind. Zum Beispiel sind tatsächlich 2025 8,5 Prozent mehr Fälle von Vergewaltigung angezeigt worden.

Die Zahlen sah Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes bei der Vorstellung der PKS als Hinweis auf eine sogenannte Dunkelfeldaufhellung. Als Dunkelfeld wird der Teil der Kriminalität bezeichnet, der der Polizei unbekannt bleibt. Eine Aufhellung bedeutet also, dass Betroffene, die ohne die gestiegene Sensibilisierung einen Übergriff nicht angezeigt hätten, jetzt eben doch zur Polizei gingen – auch wenn der Vorfall schon länger zurückliegt.
Ebenso verzeichnet die Statistik tatsächlich mehr erfasste Fälle von Mord und Totschlag, wie auch die AfD unter anderem thematisisert: 6,5 Prozent. Das sind 150 Fälle mehr als im Vorjahr.
PKS wird immer wieder missverstanden oder verzerrt
Nichtsdestotrotz sank die in der PKS erfasste Gesamtkriminalität – und zwar nicht nur als statistischer Effekt oder „Kunstgriff“, wie online manche schreiben. Auf unsere Anfrage, weshalb die AfD falsch behauptet, der Rückgang der Kriminalität sei im Wesentlichen der Legalisierung von Cannabis geschuldet, erhielten wir bis zur Veröffentlichung keine Antwort. Auch der Springer-Verlag, zu dem Welt gehört, antwortete uns bis zur Veröffentlichung nicht.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik erscheint jedes Frühjahr und gibt wieder, wie viele und welche Fälle die Polizei der Staatsanwaltschaft übergibt. Es kommt jedes Jahr zu Falschbehauptungen in Zusammenhang mit der PKS. Welche Aspekte beachtet werden müssen, wenn man die PKS korrekt interpretieren will, haben wir in diesem Text geschildert.
Redigatur: Sara Pichireddu, Gabriele Scherndl
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