Mutmaßliche Amokfahrt in Leipzig: Videos von angeblichen Pro-AfD-Demonstrationen sind manipuliert
Online kursieren Videos, in denen von 50.000 Menschen die Rede ist, die nach der mutmaßlichen Amokfahrt in Leipzig für Neuwahlen und die AfD auf die Straße gegangen seien. Das stimmt nicht. Die Videos nutzen altes Bild- und Tonmaterial.
In der Leipziger Innenstadt ist am 4. Mai 2026 ein Mann mit dem Auto in eine Menschenmenge gefahren. Mindestens zwei Personen starben, mehrere wurden schwer verletzt. Wie die Polizei Leipzig mitteilt, handle es sich bei dem Tatverdächtigen um einen 33-Jährigen Deutschen, der unmittelbar danach in seinem Fahrzeug gestellt und festgenommen worden sei.
Keine 24 Stunden später wurden mehrere Videos auf Tiktok verbreitet, die zeigen sollen, wie angeblich 50.000 Menschen für Neuwahlen oder die AfD demonstrieren. Zu hören sind Sprechgesänge, darunter die Parole „Ost, Ost, Ostdeutschland“. Die Videos wurden innerhalb weniger Stunden zusammen mehr als 350.000 Mal angesehen.
Doch die Behauptung ist falsch, Bildmaterial und Tonspur sind aus anderen Kontexten zusammengeschnitten. Am 4. Mai gab es keine Demonstrationen in Leipzig, wie uns die Polizei bestätigte.

Videoaufnahmen zeigen Demonstrationen gegen Rechts in ganz Deutschland
Die Behauptung, 50.000 Menschen seien in Leipzig auf die Straße gegangen, verbreitet ein Tiktok-Account in vier verschiedenen Videos. Drei der vier Videos sind mit dem Datum der mutmaßlichen Amokfahrt, dem 4. Mai 2026, beschriftet und enthalten mehrere blaue Herz-Emojis. Der Account nennt sich „AFD FanClub“ und antwortete bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Anfrage.
Bilder-Rückwärtssuchen mit dem Material aus dem reichweitenstärksten der Videos – es wurde bis zum 5. Mai am Nachmittag mehr als 300.000 Mal angesehen – belegen, dass es sich nicht um Aufnahmen aus Leipzig handelt. Gezeigt werden Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und die AfD in Nürnberg, und eine Veranstaltung auf der Theresienwiese in München. Auch die anderen Tiktok-Videos zeigen Orte außerhalb von Leipzig, etwa bei Demonstrationen gegen Rechtsextremismus in Kassel oder Aufnahmen vom Jungfernstieg in Hamburg, die bereits zuvor für Desinformation genutzt wurden.

Tonspur mit „Ost, Ost, Ostdeutschland“-Rufen bereits früher für Desinformation verwendet
Die Tonspur – der „Ost, Ost, Ostdeutschland“-Gesang – wurde nachträglich hinzugefügt und bereits in der Vergangenheit für Desinformation genutzt. Wie wir in diesem Faktencheck im Januar 2025 recherchierten, handelt es sich bei dem Gesang vermutlich um eine Aufnahme von Fans des Fußball-Vereins Dynamo Dresden.
Dass Dynamo-Fans tatsächlich öfter „Ost, Ost, Ostdeutschland“ skandieren, zeigt eine Google-Suche. Laut Medienberichten fallen einige Fans außerdem immer wieder durch rechte und unter anderem transphobe Einstellungen auf. Unter Dynamo-Fans und von Seiten des Vereins gibt es aber auch Initiativen, die sich gegen Rassismus und andere Formen von Diskriminierung einsetzen.
Weitere Falschbehauptungen nach mutmaßlicher Amokfahrt in Leipzig
In einem der Videos wird außerdem behauptet, es sei ein „linker Syrer“ gewesen, der in Leipzig in die Menschenmenge gefahren war. Das ist ebenfalls falsch. Zu einer ähnlichen Falschbehauptung zu der Identität des Tatverdächtigen haben wir hier recherchiert.
Das Vorgehen, insbesondere Videoaufnahmen von Protesten gegen Rechtsextremismus zu verwenden, mit fremden Tonspuren zu versehen und dann zu behaupten, die Bilder zeigen Pro-AfD-Proteste, ist nicht neu. Bereits im April 2025 wurden sehr ähnliche Videos auf Tiktok und Youtube verbreitet.
Laut der Stadt Leipzig ist für den 5. Mai um 17 Uhr eine Gedenkveranstaltung für die Opfer in der Nikolaikirche geplant. Die Tiktok-Videos erschienen alle vor dieser Veranstaltung.
Mitarbeit: Laura Seime
Redigatur: Paulina Thom, Gabriele Scherndl
CORRECTIV im Postfach
Lesen Sie von Macht und Missbrauch. Aber auch von Menschen und Momenten, die zeigen, dass wir es als Gesellschaft besser können. Täglich im CORRECTIV Spotlight.